Jahrgang 59
Nr. 6/2005 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Anton Rauscher

Der katholischen Soziallehre verpflichtet

Eine Geburtstagsgabe für Lothar Roos (70)

Woran liegt es, daß in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder die Frage aufgeworfen wird, warum von der katholischen Soziallehre nicht mehr Denkan-stöße und Diskussionsbeiträge zur Lösung der brennenden sozialen Fragen der Gegenwart ausgehen. Wo ist jene Reformkraft geblieben, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Weimarer Zeit vielbeachtete Beiträge zu den Problemen des gerechten Lohnes und des Arbeiterschutzes, der Einkom-mens- und Vermögensverteilung, der sozialen Sicherungssysteme und der Ar-beitslosenversicherung, zur Überwindung der Klassengesellschaft und zur Integ-ration der Arbeiterschaft in die Industriegesellschaft geleistet hat? Die auch nach der Katastrophe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den Zerstörun-gen im Zweiten Weltkrieg den wirtschaftlich-sozialen und den geistig-kulturellen Wiederaufbau Deutschlands nachhaltig mitbestimmte?

Der bayerische Landtagspräsident Alois Glück erklärte kürzlich, er vermisse kirchliche Impulse in aktuellen politischen Diskussionen. Die Kirchen seien derart mit eigenen Problemen beschäftigt und verlören an gestalterischer Kraft. Auch aus der Theologie kämen wenig Anregungen, etwa zur Reform des Sozial-staats.1 In dieselbe Richtung zielte eine Pressemeldung, daß der neue Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Lau-mann, für eine Wiederbelebung der katholischen Soziallehre plädiere. Beide Politiker sind vertraut mit der christlich-sozialen Bewegung, die nach 1945 viele, gerade auch junge Christen anzog. Und sie spüren in der Begegnung mit den Problemen, vor denen wir heute stehen, wie wichtig es wäre, wenn verantwor-tungsbewußte Christen in größerer Zahl bereit wären, ihre christliche Sicht und ihr persönliches Engagement einzubringen und den unaufschiebbaren Reformen in Gesellschaft und Politik zum Durchbruch zu verhelfen.2

Dabei ist es noch gar nicht lange her, daß das Gemeinsame Wort der Kirchen „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ im Jahre 1997 eine verhält-nismäßig breite Resonanz in der Öffentlichkeit fand. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bescheinigte dem Gemeinsamen Wort, analytisch auf der Höhe der Zeit zu sein und zugleich in der Tradition des Evangeliums zu argumentieren: „Das Wort kann sich sehen lassen. Es hat sich gelohnt ...“3 Vereinzelt gab es da und dort kritische Vorbehalte, etwa von katholischen Unternehmern oder vom Bens-berger Kreis.4 Aber die allgemeine Stimmung war eher hoffnungsvoll, daß es den Kirchen gelingen könnte, einen Anstoß zur Bekämpfung der Massenarbeits-losigkeit zu geben.

Daß die Sozialverkündigung der Kirche nicht an Attraktivität verloren hat, zeigte die Resonanz, die die unablässigen Bemühungen von Johannes Paul II., die Wahrheiten und Wertorientierungen des christlichen Menschenbildes für den Aufbau und die Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensbereiche in Gerechtig-keit und Solidarität zur Geltung zu bringen, weltweit bei vielen Menschen, bei den Regierungen und bei internationalen Organisationen hervorriefen.5

Ende 2003 sahen sich die Bischöfe veranlaßt, eine weitere Erklärung mit dem Titel: „Das Soziale neu denken“ zu veröffentlichen. Die Erklärung der Kommis-sion für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz vom 12. Dezember 2003 hat zwar durchaus Beachtung gefunden, aber kein Auf-sehen erregt. Der erneute Vorstoß ist nur verständlich, wenn man bedenkt, daß das Gemeinsame Wort und die bisherigen Bemühungen der Bischöfe wenig bewirkten im Hinblick auf die Bewältigung von Massenarbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. Ebensowenig waren die Maßnahmen der verschiedenen Bundesregierungen in der Lage, die Massenarbeitslosigkeit spürbar zurückzu-drängen und die Staatsverschuldung abzubremsen.

