Jahrgang 59
Nr. 6/2005 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Was ist der Mensch, strenggenommen?

Aus der Entfernung von vierzig Jahren betrachtet, verschwimmt das Zweite Vati-canum in der Erinnerung vieler Zeitgenossen im vagen Eindruck, nach dem Konzil sei doch „alles nicht mehr so streng“. Streng, also beim Wort genommen, sprechen die Texte des Konzils jedoch eine andere Sprache als der flink agieren-de Geist einer Zeit, die das Gespür für das Jenseitige, die Ehrfurcht vor dem Heiligen und das Bedürfnis nach Erlösung weitgehend abgestreift hat. Von die-sem Geist hat sich nicht nur das liturgische Leben, sondern auch das soziale Engagement der Kirche ergreifen lassen.

Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes gehört zu jenen klassischen Konzils-texten, die zwar gelegentlich zitiert, aber selten in ihrer reichen theologischen Fülle wahrgenommen werden. Bei vielen Vertretern der Katholischen Sozialleh-re ist eine vorrangig sozialphilosophische Tradition wirksam, in der die theologi-sche Begründung und spezifisch christliche Dimension weitgehend ausgeklam-mert wurden, um sie arbeitsteilig der Dogmatik oder der Moraltheologie zu über-lassen. Allenfalls berief man sich auf jene schöpfungstheologischen Bestimmun-gen von Mensch und Gesellschaft, die sich naturrechtlich, d.h. gemäß einer all-gemein menschlichen Vernunft begreifen ließen.

Zu den meistzitierten Stellen von Gaudium et spes gehört jener berühmte Satz, der den sozialphilosophischen und –ethischen Kern der Katholischen Soziallehre knapp und markant zum Ausdruck bringt: „Wurzelgrund nämlich, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen ist und muß auch sein die menschliche Person, die ja von ihrem Wesen selbst her des gesellschaftlichen Lebens durch-aus bedarf.“(Nr. 25) Hier erscheint die Katholische Soziallehre als die prinzipiel-le Entfaltung eines personalen Menschenbildes, das vorab zu klären und zu be-gründen wäre, um den personalen Subjektcharakter der Gesellschaft zu akzentu-ieren. Die Soziallehre setzt eine Anthropologie voraus, die ihrerseits von einer Christologie durchdrungen ist, die es rechtfertigt, von einer wirklich christlichen Soziallehre zu sprechen.

Gaudium et spes suchte die Antwort auf die zentrale Frage zu geben: „Was aber ist der Mensch?“ Die inhaltlichen Elemente dieser christlichen Anthropologie sind bekannt – und heute mehr denn je „umstritten“: Es geht um die „Würde der menschlichen Person“, um Gottebenbildlichkeit, Sünde, Einheit von Leib und Seele, Vernunft, Gewissen, Freiheit, Tod, Atheismus - und schließlich um Chris-tus als den „neuen Menschen“.

Fragt man nach dem christologischen „Mehrwert“ von Gaudium et spes, so liegt dieser gewiß nicht in der Gewinnung neuer sozialethischer Normen zum Aufbau einer exklusiv christlichen Gesellschaftsordnung, sondern in der Motivierung der persönlichen Glaubenspraxis und des kirchlichen Engagements. Die christliche Anthropologie enthält keinen integralistischen Herrschaftsanspruch auf einen „christlichen Staat“. Somit bleibt die naturrechtliche (und damit auch menschen-rechtliche) Vernunft-Argumentation – bei allen Schwierigkeiten des Dialogs – durchaus angemessen. Hingegen bilden die spezifisch christologischen Begrün-dungen, die den Glauben voraussetzen oder stärken sollen, eher einen inner-christlichen Auftrag und bleiben Hauptgegenstand der lange vernachlässigten Mission.

Schon die Zeitbezogenheit von Gaudium et spes war es, die das Thema der An-thropologie zum zentralen Anknüpfungspunkt des Dialogs zwischen Kirche und „Welt“ werden ließ. Alle Welt gab sich damals als „humanistisch“ aus. Im Sinne der Pastoralkonstitution müßte man heute fragen, ob und in welche Richtung sich der zeitgeschichtliche Horizont inzwischen verschoben hat, damit der künf-tige Dialog nicht ins Leere läuft.

Aber gibt es überhaupt noch die „Zeichen der Zeit“, von denen Gaudium et spes sprach – und die nach christlichen Maßstäben gedeutet werden sollten? Oder sind diese Zeichen nicht sehr widersprüchlich geworden? Nach der Zeitenwende von 1989 ist die marxistisch-atheistische Welt fast ganz verschwunden, und zwar mit Hilfe von Kirche und Papst. Mit der „Globalisierung“ scheint das „westli-che“ Freiheitsmodell mitsamt seinen materialistischen und konsumistischen Schattenseiten weltweit im Vormarsch zu sein. Aber die „Säkularisierung“ hat Raum geschaffen für neue religiöse Bewegungen, für Polytheismus, Magie, Mythen und Aberglauben, die sich auch hierzulande ausbreiten – und auf dem „Markt der Religionen“ zum kirchlichen Christentum in Konkurrenz treten. Und die Kirche muß sich selbstkritisch fragen, ob die christliche Erlösungsantwort im allgemeinen Dialog untergeht, wenn sie nicht mit einer missionarischen Offensi-ve verbunden wird.

Freilich ist der moderne Fortschrittsglauben, von dem auch das II. Vatikanische Konzil partiell erfaßt war, inzwischen stark zurückgegangen – und beschränkt sich auf einige Fortschritte der Gentechnologie, die aber moralisch höchst prob-lematisch sind. Der genmanipulierte, „neue“, biologisch „optimierte“ Mensch stellt wohl die größte Herausforderung für eine christliche Anthropologie dar, wie schon vorher die Einführung der „Antibabypille“, die Liberalisierung von Abtreibung und Euthanasie sowie die staatliche Privilegierung homosexueller Partnerschaften. Für all das werden heute die Begriffe „Menschenwürde“ und „Humanität“ legitimatorisch herangezogen. Daran haben die Autoren von Gau-dium et spes gewiß nicht denken können. Auch nicht an die moralischen, sozia-len und demographischen Folgen, die solches Handeln nach sich zieht.

Die zeitgenössische Philosophie scheint erheblich vom abendländischen Huma-nismus, vom Subjekt- und Freiheitsdenken abzurücken und im Nihilismus zu enden. Nun läßt sich das christliche Menschenbild nicht „eurozentrisch“ reduzie-ren, wenngleich es in Europa seinen Ausgang nahm und dort tiefe Spuren hinter-ließ. Diese gilt es zu bewahren. „Strenggenommen“ gerade dann, wenn die „Freiheitsgeschichte“ in neue ideologische Knechtschaften zurückzufallen droht.

Wolfgang Ockenfels

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