Jahrgang 57
Nr. 6/2003 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Konrad Löw

65 Jahre Reichsprogromnacht.
Hat die Katholische Kirche geschwiegen?

A) Der Vorwurf des Schweigens

Vor 65 Jahren begann, was zunächst als Reichskristallnacht, dann überwiegend als Reichspogromnacht in die Geschichte eingegangen ist. Die empörenden Er-eignisse dieser Tage in Deutschland sind hinlänglich bekannt. Am 9. November 1938 war der Legationssekretär an der deutschen Botschaft in Paris Ernst vom Rath den Verletzungen erlegen, die ihm der Jude Herschel Grynszpan zugefügt hatte. „Spontaner Volkszorn“, in Wirklichkeit die SA auf Hitlers Weisung, zer-störte 267 Synagogen und Tausende jüdischer Geschäfte. 91 Juden wurden getö-tet und 26.000 in die Konzentrationslager getrieben, die es zwischenzeitlich überall im Reiche gab. Dort fanden zahlreiche weitere den Tod.

Das erste Lager hatte bereits am 22. März 1933 in Dachau bei München seine Tore geöffnet. Die Worte „Dachau“, „Konzentrationslager“, „KZ“, wurden für viele, insbesondere die Opfer und ihre Angehörigen, zu Synonyma für willkürli-che Freiheitsberaubung, Entwürdigung, Mißhandlung, Totschlag und Mord. Auch für mich, geboren 1931, war „Dachau“ von Kindesbeinen an ein Inbegriff des Schrecklichen und Bedrohlichen, zählten doch Freunde meines Vaters zu den ersten Insassen, so Alois Hundhammer. Hier auch töteten auf grausamste Weise Hitlers Lakaien Anfang Juli 1934 den Journalisten Fritz Gerlich. In seine Diens-te hatte sich mein Vater gestellt, um die Einfältigen rechtzeitig vor Hitler und seiner Partei zu warnen. Vergebens. Ist die Rachsucht des „Führers“ mit dem Tode eines seiner Hauptwidersacher gestillt? – lautete die bange Frage seiner Mitarbeiter.

Bis zum 30. Januar 1933 galt das weltweit geachtete Deutschland als freiheitli-ches Gebilde, als Rechtsstaat, als Kulturstaat. Mit der Kanzlerschaft Hitlers be-gann die Katastrophe, der Rückfall in die Barbarei, die in Not und Tod endete. Wie konnte es dazu kommen? Warum haben sich die Deutschen nicht selbst aus diesem Sumpf befreit? Warum haben sie später sogar den Massenmord an Geis-teskranken, Polen, Juden, Russen, Sinti und Roma schweigend geduldet? Derlei Fragen und die Versuche, darauf eine Antwort zu finden, füllen schier zahllose Bücher. Massive Vorwürfe werden gegen alle damals Lebenden erhoben, insbe-sondere natürlich gegen das deutsche Volk und gegen die Kirchen. Sie habe zu den Verbrechen der Nationalsozialisten geschwiegen, aus Verblendung, aus Feigheit, ja aus Sympathie. Dieser Vorwurf ist gleichsam allgegenwärtig, findet Eingang selbst in kirchliche Publikationen. Dafür einige Belege:

Allein in den letzten 20 Monaten wurde mindestens dreimal in Sendungen ver-schiedener Fernsehkanäle ausdrücklich oder sinngemäß behauptet: „Pius XII. ist gut informiert, aber er schweigt. Er weiß, was geschieht, in den Ghettos und den Lagern. Hinter den Kulissen rettet er Zehntausenden das Leben – durch Verhand-lungen mit den Tätern. Aber er schweigt.“1

Am 27. März 2003 stand in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu lesen: „In der seit 1954 geführten Debatte um die Rolle Pius‘ XII. während der Gewaltherr-schaft der Nationalsozialisten scheint sich die These inzwischen zur Gewißheit zu verfestigen: Der Papst verurteilte den Nationalsozialismus nicht, weil er ihn grundsätzlich bejahte. In der Tat fehlen bislang überzeugende Gegenbeweise.“2

Im Wochenmagazin „Der Spiegel“ vom 19. April 2003 heißt es: „Was vor 40 Jahren als anklagendes Insistieren begann – warum hat sich Pacelli nicht öffent-lich gegen die Ermordung der Juden gestellt? –, ist inzwischen längst zum Gene-ralvorwurf gegen den Vatikan geworden: Vom Nationalsozialismus fasziniert, mit dem Antisemitismus infiziert, habe der Heilige Stuhl von Beginn an mit Hitler gemeinsame Sache gemacht.“ Sind das nicht bitterharte Worte, die jeden an der Zeitgeschichte Interessierten, insbesondere aber jeden Christen geradezu zwingen, sich mit diesen Be- und Verurteilungen eingehend auseinanderzuset-zen? Auch der nächste Satz im Zitat verdient Beachtung: „Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht eine neue dickleibige Klageschrift veröffentlicht wird, wie zuletzt aus der Feder des US-amerikanischen Politologen Daniel Jonah Goldha-gen.“3

