Jahrgang 58
Nr. 6/2004 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Albert Käuflein

Hirnforschung, Freiheit und Ethik

„Unser Bild vom Menschen wird sich tiefgreifender verändern als je zuvor.“ Mit diesem Satz zitiert das Nachrichtenmagazin Focus den Philosophen Thomas Metzinger zur Hirnforschung.1 Die Diskussion um die Hirnforschung zieht in der Tat weite Kreise: Ist die Freiheit des Menschen eine Illusion? Kann der Mensch nicht länger rechtlich und moralisch für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden? Droht eine weitere „Kränkung“ des Menschen: nach der kos-mologischen (Nikolaus Kopernikus), der biologischen (Charles Darwin) und der psychologischen (Sigmund Freud) nun die neurowissenschaftliche (Hirnfor-schung)?

Manchen Vertretern der Hirnforschung mangelt es offensichtlich nicht an Selbstbewußtsein. In einem „Manifest“ über Hirnforschung im 21. Jahrhundert schreiben elf von ihnen: „Was unser Bild von uns selbst betrifft, stehen uns (…) in sehr absehbarer Zeit beträchtliche Erschütterungen ins Haus. Geisteswissen-schaften und Neurowissenschaften werden in einen intensiven Dialog treten müssen, um gemeinsam ein neues Menschenbild zu entwerfen.“ Die Autoren des „Manifests“ wagen die Prognose, „in den nächsten 20 bis 30 Jahren (...) den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven, kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen andererseits so weit erklären (zu) können, daß Voraussagen über diese Zusam-menhänge in beiden Richtungen mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad mög-lich sind.“ Dies bedeutet nach ihrer Ansicht, „man wird widerspruchsfrei Geist, Bewußtsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgän-ge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.“2

Eine vorschnelle Immunisierung gegenüber der Hirnforschung würde nicht wei-terhelfen.3 Zu schwer wiegen die Resultate der Empirie. Die Anfragen der Hirn-forscher müssen ernstgenommen werden. Die Geisteswissenschaftler brauchen sich aber auch nicht vor den Naturwissenschaftlern zu verstecken. Die Freiheit des Menschen ist ein ureigenes Thema der Philosophie und der Theologie. Eine für die weitere Auseinandersetzung wichtige Frage lautet, ob beide, Bestreiter wie Verfechter, dasselbe mit Freiheit meinen und ob sie in derselben Weise dar-über sprechen.

Dieser Beitrag stellt einige Ergebnisse der Hirnforschung dar und erörtert sie vom Standpunkt der Ethik aus. Die Fülle von naturwissenschaftlichen Beiträgen ist kaum überschaubar. Mit Gerhard Roth und Wolf Singer werden hier zwei Forscher, deren Thesen über die Fachwelt hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt haben, ausgewählt. Beide bestreiten die Freiheit des Willens. Zuvor wird ein grundlegender Versuch von Benjamin Libet geschildert, über dessen Resultat er selbst erstaunt war und auf den sich Roth und Singer immer wieder beziehen. Der Versuch liegt ein Vierteljahrhundert zurück, hat an Brisanz aber nichts ver-loren. Er wurde zwischenzeitlich methodisch verbessert und mit nahezu identi-schen Ergebnissen wiederholt.

I. Beweise gegen die Willensfreiheit?

Als die erste Versuchsperson im März 1979 in Benjamin Libets Labor Platz nahm, wußte sie nicht, worum es ging. An ihrem Kopf und am rechten Handge-lenk wurden Elektroden angebracht. Sie sollte innerhalb eines Zeitrahmens zu einem frei gewählten Zeitpunkt das Handgelenk beugen. Dabei sollte sie sich den Moment der Entscheidung, das Handgelenk jetzt zu bewegen, mit Hilfe eines Punktes auf einer sich drehenden Scheibe einprägen und später mitteilen. Das verblüffende Ergebnis des Versuchs war, daß es eine meßbare Hirnaktivität vor dem Entschluß, das Handgelenk zu bewegen, gab. Dieses Resultat wird bis heute kontrovers diskutiert. Taugt es als Beweis gegen den freien Willen?

