Jahrgang 60
Nr.6/2006 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Andreas Püttmann


Vom Dunkelmann zur Lichtgestalt?

Der Papstbesuch in den „säkularen“ Medien


„Wir befinden uns in einer Phase, in der die Kirchenkritik zurückgeht. Der anti-römische Affekt stottert“, meinte der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller kurz vor dem Papstbesuch in Bayern in einem Interview des „Münchner Merkur“. Da hatte er wohl nicht das Mitteilungsblatt ausgerechnet des deutschen katholischen Journalistenverbandes gelesen. Die „Informationen“ der Gesell-schaft Katholischer Publizisten (GKP), Mitgliederzeitschrift eines rund 500 Journalisten vertretenden Berufsverbandes, der sich „als wichtige Laienorganisa-tion in der Kirche“ versteht, begrüßten den Landsmann auf dem Stuhl Petri in einem ausdrücklich „zum Besuch von Benedikt XVI. in seiner Heimat“ verfaß-ten Gedicht. Darin brachte der Geistliche Beirat, Bruder Paulus Terwitte, in holprigen Reimen den längst verblaßten Genius der Deutschen gegen Joseph Ratzinger, den „Mozart der Theologie“ (Joachim Kardinal Meisner) in Stellung: willkommen daheim menschenfischer/doch wir lassen uns nicht gern fischen/im land der dichter und denker/dichten und denken/brücken bauen/zum herrn der ernte. Demnach hätte sich Jesus in der Wortwahl vergriffen und gegen die Mün-digkeit der Menschen verstoßen, als er Simon Petrus und Andreas versprach: „Ich werde Euch zu Menschenfischern machen“ (Mk 1,17). Der TV-prominente Kapuziner ordnete die schöne Allegorie Jesu durch sein Gedicht, dessen naiver Nationalstolz eigentümlich von der skeptischen Sicht des eigenen Kirchenober-hauptes absticht, quasi in die Kategorie „Rattenfängerei“ ein, von der sich intel-ligente Menschen nicht einlullen lassen. Zudem bekannte er in einem bereits im „Liborius-Magazin“ (9/2006) publizierten Kommentar auf derselben Seite, er „fürchte die Tage des Papstbesuches auch ein wenig. Denn wir Christen glauben nicht an den Heiligen Vater, sondern an den Vater im Himmel. Wir glauben nicht an die Kirche, sondern – wie es im Credo heißt – an den Heiligen Geist, der uns den langen Atem gibt, einander Heimat zu schaffen. (...) Manchmal wird mir auch innerkirchlich zu viel von Papst und Vatikan gesprochen“.

Solchermaßen eingestimmt auf den Besuch des Pontifex scheinen dann auch einige Mitglieder des katholischen Journalistenverbandes an die Arbeit gegangen zu sein. Jedenfalls pflegte mancher von der Geschichte widerlegte Gegner des „fundamentalistischen Kardinals Joseph Ratzinger“ (GKP-Mitglied Johanna Holzhauer weiland in den ARD-Tagesthemen) angesichts der nach Rom und Köln nun auch in Bayern zu bestaunenden „Abstimmung mit den Füßen“ weiter seinen „grauen Nörgelton“, wie Heinz Joachim Fischer vor Jahren einen „Blick in deutsche katholische Zeitschriften“ in der FAZ betitelt hatte. Die Kritik der notorisch Rom-Verdrossenen wurde allenfalls subtiler angesichts der neuen Strahlkraft des Papsttums, von der ihr eigener matter „Deutschkatholizismus“ nur träumen kann. Und sie wurde zugedeckt von einer Welle der Sympathie weit über die Konfessions- und Kirchengrenzen hinaus, die trotz noch so eifriger Kirchenkritik als Haupteindruck von jenen Tagen bestehen blieb.

„Außergewöhnliches Interesse und große Verbundenheit“

Entsprechend positiv fiel eine frühe Analyse des Medienechos aus: „Die deut-sche Presse ist reich an Papst-Fotos und -Berichten, aber arm an Kommentaren. Negative fehlen völlig“, resümierte Radio Vatikan die Medienberichterstattung über die ersten drei Tage Benedikts XVI. in Bayern. Ludwig Ring-Eifel, Chefre-dakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, sah dies in einem Interview als TV-Experte ganz ähnlich: Im Gegensatz zur früheren Pflege negativer Vorurteile über Kardinal Ratzinger falle auf, daß „die weltlichen Medien genau hinschauen auf das, was der Papst sagt, auch auf das Theologische und mit großer Fairneß“. Aussagekräftig erschien vielen Beobachtern, die jahrzehntelang ein kümmerli-ches Nischendasein von Glaube und Kirche in den Medien mit Programmantei-len von 0.3 (RTL) bis 1 Prozent (ZDF) in TV-Nachrichtensendungen gewöhnt waren, schon allein der Umfang der Berichterstattung. Das Bayerische Fernsehen und Phoenix berichteten fast nonstop, ARD und ZDF (20 Stunden) über breite Strecken. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut erklärte: „Wir wissen von den Reaktionen auf den Weltjugendtag und nicht zuletzt auf das Fernsehinterview Anfang August, daß gerade die Zuschauer in Deutschland außergewöhnliches Interesse und eine große Verbundenheit mit Papst Benedikt XVI. empfinden. Mit seiner Art, auf die Menschen zuzugehen, hat das Oberhaupt der katholischen Kirche neue Brücken geschlagen. Das spiegelt sich auch in einem enormen Me-dieninteresse wider.“ Rund 30 ZDF-Kameras waren in München im Einsatz, in Marktl und Altötting sogar 40. Allein dort wurden rund 40 Kilometer Bild- und Tonkabel verlegt, 350 ZDF-Mitarbeiter waren im Einsatz. Mit knapp 500 Mitar-beitern aus Produktion, Redaktion und Technik sei der Umfang der Produktion größer als im vergangenen Jahr beim Weltjugendtag in Köln oder der Amtsein-führung Benedikts XVI. in Rom, teilte der Sender mit.

