Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Hans-Peter Raddatz


Dialog nach Muslimart

Die „offene“ Replik der Imamschaft auf Benedikt XVI.


Vorbemerkung – Variationen über eine Vorlesung

Mehrfach hat der Papst nach seiner Regensburger Vorlesung über Glaube und Vernunft die islamischen Verständnisprobleme bedauert, die sich in Tumulten und Gewalttaten entluden (s. a. den Kommentar d. Verf. in der Oktober-Ausgabe dieser Zeitschrift). Wenig später hat eine Auswahl von 38 weltweit verstreuten Imamen zu diesem Thema Stellung genommen. Dabei sei einem verbreiteten Irrtum vorgebeugt: Ihr Berufsstand ist nicht als „geistlich“ im Sinne geweihter Priester zu verstehen, sondern als Vorbeterfunktion, die für eine geordnete Orga-nisation des Gottesdienstes sorgt.

Bei den 38 Vorbetern handelt es sich eher um eine zweitklassige Auswahl, da die maßgeblichen Zentren der islamischen Gelehrsamkeit – Kairo, Medina, Mekka – nicht vertreten sind. Wie es heißt, wollen sie den Papst „im Geiste des offenen Austauschs“ auf vermeintliche Irrtümer und Fehler in seiner Auffassung von Vernunft im Islam hinweisen. Zur Erinnerung: Als Basis seines Vortrags hatte Benedikt XVI. den Stand des „Dialogs“ zwischen Christentum und Islam ge-wählt, wie er sich aus Sicht der Orthodoxie in Konstantinopel um die Wende zum 15. Jahrhundert darstellte.

Er zitiert Kaiser Manuel II. (gest.1425), der seine Sicht von Glaube und Vernunft im Islam darlegt. Unter dem Eindruck des osmanischen Drucks nimmt der Kai-ser das Verhältnis des Islam zur Gewalt in den Blick: „Zeig mir doch, was Mu-hammad Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten ...“

Die 38 Imame leiten ihre Replik mit dem Koranvers 29/46 ein: „Mit den Schrift-besitzern (Juden und Christen) streitet nur in der anständigsten Weise ...“ Danach heben sie acht Aspekte hervor: Kein Zwang im Glauben – Transzendenz Gottes – Gebrauch der Vernunft – „Heiliger Krieg“ – Zwangskonversion – „Etwas Neu-es“ (in bezug auf Muhammads Umgang mit Gewalt) – die „Experten“ (in Sachen Islam) – Christentum und Islam (unter Betonung ausgewählter Aussagen des Konzils und Johannes Pauls II.).

Wir wollen den „Streit in anständigster Weise“, der im „Geist des offenen Aus-tauschs“ geführt werden soll, aufgreifen und in diesem Sinne das „Manifest der 38“ durch zwei Folien betrachten: die Selbstbilder der islamischen Theologie und des „Dialogs mit dem Islam“, wie er sich im westlichen Diskurs inzwischen als Pflichtübung entwickelt hat.

Ähnlich der islamisierten Vernunft des Schweizer Theologen Hans Küng, die in der letzten Ausgabe vorgestellt wurde, soll auch in diesem Kontext die repräsen-tative Vernunft eines „Dialog“-Spezialisten zu Wort kommen. In besonderem Maße scheint der Jesuitenpater C. Troll geeignet, der seine Vernunft einem zwar einseitigen, aus seiner Sicht jedoch sicherlich „offenen“ und „anständigen“ Dia-log unterstellt hat.

Das Manifest der 38

1. Kein Zwang im Glauben

Die Imamschaft verwirft die Auffassung des Papstes, nach der das koranische „kein Zwang im Glauben“ (2/256) aus der frühen Periode Muhammads, aus einer Zeit der Schwäche stamme. Sie erkläre sich vielmehr aus dem Gegenteil, aus der Stärke der muslimischen Eroberer, die schon nach der Übernahme Medinas auf den Übertritt der Unterworfenen verzichten konnten. Der Koran lehre die Mus-lime ohnehin, gegenüber Andersgläubigen Nachsicht und „Liberalität“ zu üben (18/29; 109,1-6).

Der Anspruch der „Offenheit“ hätte allerdings auch diejenigen Verse einschlie-ßen müssen, die den Geist der „Anständigkeit“ verletzen. Hier geht es zunächst um den koranischen Zwang innerhalb der Religion, der den Abfall vom Glauben mit dem Tode bedroht (3/80ff., 16/108), bestätigt auch vom Verkünder selbst: „Wer seine Religion wechselt, den tötet“ (Ibn Madja, Hudud II, Nasa'i, Tahrim ad-Damm 14, Bukhari, Istitabat al-Murtaddin 2, Tirmidhi, Hudud 25). An die-sem sakrosankten Vorbild besteht nicht der geringste Zweifel: „Gegner des Tö-tens haben keinen Platz im Islam. Unser Prophet tötete mit seinen eigenen ge-segneten Händen“ (Taheri, Morden für Allah, 71).

Die Traditionarier bestätigen die Erlaubnis, das Blut dessen zu vergießen, „der seine Religion verläßt und sich von der Gemeinde trennt“, wobei die Todesart nicht näher definiert ist. Nichts im Islam könnte daher sicherer sein als der Zwang im Glauben. Denn nicht nur auf den Glaubenswechsel, sondern auch die Weigerung zu töten, steht letztlich der Tod (3/19-85, 5/3-93). Also muß es hei-ßen: Es gibt keinen Glauben außer dem Islam – eine manichäische Sicht, die mit den „Schriftbesitzern“ ein besonderes Problem hat. Im Vergleich zu den gänzlich ungläubigen Atheisten und Götzendienern sollen die Juden und Christen einen Sonderstatus einnehmen, den der „Dialog“ als „Toleranz des Islam“ lobt, dabei allerdings die Praxis gänzlich negiert.

Schon der Koran schreibt ihre aggressive Behandlung vor: „Kämpft gegen dieje-nigen der Schriftbesitzer, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und die nicht das verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben und sich nicht zur wahren Religion bekennen, so lange, bis sie ihren Tribut in Demut entrichten“ (9/29; Betonung. v. Verf.). Sowohl die Imame als auch ihre Westhel-fer verschweigen, daß wer den Tribut nicht zahlen kann, zu töten ist, denn „Un-glaube ist schlimmer als Töten“ (2/218).

In den „Schriftbesitzern“ führt die Islamideologie beides – Unglaube und Glau-bensabfall – zusammen. Da der Koran seit ewigen Zeiten besteht, müssen Juden und Christen als „Abtrünnige“ gesehen werden, die in ihren eigenen, illegitimen Schriften das Ur-Wort Allahs verfälscht haben, auf den rechten Glaubenspfad zurückzuführen und bei Uneinsichtigkeit bzw. Zahlungsunfähigkeit als Ungläu-bige zu sehen und zu töten sind. Ein erstes Exempel statuierte Muhammad am Medinenser Judenstamm der Qurayza, deren männliche Mitglieder er – um 800 an der Zahl – enthaupten ließ.

Sie waren in den Verdacht geraten, Verbündete der feindlichen Mekkaner zu sein, und konnten nicht mehr als Menschen gelten, weil sie die Bedingungen der neuen Religion ablehnten. Mit dem benachbarten Christenstamm der Taghlib führte Muhammad dagegen eine Einigung herbei, weil sie fortan den Tribut „demütig“ entrichteten und aufhörten, ihre Kinder zu taufen.

Das Massaker an den Juden von Medina erlangte doppelte Bedeutung: als Trau-ma für das Opfervolk und als Signal für das islamische Daueropfer, den überge-schichtlichen Zwang, die Welt von nichtislamischen Elementen zu befreien. Das unterschiedliche Schicksal der Qurayza und Taghlib hat die Christen zwar nicht vor Gewalt bewahrt; sie durch die Verkünderpraxis jedoch in eine insgesamt etwas bessere Position gebracht.