Der Versuch von Libet hat eine Vorgeschichte. Bereits 1965 stellten die beiden Forscher Hans Kornhuber und Lüder Deecke eine elektrische Veränderung im Gehirn vor einer Bewegung fest. Das schien nicht überraschend. Die Muskeln können erst aktiv werden, nachdem sie vom Gehirn einen Befehl erhalten haben. Die Veränderung im Gehirn nannten sie „Bereitschaftspotential“. Erst Libet fiel es auf, daß eine relativ lange Zeit – bis zu einer Sekunde – zwischen dem Bereit-schaftspotential und der Handlung lag.

Nach Libets Experiment ergibt sich folgende zeitliche Reihenfolge: Bereit-schaftspotential, Entschluß, Handlung. Tun wir also nicht, was wir wollen, son-dern wollen wir, was wir tun? Arrangiert das Gehirn alles, bevor wir einen ver-meintlich freien Entschluß fassen? Libet fand heraus, daß nicht jedes Bereit-schaftspotential zu einer Bewegung führt. Es existiert also so etwas wie eine Veto-Möglichkeit. Wenn wir schon keinen freien Willen haben, dann doch we-nigstens einen freien Unwillen? Der Wille als Zensor, nicht als Initiator? Aber: Woher kommt das Veto? Geht ihm ebenfalls eine unbewußte Hirnaktivität vor-aus? Durch das Veto sieht Libet den freien Willen gerettet.

Man könnte einwenden, daß die Versuchsperson, als sie sich auf das Experiment einließ, bereits einen Entschluß gefaßt hat. Aber es bleibt dabei: Die Entschei-dung während des Versuchs, zu einem bestimmten Zeitpunkt das Handgelenk zu bewegen, wird, um es einmal ganz vorsichtig zu formulieren, vom Gehirn unbe-wußt vorbereitet. Diese Beobachtung begründet einen Anfangsverdacht, wenn auch keinen Beweis, gegen die Freiheit des Entschlusses, das Handgelenk zu bewegen. Die bewußte Entscheidung hinkt jedenfalls der in die Wege geleiteten Handlung hinterher.4

Gerhard Roth führt das Bereitschaftspotential, das Kornhuber und Deecke fan-den, als Beweis dafür an, daß wir unbewußt entscheiden, und deutet es als den eigentlichen „Entschluß“. Die Versuche von Libet zeigen nach Roth, daß der Willensakt den neuronalen Prozessen nicht vorausgeht, sondern sich aus ihnen ergibt. Das Gefühl des Willensentschlusses beschreibt er konsequent nicht als Ursache für die Handlung, sondern als Begleiterscheinung.

Für Roth determiniert das Gehirn unsere Handlungen, indem es die subjektiv empfundenen Entscheidungen, die zu den Handlungen führen, vorwegnimmt. Roth hebt vor allem auf die Bedeutung des limbischen Systems ab. Was wir meinen, tun zu wollen, und dann auch tun, entscheidet das limbische System. Das limbische System gibt dem Bewußtsein den Rahmen vor: Es „bewertet alles, was wir tun, nach gut oder lustvoll und damit erstrebenswert bzw. nach schlecht, schmerzhaft oder nachteilig und damit zu vermeiden“. Das Bewußtsein ist für Roth nicht die entscheidende Grundlage unseres Handelns. Das Bewußtsein repräsentiert vielmehr einen besonderen Zustand der Informationsverarbeitung. Die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen sieht Roth schon sehr früh festgelegt. Genetisch oder bereits vorgeburtlich bedingte Charakterzüge machen für ihn knapp die Hälfte der Persönlichkeit aus. Hinzu kommen Merkmale, die durch prägungsartige Vorgänge kurz nach der Geburt bzw. in den ersten drei bis fünf Jahren bestimmt werden. Besonders wichtig ist dabei die Interaktion mit den Bezugspersonen (Mutter, Vater). Später ist der Mensch in seinen Persön-lichkeitsmerkmalen nur noch wenig veränderbar, es sei denn er hat starke positi-ve oder negative emotionale Erlebnisse. Einprägsam formuliert Roth: Das Ich ist „nicht der Steuermann“. Und: Das Ich ist „ein virtueller Akteur“ in einer von unserem Gehirn konstruierten Welt, die wir als unsere Erlebniswelt erfahren. Mit der Sprache, durch die wir uns von den Tieren unterscheiden, legitimieren wir das überwiegend unbewußt gesteuerte Verhalten vor uns selbst und vor anderen. Unser bewußtes Ich hat für Roth nur eine begrenzte Einsicht in die eigentlichen Antriebe unseres Verhaltens. Die unbewußten Vorgänge in unserem Gehirn wirken stärker auf die bewußten ein als umgekehrt. Das bewußte Ich ist nicht in der Lage, über Einsicht oder Willensentschluss seine emotionalen Verhaltens-strukturen zu ändern. Dies kann nur über emotional bewegende Interaktionen geschehen. Die subjektiv empfundene Freiheit des Wünschens, Planens und Wollens sowie der freie Willensakt ist für Roth „eine Illusion“.