Mancher militante Laizist dürfte sich da schon genervt über „Privilegien“ der in den Rundfunkräten vertretenen Großkirchen geärgert haben – und erhielt von GKP-Mitglied Pater Eberhard von Gemmingen sogar ungewollte Schützenhilfe, als der bisweilen etwas übereifrig und unbedacht drauflos plaudernde Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan („Hoffentlich hört der Papst auf Professor Hans Maier und bildet ein Kabinett im Vatikan“) in der ARD erklärte, „90 Prozent der Leute“ interessierten sich ja eh nicht für den Papstbesuch. Be-denkt man hingegen, daß immer noch zwei Drittel der Deutschen zu einer Kirche gehören und 63 Prozent die Wahl „unseres Joseph Ratzinger“ (BILD) zum Papst begrüßten, den 55 Prozent als „echtes Vorbild und zu bewundernde Person“ betrachten und dessen erster Auftritt auf der Loggia des Petersdoms zum zweit-beliebtesten Bild der Deutschen nach dem Mauerfall avancierte, so dürften die Proportionen der Berichterstattung durchaus angemessen sein. Christian Geyer rechtfertigte und relativierte sie in der FAZ allerdings auch wieder durch den Hinweis, daß das öffentlich-rechtliche Fernsehen dem Heimatbesuch des deut-schen Pontifex ja nur „bereitwillig die Strecken einräumt, die auch Prinzenhoch-zeiten und anderen Glamour-Ereignissen zustehen“, und ironisierte die qualitati-ve Veränderung zu früher gleich mit: Ratzinger trete als „Verwandlungskünstler“ in Erscheinung, welcher nun „der ganz andere, die weiße Lichtgestalt“ sei, „der helle, die Welt umarmende Popstar, nicht mehr der Dunkelmann der Inquisition, auch nicht mehr der kalte Professor“.

Tatsächlich schwadronierten Moderatoren und TV-Experten auch in Bayern immer wieder – entgegen dem „Insider“-Votum Peter Seewalds, der Papst habe sich „vom Wesen her gar nicht verändert“ – über die „rätselhafte Verwandlung“ des hochdifferenzierten Startheologen. Ihn hatte das katholische „Publik-Forum“ noch vor wenigen Jahren in einem einzigen Artikel als „Hammer Gottes“, „Großinquisitor“, „Doktrinär“, „Reaktionär“ und „Glaubenspolizist“ vorgestellt, der mit „mephistophelischem Talent“, „bornierter Engstirnigkeit“ und „autoritä-rer Härte“ die Kirche „gesundschrumpfen“ wolle und dabei doch nur „seine eigenen Ängste nach außen projiziert“. Gegen solche haßerfüllten Tiraden be-zeugten jetzt die früher kaum gehörten Mitschüler und Lehrer, Pentlinger Nach-barn, Ministranten und Feuerwehrmänner, Regensburger Studenten und Profes-sorenkollegen den wirklichen, unveränderten Ratzinger. Etwa den, der als Münchner Erzbischof auf einen sehr kritischen, nur mit einer persönlichen Sym-pathiebekundung endenden Brief eines jungen Geistlichen überraschend geant-wortet hatte: „Ein Bischof braucht es wirklich, daß man es sagt, daß man ihn mag“. Die Pentlinger Feuerwehrleute erzählten dankbar, der Kardinal habe noch vor vier Jahren ihr neues Feuerwehrauto gesegnet – und exemplifizierten damit die anerkennende Einschätzung eines Kommentators: „Er hat die Kirche im Dorf gelassen.“ Der frühere Bürgermeister von Pentlingen faßte die Verehrung für den langjährigen Mitbürger in dem Satz zusammen: „Uns beeindruckt, daß er immer vorlebte, was er gepredigt hat.“ Ein Professor erinnerte sich an ein Gespräch mit dem Kollegen über das Mitschreiben der Studenten in der Vorlesung. Dem an-geblich so „verkopften“ Ratzinger sei etwas anderes viel wichtiger gewesen: „Wenn sie den Stift weglegen und Dich anschauen, dann hast Du ihr Herz be-rührt.“ Der ehemalige Präsident der Regensburger Universität, Professor Dieter Henrich, pries die Fähigkeit seines damaligen Vizepräsidenten, in schwierigen Senatssitzungen lange ruhig zuzuhören, selbst wenig zu reden, aber dann „durch Klarheit, zwingende Logik und natürliche Autorität“ imstande zu sein, eine Dis-kussion zu beenden: „Nach Ratzinger hat niemand mehr gesprochen“. Da sollte das „Roma locuta, causa finita“ doch leichter fallen.

Ganz unverdächtige Zeugen für die Autorität Roms präsentierte übrigens „3sat“ in einer Dokumentation am Vorabend des Papstbesuches. Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnete den Pontifex maximus als „Hüter der katholischen Souve-ränität“, die man angesichts in Jahrtausenden gewachsener „weltgeschichtlicher Perspektiven“ durchaus artikulieren dürfe. Der „katholischen Geduld“ entspre-chend müsse der Papst „eine sehr hohe Immunität gegen Ströme der Zeit aufwei-sen“. Der französisch-jüdische Philosoph Alain Finkielkraut sekundierte mit dem Satz: „Ich weiß nicht, wie man Papst sein kann, ohne konservativ zu sein. Denn es geht ja um die Bewahrung einer großen Tradition für alle Zeit“; auch sei Fort-schrittlichkeit nicht gleichzusetzen mit einer „Anpassung an den Zeitgeist“. Als Repräsentant des Staates meldete sich Bundestagspräsident Norbert Lammert in demselben TV-Beitrag zu Wort: Benedikt sei, anders als die Politiker, „nicht in der Verlegenheit, den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen. Auf Mehr-heiten kommt es da nicht an“; Joseph Ratzinger sei auch persönlich „ein wan-delndes Beispiel dafür“.