An der umfassenden Repression der „Schriftbesitzer“, die unter dem Begriff der „Dhimma“ (Schutzvertrag) bekannt ist, hat dies nichts geändert. Sie ist das Er-gebnis der der koranischen Gewaltlizenzen, die sich durch die Abrogation, die Entkräftung aller versöhnlichen Verse, zusätzlich verstärkten. Schon im ersten Jahrhundert nach der Eroberung Nordafrikas sank die Anzahl der dortigen Kir-chen von 150 auf 5 – nicht unbedingt ein Beweis für die „relative Toleranz“, die der moderne „Dialog“ aus der Dhimma-Praxis ableitet, weil die Heiden sofort zu töten sind.

Die Geschichte der Dhimmis, der Juden und Christen im Imperium des Islam, ist die Geschichte eines tausendjährigen Wechselspiels zwischen islamischer Domi-nanz und nichtislamischer Unterwerfung. Dabei fielen die „christlichen“ Eliten durch besonders eifrigen Gehorsam auf, der zum Merkmal der Priester wurde. Bis heute folgen viele von ihnen dem Motto: Je geschmeidiger, desto profitabler (Bat Ye'or, Decline, 128ff.).

2. Die „Transzendenz“ Allahs

Der Papst kennzeichnet das islamische Gottesbild als „absolut transzendent“, was die Imame – ihrerseits vereinfachend – als „vereinfachend“ ablehnen. Sie beziehen sich auf diverse Koranstellen, nach denen Allah als „Licht der Erde und des Himmels“ (24/35) dem Menschen „näher als die Halsschlagader“ ist und ihn allgegenwärtig als das Oben, Unten, Innen und Außen umgibt (57/3f., 2/115). Er ist sozusagen der Gläubige selbst, wenn dieser hört, sieht, greift, geht und sonsti-ge Sinneswahrnehmungen erfährt bzw. Tätigkeiten verrichtet (Bukhari, Sahih, Kitab al-Riqaq, Nr. 6502).

Ebenso lehnen sie des Papstes Einschätzung ab, der zufolge Allahs Wille „an keine unserer Kategorien gebunden ist“. Mit den Kategorien verbinden sich Erkenntnisbegriffe zur Erfassung der Wirklichkeit, die grundlegend für die grie-chische und die gesamte europäische Philosophie, im Islam indes weniger geläu-fig sind. Auf sie wollen oder können die Imame nicht eingehen. Sie meiden die von Benedikt diskutierte Schnittstelle zwischen Bibel und Philosophie und sein Begriffsniveau, auf dem sie erklären müßten, warum es eine vergleichbare Durchdringung des Korans nicht gegeben hat.

Allerdings wird zaghaft die Existenz der Attribute angedeutet, der Merkmale Allahs, die es trotz dessen absoluter Einsheit und Ewigkeit geben soll. Hinzu kommt, daß diese Gottheit zwar – wie Jahwe und Gott – die Welt in sechs Tagen erschuf, sich dann allerdings auf einen Thron setzte und sie fortan in jedem Au-genblick neu schuf (10/3). Die Folge dieser Konstellation müssen die Imame verschweigen. Denn wenn es ewige Attribute gäbe, würde eine damit verbunde-ne Gottheit – unabweisbarer, philosophischer Logik folgend – die Welt nicht nur ständig neu schaffen müssen, sondern dabei ebenso permanent auf Willkür und Gewalt angewiesen sein (Guttmann, Philosophie, 240).

Eine Bestätigung für diesen wichtigen Kontext liefert Geronides (gest. 1344), einer der größten jüdischen Denker des ausgehenden Mittelalters. Seine Verbin-dung von Philosophie und Astronomie hatte großen Einfluß auf das europäische Weltbild, z.B. auch Kopernikus und Kepler (Finkelstein, Jews II, 1399). Aver-roes (gest. 1198), einem der größten Denker des Islam, folgte Gersonides in der Auffassung, daß das Wissen Gottes über jeden Gegensatz erhaben ist, insbeson-dere den, der sich im endlichen Bewußtsein des Menschen zwischen dem allge-meinen und speziellen Wissen aufbaut.

Als oberstes Formprinzip steht Gott über der Materie, die zwar nicht aus ihm abgeleitet werden kann, aber durch Willensakte in die Schöpfung kommt (Gutt-mann, 242). Gott ist höchstes Denken, das das Allgemeine bestimmt, ohne ins Spezielle einzugreifen. Im göttlichen Wissen vom Allgemeinen entsteht die Freiheit des menschlichen Willens zur Gestaltung des Speziellen, die durch jenes Allgemeine begrenzt ist. Daraus folgen Gesetze empirischer Natur, die Gesetzen übernatürlicher, menschlich nicht erkennbarer Art unterworfen sind. Es entsteht ein systematischer Geist, ein „aktiver Intellekt“, der mit dem Erkenntniswillen des Menschen auf das Werden des Weltganzen einwirkt.

Dies jedoch nur im Entwicklungsgang des westlichen Geistes. Gersonides’ Sy¬stem leitet in einen weiteren Schluß über, der für die Beurteilung des orientali-schen Geistes von größter Bedeutung ist. Er betont die logische Unmöglichkeit, daß die Dinge ewig sind und zugleich von Gott bewirkt werden. Um das Unmög-liche zu ermöglichen, muß dieser Gott die Welt – Menschen; Natur, Dinge etc. – ständig neu schaffen, wobei es ungewiß ist, ob und wie sie im Weltganzen wer-den, bestehen oder vergehen.

Im Gegensatz zum Gott der Juden und Christen ist der Allah des Islam ein sol-cher ständig schaffender Gott: Er sagt von sich „ich bin die Zeit“ (Enc.of Isl. II, 95) und bestätigt somit selbst, nicht ewig zu sein, denn die Zeit gibt es nur in der Welt. Indem er zudem den „Islam“ verlangt, die totale Hinwendung zu sich und seiner Dauerschöpfung, schließt er die Abweichung von der Momentkette seiner Fügungen, d.h. den freien Willen und die Entscheidung zwischen Gut und Böse aus. Was im Okzident möglich wurde, nämlich Wissenschaft, die wachsende Gestaltung des speziell Erkennbaren im Rahmen des nicht erkennbaren Allge-meinen, blieb der Erkenntnis-Kategorie des islamischen Orients verschlossen. Die Einbindung des Menschen in die Dauerschöpfung verhinderte ebenso dauer-haft sowohl die Autonomie als auch die Wahrheit.

Allahs Willkürneigung zeichnete sich schon in früher mekkanischer Zeit ab. Denn hier wurden die Weichen für Lüge und Täuschung als Bestandteile des muslimischen Glaubens gestellt: „Die Ungläubigen schmieden Ränke und auch ich (Allah) schmiede Ränke. Gewähre du den Ungläubigen eine Frist, gib ihnen ruhig noch ein wenig Zeit (86/16f.) – Habt ihr, denen das alles zu Bewußtsein gebracht wird, noch die Stirn, mich überlisten zu wollen? Ich vermag viel besse-re Ränke zu schmieden“ (77/39). Damit stimmt auch die Vorstellung vom Koran überein, der als „Tafeln im Himmel“ in bezug auf die Ewigkeit ebenso defekt ist, wie es das Bild von Allah als „bestem Ränkeschmied“ in bezug auf die Wahrheit ist.

Daß menschlicher Herrschaftswille den „Willen Gottes“ zur Machtverteilung zwischen Elite und Masse nutzt, ist nichts Neues; Gersonides’ Leistung war es vielmehr, die Freiheitsdimension des Willens als Teil der Macht selbst bewußt gemacht zu haben. Im Islam macht eine solche „Offenbarung“ auch das „Siegel der Propheten“ verständlich,. Es bedeutet ein unübersteigbares Wissen, sozusa-gen das „Ende der Erkenntnis“, womit allerdings auch jede Forschung versiegelt ist.

Dafür öffnen sich ihm Bereiche des Allgemeinen, des Göttlichen, welche statt der geistigen Erkenntnis die materielle Verfügung über das weltlich Spezielle erweitern. So bedeutet die Muhammad-Prophetie den „verlängerten Arm“ Allahs in der Wirkung auf machtbewußte Menschen, die nach dem Gesetz des Stärksten über den Hebel des „Islam“ die Energie des Glaubens und die Steuerung der Massen erschließen. Dieses charismatische Machtprinzip ist unabhängig von geistigen und moralischen Kategorien und spannt somit ein Spektrum auf, das sich in mystischer Durchdringung, im Machtkomplex der Schariadoktrin bis hin zu volksgläubiger Scharlatanerie ausdrückt, wie sie im Jahrmarktsbetrieb um die Heiligengräber vorkommt.