Die Betonung des Unbewußten bei Roth erinnert an Kernaussagen der Psycho-analyse Sigmund Freuds. Übereinstimmung zwischen dieser und seiner Theorie besteht nach Roth in folgenden Punkten: in der Dominanz des Unbewußten ge-genüber dem Bewußten, in der Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen, in den sehr beschränkten Möglichkeiten des Selbstverstehens sowie in der Neigung des bewußten Ich zu Pseudoerklärungen und Konfabulationen. Roth rekurriert nicht nur auf die Psychoanalyse, sondern ebenso auf den Behaviorismus, die Instinkt-theorie und die Soziobiologie bzw. die Verhaltensökologie, wenngleich er sich von diesen Anschauungen stärker distanziert. Sympathie hegt er allerdings für den in diesen Ansätzen vertretenen Gedanken, daß der Mensch für sein Tun nicht verantwortlich ist, da dieses nicht oder nicht wesentlich von ihm bestimmt wird.5

Nach Wolf Singer, dem zweiten Hirnforscher, dessen Thesen hier kurz dargestellt werden sollen, ist all unser Denken und Tun mit dem Ablauf neuronaler Prozesse zu erklären. Diese organisieren sich, so Singer, nach dem Muster einer ausgegli-chenen Bilanz selbst. Singer rekonstruiert diese Prozesse folgendermaßen: Unser Gehirn sucht ständig nach der jeweils optimalen Verhaltensoption. Dazu verar-beitet es Signale aus dem Körper wie aus der Umwelt. Die Verarbeitungsstrate-gien sind dabei teils genetisch bedingt, teils durch Erfahrung erworben. „In Dut-zenden räumlich getrennten, aber eng miteinander vernetzten Hirnarealen wer-den Erregungsmuster miteinander verglichen, auf Kompatibilität geprüft und, falls sie sich widersprechen, einem kompetitiven Prozeß ausgesetzt, in dem es einen Sieger geben wird.“ Dieser Prozeß kommt „ohne übergeordneten Schieds-richter“ aus. Er organisiert sich selbst und dauert so lange, bis sich ein stabiler Zustand ergibt. Dieser tritt dann als Handlungsintention bzw. als Handlung in Erscheinung.

Die gängige Unterscheidung zwischen unterschiedlich freien Entscheidungen gibt Singer auf. Unterschiedlich seien lediglich die Herkunft der Variablen und die Art ihrer Verhandlung. Sein Konzept eines neuronalen Determinismus wen-det er auf unbewußte wie bewußte Entscheidungen an. Sein Fazit: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden.6

Obwohl Singer nicht an den freien Willen glaubt, wird er damit zitiert, daß er abends nach Hause geht und seine Kinder dafür verantwortlich macht, wenn sie irgendwelchen Blödsinn angestellt haben, weil er davon ausgeht, daß sie auch anders hätten handeln können.7 Diese Begebenheit zeigt, wie groß die Differenz zwischen den Resultaten der Hirnforschung und unseren Alltagsannahmen ist. Eine offensichtliche Kluft besteht auch zu der Überzeugung der theologischen wie der philosophischen Ethik von der Freiheit als Voraussetzung von Verant-wortlichkeit.

