Jahrgang 56
Nr. 6/2002 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Andreas M. Rauch

Max Klinger und die Villa Romana in Florenz


Der deutsche Maler und Bildhauer Max Klinger aus Leipzig – der Geburtsstadt Richard Wagners – kaufte 1905 die Villa Romana, damit deutsche Künstler in der Renaissance-Stadt Florenz arbeiten können. Als erfolgreicher Künstler und Sohn eines Seifenfabrikanten verfügte Klinger über die finanziellen Möglichkei-ten zum Erwerb dieses Haus, daß die Größe eines kleinen Palastes hat. Bei Klin-gers Entscheidung zum Kauf der Villa Romana spielten vier Motive eine Rolle: eine Rückbesinnung auf die Antike, eine christlich-religiöse Sinn- und Identitäts-suche, eine gewisse „Italiensehnsucht“ und eine Liebe zur Natur.

Diese vier Momente sind zugleich Spiegelbild von Teilen des Denkens in der deutschen Kultur- und Kunstszene zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahr-hunderts. Gerade im wirtschaftlich erstarkenden Deutschland unter Kaiser Wil-helm II., von dem vor allem eine dünne Ober- und eine breitere Mittelschicht profitierten, wurde über kulturelle und künstlerische Neuorientierungen nachge-dacht. Diese Überlegungen sollten Bestandteil einer neuen Ordnung in Deutsch-land sein; sie wurden angestellt vor dem Hintergrund der Französischen Revolu-tion von 1789 und den damit verknüpften Freiheitsbewegungen in Europa, der Durchsetzung einer rechtsstaatlichen Demokratie 1848 in Deutschland und der deutschen Reichsgründung von 1871. Hinzu tritt das Begehren vieler Deutscher, sich auch außerhalb der deutschen Staatsgrenzen zu engagieren und sich einen „Platz an der Sonne“ zu sichern.1 Bereits mit dem Versailler „Friedensvertrag“ von 1919, spätestens aber mit der „Stunde Null“ des Jahres 1945 sind diese Überlegungen obsolet geworden. Auch wenn es in den fünfziger Jahren noch-mals zu Reminiszenzen an politische Ideen aus der Zeit vor 1933 bzw. 1919 kam, so wies die durch Ludwig Erhard verkörperte Aufbruchstimmung doch in eine substantiell andere Richtung. Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftspro-gramm vom „Wohlstand für alle“ bedeutete auch, daß Kunst und Kunstförderung für alle Bürger sein sollten. Bis heute geblieben ist, daß die vier nun zu skizzie-renden Motive Klingers zum Erwerb der Villa Romana als Wirkungsort für deut-sche Künstler auch in der Zeit nach 1945 eine uneingeschränkte, glaubhafte Gültigkeit für sich beanspruchen konnten, als es um die Frage der Wiedererrich-tung des Künstlerhauses durch den deutschen Staat und die deutsche Wirtschaft ging; deshalb konnte die Wiederrichtung der Villa Romana als Künstlerhaus letztendlich auch erfolgreich vonstatten gehen.

I. Rückbesinnung auf antike Traditionen

Bei Klinger läßt sich eine deutliche Suche nach geistiger und kultureller Identität beobachten, die nach Wurzeln fragt und diese künstlerisch erforscht. Antworten findet Klinger hier – ganz Kind seiner Zeit – in der antiken Mythologie. So sind Werke Klingers betitelt mit „Amor und Psyche“, „Entführung des Prometheus“, „Der befreite Prometheus“, „Venus in Muschel“ oder „Die Geburt von Trojas Unheil“. Fasziniert war Klinger von der Schönheit und Erotik männlicher und weiblicher Körperdarstellungen in der Antike. Eben deshalb war Klinger nicht nur als Maler tätig, sondern auch als Bildhauer, um so seinen Idealen körperli-cher Darstellungen näher zu kommen. Von 1889-1893 lebte Klinger in Rom, um sich von der Welt der Antike inspirieren zu lassen.

