Jahrgang 58
Nr. 6/2004 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Lothar Roos


Es war die Moral

Warum George W. Bush gewonnen hat

Als sich das Ergebnis der Präsidentenwahl abzeichnete, gab es nicht nur bei einem Teil der Amerikaner lange Gesichter. In der „Kulturszene“ löste der Wahlausgang „blankes Entsetzen“ aus: „Europäische Autoren befinden sich in Katerstimmung. Hollywood ist sprachlos“, nachdem „ein bisher beispielloses Großaufgebot amerikanischer Künstler ... den Wahlkampf von John Kerry unterstützt“ hatte („Die Tagespost“ vom 6. Nov. 2004, S. 9). Der reichste Mann Amerikas, George Soros, der rund 27 Mio. Dollar gegen Bush eingesetzt hatte, meinte in einer ersten Reaktion: „Ich denke, ich gehe in ein Kloster“, fügte aber schnell hinzu: „Aber man möchte nicht für immer in einem Kloster bleiben“ (TIME vom 15. Nov. 2004, S. 55). Entgegen allen Prognosen wurde der amtierende Präsident mit fast vier Mio. Stimmen Vorsprung wiedergewählt, ein Ergebnis, das bisher keiner seiner Vorgänger erreicht hatte. Geradezu verstört reagierten die meisten Europäer, wie etwa die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Hätte Europa zu wählen gehabt, dann hätte Kerry einen „Erdrutschsieg“ errungen, wie das Magazin TIME ermittelte. In Deutschland hätten z.B. nur 10% Bush und 74% Kerry gewählt. Nur die Polen tanzten aus der Reihe: Hier gab es eine Mehrheit von 31% für Bush gegenüber 26 % für Kerry (43% blieben unentschieden).

Warum aber wird Bush für weitere vier Jahre der „mächtigste Man der Welt“ bleiben? Den meisten Politikern und Potentaten der Massenmedien im „alten Europa“ verschlug diese Aussicht ebenso die Sprache wie der Unterhaltungssze-ne von Hollywood, deren Anführer Michael Moore gehofft hatte, mit einem gehässigen Film gegen Bush die Wahl entscheiden zu können. Auch die Kampagne des linksliberalen britischen „Guardian“ wurde zum „Rohrkrepierer“. Die Zeitung hatte versucht, in dem bei der letzten Präsidentenwahl denkbar knapp entschiedenen Bezirk Clark County in Ohio die unentschossenen Wähler durch Briefe prominenter britischer Bush-Gegner für Kerry zu gewinnen. Das Gegenteil kam heraus: Clark County wurde der einzige von sechzehn Bezirken von Ohio, der an Bush ging (vgl. O, Ohio, in: FAZ vom 17. Nov. 2004, S. 42). Enttäuscht war auch die Mehrheit der „Intellektuellen“ im Nordosten der USA, wie etwa der Schriftsteller Charles Simic von New Hampshire. Er beschimpfte regelrecht die über 59 Mio. Bush-Wähler: Es interessiere sie nicht, „daß die von ihnen gewählten Politiker und Politikerinnen alles tun werden, um ihnen das Leben noch elender zu machen“ (Blinde Weltmacht, FAZ vom 18. Nov. 2004, S. 37).

Wie konnte es zu diesem Ergebnis kommen? Das wissen wir inzwischen dank einer in den USA hochentwickelten Datenanalyse ziemlich genau. Matthias Rüb überschrieb seinen Leitartikel am Tag nach der Wahl „Kulturkampf in Amerika“ (FAZ vom 4. Nov. 2004, S. 1) und brachte einen Tag später mit der Formel: „Es ist die Moral, Dummkopf!“, gegenüber denen, die mit allem, nur nicht damit gerechnet hatten, die Sache auf den Punkt (FAZ vom 5. Nov. 2004 S. 3). Während viele Amerikaner und fast alle Europäer erwartet hatten, Bush würde wegen der Irak-Krieges aus dem Weißen Haus gejagt, brachte die Analyse der Wahlkriterien der US-Bürger etwas ganz anderes zutage: Nur 15% sahen im Irak-Krieg das Hauptproblem, wahrend für 19% der „Kampf gegen den Terror“ wichtiger war. Hier hatte Bush einen haushohen Vorsprung von 86% zu 14% gegenüber Kerry. Am meisten aber überraschte die europäischen Massenmedien und viele intellektuellen Meinungsführer, daß „moralische Werte“ (moral values) mit 22% sogar die Fragen der Wirtschaft (20%) von der Spitze verdrängten.