Die erste Regierung Schröder war im Herbst 1998 angetreten mit dem Verspre-chen, man werde sich daran messen lassen, die Arbeitslosigkeit wenigstens um eine halbe Million abzubauen. Dies war nicht gelungen. Auch die zweite Regie-rung Schröder, die zunächst große Reformen plante, mußte schnell erkennen, wie begrenzt ihr Handlungsspielraum war, solange in den die Regierung tragen-den Koalitionsparteien die Bereitschaft zu wirklich durchgreifenden Reformen nicht vorhanden war. Offenkundig wollten die Bischöfe den Boden für ein-schneidende soziale Reformen bereiten und der wachsenden resignativen Stim-mung, als ob man gegen die Arbeitslosigkeit kaum noch etwas ausrichten könne, entgegenwirken.6 Andere Staaten in Europa waren sehr viel entschlossener und auch erfolgreicher in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Inzwischen hat sich gezeigt, daß auch „Hartz IV“ keineswegs ein Wunderheilmittel ist, um mehr Wirtschaftswachstum und eine Reform des Arbeitsmarktes zu erreichen.

Individualisierte „Wissenschaft“

Auch wenn man unterscheiden muß zwischen der Sozialverkündigung bezie-hungsweise der Soziallehre der Kirche und der katholischen Sozialwissenschaft, die diese Lehre ideenreich, kritisch und weiterführend begleiten soll und inner-halb der Theologie ihren Platz gefunden hat, so kann der Begriff „katholische Soziallehre“ beides umfassen. Das Defizit, das häufig beklagt wird, dürfte sich in erster Linie auf die katholische Sozialwissenschaft beziehen. In diese Richtung gehen jedenfalls die Überlegungen Daniel Deckers, die er auf der Sozialethiker-Tagung 2004 zum Thema: „Warum bewegt das soziale Sprechen der Kirche so wenig?“7 vorgetragen hat.

Eine erste kritische Anfrage betrifft das Selbstverständnis von katholischer Sozi-allehre. Schon die verschiedenen Bezeichnungen der Lehrstühle und Professuren an den theologischen Fakultäten ist verwirrend: Christliche Sozialwissenschaf-ten, Christliche Gesellschaftslehre, aber auch Theologische Ethik oder Christli-che Sozialethik. Die wenigen Lehrstühle, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gab (Münster, Bonn, München), hatten zwar ebenfalls verschiedene Bezeichnun-gen, aber niemand wäre damals auf den Gedanken gekommen, als ob sich dahin-ter ganz verschiedene Inhalte und Orientierungen verbergen würden. Damals war es selbstverständlich, daß die katholische Sozialwissenschaft ihre Grundlage in der Sozialverkündigung der Kirche, insbesondere der Päpste hatte. Diese Ortsbe-stimmung blieb auch noch lebendig, als in den 1960er und besonders 1970er Jahren die Zahl der Lehrstühle für christliche Gesellschaftslehre an den theologi-schen Fakultäten stark vermehrt wurde. Man erhoffte sich davon eine Schärfung des sozialen Gewissens in der Kirche und in der Gesellschaft.

Eine Wende, wie sie sich mit dem Sammelband: „Jenseits Katholischer Sozial-lehre. Neue Entwürfe christlicher Gesellschaftsethik“8 anbahnte, wäre früher nicht denkbar gewesen. Man darf sich nicht wundern, wenn bei einer fortschrei-tenden Pluralisierung, ja Auflösung des Bezuges zur Kirche und zu der von ihr verbürgten Lehre das Interesse an dieser Art von individualisierter „Wissen-schaft“ schwindet.