Klingers Affinität zur Antike und sein Kauf der Villa Romana ordnet sich ein in eine allgemeine Rückbesinnung auf die Antike im Deutschland des 19. Jahrhun-derts. Kunstgeschichtlich gesehen blieb Mitteleuropa auch nach dem Zusam-menbruch des Imperium Romanum römischen Traditionen verbunden. Am deut-lichsten tritt das im romanischen Baustil zutage, der sich römische Architektur-vorbilder aus dem 4.-6. Jahrhundert nach Christi zu eigen machte. Danach war es Karl der Große und die bis 1803 währende Tradition der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die einen Bogenschlag zwischen Antike sowie Mittelalter und Neuzeit vollzogen. Auch in der vorkonziliaren, also bis 1965 gültigen Liturgie der römischen-katholischen Kirche spiegeln sich antike Traditionen in Mitteleuropa wieder: So bildeten die Lateinischen Messen mit ihren prächtigen Gold-Brokat-Paramenten und ihren glanzvoll ausgestatteten Hochaltären mit goldenem Altargerät Spiegelbilder des römischen Hofzeremo-niells.2 Vor allem ist es aber dem Einfluß des Kunstgelehrten Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) – Begründer der deutschen Kunstwissenschaft und der klassischen Archäologie – und seinen Schülern zu verdanken, daß in der Folgezeit die Antike sich solcher Popularität in Deutschland erfreuen durfte. Ursächlich hierfür sind vor allem zwei Werke Winckelmanns, und zwar die „Ge-danken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bild-hauerkunst“ von 1755 – der Programmschrift schlechthin des deutschen Klassi-zismus – sowie die „Geschichte der Kunst des Altertums“ von 1764.3

Das Aufkommen des deutschen Klassizismus Mitte des 18. Jahrhunderst und sein Wirken bis in das frühe 20. Jahrhundert liegt vor allem darin begründet, daß das künstlerische Deutschland im Unterschied zu Italien im 16. Jahrhundert nur eine spärliche Epoche der Renaissance – so etwa bei Dürer, Flötner –, also keine Rückbesinnung auf die Antike, erfuhr. Das mag mit geschichtlichen Rahmenbe-dingungen zusammenhängen. Im Deutschen Reich des 16. Jahrhunderts waren alle Aktivitäten von den Konfessionsauseinandersetzungen und -kriegen be-stimmt – da blieb für Kultur und Kunst wenig übrig. Italien hingegen war frei von größeren politischen oder religiösen Konflikten. Stattdessen flossen die Einnahmen aus dem Ablaßhandel – so auch aus Deutschland – reichlich an den Papst, so daß genügend Geld für Kirchenneubauten da war. Auch der italieni-schen Wirtschaft ging es damals gut. Städte wie etwa Venedig hatten nahezu ein Monopol bei einzelnen Handelsgütern – wie etwa bei Gewürzen oder Seidenstof-fen; Familien wie die der Borghese oder der Medici wurden dadurch nicht nur reich, sondern konnten sich auch als Kunstmäzene in Italien betätigen.

Für Klinger wie für den künstlerischen Direktor der Villa Romana von 1935-1943, Hans Purrmann, übte Florenz als Stadt der Renaissance eine große Anzie-hungskraft aus. Die Renaissance hat als Kunstepoche ja nicht einfach antike Vorgaben übernommen, sondern sich mit dem griechischen und römischen Ar-chitektur- und Kunsterbe produktiv auseinandergesetzt und dabei zu beantworten versucht, welche Formen antiker Traditionen in der Neuzeit Bestand haben. Florenz wurde von Klinger und Purrmann als Ort wahrgenommen, in dem der Bogenschlag zwischen Antike und Moderne gelang, ohne von seiner Strahlkraft als Lokalität phantastisch-metaphysischer Elemente einzubüßen.

