Jahrgang 59
Nr. 6/2005 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Wolfgang Spindler

In Schmitts Welt

Carl Schmitt in der deutschsprachigen Literatur

Zwanzig Jahre nach seinem Tod geht ohne ihn nichts mehr. Ob sozialwissen-schaftliches Nachwuchsseminar oder politisches Feuilleton: Wer auf sich hält, argumentiert mit Carl Schmitt (1888 bis 1985) oder gegen Carl Schmitt. Tertium non datur. Wer seine Themen und Thesen nicht wenigstens schemenhaft kennt, bewegt sich nicht auf der Höhe der Zeit. Wehrhafte Demokratie, Parteienstaat, Schurkenstaat, Friedensmission, 11. September 2003, Afghanistan-, Irak-, ge-rechter und Weltbürgerkrieg, politische Religion, Selbstmordattentate, Terrorbe-kämpfung, Guantánamo: Über den öffentlichen Debatten, die sich an diesen Stichworten entlangbewegen, schwebt der Name des berühmt-berüchtigten Ver-fassungs- und Völkerrechtslehrers aus Plettenberg. Schmitt hat innenpolitische, europäische und globale Entwicklungen und Konflikte vorausgesehen, die seit dem Ende des „Kalten Krieges“ mit aller Wucht hervortreten. Um sie analysieren und benennen zu können, wird auf das Instrumentarium seiner Begriffe und Unterscheidungen, allen voran auf die von Freund und Feind, Ausnahmezustand und Entscheidung, zurückgegriffen. Die folgenden Ausführungen wollen einen Überblick über einige wichtige Neuerscheinungen der letzten Jahre zu Carl Schmitt geben. Sie spiegeln den Verlauf der Diskussion wider. Aus Zweckmäs¬sigkeitsgründen beschränkt sich der Beitrag auf die deutschsprachige Literatur.

I. Zugänge: Bibliographie und Werkeinführung

1. Wie sich zurechtfinden? Nachdem die bibliographischen Recherchen des unermüdlichen Carl-Schmitt-Forschers Piet Tommissen auf verschiedene Publi-kationen verstreut und zudem in die Jahre gekommen waren1, hat der bekannte französische Rechtsintellektuelle Alain de Benoist ein aktuelles Werkverzeichnis erstellt: Carl Schmitt. Bibliographie seiner Schriften und Korrespondenzen, Berlin: Akademie Verlag, 2003, 142 S. Hier finden sich alle Bücher, Broschü-ren, Aufsätze, Artikel, Rezensionen und Sammelbände, die von Schmitt bis dato erschienen sind, in chronologischer Anordnung. Das besondere Verdienst dieser Zusammenstellung besteht darin, daß nicht nur die zahlreichen autorisierten (Teil-)Übersetzungen der Monographien und ausländischen Aufsatzsammlungen berücksichtigt sind, sondern auch die – vor allem in osteuropäischen Ländern und in Mexiko – angefertigten „Raubdrucke“, die zum Teil auch im Internet kursieren. Nicht erfaßt ist die Sekundärliteratur. Deren „zusammenfassende Veröffentlichung“ – mehr wird ob der schieren Masse nicht möglich sein – be-hält sich der Herausgeber für einen späteren Zeitpunkt vor. Tommissen hatte bereits Ende der siebziger Jahre, also noch vor der effusiven Schmitt-Rezeption, über 1600 Titel erfaßt. Allein zwischen 1996 und 2002 sind mehr als 85 Mono-graphien über Carl Schmitt hinzugekommen, also im Schnitt ein Buch pro Mo-nat. Immerhin hat Benoist in seiner kurzen Einleitung diejenigen Studien aufge-listet, die sich mit der Rezeption des Staatsrechtlers in Italien, Spanien, Latein-amerika, Portugal, Brasilien, Japan, Korea, Frankreich und im angelsächsichen Sprachraum beschäftigen. Allen, die sich „in Schmitts Welt“ bewegen wollen, wird die Bibliographie ein zuverlässiger Kompaß sein.

2. Der Zugang zu Schmitt wird dadurch erschwert, daß es an unvoreingenomme-nen Darstellungen seiner Lehre mangelt. Eine erfreuliche Ausnahme bildet das Buch des Luxemburger Ethikers Norbert Campagna: Carl Schmitt. Eine Ein-führung, Berlin: Parerga Verlag, 2004, 333 S. Campagna liest Schmitt als politischen Klassiker, den er mit Machiavelli, Hobbes, Bodin, Montesquieu, Locke, James und John Stuart Mill, Tocqueville, Laboulaye und anderen in Be-ziehung setzt. Sah sich Günther Maschke vor Jahren veranlaßt, eine ins Eschato-logische und Philosophisch-Spekulative abdriftende Schmitt-Exegese an den zeitgeschichtlichen „Sitz im Leben“ zu erinnern2, dreht Campagna den Spieß wieder um; jedoch nicht, um abermals Randständiges aufzublasen, sondern um „fundamentale philosophische Fragen der Politik und des Rechts“ anzusprechen. Über die geschichtlichen Ereignisse hinaus geht es ihm um die staats- und rechtsphilosophische Konzeptionalisierung dieser Ereignisse durch Carl Schmitt (130). Besonders berücksichtigt er die meist vernachlässigten Aufsätze Schmitts. Anders als eine Einführung erwarten läßt, begnügt sich Campagna nicht mit oberflächlichen Skizzen und Allgemeinplätzen der Schmitt-Interpretation. Viel-mehr geht er Schmitts Argumenten teilweise bis in die kleinsten Verästelungen nach. Frei von apologetischen Motiven will er Schmitt wirklich verstehen und seine Intentionen exakt herausarbeiten. Schmitt, den er als demokratischen Neo-absolutisten kennzeichnet (203. 291), gehe es nicht darum, „ein tausendjähriges Reich zu etablieren, noch darum, die Juden zu vernichten, sondern es geht ihm darum, die Gefahr des Bürgerkriegs zu bannen“ (125). Schmitts Grundsorge sei, ein „ethisches Minimum in den politischen Beziehungen zu bewahren, wobei das Recht dieses Minimum verkörpern soll“ (9). Auch wo „der andere“ (Volk, Staat oder Mensch) zum Feind werde, stehe bei Schmitt „die Bewahrung des Respekts vor dem Feind im Mittelpunkt“ (207). Gerade der systematische Verzicht auf die moralische Bewertung des Feindes, die ihn zum „Verbrecher“ abstempelt3, ver-folge das Grundanliegen, „den Frieden zu ermöglichen oder doch zumindest den Krieg zu hegen“ (248). Die üblichen Aufgeregtheiten und Empörungsgesten vieler Schmitt-Interpreten ersetzt der Verfasser durch klare Analysen und sachli-che Kritik. Letztere wird leider oft nur angedeutet, etwa wenn er Schmitts Libera-lismuskritik eines „übertriebenen Holismus“ (113) zeiht.

Campagna ist recht zu geben, wenn er bei Schmitt einen Relativismus konsta-tiert. Wenn das Existenz-Recht eines Regimes bereits aus dem verwirklichten Willen zur politischen Einheitsbildung folgt, dann fehlt ein inhaltliches Kriteri-um, um die Legitimität, etwa des NS-Staates, in Frage stellen zu können (136f.). Selten bekommt man heute so klar zu lesen, in welchem prinzipiellen Gegensatz Demokratie und Liberalismus zueinander stehen. Deutlicher noch als Schmitt betont Campagna den absoluten Immanentismus der Demokratie, während der Liberalismus ohne Rückgriff auf eine irgendwie geartete Transzendenz nicht begründetet werden kann. Beides muß dem liberaldemokratischen Normaldispo-sitiv, das Campagna bereits in Weimar als gescheitert ansieht, fremd vorkom-men. Schmitts Begriffe und Unterscheidungen dienen dem Autor jenseits ihrer historischen Entstehungsbedingungen als hervorragende Analyseinstrumente (55. 91). Mit ihrer Hilfe ließen sich auch aktuelle Staats-, Verfassungs- und Kriegs(völker)rechtsprobleme begreifen. Ein Exkurs widmet sich dem Nato-Angriff im Kosovo. Campagna hält mit seiner an Schmitt geschulten Kritik der USA und ihrer Verbündeten nicht hinterm Berg. Doch die Frage, ob man in Schmitts Schriften „mehr [findet] als lediglich Mittel, um die Menschenrechts-rhetorik ... als das zu identifizieren, was sie in Wirklichkeit ist, d. h. eine Fassade für eine imperialistische Politik“, glaubt er verneinen zu müssen. Hier wünschte man sich eine ausführlichere Begründung, statt nur einen „totalen“ Krieg um den „neuen Nomos der Erde“ an die Wand zu malen (257 f.). An solchen Stellen seines Buches scheint sich Campagna zu erinnern, daß er nur eine „Einführung“ schreiben wollte. Er hat aber weit mehr geleistet.

II. Biographische Kontexte, Briefwechsel und Tagebücher

1. Lange Zeit war Schmitts praktisches Wirken als Lehrer des Staatsrechts aus-geklammert. Diese Lücke scheint sich langsam zu schließen. Durch den Rück-griff auf die Quellen und die konsequente Kontextualisierung mit der Zeitge-schichte, insbesondere der Weimarer Republik und der NS-Zeit, lassen sich ahistorische Verabsolutierungen4 seiner meist auf konkrete politische Lagen und juristische Fragen antwortenden Positionen und Begriffe vermeiden.