Kompetenz im BFS, „Nörgelthemen“ im ZDF

Das Bayerische Fernsehen (BFS) und auch die wesentlich vom ihm geprägte ARD-Berichterstattung vermittelten unter der Ägide von Siegmund Gottlieb und Peter Mezger wohl das freundlichste Bild des Papstes und seiner Aufnahme in der Heimat. Wesentlichen Anteil daran hatten die sachkundigen Kommentare von Peter Seewald, Martin Posselt, Abtprimas Notker Wolf und Professor Wer-ner Weidenfeld, der als Politologe auch die theologischen Botschaften Benedikts XVI. auf ihre wesentlichen Ideen und Motive hin transparent und verständlich machte und den schönen Begriff vom „Faszinosum der Demut“ prägte. Das BFS brachte fast rund um die Uhr neben den Gottesdienstübertragungen in Interviews die Anhänglichkeit und Verehrung des „einfachen Volkes“ und den Respekt der intellektuellen und politischen Eliten gegenüber Benedikt XVI. zum Ausdruck, leuchtete in Portraitsendungen die makellose Biographie Joseph Ratzingers aus und stellte eine launige „Münchener Runde“ mit Kardinal Kasper, Landesbi-schof Friedrich, Andreas Englisch und Fürstin Gloria zusammen. Darin stellte der Journalist und Bestseller-Autor den „Riesenerfolg“ Benedikts heraus, zu dessen Ansprachen mittwochs über 50.000 Menschen auf den Petersplatz ström-ten, weit mehr als unter Johannes Paul II. Der protestantische Landesbischof freute sich, daß der Papst in Altötting „christozentrisch“, „sehr vom Neuen Tes-tament her gepredigt“ habe – „Ich hätte vieles unterschreiben können.“ Im Blick auf das katholische Wallfahren hatte er auf „Phoenix“ sogar eingeräumt: „Da können wir uns was von abschneiden“; Maria spiele in der evangelischen Kirche noch „leider eine zu geringe Rolle.“ Friedrich zuckte nicht einmal zusammen, als Fürstin Gloria ihren Eindruck von Begegnungen mit Kardinal Ratzinger mit den Sätzen wiedergab: „Da redet der Heilige Geist“ und „Der ist ein Heiliger“. Kardinal Kasper wurde gefragt, welche Probleme der Kirche in Deutschland er dem Papst, wenn dieser seinen Rat suchte, als die wichtigsten nennen würde. Seine Antwort: Erstens die Weitergabe des Glaubens und die Katechese gegen die verbreitete Bekenntnisunfähigkeit, zweitens die Bindungsunfähigkeit, welche bei den geistlichen Berufen wie bei Ehe und Familie zum Ausdruck komme, und drittens die Gottesfrage sowie mit ihr verbundene Fundamentalfragen im Ver-hältnis von Glaube und Vernunft. Genau dies waren auch die Akzente Benedikts, ob mit oder ohne entsprechende Beratung (wahrscheinlich ohne).

Den Kontrapunkt zur freundlichen Begleitung des Bayernbesuchs durch den Heimatsender setzte, abgesehen vom geringen Interesse der Privatsender, die Michael Schumachers Zukunft wichtiger fanden, wohl das ZDF. Michaela Pil-ters, verantwortliche Reaktionsleiterin Kirche und Vorsitzende der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), ließ tief blicken mit ihrem taktlosen Lob, der Papstbesuch erschöpfe sich nicht in „bayerischer Tümelei und Frömmelei“. Eig-net sich die schöne und rare Tugend der Frömmigkeit, und sei es in verballhorn-ter „Steigerungsform“, als Schimpfwort? Wer dürfte das religiöse Gefühl anderer Menschen derart richten? Schimmerte hier nicht jener „Zynismus“ durch, den Benedikt XVI. als fehlende Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist, tadelte? Das ZDF-Mittagsmagazin vom Dienstag widmete dann den Querelen im Bistum Regensburg einen eigenen Beitrag, in dem neben Bischof Gerhard Ludwig Mül-ler nur die „bischofskritischen“ Laien, nicht aber Vertreter des neuen Diözesan-komitees zu Wort kamen. Daß Rom die kirchenrechtliche Position des Bischofs bestätigte, wurde unterschlagen, so daß der Eindruck einer Art „Putsch“ von oben gegen das gesamte Kirchenvolk hängen bleiben mußte. Im Interview nach den ökumenischen Aussichten des Papstbesuchs gefragt, hätte Pilters die ego-zentrisch-deutsche Verengung des Themas auf das Verhältnis zum Protestantis-mus aufbrechen, dem Anlaß unangemessene Übererwartungen dämpfen und überhaupt die allzu profane Vorstellung berichtigen können, eine jahrhunderteal-te Kirchenspaltung ließe sich durch autokratische Aktionen des Papstes im Inte-resse einer zügigen „Fusion“ überwinden – ganz abgesehen von der fast nie gestellten Frage eines Kapuzinerpaters in Altötting, wo denn bisher „die evange-lische Kirche auf die katholische zugegangen“ sei. Statt dessen wies die Vorsit-zende der katholischen Publizisten kleinlaut bedauernd auf die Begrüßungsreden am Flughafen hin: Das einzige, was sich da bisher „ein klein wenig bewegt“ habe, „verdanken wir Horst Köhler“.