Eine gewisse Distanzierung vom Lehramt und von der „Lehre“ der Kirche hat in der katholischen Sozialwissenschaft in den zurückliegenden Jahren zugenom-men. Natürlich hat man bei Bedarf die eigenen Erkenntnisse noch mit dem einen oder anderen Bezug zu einer Sozialenzyklika garniert, vor allem dann, wenn er die eigene Position stützen würde. Aber das ist im Grunde nur ein matter Ab-glanz dessen, was die katholische Sozialwissenschaft leisten muß. Es mehrten sich die Bestrebungen, auf qualifizierende Aussagen wie „katholisch“ oder „christlich“ zu verzichten. Auch wollte man nicht mehr von Gesellschaftslehre oder Soziallehre sprechen, weil der Begriff „Lehre“ stets im Zusammenhang mit der Kirche und ihrem Lehramt steht. Früher galt „katholische Soziallehre“ als Gütesiegel; jetzt wurde es eher als Belastung für die Freiheit der Forschung ge-sehen. Anläßlich der Ausschreibung eines Lehrstuhls für „Christliche Gesell-schaftslehre“ wurde seine Umbenennung in „Sozialethik“ damit begründet, daß an den katholisch-theologischen Fakultäten die Zahl der Priesteramtskandidaten rückläufig sei, wohingegen den Lehramtsstudierenden künftig ein größeres Ge-wicht zukomme. Diese aber würden die Theologie nur wählen, wenn der Bezug zur Kirche und ihrer „Lehre“, auch ihrer „Soziallehre“, auf ein Minimum schrumpfe. Über den inneren Zusammenhang zwischen der Soziallehre der Kir-che und der katholischen Sozialwissenschaft beziehungsweise der Sozialethik dachte man nicht weiter nach, auch nicht darüber, was aufs Spiel gesetzt wird oder verlorengeht, wenn dieser Zusammenhang aufgegeben wird. Auch die Dogmatik wäre gar nicht vorstellbar ohne den Zusammenhang mit der Glau-bensverkündigung der Kirche.

Nichts könnte den Beliebigkeitscharakter einer von ihrer Grundlage weitgehend gelösten Sozialethik besser dokumentieren als der Hinweis Daniel Deckers auf die verschiedenen Konzepte christlicher Sozialethik, die im „Jahrbuch für Christ-liche Sozialwissenschaften“ im 43. Band (2002)9 in sieben Artikeln vorgestellt wurden. Die „christliche Sozialethik“ wird dort verstanden einmal als „Natur-rechtsethik“, dann als „kontextuelle theologische Ethik“, als „theologische Sys-temethik“, als „christliche Gesellschaftsethik“, als „Strukturenethik“, als „her-meneutische Ethik“, als „Zeitdiagnose“. Ganz abgesehen davon, daß die Spra-che, derer man sich bedient, für den Normalbürger immer schwerer verständlich wird, fragt man unwillkürlich, wie es um eine Disziplin bestellt sein mag, die unter derart verschiedenen Bezeichnungen auftritt.

Die Vertrautheit mit den wirtschaftlichen Strukturen

Wenn bei Personen, die in öffentlicher Verantwortung stehen, der Eindruck vorherrscht, daß von der katholischen Soziallehre zu wenige Beiträge und Vor-schläge zur Lösung der sozialen Fragen der Gegenwart kommen, dann dürfte dies mit einer anderen Entwicklung zusammenhängen. Das Ansehen und die Stärke der katholischen Sozialwissenschaft in Deutschland ist vor allem auf die Bemühungen zurückzuführen, sich nicht mit ethischen Erklärungen über die soziale Frage zufriedenzugeben, sondern dem Problem selber auf den Grund zu gehen und die ethische mit der ökonomischen Sichtweise zusammenzubringen, so daß Ethik und Ökonomie sich gegenseitig befruchten.

Der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel v. Ketteler wurde zum „sozialen Bi-schof“, weil er sich, wie seine erhalten gebliebene Bibliothek zeigt, in die Litera-tur zur sozialen Frage – ob es sich um liberale oder sozialistische Werke handelte – einarbeitete und dann nach Lösungen im Lichte des Evangeliums und der theo-logischen Tradition suchte.10 Nicht anders Franz Hitze, der sich als Gymnasiast in Paderborn mit den Schriften Kettelers befaßte, und den die Arbeiterfrage wäh-rend seiner theologischen Studien in Würzburg (1872-1877) nicht losließ. Nach seiner Priesterweihe bereitete er seine Promotion in Rom vor. Er studierte „Das Kapital“ von Karl Marx und suchte nach einer christlichen Antwort für die Re-organisation der Gesellschaft.11 Die Bildungsarbeit und Nachwuchsschulung, die der Volksverein für das katholische Deutschland seit 1890 in Mönchengladbach aufbaute, war auf die Verbindung der christlichen Verantwortung für gerechte und solidarische Verhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft mit den gesicherten Erkenntnissen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bedacht.