Anders ausgedrückt: In dem Maße, in dem Wissen und Wille der Eliten aus dem „aktiven Intellekt“ oder auch der „aktiven Schöpfung“ des Islam schöpften, lie-ßen sich Wissen und Wille der Masse nach den Gestirnsbahnen, aber auch nach dem „Gesetz Allahs“, gewissermaßen physikalisch, strukturieren. Es war bewußt geworden, daß Macht nicht nur durch Unterdrückung, sondern auch durch subti-lere Mechanismen möglich wurde. Die dem „aktiven Intellekt“ bzw. der „aktiven Schöpfung“ folgende Elite konnte die Masse nach Regeln beherrschen, die Na-turgesetzen nachgebildet waren. Frühe Impulse hierzu lieferten Alchemie und Esoterik, die der „Dialog“ als das „Erbe der Araber“ rühmt (Raddatz, Allahs Frauen, 230).

In Europa erfuhr dieses Erbe weitere Systematisierung durch den jüdischen Phi-losophen B. Spinoza (gest. 1677), der eine „Ethik nach geometrischer Methode“ entwickelte. I. Kant (gest. 1804) fügte den „kategorischen Imperativ“ hinzu, der gesetzmäßig denkende Menschen und damit potentiell identische Einheiten er-zeugt, die sich wie physikalische Elementarteile gleichschalten lassen – die Basis der modernen Technikgesellschaft. Kein Wunder also, daß sich das pro-islamische Dialogdiktat und die islamische Herrschaftsideologie in unserer Zeit dynamisch verähnlichen können.

Über den spanisch-katholischen Theologen Arnaldez zitiert der Papst den spa-nisch-muslimischen Theologen Ibn Hazm (gest. 1064), der Allah – in Harmonie mit dem Koran – als einen Gott ohne Wahrheit schildert. Diesen Willkürgott, so sagt er, verpflichte nichts, seinem „offenbarten“ Wort zu folgen, geschweige denn überhaupt die Wahrheit zu offenbaren. Gegen diese Botschaft sind die Imame machtlos. Ihnen bleibt nur das bewährte Konzept, den Überbringer der Botschaft als „bedeutungslosen Theologen“ abzuwerten. Statt dessen heben sie als Gewährsmann den großen Al-Ghazali (gest. 1111) hervor, ohne freilich zu erwähnen, daß dieser sich selbst zwei Jahrzehnte lang zurückzog, weil ihm die Widersprüche des Korans quälende Skrupel bereiteten.

Damit nicht genug, tritt das weitere islamische Dilemma hinzu, nach dem das Prinzip der absoluten Einsheit den Ausschluß des Gegensatzes bedingt. Gott ist existent, weil er nicht nichtexistent ist, d.h. seine Eigenschaften sind er selbst. Allah indessen, der den Gegensatz ausdrücklich einschließt, ist ewig und nicht ewig, wahr und nicht wahr, eins und nicht eins – also kontingent, d.h. eine Mög-lichkeit. Dies wiederum stimmt mit dem Umkehrschluß aus dem klassischen Gottesbeweis überein, der auf dem bloß möglichen Sein der Dinge beruht (Guttmann, 259). Was könnte also die Aussage des Papstes besser bestätigen, nach der Allah „an keine unserer Kategorien gebunden ist?“

Gersonides’ Modell erklärt uns also, warum und wie Allah als Dauerschöpfer – zwischen den Möglichkeiten schillernd – dem Menschen sein Machtcharisma verleihen kann. In diesem Kontext stellt sich das Islam-System als starrer Einzel-fall dar. Wie gesehen, greift hier das allgemeine Göttliche in das spezielle Welt-liche ein und kann somit keinen freien Willen und keine Entwicklung zulassen, weil es ständig neu schöpft und dabei ewig, wahr und eins, aber zugleich auch das Gegenteil ist. Da zudem das „Siegel“ Muhammad jede alternative Prophetie ausschließt, ist auch hier der Gegensatz möglich, nämlich die Trennung zwi-schen allgemeinem und speziellem Wissen, zwischen Gott und Welt. In dem Maße, in dem sich die technische Standardisierung des „Glaubens“, das Regel-werk des Allahgesetzes verfestigen kann, ziehen sich nicht nur der Geist, son-dern auch der Scharlatan und mit ihm der Humor zurück.

Hier entsteht der entscheidende Gegensatz zum Christentum, dessen Gott sich im Logos, den man auch den Sohn nennt, offenbart hat. Während Jesus den Men-schen in seiner Fehlbarkeit annimmt und aus der Sündhaftigkeit erlöst, läßt Allah ihn zwischen Gut und Gut wählen, wie uns die Imame, denen Lüge und Täu-schung geboten sind, mitteilen. Sie übergehen den „Ränkeschmied“ und be-schreiben Allah als Gottheit, die sich durch die einseitige Hinführung zu Gerech-tigkeit, Güte und Erbarmen (112/4), nicht dagegen zu Bosheit, Gemeinheit und Unzucht auszeichnet (16/90).

Da Allah jedoch das Gegenteil von sich selbst sein kann, und sich dabei zwi-schen fernster Ferne und der Nähe der „Halsschlagader“ aufspannt, zeigt er den Januskopf einer kosmisch-gnostischen und irdisch-offenbarten Gottheit. Zwin-gend logisch stellt er den Menschen zwischen Weltflucht und – gewaltsamer – Weltgestaltung. Der Gnostiker verwirft die Welt als Ganzes, weil sie nicht von Gott, sondern einem anonymen Demiurgen erschaffen ist. Über göttlich gestifte-te Erleuchtungsstufen strebt er die Rückkehr zu der entrückten Gottheit an, wo-bei es ihm freisteht, die Welt zu zerstören.

Der Muslim lehnt die Welt ab, soweit sie nicht von Allahs Gesetz beherrscht wird. Somit zerstört er „nur“ den nichtislamischen Teil, indem er ihn von un-gläubigen Menschen reinigt und mit Allahs reiner Gemeinschaft füllt. Um dies zu erreichen, besteht Allah auf einer biologisch bestimmten Frau und einem maximierten Samenstrom, den er über den privilegierten Mann sicherstellt. Als Kämpfer und Befruchter ist der Einzelmuslim somit nicht nur Stellvertreter Al-lahs in der Familie, sondern kann über das männliche Prinzip auch als eine Art „biologischer Sohn Gottes“ auf Erden gesehen werden. Da sich Allahs Dauer-schöpfung zudem nach dem Prinzip des Stärksten verfügbar macht, aktiviert die Berufung auf den „Islam“ darwinistische Ersatz-Erlösungen durch Machterwerb und Fremdbesitz, die der Mann primär über den Djihad, die kämpferische Kon-trolle des Unglaubens und des weiblichen Ungehorsams, anstrebt. Dabei sind latente Anarchie und akute Despotie – als Kennzeichen der islamischen Ge-schichte – unvermeidbar.

Der ständig aktive Zwittergott zwischen Kosmos und Mensch verlangt also, um seine Dauerschöpfung zu erhalten und auszuweiten, ein Reinigungsopfer, das die Welt aus ihrem unreinen, unwirklichen Zustand befreit und in die wirkliche Welt, in die reine Gemeinschaft Allahs, umwandelt. Diese übergeschichtliche Forderung macht die eigentliche „Transzendenz“ Allahs aus und verwirklicht sich in den geschichtlichen Einrichtungen des Djihad (s.u.) und der Dhimma. Sie bestehen latent fort und leben immer dann akut auf, wenn es die aktuellen Um-stände erfordern oder begünstigen.

