Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Gerd Habermann

Subsidiarität, Familie, Demographie

Warum sollte die demographische Entwicklung einen liberalen Marktwirtschaft-ler, der nur das ist und keine sonstigen besonderen Bindungen kennt, interessie-ren oder gar beunruhigen? Davon ausgehend, daß der Liberalismus kosmopoli-tisch denkt, die Freiheit des Einzelnen für den obersten Wert erklärt und daß Märkte bekanntlich von Religionszugehörigkeit oder Nationalität absehen. Zu dieser Freiheit gehört eben auch, sich gegen Kinder und Familie zu entscheiden, sich nicht zum Überleben seines Kulturkreises, einer nationalen Gruppierung oder seiner Religion zu bekennen. Zur Freiheit gehört auch die Freiheit, als Fa-milienzusammenhang auszusterben, indem man sich weigert, das Leben weiter-zugeben. Man kann einem Liberalen und Marktwirtschaftler auch nicht wissen-schaftlich beweisen, daß es wichtig ist, sich im demographischen Wettbewerb mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Etatisten und Islamisten usw. zu behaupten.

Alles in diesem Bereich beruht auf Einsicht und freier Entscheidung und: Ver-antwortungsgefühl. Insofern setzt es ein Werturteil voraus, wenn man dafür eintritt, daß es auch in Zukunft ausreichend Liberale, Katholiken, Deutsche und Europäer gibt. Der Nur-Liberale ohne eine speziellere Wert- oder Gemein-schaftsbindung wird dem ewigen Wettbewerb zwischen Gruppen und Ansichten unentschieden und gelassen, in sozusagen geologischer Perspektive, zuschauen: Völker und Kulturen, Religion und Weltanschauung, Liberale und Sozialisten kommen und gehen. Alles hat seine Zeit. Man mag bei einem solchen (leider in Deutschland recht verbreiteten) relativistischen Standpunkt an das Wort von Friedrich August von Hayek denken: „Ein Ökonom, der nur Ökonom ist, ist nicht nur ein Ärgernis, sondern stellt eine regelrechte Gefahr dar.“

Anders wird aber selbst für einen Liberalen dieser Richtung die Perspektive, wenn die Frage auftaucht, inwiefern Eingriffe des Staates in Eigentum und Fami-lie eine Entwicklung begünstigen, die es sonst so nicht gegeben hätte, da politi-sche Manipulationen immer eine Verfälschung der „natürlichen Ordnung“ mit sich ziehen. Hier kann dann die Kritik nicht nur an der offiziellen Familienpolitik einiger europäischer Staaten, sondern auch an all dem ansetzen, was die Famili-engründung auf Kosten anderer Sozialmodelle bevorzugt oder benachteiligt.

Es ist aus dieser Perspektive zunächst zu kritisieren, daß die Kosten der Familie in zunehmendem Maße externalisiert, d. h.: sozialisiert werden. Dies sind derzeit nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft (Astrid Rosenschon) bereits etwa 50 Prozent. Ebenso werden teilweise auch die Erträge der Familie soziali-siert: Die Erträge der Kinder kommen nicht der eigenen Familie, sondern dem Kollektiv aller Familien auf nationaler Ebene zugute. Zudem werden über diesen Pseudo-Generationenvertrag auch Kinderlose mitfinanziert. Familien mit Kin-dern subventionieren also Kinderlose, die es vorgezogen haben, in den laufenden Konsum statt in die Zukunft über Kinder zu investieren; denen also „der Zweit-wagen wichtiger als der Kinderwagen war“ (Hans-Werner Sinn). (Wir sprechen hier nicht von unfreiwilliger Kinderlosigkeit.) Überhaupt muß ein Liberaler und besonders ein Anhänger der christlichen Subsidiaritätslehre kritisch betrachten, daß es das Hauptanliegen und die Ambition des paternalistischen Wohlfahrts-staates zu sein scheint, die Familie finanziell und in ihren verschiedenen Funkti-onen schrittweise zu ersetzen. Der systematische Ausbau von zwangsfinanzierten Familienersatzeinrichtungen (von der „Kita“ über die Ganztagsschule bis zur Sozialversicherung) muß die Familie als Verantwortungs-, Risiko- und Gefah-rengemeinschaft schwächen.

Ein Akt der Auflösung familiärer Solidaritätsstrukturen ist jüngstens auch das sogenannte Hartz IV-Gesetz, daß die gegenseitige Hilfepflicht von Eltern und Kindern im Falle der Arbeitslosigkeit aufhebt. Kosten, die ursprünglich die Fa-milie übernommen hätte, wurden so sozialisiert. Was wundert man sich da über Milliarden an zusätzlichen Ausgaben für den Staat?

Die Finanzierung der Familie über Kindergelder, „Baukindergelder“, Erzie-hungsgelder, Elterngelder und der Null- und Sozialtarife im öffentlichen Bil-dungswesen heißt, daß die familiäre Eigenverantwortlichkeit insoweit ökono-misch aufgelöst wird. Die Eltern sinken zu staatlich bezahlten Reproduktions-funktionären („gesellschaftlichen Familienarbeitern“: Alfred Schüller) herab (was sie übrigens weitestgehend selber zu finanzieren haben: Bekanntlich ist der Staat keine Kuh, die im Himmel gefüttert, auf Erden nur gemolken zu werden braucht). Die Rede von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist eine Ab-wandlung der Illusion von einem „freien Lunch“. Man möchte keine Opportuni-tätskosten für die Familiengründung mehr tragen, weder materiell noch psy-chisch. Man möchte den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten. Dies ist der Riesenegoismus, den das Anspruchsdenken unseres Wohlfahrtsstaates hervorge-bracht hat und das die politische Reklame ständig nährt. So wird eine seltsame Art von „Individualismus“, ein gewissermaßen staatsfinanzierter Individualismus oder Individualismus de luxe, freigesetzt.