Heinrich Pesch, der Begründer des Solidarismus – leider haben nicht wenige Vertreter der heutigen katholischen Sozialwissenschaft von ihm nichts gelesen – zögerte nicht, im Alter von 50 Jahren nochmals an die Universität zu gehen und bei dem Begründer der staatlichen Sozialpolitik Adolph Wagner an der Hum-boldt-Universität in Berlin Nationalökonomie zu studieren. Er war überzeugt, daß Ethik, auch Sozialethik, auch katholische Soziallehre weder abstrakt noch sozusagen im luftleeren Raum gedeihen und Früchte bringen können. Die christ-liche Sicht über den Menschen und über die Gesellschaft muß gehärtet werden in der Auseinandersetzung mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Gustav Gundlach folgte seinen Spuren und promovierte bei dem bekannten Na-tionalökonomen und Sozialismus-Forscher Werner Sombart ebenfalls an der Humboldt-Universität (1927). Oswald von Nell-Breuning wiederum bearbeitete das Thema „Grundzüge der Börsenmoral“ bei dem angesehenen Münsteraner Moraltheologen Josef Mausbach (1926). Auch Johannes Messner studierte in München bei Adolf Weber, Otto von Zwiedineck-Südenhorst und Jakob Strieder Wirtschaftswissenschaften, was sein ganzes Denken und Schaffen bereicherte. Schließlich promovierte Joseph Höffner 1941 bei dem Begründer der Freiburger Schule Walter Eucken mit der Arbeit: „Wirtschaftsethik und Monopole im 15. und 16. Jahrhundert“.

Die Vertrautheit mit den Erkenntnissen und Methoden der Wirtschaftswissen-schaften hat das Denken und den Beitrag der katholischen Sozialwissenschaft außerordentlich befruchtet.12 Auch der wissenschaftliche Diskurs wurde dadurch erleichtert. Er hat dazu geführt, daß auch Ökonomen und Sozialpolitiker in zu-nehmendem Maße für Anliegen der Gerechtigkeit und der Solidarität oder für die Familienpolitik offen sind und sich engagieren.

Die fast schon zur Tradition gewordene Linie in der katholischen Sozialwissen-schaft ist seit den 1980er Jahren schwächer geworden, als immer mehr Vertreter der katholischen Soziallehre anstelle der Wirtschaftswissenschaften sich mit Soziologie oder Politologie befaßten. Die fehlende Vertrautheit mit den ökono-mischen Erkenntnissen und Zusammenhängen hat dazu geführt, daß die Beiträge der katholischen Sozialwissenschaft zur Reform des Sozialstaates weniger wur-den. Nur wer Bescheid weiß über die komplexen Tatbestände bei den Alterssi-cherungssystemen, bei der Kranken- und Pflegeversicherung, auch bei der soge-nannten Abkoppelung vom Lohn, kann mitreden. Dies gilt auch für viele Fragen des Arbeitsmarktes oder des Steuersystems. Sicherlich kann auch die Soziologie wichtige Beiträge leisten, jedoch verbleiben sie oft genug bei allgemeinen Über-legungen, ohne zum harten Kern vorzudringen.

Es wäre dringend erforderlich, daß in der katholischen Sozialwissenschaft das Interesse und Verständnis für die ökonomischen Entwicklungen und ihre Bedeu-tung für alle übrigen gesellschaftlichen Lebensbereiche wieder stärker gepflegt werden. Dann würde auch eine problematische Abhängigkeit von ideologischen Sichtweisen vermindert. Was die Massenarbeitslosigkeit betrifft, so ist es ver-ständlich, wenn linke Gruppierungen in der SPD wie auch die von der PDS ge-tragene neue Linke diese als ein Ergebnis eines erneuten „Kapitalismus“ anpran-gern und dann die Reflexion über Reichtum und Armut eine merkwürdige Erklä-rung findet. Daß es sich hier um ideologische Restbestände handelt, geht schon daraus hervor, daß andere Länder Europas mit durchaus vergleichbaren Struktu-ren mit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sehr viel bessere Erfolge erzielt haben und weder in Österreich noch in Dänemark man versucht ist, den „Kapita-lismus“ zu bemühen. Mehr ökonomische Nüchternheit täte uns gut.