Diesen Weg nimmt zum Beispiel die politikwissenschaftliche Dissertation von Gabriel Seiberth: Anwalt des Reiches. Carl Schmitt und der Prozess „Preu-ßen contra Reich“ vor dem Staatsgerichtshof (Zeitgeschichtliche Forschun-gen; Bd. 12), Berlin: Duncker&Humblot, 2000, 318 S.5 Sie beleuchtet Schmitts aktive Rolle im bedeutendsten Verfassungskonflikt der jüngeren deut-schen Verfassungsgeschichte. Den Ausgangspunkt bildet eine Tagebuchnotiz Schmitts vom 25. Januar 1933: „[...] traurig, deprimiert. Der 20. Juli ist dahin.“ Gemeint ist die am 20. Juli 1932 von der Reichsregierung unter Reichskanzler von Papen vollzogene „Verordnung des Reichspräsidenten, betreffend die Wie-derherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet des Landes Preußen“, die als „Preußenschlag“ in die Geschichte eingegangen ist. Offenbar bedauerte Schmitt noch fünf Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, daß die mit Artikel 48 Abs. 1 (Reichsexekution) und 2 (Notverordnungsrecht) der Weimarer Reichsverfassung begründete Übernahme der Dienstgeschäfte des Preußischen Ministerpräsidenten durch den Reichskanzler und die Einsetzung von Kommissaren des Reiches zur Führung der Preußischen Ministerien nicht den entscheidenden Impuls zu liefern vermochte, um Hitlers Machtergreifung via Preußen zu verhindern. Dieses Bedauern widerspricht in zweifacher Weise den gewohnten Bewertungen. Einerseits erscheint so das Vorgehen der Reichs-regierung nicht als Schleifen der letzten demokratischen Bastionen der Weimarer Republik (Hans Mommsen, Martin Broszat, Karl Dietrich Bracher u. a.), son-dern als zunächst durchaus erfolgversprechendes Mittel, um Preußen aus der vom Landtag „staatsstreichähnlich“ (Carl Schmitt) herbeigeführten Handlungs-unfähigkeit herauszuführen und die bürgerkriegsähnlichen Zustände zu beenden, die die Demokratie in ihrem Kern bedrohten. Andererseits wird das brüchig gewordene Verdikt vom Steigbügelhalter des „Dritten Reiches“ erheblich er-schüttert, wenn sich Schmitts Wirken als Prozeßvertreter des Reiches vor dem Staatsgerichtshof nahtlos einfügt in die Überlegungen des Kreises um den Reichswehrminister General von Schleicher6, mittels extensiver Verfassungsaus-legung, Staatsnotstandsplanung und Präsidialregierung Weimar vor dem Zugriff der Braunen zu retten. Genau diesen Nachweis führt Seiberth. Anhand der im Nachlaß befindlichen Quellen über Schmitts Berater- und Gutachtertätigkeit kann er die bereits von anderen vertretene These untermauern, daß der Staatsrechtler ein „Mann Schleichers“ war. Mit von Papens verfassungsüberschreitenden Plä-nen, wie sie noch in seiner am Abend des „Preußenschlags“ ausgestrahlten Rundfunkrede zum Ausdruck kamen, hatte Schmitt nichts zu tun. Dementspre-chende Mühe hatten er und seine Kollegen im Leipziger Prozeß, die Absetzung der preußischen Minister in eine vorübergehende Suspension umzudeuten und den Vorwurf der Pflichtverletzung durch die Regierung Braun-Sievering abzu-schwächen (163ff.). Seiberth geht es nicht um Apologetik. Doch will er vermei-den, vom hohen Roß des gesicherten Wissens um den 30. Januar 1933 die politi-schen Aktionen und Ereignisse der letzten Monate Weimars ex post als bloße Intermezzi mit feststehendem Ausgang zu beurteilen. Die von Eberhard Kolb und Wolfram Pyta7 angewandte Methode der „Re-Interpretation“ ex ante wird von ihm auf die Phase März bis August 1932 ausgedehnt (15). So erfreulich dieses Unterfangen ist, dem erklärten Ziel der Arbeit haftet dennoch eine gewisse hermeneutische Naivität an: Reine „Rekonstruktion“, die nicht zugleich „Inter-pretation“ wäre (11 Anm. 2), gibt es nicht. Folglich muß auch Seiberth beim Aufspüren von Schmitts Intentionen und Motiven interpretieren und spekulieren. Gleichwohl liest sich die gut aufbereitete und sprachlich souveräne Studie mit großem Gewinn: Der „Preußenschlag“ wird in den Zusammenhang mit der Dis-kussion um die – auch in SPD-Kreisen befürwortete – Reichsreform (206 ff.) und der Staatsnotstandsplanung8 gestellt; seine Stoßrichtung gegen verfassungs-feindliche Kräfte, gerade auch gegen die NSDAP (130 ff.), wird herausgearbei-tet; Schmitt erscheint als profund, aber keineswegs perfekt argumentierender Praktiker des verfassungsrechtlichen Ernstfalls (173 f., 179 f.); die staatsrechtli-che Bewertung des Prozesses und seines bisweilen „salomonisch“ genannten Urteils widerstreitet, wie Seiberth an Hans Kelsens beißender, mit Schmitt über-einstimmender Kritik zeigt (195 ff.), parteipolitischen oder weltanschaulichen Aprioris. Mit anderen Worten: Seiberths Buch räumt mit Klischees auf.

Dies läßt sich von der Monographie Dirk Blasius: Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich, Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, 2001, 250 S. nicht ohne weiteres sagen. Ihr Thema deckt sich zu einem Teil mit dem Sei-berths, Blasius zieht aber – anders als dieser offenbar ohne Zugang zu den nicht-publizierten stenographischen Notizen Schmitts im Düsseldorfer Hauptstaatsar-chiv – gegenteilige Schlüsse. So ist er auf die Vermutung angewiesen, Schmitt habe von den Staatsnotstandsplänen nichts gehalten und, nach prophylaktischen Verbeugungen schon während des Leipziger Prozesses (31. 48), ab Dezember 1932 in pectore für die NSDAP optiert. Die Quellen sprechen eine andere Spra-che.9 Zwar stimmt es, daß Schmitt sich von diesen noch im August/September für gangbar gehaltenen Plänen abkehrte, jedoch nur, um in letzter Minute, am 13. bzw. 20. Januar 1933, ein eigenes Konzept zu unterbreiten. Der offene Verfas-sungsbruch und die in diesem Fall drohende Präsidentenanklage vor dem Staats-gerichtshof sollten vermieden werden, weil sie NSDAP und/oder KPD als „Hüter der Verfassung“ hätten erscheinen lassen. Mit der simplen Kontinuitätsthese – Schmitt als „Nazi“ per omnia saecula saeculorum – kann also auch Blasius nicht überzeugen.10 Der Wert seiner Arbeit liegt eher darin, daß sie Schmitts peinliche Anbiederungen an die schließlich an die Macht gekommenen Nationalsozialisten nachzeichnet und seine Geschichtsklitterungen im Dienste angeblicher preußi-scher Kontinuitäten herausarbeitet. Sie leidet aber unter zahlreichen unbelegten Behauptungen und Insinuationen. So ist es schlicht unredlich, einerseits (mit Recht) zu sagen, Schmitt sei kein Vertreter der „Rassenhygiene“ gewesen, um ihn andererseits doch als geistigen Wegbereiter für Zwangssterilisierungen von „Erbkranken“ in Haft zu nehmen (164 ff.). Zudem übertreibt Blasius die Bedeu-tung des Preußischen Staatsrats, in den Schmitt berufen worden war. Dieses im Juli 1933 vom preußischen Ministerpräsidenten und Innenminister Göring instal-lierte Gremium bestand neben dem Ministerpräsidenten selbst, den Staatssekretä-ren und höheren SA- und SS-Führern aus gesellschaftlichen Repräsentanten und Honoratioren wie zum Beispiel Bischof Berning, Reichsbischof Müller, Gustaf Gründgens und Wilhelm Furtwängler. Es war eher eine Art Ständesenat und Reminiszenz an das preußische Herrenhaus und trat in den drei Jahren zwischen seiner Gründung und seiner Entfunktionalisierung im Jahre 1936 nur etwa zehnmal zusammen. Von großem legislativem Einfluß kann, jedenfalls auf Reichsebene, nicht die Rede sein. Sollte die Wirkung Schmitts auf seine Leser bzw. Zuhörer die „zentrale historische Frage“ (121) sein, so ist es Blasius nicht gelungen, den Zurechnungszusammenhang herzustellen, der erforderlich wäre, um Schmitt vollständig zu diskreditieren.