II. Freiheit als Voraussetzung für Verantwortlichkeit

Wenn philosophische oder theologische Ethiker von Freiheit sprechen, meinen sie zumeist Freiheit als Willens- und Handlungsfreiheit. Diese sind die Voraus-setzung für Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit. Freiheit bedeutet, selbst- aber nicht fremdbestimmt zu sein. In diesem Sinne erteilt die theologische Ethik dem totalen Determinismus eine Absage und vertritt einen moderaten Indetermi-nismus. Sie weiß also durchaus um die vielfältigen inneren und äußeren Ein-schränkungen von Freiheit, hält aber prinzipiell an ihr fest. Menschliche Freiheit ist niemals absolut voraussetzungs- oder bedingungslos. Der Mensch bestimmt sich selbst in Freiheit. Man kann sagen: Er determiniert sich selbst. Diese Selbst-bestimmung in Freiheit ist zu unterscheiden von einer Determination durch inne-re (psychische) oder äußere Zwänge. Freiheit muß immer wieder neu ergriffen und angeeignet werden.8 In Freiheit getroffene Entscheidungen werden zu Vor-aussetzungen weiterer Entscheidungen. Häufig wird auch die Bedeutung von Vor- oder Grundentscheidungen betont. Wir fangen nicht in jeder Entschei-dungssituation von vorne an.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat in seiner Pastoralkonstitution einen eigenen Artikel über die Freiheit formuliert. Er soll zur Weiterführung und Vertiefung des eben Gesagten zitiert werden. Es kommt hier auch der Gedanke zur Sprache, daß die Freiheit dem Menschen von Gott geschenkt ist. „Aber nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitge-nossen hoch und erstreben sie leidenschaftlich. Mit Recht. (…) Die wahre Frei-heit … ist ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich den Menschen ‚in der Hand seines Entschlusses lassen’, so daß er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange. Die Würde des Menschen verlangt daher, daß er in bewußter und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem innerem Drang oder unter blo-ßem äußerem Zwang. Eine solche Würde erwirbt der Mensch, wenn er sich aus aller Knechtschaft der Leidenschaften befreit und sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt sowie sich die geeigneten Hilfsmittel wirksam und in angestreng-tem Bemühen verschafft. Die Freiheit des Menschen, die durch die Sünde ver-wundet ist, kann nur mit Hilfe der Gnade Gottes die Hinordnung auf Gott zur vollen Wirksamkeit bringen. Jeder aber muß vor dem Richterstuhl Gottes Re-chenschaft geben von seinem eigenen Leben, so wie er selber Gutes oder Böses getan hat.“9 Die Thesen der Hirnforscher stehen in einem diametralen Wider-spruch nicht nur zu den oft unreflektierten alltäglichen Intuitionen, sondern auch zu Positionen der philosophischen und theologischen Ethik. Sind die Bestreitun-gen der Freiheit tatsächlich durch die Empirie gedeckt? Geben die Experimente die aus ihnen gezogenen Schlussfolgerungen her?