Die Erkennbarkeit des Wesens der Dinge

Genauso wichtig wie die Einbeziehung der wirtschafts- und sozialwissenschaft-lichen Erkenntnisse ist die Besinnung auf die Erkennbarkeit der Wirklichkeit und auf die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe seiner Vernunft die Wirklichkeit zu erkennen, auch Wesenseinsichten gewinnen zu können. Die Fülle der heute von den empirischen und positiven Wissenschaften zutagegeförderten Erkenntnisse, die mit jedem Tag weiter anwachsen, ist so groß, daß immer mehr Menschen „abschalten“ und viele Wissensgebiete nur noch von sogenannten Experten und Spezialisten überschaut werden. Selbst die Fachleute und Wissenschaftler tun sich schwer, in ihrem eigenen Bereich auf dem laufenden zu bleiben. Unter die-sen Umständen wächst die Gefahr, daß viele vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Sie neigen dazu, ihr Wissens- und Informationsbedürfnis nur noch auf ausgewählte Teile zu beschränken. Die Diskursethik will aus dem Dilemma eine Tugend machen. Sie geht davon aus, daß die Wissensfülle zum Diskurs zwingt und der ständige Austausch zwischen den Wissenschaften den Zugang zu den Erkenntnisbereichen ermöglicht.

Aber ist dem Menschen heute die Fähigkeit zu Wesenseinsichten wirklich ab-handen gekommen? Sind das Suchen und das Verlangen des Menschen, der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen, verlorengegangen? Seit der Kantschen Wende und mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften hat sich eine Meta-physikfeindlichkeit ausgebreitet, die auch die Möglichkeit, das Wesen der Dinge zu erkennen, sozusagen per Dekret leugnet oder einfach ausblendet. Allerdings können derartige Denkverbote nicht verhindern, daß die Menschen nach wie vor daran interessiert sind, zu fragen nach dem Wesen der Dinge, des Menschen, der Gesellschaft. Sie suchen nach der Wahrheit, wenn sie den Eindruck haben, daß diese ihnen vorenthalten werden soll. Sie suchen nach der Gerechtigkeit, wenn sie zu der Auffassung gelangen, daß ihnen auch im Rechtsstaat nicht das gege-ben wird, worauf sie Anspruch haben. Die Menschen wollen Antworten auf Fragen nach der unantastbaren Würde jedes Menschen, nach den Menschenrech-ten, wenn diese in der einen oder anderen Weise gefährdet erscheinen. Sind die Menschen Opfer von Illusionen, wenn sie die uralte Frage: „Was ist der Mensch?“ immer neu stellen? Nur wenn derartige Fragen nicht mehr gestellt würden, müßten wir an der Vernunft des Menschen und an seiner Fähigkeit, der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen, zweifeln.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang nochmals an Karl Lehmann, der die Ant-wort, die die katholische Soziallehre auf die Frage: Was ist der Mensch? gibt, als entscheidend hält für das Verständnis der Gesellschaft und des Verhältnisses von Einzelmensch und Gesellschaft: „Die katholische Soziallehre arbeitete von der Schöpfung und von den philosophisch-theologischen Einsichten her das Wesen des Menschen als ‚Bild Gottes’ und als ‚Person’ heraus. Die Gesellschaft, ange-fangen von Ehe und Familie bis hin zum Staat und zur internationalen Gemein-schaft, ist ausgerichtet auf die Entfaltung der menschlichen Person, auf das soli-darische Miteinander der Personen in den verschiedenen gesellschaftlichen Le-benskreisen, auf die subsidiäre Struktur der Gesellschaft.“13