Die einzige katholische Tageszeitung Deutschlands „Die Tagespost“ titelte am 22. März 2003: „Warum schwieg die Kirche zum Vernichtungskampf?“ Wird damit nicht bestätigt, was vorher aus liberalen, laizistischen Blättern zitiert wor-den ist? In dem Artikel der katholischen Zeitung wird keine geringere als die inzwischen heiliggesprochene Edith Stein zur Gewährsfrau, eine konvertierte Jüdin und Karmeliterin, ihrer Rasse wegen in Auschwitz ermordet. Sie hatte sich bereits im April 1933 in einem vielzitierten Brief an Pius XI. gewandt und ihn darin beschworen: „Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Ver-hältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält. Wir sind der Überzeugung, daß dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen. Der Kampf gegen den Katholizismus wird vorläufig noch in der Stille und in weniger brutalen Formen geführt wie gegen das Judentum, aber nicht weniger systema-tisch. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird in Deutschland kein Katholik mehr ein Amt haben, wenn er sich nicht dem neuen Kurs bedingungslos ver-schreibt.“4 In ähnlichem Sinne äußerten sich zahlreiche andere namhafte Katho-liken, so Konrad Adenauer, Dietrich von Hildebrand, Max Pribilla SJ.

Diese Vorwürfe treffen zunächst die Kirche von damals. Sie treffen aber auch die Kirche von heute, die sich doch als fortlebender Leib Christi versteht und keine Zäsur macht zum Gestern. Sie treffen nicht minder die Gläubigen, die in ihrer Gesamtheit die Kirche bilden, also jeden von uns, der sich als Glied der Kirche versteht. Tatsächliche oder vermeintliche Schuld stellt in der Regel eine psychische Belastung dar. Sie kann auch ein Fehlverhalten auslösen. Erst vor wenigen Wochen tadelte Pastor Ulrich Rüß in einem Interview: „Die Kirche leidet immer noch unter der Erfahrung der Nazi-Zeit, als sie es versäumte, gegen das Unrecht aufzustehen. Diesen Fehler meint sie heute mit verstärkter Offenheit gegenüber Politik wettmachen zu müssen.“5

Für eigene Schuld Sühne zu leisten, entspricht bester christlicher Tradition. Be-sonders heroisch ist Sühneleistung für die Sünden anderer. Aber es ist kein christlicher Heroismus, ein Fehlverhalten einzugestehen, das man gar nicht be-gangen hat. Sünde und Schuld lädt auf sich, wer anderen leichtfertig Fehlverhal-ten anlastet. Das Strafgesetzbuch kennt den Tatbestand der „Vortäuschung einer Straftat“. In seinem geradezu epochalen Buch „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“ beschwört der Ex-Häftling Eugen Kogon, der sich, wie er ausdrücklich betont, „als Mensch, als Christ und als Politiker“ zu Worte meldet, seine Leser: „Nichts als die Wahrheit kann uns frei machen.“6

B) Die Kirche vor und nach der Reichspogromnacht

Dumme Sprüche und zündende Parolen begnügen sich mit wenigen Worten. Doch historische Sachverhalte sind meist komplex und lassen sich nur selten auf einen kurzen Nenner bringen. Die Behauptung, die Kirche habe in der NS-Zeit zu den Verbrechen geschwiegen, ist zwar kurz und prägnant, aber schlicht un-richtig. „Das Tausendjährige Reich“ hat zwölf Jahre bestanden. Diese Ära weist beachtliche Zäsuren auf, zu denen insbesondere der Kriegsbeginn und die zeit-gleiche Legalisierung des Massenmordes an den geistig Behinderten zählen. Mit Blick auf die Juden sind solche Zäsuren insbesondere der Boykott ihrer Geschäf-te vom 1. April 1933, die Nürnberger Gesetze des Jahres 1935, die Reichspog-romnacht vom 9. November 1938 und die Wannsee Konferenz vom 20. Januar 1942, auf der Durchführung und Koordination der „Endlösung“ besprochen wurden. Aus räumlichen Gründen ist es geboten, nur eines der genannten Jahre zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, und zwar die Ereignisse am und nach dem 9. November.

Was damals die Machthaber verbrochen haben, wurde einleitend schon kurz erwähnt. Wie verhielt sich dazu die katholische Kirche? Eine vorschnelle Ant-wort könnte lauten: Sie schwieg. Und in der Tat, es gab zu diesem Ereignis keine kirchenamtliche Stellungnahme, keinen Hirtenbrief. Es gibt anscheinend auch keine Aufzeichnungen über geplante Proteste, keine einschlägige Korrespondenz zwischen den Bischöfen, ob und was zu tun sei. Ist damit bewiesen, daß die Anklage des Schweigens zumindest mit Blick auf die Pogrome des Jahres 1938 ins Schwarze trifft? Haben alle damals in Deutschland lebenden Katholiken, insbesondere ihre Hirten, versagt? Bei der Beantwortung sollten die folgenden zehn Punkte beachtet werden:

I. Hitler auf dem Höhepunkt seiner Reputation

Im Herbst 1938 befand sich Hitler, vom Time Magazine zum Mann des Jahres gekürt, auf dem Höhepunkt seines nationalen wie internationalen Ansehens. Die furchtbar bedrückende Arbeitslosigkeit, die ihm den Weg zur Macht geebnet hatte, war besiegt. Alle im Reich fanden wieder Arbeit und Brot. Den in Deutschland allgemein als Unrecht empfundenen Versailler Vertrag hatte der „Führer“ in Makulatur verwandelt. Die wider Willen abgetrennten oder ausge-sperrten deutschsprachigen Gebiete, nämlich Österreich und das Sudetenland, waren im März und September dieses Jahres auf friedlichem Wege feste Be-standteile des Deutschen Reiches geworden. Joachim Fest und Sebastian Haff-ner, zwei sachverständige und unverdächtige Zeitzeugen, sind sich einig: „Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte zu nennen.“7 Wer konnte es wagen, dem international wie zuhause bewunderten Staatsmann Adolf Hitler in seinem Herrschaftsbereich die Stirne zu bieten?