III. Einwände gegen die Thesen der Hirnforschung

1. Verantwortung ohne bewußte Einzelentscheidung

Libet, Roth und Singer scheinen den freien Willen, den sie in Frage stellen, vor allem mit der bewußt überlegten einzelnen Entscheidung gleichzusetzen. Dage-gen hat jüngst der Philosoph Josef Quitterer im Anschluß an Karl Rahner Ein-spruch erhoben. Es ist nicht zu leugnen, daß es willentliche Handlungen gibt, denen eine bewußte Entscheidung unmittelbar voraus geht. Daraus ergibt sich aber nicht, daß dies bei jeder willentlichen Handlung der Fall ist. Vielmehr ist es so, daß viele Handlungen aus Grundentscheidungen und Grundeinstellungen resultieren. Quitterer erläutert das an einem alltäglichen Beispiel: Er habe heute Morgen eine Tasse Tee getrunken und die Wohnungstür abgeschlossen, ohne daß er sich vorher bewußt dazu entschlossen habe. Trotzdem bezeichnet er diese Handlungen als absichtlich und nicht als Ereignisse, die ihm lediglich widerfah-ren sind. Quitterer äußert den Verdacht, daß Roth und Singer vor ihrer De-konstruktion des freien Willens diesen so konzipieren, daß er nahtlos in die expe-rimentellen Designs seiner Widerlegung paßt. Soweit muß man nicht gehen. Aber Quitterer hat Recht mit dem Hinweis, daß der freie Wille nicht notwendig eine Fülle von einzelnen Entscheidungen impliziert. Auch mag hinter manchen Bestreitungen der Willensfreiheit ein weltanschauliches Anliegen stecken.10

Etwas Ähnliches wie Quitterer bringt im übrigen der überkommene moraltheo-logische Begriff der Tugend im Blick auf die gute Handlung zum Ausdruck. Tugend ist eine Haltung, eine Entschlossenheit, in einem bestimmten Lebensbe-reich gut und richtig, eben so und so zu handeln. Wir überlegen nicht in jedem Einzelfall, wie wir handeln sollen. Die bewußte freie Entscheidung vor einer Handlung dürfte also eher selten vorkommen. Diese keineswegs neue Einsicht wurde bislang nicht als Problem für die moralische oder rechtliche Imputabilität (Anrechenbarkeit) von Handlungen angesehen. Es ist kein Zufall, daß die moral-theologische Tradition ein größeres Interesse an der guten Haltung (Tugend) als an der guten Handlung hat.

Mit dem Einwand, daß es einen freien Willen und somit Verantwortung geben kann, auch wenn wir uns nicht zu jeder einzelnen Handlung bewußt entscheiden, sind die Anfragen der Hirnforscher allerdings nicht erledigt. Das Problem des Entschlusses ist lediglich für die meisten Fälle verlagert: von der einzelnen Handlung auf vorgängige Grundentscheidungen und Grundeinstellungen. Gleichwohl trifft es zu, daß die Hirnforscher ihr experimentelles Design modifi-zieren müssen oder keine grundsätzlichen Aussagen über den freien Willen ma-chen können. Der Entschluß, jetzt das Handgelenk zu beugen, ist etwas anderes als eine bestimmte moralische Haltung einzunehmen. Ein Beispiel: Wenn ich gelernt habe, einem Menschen in Not zu helfen, dann werde ich es tun, vielleicht spontan, ohne großes Nachdenken, dann kann ich in der konkreten Situation gleichsam nicht anders, ohne daß dies die Gutheit und Richtigkeit dieser Hand-lungsweise schmälern würde. Ich bin quasi moralisch determiniert, aber deswe-gen nicht unfrei. Determination und Freiheit schließen sich, so betrachtet, nicht aus.11

Allerdings sieht auch Roth, daß es nicht nur unmittelbare Gründe für Handlun-gen gibt, sondern ebenso mittelbare oder indirekte. Roth schreibt selbst: Wir müssen keinen separaten Willensakt fordern, um von Willensfreiheit zu spre-chen.12 Aber es bleibt dabei, daß die vorliegenden Daten der Hirnforschung nicht die aus ihnen abgeleiteten Auskünfte decken. Der von Libet, Roth und Singer zugrunde gelegte Begriff von Freiheit ist zu eng gefaßt.