Mithin sind alle gläubigen Muslime, insbesondere unsere Imame, einer perma-nenten Abwehr- und Drohhaltung verhaftet, die bei Kritik oder Widerstand rasch in Aggression und Gewaltbereitschaft überleitet. Obwohl Allah ihnen erspart, das Gute vom Bösen zu trennen, erinnert sie das Sittengesetz an die Instanz des Gewissens. So destillieren sie die wenigen konstruktiven Aussagen aus ihren Schriften und verbergen die Masse des Destruktiven hinter einem Krypto-Schleier des Täuschens und Verschweigens.

Einen vorläufigen Höhepunkt der spirituellen Banalität und intellektuellen Zu-mutung erreicht diese Strategie mit der Bemerkung, daß das arabische Wort rahma nicht nur Erbarmen, sondern auch Liebe und Mitgefühl bedeute. Somit sei es evident, daß allein schon die Formel „Im Namen Allahs, des barmherzigen Erbarmers“ jedes Blutvergießen unmöglich mache. Ihrer Ideologie und der „Transzendenz“ Allahs gehorchend, setzen die Imame das Adjektiv „unschuldig“ hinzu, denn die Tötung Schuldiger, zu denen kritische Ungläubige zuallererst gehören, ist in jedem Falle erlaubt, wenn nicht geboten.

3. Der Gebrauch der Vernunft

Vor solch „transzendentem“ Horizont fällt es nicht schwer, die Grenzen der islamischen Vernunft zu erkennen. Erneut lassen die Imame den Koran sprechen (41/53): „Später aber wollen wir ihnen unsere Zeichen an den äußersten Enden der Erde und an ihnen selbst zeigen, auf daß ihnen klar werde, daß er (der Koran) Wahrheit ist.“ Unerwähnt lassen sie den Zusatz, daß Allah „Zeuge aller Dinge ist“, womit sie wieder das Problem der charismatischen Gewalt und „die wun-derbaren Siege und Eroberungen, welche sie erkämpfen und machen werden“, übergehen können (Koran/Ullmann, 390 Anm. 18).

Immer wieder bestätigt sich dabei, daß der analytische Geist des Menschen an der Wahrheitsfindung nicht beteiligt werden darf. Die Vernunft ist koranisch vorgegeben und von den Stärksten – politisch, theologisch, finanziell – in die islamische Wirklichkeit umzusetzen. An dieser Stelle beschränken wir uns auf eine kurze Kennzeichnung der Islamischen Vernunft und verweisen ansonsten auf die letzte Ausgabe dieser Zeitschrift.

So wie sich der christliche Gedanke mit der griechischen Philosophie verband, so schränkte sich das islamische Prinzip auf den Regelrahmen des Scharia-Gesetzes ein. Die Vernunft des „Individuums“ soll darauf dressiert werden, die Vorschriften nicht verstandesmäßig zu erfassen, sondern sie als einzig „vernünf-tige“ Basis menschlicher Existenz – besser: Massenexistenz – zu „verstehen“. Das Recht wird zum Einheitsraster der Dauerschöpfung, der die Menschen als uniforme Geschöpfe Allahs steuert. Idealerweise setzt sich alles Leben aus Glau-benswissen und -praxis zusammen, dokumentiert durch die Übung der „Ich-Abstreifung“ (arab.: tadjarrud), die Reinigung des Bewußtseins von individuel-lem, also nichtislamischem Denken.

Selbst-Bewußtsein und Selbst-Distanz zu kontroversen Themen können unter solchen Bedingungen nicht zustande kommen. Übergeordnete Kriterien wie der „freie Wille“ unterliegen dem Regelraster, kontrolliert von den Theologen. De-ren vornehmliche Aufgabe besteht darin, die Sklavenharmonie des Denkens mit dem schariatischen Netzwerk, d.h. die bedingungslose Unterwerfung ohne die Frage nach dem „Warum“ (arab.: bila kayfa), zu gewährleisten. Der banale Stan-dardeinwand der „Dialog“-Vertreter, daß „nicht alle“ so denken, könnte ernster genommen werden, wenn sie statt dessen „die meisten“ einsetzten.

Daß spätestens hier die Scheinliberalität des „kein Zwang im Glauben“ auch offiziell verschwindet, zeigt der Begriff der „Belastung“, mit dem die islamische Rechtswissenschaft ihre eigene Vernunftform belegt: „In genau dem, wodurch sich in dir der Knechtsstatus vervollkommnet, vervollkommnet sich in ihm (Al-lah) der Herrenstatus. Die Vollkommenheit seiner Gottheit bedeutet, daß er ge-waltig ist und Verehrung verlangt. Das Wesen der Verehrung zeigt sich in der Belastung (des Menschen durch das Gesetz) ... Alles was er geschaffen hat, un-terliegt der Lenkung durch den Verstand, und der Verstand untersteht der Len-kung durch den Herrn“ (Nagel, Das islamische Gesetz, 9 f.).

Deutlicher hätte man nicht sagen können, daß die Macht der islamischen Elite in unmittelbarer Verbindung zu Allah steht. Sie vervollkommnet sich in dem Maße, in dem es ihr gelingt, das Bewußtsein der Menschen an das Gesetz zu binden, d.h. den Knechtsstatus der Gemeinschaft zu „vervollkommnen“. Nicht zuletzt verweist die weitere Bedeutung des arabischen Wortes für Vernunft – al-'aql = Fessel – auf diese Gebundenheit des Denkens und Handelns. Sie ermöglicht jene Transformation, die die religiöse Loyalität der Muslime aktiviert, die Macht Allahs dem weltlichen Herrschaftssystem des Islam verfügbar macht und damit auch den westlichen Sympathisanten so attraktiv erscheint.

Mit keinem Wort erwähnen die Imame die wichtigsten und für sie schwierigsten Unterschiede zwischen Christentum und Islam. Ausgehend vom diametralen Gegensatz der Stifter in der Frage der Gewalt stehen sich auch deren Folgen unvereinbar gegenüber. Während das Christentum eine untrennbare Verbindung mit der Philosophie einging, schüttelte die islamische Orthodoxie ihre philoso-phische Konkurrenz ab und schickte sie ins Gefängnis. Die oft behauptete „gei¬stige Befruchtung“ des Abendlands geschah eher unfreiwillig und war dort nicht essentiell erforderlich.

Die Hüter der muslimischen Herrschaftsdoktrin unterdrückten die freie Denkau-tonomie und brachten die großen Geister des Islam – Avicenna, Avempace, Aver-roes etc. – zum Verstummen. Denn sie hatten jenes unerwünschte Fenster geöff-net, das die Perspektive vom absoluten auf den personalen Monotheismus erwei-terte. Sie hatten eine Weggabelung geschaffen, die den Eliten die Macht abgra-ben konnte – eine analytische Alternative, welche die menschliche Vernunft befähigte, die Macht des mythischen Allah, der Raum, Zeit und Zufall durch-dringt, in weniger despotische Bahnen zu lenken.

Mit dem islamischen Willkürgott verbindet sich untrennbar das Dauerproblem der Prädestination (arab.: qadar), das in allen Traditionssammlungen vorkommt, die Theologie in große Erklärungsnot bringt und von unseren Imamen ebenso umgangen wird. Es besagt, daß die Muslime im Grunde keine Heilsgewißheit haben, im Endgericht keine Beurteilung erwarten können, die ihren Werken entspricht. Ob sie zeitlebens nur Gutes oder nur Schlechtes tun, sie befinden sich gleichermaßen, wie es heißt, „einen Fingerbreit“ von der „Entscheidung“ Allahs entfernt, die mit der mathematischen Zufallsverteilung von 50:50 ins Paradies oder Höllenfeuer führt.

Die Imame bleiben uns diese Zusammenhänge und damit die Begründung schul-dig, warum Kaiser Manuel in einer Vernunft, die solcherart politisch, rechtlich und spirituell „prädestiniert“ ist, mehr als „Inhumanes“ entdecken sollte. Ihr „offener“ Brief ist alles andere als offen. Er ist voller Krypto-Aspekte, die bei näherem Hinsehen das eigentliche Wesen des Islam ausmachen. Wie sich uns zunehmend „offenbart“, bedeutet Islam auch, seine wesentlichen Eigenheiten eisbergartig unter einer Oberfläche zu verbergen, die man im Westen „Toleranz“ nennt. Die probate Warnung vor „Islamophobie“ besorgt den Imprägnierschutz, an dem die Fragen nach den neun Zehnteln unter der Oberfläche abperlen.