Die Frage der „geistigen“ Täterschaft behandelt ausführlich das Buch Carl Schmitt: Antworten in Nürnberg, hrsg. und kommentiert von Helmut Qua-ritsch, Berlin: Duncker&Humblot, 2000, 153 S. Schmitt war 1945/46 über 13 Monate lang in Berlin inhaftiert und verhört worden, um bald darauf, am 19. März 1947, abermals verhaftet zu werden. Als „possible defendant“ wurde er nach Nürnberg gebracht und dort fünf Wochen in Einzelhaft genommen. Der stellvertretende US-Ankläger Robert W. Kempner verhörte ihn dreimal und ließ ihn drei Stellungnahmen verfassen, die Schmitt um eine vierte ergänzte, in der er der Frage nachging, warum die deutschen Staatssekretäre Hitler gefolgt sind. Man warf ihm neben der theoretischen Untermauerung der Hitlerschen Groß-raumpolitik die Teilnahme an der Vorbereitung eines „Angriffskrieges“ und der damit verbundenen Straftaten vor. Bekanntlich war und ist der Angriffskrieg zwar verboten, aber kein im (gesetzten) Völkerstrafrecht normiertes Delikt.11 Schon das IMT hatte in seinem Urteil im Hauptkriegsverbrecherprozeß vom 30. September/1. Oktober 1946 eine „wie auch immer geartete ,intellektuelle Urhe-berschaft‘ ... nicht als zureichenden Strafgrund für die Teilnahme am Verbrechen gegen den Frieden“ angesehen (19). Insofern kann Quaritsch schlüssig darlegen, daß eine Verurteilung Schmitts – auch aus Sicht Klempners – von vorneherein ausgeschlossen war. Damit widerspricht er den späteren Erinnerungen Klemp-ners, wonach dieser Schmitt habe anklagen wollen. Klempner habe ihn vielmehr deshalb (ungerechtfertigt) in Untersuchungshaft belassen, weil er ihn als kosten-freien Sachgutachter der Anklage für den Nürnberger Prozeß Nr. 11, den soge-nannten „Wilhelmstraßen-Prozeß“ gegen Ernst von Weizsäckers Auswärtiges Amt12, gebrauchen wollte. Schließlich wurde Schmitt am 6. Mai 1947 förmlich aus der Haft entlassen und in den Stand eines „voluntary witness“ versetzt. Nach zwei dem Weizsäcker-Prozeß vorgeschalteten Vernehmungen als Zeuge – vor Gericht mußte er später nicht aussagen – konnte er schließlich am 19. oder 20. Mai 1947 Nürnberg verlassen. Er ging, wie er Kempner gesagt haben soll, „in die Sicherheit des Schweigens“ (40 ff.). Im übrigen vermag Quaritsch Kempners variantenreiche Erinnerungen an die Nürnberger Ereignisse als widersprüchlich, lückenhaft und in weiten Teilen unglaubwürdig darzulegen. Ihr tatsächlicher Ablauf kann nicht mehr ganz rekonstruiert werden. Um so wertvoller, daß Qua-ritsch die gröbsten Verzeichnungen beseitigen konnte. Die Verhörprotokolle und Stellungnahmen Schmitts sind im zweiten Teil des Buches abgedruckt und adno-tiert, im dritten Teil zudem sachkundig kommentiert. Was Schmitt unter widri-gen Haftbedingungen, ohne Bibliothek, über das NS-Regime und sein Öffentli-ches „Recht“ zu Papier gebracht hat, ist allemal aufschlußreich. Und wer Schmitt von „Nürnberg“ her beurteilen will, kommt an Quaritsch’ zeit- und rechtsge-schichtlichen Klarstellungen nicht mehr vorbei.

2. Briefe sind keine literarische Gattung, noch weniger ein Medium wissen-schaftlicher Betätigung. Sie lassen aber Rückschlüsse zu auf die Persönlichkeit des Briefschreibers und auf die Situation, in der er steht. Carl Schmitt war bis ins hohe Alter ein eifriger, schnell reagierender und – vor allem – prompte Antwor-ten erwartender „Meister der Epistolographie“ (Helmut Quaritsch). Um Privates und Tagespolitik ging es dabei weniger. Recht, Literatur, Kunst, Geschichte, Mythologie und Theologie – das waren die Themenkreise. Im Zuge der einset-zenden Historisierung Schmitts ist seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhun-derts mit der Herausgabe einiger Briefschaften begonnen worden. Unter den Briefwechseln mit befreundeten Schriftstellern ist derjenige mit Ernst Jünger13 sicherlich der bedeutendste. Während Schmitt und Jünger nach Jahrzehnten gegenseitigen Austausches und acht Jahre (1960 bis 1968) dauernder Funkstille am Ende wieder zusammenfanden, nahm Schmitts Kontakt zu Hugo Ball (1886 bis 1927) einen weniger glücklichen Ausgang. Im Frühjahr 1919 hatten sie ein-ander in München kennengelernt. Im Juli 1923 schickte Schmitt seinen Essay „Römischer Katholizismus und politische Form“ an Ball. Dieser veröffentlichte im Juni 1924 den euphorischen „Hochland“-Aufsatz „Carl Schmitts Politische Theologie“. Schmitt besuchte Ball für mehrere Wochen am Luganer See, und es entwickelte sich ein Briefwechsel, der, wie ihr kaum begonnener Dialog, Anfang 1925 abrupt abriß. Ball vermutete hinter dem Verriß seines Buches „Die Folgen der Reformation“ (1924)14 durch Waldemar Gurian (1902 bis 1954) ein Auf-tragswerk von dessen akademischem Lehrer Schmitt. Die genauen Umstände des Zerwürfnisses liegen heute noch im Dunkeln.15 Balls Briefe an Schmitt16 sind in der bibliophilen wissenschaftlichen Gesamtausgabe seiner Schriften abgedruckt: Hugo Ball: Sämtliche Werke und Briefe. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu Darmstadt in Zusammenarbeit mit der Hugo-Ball-Gesellschaft, Pirmasens: Briefe 1904-1927. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schaub und Ernst Teubner (3 Bände, 1816 S.), Band 10.2: 1924-1927, Göttingen: Wallstein, 2003, 482 S.

Eine Reihe von Briefen und Briefwechseln enthält auch der voluminöse Band Schmittiana. Beiträge zu Leben und Werk Carl Schmitts, Bd. VII, heraus-gegeben von Piet Tommissen, Berlin: Duncker & Humblot, 2001, 418 S. Hervorzuheben ist der von Christian Tilitzki adnotierte „lockere Briefkontakt“ Schmitts mit Margret Boveri17, die Tilitzki wohl zu Recht als „die bedeutendste deutschsprachige Journalistin des 20. Jahrhunderts“ (281) vorstellt. Dabei ist es weniger der Inhalt der zwischen 1950 und 1965 geführten Korrespondenz – gegenseitiges Zuschicken von Publikationen, Hinweise auf Literatur, Austausch politischer Ansichten entlang Schmittscher Schlüsselbegriffe –, der Aufmerk-samkeit verdient, als die Tatsache an sich, daß eine emanzipierte, linksliberal sozialisierte, „weltoffene“ Frau wie die Boveri sich zu Schmitt und anderen „Fin-sterlingen“ vom Schlage Jüngers, Mohlers, Benns usw. intellektuell hingezogen fühlte; ein Phänomen, das sich mit Alexandre Kojève, Jacob Taubes und anderen Linksintellektuellen gegenüber Schmitt wiederholte. Nicht selten war es die gemeinsame Frontstellung gegen Dritte, die für die nötige Schnittmenge sorgte. Im Falle der Boveri boten sich die – der Auslandskorrespondentin aus eigener Erfahrung bekannten18 – USA mit ihrem universalistischen „humanity“-Pathos und ihrem „reeducation“-Programm an. Tilitzki nennt allerdings auch den ent-scheidenden Unterschied (288): Während Jünger und Schmitt den Universalis-mus als „Signatur des Zeitalters“ seismographisch registrierten und analysierten, suchte die Willy-Brandt-Bewunderin nach echten politischen, und zwar nationa-listischen Gegenentwürfen. Das Glanzstück dieses Schmittiana-Bandes bildet der Kommentar (219-275), den der Römischrechtler Álvaro d’Ors (1915 bis 2004) zu Schmitts „Glossarium“19 verfaßt hat. Was ursprünglich als private „plática con el autor“ gedacht, 1992 zuerst in italienischer Übersetzung und 1996 im spani-schen Original erschienen war, liegt nun erstmals auf deutsch vor.

D’Ors zeigt, wie Carl Schmitt am fruchtbarsten zu „knacken“ ist: nicht via Morali-sierung und Dämonisierung, sondern durch Umkehrung der Waffen. Gegen den Orkan des d’Orsschen carlistischen Radikalkatholizismus weht Schmitts „katholi-sche Verschärfung“20 fast wie ein laues säkulares Lüftchen. Der Spanier hatte den Sauerländer über seinen Vater, den Philosophen Eugenio d’Ors (1881 bis 1954), kennengelernt. Auf dieser freundschaftlichen Basis unterzieht er Schmitts Schlüs-selthemen (Raum und Zeit, Utopie, Donoso Cortés, Staat, Leviathan/Behemoth, auctoritas/potestas, Legalität/Legitimität, gerechter Krieg etc.) einer fundamentalen naturrechtlichen Kritik. Dem deutschen Durchschnittsjuristen von heute werden dabei rechtsgeschichtliche und -philosophische Standpunkte zugemutet, von denen er während des Studiums kaum je gehört haben dürfte. Es liegt auf der Hand, daß beispielsweise die Ablehnung der Figur des Rechtssubjekts und folglich des sub-jektiven Rechts – der „Träger von Rechten“ erinnert d’Ors (263) an den einstmali-gen portador del equipaje (Gepäckträger) – als protestantisch-deutsche Erfindung irritieren muß. Der Text des selbsterklärten „Prä-Modernen“ (231. 261) ignoriert eherne Gesetze der juridico-political correctness.