2. Verantwortung bei bedingter Freiheit

Freiheit muß nicht völlige Unbedingtheit bedeuten, wenn auch mit der Bedingt-heit die Verantwortlichkeit abnimmt.13 Für ein abgeschwächtes Modell der Wil-lensfreiheit plädiert auch Henrik Walter. Er nennt drei Kennzeichen der Willens-freiheit: Anderskönnen, Intelligibilität (Verständlichkeit) und Urheberschaft. Diese drei Komponenten beziehen sich darauf, ob wir auch anders wählen kön-nen, als wir es tatsächlich tun, ob wir dabei aus verständlichen Gründen wählen und in welchem Sinne wir dabei als Urheber unserer eigenen Wahlentscheidun-gen gelten können. Er kommt zu dem Schluß: „Willensfreiheit in dem Sinne, daß wir unter identischen Umständen auch anders handeln oder entscheiden könnten, zugleich verständlich aus Gründen handeln und dabei Erstauslöser unserer Handlungen sind, ist eine Illusion.“ Walter vertritt, wie schon die traditionelle Moraltheologie, eine mittlere Position: Wir haben es nicht völlig in der Hand, wie unser Leben verläuft. Aber wir haben auch nicht gar keinen Einfluß darauf, was mit uns geschieht.14

Wiederum ist es Roth, der einräumt, daß durchaus „Komponenten der bewußten Handlungsplanung“ in unser Verhalten einfließen. Unsere bewußten Planungen gehen als Determinanten in die Planungssteuerung ein, aber oft sind sie keines-wegs entscheidend.15 Läßt sich dieser Gedanke und der eines abgeschwächten Modells der Willensfreiheit nicht vereinbaren?

3. Notwendigkeit der Einbeziehung der subjektiven Perspektive

Der Theologe Eberhard Schockenhoff greift, um die Grenzen der Hirnforschung aufzuzeigen, auf die platonische Unterscheidung zwischen Gründen und Ursa-chen von Handlungen zurück. Auf die Frage, warum Sokrates nicht aus dem Gefängnis floh, kann man antworten, weil seine Sehnen und Knochen sich nicht bewegten. Oder man kann zur Antwort geben: Weil er den Gesetzen des Staates gehorchen wollte. Die erste Antwort nennt eine Ursache, die zweite einen Grund. Nach Schockenhoff liefert die Hirnforschung Auskünfte über die Ursachen menschlichen Handelns, aber nicht über die Gründe.16

Die Hirnforschung könnte einwenden, daß auch die Gründe im Gehirn verhan-delt werden. Das muß nicht bestritten werden. Gleichwohl wissen wir darüber wenig. Es ist (noch) nicht möglich, Hirnaktivitäten detailliert spezifischen Inhal-ten zuzuordnen. Das ändert nichts daran, daß die Hirnforschung eine Reduktion vornimmt. Sokrates mit seiner Lebensgeschichte ist – im Sinne von Henrik Wal-ter – der Urheber der Entscheidung, nicht aus dem Gefängnis zu fliehen. Er hat seine Gründe dafür. Er kann sich mit seiner Entscheidung identifizieren. Er könnte auch anders, aber er will nicht. Die Hirnforschung blendet diese subjekti-ve Perspektive bisweilen aus. Diese methodische Vorentscheidung für eine Rede in der dritten Person (das Gehirn entscheidet) statt in der ersten Person (ich ent-scheide oder ich habe mich entschieden) hat Konsequenzen für die Resultate.

Nach Roth bewertet das limbische System „alles, was wir tun, danach, ob es günstige oder ungünstige Folgen hatte, Lust oder Schmerz, Befriedigung oder Mißbehagen, Gelingen oder Mißlingen, und speichert das Resultat dieser Bewer-tung im Gedächtnis, das selbst Teil dieses Systems ist. Dieses Bewertungsge-dächtnis, in dem unsere gesamte Lebenserfahrung abgelegt ist, steuert unser Verhalten. (…) Dies bedeutet, daß die eigentlichen Antriebe unseres Verhaltens aus den ‚Tiefen’ unserer unbewußten Gedächtnisinhalte und den damit verbun-denen Gefühlen und Motiven stammen. (…) Dies bedeutet, daß die aktuelle Entscheidung, etwas zu tun, unbewußt erfolgt.“17 Wäre es hier nicht angemesse-ner zu formulieren, „ich entscheide“ und „ich handle“, selbst wenn die Entschei-dung unbewußte, vielleicht überwiegend unbewußte Anteile hat? Gehört das Unbewußte nicht zu mir? Das Bewertungsgedächtnis mit meiner Lebenserfah-rung ist ein Teil von mir! Ohne das Ich wäre keine Kohärenz gegeben.