Islam bedeutet auch und vor allem den intrinsischen, d.h. unausweichlich einge-bauten Gegensatz, weil Muhammad, wie noch zu erläutern sein wird, nur jene Vernunftfelder besetzen konnte, die Juden- und Christentum frei gelassen hatten. Was er „Schriftverfälschung“ nennt, entspricht dem Sittengesetz, das jedem Menschen eingeschrieben ist und daher im Gegenentwurf des Islam als die oben erwähnte „Belastung“ fortlaufend überwunden werden muß. Juden- und Chri¬stentum sind somit auch intrinsische Feindbilder, solange die Vernunft des Islam sich nur aus dem Gesetz Allahs definiert. Mithin bestätigen Akteure, die vor dem „Feindbild Islam“ warnen, im Schwarz-Weiß-Raster ihres Heilsobjekts ange-kommen zu sein.

4. „Heiliger Krieg“

Der Djihad, der Kampf des Islam gegen den externen Unglauben und die interne Abweichung, insbesondere den weiblichen „Ungehorsam“, ist das umstrittenste und zugleich ergiebigste unter den zahlreichen Minenfeldern, die der „Dialog“ mit diesem Gegenentwurf bereithält. Schon zu Beginn ihrer Ausführungen ma-chen die Imame deutlich, daß sie von den westlichen „Islamreferenten“ rasch gelernt haben. Nach deren Lesart beschränkt sich „Djihad“ auf den ursprüngli-chen Wortsinn der „Anstrengung“, die auch, aber keineswegs primär, Krieg und Gewalt bedeuten soll.

Unfreiwillig nähern sich die Verfasser des „Offenen Briefes“ dem Kern der Sa-che, indem sie einräumen, daß der Djihad-Begriff sowohl den Aspekt des „Heili-gen“ als auch des „Krieges“ implizieren kann. Gleichzeitig sind damit – ebenso unfreiwillig – die dazu komplementären Aspekte angesprochen. Hier geht es um die alternativen „Anstrengungen“ des „Profanen“ und des „Außer-Kriegeri¬schen“, d.h. um die Erpressungen, Raubzüge und Terrorakte, die sich als histo-risch gewachsene Praxis unterhalb der Staatenebene abspielen und sich auch heute noch in den islamweiten Christenverfolgungen ausdrücken.

Daß die islamische Vernunft mit der westlichen kaum vereinbar ist, sozusagen ein „inkompatibles Betriebssystem“ darstellt, machen die Imame auch auf andere Weise deutlich. Als Beispiel christlicher „Gewalt“ führen sie den Stifter der Kirche ins Feld, indem sie die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel und den „Schwertvers“ zitieren, nach dem er „nicht gekommen ist, um Frieden zu stiften, sondern das Schwert zu bringen“ (Lk 12, 51 / Mt 10,34). Ähnlich verfahren sie in bezug auf das Judentum, dessen Gott den Pharao und seine Truppen in den Fluten des Roten Meeres untergehen ließ.

Das unterschiedliche Bewußtsein zeigt sich im gänzlich abweichenden Gewalt-konzept. Abgesehen davon, daß die jüdisch-christlichen Beispiele zum Teil le-gendenhaften Charakter haben, ist zu fragen, was das symbolische Umwerfen von Tischen mit Gewalt zu tun haben soll. Während es hier lediglich um die Trennung des Heiligen vom Profanen geht, sollen die anderen Religionen über-haupt keine Position zur Gewalt einnehmen können. Wie bildhaft auch immer sie ausgestaltet sein mögen – nach islamischem Verständnis liegt das faktische Ge-waltmonopol ausschließlich bei Allah, seinen Eliten und letztlich bei jedem ein-zelnen Muslim, sofern nach jeweiliger Lage unislamische Elemente aus dem „Weg Allahs“ geräumt werden müssen.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnlos, subtilere Argumente ins Feld zu führen, die sich mit dem Tempelereignis und dem Schwertvers verbinden, wenngleich sie auch den Muslimen geläufig sind. Die Mahnung Jesu an die Geldwechsler, das Heilige zu achten, und das Bild vom „Schwert“, jene Zwietracht, die sein Loyalitätsanspruch in die Familien bringt, lassen sich entfernt auch im Koran finden. Dort wird man jedoch vergeblich nach einer Parallele zum Jesuswort suchen, das die Anwendung von Gewalt generell verbietet: „Denn wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen“ (Mt. 26, 52).

Was unsere Imame besonders irritiert, ist die Gewaltlosigkeit, mit der solche Forderungen vorgetragen werden. Wenn es um die Definition des Glaubens geht, konzentrieren sich Juden- und Christentum weitgehend auf die Inhalte ihrer Lehren, ohne sich zugleich aggressiv gegen irgendeinen „Unglauben“ definieren zu müssen. Daß dies eine Spezialität des Islam darstellt, zeigen die zahllosen Gewaltaufrufe des Koran gegen „Ungläubige“, die nach dem Motto „Unglaube ist schlimmer als Töten“ mit detaillierten Anweisungen einhergehen.

Köpfen, Verbrennen, Verbrühen, Abziehen der Haut, die zeitsparende Nutzung von Verbrennungsöfen u.a.m. sind einige von vielen Verfahrensweisen, mit denen Allah die Welt vom Unglauben reinigen will. Da sie wie alles andere zur „Wahrheit des Koran“ gehören, folgen unsere Imame dem Vorbild des göttlichen „Ränkeschmieds“. Sie versichern dem Papst, daß sie ihn wie die Vertreter der anderen Religionen – sogar Kaiser Manuel – im Kampf gegen „Grausamkeit, Brutalität und Aggression“ unterstützen wollen, wobei sie betonen, daß nach wie vor „kein Zwang im Glauben“ besteht.

Das „Eisbergprinzip“, d.h. die Kryptisierung des Negativbilds islamischer Glau-bensregeln, erreicht in bezug auf den Djihad einen hohen Standard. Die Imame lassen nur wenige Aspekte im sichtbaren Zehntel in Erscheinung treten. Danach soll für den Djihad kennzeichnend sein: 1. Nichtkämpfer werden verschont; 2. Religion ist kein alleiniger Angriffsgrund; die Urmuslime haben sich lediglich die Orte angeeignet, aus denen sie zuvor vertrieben wurden; die folgenden Er-oberungen waren – was immer das heißen mag – „politischer Natur“; 3. Muslime sollen friedlich mit ihren Nachbarn leben; die Rechte auf „Selbstverteidigung“ und „Souveränität“ sind davon unberührt. Als „Beweis“ dient der Koran: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du dazu geneigt und vertraue nur auf Allah, denn er weiß und hört alles“ (8/61).

Wir wissen inzwischen zur Genüge, daß das „Gottvertrauen“ beliebige Gewalt aktiviert. Wir wissen ebenso, daß unter „Unschuldigen“ Muslime zu verstehen sind, und „Schuldige“ getötet werden können, insbesondere wenn sie als Un-gläubige Allah im Wege stehen. Wer solch manichäischer Weltsicht sowie dem Vernunfttyp Rechnung trägt, der auf dem Gesetz Allahs beruht, sollte besonders aufhorchen, wenn es zu „Selbstverteidigung“ und „Schutz der Souveränität“ kommt. Denn die islamische Souveränität fußt auf dem Gesetz Allahs, und die Selbstverteidigung ist grundsätzlich legitim, solange es noch Nichtislam auf der Welt gibt. Der Großmufti von Ägypten bestätigte, daß die Invasion in Spanien im Jahre 711 ein Akt der „Selbstverteidigung“ war.