Indes, als skurrilen Sonderling läßt sich d’Ors nicht abtun. Sein „Römisches Pri-vatrecht“ (1960) und seine „Einführung in das Studium des Rechts“ (1963) sind in Spanien mehrfach aufgelegte Standardwerke geworden. Leider sind nur wenige Aufsätze des Gelehrten ins Deutsche übersetzt. Den Einstieg in sein umfangrei-ches, in kritischer Auseinandersetzung mit Carl Schmitt entwickeltes Werk erleich-tert nun Montserrat Herrero (Hrsg.): Carl Schmitt und Álvaro d’Ors. Brief-wechsel, Berlin: Duncker & Humblot, 2004, 352 S. In ihrer anspruchsvollen Einführung (13-56) erläutert die Herausgeberin den Denkansatz und die mitunter eigenwillige Begriffswelt d’Ors’, indem sie diese von Carl Schmitts Denken ab-grenzt. Wie bereits in ihrer Dissertation21 betont sie die große Bedeutung, den der Begriff des Nomos bei Schmitt, aber auch bei d’Ors, einnimmt. Während Nomos für Schmitt ein (völker-)rechtliche Arrangements vorprägendes, grundlegendes Verteilungsprinzip der Erdoberfläche ist, das auf der Land- und Raumnahme der Völker beruht und dem Menschen eine ursprüngliche Beziehung zu den Elementen Erde, Meer und Luft verleiht, sieht d’Ors im Nomos den Ursprung aller Institutio-nen in einem metahistorischen Sinne. Für Schmitt ist der Raum immer auch Sub-strat des Rechts und Raum unter anderen, so daß die Macht auf die Reichweite eines Raumes begrenzt bleibt. Für d’Ors gibt es nur einen Raum, und zwar als den Bereich der sinnlichen Wahrnehmung und das Maß der Ohnmacht. Zwar stimmen beide Rechtslehrer in der Überwindung der Staatsidee und folglich auch in der Ablehnung eines Weltsuperstaates überein, ihre Begründungen sind aber entge-gengesetzt. Schmitt denkt von der territorialen polis her. Diese konstituiert Gesell-schaft (und nicht umgekehrt). Jede Raumnahme ist eminent politisch, weil sie Macht setzt und zugleich begrenzt. Eine Weltordnung, die diesen Namen verdient, beruht auf der wechselseitigen Anerkennung der Machtgrenzen. Bedroht wird sie durch universalistische Grenzverwischungen, die interventionistische, expansionis-tische und imperialistische Praktiken mittels irenischer Rhetorik zu legitimieren versuchen. Zu Recht weist Herrero darauf hin, daß Schmitts Theorie einer völker-rechtlichen Großraumordnung22 „jenseits dessen [liegt], was in den 30er und 40er Jahren in Deutschland Lebensraum bedeutete“ (27).23 In einer trotz 1989 ff. ideo-logisch aufgeladenen Zeit, in der selbst die EU vor dem Verdacht, „faschistischer“ Großraum zu sein, bewahrt werden muß24, wird sich diese Differenzierung kaum durchsetzen können.

Im Unterschied zu Schmitt geht d’Ors von der personalen civitas aus. Sein Konzept ist, wie Herrero ausführt, „eher ,sozietaristisch‘“ zu nennen. Für ihn beruht die globale Ordnung auf einer nach dem Subsidiaritätsprinzip „von unten nach oben“ geregelten Hierarchie der menschlichen Gruppierungen und Institutionen. Das Politische steht nicht am Anfang sondern erst am Ende des sozialen Gefüges. Die Pluriversalität der Raumordnung wird gesichert durch die naturrechtlich gegebene Möglichkeit, die politische Gemeinschaft zu wechseln (27 f.). An der Weggabe-lung zum „Nomos der Welt“ nimmt der Romanist den Weg des Zivilrechts, wäh-rend der Staatsrechtler auf das Völkerrecht setzt. Diese unterschiedlichen Perspek-tiven prägen den gesamten Briefwechsel und machen ihn zur spannenden Lektüre. Einziger Wermutstropfen: Das Buch enthält eine Fülle von Übertragungs- und Druckfehlern; zudem sind der Kommentatorin ein paar handfeste Irrtümer unter-laufen.

Dem „privaten“ Carl Schmitt als Internatsschüler, Student und jungem Wissen-schaftler begegnet man in dem schön aufbereiteten Band Carl Schmitt. Brief-schaften an seine Schwester Auguste 1905 bis 1913. Herausgegeben von Ernst Hüsmert, Berlin: Akademie Verlag, 2000, 214 S. Hüsmert (Jahrgang 1928), ein Freund der Familie in der Plettenberger Nachbarschaft, hat darin 87 zum Teil kuri-os-humoristische, die geistige Brillanz des Rechtslehrers vorwegnehmende Briefe und Postkarten zumeist familiären Inhalts zusammengestellt. Wer war eigentlich der Mensch, dessen Sphinxartigkeit so oft deklamiert wird? Die Jugendbriefe ge-ben wichtige Einblicke.

3. Ein neues Stadium der Beschäftigung mit Schmitt wird mit der Edition der Ta-gebücher eingeleitet. Schmitt hat im Widerspruch zu seiner erklärten Abneigung gegenüber Tagebuchschreibern25 eine Reihe von Diarien hinterlassen. Ein erster Band ist bereits erschienen26: Carl Schmitt: Tagebücher vom Oktober 1912 bis Februar 1915. Herausgegeben von Ernst Hüsmert, Berlin: Akademie Verlag, 2003. 431 S. Diese Tagebücher sind ein teilweise erschütterndes Zeugnis vom Beginn der wissenschaftlichen Karriere eines Hochbegabten am Ende des Wilhel-minismus, deren Ausgangsbedingungen für den nach Stand, Herkunft und Konfes-sion Benachteiligten denkbar ungünstig waren. Ungeschminkt geben sie Einsicht in die äußeren wie inneren Existenzkämpfe und geistigen Auseinandersetzungen auf der Suche nach Identität, Ansehen und Auskommen. Da Schmitts Notate priva-ter Natur sind, ist ihre Publikation eine heikle Angelegenheit. Schmitt neigt näm-lich zur Selbstentblößung, zur schonungslosen, beinahe selbstzerstörerischen Ana-lyse seiner kraß wechselnden Befindlichkeiten. Dem katholischen Glauben seiner Kindheit ist er entfremdet; er neigt zur gnostisch-dualistischen Weltanschauung. Die Liaison mit „Cari“, einer, wie sich später herausstellen wird, Hochstaplerin, mündet in einer zum Scheitern verurteilten Ehe. Schmitt scheint Mitte zwanzig am Ende seiner Kräfte zu sein. In der letzten Tagebuchaufzeichnung vom 19. Februar 1915 heißt es: „Ich bin müde und traurig, sehnsüchtig und schwer. Wer hilft mir? Lieber Gott. Währenddessen sterben Tausende Menschen. Dachte oft sehnsüchtig an meinen Bruder Jup, der im Schützengraben liegt. Wäre doch erst alles zu Ende.“ Die Tagebücher bringen den Menschen Carl Schmitt näher und geben neue Rätsel auf.

III. Methodik, ideengeschichtliche und zeitdiagnostische Verortung

1. Schmitts Begriffsbildung, die mehr ein Finden als ein Definieren, eher ein Schauen und Assoziieren denn ein Abstrahieren und Deduzieren war, ist bereits kritisch beleuchtet worden.27 1968 bekennt er: „Mein ,Lernen‘ vollzieht sich auf dem Weg der Entdeckung von Mythen“.28 Die Tatsache, daß Schmitt von der politischen Funktion des Mythos, auch und gerade in der Moderne, fasziniert war, hat zu der Fehleinschätzung verleitet, er habe selber „im Tarnkleid der Wis-senschaft“ einen politisch-theologischen Mythos geschaffen.29 Wenn ihm an einem neuen Mythos gelegen war, dann an seinem Anspruch, der „letzte Vertre-ter“ des ius publicum Europaeum zu sein. „Ich bin heute [...] der einzige Rechts-lehrer auf dieser Erde, der das Problem des gerechten Krieges, einschließlich leider des Bürgerkrieges, in allen seinen Tiefen und Gründen erfaßt und erfahren hat.“30 Die Suche nach den Anfängen und Grundlagen führt den Staatsrechtler immer wieder in die Geschichte der Antike und zu den klassischen Mythen. Diesem Aspekt seines Werkes widmet sich die Altphilologin Annette Rink: Das Schwert im Myrtenzweige. Antikenrezeption bei Carl Schmitt, Wien/Leip-zig: Karolinger, 2000, 189 S. In einem nach platonischem Vorbild fingierten Dialog suchen „Annette“ und „Friederike“ bei Tee, Tabakpfeifchen und Schneewittchenkuchen (!) nach den „übergreifende(n) Werkstrukturen“ (20) bei Schmitt. Ihr Interesse gilt dem „Römer“ und Antikenfreund, der zahlreiche Zitate aus Epen, Gedichten, Geschichtswerken und politischen Schriften des Altertums verarbeitet hat. Schmitt konnte damit beeindrucken und seinen Argumenten stär-keres Gewicht, ja den Glanz des Evidenten verleihen. Rink sieht sich die Refe-renzstellen genauer an. Was sie zu Tage fördert, ist beachtlich: Schmitt hat die Texte häufig verkürzt, montiert, gefiltert, zu seinen Zwecken umgedeutet. Un-vereinbares wurde miteinander verbunden, Zusammengehöriges auseinanderge-rissen. Zeugen werden aufgerufen, die bei näherem Hinsehen das Gegenteil vertreten. Die von ihm behauptete sachliche „Einheit von Ordnung und Ortung“ im antiken Nomos-Begriff steht nach einer kritischen Überprüfung der Verweis-stellen bei Homer, Aristoteles und Pindar (107-115) auf wackeligen Füßen. Neben der„ursprungsmythisch(en)“ (39) Absicherung seiner Schlüsselbegriffe ging es Schmitt nach 1945 auch um Selbststilisierung. Im Subtext seiner Schrif-ten findet die Philologin eine Vielzahl sogenannter Gnome, die Schmitts Selbst-verständnis als „Prophet und Weltdeuter“ (10) untermauern und seine Rolle im NS-Staat rechtfertigen sollen. Schmitt vergleicht sich mit Platon, der „als Mitar-beiter der Syrakuser Tyrannen ... lehrte, daß man sogar dem Feinde einen guten Rat nicht verweigern dürfe“ (66), mit dem Schlimmeres verhütenden Seneca (68 ff.), dem „Kaiser-Freund“ und „Hof-Theologen“ Eusebios von Caesarea (73 ff.), mit dem angeblichen Nomos-Erkenner Odysseus (99 ff.), auch mit Philoktet (65 f.). Da er sich – anders als Seneca und, in der geschichtlichen Parallele, sein Freund Wilhelm Ahlmann31 – nicht zum Suizid entschließen kann32, spielt Carl Schmitt „in seinen ,Helden‘ das andere Leben, die anderen Möglichkeiten durch“ (73). Rink hat recht, wenn sie die mythologischen Bezüge als „Masken zur Selbstreflexion“ (157) bezeichnet. In dieser Hinsicht war sie klug beraten, Nico-laus Sombarts frühen Hinweisen33 nachzugehen. Daß sie aber dessen später ersonnene Matriarchats- und Kastrationstheoreme34 ungeprüft übernimmt (28. 52 f. 67. 71. 86. 72. 82. 104. 140 ff.) und Schmitts Doppelbödigkeit mit einer femi-nistischen „Sexualtheorie zu Carl Schmitt“ (68ff.) zu lösen versucht, enttäuscht dagegen. Zieht man diese Sackgassen und manches flapsig-anachronistische Werturteil35 ab, bleibt Rinks Arbeit summa summarum eine hochinteressante kleine Studie.