Im „Heute-Journal“ am selben Abend unterstellte ein Beitrag von Barbara Lueg, Benedikt XVI. habe in Regensburg „kein offenes Ohr für die Laien“ gezeigt. Sie setzte den Schwerpunkt des Berichts auf die leer gebliebenen Parzellen des Islin-ger Feldes statt auf Inhalte der Papstpredigt, und als Kontrast zu dem trotzdem noch großen Zulauf zu der Messe folgte ein Extra-Beitrag über den Mitglieder-schwund katholischer Pfarrgemeinden, Kirchenumwidmungen und abgedrosche-ne Kirchenkritik. Strickmuster: Ein pensionierter Priester fordert die Abschaf-fung des Zölibats und eine verbitterte Katholikin zieht es vor, den Gottesdien¬sten, wenn überhaupt, am Radio statt im Fernsehen zu folgen, um von den Bil-dern einer „männerzentrierten“ Kirche verschont zu werden. Zu allem Überfluß brachte das ZDF-Mittagsmagazin am Mittwoch dann auch noch einen zweiten Aufguß dieses Beitrags mit etwas variierten O-Tönen. Der Donnerstag komplet-tierte die Miesmacher-Serie durch ein Interview, das den programmierten Ver-druß des sich unfehlbar gerierenden „Gegenpapstes“ Hans Küng abrief.

Als Einzelleistung im Wettbewerb der Miesmacher schoß allerdings eine vom Hessischen Rundfunk gelieferte Reportage der ARD den Vogel ab: „Benedikt backstage. Beobachtungen am Rande eines frommen Staatsbesuchs“ von Tilman Jens. Eine 30 Minuten lange Aneinanderreihung süffisanter bis ätzender Invekti-ven gegen unangemessene Kosten und Umstände und ein „Zuviel an Untertänig-keit“ – bar jeden Einfühlungsvermögens für das, was der Besuch für Millionen von Menschen an geistigen, moralischen und emotionalen Werten schuf. Zehn Millionen Euro seien für den „aufwendigen Staatsbesuch“ ausgegeben worden. Wenn Benedikt abgeflogen sei, könne man sich hier endlich „wieder auf republi-kanische Tugenden besinnen“.

Verkehrte Fronten: Papstkritik in der FAZ, Lob im „Stern“

Unzufrieden mit Benedikt XVI. zeigten sich auch einige meinungsführende Printmedien, wobei es durchaus zu überraschenden Positionswechseln kam. Der linksliberale „Stern“ begrüßte Benedikt überaus freundlich mit der Titelgeschich-te „Papa ante Portas. Der nette Hardliner aus Altötting“. Zwar habe – so der Titel – „der Frontmann Gottes“ seine bisherige Haltung bewahrt: „klar, konservativ, konsequent“. Doch habe „Joseph Superstar“ inzwischen auch viele seiner einsti-gen Kritiker überzeugt: „Früher schwärmten nur Connaisseure von den ,süffigen Texten’ des Kardinals Ratzinger (so hatte sich Hans Magnus Enzensberger ein-mal ausgedrückt; d. Verf.). Jetzt, Dio mio, lesen Millionen das süffige 70-Seiten-Bändchen über Liebe, Eros, Agape und Sex. Und manche Sätze klingen dabei so, als habe Nena sie geschrieben. ,Liebe ist niemals fertig’, steht da. Oder: ;Sie will nicht mehr sich selbst – das Versinken in der Trunkenheit des Glücks – ja, sie will es“, notierte Benedikt in Steno an seinem Schreibtisch auf der 3. Loggia“. Die Ansprachen „des Mannes, der nie ein Maximal-Pontifex werden wollte, sind Oblaten fürs Volk. Kleine Katechesen, einfach zu schlucken, biblische Unterwei-sungen. Egal, ob er sie in fließendem Italienisch, in Französisch, auf Deutsch, Polnisch oder in dem leichten Englisch aufsagt, das er gelernt hat – das Schöne ist: Jeder begreift sofort, worum es geht. Der da oben ist kein Buchhalter-Gott, will er sagen, und ihr seid keine mißglückten Evolutionsprodukte. Ihr seid Ab-bilder Gottes – also, liebe Christenkinder, benehmt euch auch so.“

Seinen üblichen Zynismus in Sachen Kirche übte dagegen der „Spiegel“. Vorab fiel ihm nichts Originelleres ein, als eine „Dr. Lieschen Müller“-Version dessen zu bringen, was die Boulevard-Berichte für Lieschen Müller allenthalben aus-breiteten. Unter dem Titel: „Heiliger Trödel. Vor der Papst-Visite in Bayern wird das Oberhaupt vermarktet wie noch nie. Mit offiziellen Fan-Artikeln will die Kirche vom Benedikt-Hype profitieren“ (Nr. 36/06) kritisierten Alexander Lin-den und Peter Wensierski: „Als hätte Ratzingers Dienstherr – Jesus Christus – niemals die Händler aus dem Tempel vertrieben, mischt die katholische Kirche bei dem Schacher ganz kräftig mit.“ Nach dem Besuch titelte das linke Leitme-dium demonstrativ ignorant: „Der Papst war da – na und?“. Erst als die – nicht nur islamischen – Reaktionen in aller Welt die Bedeutung von Amt, Person und Botschaft des Papstes unterstrichen, stieg das linke Leitmedium mit einer eige-nen, von zehn (!) Autoren geschriebenen, 17 Seiten langen Titelgeschichte „Papst contra Mohammed“ (Nr. 38/06) groß ein, in die auch ein Interview mit Kardinal Kasper aufgenommen wurde. Fazit einer in der Geschichte des Aug-stein-Blattes wohl einmalig um Verständnis bemühten Exegese eines theolo-gisch-philosophischen Textes: „Die Argumentation des Papstes ist imponierend und schlüssig“ – und: „Der Papst hat Recht, wenn er Naturwissenschaftlern vor-wirft, sie würden die rationale ,Korrespondenz’ zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden Strukturen ,einfach als Gegebenheit annehmen’; und die darüber hinausgehende Frage vergessen, ,warum dies so ist’“. Nur daß Benedikt beanspruche, „die einzig triftige Antwort auf diese Frage vorgeben“ und „die christliche Religion (...) ihrer alten ,gemeinschaftsbildenden Kraft’ zuführen zu können“, hielten die „Spiegel“-Redakteure dann doch für falsch.