Wie nicht anders zu erwarten, gehen die Regeln des Djihad weit über das be-scheidene Kryptoformat hinaus, das uns die Imame erkennen lassen. Der enorme Umfang der Rechtssubstanz, die sie hinter ihrem Verbotsvorhang verschwinden lassen, erweitert den „offenen Brief“ zu einem Dokument bewußter Täuschung. Die kanonischen Traditionssammlungen enthalten umfangreiche Djihad-Kapitel, die zu mehr als der Hälfte aus Bestimmungen über die Beuteverteilung bestehen. Der universale Koranbezug lautet: „Bekämpft sie, bis alle Versuchung aufhört und die Religion Allahs allgemein verbreitet ist“ (8/40), und die am häufigsten zitierte Tradition: „Mir ist geboten, die Menschen zu bekämpfen, bis sie sagen, ‚es gibt keinen Gott außer Allah’“.

Es fragt sich, wie unter solch pauschalen Gewaltbedingungen „Nichtkämpfer“ geschont, die „Natur“ der Eroberungen reguliert und „Frieden“ gewahrt werden soll, wenn all das nur möglich ist, indem man auf die unverzichtbare Dominanz des Gesetzes verzichtet. Im übrigen bedeutet die Behauptung, die Muslime for-derten nur die Orte zurück, die ihnen zuvor genommen wurden, eine winzige Ausnahme zur übermächtigen Regel, nach der die Eroberungen „politischer Natur“ sind. Da sie jede konkrete Information scheuen, verschweigen die Imame auch die einschlägige Anordnung: „Tötet sie, wo ihr sie trefft“ (2/192).

Was die Imame indes kaum umgehen können, weil er „in der Natur der Sache“ liegt, ist der technisch-automatische Charakter des Djihad. Nüchtern vermerken sie, daß eine Religion nicht „lüstern“ wird, weil sie Bestimmungen enthält, die die Sexualität regeln, und ebenso wenig soll die Religion als „kriegslüstern“ zu sehen sein, weil sie auch den Krieg regelt. Fest steht allerdings, daß die Muslime dem Kriegsgebot ebenso folgen müssen wie dem Diebstahlsverbot.

Für sie ist dieses Regelwerk das Ergebnis einer langen Tradition, während der radikale Islamismus, der sich auf dieselben Regeln beruft, ein „utopischer Traum“ sein soll. Erneut muß der Koran herhalten: „Laßt euch nicht durch Haß gegen jemanden verleiten, Unrecht zu tun, sondern handelt nur gerecht; das führt euch der Frömmigkeit näher“ (5/8). Ein weiterer Gipfel der Täuschung ist er-klommen. wenn es heißt, daß die Ermordung der italienischen Nonne „eine mutwillige Tat“ sei. Der oder die Mörder haben hingegen nichts anderes getan, als den Weisungen des Korans zu folgen.

Abgesehen von der Vollmacht „Tötet sie, wo ihr sie trefft“ erfüllt der Kampf gegen den Unglauben in jedem Falle die Bedingungen der „Gerechtigkeit“ und „Selbstverteidigung“. Wer das Töten ablehnt, kann bekanntlich selbst in den Verdacht des Unglaubens geraten. Aggression und Haß sind also alles andere als „unislamisch“, wie die Imamschaft dem Papst vorgaukeln möchte. Im Gegenteil: Sie sind ein Markenzeichen der orthodoxen Islamideologie, die ihre Schwarz-Weiß-Sicht reflexhaft auf jeden zurückprojiziert, der sie beschreibt – eine Eigen-schaft indes, die auch auf die kirchlichen „Quasimame“ abfärbt.

5. Zwangskonversion

Diesen Punkt erwähnen wir nur, weil er zur imamischen Themenliste gehört. Wirklich Neues enthält er nicht. Mit einer gewissen Berechtigung wehren sich die Vorbeter gegen den Vorwurf, die Ungläubigen mit Gewalt zum Glauben an Allah gebracht zu haben, denn in jedem Falle zog der Übertritt einen Steuerver-lust nach sich, der keineswegs im Interesse der Machthaber lag.

Dennoch hat es Zwangskonversionen gegeben, die sich jedoch örtlich und zeit-lich regellos abspielten. Im Rahmen des „Schutzvertrags“ (Dhimma) ist eher von einem langfristigen Dauerdruck auszugehen, der es Juden und Christen naheleg-te, zum Islam überzutreten oder in andere Gegenden mit günstigeren Bedingun-gen auszuwandern. Zahlen können dies veranschaulichen: In den ersten drei Jahrhunderten des Islam sank die christliche Bevölkerung im Kernland (Ägyp-ten, Syrien, Irak) von 100 auf 50%, heute beläuft sie sich im Schnitt auf etwa 7%. Dabei stellt sich die arabische Lage wesentlich „toleranter“ dar als in der „säkularen“ Türkei, wo die Christen bei 0.1% stehen.

Man wundert sich, daß die Imame erneut ihre Patentformel des „Kein Zwang im Glauben“ wiederholen, obwohl es nur „wenige Muslime“ gewesen sein sollen, die die „islamischen Lehren verletzt haben“. Die manichäische Sicht, der wir hier gerecht werden müssen, legt allerdings nahe, daß die meisten Muslime die nämlichen Regeln befolgt, also den Unglauben bekämpft haben, sei es auch „nur“ durch wirtschaftliche Ausbeutung. Insofern ist die Erklärung der Imame zu relativieren, der zufolge sie den Glaubenszwang ablehnen. Nach Islamdoktrin bedeutet die Religionsunfreiheit keinen Zwang, sondern ein „Naturrecht“, das die Loyalität der eigenen Gemeinschaft sowie insbesondere der „Ungläubigen“ unter strikte Kontrolle stellt.

Obwohl man sich Mühe gibt, gelassen und zwanglos zu erscheinen, bleibt die Gewaltdrohung eine ständige Begleiterin. Der mitgelieferte Koranvers – von den Juden geliehen, „nicht aus eigenem Triebe“ – kaschiert nicht, worum es geht: „Daher haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben: daß wer einen umbringt, nicht um zu vergelten oder weil dieser Verderben auf der Welt anrichtete (aus Vergeltung oder im Krieg), es so sei, als habe er alle Menschen umgebracht“ (5/32). Das geborgte Tötungsverbot erscheint als indirekte Todesdrohung, weil man die Behauptung nicht beweisen kann, daß es in der Geschichte des Islam keine erzwungenen Übertritte gegeben hat.

6. „Etwas Neues?“

Sollten die Imame auf einen dramaturgischen Aufbau ihres „Offenen Briefes“ abgezielt haben, so ist ihnen dies in gewisser Hinsicht gelungen. Was dem Ober-haupt der Kirche hier an Banalität des Bösen zugemutet wird, sprengt die bislang beschriebenen Grenzen. „Ich bin kein Neuerer unter den Gesandten“, zitieren sie ihren Verkünder, „ich folge nur dem, was mir offenbart wurde, und ich bin nur schlicht ein öffentlicher Prediger“ (46/9).

Durch Kaiser Manuel – „Zeig mir doch, was Muhammad Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden ...“ – sehen die Vorbeter das Vorbild des Verkünders in besonderem Maße gefährdet. Ihr Kommentar besagt, daß Muhammad nichts Neues bringen, sondern nur an die Tradition der Propheten anknüpfen wollte. Aus islamischer Sicht hätten alle Propheten diver-sen Völkern dieselbe Wahrheit mitgeteilt. Wenngleich keine Religion den einen Gott allein besetzen könne, so sei es doch Muhammad gewesen, der diese Wahr-heit im Islam zu höchster Vollendung gebracht habe.

Dagegen ist einzuwenden, daß Muhammad natürlich etwas Neues gebracht hat. Wäre dem nicht so, wären Propheten wie Jesaja, Jeremia und andere ebenfalls durch ähnliche Errungenschaften bekannt geworden, wie sie dem Islamverkün-der angerechnet werden. Indem dieser einträgliche Raubzüge und Massaker an mißliebigen Stämmen durchführen sowie unbequeme Kritiker durch Auftrags-mörder beseitigen ließ, begründete er in der Tat einen völlig neuen Typus von Prophetentum. Er bewirkte nicht weniger als den exakten Gegenentwurf zum Juden- und Christentum, der mit enormer, politischer Energie das islamische Imperium aufgerichtet hat und in unserer Zeit eine bemerkenswerte Renaissance erfährt. Diesen grundlegenden Kontext gänzlich auszuklammern, verdeutlicht nicht nur eine selektive Unredlichkeit, sondern brüskiert auch Glaube, Bildung und Intelligenz des Papstes.