Um welche „moralischen Werte“ ging es dabei? Die Antwort läßt sich bei dem Baptistenführer Richard Land finden, einem der „religiösen“ Berater des Präsidenten: Es ging um die Stammzellen-Forschung und die dafür geforderte verbrauchende Embryonennutzung, um die Abtreibung und die „Homo-Ehe“. Was letztere angeht, fanden zusammen mit der Präsidentenwahl in 11 Staaten Volksabstimmungen statt, wobei in allen Fällen die Ehe als Verbindung von Mann und Frau den Sieg davontrug. Während in Europa Rocco Buttiglione wegen seiner Positionen in diesen Fragen von den Sozialisten, Liberalen und Grünen als Kommissar in Brüssel abgelehnt wurde, hätte er in Amerika genau damit die Wahlen gewonnen.

Interessant ist auch die Wechselwirkung zwischen Konfession, Kirchlichkeit und Wahlverhalten. Nur 47% der Katholiken haben ihren Glaubensbruder Kerry gewählt, aber 52% den Baptisten Bush, für den sogar 63% derer gestimmt haben, die mehrmals pro Woche zur Kirche gehen. Insofern haben die 67 Mio. Katholiken wesentlich zum Wahlsieg Bushs beigetragen. Sie zogen einen frommen Methodisten einem lauen Katholiken vor. Die breite Mitte (geistig und geogra-phisch) hat Bush gewählt, weil man den Tendenzen eines moralischen Niedergangs Einhalt gebieten wollte. Die Grundwerte Amerikas sind Freiheit, Familie und Religion, und diese Werte sah die Mehrheit der Wähler bei Bush besser aufgehoben als bei Kerry. Ein amerikanischer Bush-Wähler erklärte den Wahl-ausgang mit einer „weitgehenden Abneigung in der Bevölkerung ... gegen die zunehmende Zerstörung unserer Kultur durch Hollywood“ und fügte hinzu: Daß Bush „persönlich einen Glauben hat, der ihm eine Quelle der Stärke wurde, ist doch kein Nachteil, sondern von vielen gewürdigt worden“ (Leserbrief, FAZ vom 17. Nov. 2004, S. 8). Der Feuilleton-Chef der FAZ, Patrick Bahners, sieht sogar einen „Krieg der Welten“ zwischen Europa und Amerika und antwortet auf die Frage: „Warum Europa Bush nicht begreifen will“, kurz und bündig: „Es fehlt der Glaube“ (FAZ vom 4. Nov. 2004, S. 37). Deshalb hätte auch im Euro-pa-Parlament die Mehrheit der Parlamentarier durchgesetzt, „daß einem Politi-ker keine exekutiven Vollmachten anvertraut werden dürfen, der sich zur Sitten-lehre der römische Kirche bekennt“ (FAZ vom 4. Nov. 2004, S. 37).

Zu den moralischen Standards Amerikas gehört auch, wie es Richard Land aus-drückte, „daß Amerika eine besondere Rolle zu spielen hat bei der weltweiten Verbreitung von Freiheit und Menschenwürde“ (TIME, S. 56). Weil Amerika daran glaubt, vermag es einen Präsidenten selbst dann wiederzuwählen, wenn viele junge Amerikaner diese „Mission“ gegenwärtig mit dem Leben bezahlen müssen. Im „alten Europa“ unterstellt man den Amerikanern lieber unlautere Motive, um so eine billige Ausrede zu haben, sich an dieser Aufgabe nicht betei-ligen zu müssen. Und was die moralische Werte angeht, die Europa mit Amerika an sich geistig verbindet, so ist bisher keine Mehrheit dafür zu finden, sich im „Europäischen Verfassungsvertrag“ ausdrücklich zu den christlichen Wurzeln der Menschenwürde und der Menschenrechte zu bekennen.

Die meisten Europäer haben offensichtlich vom „Spirit of America“ wenig Ah-nung, vielleicht die Polen ausgenommen. Insofern reagiert man mit Unverständ-nis auf den Wahlsieg Bushs. Wir wollen „die moralisch-religiösen Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft nicht begreifen“ und „betrachten ... Amerika sehr stark aus Sicht der säkularisierten Kultur, die wir haben“, so der Politologe Claus Leggewie, der hinzufügt: „Wer sich von seinen moralisch-religiösen Grundlagen verabschiedet hat, verliert das Verständnis für jene, für die diese Fundamente schützenswert, ja heilig sind. Deshalb tut sich das laizistische Euro-pa so schwer, den Wahlausgang in Amerika zu verstehen. Und deshalb bebt auch die Kulturszene“ („Die Tagespost“, ebd.). Im Wahlsieg Bushs könnte freilich auch eine Hoffnung für Europa liegen: Gesellschaften müssen nicht sehenden Auges und mit Lust ihren Untergang betreiben. Sie können sich auch moralisch regenerieren. Dafür stehen jene „moral values“, um derentwillen die US-Bürger mit großer Mehrheit George W. Bush wiedergewählt haben.