2. An philologischen Feinheiten hat Raphael Gross kein Interesse. Ihm geht es um Schmitts Arcanum. Mit Nachdruck verficht er in seiner Essener Dissertation Carl Schmitt und die Juden. Eine deutsche Rechtslehre, Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2000. 442 S. eine Kontinuitätsthese eigener Art. Ihm ist weniger daran gelegen, Schmitts Umschwenken auf die neuen Machthaber als logische Folge eines – auch für Gross feststehenden – „antidemokratischen“ Denkens darzustellen. Vielmehr will der Verfasser den ideologischen Kern des Gesamt-werks herausschälen. Zu diesem Zweck untersucht Gross in drei begriffs- und ideengeschichtlich angelegten Kapiteln die Entstehung des französischen wie des deutschen politischen Katholizismus, die Frage der Judenemanzipation und ihre Beantwortung durch die Junghegelianer, Hans Kelsens Rechtspositivismus sowie die heilsgeschichtliche Bedeutung der Juden im Neuen Testament. Die dabei behandelten Ideen und Begriffe versteht Gross als „Vorgeschichte“ und „sozio-historischen Hintergrund“ (27) der Haltung Schmitts. Der ideologische Kern seiner Schriften bestehe im tiefsitzenden Ressentiment, ja „obsessiven Haß“ (72) gegen „die Juden“, der ab 1933 in ein offen antisemitisches „Engagement“ um-geschlagen sei. Bislang hatten Schmitts judenfeindliche Äußerungen, insbeson-dere auf der Tagung „Das Judentum in der Rechtswissenschaft“ (1936)36, primär als opportunistische Kniefälle eines selbst in die Schußlinie Geratenen37 gegol-ten. Als schlagenden Gegenbeweis führt Gross (32. 312. 366) das „Glossarium“ und hier den Eintrag vom 25. September 1947 an, wo es heißt: „Denn die Juden bleiben immer Juden. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann. Das hat nichts mit nordischer Rasse usw. zu tun. Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind.38 Es hat gar keinen Zweck, die Parole [sic!] der Weisen von Zion als falsch zu beweisen.“ Da Gross zugeben muß, daß Schmitt „vor 1933 in seinen Schriften keine Bemerkungen über die Judenfrage machte“, schlägt er eine gegenüber der Opportunismusthese „einfachere und wahrscheinlichere Er-klärung für Schmitts Verhalten“ vor: „Sich in der Weimarer Republik in seiner Position öffentlich antisemitisch zu äußern wäre einfach unklug gewesen. Grobe antisemitische Bemerkungen waren nicht erst nach 1945 in breiten Kreisen des deutschen Katholizismus ... ein Tabu“39 (33). Abgesehen davon, daß sich Gross widerspricht, indem er sonst nicht müde wird, Antisemitismus als ein dem (deut-schen) Katholizismus inhärentes Moment zu bezeichnen40, macht die Schlicht-heit einer solchen Beweisführung in einer Doktorarbeit doch staunen. Indes, sie hat System. Da Gross mehrfach eingestehen muß, daß Antisemitismus bei Schmitt „explizit“ gar nicht vorkommt, sei dieser eben „implizit“, „latent“ (150), analog (179) oder „strukturell“ (312) vorhanden. Jede kritische Äußerung – und sei es eine unveröffentlichte Notiz – über einen Autor, den nicht selten erst Gross als „jüdischen“ charakterisiert, erscheint dem Verfasser per se als antise-mitisch. Und wenn „diffamierende Ansichten von Schmitt selber nicht als anti-semitisch verstanden wurden“, dann unterstreiche gerade dies seine „judenfeind-liche Grundhaltung“ (37). Folgt man dieser Argumentation, ergibt sich für Schmitts Antisemitismus folgendes Verlaufsschema: vor 1933 „implizit“, 1933-45 „explizit“, nach 1945 „verschlüsselt“ (32 f. 306 f.). Schmitts mehr als 70 Jahre umfassende verfassungs-, völkerrechtliche und politikwissenschaftliche Publika-tionstätigkeit bezweckt aus diesem Blickwinkel nur das eine: „den Juden“ als „den Feind“ darzutun. Von da ist es ein letzter, kleiner Schritt, Schmitt wortspie-lerisch eine „buchstäbliche Eliminierung“ von Juden (72) anzudichten und, ob-gleich aus Untersuchungshaft entlassen, in die Nähe von Inquisition, Folter (176 f.) und „NS-Verbrecher(n)“ (335) zu rücken.

Dabei löst sich Grossens wichtigster Beleg in Luft auf: Das Wort vom sich gleichbleibenden, assimilierten Juden als dem „wahren Feind“ stammt nämlich gar nicht von dem Staatsrechtler. Es handelt sich um ein ungenaues Exzerpt aus dem von Schmitt erwähnten Buch „The End of Economic Man – A Study of the New Totalitarism“41 von Peter F. Drucker. Es fällt auf: Immer wenn er aus den spärlich fließenden Quellen besonders weitreichende, Schmitt belastende Schluß-folgerungen zieht, flüchtet sich Gross (z. B. 32. 34. 37. 39. 40. 41. 48 ff. 54. 58. 67. 72. 84 Anm. 174. 126 f. 240 Anm. 183. 271. 312. 324 f. 382) in den Potentia-lis („erscheint“, „vielleicht“, „wahrscheinlich“, „scheint mir“, „wohl“, „läßt sich verstehen“, „kann“) oder in Behauptungen gesicherter Erkenntnis („kein Zwei-fel“, „es genügt bereits, darauf hinzuweisen“, „offensichtlich“).42 Schon deshalb kann die Arbeit trotz gelegentlich wertvoller Ausführungen, beispielsweise zu Bruno Bauer, und durchaus zutreffender Beobachtungen nicht überzeugen.

Um Schmitts problematisches Verhältnis zu Juden darzulegen, hätte es dieser ausufernden Studie nicht bedurft. Die Methode freien Suggerierens und Assozi-ierens43 schadet dem Ernst der Fragestellung. Nimmt man den unreflektierten Dilettantismus auf fremdem, insbesondere theologischem Gebiet hinzu, das Nachbeten (vulgär-)psychoanalytischer Theorien vom Schlage Sombarts und die rührende Pflege liberaler Vorurteile, wonach etwa Religion nichts weiter als „soziale Ideologie“ (250) sei, dann war Grossens – an sich begrüßenswerter – Versuch einer systematischen Untersuchung (17) des Themas „Carl Schmitt und die Juden“ zum Scheitern verurteilt.

3. Seit den neunziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts mehren sich die Stimmen, die den tragenden Grund des wissenschaftlichen Werks Carl Schmitts in der politischen Theologie sehen. Eine fachtheologische Debatte ist daraus nicht entstanden. Aus der Schule der sogenannten Neuen Politischen Theologie um Johann Baptist Metz ist nun ein so verstandener Beitrag geliefert worden: Jürgen Manemann: Carl Schmitt und die Politische Theologie. Politischer Anti-Monotheismus (= Münsterische Beiträge zur Theologie, Bd. 61), Müns-ter: Aschendorff Verlag, 2002, 399 S. Wollte Gross den ideologischen Kern freilegen, geht es in Manemanns Habilitationsschrift um den „Zeitkern“ (5).44 Fundamentaltheologie Metz’scher Prägung „begreift ,ihr Geschäft‘ im wesentli-chen als Zeitdiagnose“. Sie traut sich nicht weniger zu als die „kritische Enthül-lung dessen, was ist“ (3). Angesichts der ubiquitären Rezeption des Staatsrecht-lers stellt sich Manemann die Frage, worin die bleibende „Versuchung Carl Schmitts“ (Friedrich Balke) liege. Als Erklärungsansatz dient ihm das Wende-jahr 1989. Da Modernisierung reflexiv geworden sei und ihre Grundannahmen zerstört seien, erstehe aus den Trümmern des Ostblocks eine Renaissance des Politischen, die laut Ulrich Beck „in gespenstischer Weise Carl Schmitt zu bestä-tigen“ scheine. Die Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ wi-derlegende Repolitisierung macht Manemann am angeblichen Erstarken der „Neuen Rechten“ fest. Diese nutze die Auflösung des politischen Koordinaten-systems und initiiere einen neuen Kulturkampf. Allen neurechten Strömungen sei die „Politik der Exklusion“ (35) aus einem „anti-universalistischen Affekt“ (42) gemeinsam. Deren „Cheftheoretiker“ sei Carl Schmitt. Manemann bezieht sich, für eine „Zeitdiagnose“ merkwürdig inaktuell, auf bereits vergessene Auto-ren und veraltete Artikel aus der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Ihm entgeht, wie marginal doch der politische und kulturelle Einfluß der Rechtskonservativen tatsächlich ist.45

Was versteht der Verfasser unter „Anti-Universalismus“? Offenbar ist der Beg-riff mit dem des „Anti-Monotheismus“ austauschbar (vgl. 45ff.), und dieser ist anscheinend bereits dann gegeben, wenn man sich kritisch zur Hypertrophie der Menschenrechte äußert.46 Enzensbergers Appell, den „gutmütigen Deutschen“ nicht immer mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen, und sein Plädoyer für eine gestufte Verantwortlichkeit, wie sie spätestens seit Thomas von Aquin47 in der Moraltheologie selbstverständlich ist, faßt Manemann als „Radikalisierung seines [= Enzensbergers; W. H. Sp.] Kampfes gegen die universale Ethik“, ja als „Frontalangriff“ auf (47).