Viel verständiger und freundlicher zeigte sich manche überregionale Tageszei-tung unter der Federführung katholischer Journalisten nicht. In der Süddeutschen Zeitung, die allerdings dem Rang des Ereignisses vom Umfang der Berichterstat-tung her am ehesten gerecht wurde, präsentierte Joachim Käppner den deutschen Pontifex als „Bewahrer auch von vielem, was überfälligen Reformen den Weg versperrt“; Hermann Unterstöger handelte dessen Predigt zur Rolle Marias unter dem subtil despektierlichen, intellektuell „naserümpfenden“ Titel: „Schwelgen im Altöttinger Gefühl“ ab; und GKP-Mitglied Matthias Drobinski machte aus seinen Präferenzen für eine zeitgeistkonformere Predigt keinen Hehl: „Der Papst hätte zum Beispiel auch über starke Frauen reden können. Oder, dem Jahrestag entsprechend, vom 11. September 2001“. FAZ-Redakteur Daniel Deckers (eben-falls GKP-Mitglied) gewann die Journalistenkonkurrenz in der Kategorie „Hyb-ris – oder: Wäre ich Papst“, indem er Benedikt XVI. im Sender „Phoenix“ vor-hielt, seine in der Münchener Predigt geäußerte Kritik am glaubensschwachen deutschen Katholizismus sei „zu kurz gegriffen (...). Ich hätte die deutschen Katholiken ermutigt, die eigenen Glaubensspuren sichtbar zu machen. (...) Ich bin mir nicht sicher, daß er weiß, was sich in Deutschland abspielt.“ Die Bi-schofskonferenz habe zum Beispiel 2005 das Papier „Missionarisch Kirche sein“ veröffentlicht – als wenn damit die vom Papst monierten kirchlichen Defizite schon beseitigt seien. Besser kann man den betriebsblinden, verlautbarungsfi-xierten Papierglauben einer Funktionärskirche samt ihrer medialen Sprachrohre wohl kaum illustrieren. Zudem kritisierte der journalistische Vertraute von Kar-dinal Lehmann – welcher zur päpstlichen Ermahnung Deckers-kongruent meinte: „Das wissen wir schon lange“ –, daß eine Begegnung mit den Bischöfen über Bayern hinaus, mit dem Zentralkomitee, dem Rat der EKD sowie mit der „mar-ginalisierten“ Jugend fehle. Freilich ohne zu sagen, welchen Termin in dem dicht gedrängten Programm man dafür hätte streichen sollen, und ohne die entspre-chenden Treffen 2005 in Köln zu berücksichtigen. Deckers verstieg sich in ei-nem FAZ-Artikel vom 14.9. sogar zu der Behauptung: „Die von Johannes Paul II. begründete Tradition der Weltjugendtage scheint sich Benedikt XVI. nicht als so wegweisend eingeprägt zu haben“; sie sei, obwohl einst „zum Herzstück der missionarischen Anstrengungen der katholischen Kirche erklärt, unter Benedikt XVI. in den Hintergrund getreten“. Der Generalsekretär des Weltjugendtags, Heiner Koch, inzwischen Kölner Weihbischof, stellte daraufhin in einem Brief an die Herausgeber (22.9.) klar, „die Inhalte des Weltjugendtages (seien) in den Predigten von Papst Benedikt XVI. immer wieder angeklungen, etwa die Gottes-frage, die Anbetung und die Sorge um die Verkündigung des Evangeliums an junge Menschen“. Deckers Schlußfolgerungen aus der Tatsache, daß es während der Bayern-Reise keine spezifischen Begegnungen mit den Jugendlichen und mit den Bischöfen gegeben habe, seien „sehr wagemutig. Seit dem Weltjugendtag hat sich Papst Benedikt XVI. in vielen Ansprachen und Predigten auf den Welt-jugendtag bezogen. Vermehrt wurde sogar der Verdacht geäußert, hier würde eine ,Weltjugendtags-Nostalgie’ gepflegt“; da es hingegen „um die Verkündi-gung des Evangeliums an junge Menschen gehe, war es vielleicht doch klug, sich nun nicht wiederum auf den Weltjugendtag in Köln zu beziehen“.