Zudem muß ein Liberaler angreifen, daß mit Steuermitteln bestimmte familiäre Rollenmuster auf Kosten anderer propagiert werden. Es gibt derzeit eine einsei-tige politische Verherrlichung monetarisierter Arbeit und eine Abwertung der doch schlechthin entscheidenden Basisarbeit im „Unternehmen Familie“, die nicht in die Ziffern des Bruttosozialproduktes eingeht. So werden auch die psy-chischen Opportunitätskosten für die Übernahme von nicht-monetarisierter Fa-milienarbeit ständig gesteigert, indem sich Menschen zunehmend genieren, häus-liche Eigenarbeit zu übernehmen, die ja nicht in das Bruttosozialprodukt eingeht, keinen Preis hat und so für die naive oder voreingenommene Betrachtung eigent-lich nicht zählt, obwohl sie das Entscheidende zur Selbsterhaltung eines Ge-meinwesens leistet. Hinzuzufügen ist, daß die Finanzminister natürlich mit dieser Entwicklung ganz einverstanden sind. Nur berufstätige Eltern zahlen Steuern. Je höher die Erwerbsbeteiligung, desto besser für die Taschen des Fiskus – so wird die Erhöhung der Frauenerwerbsquote auch zu einem Programm der Staatsberei-cherung.

Von liberaler wie christlicher Seite in Frage gestellt werden könnte auch die Nichtsanktionierung oder sogar Belohnung des Vertragsbruchs über das in den siebziger Jahren reformierte Scheidungsrecht. Ebenso die Tatsache, daß „sozial indizierte“ Abtreibungen staatsfinanziert werden, die Folgen persönlichen Fehl-handelns also auf andere abgewälzt, externalisiert werden. Wir haben es hier mit einem Vorgang zu tun, der unter der Überschrift „Triumph des Egalitarismus“ oder: Aufrichtung eines anonymen Staatspaternalismus abzuhandeln ist. Der Wohlfahrtsstaat und die, die ihn betreiben, schwächen oder zerstören alle Institu-tionen, die ihnen widerstehen und noch nicht vollständig auf ihre Gunst ange-wiesen sind: das Privateigentum (durch Sozialisierung der Einkommensverwen-dung) ebenso wie die Familie, die durch diesen Staatstyp mehr und mehr deinsti-tutionalisiert wird. Es läuft genau auf das hinaus, was Bertrand de Jouvenel schon vor Jahrzehnten einmal mit den Worten charakterisiert hat: „Wir erleben heute die Folgen eines Denkens, das im gesamten Sozialmechanismus nur Ele-mentarteile anerkennen will, die Individuen, unter einem Zentralressort, den Staat; das alles andere vernachlässigen und die Rolle der geistigen und gesell-schaftlichen Autoritäten leugnen will“.

Die Rechnung für diese fragwürdigen Staatsinterventionen zeigen sich in den Ausgaben für den sozialen Reparaturbetrieb: die wachsenden Aufwendungen für Kinderärzte, Kindertherapeuten, die Aufwendungen im Kampf gegen steigende Kinder- und Jugendkriminalität, die auch im öffentlichen Bild erkennbare Dezi-vilisierung unserer Gesellschaft (verschmierte Fassaden, Vandalismus), auch die wachsende Nachhilfeindustrie. Schließlich nicht zuletzt die Überforderung der Frau, wie sie jüngstens Susanne Raschke und Eva Hermann dargestellt haben („Frauen im ständigen Stechschritt“). Schon eine so dezidiert christlich orientier-te Autorin wie Christa Mewes hat dies vorausgesehen und kritisiert.

Die sozialen Ideale, die hinter diesem Auflösungsprozeß stehen, sind offenbar nicht wettbewerbsfähig. Wie wir an den demographischen Daten Deutschlands und anderer Wohlfahrtsstaaten sehen, wird eine Gruppe, die an ihr festhält, im internationalen Wettbewerb nach und nach bevölkerungsmäßig marginalisiert. Dies ist im Grunde das entscheidende Gegenargument gegen den Anspruch die-ser Philosophie. Eine Gruppe, die an ihr unbeirrbar festhält, verläßt irgendwann das „Große Welttheater“. Nur einem kinderlosen Zyniker kann dies gleichgültig sein. Er denkt nur in den Dimensionen seiner eigenen Lebensspanne, wo es denn heißen kann: „Eine Gesellschaft, die auf Kinder verzichtet, verzichtet irgendwie auf ihre eigene Zukunft, denn die eigene Lebensperspektive ist vielleicht 30 Jahre, und wenn da keine Kinder sind, ist dann nach den 30 Jahren einfach Schluß“ (Hans Bertram).

Gegen diese Entwicklung hilft nur eine radikale ordnungspolitische Wende, eine Rückbesinnung auf das, was den „natürlichen Ordo“ ausmacht (hierzu hat na-mentlich Wilhelm Röpke einiges zu sagen). Die beste Familienpolitik – die der Subsidiarität - gibt darum den Familien Eigentum, Eigenverantwortlichkeit und ihre besondere Würde (Problem der Homo-Familien) zurück und subventioniert nicht Verhältnisse, welche diese zerstören müssen.

Prof. Dr. Gerd Habermann leitet das Unternehmerinstitut der ASU in Berlin.

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