II. Klare Worte des Papstes

Und doch: Auch im fraglichen Jahre, also 1938, hat sich der Papst, Pius XI., eindeutig und unmißverständlich zum Verhältnis der Christen zu den Juden ge-äußert und die Irrlehre des Nationalsozialismus scharf verurteilt. Auf seine Wei-sung rief die päpstliche Studienkongregation im April alle katholischen Universi-täten und katholisch-theologischen Fakultäten zur Bekämpfung des Antisemitis-mus in Wort und Schrift auf. Die folgenden Thesen wurden ausdrücklich ver-worfen. Sie lauten:

„Die Menschenrassen unterscheiden sich durch ihre angeborenen, unveränderli-chen Anlagen so sehr voneinander, daß die unterste Menschenrasse von der höchsten weiter absteht als von der höchsten Tierart.

Die Lebenskraft der Rasse und die Reinheit des Blutes müssen auf jede Weise bewahrt und gepflegt werden. Was zu diesem Zweck geschieht, ist ohne weiteres erlaubt.

Aus dem Blute, in dem die Rassenanlagen enthalten sind, gehen alle geistigen und sittlichen Eigenschaften als aus seiner hauptsächlichen Quelle hervor.

Hauptzweck der Erziehung ist die Entwicklung der Rassenanlage und Weckung der Liebe zur eigenen Rasse, weil sie den höchsten Wert darstellt.

Die Religion untersteht dem Gesetz der Rasse und ist ihr anzupassen.

Die erste Quelle und höchste Regel der gesamten Rechtsordnung ist der Rassen-instinkt ...“8

In einer an Pilger gerichteten Ansprache äußerte der Papst im September 1938, also zwei Monate vor dem Pogrom: „Der Antisemitismus ist eine abstoßende Bewegung, an der wir Christen keinen Anteil nehmen können ... Geistig sind wir Semiten.“9 Kann man sich deutlicher und judenfreundlicher äußern?

III. Die Kirche im Urteil der Nationalsozialisten

Dem scheinbar von der Vorsehung begnadeten „Führer“ des deutschen Volkes stand eine Kirche gegenüber, die vor dem 5. März 1933 nach Kräften versucht hatte, ihn und seine Bewegung von der Macht fernzuhalten. Die Kirche hatte offenbar die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die Mehrheit des deutschen Volkes schenkte Hitler und seinen Verbündeten das Vertrauen. Nach wie vor negierte die Kirche die Gesetze des Blutes, die Hitler zu den Grundgesetzen des Reiches erhoben hatte. In Wort und Tat begünstigte die Kirche die Juden, die Hitler als die schlimmsten Feinde des deutschen Volkes ausgemacht hatte.

Am 1. August, also rund drei Monate vor dem Pogrom, verkündete das amtliche Organ des Reiches und der Partei, der „Völkische Beobachter“: „Eine Begrüssung von Schülern der katholischen Organisation ‚Propaganda Fide‘ nahm Papst Pius XI. zum Anlaß, die neuen italienischen Rassen-Erkenntnisse aufs schärfste und unter Ausfällen gegen Deutschland anzugreifen. Anschließend an Angriffe, die auch seitens des Faschismus gegen die politischen Tendenzen der Katholi-schen Aktion erhoben wurden, stellte der 82jährige Papst den Leitsatz auf, daß die Katholische Aktion identisch mit katholischem Leben sei. ‚Es gibt nur eine Art katholischen Denkens, und diese darf nicht rassistisch, nationalistisch oder separatistisch sein ... Man vergißt heute, daß das Menschengeschlecht nur eine einzige, große, umfassende Rasse ist.‘“

Dazu der Kommentar: „Unkenntnis stellt sich hier gegen Erkenntnis mit dem Anspruch auf Gleichberechtigung ... Der Versuch, mit solchen Falschlehren eine Frage entscheiden zu wollen, die wissenschaftlich bereits im entgegengesetzten Sinne einwandfrei geklärt ist, kann nur unfruchtbar bleiben.“10

Am nächsten Tag wurde der „Völkische Beobachter“ noch deutlicher:

„Der Vatikan hat die Rassenlehre von Anfang an abgelehnt. Teils deshalb, weil sie vom deutschen Nationalsozialismus zum erstenmal öffentlich verkündet wurde, und weil dieser die ersten praktischen Schlußfolgerungen aus der Er-kenntnis gezogen hat; denn zum Nationalsozialismus stand der Vatikan in politi-scher Kampfstellung. Der Vatikan mußte die Rassenlehre aber auch ablehnen, weil sie seinem Dogma von der Gleichheit aller Menschen widerspricht, das wiederum eine Folge des katholischen Universalitätsanspruchs ist und das er, nebenbei bemerkt, mit Liberalen, Juden und Kommunisten teilt.“11

Rundfunk und Presse waren bekanntlich gleichgeschaltet, die Äußerungen des Staats- und Parteiorgans somit für alle Medien verbindlich. Daher gab es nie-manden im Reiche, der über diese Beurteilung und Verurteilung der Kirche durch die braunen Machthaber nicht Bescheid gewußt hätte. Die Fronten waren also klar gezogen: hier die Kirche mit ihrer Lehre und der Verurteilung des Ras-sismus, dort die NSDAP mit ihrer Rassenideologie. Sie standen sich unversöhn-lich gegenüber.