Das Wiedererinnern an die Zeiten der Griechen und Römer implizierte auch die Forderung an die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, Kunst und Kunstförderung wieder einen ähnlich hohen gesellschaftlichen Rang zu geben wie einst in antiker Zeit. So konzipierte Klinger die Villa Romana als ein Künstlerhaus, in dem jedes Jahr vier Villa-Romana-Preisträger von materiellen Sorgen befreit zehn Monate künstlerisch wirken dürfen. Insoweit ist eben die Villa Romana auch ein Ort deutscher Kultur im Ausland, so wie es bis heute zahlreiche andere Kulturinstitu-te europäischer Länder in Florenz gibt – etwa das Deutsche Kunsthistorische Institut in Florenz, zu dem die Villa Romana einen engen Kontakt pflegt. Seine Antikensammlung hat Purrmann nach 1943 mitgenommen, aber in der Villa Romana finden sich auch heute noch Relikte klassizistischer Kunst. Der gegen-wärtige künstlerische Direktor der Villa Romana, Joachim Burmeister, entdeckte vor einigen Jahren historisierende Wandmalerien wie etwa „Mars stiehlt Venus“ oder „Amor mit Cupido“ aus der Ära des italienischen Klassizismus um 1840/50 auf der Belle Etage der Villa Romana.

Das diese Begeisterung für das Klassizistische von deutschen Künstlern nach 1945 eher zwiespältig erlebt wird, hat geschichtliche Gründe. Der italienische Diktator und Faschistenführer Mussolini hatte Italiens antike Vergangenheit als Rechtfertigung für sein Unrechtsregime mißbraucht. Und die neoklassizistischen Bauentwürfe von Hitlers Architekten Albert Speer für Berlin und Nürnberg ver-knüpften antike Architektur mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Heute – mit dem Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert – fällt es leichter, im Neoklassizismus vor allem erst einmal eine Kunstform zu sehen.

II. Christlich-religiöse Sinn- und Identitätssuche

Die Entscheidung zum Kauf der Villa Romana ist der Endpunkt einer geistig-kulturellen Entwicklung Klingers, die prägend war für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. So läßt sich der Mensch Klinger durchaus als ein überzeugter Christ charakterisieren, der aber auch von Glaubenszweifeln geprägt war und mit seiner Kirche haderte. Die Säkularisation von 1803, die darauffolgende Restaura-tion wie etwa in der „Heiligen Allianz“ (1815) oder dem I. Vaticanum, das Phänomen des Wertewandels in einer modernen Gesellschaft, die sich aufgrund des technischen Fortschrittes grundlegend veränderte und umstrukturierte – von diesen Zeiteinflüssen und Erfahrungen wurde das Denken Klingers bestimmt. Der Künstler Klinger war sicherlich in seinem künstlerischen Schaffen nicht kirchlich-dogmatisch festgelegt, so wie sich sakrale Kunst im eigentlichen Sinne zu Beginn des 20. Jahrhunderts ohnehin nur rudimentär wiederfindet; doch läßt sich eine religiös-christlich inspirierte Kunst im 20. Jahrhundert beobachten, zu der Teile von Klingers und Purrmanns Oeuvre zu rechnen sind. So sind in Klin-gers Werk seine lichtvoll-versöhnlichen Schöpfungen wie „Christus im Olymp“, Radierungen „Zum Thema Christus“ oder „Adam und Eva vor Tod und Teufel“, seine Blätter „Gang zur Bergpredigt“, „Rückkehr von der Bergpredigt“ und „Ab-schied von Bethlehem“ sowie die Gemälde „Vom Tode I und II“ oder „Pietà“ zu nennen. Klingers künstlerisches Werk sind Versuche der Annäherungen an die letztendliche menschliche Unbegreifbarkeit der Größe Jesu Christi in Leben, Tod und Auferstehung. Albrecht Dürer gehörte zu Klingers wichtigeren künstleri-schen Inspirationsquellen. Franz Servaes, ein Zeitgenosse Klingers, schreibt: „Das Streben nach der Höhe war dem Naturell Klingers eingeboren. ... Ihm war gegeben, alles Einzelne stets nur in Beziehung auf ein Ganzes zu sehen, nicht als Ding für sich, sondern als integrierenden Teil einer höheren Ordnung. ... Die objektiven Maßstäbe kümmerten ihn nicht ... Von jenem einen Lichtstrahl ... ließ er sich ausschließlich leiten ..., in der die großen Ideen der Menschheit funkeln.“4 Und Servaes nennt auch das Beispiel der Klinger-Büste Elsa Asenijeff, die Klin-ger als mythisch wirkendes Heroenweib mit barbarisch-wilden durchbohrenden Augen, düster-dämonischer Stirn und einem trotzigen, herrischen Kinn darstellt, obschon Frau Asenijeff in Wirklichkeit eine graziöse, liebenswürdig lächelnde, mittelgroße Dame war.