7. „Die Experten“

Diese Brüskierung setzt sich in der Auswahl zweier zitierter Autoritäten fort – Adel Khoury und Roger Arnaldez. Obwohl ersterer nicht dafür bekannt ist, isla-misch unkorrekt zu sein, lehnen die Imame beide ab, weil sie nicht zu dem von ihnen abgesegneten Zitierkartell gehören. Als „Experten“ können sie nur solche „Wissenschaftler“ akzeptieren, die sich in voller Harmonie mit der islamischen Ideologie befinden, also selbst Muslime sind, ohne konvertiert zu sein. Verbal stimmen sie den Dialogaussagen des Papstes zu, sind jedoch nicht bereit, von ihrem „Konzept“ abzuweichen, das als Ergebnis eines jeden „Dialogs“ keinen Kompromiß zu Lasten Allahs duldet. Weiter unten gehen wir auf das Problem der „Experten“ am Beispiel des Christian Troll gesondert ein.

8. Christentum und Islam

Was sich dem „Offenen Brief“" bis hierher hat entnehmen lassen, läuft auf eine bewußte Irreführung, wenn nicht Verhöhnung Benedikts XVI. und der Kirche hinaus. In Würdigung der von uns hier vorgestellten Lücken und Widersprüche erscheint das imamische „Interesse an einem ernsthaften und offenen Dialog“ als zynische Chimäre. Die habituelle Unredlichkeit, die gezielte Kryptisierung des Negativen und die Insistenz auf absoluter Vorherrschaft der islamischen „Werte“ lassen nicht erkennen, wo ein seriöser Dialog ansetzen soll. Um so mehr sind die Floskeln von „Frieden“, „Respekt“ und „Gerechtigkeit“ im islamischen Horizont zu verstehen. Auch das Gerede von der „gemeinsamen, abrahamitischen Traditi-on“ ist allenfalls geeignet, Juden- und Christentum zu islamorientierten Wurm-fortsätzen zu reduzieren, denn wie uns Allah mitteilt, „war Abraham weder Jude noch Christ ...“ (3/68).

Das Klischee-Crescendo, mit dem sich das Manifest der 38 dröhnend krönt, gipfelt in den Spitzenformeln der Konzilserklärung Nostra Aetate von 1965 und den etwa gleichlautenden Worten Papst Johannes Pauls II. von 1999. Beide fließen in der Aussage zusammen, daß Christen und Muslime „den einen, leben-digen Gott, den Schöpfer der Welt, der sich an die Menschen wendet, anbeten“. Bei aller Hochachtung für die Glaubenswürde der einzelnen Muslime konnte der Papst schon als Glaubenspräfekt dieser Wertung nicht folgen:

„... geht klar hervor, daß es dem katholischen Glauben widerspräche, die Kirche als einen Heilsweg neben jenen in den anderen Religionen zu betrachten, die komplementär zur Kirche, ja im Grunde ihr gleichwertig wären, sofern sie mit dieser zum eschatologischen Reich Christi konvergierten ... Man kann ihnen aber nicht einen göttlichen Ursprung oder eine Heilswirksamkeit ex opere operato zuerkennen, die den christlichen Sakramenten eigen ist. Es kann auch nicht ge-leugnet werden, daß andere Riten, insofern sie von abergläubischen Praktiken oder anderen Irrtümern abhängig sind, eher ein Hindernis für das Heil darstellen“ (Dominus Iesus, 29 f.).

Wie gesehen, war Muhammad gezwungen, eine Religion zu begründen, die zum Juden- und Christentum so komplementär war, wie es in der Elektrolyse der Negativpol zum Pluspol ist. Ihm blieben nur noch die Geistesfelder, die Jahwe und der trinitarische Gott offen gelassen hatten. Insbesondere die singuläre Heilsgestalt des Jesus Christus blockierte die von Benedikt angesprochene escha-tologische Konvergenz mit dem Christentum. Also instrumentalisierte ihn die spätere Theologie für das islamische Endgericht. Dort wird er das Gebet gemäß der Scharia verrichten, alle Kreuze zerbrechen, alle Kirchen und Synagogen zerstören, alle Schweine sowie auch Christen töten, die noch nicht konvertiert sind, so daß nur eine Religionsgemeinschaft übrig bleibt – die des Islam (Hand-wörterbuch des Islam, 216f.).

Nachbemerkung – Ein westlicher Quasimam

Nicht nur die Imame, sondern auch ihre westlichen „Dialog“-Helfer bedienen sich einer zweideutigen Begrifflichkeit, um der Öffentlichkeit einen Wandel des Weltbilds nach islamischen Regeln schmackhaft zu machen. Dabei ist jedoch dem verbreiteten Irrtum vorzubeugen, hierin etwa eine Verschwörung erkennen zu können. Vielmehr folgen die Akteure diversen Motivlagen, die unter den Flaggen von Idealismus, Opportunismus, Korruption und Dummheit laufen. Sie alle sind Teil eines langfristigen Großtrends, der eher sie steuert, als sie in der Lage wären, ihn zu beeinflussen. Mehr als Amerika wurde von diesem Trend Europa erfaßt, das sich aufgrund seiner Orient-Tradition einer beschleunigten Islamisierung ausgesetzt sieht (vgl. Raddatz, Allahs Frauen 2005, Iran 2006).

Je monotoner die Protagonisten, die man auch „Islamreferenten“ nennt, diesen Trend mit Euphemismen wie „Frieden“, „Toleranz“, „Respekt“ u.a.m. fördern, desto mehr verbessern sie ihre Chancen, nicht nur in die höheren Weihen der Krypto-Technik, sondern auch in die höheren Etagen der Kulturkarriere aufzu-steigen. In der Kirche hat sich durch lange Dialogpraxis dieser Art der Jesuiten-pater Christian Troll ein einschlägiges Renommee erworben. Seit vielen Jahren schöpft er aus einem reichen Arsenal janusköpfiger Begriffe und Praktiken, die ihn und seine kongenialen Mitstreiter in anderen Bereichen in einen Status mus-limähnlicher Mutanten driften ließen. Je effizienter sie die öffentliche Desinfor-mation gestalten und je unauffälliger sie damit die Interessen des Islam wahr-nehmen, desto mehr verähnlicht sich ihre Tätigkeit mit einer assimilatorischen Führungsrolle, die wir „Quasimam“ nennen.

Ein zuverlässiger Maßstab für die pro-islamische „Dialog“-Qualität ist der Er-folgsgrad, mit dem das Hauptinstrument des Dialogisten, der „Negativfilter“, zum Einsatz kommt. Dabei handelt es sich um eine universale Methode, die das islamische Heilsobjekt sowohl sachlich als auch zeitlich von jedweder Verunrei-nigung befreit. Unschwer erkennbar steigert sich der Wirkungsgrad dieses Fil-ters, je größer die Reichweite der Bedeutungsinhalte wird.

Zur Erklärung: Der Begriff des „Friedens“ erfaßt z.B. weniger Bedeutung als der „Respekt“. Denn während einzelne, unfriedliche Aspekte Widerspruch erregen können, ist der Respekt eine allgemeine Haltung, die ein Spektrum von Gegen-sätzen abfangen kann, bevor sie sich erschöpft. Dabei ist wie bei jeder Therapie die Dosierung wichtig. Werden die Begriffe überstrapaziert – wie im Falle des „Generalverdachts“, aus dem sich eine Mischung aus Freibrief und Amnestie für gewalttätige Muslime ergab – können sich die Anwender irgendwann der Lä-cherlichkeit aussetzen, was ihrem Projekt natürlich schadet.

In diesem Sektor einer Islampropaganda, die mit übergeordneten, im Grunde unangreifbaren Begriffen ein Heilsobjekt vermittelt, hat es Christian Troll zu hoher Meisterschaft gebracht. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ (9.11.06) zog er beispielhaft die Register seiner Expertise. Im Zentrum seiner dort formulierten Schöpfungen steht die Botschaft: „Viele islamische Grundhaltungen können den Christen helfen, ihren Glauben zu reinigen.“ Logi-scherweise geht aus diesem Abgleich das Christentum als implizite „Irrlehre“ hervor. Nach unserer Analyse müßten die 38 Imame sehr bedauern, diese Kreati-on nicht selbst erfunden und ihrem Manifest einverleibt zu haben.