IV. „Juden- und Christenverfolgung“12

Die Kirche saß aber nicht nur auf der Anklagebank als Repräsentantin wissen-schaftsfeindlicher Dogmen, sie war längst auch verfolgtes Opfer. Ich beschränke mich auf meine Heimatstadt München und verzichte auf die Schilderung der Ereignisse in anderen Bischofsstädten, so Wien, das ja zwischenzeitlich zum Reich gehörte, Rottenburg, Münster.

Ein neunzehnjähriger praktizierender Katholik, Alfred Schwingenstein, 1945 bis zu seinem Tode Mitherausgeber der „Süddeutschen Zeitung“, notierte am 10. November 1938 in sein Tagebuch: „Zunächst brannten noch am gestrigen Abend die Synagogen. Im Laufe der Nacht wurden dann die Auslagenscheiben sämtli-cher jüdischen Geschäfte zertrümmert und teilweise (die Läden) innen angezün-det. Im frühen Morgen wurden dann zirka 1.000 Juden aus München als Geiseln in Schutzhaft genommen. Das Bild der größten Verwüstung bot nach Berichten das Kaufhaus Uhlfeder. Das war also die Antwort des deutschen Kulturvolkes auf die Wahnsinnstat dieses siebzehnjährigen Jungen. Ist das das vornehme Ver-halten des nordischen Menschen?“

Am Tag darauf fährt er fort: „Für heute Abend sind (in München) 20 Kundge-bungen angesetzt. Auch Gauleiter Wagner wird im Zirkus Krone sprechen. In einem Aufruf fordert er auf zum Kampf gegen die schwarzen und roten Bundes-genossen (der Juden). Was das zu bedeuten hat, wissen wir wohl. Morgen schon können unsere Fenster in Trümmer gehen.“

Am 12. November lautet sein Eintrag: „Am Bischofshof sind im Erdgeschoß und im ersten Stock alle Fenster und Fensterstöcke zertrümmert. Man sagt, am Dom sei Papier gelegen. Flammen in ihm wären wohl das Zeichen des Endkampfes gewesen gegen die sogenannten schwarzen Bundesgenossen. Das ist also das deutsche Volk, das Volk der Dichter und Denker, das zu solch bolschewistischen Methoden greift, um sich angeblich rächen zu können ... Mittags erfahre ich dann, daß auch in unserer Sakristei und im neuen Pfarrhof 32 Scheiben zertrüm-mert seien. Aus fast allen Kirchen liegen ähnliche Meldungen vor.“13

Dem Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Ober- und Mittelfranken vom 8. Dezember 1938 ist zu entnehmen: „Im Verlaufe der Protestaktion gegen Juden wurden in Wunsiedel auch zwei evangelische Geistliche und vier katholi-sche Pfarrer, die als ‚Judenknechte‘ gelten, durch die empörte Volksmenge auf die Polizeiwache verbracht und dort vorübergehend festgehalten. In den Pfarr-häusern wurde eine Anzahl Fensterscheiben zertrümmert ... Im Zuge der Protest-aktionen gegen das jüdische Mördergesindel ...“14

Wer also den Juden beistand, leistete „Mördergesindel“ Vorschub und machte sich so zu ihresgleichen. Dieser fatalen Logik fiel auch Rechtsanwalt Pfleger zum Opfer, wie dem Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Niederbay-ern und der Oberpfalz vom 8. Dezember 1938 zu entnehmen ist: „In einigen Fällen richteten sich die Demonstrationen vom 9./10. auch gegen Nichtjuden. So wurde in Weiden die Wohnung des Rechtsanwalts Justizrat Dr. Pfleger zerstört; der Schaden wird von Pfleger auf 10 000 RM geschätzt ... Pfleger war früher Abgeordneter der [katholischen] Bayerischen Volkspartei, stets ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus und trat auch bis in die letzte Zeit anwaltschaft-lich für Juden ein.“15

V. Die Erfahrungen der Kirche mit der Enzyklika

Fünf Bischöfe hatte der Papst im Januar 1937 zu sich gebeten, unter ihnen Kar-dinal Faulhaber, also der Münchener Erzbischof. Dieser verfaßte auftragsgemäß den Text eines Weltrundschreibens, das aber ausschließlich die Verhältnissen in Deutschland ansprach. Kardinalstaatssekretär Pacelli erweiterte den Text und verschärfte den Ton. Pius XI. unterzeichnete die Enzyklika am 14. März. Heim-lich gedruckt und über Kuriere verbreitet, wurde sie am folgenden Sonntag (21. März) von allen Kanzeln in Deutschland verlesen. Kein Priester verweigerte sich. Die Bischöfe gingen mit gutem Beispiel voran. So berichtete der Münchner Kardinal dem Papst am 22. März:

„Mir war es eine seelische Freude, am Vormittag in 30 Minuten, am Abend in 70 Minuten in meinem Dom das Rundschreiben selber zu verlesen ... Das Volk lauschte mit größter Aufmerksamkeit. Die Sonderdrucke wurden den Verteilern aus der Hand gerissen, weil alle ein Exemplar mit heimbringen wollten ... Wir müssen uns wohl auf ein Nachspiel gefaßt machen.“16

Wie sah das „Nachspiel“ aus? Ein Zeitzeuge schildert es ebenso anschaulich wie eindrucksvoll: „Was dann kam, ist bekannt: ein Diffamierungsfeldzug von un-gewöhnlicher organisatorischer Perfektion und schonungsloser Brutalität, ein ‚Haberfeldtreiben‘, ein ‚Höllenkonzert‘, ein ‚Großangriff‘ mit ‚gröbstem Ge-schütz‘ auf die ‚schwarze Brut‘. Das Agitationsmaterial wurde hauptsächlich aus Sittlichkeitsprozessen bezogen, die im Juli 1936 sistiert, also für den Konfliktfall auf Eis gelegt worden waren und nun, im April 1937, massiv gebündelt und mit schrillem Propagandalärm in Szene gesetzt wurden.“17

Das NS-Regime wertete die Enzyklika als offene Kampfansage, wollte aber gleichwohl keine weltweit wahrgenommene Staatsaffäre daraus machen, viel-mehr den Vorgang tunlichst kaschieren. Goebbels, der Reichspropagandaminis-ter, gab mit Blick auf die Öffentlichkeit die Devise aus: „tot stellen und ignorie-ren“.18 In der Protestnote, die am 12. April vom deutschen Botschafter dem Va-tikan überreicht wurde, wird die Enzyklika als Versuch gewertet, „die Welt ge-gen das neue Deutschland aufzurufen“. Nicht das Reich, sondern die Kirche habe das Konkordat verletzt, die ihre Gläubigen „gegen ihre eigene Regierung“ mobi-lisiere. Auf Einzelheiten des päpstlichen Schreibens einzugehen sei unter der Würde der Reichsregierung.19

Auch wenn die öffentliche Erörterung unterdrückt wurde, das Regime reagierte brutal. So wurden alle Betriebe, die das Rundschreiben gedruckt hatten, entschä-digungslos enteignet, nur die Schulden blieben unberührt.

Die Reaktion des Hitler-Staates ist durchaus verständlich, liest man den Text des päpstlichen Rundschreibens, in dem an mehreren Stellen der Rassismus ganz eindeutig verworfen wird, der die grundlegende Tatsache verkenne, „daß der Mensch als Persönlichkeit gottgegebene Rechte besitzt, die jedem auf ihre Leug-nung, Aufhebung oder Brachlegung abzielenden Eingriff von Seiten der Ge-meinschaft entzogen bleiben müssen.“20

Warum findet die Enzyklika des Jahres 1937 im Zusammenhang mit der Pog-romnacht Erwähnung? Seit dem Verlesen des Textes waren im Zeitpunkt des Pogroms noch keine zwei Jahre vergangen, die Erfahrungen also noch ganz gegenwärtig. Sie waren alles andere als positiv. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf ein Einlenken der braunen Machthaber, vielmehr wurden die der Kirche angelegten Daumenschrauben noch stärker angezogen. Auch stand der Apparat des Jahres 1937 nicht mehr zur Verfügung. Alle Druckereien waren ja beschlagnahmt worden.

Da kein Medium über den Inhalt der Enzyklika berichten durfte, erfuhren nur die treuen Kirchgänger von dem Protest. Er mag sie in ihrer Verurteilung des Natio-nalsozialismus bestärkt haben. Einen Gesinnungswandel konnte er nicht bewir-ken, da sie ohnehin zum Regime in Opposition standen. Sicher, die Auslands-presse nahm davon Notiz. Aber es hinderte die Botschafter Frankreichs und des Vereinigten Königreiches nicht daran, ausgerechnet in diesem Jahr erstmals am Nürnberger Parteitag der NSDAP teilzunehmen. Diese Erfahrungen belehrten die Kirche, daß öffentliche Proteste wenig sinnvoll sind, zumal wenn die National-sozialisten „nur“ auf ein wiederholtes politisches Attentat reagiert haben, wie das im November 1938 der Fall war.

VI. Vom Rath war nicht das erste Mordopfer

Die 20 Massenkundgebungen, die allein in München am 11. November 1938 stattfanden, standen unter der Losung: „Gegen das Weltjudentum und seine schwarzen und roten Bundesgenossen für die Freiheit und Sicherheit der Nation und aller Deutschen in der Welt.“21 Wohl jedermann wußte damals, was mit den Worten „und aller Deutschen in der Welt“ in Erinnerung gerufen werden sollte, nämlich die Ermordung Wilhelm Gustloffs, des Leiters der Landesgruppe der Auslandsorganisation der NSDAP, durch den jüdischen Studenten David Frank-furter am 4. Februar 1936 in Davos, Schweiz. Laut NS-Propaganda war der Mord Teil einer Verschwörung des „internationalen Judentums“22. Wegen der bevorstehenden olympischen Sommerspiele wurde damals auf eine große Straf-aktion verzichtet. Nun, nach den weltweit anerkannten Erfolgen, konnte Hitler alle Hemmungen abwerfen, und jeder, der den Juden zu Hilfe kam, mußte damit rechnen, daß ihm die Begünstigung von „Mördergesindel“ angedichtet wurde, ohne sich in Ermanglung einer freien Presse zur Wehr setzen zu können.

