Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Eduard Gaugler


Personalmanagement und Wirtschaftsethik

In memoriam August Marx


In der umfangreichen und vielseitigen wissenschaftlichen Tätigkeit von August Marx (1906-1990) gibt es zwei Schwerpunkte, die zumal aus heutiger Sicht ihr eigenes Gewicht und ihre anhaltende Bedeutung besitzen. Ohne seine Impulse und Arbeiten auf anderen Gebieten der Betriebswirtschaftslehre im besonderen, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften im allgemeinen gering zu schätzen, verdienen die Aktivitäten von August Marx auf diesen beiden Gebieten wegen ihrer Nachwirkungen bis in die Gegenwart eine vorrangige Beachtung.

Personalmanagement

An der damaligen Wirtschaftshochschule Mannheim, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der 1907 errichteten und dann 1933 aufgelösten Handelshochschu-le Mannheim hervorgegangen und ab Mitte der 1960er Jahre zur Universität erweitert worden ist, gründete der Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre August Marx im Jahr 1961 den ersten Lehrstuhl für das betriebliche Personalwesen an einer Hochschule im deutschsprachigen Raum.

Dessen Bezeichnung „Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Perso-nalwesen und Arbeitswissenschaft“, die bis heute seine beiden Nachfolger Edu-ard Gaugler und Walter A. Oechsler beibehalten haben, weist auf zwei wesentli-che Dimensionen der wissenschaftlichen Ausrichtung dieses Ordinariats in der von seinem Gründer so gewollten Intention hin. Einmal soll das Personalwesen als eine Teildisziplin der Betriebswirtschaftslehre verstanden werden; der Bezug zur Arbeitswissenschaft soll die Orientierung des Personalmanagement auf ein ganzheitliches Verständnis von der Person des arbeitenden Menschen signalisie-ren.

Für die wissenschaftliche Beschäftigung an Hochschulen mit dem betrieblichen Personalwesen in Forschung Lehre und Studium war es ein Meilenstein, daß es August Marx gelungen war, diesen Lehrstuhl an der schon damals in den Wirt-schafts- und Sozialwissenschaften angesehenen Hochschule in Mannheim zu etablieren. Bei der Expansion des Tertiären Bildungssektors im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts diente der Mannheimer Lehrstuhl wiederholt als Orientie-rung für die Schaffung entsprechender Lehrstühle. Drei Jahrzehnte nach der erstmaligen Verankerung des Faches Personalwesen mit einem betriebswirt-schaftlichen Lehrstuhl existierten an wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz bereits 58 Professuren für diese Teildisziplin. Außerdem verzeichnete dieses Fach auch an Fachhochschulen und in einigen Bundesländern an Berufsakademien eine beträchtliche Verbreitung. Viele dieser neuen Professuren haben Absolventen und ehemalige Mitarbeiter des Mannheimer Lehrstuhls übernommen.

August Marx hat mit seinem Lehrstuhl wesentlich zum Profil und Inhalt für das heutige Verständnis des Personalmanagement beigetragen. Die Anwendungsori-entierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem betrieblichen Personal-wesen, die schon vor ihm einige betriebswirtschaftliche Fachvertreter bei der Behandlung betrieblicher Personalprobleme gepflegt hatten, prägte die Arbeit von August Marx, seiner Schüler und seiner Mitarbeiter am Lehrstuhl. Er hat so dazu beigetragen, daß die meisten Fachvertreter des Personalwesens an wissen-schaftlichen Hochschulen in Forschung, Lehre und Schrifttum keine Glasperlen-spiele betreiben und sich nicht im sog. Elfenbeinturm von den aktuellen Heraus-forderungen an das betriebliche Personalmanagement in der Wirtschaftspraxis abgewandt haben.

Im Jahr 1963 hat August Marx das erste deutschsprachige Standardwerk zur betrieblichen Personalplanung publiziert und damit die Grundlagen für einen Teilbereich des Personalmanagement geschaffen, mit dem sich in der Folgezeit zahlreiche Autoren in Tausenden von Veröffentlichungen beschäftigt haben. Gegen Ende seiner Lehrstuhltätigkeit an der Universität Mannheim hat August Marx vier Sammelbände herausgegeben, die sein Verständnis des betrieblichen Personalwesens charakterisieren: Band I „Problematik menschlicher Arbeitslei¬stung im Betrieb“ (1969), Band II „Personalwirtschaft in Zeiten des technischen Fortschritts und der betrieblichen Mitbestimmung“ (1970), Band III „Motivation und Stimulans menschlicher Arbeitsergiebigkeit“ (1971), Band IV „Qualitative Personalpolitik: Lernen und Ausbilden in ihrer Bedeutung für die Betriebswirt-schaft“ (1972).