Welche der „vielen Grundhaltungen“ es sind, bleibt unausgesprochen, weil dem „Dialog“ nichts so sehr schadet wie eine konkrete, faktenorientierte Information. Indem unser Quasimam mit kühnem Schwung den Negativfilter maximal aufge-spannt hat, gelingt es ihm, eine islamische Heilsgewißheit zu erzeugen, der ein hilfsbedürftiges und unreines Christentum gegenübersteht. Um diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen, lassen sich zwei Aspekte perfekt verknüpfen: die christliche Offenbarung, die Troll noch nicht „ausgeschöpft“ sieht, und eben jene, nicht näher bezeichneten „Grundhaltungen“ des Islam. Analog zur Reformation sollen sie nun die Kirche „reformieren“. Die Logik dieses Bedarfs bleibt Troll schuldig. Denn halbwegs scheint die Kirche schon im Islam angekommen zu sein, da „es eigentlich keine Lehre im Islam gibt, die von einem tief verstandenen Christen-tum abgelehnt werden könnte“.

Da er das Christentum hinreichend „tief“ versteht, kann er „Verneinungen“ im Islam übergehen und direkt in eine pro-islamische Grundlinie einschwenken, die alle Unklarheiten durch Bejahungen beseitigt. Sie erscheinen in positiven Bewer-tungen des Islam, die dessen totalitäres Recht für den Rechtsstaat verdaulich machen sollen. In der Frage der Vernunft sticht der Krypto-Könner sogar die Original-Imame aus. Den dominanten Gesetzesglauben ersetzt er durch die Mu -tazila (arab.: Isolation), jene spekulative Theologie, deren Vertreter den Koran als erschaffen sahen, oft den Ketzern zugerechnet wurden, und im 12. Jahrhun-dert untergingen. Was er heute als „Neo-Mu'tazila“ zu erkennen glaubt, sind einige isolierte Intellektuelle, die sich unter strikter Kontrolle der Machthaber und öfter im Gefängnis als in Freiheit befinden.

So nimmt Troll keine Kenntnis von der Scharia-Orthodoxie mit Knechtsstatus und Ichlosigkeit (s.o.), sondern schöpft – aus dem Nichts – eine „Verantwortung vor Gott“, die das Christentum „herausfordert“. Diese „Verantwortung“ läßt offen, wer die Verantwortung hat, wenn es um den Kampf für den Glauben geht. Laut Koran ist es Allah, der dem Muslim die Hand führt, wenn er tötet (8/17). Ein „tief verstandenes Christentum“ kann, wie es heißt, „überschattete Wahrhei-ten“ neu interpretieren und geschichtlich in das eigentliche, somit vielleicht auch tödliche „Geheimnis Gottes hineinwachsen“.

Daß diese „Ausschöpfung“ der Offenbarung auch in die Kirche „wachsen“ wird, ist sicher, weil sie das seit Jahren praktizierte Erfolgsrezept des „Dialogs“. bildet. Benedikt XVI: sagt hierzu zwar etwas ganz anderes – „Seine (Jesu) ‚Rache’ ist das Kreuz, das Nein zur Gewalt, die ‚Liebe bis ans Ende’“ (München 10.9.06) – doch verpuffen solche Aussagen wirkungslos, solange sie nicht von nachhalti-gen, organisatorischen Maßnahmen in der Kirche begleitet werden.

So geheimnisvoll Trolls Krypto-Sprache für manche klingen mag, so offen tritt seine Absicht zutage, die beiden Religionen unter Führung Allahs zu vereinen. Dabei ist unserem Quasimam zu raten, sich weiterhin von so uninformierten bzw. wohlmeinenden Interviewern befragen zu lassen wie im hier vorgestellten Beispiel. Ein Kenner des Islam könnte ihn in bezug auf die Mu'tazila leicht in Verlegenheit bringen. Denn ihr verlorener Kampf gegen die Orthodoxie ergab sich exakt aus jenem Dilemma, das wir in bezug auf die „Transzendenz“ Allahs diskutiert haben: aus der unmöglichen Auflösung des Gegensatzes zwischen den geschaffenen Attributen und der Ewigkeit Allahs sowie dem Einschluß des Ge-gensatzes in der Einsheit Allahs, die in der Dauerschöpfung Willkür erzeugt.

Auch wenn er solches vielleicht nicht bewußt anstrebt, wird Troll auf Dauer einer Art Selbst-Islamisierung nicht entgehen können. Er ist bereits einem Mus-lim, der sich der Täuschung der „Ungläubigen“ verpflichtet sieht, zum Verwech-seln ähnlich. Indem er wichtige Aspekte des Islam einseitig verändert, verhindert er einen kompetenten Dialog und setzt die unveränderte Islam-Ideologie als gestaltendes Instrument ein. Demgemäß bleibt dem Christentum, was ihm schon immer zugewiesen war: die Rolle des gestalteten Elements, das sich nach der Dhimmi-Doktrin zu unterwerfen hat.

Damit steht die Richtung des „Strukturwandels“ fest. Wie unrein Troll das Chris-tentum erscheint, macht er auf die Frage nach der islamischen Gewalt deutlich, die er wie alle Dialogisten mit der Erinnerung an die christliche Gewalt unter-drückt. Er lobt das Schuldbekenntnis Johannes Pauls II. (2000), ohne freilich an ein reziprokes Schuldbekenntnis des Islam zu den Millionen Toten der histori-schen Eroberung und Dhimmi-Repression zu denken. Denn ebenso wie das Be-ten gehört auch das Töten zur muslimischen Frömmigkeit, die im dialogischen „Respekt“ hohe Wertschätzung genießt. Des Quasimams Ordensstifter indessen, der Hl. Ignatius von Loyola (gest. 1556), der einst die „Unterscheidung der Gei¬ster“ anmahnte, würde dieses Treiben wohl höchst skeptisch verfolgen.

Troll steht stellvertretend für einen Trend, in dem willfährige Kleriker die Kirche zur Islamfiliale umformen, solange sie verhindern können, daß das Evangelium und sein Gewaltverzicht als aktive Botschaft in den „Dialog“ integriert wird. Während sie dem Papst in den Rücken fallen, werden sie zu Komplizen von Islamführern wie Ali Bardakoghlu, dem Leiter der türkischen Religionsbehörde. Da er sich der kirchlichen Quasimame und ihrer „islamischen Grundhaltungen“ sicher weiß, kann er dem Kirchenoberhaupt umgekehrt seine „feindliche“, d.h. christlich-unislamische „Grundhaltung“ vorhalten und alsdann in die übliche Angriffshaltung übergehen: „Wer den Islam kritisiert, gefährdet den Weltfrie-den.“

Wer dieses Vorgehen übertrieben oder vielleicht sogar etwas paranoid findet, kennt weder den Islam noch die türkische Religionsbehörde. Sie vermutet im Christenanteil, der mit 0.1% zu den niedrigsten im ganzen Islamland zählt, ein staatsgefährdendes Potential. Im Jahre 2005 haben christliche Missionare 368 Konvertiten getauft, was den Beamten als „gezielter politischer Angriff auf die Türkei“ erschien. Sie wiesen daher alle 70.000 Moscheen des Landes an, in den Freitagspredigten vor der ungeheuren „Unterwanderungsgefahr“ zu warnen, welche diese Konversionskampagne für die „Sicherheit des Staates“ bedeute (Focus, 25.2.06), dessen Bevölkerung über 90 Millionen zählt. Welche Katastro-phe war dann wohl von den Christenlegionen zu befürchten, die im Zuge des Papstbesuchs im Herbst 2006 anrollen würden?

Dr. Hans-Peter Raddatz, Orientalist, Volkswirt und Systemanalytiker, ist Ko-Autor der „Encyclopedia of Islam“ und Autor zahlreicher Bücher über den Is-lam.

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