Zu allen Zeiten haben sich die Philosophen um die Erkenntnis der Wirklichkeit bemüht und die Fragen der Menschen nach dem Wesen der Dinge ernstgenom-men. Dabei hat sich frühzeitig die Unterscheidung zwischen der empirisch er-fahrbaren Wirklichkeit und dem Wesen der Dinge herausgebildet, weil ohne diese Unterscheidung die Fragen der Menschen sozusagen im luftleeren Raum schweben würden. Für die griechischen Philosophen und später für die Stoiker konzentrierten sich die Bemühungen einerseits auf die Erkenntnis der empiri-schen Welt, andererseits auf Wesenseinsichten in die „Natur der Sache“. Man entdeckte das „Naturrecht“, das von dem von der Gemeinschaft gesetzten Recht unterschieden wurde. Die naturrechtliche Argumentation und Begründung hat den Vorzug, daß Einsichten in das Wesen des Menschen universal und für alle, die Menschenantlitz tragen, gelten: nicht nur für Christen, sondern auch für Buddhisten, Hindus, Muslime, Andersgläubige und Atheisten; nicht nur für wohlhabende, sondern genauso für arme Menschen und Familien, nicht nur für Wissenschaftler und Intellektuelle, sondern für alle Menschen. Die naturrechtli-che Argumentation eignet sich besonders für die Klärung von Problemen und ihre Lösung in pluralistischen Gesellschaften, weil die Besinnung auf das Wesen des Menschen und seine Sozialität bei der allen Menschen gemeinsamen Grund-lage ansetzt.

Es ist kein Zufall, daß die Entwicklung der katholischen Soziallehre im 19. Jahr-hundert aufs engste mit der Wiederentdeckung des Naturrechts und der natur-rechtlichen Argumentation zusammenhing. Anlaß war die alles überschattende „soziale Frage“, die die Industriegesellschaft spaltete. Weder die individualisti-sche Erklärung der Gesellschaft, wie sie der Liberalismus anbot, noch die kollek-tivistische Erklärung der Gesellschaft, für die der Sozialismus in seinen ver-schiedenen Richtungen kämpfte, konnten die soziale Frage einer Lösung näher-bringen. Der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Papst Leo XIII. griffen zurück auf die christliche Auffassung über den Menschen und das sittliche Naturgesetz, das Gott in die Herzen jedes Menschen schreibt. Johannes Paul II. erinnert uns in der Sozialenzyklika Laborem exercens (1981) daran, daß Leo XIII. in der Enzyklika Rerum novarum bei der unantastbaren Würde des Menschen ansetzt, die auch der Arbeiter besitzt. Die christliche Anthropologie und die aus dem Wesen des Menschen erkennbaren sozialen Prinzipien werden zur Grundlage und zum Ausgangspunkt der katholischen Soziallehre, die sich zusammen mit der Offenbarung vor allem auf das Naturrecht und seine Univer-salität stützt.

Außerhalb der katholischen Soziallehre und der christlich-sozialen Bewegung dominierten lange Jahrzehnte die großen sozialen Ideologien, der ungehemmte Rechtspositivismus und naturalistische und materialistische Deutungen des Men-schen. Der völlige Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 bewirkte eine breite Besinnung auf die Grundwerte, die verraten worden waren. Auch das Naturrecht und die naturrechtliche Argumentation waren wieder gefragt, und zwar nicht nur bei den Christen, sondern weit darüber hinaus. Der materielle und der geistig-kulturelle Wiederaufbau Deutschlands wurde möglich.

Während die Soziallehre der Kirche an den Einsichten über das Wesen des Men-schen und die Grundlagen des sittlichen Naturgesetzes festhält, ist der Einbruch, der in der katholischen Sozialwissenschaft erfolgt ist, mit eine der Ursachen dafür, daß der Eindruck entstehen kann, die katholische Sozialwissenschaft sei nicht mehr in der Lage, um Anstöße zur Bewältigung der sozialen Herausforde-rungen der Gegenwart zu geben. Soziologische und politikwissenschaftliche Analysen und Lösungsvorschläge allein vermögen nicht jene Orientierungen und Impulse zu geben, die man von der katholischen Soziallehre erwartet.