Wirtschaftsethik

Im Nachlaß des 1990 verstorbenen August Marx fand sich der nahezu vollständig ausgearbeitete Text einer Vorlesung, die er bereits im Sommersemester 1957 mit dem Titel „Wirtschaftsethik“ gehalten hatte. Dieser Vorlesungstext ist ein zeit-historisches Dokument für die Befassung mit ethisch-wertorientierten Fragestel-lungen in der Betriebswirtschaftslehre, die damals weit vom Interesse der Ge-genwart an der Wirtschafts- und Unternehmensethik entfernt war. Mit der Editi-on dieser bis dahin unveröffentlichten Vorlesung wollten die Herausgeber (Tho-mas Bartscher und Eduard Gaugler, Mannheim 2003) an die frühe Beschäfti-gung des Betriebswirts August Marx mit wirtschafts- und unternehmensethischen Grundfragen erinnern.

Am Beginn seiner Vorlesung lehnt er es ab, die Wirtschaftsethik als ein „trans-zendentes, supernaturales Phänomen“ zu verstehen; er betont, daß sie „eine Funktion des vernünftigen Erkennens …, nicht der gläubigen Hin- oder Annah-me“ darstellt. Im folgenden Kapitel mit der Überschrift „Die Wirtschaft als Kul-turfunktion“ markiert August Marx den Ausgangspunkt für seine wirtschaftsethi-schen Überlegungen so: „Vom wirtschaftenden Menschen ist …. auszugehen, wenn vom Wesen der Wirtschaft gesprochen wird und daß das Wesen dieser Wirtschaft von der sie gestaltenden menschlichen Idee bestimmt wird. … Die Wirtschaft ist eine Funktion des denkenden Menschen und findet allein in ihrer dienenden Aufgabe gegenüber dem Menschen ihre letzte Sinngebung.“ Im Kapi-tel „Wirtschaftsethik aus sozialer und sittlicher Notwendigkeit“ betont August Marx die Bedeutung einer gerechten Rechtsordnung für das Wirtschaften des Menschen; er fügt aber hinzu: „Wir betreiben Wirtschaftsethik, beschäftigen uns mit ihr und fordern ihre Beachtung, weil der menschliche Vollzug im wirtschaft-lichen Bereich Ordnungsprinzipen bedarf, die sich nicht im positiven Recht er-schöpfen.“

Ausführlich erörtert August Marx im letzten Kapitel seiner Vorlesung drei „Grundphänomene der Wirtschaft im Blickfeld der Wirtschaftsethik“: das Pri-vateigentum, den Lohn als Arbeitsentgelt sowie Preis, Preisbildung und Preis-funktion. In diesem Abschnitt seiner Vorlesung bezieht sich August Marx aus-drücklich auf Johannes Messners Vorstellungen über den gerechten Preis.

Die Vorlesung zur Wirtschaftsethik ist kein einsamer, isolierter Findling im wissenschaftlichen Werk von August Marx. Aus einer Vortragsreihe, in der er Professoren der Theologie und Seelsorgern einen Einblick in die Wirtschaft vermitteln wollte, ist 1962 sein Buch mit dem Titel „Zur Theologie der Wirt-schaft“ entstanden.

Bereits zwei Jahre vor seiner 1957 gehaltenen Vorlesung zur Wirtschaftsethik hatte August Marx in einem Beitrag zu einer Festschrift für seinen Fakultätskol-legen Walter le Coutre „Ethische Probleme in der Betriebswirtschaftslehre“ erörtert. Ferner hat sich August Marx seit seinem Beitrag mit dem Titel „Der Betriebsführer in der Vergangenheit“ zur Festschrift für Wilhelm Kalveram im Jahr 1942 nach Kriegsende immer wieder in Aufsätzen mit Fragen der Betriebs- und Mitarbeiterführung beschäftigt und dabei auch unternehmensethische As-pekte thematisiert.

Wissenschaftler und Priester

Das wissenschaftliche Werk von August Marx reicht thematisch weit über die hier skizzierten Schwerpunkte „Personalmanagement“ und „Wirtschaftsethik“ hinaus. Aber seine Beiträge für diese beiden Arbeitsbereiche stimulieren das Interesse an seiner Biographie.

