Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Heinrich Basilius Streithofen


Ludolf Herrmann (1936-1986) zur Erinnerung


Hochgewachsen, schlank, wortmächtig, musikalisch begabt, umfassend litera-risch gebildet, humorvoll, hellwach, schlagfertig - das war Ludolf Herrmann. Und mehr noch: ein liebevoller Ehemann und Vater, ein treuer und zuverlässiger Freund. Ein engagierter katholischer Christ. Stark mit der CDU verbunden und einer ihrer geistreichsten Anreger.

Unvergessen, weil folgenreich, ist seine Freundschaft mit dem damaligen CDU-Generalsekretär Bruno Heck. Dieser hatte die Talente des Ludolf Herrmann entdeckt und ihn zu seinem engsten Mitarbeiter gemacht. Zwischen beiden be-stand so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis. Der Verfasser dieses Nachrufes erinnert sich noch gut daran, wie Herrmann mit Bruno Heck und dem damaligen Leiter der politischen Abteilung der CDU-Bundesgeschäftsstelle Karl-Heinz Bilke im Dominikanerkloster Walberberg die Vorstandvorlage für das erste Grundsatzprogamm der CDU erarbeitete. Ein Volkswagenbus brachte damals viele Leitzordner mit den Vorschlägen der Parteigremien. Bei ihrer Sichtung wußte Herrmann souverän die Spreu vom Weizen zu trennen. Fast fünfundneun-zig Prozent der von diesem Team erarbeiteten Grundsätze übernahm der Partei-vorstand und später der CDU-Parteitag.

Für seine Familie und seine Freunde starb er allzu früh. Viele Jahre hatte er mit Scharfsinn, Phantasie und Kenntnis gegen politische Platitüden, gegen die Herr-schaft der Phrase angeschrieben. Seine souveränen Kommentare gegen die Bon-ner Friedensdemonstrationen erregten Aufsehen. Die Zeitgeistverwalter in der Illustrierten „Stern“ - ihr Anführer war der frühere NS-Journalist Henry Nannen - konnten sie nicht ertragen. Ebenso die von der DDR korrumpierten Journalisten in den Medien. Sie verfolgten ihn fanatisch. Ludolf Herrmann bekämpfte tapfer die Großmäuligkeit der linkspolitischen Moralapostel in den Medien. Er sprach und schrieb gegen den Comment der politischen Korrektheit.

Nach einer Tätigkeit im Büro des CDU-Generalsekretärs ging er nach Stuttgart zu der evangelischen Wochenzeitung „Christ und Welt“. Schon bald betrieb er die Verlegung des Blattes nach Bonn und die Zusammenlegung mit der katholi-schen Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Ein später erfolgtes Angebot, Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „Capital“ zu werden, schlug er nicht aus.

Zahlreich und immer noch lesenswert sind seine Beiträge zu politischen, kultu-rellen und wirtschaftlichen Fragen. Eines seiner Lieblingsthemen war die Fami-lie. In der Reihe „Walberberger Gespräche“ setzte er sich kritisch mit den Vor-stellungen der Familie in Kirche und Gesellschaft auseinander.

Die Kirche vertrat seiner Meinung nach weitgehend noch ein Familienbild „nach dem Muster der Romane von Courths-Mahler.“ Gemütswerte hatten den Vorrang vor den „institutionellen Qualitäten“. Das „pastorale Ideal war das der Bigotterie und sexfreien Erotik“. Nach Ludolf Herrmann „bedurfte es geradezu eines revo-lutionären Umdenkens in der Moraltheologie, damit die Ehe endlich nicht nur als Zugeständnis an die menschliche Schwäche und allenfalls als Voraussetzung zur Erzeugung von Priesternachwuchs toleriert wurde.“

Diese Vorstellung von Ehe und Familie wurde „für die Familienpolitik der frü-hen Bundesrepublik leitbildlich“. Eine organische Anpassung an die gewandel-ten Verhältnisse sei künstlich aufgehalten worden.

Bleibend gültig formulierte Ludolf Herrmann in sieben Thesen seine Bewertung der Familie:

1. Der institutionelle Partner der Familie ist der Staat und nicht die Gesellschaft.

2. Es ist das Recht der Eltern, das Erziehungsziel für ihre Kinder zu bestimmen; die Familie ist hier autonom.

3. Eheliches Sorgerecht umfaßt auch und insbesondere die Ermächtigung, für die unmündigen Kinder religiöse und moralische Entscheidungen stellvertretend zu treffen.

4. In der Familie muß nicht nur Partnerschaft verwirklicht werden, sondern auch Autorität.

5. Die Familie hat den Heranwachsenden darauf vorzubereiten, daß ein Leben vor allem durch Pflichterfüllung einen Sinn erhält.

6. Selbstverwirklichung kann allenfalls ein Ideal der Amöbe sein.

7. Familienpolitik darf kein Ableger der Wirtschafts- und Sozialpolitik sein.

Dr. Heinrich Basilius Streithofen OP ist Vorsitzender des „Instituts für Gesell-schaftswissenschaften Walberberg“ in Bonn.

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