In der spätmodernen säkularen Religionsgeschichte steige das Bedürfnis nach Remythisierung und Polytheismus. Stellvertretend für diese Tendenz werden Hans Blumenberg, Odo Marquard und Peter Sloterdijk angeführt. Im zentralen dritten Teil der Arbeit versucht der Verfasser nachzuweisen, daß Schmitts politi-sche Theologie nur auf dem Boden des so gekennzeichneten politischen Anti-Monotheismus gedeihen konnte und angesichts der gnostischen Dauerversu-chung (53ff.) attraktiv bleibt. Während sich der politische Anti-Universalismus den Ideen der „Konservativen Revolution“ verdanke (94), bildeten der „Frühfa-schismus“ der Action française (124-132)48 und die politisch gewendete Gnosis (167-201) die beiden anderen Quellen, aus denen der politische Theologe schöp-fe.

Solche nicht eben originellen Thesen breitet der Verfasser ausführlich aus. Mit Schmitts Arbeiten und ihren zeitgeschichtlichen Bedingungen setzt er sich nur stellenweise auseinander. Wie Gross läßt er an der antisemitischen „Grundkon-stante“ (142) des Gesamtwerks keine Zweifel aufkommen und bemüht ebenso das falsche Zitat vom „assimilierten Juden“ (141) aus Schmitts „Glossarium“. Überhaupt dient das „Glossarium“ als Steinbruch von Zitaten, die sich beliebig und kontextfrei mit anderen Schmitt-Sätzen kombinieren lassen.

Manemanns Hauptthese lautet, Carl Schmitt sei weder Katholik noch Apokalypti-ker. Der mehrfache Bezug auf den bzw. das Katechon (vgl. 2 Thess 2,1-8) verrate Schmitts Freude über das Ausbleiben der Parusie. Damit scheint er des anti-apokalyptischen Affekts überführt. Mit der Idee vom vollkommenen Staat habe er die Ablösung der jüdisch-(früh)christlichen Apokalyptik durch die Institutionalisie-rung der Kirche und die damit einhergehende Schwächung ihres anti-gnostischen Impulses vorangetrieben. Seine Lehre sei eine „Theorie des Posthistoire, des Endes der Geschichte von innen her“ (178). Doch ist das Gnosis? Manemann weiß, daß Schmitts „Politische Theologie“ von 1922 „keinen expliziten Dualismus zwischen Schöpfer- und Erlösergott kennt“, „eher“ gebe es eine „Gleichsetzung“ von Schöp-fung und Erlösung. Dieser Gleichsetzung „könnte“ aber „im letzten eine gnostische Weltsicht zugrundeliegen“. „Wenn es sich ... bei der politischen Theologie um eine Form der Gnosis handeln sollte, dann aber um eine säkularisierte Gnosis, der das ,ganz Andere‘ kupiert wurde“ (179). Der Ertrag solcher Wenn-dann-Überlegungen ist dürftig. Daß Schmitt mit der hergebrachten christlichen Soteriologie zwischen sündhaft/erlösungsbedürftig, erlöst/ nicht erlöst usw. unterscheidet49, gilt ebenso als gnostisch (182) wie die bekannte Freund-Feind-Formel. Letzte Sicherheit gibt folgendes: Gnostiker sind bekanntlich leib- und erosfeindlich. Sollte Schmitt seine Tochter Anima (1931 bis 1983) geliebt haben, was Manemann nicht ausschließt, „könnte“ man dennoch „versucht sein zu spekulieren, warum der ,Katholik‘ Schmitt nur ein Kind hatte“ (189 Anm. 649).50 Manemann kehrt schließlich The-sen hervor, die man nach jahrzehntelanger Diskussion überwunden glaubte.51 Wenn er nach knapp 200 Seiten sich genötigt fühlt, „noch einmal zu betonen“, daß es ihm „nicht darum geht, Schmitts politische Theologie als Gnosis zu charakteri-sieren, sondern als eine politische Gnosis, d. h. auf ihre gnostische Grundierung hinzuweisen“ (199), dann stellt sich schon die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag.

Quid novi? Schmitt habe gewollt, daß die Welt so bleibe, wie sie sei: entzweit, heillos. Deshalb katechontisches Bewahren des Status quo anstatt apokalyptischem Abbruch. Deshalb Politische Theologie nicht als Legitimation politischer Einheits-bildung auf monotheistischer Grundlage (Erik Peterson), auch nicht als Apokalyp-tik „von oben“ (Jacob Taubes), sondern – im Gegenteil – als „Theo-Logik“ des Anti-Universalismus, des Anti-Monotheismus und der Anti-Apokalyptik. Doch weil politische Gnosis in der (neu)politisch-theologischen Vorstellungswelt links-hegelianisch in Aktivismus und nationalsozialistische Parteinahme „umschlägt“, erweise sie sich „letzten Endes“ als „anti-kate¬chontisch“ (200), also als ihr Gegen-teil. Schmitts „Selbstreferentialität steigerte sich in dem Maße, in dem politische Theologie zu einer kupierten Form der Gnosis wurde. Schlußendlich kippte sie um in Selbstreferenz.“ (252) Manemann setzt eine biographisch-werkgeschichtliche Entwicklung voraus, die darzulegen er nicht nur schuldig geblieben ist, sondern von vorneherein methodisch ausgeschlossen hat (8). „Assoziativ und konstruie-rend“ (7) enthüllt man eben nicht, „was ist“, sondern was man sehen will. Mane-manns Buch bezweckt, die Neue Politische Theologie als „die“ Theologie zu bes-tätigen. Es gefällt sich in ihren Sprachspielen (268-352), verwechselt ihren Selbst-entwurf mit dem der biblischen Apokalyptik und merkt nicht, daß in ihm Jesus Christus keine Rolle spielt. Die Entgegensetzung von Katechontik und Apokalyp-tik läßt sich bibeltheologisch nicht halten. Der bzw. das Katechon ist selbst Teil des apokalyptischen (!) Tagmas von 2 Thess 2, 3-10, das gemäß feststehendem apokalyptischem Zeitplan (vgl. Dan 9,24-27) abläuft.52 Der Katechontiker ist per se Apokalyptiker. Auch der „ethische“ Anspruch der apokalyptisch „angeschärf-ten“ Theologie (275ff.) gibt zu Fragen Anlaß. Genügt es zu behaupten, auf der Seite der Opfer zu stehen, das Leid der anderen zu artikulieren, „gegenwärtige Unrechtsverhältnisse“ aufdecken zu wollen usw.? Braucht es nicht – über Solidari-sierungsgesten hinaus – Erkenntnis- und Beurteilungsmaßstäbe, also formale und inhaltliche Kriterien von Gerechtigkeit, wie sie eben die christliche Soziallehre formuliert53? Hätte Theologie die Aufgabe, „die freiheitliche Demokratie gegen einen möglicherweise prozedural zur Macht kommenden Fundamentalismus zu schützen“ (351), wäre sie dem Ideologieverdacht ausgesetzt. Abgesehen von der polemischen Operationalisierbarkeit des Fundamentalismusbegriffs würde Theolo-gie gerade so auf die Affirmation des Bestehenden reduziert. Den „Motor der Kri-tik“ (318) muß die Neue Politische Theologie auch gegen sich selbst zum Laufen bringen. Sonst bringt sie sich um die Früchte, die, mehr als ihr recht ist, am Baum der Erkenntnis Carl Schmitts gewachsen sind.

IV. Ausblick

Der Überblick über die Schmitt-Literatur der letzten fünf Jahre läßt grundsätzlich zwei Richtungen erkennen: Einerseits werden weitere Primärquellen erschlossen und in die biographischen, werk- und zeitgeschichtlichen Kontexte eingeordnet. Die Folge dieser um Objektivität bemühten Rekonstruktionsversuche ist die fort-schreitende Historisierung der Person Carl Schmitt, seines Wirkens und seines Werks. Andere sprechen von „Entpolitisierung“ (Jürgen Manemann). Schmitt ist zum Klassiker avanciert. Andererseits geraten die Methoden und Argumentati-onsmuster des Staats- und Völkerrechtlers wie auch die ideengeschichtlichen und philosophisch-theologischen Hintergründe seiner Arbeiten unter immer schärfer geschliffene Seziermesser. Bisweilen wird Schmitt, wenigstens zwischen den Zei-len, die Wissenschaftlichkeit abgesprochen und zum üblen Ideologen erklärt. Birgt das immer feiner werdende „Schmittisieren“ (Piet Tommissen) die Gefahr, Neben-sächliches hervorzuholen, kann sich die Suche nach den „wahren“ Motiven Schmitts zu einem anachronistischen Tribunal auktorialen Bescheidwissens stei-gern. Als produktiver erweist sich eine Art dritter Weg, wie sie sich in manchen Aneignungen (ehemals?) linker Autoren wie zum Beispiel Giorgio Agamben54, Sibylle Tönnies55 oder Massimo Cacciari56 Bahn bricht. Sie begreifen Schmitts Denken als heilsamen Unruheherd, der zu einem illusionslos-kritischen Blick auf das immer komplexer erscheinende Verhältnis von Staat, Recht und Gewalt her-ausfordert. Er stört die Plausibilitäten pluralistischer Gemeinwesen, deren Diskurs- und Konsensseligkeit den existentiellen Ernst zu verschleiern droht, der ihren poli-tischen Entscheidungen anhaftet. Diese können, anders als man in der Euphorie von 1989 ahnte, wieder solche zwischen Krieg und Frieden sein.