Warum der FAZ-Redakteur mit derart unsinnigen Argumenten eine Lanze für „die Jugend“ in Gestalt des BDKJ brach, ließ schon sein ganzseitiger Artikel auf der Seite drei (11.9.) erahnen. Unter dem Titel: „Das Kreuz der Jugend. Die Begeisterung für Benedikt XVI. kann die Sorgen der jungen Leute nicht ver-drängen“ schwelgte der Kirchenredakteur zunächst breit in Erinnerungen an einen Vorfall beim Besuch Johannes Pauls II. im November 1980 in München: „Ängstlich halte die Kirche an den bestehenden Verhältnissen fest, sagt die Vor-sitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum München und Freising dem Papst beim Ende eines Gottesdienstes mit einer hal-ben Million Teilnehmern ins Gesicht. In der Ökumene stelle sie wieder mehr die Unterschiede zwischen beiden Konfessionen heraus als die Gemeinsamkeiten. Auch auf die Fragen der Jugend habe die Kirche keine rechten Antworten. The-men wie Freundschaft, Sexualität und Partnerschaft seien zu sehr mit Verboten besetzt. Kaum verstehen könnten viele Jugendliche, warum die Kirche trotz des Mangels an Jugendseelsorgern unumstößlich an der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit festhalte und Frauen nicht stärker am kirchlichen Amt beteilige. Johannes Paul II. verzieht keine Miene und schweigt. Joseph Kardinal Ratzinger, der gastgebende Erzbischof von München und Freising, gibt das Signal, die Münchener Theresienwiese so schnell wie möglich zu verlassen“. Ratzinger als Feigling, der schon damals die Jugend floh, und der fast komplette „Reform-“ oder besser Protestantisierungs-Katalog von „Wir sind Kirche“ – da ahnt man, warum Deckers es bedauert, „daß in diesen Tagen keine Begegnung von Vertre-tern der Jugend mit dem Papst geplant sei, geschweige ein Gespräch, nicht ein-mal ein Gottesdienst, zu dem die Jugend besonders eingeladen wäre“. Zu schön wäre eine Neuauflage jenes „Eklats“ gewesen, den der heutige Redakteur damals im BDKJ-Alter erlebte, und der wohl auch jetzt seine eigenen Gravamina zum Ausdruck gebracht hätte. Doch habe „manch einer in diesen Tagen wissen“ wol-len, daß genau dies, motiviert durch „vorbeugende Gefahrenabwehr“, durch die Programmgestaltung „vermieden werden sollte“. Eine schon deshalb unsinnige Unterstellung, weil der Papst die ausgiebige Begegnung mit der – zum großen Teil auch deutschen – Jugend in Köln dann ebenfalls hätte scheuen müssen.

„Wie sich bereits beim Weltjugendtag im vergangenen Jahr gezeigt hat, ist der Papst, insbesondere für die Jugend, in der das Bedürfnis nach geistiger Orientie-rung stetig wächst, eine große moralische Autorität“, hatte dagegen schon der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Missfelder, in einer Pressemitteilung am Vorabend des Papstbesuchs verlautbaren lassen. Auch die auf „Phoenix“ inter-viewten Jugendlichen der „Generation Benedikt“ waren ganz anderer Meinung als ihr journalistischer Vormund. Daß die Zeit für ein erneutes Extra-Treffen mit dem Papst fehlte, sei „gar kein Problem“. Auf jeder Station seines Heimatbe-suchs waren ihre enthusiastischen „Be-ne-det-to“-Rufe wieder zu hören. Und sie werden der Weltöffentlichkeit länger in den Ohren klingen als der graue Nörgel-ton deutsch-katholischer „Kirchenexperten“ – auch wenn diese, wie Torsten Thissen in einem mißmutigen Artikel der „Welt“ vom 28.8. („Kommerz statt Katechese“), diese Jugendlichen kurzerhand bevormundend für ihre eigenen fixen Ideen vereinnahmen: „Die meisten der ,Benedetto, Benedetto’-Rufer der Tage von Köln scherten sich in den Nächten nicht um Pillenverbot oder Enthalt-samkeit und benutzten selbstverständlich Kondome, wenn sie miteinander schlie-fen“. So genau wußte das bisher nur Karl Kardinal Lehmann, der in einem FAZ-Interview vom 31.7.2005 geäußert hatte: „Die Mädchen auf dem Petersplatz, die dem Papst zujubeln, haben die Pille in der Tasche: Das wissen wir schon lange.“ Wenig später wurde er erneut zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonfe-renz gewählt.

Apropos „Benedetto“: Von der Versuchung, die langen Zeitstrecken bei den Live-Übertragungen irgendwie redend zu überbrücken und dabei in Kaffeesatz-leserei zu verfallen, blieb auch KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel nicht gefeit. Er fand „bemerkenswert“ und insofern erklärungsbedürftig, daß es „kei-nen deutschen Schlachtruf wie Benedetto“ gebe. Welche weitreichenden Schlüs-se er daraus auch gezogen haben mag, am wahrscheinlichsten bleibt immer noch die einfache Erklärung, daß sich die chronologisch originäre, naturgemäß italie-nische Namensartikulation grenzüberschreitend durchgesetzt hat, zumal sie sich mit ihrem eingängigen Vier-Silben-Rhythmus objektiv besser zum Skandieren eignet als ein hölzernes deutsches „Be-ne-dikt“.

Resonanz auf das „Regensburger Manifest“

Nicht das ungeklärte Verhältnis katholischer Journalisten zur jugendlichen Papstbegeisterung oder deutscher Bischöfe zur Sexualmoral, sondern das unge-klärte Verhältnis des Islam zur Gewalt führte schließlich noch zu jenem Eklat, der des Papstes Rede an der Universität Regensburg zum wahrscheinlich meist-gelesenen Text des Jahres, ja wahrscheinlich des Jahrzehnts avancieren ließ. Nebenbei: „N-TV“ fand die „Predigt“ (sic) unter anderem deshalb so brisant, weil des Papstes Worte ja für Katholiken „unfehlbar“ seien – und entschied da-mit die Medienkonkurrenz in der Kategorie Inkompetenz eindeutig für sich. Während der omnipräsente Pater Eberhard von Gemmingen in der SWR-Talkshow: „Der Papst und die Muslime. Droht uns ein Religionskrieg“ (21.9.) meinte, das umstrittene Zitat sei doch „nicht nötig“ gewesen und Antje Vollmer Ratzingers „Wissenschaftlereitelkeit“ am Werk sah und spekulierte: „Das wäre dem Vorgänger nie passiert“, erinnerte „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer die kleinmütige Runde daran, daß auch bei den islamischen Angriffen gegen Rushdie und van Gogh leisetreterische Allesversteher im Westen in ein be¬schwichtigendes „Mußte der denn auch.....“ verfallen waren. Weimer stellte klar, daß interessierte Kräfte den Papst offensichtlich „mißverstehen wollten“, um die Rede politisch instrumentalisieren zu können. Der Djihadismus führe einen poli-tischen Kampf, der unsere Zitationsfreiheit nicht einschränken dürfe. „Die Zeit“, die vom Papstbesuch in der Woche zuvor nur auf einer der hinteren Seiten mit einem einzigen Artikel Notiz genommen hatte, verteidigte nun im Leitartikel die Meinungsfreiheit des Pontifex, und in der Süddeutschen Zeitung (18.9.) kom-mentierte Stefan Ulrich, allzu viele Muslime hätten sich „bei ihren maßlosen Protesten in den vergangenen Tagen verhalten, als ob sie bestätigen wollten, was der Papst gar nicht gesagt hat: Sie benahmen sich, als sei der Islam eine aggres-sive, gewalttätige Religion. (...) Doch auch der Westen muß einiges lernen. Man-che seiner Meinungsführer, die dem Papst jedwede Kritik am Islam verbieten wollen, glauben offenbar, man müsse die Muslime wie tobsüchtige Kinder be-handeln, die man ja nicht reizen dürfe.“

