Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Adieu Walberberg

Es war einmal ein Dominikanerkloster namens Walberberg. Es erlangte nach dem Zweiten Weltkrieg eine öffentliche, auch politische Bedeutung, die weit über das traditionelle dominikanische Engagement hinausging. Das Kloster liegt – strategisch günstig – zwischen den Städten Bonn und Köln. Jetzt soll es aufge-löst und verkauft werden. Als potentieller Käufer bietet sich naheliegend ein Vergnügungs- und Freizeitpark an, auch eine Seniorenresidenz käme in Frage. Diese Nachricht einer Selbstsäkularisation überrascht heute kaum mehr, sie liegt im Trend einer Zeit, derem Geist oder vielmehr Ungeist sich seit Jahren gerade jene demütig unterworfen haben, die nun besonders laut die Verluste beklagen.

Öffentliche Empörung regt sich freilich nur bei drohendem Arbeitsplatzverlust. Daß dem personellen und finanziellen Debakel, das der Kirche in Deutschland insgesamt droht, ein geistiges, moralisches und vor allem geistliches Desaster vorausging, wird selten erörtert, weil (fast) alle an diesem Niedergang beteiligt waren – und es noch sind. Wer dennoch die Zukunft in einen hoffnungsvollen Blick nehmen will, sollte sich vielleicht zunächst mit einer mehr oder weniger gelungenen Vergangenheit beschäftigen, etwa mit dem Leben von Laurentius Siemer OP, der vor fünfzig Jahren starb.

Mit dem Namen „Walberberg“ verbindet sich vor allem ein Kreis von fünf nam-haften Dominikanern: Laurentius Siemer (1888-1956), Eberhard Welty (1902-1965), Arthur F. Utz (1908-2001), Edgar Nawroth (geb. 1912) und Basilius Streithofen (geb. 1925), die durch zahlreiche Initiativen, Publikationen und Insti-tutionen einige beachtliche Impulse gegeben haben, ohne daß man von einer massenhaften „Bewegung“ hätte sprechen können. Die Walberberger fanden in Siemer ihren tatkräftigen Initiator, in Welty den programmatischen Kopf, in Utz einen überragenden Systematiker, in Nawroth ihren ideologiekritischen Geist und in Streithofen einen öffentlichkeitswirksamen Politikberater. Freilich bilde-ten diese „starken“ Persönlichkeiten keinen homogenen, durch Teamwork oder Gruppendynamik gefestigten Zirkel, auch brachten sie keine gemeinsame „Schu-le“ hervor, sondern gerieten - als ausgeprägte Individualitäten - zuweilen in Konkurrenz zueinander, was ihre Produktivität beflügelt haben mag. Allerdings läßt sich für sie festhalten, daß sie bei allen geistigen und politischen Differenzen und Niveauunterschieden eine gemeinsame Identifikation mit der thomasischen Tradition ihres Ordens pflegten und überdies in Loyalität mit der kirchlichen Soziallehre verbunden waren.

Siemer entstammte einem alt-oldenburgischen Bauerngeschlecht. 1932 wurde er zum Provinzial der deutschen Dominikaner gewählt. Dieses Amt übte er bis 1946 aus, und in dieser Lebensphase gewann sein Wirken politische, wenn nicht gar geschichtliche Bedeutung. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte die Errichtung des Studienhauses in Walberberg. Er veranlaßte die Herausgabe der „Deutschen Thomas-Ausgabe“ und ließ die Werke des Albertus Magnus edieren.

Gegenüber dem nationalsozialistischen Regime zog er einen klaren Trennungs-strich und lehnte Kompromisse ab. Auch innerhalb der Ordensprovinz unterband er streng jede Kollaboration. Willkürmaßnahmen des Regimes, vor allem der Geheimen Staatspolizei, ließen nicht lange auf sich warten. Im Frühjahr 1935 wurde er verhaftet, nach neuneinhalb Monaten Untersuchungshaft vor Gericht gestellt, wegen „Devisenerschleichung“ verurteilt, in einer Revisionsverhand-lung 1936 aber wieder freigesprochen. Siemer hatte Glück, einige andere Domi-nikaner sind im Gefängnis oder Konzentrationslager ums Leben gekommen. Siemers Widerstandsbereitschaft radikalisierte sich zur konsequenten Teilnahme an der organisierten Verschwörung des 20. Juli 1944 gegen den Nazistaat auch deshalb, weil er die Erfahrung machte, wie halbherzig und wirkungslos die Hir-tenbriefe und andere bischöfliche Aktionen geblieben sind. In seinen Memoiren, die nur in purgierter Form veröffentlicht wurden, hat Siemer einige harte, aber zutreffende Urteile über die Feigheit einiger Repräsentanten des damaligen Epis-kopats gefällt. In den Kölner Widerstandskreis hatte Siemer auch seinen Mitbru-der Eberhard Welty hinzugezogen, weil dieser als profilierter Sozialethiker in der Lage war, ein Konzept für die künftige Staats- und Gesellschaftsordnung zu entwerfen, das nach dem Krieg als programmatische Grundlage einer christlich-demokratischen Partei (CDU) dienen konnte.

Für Carl Goerdeler verfaßte Siemer einen Gesetzentwurf zum künftigen Ver-hältnis Kirche-Staat. Das Attentat auf Hitler mißlang jedoch, und Siemer entzog sich der drohenden Verhaftung durch Flucht. Nach der Befreiung durch die Eng-länder schlug Siemer sein Hauptquartier im Kloster Walberberg auf. „Unter Laurentius Siemer ist Walberberg eine Hochburg aller Bestrebungen geworden, die eine Wiedererweckung der christlichen Gesellschaftslehre im Auge haben“, bemerkte Leo Schwering, die treibende Kraft des Kölner CDU-Gründerkreises, der im Juli 1945 in Walberberg sein erstes Programm („Kölner Leitsätze“) ver-abschiedete.

Der eigentlich geistige Kopf dieses Kreises war aber Welty. Von Siemer als Her-ausgeber und Welty als Schriftleiter wurde 1946 die Zeitschrift „Die Neue Ord-nung“ gegründet. Darauf folgte die Gründung des „Instituts für Gesellschafts-wissenschaften Walberberg“. Was dann zum Niedergang des sozialethischen Engagements der Walberberger führte, waren die ideologischen Grabenkämpfe seit den achtundsechziger Jahren. Im Kloster Walberberg spielte sich zwischen Vertretern der kirchlich-thomasischen Sozialtradition und Anhängern der „neu-en“ politischen und Befreiungstheologie ein heftiger unfruchtbarer Streit ab. Die Psycho(patho)logisierung der Theologie kam noch erschwerend hinzu. 1984 mußte das „Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg “ das Kloster Walberberg, das inzwischen sinkende Schiff, verlassen und siedelte sich in Bonn an. Dort befindet sich bis heute auch die Redaktion der „Neuen Ordnung“, die einer großen Tradition verpflichtet ist. Adieu, Kloster Walberberg.

Wolfgang Ockenfels

Inhalt vor