Lothar Roos, der viel für die Bildung und Ausbildung der Theologen an der Universität Bonn geleistet hat, der das Gespräch mit den Kollegen anderer Fa-kultäten und mit Praktikern gepflegt hat, der vor allem mit seinem Schrifttum viele Menschen erreicht hat, kann auf eine reiche Ernte schauen. Er gehört zu jenen Wissenschaftlern, die sich der katholischen Soziallehre stets verpflichtet wußten und wissen. Dafür sind wir ihm Dank schuldig.

Anmerkungen

1) Alois Glück, in: Die Tagespost, 17. April 2004, S. 4.

2) Man fühlt sich unwillkürlich an das Wort erinnert, das Oswald von Nell-Breuning vor dem Katholikentag in Trier 1970 in einem ZDF-Interview sprach: „Der soziale Katholi-zismus ist eines sanften Todes entschlafen!“ Damals führte diese Kritik zu kontroversen Diskussionen vor allem mit der KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung). Zitiert in: http://www.halume.de/Nell-Breuning/KAB.htm vom 8.9.05, 7 von 24.

3) R. Hank, Das Wort, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. März 1997. – Vgl. auch: Elisabeth Jünemann, Wie wurde das Gemeinsame Wort der Kirchen aufgenommen?, in: Christliche Soziallehre heute. Probleme, Aufgaben und Perspektiven, hg. von Anton Rauscher (Mönchengladbacher Gespräche, Bd. 19), Köln 1999, S. 13-47.

4) Vgl. Elisabeth Jünemann, a.a.O., S. 21. – Ebenso M. Spieker, Notwendige Widerworte. Kritische Anmerkungen zum gemeinsamen Wort der Kirchen, in: Die Neue Ordnung 51 (1997), S. 112-121. – M. Heimbach-Steins, Totgelobt – miesgemacht? Zur Rezeption des Wirtschafts- und Sozialworts der Kirchen, in: StZ 216 (1998), S. 158-172.

5) Dies wird auch in dem 2004 erschienenen „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ dokumentiert. Das Kompendium liegt in italienischer und englischer Sprache vor. Eine deutsche Ausgabe, die von der Deutschen Bischofskonferenz besorgt wird, befindet sich in Vorbereitung.

6) Vgl. Anton Rauscher, Fehlt uns die Kraft zu Reformen? (Reihe: Kirche und Gesell-schaft, Nr. 299), Köln 2003.

7) Daniel Deckers, abgedruckt im Berichtsband der Tagung: Die Orientierungskraft der christlichen Soziallehre. Probleme, Perspektiven, Herausforderungen, hg. von Anton Rauscher (Mönchengladbacher Gespräche, Bd. 25), Köln 2005, S. 11-40.

8) Friedhelm Hengsbach, Bernhard Emunds, Martin Möhring-Hesse (Hg.), Düsseldorf 1993.

9) Gesellschaft begreifen – Gesellschaft gestalten, Jahrbuch für Christliche Sozialwissen-schaften, hg. von Karl Gabriel, Bd. 43, Münster 2002.

10) Vgl. Anton Rauscher/Lothar Roos, Die soziale Verantwortung der Kirche. Wege und Erfahrungen von Ketteler bis heute, Köln 21979.

11) Hubert Mockenhaupt, Franz Hitze (1851-1921), in: Zeitgeschichte in Lebensbildern, hrsg. von Rudolf Morsey, Mainz 1973, besonders S. 55-56.

12) Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, erklärte in seinem Referat auf der Sozialethiker-Tagung 2004 in Mönchengladbach: „Fruchtbar ist die Wirtschaftsethik in dem Maße geworden, als Theologen auch selbst Wirtschaftswis-senschaften studierten“. Die Herausforderungen der katholischen Soziallehre heute. In: Die Orientierungskraft der christlichen Soziallehre (Anm. 7), S. 112.

13) Karl Lehmann, ebda, S. 101 f.

Prof. Dr. Anton Rauscher lehrte Christliche Gesellschaftslehre an der Universi-tät Augsburg und leitet die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach

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