Alles in allem überwogen aber wohl doch – jedenfalls in der überregionalen Presse – die publizistischen Parteinahmen für den Papst und die Zurechtweisun-gen „des islamischen Mobs“, dessen „wie auf Kommando aufflammender Pro-test“ für Thomas Schmid von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (17.9.) zeigte, „daß der immer wieder beschworene Dialog der Religionen zur Zeit nichts taugt. Auf Konferenzen und Podien werden die immergleichen Plati-tüden ausgetauscht. Und während man sich im Westen – wie an vielen aktuellen Kommentaren abzulesen – gerne in Selbstkritik übt, reklamieren die meisten Muslime noch für die törichtsten Vorbehalte gegenüber dem Christentum Ver-ständnis“; es liege „der Geruch von Krieg in der Luft. Da macht es nicht beson-ders froh, daß der Denker Benedikt XVI. im Westen nicht den Rückhalt be-kommt, den er – auch um unserer Selbstvergewisserung willen – verdiente. Es müßte eine selbstverständliche Pflicht sein, Joseph Ratzingers Recht auf kriti-sche Worte über den Islam zu verteidigen. Doch viele derer, die gerne die Fackel der Aufklärung tragen, sagen nun, der Papst hätte lieber versöhnlich schweigen sollen. Verkehrte Welt: Der Gottesmann plädiert für die Vernunft, und die Auf-klärer geben dem Dunkel des Kritikverbots den Vorzug. Und am Ende bedauert der Papst.“

Ähnliche, schon im Titel kämpferische Entschlossenheit signalisierende Plädoy-ers erschienen auch in der „Welt“ (23.9.) mit Anne Applebaums Leitartikel „Es reicht“, und in der FAZ (16.9.) mit dem Kommentar „So nicht“. Christian Geyer fragte darin: „Was zeigt mehr als diese völlig unverhältnismäßigen Reaktionen, daß hier das richtige Thema angeschnitten wurde?“ und fand, die scharfmacheri-schen Töne aus der islamischen Welt verdeutlichten „ganz klar: daß der Papst in Regensburg nicht als Anwalt irgendwelcher partikularer kirchlicher Sonderinte-ressen auftrat, sondern als Anwalt der säkularen westlichen Welt.“ Die leider im muslimischen Protestgeschrei fast untergegangene Selbstkritik, zu der „das Re-gensburger Manifest“ (Heinz Joachim Fischer in der FAZ vom 14.9.) weniger die Muslime als den Westen aufforderte, verfolgte – so Geyer – „dieses eine Ziel: eine Kultur der Freiheit, die sich nicht im Griff von Pathologien religiöser oder säkularer Mächte ruinieren lassen darf.“ Gegen die wohl häufigste Kritik von Kommentatoren, wer die Gewalt des Islam mit einer mittelalterlichen Quelle thematisiere, dürfe über die mittelalterlichen Gewaltexzesse des Christentums nicht schweigen, zog der Feuilletonist „die Bremse für Retourkutschen: Die Gewaltgeschichte des Christentums ist allem Anschein nach abgeschlossen. In der Gewaltgeschichte des Islam stecken wir mittendrin.“ Belege lieferte ein lan-ger Leitartikel von Egon Flaig gleich nebenan: „Der Islam will die Welterobe-rung. Die Kriegsregeln sind flexibel, das Kriegsziel bleibt: Mohammeds kämpfe-rische Religion.“ Hiergegen trete das Christentum, so Geyer unter der Fragestel-lung: „Was genau bietet Ratzinger gegen den Islamismus auf?“ (14.9.), schon gar nicht mehr „im Zeichen der Wahrheit an, sondern im Zeichen der Therapie. Als Gegengift“ – welches vom Papst genauso gegen den „Atheismus als Sicher-heitsrisiko“ verordnet worden sei.

Hierin bestand übrigens gerade die Brücke, die der Pontifex zu den Moslems geschlagen hatte und die im Interview eines Geistlichen der islamischen Ge-meinde München-Innenstadt auf „Phoenix“ (10.9.) ihre Bestätigung fand. Der kommentierte den massenhaften Christenauflauf nämlich ganz positiv: „Weil die Leute hier gläubig sind, haben sie auch mehr Verständnis für uns“. In der Tat ergab eine dimap-Umfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (2002) beispielsweise, daß Katholiken mit 71 Prozent überdurchschnittlich der Meinung sind, „die in Deutschland lebenden Muslime sollten ihre Religion ohne Ein-schränkungen ausüben können“ (Protestanten: 63%, Ausgetretene: 59%); eine Zweidrittelmehrheit der Katholiken, aber nur die Hälfte der Protestanten und Konfessionslosen befürworteten, daß „muslimische Kinder islamischen Religi-onsunterricht in deutscher Sprache erhalten“ sollten.