VII. Die evidente Verwerflichkeit des Pogroms

Das Pogrom wurde im Ausland wie im Inland scharf mißbilligt, im Ausland in aller Öffentlichkeit, im Inland durch stummes Entsetzen. In einer zusammenfas-senden Würdigung der Resonanz des Pogroms heißt es: „Fast alle diplomati-schen Berichte stellten die Passivität der Bevölkerung heraus, das stumme Ent-setzen, Zornesausbrüche einiger weniger, die Scham der meisten. Die Diploma-ten beobachteten Leute, die die Entehrung der Juden unmittelbar als Verletzung der eigenen Ehre, als Entehrung des deutschen Namens empfanden. Die auswär-tigen Beobachter nahmen vor allem ein Volk in tiefer Depression wahr. Jeder, der widersprechen wollte, hatte längst begriffen, daß er auf keinerlei Schutz durch Behörden, Gerichte oder Nachbarn hoffen durfte.“23 Die Verwerflichkeit des Pogroms war so offenkundig, daß niemand einer Belehrung durch die Geist-lichkeit bedurfte. Es gibt auch niemanden, der zu behaupten wagt, hätte die Kir-che das Pogrom verurteilt, so hätte er sich künftig anders verhalten. Was der Kirche blieb, war das Gebet und die tätige Nächstenliebe.

VIII. Solidarität durch fürbittendes Gebet und Verkündigung

Dompropst Bernhard Lichtenberg betete am 10. November 1938 in der katholi-schen Hauptkirche Berlins, in der St. Hedwigs Kathedrale24: „für die Priester in den Konzentrationslagern, für die Juden, für die Nichtarier“ und fügte hinzu: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus“.25

Lichtenberg betete weiter für alle Verfolgten, auch für die Juden, und zwar fast drei Jahre lang bis sich am 29. August 1941 zwei nichtkatholische Mädchen in die katholische Hauptkirche Berlins verirrten und Anzeige erstatteten, was zu seiner Verhaftung führte. Auf dem Weg ins Konzentrationslager starb er am 5. November 1943. Wie viele Priester haben wie er gehandelt und sind nicht de-nunziert worden?

Die Tochter eines Juden, die als „Halbjüdin“ vielfältige Diskriminierungen er-dulden mußte, hat 2003 ihre Erlebnisse publiziert. Da heißt es zu dieser Frage: „Ab 9. November 1938 ... wurde in unserer Pfarrkirche, St. Gertrud, ... täglich morgens nach der stillen Heiligen Messe und abends nach der täglichen Andacht wie folgt zusätzlich gebetet: ‚Lasset uns beten für die armen verfolgten Juden‘ mit drei Ave Maria. Dies dauerte bis ca. 1941. Als es dann aufhörte, erhielt ich auf Nachfrage die Antwort: Auf Grund höheren Befehls. Falls dies nicht aufhöre, würde die Kirche geschlossen und der Priester abgeholt. Was das bedeutete, wußte jeder.“26

Zwei in diesem Zusammenhang bemerkenswerte Autobiographien sind in den letzten Jahren erschienen, die eine von einer Polin, die andere von einer Jüdin. Beide schildern übereinstimmend, wie allein schon die Verkündigung des Gebo-tes der Nächstenliebe den Verfolgten zugute gekommen sei. Sie stimmen überein in der Erfahrung, die die Polin schildert: „Der Priester sprach ... Zunächst achtete ich gar nicht auf den Inhalt seiner Worte. Dann spitzte ich die Ohren, denn ich merkte, daß er die Gemeindemitglieder in seiner Predigt ermutigte, den Nazis Widerstand zu leisten und den Juden zu helfen. ‚... und an diejenigen zu denken, die nicht so glücklich sind wie wir‘, mahnte er mit seiner ruhigen Stimme. ‚Un-ser Heiland sagt, daß wir unsere Hände nicht mit dem Blute Unschuldiger befle-cken dürfen.‘“27

Wer Ohren hatte zu hören, verstand. Jeder Geistliche, der Nächstenliebe predigte (welcher tat es nicht?), leistete dem Ungeist der Herrschenden und ihrer Herren-moral Widerstand.

IX. Solidarität durch tätige Nächstenliebe

Es wird berichtet, Juden hätten sich über einen Domkapitular an Bischof Graf von Galen, Münster, gewandt und um eine Intervention zu ihren Gunsten gebe-ten. Dieser habe sich bereit erklärt, am Sonntag, den 13. November 1938 in sei-ner Predigt die schrecklichen Ereignisse zu thematisieren, vorausgesetzt die Juden würden ihn von jeglicher Verantwortung für die Folgen entbinden. Doch dazu kam es nicht.28 Die Nationalsozialisten waren unberechenbar. Man denke nur an die ganz unterschiedlichen Reaktionen auf die beiden Morde, den des Jahres 1936 und den des Jahres 1938. Wäre der freigesetzte Haß der Judenver-folger noch durch eine öffentliche Verurteilung ihres Tuns gesteigert worden, die möglichen Konsequenzen sind nicht auszumalen.