Phänomene wie den freien Willen beschreiben wir in der Perspektive der ersten Person. „Anders sind sie gar nicht faßbar.“ Dies sagt, das mag überraschen, Sin-ger. Und weiter lesen wir bei ihm: „In der Dritte-Person-Perspektive der natur-wissenschaftlichen Beschreibungsweise existieren diese Phänomene nicht.“ Die Frage, die Singer präzise herausarbeitet, lautet, ob ein Wechsel zwischen beiden Beschreibungsweisen möglich ist. Er selbst bejaht dies und kommt zu dem Schluß: „Insofern muß, aus der Dritte-Person-Perspektive betrachtet, das, was die Erste-Person-Perspektive als freien Willen beschreibt, als Illusion definiert werden. Aber ‚Illusion’ ist, glaube ich, nicht das richtige Wort, denn wir erfahren uns ja tatsächlich als frei.“18 Auch die schon zitierten elf Hirnforscher wehren sich in ihrem „Manifest“ gegen einen neuronalen Reduktionismus und wollen die Eigenständigkeit der „Innenperspektive“ erhalten. Mit einem einleuchtenden Beispiel erläutern sie das Gemeinte: Eine Fuge von Bach verliert nichts von ihrer Faszination, selbst wenn man genau verstanden hat, wie sie aufgebaut ist.19 Den Philosophen Hans-Dieter Mutschler erinnert die Diskussion um Singer und Roth und andere zu Recht an „Kulturkämpfe aus dem 19. Jahrhundert, als Naturwis-senschaftler wie Rudolf Virchow und Ernst Haeckel glaubten, die Seele abschaf-fen zu sollen, weil man sie unter dem Mikroskop nicht sehen kann“.20

IV. Zusammenfassung

Die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung liefern keinen stringenten Beweis gegen die Freiheit des Willens und Handelns des Menschen. Die Resultate sind gleichwohl völlig neu und überraschend. Der Erkenntnisgewinn ist enorm. Vor allem ist verblüffend, daß der bewußte Entschluß offenbar der schon in die Wege geleiteten Handlung nachfolgen kann. Ob dies in einzelnen Fällen oder stets der Fall ist, ist noch zu klären. Weitere empirische Untersuchungen sind notwendig. Es konnte aber gezeigt werden, daß Verantwortung auch ohne bewußten einzel-nen Entschluß möglich ist. Der Mensch handelt aus Gründen, auch wenn er sich für diese schon lange vor der aktuellen Handlung entschieden hat. Vielleicht müssen Philosophie und Theologie von einer allzu überschwenglichen Sicht der Freiheit Abstand nehmen. Absolute Freiheit gibt es nicht. Verantwortung ist allerdings auch bei bedingter Freiheit gegeben. Die subjektive Sicht des Han-delnden darf nicht ausgeblendet werden. Manche Phänomene lassen sich nur in der Perspektive der ersten Person beschreiben. Deswegen sind sie nicht weniger wirklich. Eine Beschränkung auf eine Rede ausschließlich in der dritten Person würde die Wirklichkeit erheblich reduzieren. Was wäre mein Gehirn ohne mich? Die Hirnforscher stellen diese Frage andersherum. Sollte es sich bei den Kontro-versen um Verständigungsprobleme handeln?

Anmerkungen

1) Focus vom 9. Februar 2004, 81. Metzinger selbst entfaltet eine empirisch wie philoso-phisch ansetzende „Selbstmodell-Theorie der Subjektivität“. Vgl. dazu Thomas Metzin-ger, Subjekt und Selbstmodell. Die Perspektivität phänomenalen Bewußtseins vor dem Hintergrund einer naturalistischen Theorie mentaler Repräsentation, Paderborn (2., durchgesehene Aufl.) 1999.

2) Das Manifest. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung, in: Gehirn & Geist 3(2004), Nr. 6, 30-37, Zitate 36-37.

3) Diese Auffassung vertritt auch Josef Quitterer, Lebensprinzip des Organismus. Ergeb-nisse der Hirnforschung im Licht von Philosophie und Theologie, in: Herder Korrespon-denz 54(2000), 404-407.