Anmerkungen

1) Carl-Schmitt-Bibliographie, in: Hans Barion/ Ernst Forsthoff/ Werner Weber (Hrsg.), Festschrift für Carl Schmitt zum 70. Geburtstag, Berlin: Duncker & Humblot, 1959, 273-330; ders., Ergänzungsliste zur Carl-Schmitt-Bibliographie vom Jahre 1959, in: Hans Bari-on/ Ernst-Wolfgang Böckenförde/ Ernst Forsthoff/ Werner Weber (Hrsg.), Epirrhosis. Fest-gabe für Carl Schmitt, Berlin: Duncker & Humblot, 1968, Bd. 2, 739-778; ders., Zweite Fortsetzungsliste der C. S.-Bibliographie vom Jahre 1959, in: ders., Over en in zake Carl Schmitt, Eclectica V, 2, Brüssel 1975, 127-166; ders., [Ergänzte und überarbeitete Fassung der] Zweite[n] Fortsetzungsliste der C. S.-Bibliographie vom Jahre 1959, in: ders./ Julien Freund (Hrsg.), Miroir de Carl Schmitt (= Revue européenne des sciences sociales-Cahiers de Vilfredo Pareto, Bd. XVI, 44), Genève, Juli 1978, 187-238; ders., Liste der Übersetzun-gen von Büchern von C. S., in: Schmittiana. Beiträge zu Leben und Werk Carl Schmitts, Bd. VI, hrsg. v. Piet Tommissen, Berlin: Duncker & Humblot, 1998, 282-287.

2) Günther Maschke, Carl Schmitt in den Händen der Nicht-Juristen, Der Staat 34 (1995) 104-129.

3) Campagna (255) führt als aktuelles Beispiel die US-amerikanische „Schurkenstaat“-Doktrin an.

4) Vgl. statt vieler Heinrich Meier, Die Lehre Carl Schmitts. Vier Kapitel zur Unterschei-dung Politischer Theologie und Politischer Philosophie, Stuttgart-Weimar: Verlag J. B. Metzler, 1994.

5) Eine Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse bietet ders., Legalität oder Legitimi-tät? „Preußenschlag“ und Staatsnotstand als juristische Herausforderung für Carl Schmitt in der Reichskrise der Weimarer Endzeit, in: Schmittiana VII (vgl. diese Besprechung), 131-164.

6) Neben „Obmann“ Schmitt, der auf Betreiben von Schleichers am 22. Juli 1932 beauftragt wurde, agierten Carl Bilfinger und Erwin Jacobi als Prozeßvertreter des Reiches. Die Ver-handlungen in Leipzig fanden vom 10. bis 14. und am 17. Oktober 1932 statt. Es existiert ein inoffizielles, aber zuverlässiges Stenogramm.

7) Vgl. Eberhard Kolb/ Wolfram Pyta, Die Staatsnotstandsplanung unter den Regierungen Papen und Schleicher, in: Heinrich August Winkler (Hrsg.), Die deutsche Staatskrise 1930-1933 – Handlungsspielräume und Alternativen, München: Oldenbourg, 1992, 155-179; Wolfram Pyta, Konstitutionelle Demokratie statt monarchischer Restauration. Die verfas-sungspolitische Konzeption Schleichers in der Weimarer Staatskrise, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 47 (1999) 417-441.

8) Vgl. dazu auch Lutz Berthold, Carl Schmitt und der Notstandsplan am Ende der Weima-rer Republik, Berlin: Duncker & Humblot, 1999, 94 S. Von Schleicher lehnte die Durchfüh-rung des Staatsnotstandes ab; erst im Januar 1933 wolllte er wegen der aussichtslosen Lage auf derartige Pläne zurückgreifen; vgl. ebd. sowie Seiberth, a. a. O., 254f.

9) Vgl. Seiberth, a. a. O., 252ff. mit Nachweisen.

10) Aufschlußreich sind die Zeugnisse derer, die Schmitts Vorlesungen hörten. So schildert etwa der von der extremen Linken kommende Altphilologe Gerhard Nebel, „Alles Gefühl ist leiblich“. Ein Stück Autobiographie, hrsg. v. Nicolai Riedel, Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2003, 136f., die „seltsame Zusammensetzung des Kölner Publikums: kein Nazi, wenige Studenten, dagegen Leute aus der Stadt und vor allem fast alle linken Intellektuellen... Sehr viel Ironie, lebensgefährlich viel Ironie, eine große Distanz.“

11) Vgl. dazu auch Carl Schmitt, Das internationale Verbrechen des Angriffskrieges und der Grundsatz „Nullum crimen, nulla poena sine lege“. Hrsg., mit Anmerkungen u. einem Nachw. versehen v. Helmut Quaritsch, Berlin: Duncker & Humblot, 1994, darin Quaritsch 153-247, 212f.

12) Der Prozeß begann am 6. Januar 1948 und endete am 14. April 1949.

13) Ernst Jünger – Carl Schmitt. Briefe 1930-1983. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel, Stuttgart: Klett-Cotta, 1999.

14) Erschienen am 30. Januar 1925 in der Sonntagsbeilage der Augsburger Postzeitung. Später distanzierte sich Gurian von seinem Doktorvater und polemisierte gegen ihn aus dem Schweizer Exil. Vgl. Heinz Hürten, Waldemar Gurian. Ein Zeuge der Krise unserer Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1972.

15) Vgl. dazu Bernd Wacker, Vor wenigen Jahren kam einmal ein Professor aus Bonn... Der Briefwechsel Carl Schmitt/ Hugo Ball, in: ders. (Hrsg.), Dionysios DADA Areopagita. Hugo Ball und die Kritik der Moderne, Paderborn-München-Wien-Zürich: Ferdiand Schö-ningh, 1996, 207-239, 207-212.

16) Die Briefe Schmitts an Ball sind, soweit erhalten, im Beitrag von Wacker dokumentiert, vgl. ebd., 213-230.

17) Vgl. zu ihrer Vita Margret Boveri, Verzweigungen. Eine Autobiographie. Hrsg. u. mit einem Nachwort v. Uwe Johnsohn, München/Zürich: Piper, 1977; dies., Tage des Überle-bens. Berlin 1945, Berlin: wjs Verlag, 2004; Heike B. Görtemaker, Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri. 1900-1975, München: C. H. Beck, 2005.

18) Vgl. Margret Boveri, Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche. Ein Versuch, Unverstan-denes zu erklären, Berlin: Minerva-Verlag, 1946.

19) Carl Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951, hrsg. v. Eberhard Freiherr von Medem, Berlin: Duncker & Humblot, 1991.

20) Carl Schmitt, Glossarium, 165 (16. Juni 1948).

21) Montserrat Herrero, El nomos y lo político: La filosofía política de Carl Schmitt, Pam-plona: Eunsa, 1997.

22) Carl Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raum-fremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegrff im Völkerrecht (1939), 4., erw. Aufl., Berlin: Duncker & Humblot, 1991.

23) Hervorhebung von Herrero.

24) Alexander Proelß, Nationalsozialistische Baupläne für das europäische Haus? John Laughland’s „The Tainted Source” vor dem Hintergrund der Großraumtheorie Carl Schmitts, forum historiae iuris, Artikel vom 12. Mai 2003, 1-28 (www.rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0305proelss.htm [02. 08. 2003].

25) Schmitt, Glossarium, 225 (10. 3. 1949).

26) Vgl. die ausführliche Besprechung von Wolfgang Hariolf Spindler, Die Tagespost vom 24. Januar 2004, 15.

27) Vgl. etwa Christian Meier, Zu Carl Schmitts Begriffsbildung – Das politische und der Nomos, in: Helmut Quaritsch (Hrsg.), Complexio Oppositorum. Über Carl Schmitt, Berlin: Duncker & Humblot, 1988, 537-556; Ernst-Wolfgang Böckenförde, Der Begriff des Politi-schen als Schlüssel zum staatsrechtlichen Werk Carl Schmitts, ebd., 283-299; Ernst Vollrath, Wie ist Carl Schmitt an seinen Begriff des Politischen gekommen?, ZfP 36 (1989) 151-168; Hans-Christof Kraus, Anmerkungen zur Begriffs- und Thesenbildung bei Carl Schmitt, in: Politisches Denken, Jahrbuch 1998, 161-177.

28) Meier, a. a. O., 554.

29) Ruth Groh, Arbeit an der Heillosigkeit der Welt. Zur politisch-theologischen Mythologie und Anthropologie Carl Schmitts, Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1998, 22.

30) Schmitt, Ex Captivitate Salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47, Köln: Greven Verlag, 1950, 11-12. Dies ist nicht der einzige Satz, den Annette Rink im besprochenen Werk (29) nur unvollständig zitiert.