Da erschien es ratsamer, tunlichst unbemerkt praktische Hilfe zu leisten. Der Münchener Bischof stellte dem Oberrabbiner von München einen Lastwagen zur Verfügung, damit geweihte Gegenstände aus der Synagoge in Sicherheit ge-bracht werden konnten. In München fanden Juden u. a. Unterschlupf bei den Schwestern von der „Heiligen Familie“ in der Schellingstraße.

Das wohl schönste Zeugnis tätiger Nächstenliebe verdankt die Kirche ausge-rechnet Hitlers Geheimer Staatspolizei. Sie kam aufgrund ihrer Beobachtungen und Ermittlungen zu der Einsicht: Es hat sich „einwandfrei ergeben, daß die katholische Kirche in Deutschland in betonter Ablehnung der deutschen Juden-politik systematisch die Juden unterstützt, ihnen bei der Flucht behilflich ist und kein Mittel scheut, ihnen nicht nur die Lebensweise zu erleichtern, sondern ihnen auch illegalen Aufenthalt im Reichsgebiet möglich zu machen. Die mit der Durchführung dieser Aufgabe betrauten Personen genießen weitestgehende Un-terstützung des Episkopats und gehen sogar so weit, deutschen Volksgenossen und deutschen Kindern die ohnehin knapp bemessenen Lebensmittelrationen zu schmälern, um sie Juden zuzustecken.“29

X. Societatis Unio

Oben war davon die Rede, daß der Papst im Sommer 1938 mit klaren Worten die Einheit des Menschengeschlechts öffentlich betont hat. Damit nicht genug. Am 20. Juni 1938 erteilte er dem amerikanischen Jesuiten John LaFarge den Auf-trag, den Entwurf einer Enzyklika zum Thema Rassismus und Judentum zu ver-fassen. Der Pater entledigte sich der Aufgabe zusammen mit einem deutschen und einem französischen Mitbruder. Wie bei päpstlichen Rundschreiben häufig, sollten schon die ersten Worte den Inhalt skizzieren. Die Vorschläge lauteten: Societatis Unio oder Humani Generis Unitas. Daß es nicht zur endgültigen Bear-beitung und Verabschiedung dieser Entwürfe kam, ist auf die schwere Erkran-kung des Papstes zurückzuführen. Er starb in der Nacht vom 9. auf den 10. Feb-ruar 1939. Sein Nachfolger, Pius XII., der engste Vertraute des Verstorbenen, sah seine Hauptaufgabe in der Verhinderung eines Zweiten Weltkrieges, der uner-meßliches Leid über die Menschheit bringen würde. Die Wiederholung der An-klagen, die der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ zu entnehmen sind, hätte alle Erfolgsaussichten von vornherein zerstört. Daß auch so der Friede nicht gewahrt werden konnte, zeigt erneut, wie wenig selbst die dringlichsten Appelle des Papstes bewirken und widerlegt augenfällig jene, die glauben machen wollen, daß der Papst mit flammenden Worten oder gar Drohungen Hitlers Rassenwahn hätte heilen können. Im Jahre 2003 haben die Länder Polen, Italien, Spanien den unüberhörbaren Warnungen und Mahnungen des Papstes zuwider den völker-rechtlich höchst fragwürdigen Irakkrieg der USA befürwortet, obwohl die ver-antwortlichen Politiker dieser Länder wiedergewählt werden wollen und die große Mehrheit der Bevölkerung katholisch ist. Das war damals in Deutschland grundlegend anders. Hitler schielte nicht auf Wiederwahl.

C) Kann Schweigen Sünde sein?

Durch Unterlassen kann man sich strafbar machen, durch Unterlassen kann man sündigen. Ersteres ist unbestreitbar, letzteres dürfte ebenfalls kaum auf Wider-spruch stoßen. Weit mehr Straftaten, weit mehr Sünden werden aber durch Han-deln begangen, wozu auch das Reden zu zählen ist. Daraus folgt, daß wir uns wie die Menschen damals zwischen Scylla und Charybdis bewegen, ob wir reden oder schweigen. Wir haben hier und heute nicht die Zeit, darüber nachzudenken, unter welchen Voraussetzungen es geboten ist zu reden, unter welchen zu schweigen. Doch auf einen Gesichtspunkt soll abschließend eingegangen wer-den, der bei dem Vorwurf des Schweigens in der NS-Ära geflissentlich überse-hen oder ausgeblendet wird.

