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Jahrgang 58
Nr. 6/2004 Dezember
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Wolfgang Ockenfels
Auf verlorenem Posten? Der Ernstfall ist der Normalfall, jedenfalls für Christen. „Die Lage war noch nie so ernst“, meinte der humorvolle Konrad Adenauer zu einer Zeit, die uns heute als die „gute alte“ vorkommt. Damals waren auch die Kirchen von den Fort-schrittsmythen und Wachstumserwartungen ihrer Zeit erfaßt. Menschenwürde und Menschenrechte - darunter besonders die Religionsfreiheit - würden sich, so hoffte vor vierzig Jahren das II. Vaticanum - allgemein durchsetzen, in Europa und der übrigen Welt. Beginnen wir mit der übrigen Welt. Dort spielt sich - von den europäischen Me-dien und Mächten unter den Teppich gekehrt - das Drama einer großen Christen-verfolgung ab. Menschenrechtsexperten schätzen, daß etwa jeder zehnte der weltweit rund zwei Milliarden Christen wegen seines Glaubens unter massiver Diskriminierung und Gewalt leidet. In seinem Jahresbericht über die Religions-freiheit veröffentlichte das US-Außenministerium kürzlich eine Liste von Län-dern, die Anlaß zu besonderer Sorge geben. Zu den Countries of Particular Con-cern, die also besonders schwer gegen die Freiheit der Religion verstoßen, gehö-ren neben Birma, China, Iran, Nord-Korea und Sudan nun auch Saudi-Arabien, Eritrea und Vietnam. Bei den Saudis riskieren Nicht-Muslime, die sich „religiös betätigen und damit die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen“, verhaf-tet, eingesperrt, ausgepeitscht, deportiert oder gar gefoltert zu werden. Kommen wir auf Europa zu sprechen. Hier riskiert kein Bürger, seines Glaubens wegen verhaftet, eingesperrt, ausgepeitscht, deportiert oder gar gefoltert zu wer-den. Aber er kann, wenn er sich „religiös betätigt“, indem er sich etwa zur christ-lichen Ehelehre öffentlich bekennt, eine „Aufmerksamkeit“ auf sich ziehen, die ihm schließlich den politischen Posten kostet, für den er nominiert war und in besonderer Weise geeignet gewesen wäre. Der Fall des Rocco Buttiglione sym-bolisiert den verlorenen Posten, auf dem bekennende Christen heute in Europa stehen, wenn sie nicht politisch zusammenstehen und für ihre Rechte kämpfen. Was hatte der italienische Europaminister Buttiglione verbrochen, daß man ihn ablehnte, als er sich um die Mitgliedschaft in der Europäischen Kommission bewarb? Im parlamentarischen Inquisitionsverfahren, das die Unfähigkeit But-tigliones nachzuweisen hatte, nagelte man ihn auf das Wort „Sünde“ fest. Durch mehrfaches Nachfragen hatte man es ihm in den Mund gepreßt und er spuckte es aus. Buttiglione wußte sehr wohl, daß nach der verqueren Logik der political correctness die Verwendung des Wortes „Sünde“ im Zusammenhang mit homo-sexuellen Handlungen einer Todsünde gleichkommt. Und er beeilte sich zu er-klären, das die religiös-moralische Bewertung einer Handlung als „Sünde“ (die den Respekt vor dem „Sünder“ einschließt) strikt zu unterscheiden sei von der rechtlich-politischen Bewertungsebene. Aber da kam jede Aufklärung über die Aufklärung zu spät. Da kann, um jene Unterscheidung zwischen persönlicher Moral und staatlichem Recht zu erläutern, ein noch so bedeutender Philosophieprofessor so oft er will auf die Aufklärung und sogar schon auf Thomas von Aquin pochen: Die rot-grün-blauen Abgeordne-ten des Europäischen Parlaments, die sich auf das Erbe der Aufklärung, aus-drücklich nicht auf das des Christentums berufen, sind dabei, beide Erbteile Europas zu verspielen. Immanuel Kant und John Locke werden von Robespierre und den Jakobinern verdrängt. Was Buttiglione als den „neuen Klerikalismus der Linken“ bezeichnet, läuft auf einen fanatisch-aggressiven Laizismus hinaus. Und Joseph Cardinal Ratzinger merkte dazu an, „daß das, was zunächst als Gewähr gemeinsamer Freiheit erschien, sich in eine Ideologie umformt, die zum Dogma-tismus wird und die Religionsfreiheit zu gefährden beginnt“. In Europa gilt - ganz anders als in den USA - das freimütige öffentliche Be-kenntnis zu den Wahrheiten des christlichen Glaubens und der Moral inzwischen als unschicklich, ja als „fundamentalistisch“. Eher kann sich ein Politiker als praktizierender Homosexueller bekennen denn als Christ „outen“. Der neue Euro-Liberalismus zehrt vom Image des alten, nämlich „offen“ und „tolerant“ zu sein. In Wirklichkeit ist er auf dem Weg, sich ideologisch zu vernageln. Die neuen Dogmen heißen zum Beispiel: Ungeborene Kinder haben weder Men-schenwürde noch Lebensrecht; aktive Euthanasie ist erlaubt; gleichgeschlechtli-che Verhältnisse sind ein staatlich zu förderndes Gut; die Ehe ist bedeutungslos. Nach diesen Grundsätzen wäre die Europäische Union gegenwärtig nicht in der Lage, der Türkei beizutreten. Wie ist es aber umgekehrt? Die EU-Kommission hat kürzlich einen Bericht über die Lage in der Türkei verfaßt, darin wird auch die Frage der Menschenrechte und der dort erheblich eingeschränkten Religions-freiheit angeschnitten. Die Kommission verlangt: „Es muß eine angemessene Gesetzgebung beschlossen werden, um diese Schwierigkeiten abzuschaffen.“ Vielleicht sollte Europa zunächst in seiner eigenen Gesetzgebung darauf achten, daß es die Freiheit gerade jener Religion fördert, die Religionsfreiheit, Men-schenrechte und Toleranz hochhält. Aber so, wie sich das „alte“ Europa derzeit entwickelt: kinderlos, areligiös und dekadent - scheint es langsam „reif“ zu wer-den für die politische Islamisierung. Und je mehr sich die Europäer von ihren christlichen Wurzeln trennen, desto mehr fallen sie in eine „kollektive Depressi-on“ (Ulrich Beck). „Es geht uns alten Europäern“ - bemerkte Goethe zu Ecker-mann - „übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht“, und als hätte er 1828 bereits den Fall Buttiglione im Blick, fügte er hinzu, „daß ein redlicher Mensch mit natürlicher Neigung und Gesinnung einen recht bösen Stand hat“. Den „bösen Stand“ nehmen nun vor allem die Katholiken ein, sie scheinen auf verlorenem Posten zu stehen. Sie sollten „viel energischer und notfalls auch militanter“ öffentlich auftreten, meinte der Präsident des „Zentralkomitees deut-scher Katholiken“. Sollte sich das ZdK der ecclesia militans, der auf Erden strei-tenden Kirche endlich anschließen, könnte es zu einem fröhlich-friedlichen Kampf kommen: für die Freiheit der Kirche und gegen innerkirchliche Polemik. Wolfgang Ockenfels |
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