Auf die Perspektive der Moslems wies auch Matthias Matussek hin, der den Papst mit seinem Kommentar: „Das große Mißverständnis“ für „Spiegel online“ (16.9.) verteidigte. Einer Kritik der „Grünen“-Chefin an Benedikt hielt er entge-gen: „Claudia Roths Invektiven waren gegen eine Predigt gerichtet, in der der Papst gegen die Profanisierungen der Moderne sprach und gegen einen ‚Zynis-mus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht’. Schon dieser mahnende Hinweis auf Respekt allen Religionen gegenüber genügte unserer grünen Krawallnudel, in höchste Wallung zu geraten. Womit wiederum belegt wäre, wie recht der Papst hatte, als er seinen Landsleuten ‚religiöse Schwerhö-rigkeit’ attestierte. Allerdings gilt das längst nicht nur für Claudia Roth. Schauen wir uns genauer um. Schauen wir uns diejenigen an, die sich bei uns als Gläubi-ge bezeichnen, und schauen wir mit den Augen eines gläubigen Moslems, für den Religion auch immer Ausübung bestimmter Vorschriften bedeutet. (...) Also, wie sieht es bei unseren Katholiken aus, mit Kirchgang, Gebeten, Kommunion, Beichte? Könnte es sein, daß sie vom Islam lernen können? (...) Was soll denn das für eine Religion sein, würde sich unser Moslem fragen und mit wachsendem Erstaunen zuhören. Was nehmen die denn überhaupt ernst, wenn sie noch nicht mal das Heiligste ernst nehmen? (...) ‚Eine Religionsgemeinschaft, die alle sicht-baren Sitten aufgibt, gerät in eine schwache Lage’, sagte der Philosoph Robert Spaemann jüngst in einem Spiegel-Gespräch. Unser Moslem jedenfalls würde kopfschüttelnd weiterziehen und den Papst verstehen, der von seinen Landsleu-ten einen Ruck gefordert hat.“

Publizistische Verantwortung für die Mission des Papstes

Hat Benedikts Besuch nun zu einem solchen „Ruck“ beigetragen? Man könnte darauf zunächst mit den Worten des Rektors der Regensburger Universität, Alf Zimmer, antworten. Vor der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft am 24. September setzte der soeben von einer USA-Reise zurückgekehrte Psycholo-gieprofessor einer Einlassung der katholischen Ex-Außenministerin Madeleine Albright, auch der Papst solle die Souveränität haben zu sagen „I’m sorry“, ent-gegen: „Ich bin dankbar, daß diese Rede gehalten worden ist. Ich bin traurig, daß sie reduziert wurde. Und ich bin sicher, daß sie ihre Wirkung in der Zeit haben wird.“

Im weiteren Sinne: Seien wir dankbar für diesen Besuch – und bei aller Traurig-keit darüber, daß seine Botschaften schließlich derart auf ein Thema verengt wurden, doch zuversichtlich, daß sie ihre Wirkung in der Zeit haben werden. Immerhin eines hat Benedikt erreicht: Daß (1.) der deutsche Katholizismus sich über einige wesentlichere Themen Gedanken zu machen beginnt als jene jahr-zehntelang fruchtlos traktierten Nabelschau-Themen der Kirchenordnung und der Sexualmoral, die gegenüber der globalen Herausforderung durch die Patho-logie einer expandierenden Weltreligion sowie einen nicht minder risikoreichen Massenatheismus – die Konfessionslosen bilden mit 32 Prozent inzwischen eine relative Mehrheit in Deutschland und in etlichen Großstädten schon die absolute – zu Recht verblassen. Er hat (2.) über die Kirchengrenzen hinaus eine notwen-dige, breite gesellschaftliche Diskussion, ja eine Weltdiskussion über „Glaube, Vernunft und Gewalt“ angestoßen und sich (3.) hierbei als Repräsentant unserer – wenn auch weitgehend säkularisierten – christlichen Kultur positioniert, hinter dem sich durchaus auch Evangelische, Orthodoxe und „religiös unmusikalische“, der Aufklärung verpflichtete Intellektuelle versammeln können. „Der Papst geht auf’s Elementare“ (Christian Geyer) und hat „die schreckliche Bilanz des Glau-bens in Deutschland“ nicht so sehr, wie Eugen Biser in einem TV-Interview meinte, „mit traurigen Augen“, sondern mit gütigen Blicken, Gesten und Worten als Aufgabe für sich selbst angenommen und sie vielen Menschen im ermatteten deutschen Katholizismus bewußt gemacht.

„Das theologische Niveau meines Pontifikats habe ich allein dem Kardinal Rat-zinger zu verdanken“, zitierte der „Stern“ eine Äußerung Johannes Pauls II. gegenüber Kardinal Meisner. Daß sich dieses Niveau nun sichtbarer als früher mit einem „Faszinosum der Demut“ (Weidenfeld) und großer Menschenfreund-lichkeit verbindet, macht das historische Geschenk des Konklaves von 2005 und der beiden Heimatbesuche des deutschen Papstes aus. „Bitte, betet auch zuhause miteinander, und geht sonntags zusammen mit den Kindern zur Kirche“ hat der weise, weiße Menschenfischer den Familien im Liebfrauendom und Millionen Zuschauern an den Bildschirmen fast flehentlich zugerufen. „Bitte“, möchte man den katholischen Publizisten Deutschlands am Ende dieses notwendigerweise lückenhaften „Medienspiegels“ zurufen, „seid Euch des Ernstes der Lage und eurer Mitverantwortung für den Erfolg der päpstlichen Mission bewußt.“

Dr. phil. Andreas Püttmann aus Bonn ist Politikwissenschaftler, Publizist und Lehrbeauftragter an der Gustav-Siewerth-Akademie in Weilheim-Bierbronnen.

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