Klingers Antiken-Schwärmerei hatte wie bei Hans Purrmann metaphysische Züge. Beide Künstler hatten ein Faible für jede Form von antiken Sammlerstü-cken; ihre Reflexion auf das antike Erbe bildete eine Quelle der Inspiration, der Motivation und eines spezifischen Fluidums für ihr künstlerisches Schaffen. Damit eng verknüpft war ihr Interesse an der menschlichen Körperlichkeit und Aktmalerei, bei Klinger etwa zu finden in „Titanenkampf“, „Und doch“ aus dem Zyklus „Vom Tode II“, „Die blaue Stunde“ oder „Am Strande“ – bei Purrmann etwa in „Stehender männlicher Akt mit geneigtem Kopf“, „Sitzender Akt“, „Lie-gender Akt“ oder „Atelierakt stehend“. In seinen Jahren als Direktor der Villa Romana nutzte Purrmann die beiden Räume des „Salone“ – heute Ausstellungs-fläche für Themen- und Wechselausstellungen – im Erdgeschoß für den Aufbau einer Antikensammlung, um so seiner Antiken-Schwärmerei gegenständlichen Ausdruck zu verleihen. Purrmann, der über viele Jahre hinweg erfolgreich seine Kunst veräußerte, kaufte zusammen, was er damals in Italien für Geld bekam: griechische Vasen, römische Marmorbüsten, römisches Glas und Terrakotta sowie römische Silber- und Goldmünzen. Purrmann war aber auch angesteckt von der damaligen Schwärmerei für „Fernöstliches“, so etwa für tibetische Thankas, tibetische Bronze- und Holzarbeiten – und natürlich für echte chinesische Ming-Keramik. Darüber hinaus einte Klinger und Purrmann ihr Interesse für alte russische Ikonen oder für Dürers Passionsdarstellungen; andere Inspirationsquellen lagen für sie in kunstvoll geschaffenen Silberarbeiten – Bestecken, Bechern, Kerzenleuchtern und Altargeräten – sowie in alten und bibliophilen, prachtvoll ge-bundenen Büchern, strahlten diese doch den Geist und das Wissen von Jahrhun-derten aus. Auch vom Wagner-Boom der Jahrhundertwende und ihrer künstleri-schen Ausformung in Bronze-Statuen und vergoldeten Wandbildern ließen sich Klinger und Purrmann mitreißen – enthielten doch die Wagner-Mythologien zahlreiche antike Elemente. Auch der langjährige Vorsitzende des Villa-Romana-Vereins nach dem II. Weltkrieg, Hermann Herold, wurde von der Antiken-Euphorie Purrmanns angesteckt, so daß es zu entsprechenden Kauftätigkeiten gekommen ist.