Das Verständnis ihrer Motive geht auch einem bestimmten Teil des „kirchlichen Milieus“ hierzulande ab. Typisch dafür sind etwa die Argumente, mit denen Klaus Nientiedt seine Enttäuschung über den Wahlsieg Bushs kaum verhehlen kann. Man brauche zwar „nicht bedauern“, daß eine politische Wahl durch „christliche Werte“ und „Moral“ beeinflußt werde. „Unwohl“ sei ihm jedoch, „wenn diese Dinge für eine parteipolitische Position benutzt werden“. Kann oder soll man dies in einer Demokratie, in der es ja ohne Parteien nicht geht, jemals vermeiden? Der eigentliche Stein des Anstoßes besteht aber für Nientiedt darin, daß nach seiner Meinung christliche Werte bei dieser Wahl „nur sehr selektiv Berücksichtigung“ fanden. Er konstruiert dann einen für die meisten Amerikaner absurden Gegensatz „dieser Art von Christlichkeit“, wie sie Bush repräsentiere, „mit dem, was in den großen Kirchen in den USA gedacht wird“.

Besteht etwa die große Mehrheit christlicher Bush-Wähler aus Sektierern? Natürlich wird auch in den amerikanischen Kirchen unterschiedlich „gedacht“, aber die Mehrheit war eben anderer Meinung, als es der Autor gerne gesehen hätte. Worum es Nientiedt letztlich geht, kommt dann ziemlich unverblümt zur Sprache: „In den entsprechenden Milieus hält man sich etwas auf die christlichen Werte zugute – zögert aber nicht, mit zu den aktiven Befürwortern der Todes-strafe zu zählen“ oder auch „zu den Unterstützern des Irak-Krieges“. Schließlich wird den christlich motivierten Bush-Wählern noch vorgehalten, sie wären zwar gegen Abtreibung und Homo-Ehe, vermöchten aber in anderen Themen „vom Welthandel bis zur Rüstung, von der Armut bis zur sozialen Sicherheit, von der Ökologie bis zu Kriegseinsätzen keine ethisch bedeutsame Frage zur erkennen“ („Konradsblatt“, Wochenzeitung für dar Erzbistum Freiburg vom 14. Nov. 2004, S. 2).

Von den hier ausgesprochenen Verdächtigungen gegenüber der Mehrheit der amerikanischen Christen abgesehen, ist zu fragen, woran sich die Zukunft der „westlichen Kultur“ entscheidet. Am ehesten daran, wie man mit dem Leben an seinem Anfang und an seinem Ende sowie mit Ehe und Familie umgeht. Das haben offensichtlich die amerikanischen Christen besser erkannt als viele euro-päische.

Bei einem deutsch-amerikanischen Kolloquium, das im August 2004 von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach und der Catholic University of America in Washington nun schon zum neunten Mal, diesmal in Detroit, veranstaltet wurde (an ihm nahmen katholische Philosophen, Theologen, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler teil), sprach man natürlich auch über die anstehenden Präsidentenwahlen. Mir ist dabei niemand begegnet, der sich für Kerry „geoutet“ hätte. Das bedeutet nicht, daß alle von Bush „begeistert“ gewesen wären. Nach der Wahl bemerkte der amerikanische Vorsitzende des Kolloquiums, Bush habe den Sieg zwar nicht „verdient, aber die Wahl von Kerry wäre ein Desaster gewesen“. Nicht wegen dessen nachträglich ein wenig veränderten Einstellung zum Irak-Krieg, sondern weil man im Blick auf die für die Zukunft Amerikas - und man könnte sagen Europas - entscheidenden „moral values“ von Kerry erklärtermaßen nicht viel Gutes erwarten konnte.

Prof. Dr. Lothar Roos lehrte Christliche Gesellschaftslehre und Pastoralsoziologie an der Universität Bonn. Er doziert dieses Fach heute an der Universität Kattowitz.

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