Einleitend erwähnte ich den Namen Max Pribilla. Dieser angesehene Jesuit hat wenige Jahre nach dem Kriege einen umfangreichen Aufsatz veröffentlicht, betitelt: „Das Schweigen des deutschen Volkes“, gemeint ist natürlich in der NS-Zeit. Einleitend betont er, daß in seiner Ausarbeitung „von dem Schweigen des deutschen Volkes im besonderen Hinblick auf die Konzentrationslager die Rede ist.“30 Er zitiert auch, was damals viele Gegnern des Systems zu beherzigen ver-suchten: „Lieber Gott, mach mich stumm, daß ich nicht nach Dachau kumm!“31 Vielleicht gerade die Mutigsten und Besten hielten sich nicht daran und landeten in Dachau oder einer anderen Stätte des Grauens. Und nun schwiegen auch sie. Der Selbsterhaltungstrieb, Angst und Furcht geboten es ihnen. Sie arbeiteten – sicherlich – zähneknirschend mit am weiteren Auf- und Ausbau der Konzentrati-onslager, in der Kriegsrüstung, wo immer sie zum Einsatz kamen. Ja sie schauten stumm zu, wenn unschuldige Mithäftlinge brutalst mißhandelt wurden. Die Ent-lassenen erzählten nicht einmal ihren besten Freunden, was sie dort erlebt und gesehen hatten. Dürfen wir jenen, die aus Furcht vor dieser tiefsten Erniedrigung und Entwürdigung, ja Versklavung geschwiegen haben, irgendeinen Vorwurf machen? Es gibt, so weit ich sehe, niemanden, der sich damals durch Heroismus ausgezeichnet hat und später zum Ankläger wurde.

Seit deutlich über 50 Jahren leben wir Deutschen in größtmöglicher Freiheit. Dennoch: auch heute fällt es nicht immer leicht, eine gewissenhaft gebildete Meinung offen auszusprechen. Aber die Risiken, die wir eingehen, sind unver-gleichlich mit denen von damals. Wer heute zu erkanntem Unrecht schweigt, macht sich zwar nicht strafbar, aber moralisch schuldig. Daher sollten wir jede Gelegenheit wahrnehmen, jenen entgegenzutreten, die leichtfertig den Vorwurf des Schweigens mit Blick auf die Menschen von damals erheben.

Anmerkungen

1) ARD/Deutsches Fernsehen it-media Drehbuch Mathias Unterburg „Im Zeichen des Kreuzes“ Eine Coproduktion von BR, MDR, NDR, ORB, SFB, SR, SWR, WDR, mehrmals ausgestrahlt.

2) Dominik Burkard „Die Bergpredigt des Teufels“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 27.3.03.

3) Gerhard Besier, Klaus Wiegrefe „Pakt zwischen Himmel und Hölle“, in: Der Spiegel 17/2003 S. 64.

4) Kopie des Originals im Archiv des Autors.

5) Institut Diakrisis „Interview mit Pastor Ulrich Rüß“ S. 2; 4.8.03.

6) Eugen Kogon „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“, Berlin 1947, S. 8.

7) Joachim Fest „Hitler“, Frankfurt a. M. 1983, S. 25; Sebastian Haffner „Anmerkungen zu Hitler“, München 1978, S. 54.

8) Ludwig Volk (Bearb.) „Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945“, Mainz, Bd. 4, S. 564.

9) Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.) a. a. O S. 4.

10) Völkischer Beobachter 31.7.38, Norddeutsche Ausgabe.

11) Völkischer Beobachter 1.8.38, Münchner Ausgabe.

12) Thomas Mann „An die gesittete Welt“, Frankfurt a. M. 1968, S. 265.

13) Hans-Günter Richardi „Am Anfang war das Ende“, München 2001, S. 68 f.

14) Martin Broszat u. a. (Hg.) „Bayern in der NS-Zeit“, München 1977, S. 473.

15) Martin Broszat u. a. (Hg.) „Bayern in der NS-Zeit“ , a.a.O., S. 474.

16) Ludwig Volk (Bearb.)„Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945 Bd. 2 1935-1945“, Mainz 1978, S. 311.

17) Hans Günter Hockerts „Die Goebbels-Tagebücher 1932-1941“ in: Dieter Albrecht u. a. „Politik und Konfession“, Berlin 1983, S. 378.

18) Joseph Goebbels „Die Tagebücher von Joseph Goebbels“, München 1995, I 4, S. 87.

19) Nach Heinz Hürten „Deutsche Katholiken 1918 bis 1945“, Paderborn 1992, S. 377.

20) Johannes Neuhäusler „Kreuz und Hakenkreuz“ II, München 1946, S. 39.

21) Völkischer Beobachter 11.11.38, Photokopie in Konrad Löw „Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart“, Gräfelfing 2003, S. 153.

22) N.N. „Gustloff“ Enzyklopädie des Holocaust, München o. J.

23) Günther Gillessen „Die Benennung des Fürchterlichen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.11.99; Ereignisse und Gestalten III.; siehe auch Dieter Obst „Reichskristall-nacht“, Frankfurt a. M. 1991, S. 319 ff. Obst belegt Hunderte von Handlungen zugunsten von Juden.

24) „Kathedrale“ seit Berlin Bischofssitz ist.

25) Nach Erich Kock „Er widerstand, Bernhard Lichtenberg“, Berlin 1996, S. 137.

26) Margot Schmidt „Durchgestanden“, Gräfelfing 2003, S. 47.

27) Irene Gut Opdyke „Wer ein Leben rettet ...“, München 2000, S. 155.

28) Konrad Repgen „Judenpogrom ...“, Köln 1988, S. 12.

29) Bruno Schwalbach „Erzbischof Conrad Gröber ...“, Karlsruhe 1985, S. 117.

32) Max Pribilla „Das Schweigen des deutschen Volkes“, in: Stimmen der Zeit, Oktober 1946 S. 15.

31) Ebenda S. 26.

Prof. Dr. Konrad Löw ist emeritierter Politikwissenschaftler an der Universität Bayreuth.

zurück Inhalt vor