In Purrmanns Werk gibt es sicherlich eine christlich verwurzelte Identitäts- und Sinnsuche in Zeiten des politischen und wirtschaftlichen Umbruches, vor allem durch die Wirren des Krieges, der Nachkriegszeit und der Wirtschaftskrisen, die er in Berlin durchlebte. So ist sein „Stilleben mit gotischer Madonna“ von 1917, seine „Gotische Figur und Kanne“ von 1922 und sein „Stilleben mit Madonna“ von 1925 von diesen zeitgeschichtlichen Einflüssen bestimmt sowie von der Publikation seines Freundes Karl Scheffler „Geist der Gotik“5. Scheffler stellte die letzten Ausläufer des wilhelminischen Kunstgeschmacks, Historismus und Salonkunst, in Frage und äußerte Skepsis gegen das vorherrschende Kunstideal von Idealismus und Klassizismus. Klinger, Purrmann und Scheffler war gemein-sam, daß sie sich für eine „Ästhetik des Instinkts, des Unbewußten, des Suchen-den und Strebenden“6 einsetzten; den lehr- und gesetzhaften kanonischen Regeln der Gotik stellten Künstler wie Purrmann ihren Willen zur Ursprünglichkeit und urtriebigen Naivität als Teil des romantischen Erbes des 19. Jahrhunderts gegen-über. Die Purrmannsche Malerei ist dabei weniger religiös oder fromm, sondern vielmehr erwachsen aus einem Grundgefühl der feierlichen Berührtheit, die nach dem Sinn des menschlichen Lebens und des irdischen Seins forscht.

III. Italiensehnsucht

Schon im Mittelalter gab es ein besonderes Verhältnis vieler Deutscher zu Ita-lien, daß wirkungsmächtig auch im Stauferkaiser Friedrich II (1212-1250), der König von Sizilien war, Gestalt fand. Doch erst mit dem politischen Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und Johann Wolfgang von Goe-thes „Italienischen Reise“ findet sich ein breiter gestreutes Interesse von Deut-schen an Italien und seiner ruhmreichen Vergangenheit, die sich künstlerisch etwa in der deutschen Romantik niederschlägt. Die Italiensehnsucht der Deut-schen im 19. und frühen 20. Jahrhundert hat viele Facetten. Da ist die Liebe zum warmen italienischen Klima, den vielen wolkenlosen Sonnentagen und den lan-gen Sommermonaten, das Leben in den Straßen und an den Stränden – vor allem an den langen Sommerabenden, an denen das Leben praktisch nur außerhalb von Häusern und Wohnanlagen stattfindet. Als reizvoll werden die Mittelmeer-Vegetation, die Palmen und Olivenhaine erlebt – vor allem in der Toskana. Auch wird der dunkelhäutige, schwarzhaarige und doch mitunter blauäugige Typus des Italieners als verführerischer und erotischer wahrgenommen als jener der meisten Mitteleuropäer. Hinzu tritt das reiche kulturelle Erbe Italiens, das Städte wie Rom oder Florenz wie Open-air-Museen erscheinen läßt. Antike und Renais-sance sind in Italien bis heute prägend, vor allem die Körperlichkeit und Sinn-lichkeit ihrer Statuen und Büsten aus Marmor oder Terrakotta und überhaupt die großartige Monumentalität italienischer Architektur.

Für deutsche Künstler wie Max Klinger war die Vielzahl dieser Facetten be-stimmend für das, was die Kunstgeschichte als „Klassizismus“ beschreibt. Im Klassizismus geht es nicht wie in Barock und Rokoko um eine Übersteigerung von Mensch und Natur. Vielmehr stehen nun Mann und Frau in ihrer ganzen Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit vor den Augen des Künstlers – wie etwa in Max Klingers „Sirene“ von 1895, heute Eigentum des Vereins Villa Romana. Nach dem Tod des Vaters blieb Klinger aufgrund der ererbten Fabrik seit 1893 in Leipzig, wo er künstlerisch gesehen ganz auf sich gestellt einsam schaffte. Auch wenn sich Klinger um die Geschäftsaktivitäten der Fabrik nicht kümmerte, so übte doch seine Präsenz, die Notwendigkeit regelmäßiger Zahlungen an ihn und seine Kenntnis der Belegschaft eine gewisse Kontrolle aus. Der Kauf der Villa Romana füllte eine schmerzliche Lücke in der Italiensehnsucht Klingers.