31) Vgl. Schmitt, Raum und Rom, in: Tymbos für Wilhelm Ahlmann. Ein Gedenkbuch, hrsg. v. seinen Freunden, Berlin: Walter de Gruyter, 1951, 244-251. Der 1895 geborene Bankier Ahlmann war in den 20. Juli 1944 verwickelt und nahm sich im selben Jahr zum Schutz seiner Familie das Leben.

32) Schmitt dachte schon vor und während des 1. Weltkriegs immer wieder an Suizid, vgl. Tagebücher 1912-1915.

33) Nicolaus Sombart, Jugend in Berlin. 1933-1943. Ein Bericht, Frankfurt/ Main: Fischer, 1987, 238-265.

34) Ders., Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt – ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos, Frankfurt/ Main: Fischer, 1997.

35) Beispielsweise die Bezeichnung Pindars als „sehr konservativ“ (116).

36) Vgl. Schmitt (Hrsg.), Das Judentum in der Rechtswissenschaft. Ansprachen, Vorträge und Ergebnisse der Tagung der Reichsgruppe Hochschullehrer des NSRB am 3. und 4. Oktober 1936, Berlin o. J. (1936). Schmitts Eröffnungs- und Schlußwort als „Reichsgrup-penwalter“ ebd., 14-17 und 28-34; letzteres auch in veränderter Form in: DJZ 41 (1936) Sp. 1193-1199.

37) Der katholische Senkrechtstarter Schmitt war bereits 1934 vom Amt des „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP“, Alfred Rosenberg, als weltanschaulich unzuverlässig eingestuft worden. Ab Mitte 1936 griff ihn das „Schwarzen Korps“ öffentlich an, bis ihm der „Reichsrechtsführer“ Hans Frank zum 1. Januar 1937 alle hochschulamtlichen Aufgaben mit Ausnahme der Pro-fessur entzog. Vgl. die Darstellungen von Paul Noack, Carl Schmitt. Eine Biographie, Frankfurt/ Main: Propyläen, 1993, 197-207, und Andreas Koenen, Der Fall Carl Schmitt. Sein Aufstieg zum „Kronjuristen des Dritten Reiches“, Darmstadt: Wissenschaftliche Buch-gesellschaft, 1995, 651-764.

38) Im 1. Kap. (32) verkürzt Gross das Zitat auf „die Juden als ,der wahre Feind‛ und gibt (Anm. 4) fälschlicherweise Seite 45 des „Glossariums“ an.

39) Hervorhebung durch Gross.

40) Gross zitiert zustimmend Olaf Blaschkes infame Ineinssetzung von Katholizismus und Antisemitismus „auch im Hinblick auf Weimar und das Dritte Reich“ (vgl. dens., Katholi-zismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, Diss. Bielefeld 1995, 269): „Die Katholiken waren antisemitisch, nicht obwohl sie Christen waren, auch nicht, weil sie bloß charakterlose Christen oder schlechte Katholiken waren. Vielmehr waren die Katholiken antisemitisch, gerade weil sie gute Katholiken sein wollten“ (32 Anm. 3). Vgl. dagegen Klaus Gotto/ Konrad Repgen (Hrsg.), Kirche, Katholiken und Nationalsozialismus, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1980; Konrad Löw, Die Schuld – Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart, Gräfelfing: Resch-Verlag, 2002. Gross lehnt übrigens eine klare Differenzierung zwischen religiös begründetem „christlichem Antijuda-ismus“, den er durchgehend als „Antisemitismus“ qualifiziert, und sozialdarwinistischem rassischem Antisemitismus „bereits“ deshalb ab, weil sich die Nazi-Propaganda auch religi-öser Erhöhungsbegriffe (z. B. Hitler als „Instrument der Vorsehung“ usw.) bediente und selbst die NS-Gesetze Juden nicht, wie häufig angenommen, biologistisch-rassistisch defi-nierte (56-59). So nimmt es nicht wunder, wenn die kirchlichen Würdenträger der „wei-testgehenden Gleichgültigkeit gegenüber der Verfolgung und Vernichtung der Juden“ gezie-hen werden (337). Zu den ähnlichen Goldhagen-Thesen vgl. Karl-Josef Hummel, Überzo-gene Anklage und schwaches Plädoyer, Die Tagespost vom 10. 12. 2002; ders., Ein Kardi-nal marschiert nicht, FAZ vom 12. 10. 2002.

41) 1. Aufl. 1939, Neuaufl. New York, 1969; vgl. Glossarium, 17 mit Anm.1.

42) Zu diesen „wissenschaftlichen“ Taschenspielertricks vgl. grundlegend Fritjof Haft, Einführung in das juristische Lernen: Unternehmen Jurastudium, 6. Aufl., Bielefeld: Giese-king, 1997.

43) Nur ein Beispiel: Im Vorwort zur zweiten Ausgabe (1934) der „Politischen Theologie“ (6. Aufl., 8) unterscheidet Schmitt „drei Arten rechtswissenschaftlichen Denkens“: den normativistischen, den dezisionistischen und den institutionellen Typus. Wenige Zeilen später wird der „reine Normativist“ vom „Normativist in seiner Entartung“ abgegrenzt. Während Schmitt, wieder wenige Zeilen später, unmißverständlich darlegt, daß alle „drei juristischen Denktypen sowohl in deren gesunden wie in ihren entarteten Erscheinungsfor-men“ auftreten, extrahiert Gross (255) – im Zusammenhang mit Kelsens Normativismus, den Schmitt laut Gross als typisch „jüdisch“ ablehnt – allein das Stichwort „Entartung“, fügt den Namen des jüdischen Rechtsgelehrten und „Vaters der Weimarer Verfassung“ Hugo Preuß (1860 bis 1928) hinzu und stilisiert diesen neben Kelsen zum (aus Schmitts angebli-cher Sicht) „wichtigsten Vertreter und Beschleuniger dieser ,Entartung‘“. Gross weiß natür-lich genau, wie auf den unbedarften Leser der Begriff „Entartung“ im Zusammenhang mit Juden wirken muß, und er verstärkt diese Wirkung durch den lapidaren Hinweis (Anm. 249), daß dieses „Wort von der ,Entartung‘ des Rechts durch die ,Normativisten‘“, die Schmitt gar nicht behauptet hatte, „erst im Vorwort zur Neuausgabe von 1934“, also nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, stehe. Gross erfindet ein-fach, daß Schmitt Preuß als jüdischen „Beschleuniger“ bezeichnet habe, und unterschlägt die Tatsache, daß Schmitt am 18. Januar 1930 eine Preuß durchaus positiv würdigende Erinne-rungsrede zum Tode des Weimarer Verfassungsschöpfers gehalten hat! Vgl. Schmitt, Hugo Preuß. Sein Staatsbegriff und seine Stellung in der deutschen Staatslehre, Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1930; vgl. auch den Brief von Preuß an Schmitt vom 19. März 1925, in: Schmittiana III (= Eclectica. 20ste Jaargang, Nr. 84-85), hrsg. v. Piet Tommissen, Brüs-sel, 1991, 131f. Zur Bewertung des Verhältnisses Preuß/ Schmitt von seiten des SD vgl. Bundesarchiv Koblenz/R58/854, Bl. 5, 79.93.121.

44) Beide Autoren identifizieren wie selbstverständlich die „politische Theologie“ mit dem Gesamtwerk Schmitts.

45) Vgl. jetzt auch Dieter Stein, „Neue Rechte“. Die Geschichte eines politischen Begriffs und sein Mißbrauch durch den Verfassungsschutz, Berlin: JF-Edition, 2005; dagegen Wolf-gang Gessenharter/ Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Die Neue Rechte – eine Gefahr für die Demo-kratie? Wiesbaden: VS Verlag, 2004.

46) Hans Magnus Enzenberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, 5. Aufl., Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1996; ders., Über die gutmütigen Deutschen, in: „Der Spiegel“ vom 14. Dezem-ber 1998.

47) Vgl. Summa Theologiae II-II 26, 6.

48) Zwar ist dem Verfasser bekannt, daß Schmitt Charles Maurras fast gar nicht rezipiert hat, aber irgendeine „Geistesverwandtschaft“ (128) läßt sich – und sei es mit Ernst Nolte – immer herstellen.

49) Schmitt, Der Begriff des Politischen, 6. Aufl., Berlin: Duncker & Humblot, 1996, 63.

50) Hingegen sind wir nicht versucht zu spekulieren, warum der nunmehrige Professor für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt laut Internet-Lebenslauf (gelesen am 01. 02. 2005) auch nur „ein Kind“ hat.

51) Vgl. dazu Wolfgang Hariolf Spindler, Bleibende Mißverständnisse – Carl Schmitts poltisches Denken, NO 56 (2002) 423-436, 428f.

52) Vgl. Otto Betz, Der Katechon, in: ders., Jesus. Der Herr der Kirche, Aufsätze zur bibli-schen Theologie, Bd. II, Tübingen: Verlag J. C. B. Mohr, 1990, 293-311, 299f., 308ff.

53) Vgl. auch Wolfgang Ockenfels, Politisierter Glaube? Zum Spannungsverhältnis zwi-schen katholischer Soziallehre und politischer Theologie, Bonn: IfG-Verlagsgesellschaft, 1987.

54) Giorgio Agamben, Ausnahmezustand (Homo sacer II.1), Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2004.

55) Sibylle Tönnies, Krieg gegen Krieg, FAZ vom 19. 11. 2003; dies., Schutz für Gehorsam, FAZ vom 24. 11. 2004.

56) Massimo Cacciari, Gewalt und Harmonie. Geo-Philosophie Europas, 2. Aufl., München: Carl Hanser, 1999.

Mag. theol. Wolfgang Hariolf Spindler OP ist Jurist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft in Trier.

Inhalt vor