August Marx wurde am 8. Juli 1906 in Mannheim geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters konnte er zunächst nur die Volksschule besuchen, absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre, stieg aber bereits 1934 zum Generalver-treter eines Industrieunternehmens auf und wurde 1947 stellvertretender Haupt-geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg beriet er das Hessische Wirtschaftsmi-nisterium; zusätzlich arbeitete er als persönlicher Referent in der Wirtschaftsabteilung des Länderrats in Stuttgart.

Nachdem er 1934 das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg abgelegt hatte, schloß August Marx sein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Frankfurt am Main bereits fünf Jahre später mit der Promotion ab; die Habilitation für Betriebswirtschaftslehre folgte dort 1945. Im Jahre 1947 begann August Marx das Studium der katholischen Theologie in Freiburg, wurde 1950 zum Priester geweiht und nach zwei Jahren Tätigkeit als Seelsorger (Kap-lan in Bruchsal) von der Erzdiözese Freiburg auf Antrag der Wirtschaftshoch-schule Mannheim für die Hochschullaufbahn freigestellt.

An dieser Hochschule in seiner Heimatstadt lehrte August Marx ab 1952 zu-nächst als apl. Professor für Betriebswirtschaftslehre und leitete dann ab 1956 das Institut für Betriebswirtschaftslehre des Verkehrs. Für 1957, dem Jahr des 50-jährigen Jubiläums der Hochschule, und für die anschließende Amtsperiode war er ihr Rektor. Im gleichen Jahr wurde August Marx zusätzlich zum Honorar-professor der Universität Heidelberg ernannt und erhielt das Große Verdienst-kreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

1961 war August Marx Dekan der Betriebswirtschaftlichen Abteilung und be-gann den Aufbau des ersten Lehrstuhls für das betriebliche Personalwesen, den die Wirtschaftshochschule Mannheim auf seine Anregung hin errichtet hatte.

Von 1962 bis 1964 war er zusammen mit Professor Dr. Curt Sandig Vorsitzen-der des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. (VHB), der ihm 1976 die Ehrenmitgliedschaft verlieh. Im Jahr 1986 hat die Johannes-Kepler-Universität Linz seine wissenschaftlichen Leistungen in Forschung und Lehre mit einer Ehrenpromotion ausgezeichnet. August Marx wurde im Juli 1971 emeritiert. Er starb am 27. März 1990 in Mannheim.

Neben seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Hochschullehrer ist August Marx auch nach seiner Freistellung vom kirchlichen Dienst als Priester und Seelsorger äußerst aktiv geblieben. In einem Seniorenheim in Mannheims Innenstadt, in dem er seit 1953 bis zu seinem Tod wohnte, feierte er jeden Morgen mit den Bewohnern und den sie betreuenden Schwestern die Eucharistie, bevor er sich den beruflichen Aufgaben an der Hochschule zuwandte. Vielen Menschen in seinem großen Bekannten- und Verwandtenkreis sowie Studierenden und Mitar-beitern begegnete er als Seelsorger in persönlichen Anliegen.

Zu seinen kirchlichen Aufgaben, teils selbst gewählt, teils im Auftrag kirchlicher Stellen, gehörten die Sorge für den Priesternachwuchs, die Betreuung von Prie¬stern und kirchlichen Einrichtungen hinter dem Eisernen Vorhang sowie in Afri-ka und in Südamerika. Dieses kirchlich-seelsorgerische Wirken, das August Marx auch nach seiner Emeritierung bis zu seiner schweren Erkrankung sehr intensiv fortgesetzt hat, fand breite Anerkennung; er wurde Päpstlicher Hausprä-lat, ferner Ehrendomherr an den Kathedralen von Zagreb (Jugoslawien), Apare-cida und Juiz de Fora (Brasilien), Siedlce (Polen) und Esztergom (Ungarn).

Literatur

August Marx, Der Betriebsführer in der Vergangenheit. In: Die Führung des Betriebes. Festschrift für Wilhelm Kalveram. Berlin 1940.

Ders., Ethische Probleme in der Betriebswirtschaftslehre. in: Gegenwarts¬probleme der Betriebswirtschaftslehre. Festschrift zum 70. Geburtstag von Wal-ter le Coutre. Frankfurt 1955.

Ders., Zur Theologie der Wirtschaft. Wien 1962.

Ders., Wirtschaftsethik. Band 61 der Schriftenreihe der Forschungsstelle für Betriebswirtschaft und Sozialpraxis e.V. Hrsg. Thomas Bartscher und Eduard Gaugler. Mannheim 2003.

Univ.-Prof. Dr. Dres.h.c. Eduard Gaugler ist Emeritus an der Fakultät für Be-triebswirtschaftslehre der Universität Mannheim.

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