IV. Eine Liebe zur Natur

Ein viertes Moment für den Kauf der Villa Romana bildete für Klinger seine Liebe zur Natur, und zwar sowohl zu (Natur-)Landschaften im allgemeinen wie zu einzelnen Pflanzen und Gesträuch im besonderen. Die Villa Romana in Flo-renz liegt auf einem 15.000 qm großen Grundstück, in dem sich zahlreiche Bäu-me, ein kleiner Park, der an barocke Gartengestaltung erinnert und ein Oliven-hain befindet. Die großzügige Garten- und Parkanlage, die bereits zu Zeiten von Klingers Kauf teilweise verwildert war, bildet für Künstler eine Inspirationsquel-le für ihr künstlerisches Schaffen.

Diese Liebe zur Natur ist bei Klinger keine zufällige, sondern spielt eine maßge-bende Rolle im Oeuvre von Max Klinger und Hans Purrmann, so in ihren zahl-reichen gemalten Naturlandschaften und Stilleben. Diese Wiederentdeckung von Stadt- und Naturlandschaften, aber auch von Stilleben, ist ein Merkmal deutscher Malerei zu Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Genre wurde von vielen bedeutenden oder weniger wichtigen zeitgenössischen deutschen Malern geteilt, so von Peter Wiemann, Rolf Knobloch, Josef Dede-richs oder August von Wille. Bei Landschaftsbildern waren Verbindungen mit Wasser oder Schnee besonders beliebt. Bei Stadtansichten erfreute sich Venedig spätestens seit Antonio Canal, gen. Canaletto (1697-1768) und seines Neffen Bernardo Bellotto (1720-1780) besonderer Beliebtheit.

Klingers Landschaftsmalereien sind grundsätzlich verschieden vom Realismus und der Historienmalerei eines Adolf von Menzel, eines Max Liebermann und eines Fritz von Uhde und vielmehr einzuordnen in eine Periode der Phantasie-kunst mit metaphysischen Bezugspunkten, in der neben Klinger Hans Thoma und Arnold Böcklin die geistigen Führer waren. Klinger verachtete stereotype Formen und ausgenutzte Malformen. Klingers Kunst ist neu nicht nur in forma-ler Gestaltung, sondern neu auch in Gedanken und Empfindungen; wie Böcklin ist er nicht nur ein genialer Nachbilder der Natur; sondern vor allem ein schöpfe-rischer Kraftmensch. Als Beispiele seiner Arbeiten sind „Die Schlange“, „Bär und Elfe“, „Simplicius am Grabe des Einsiedlers“ oder „Die Chaussee“ aus der Reihe „Vier Landschaften“ zu nennen. Diese Radierungen und Gemälde sind schöpferisch-naiv gehalten, allerdings auch mit phantastischen Elementen. Die Natur – sie blieb für Klinger stets ein kreativer Reiz und eine Inspirationsquelle für sein künstlerisches Schaffen.