4) Sehr anschaulich schildert Reto U. Schneider das Experiment in: NZZ Folio (Die Zeit-schrift der Neuen Zürcher Zeitung) vom 4. April 2002. Vgl. zu Libet auch: Hans Goller, Fiktive Freiheit? Die Willensfreiheit aus der Sicht der Hirnforschung, in: Herder Korres-pondenz 55(2001), 418-422; Günter Rager, Neuronale Korrelate von Bewußtsein und Selbst, in: ders., Josef Quitterer, Edmund Runggaldier, Unser Selbst – Identität im Wan-del der neuronalen Prozesse, Paderborn (2. korr. Aufl.) 2003, 15-59, hier 33-34.

5) Vgl. Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Frankfurt a. M. 1997, besonders 303-311; ders., Die neurobiologischen Grundlagen von Geist und Bewußtsein, in: Neurowissenschaften und Philosophie. Eine Einführung, hrsg. von Michael Pauen u. Gerhard Roth, München 2001, 155-209; ders., Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frank-furt a. M. 2001, Zitate 450-457; ders., Wir sind determiniert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Dezember 2003; ders., Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt a. M. 2003, insbesondere 166-181.

6) Vgl. Wolf Singer, Über Bewußtsein und unsere Grenzen. Ein neurobiologischer Erklä-rungsversuch, in: Gene, Meme und Gehirne. Geist und Gesellschaft als Natur, hrsg. von A. Becker u. a., Frankfurt a. M. 2003, 279-305, vor allem 298-299; Wolf Singer, Keiner kann anders, als er ist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Januar 2004, Zitate ebd.; ders., Unser Menschenbild im Spannungsfeld zwischen Selbsterfahrung und neuro-biologischer Fremdbeschreibung, in: Wolfgang Frühwald u. a., Das Design des Men-schen. Vom Wandel des Menschenbildes unter dem Einfluß der modernen Naturwissen-schaft, Köln 2004, 182-216, besonders 206-207.

7) Vgl. Reto U. Schneider a. a. O.

8) In diesem Sinne ist der Titel des Buches von Peter Bieri zu verstehen: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, Frankfurt a. M. 2003.

9) Gaudium et spes 17.

10) Vgl. Josef Quitterer, Die Freiheit, die wir meinen. Neurowissenschaft und Philosophie im Streit um die Willensfreiheit, in: Herder Korrespondenz 58(2004), 364-368.

11) Für die Vereinbarkeit von Freiheit und Determination plädiert auch: Michael Pauen, Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2004.

12) Vgl. Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, a. a. O.

13) Vgl. das Editorial von Hans Goller, Willensfreiheit – eine Illusion? In: Stimmen der Zeit 221(2003), 73-74.

14) Vgl. Henrik Walter, Neurophilosophie der Willensfreiheit. Von libertarischen Illusio-nen zum Konzept natürlicher Autonomie, Paderborn (2., unveränderte Aufl.) 1999, Zitat 13-14.

15) Vgl. Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, a. a. O., Zitat 307.

16) Vgl. Eberhard Schockenhoff, Wir Phantomwesen. Die Grenzen der Hirnforschung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. November 2003; ders., Beruht die Willensfrei-heit auf einer Illusion? Hirnforschung und Ethik im Dialog, in: Erwachsenenbildung 50 (2004), 111-115.

17) Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, a. a .O., 306-307.

18) Vgl. Wolf Singer, Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2003, insbesondere 24-34, Zitate 25 und 32; vgl. auch ders., Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2002, insbesondere 171-180.

19) Vgl. Das Manifest a. a. O., 37.

20) Vgl. Hans-Dieter Mutschler, Fehlschlüsse des Naturalismus. Ist der Mensch wissen-schaftlich erklärbar? In: Herder Korrespondenz 58(2004), 529-532, Zitat 532.

Dr. Albert Käuflein ist Moraltheologe und leitet das „Roncalli-Forum Karlsruhe“ der Erzdiözese Freiburg.

Inhalt vor