Da Klinger Zeit seines Lebens nur wenige Tage in Florenz und der Toskana verbrachte, blieben diese Erfahrungen ohne nachhaltige Wirkung auf sein Ge-samtwerk. Purrmann hingegen, der von 1935-1943 die Leitung der Villa Roma-na übernahm, findet viele seiner Motive in der nächsten Umgebung: Stilleben mit Obst, Krügen und Weinblättern, die Aussicht auf die Stadt von der Villa aus und Blicke auf das Haus oder den Brunnen im Garten. Purrmann, der von sei-nem Naturell her eher zu einer schlichten Alltags- und Landschaftsmalerei ten-dierte, verschrieb sich einer Malerei des modernen Impressionismus. Hierbei hatten es nicht nur Landschaften Purrmann angetan, sondern eben auch Stilleben – auch wenn diese nach einer Blüte der holländischen Stilleben zwischen dem 16. und 18. jahrhundert etwas aus der Mode gekommen waren. Als Beispiel seien hier Purrmanns „Vasenstilleben mit Äpfeln und Zitronen“ von 1908, „Blumen in Henkelvase, Früchte und Relief“ von 1912, „Stilleben mit Tang-Reiter“ von 1918 oder „Stilleben mit Früchten“ von 1930 genannt. In Florenz kam bei Purrmann die Liebe zur Natur, eben der Landschaftsmaler, zum Vor-schein. Dabei wird bei ihm seit etwa 1930 eine Vorliebe für die Tiefe und Weite des Raumes zu einem Charakteristikum seiner Malerei. Purrmann kann als ein Vertreter eines ästhetischen Impressionismus beschrieben werden, der sich dar-um bemühte, die Natur in ein anspruchsvolles, aber ebenso strenges wie heiteres Farbenensemble zu übertragen.

V. Die Villa Romana heute

Purrmanns Verdienst für die Erhaltung der Villa Romana besteht vor allem dar-in, sich nach 1946 für die Wiedererrichtung der Villa Romana als Künstlerhaus eingesetzt zu haben. Hierbei erhielt er in seinem Schweizer Exil eine wohlwol-lende, geistig-belebende Unterstützung durch so bekannte Persönlichkeiten wie Hermann Hesse. Kriegsbedingt nahmen in den Jahren 1943-1946 zahlreiche Flüchtlinge, darunter auch Künstler, in der Villa Romana Quartier, wobei die wenigsten Miete zahlten; zudem war das Gebäude durch den italienischen Staat beschlagnahmt. Es ist Hans-Hermann Herold, dem langjährigen Vorsitzenden des Villa-Romana-Vereins sowie Chefsyndikus und Generalbevollmächtigten der Deutschen Bank, zu verdanken, daß in den fünfziger Jahren diese uner-wünschten Mieter die Villa Romana verließen und nach einer Renovierung des Hauses Ende der fünfziger Jahre Künstlerstipendiaten in der Villa Romana Hei-mat finden konnten. Nachdem viele Jahre der Villa-Romana-Verein um die jähr-lichen Zuwendungen der Deutschen Bank bangte, wurde mit der Gründung der Deutschen Bank Kultur-Stiftung im Jahr 1995 ein Kontinuum für die Villa Ro-mana geschaffen; die Villa Romana in Florenz ist heute das älteste Kulturenga-gement der Deutschen Bank. Der Villa geht es gut; Dach und Außenfassade begrüßen den Gast im strahlenden Glanz.

Klassizismus und Impressionismus haben in der Arbeit heutiger deutscher Künstler in der Villa Romana geringere Bedeutung, entwickelte sich doch die Kunst des 20. Jahrhunderts spätestens seit Ende des II. Weltkrieges in eine ande-re Richtung. Geblieben ist, daß einige Villa-Romana-Preisträger sich zu bedeu-tenden Malern und Künstlern entwickelten, so u. a. Max Beckmann, Georg Kol-be, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Georg Baselitz und Markus Lüpertz. Zudem folgt die Villa Romana dem Trend der Zeit: Gefragt sind – wie in der ganzen Museumskultur – Themen- und Wechselausstellungen. In der Villa Romana finden regelmäßig Ausstellungen von Preisträgern, Gastkünstlern sowie deut-schen oder italienischen Künstlern statt. Engen Kontakt pflegt die Villa Romana u. a. zur deutsch-italienischen Begegnungsstätte Villa Vigoni am Comer See oder Casa di Goethe in Rom. Beispielhaft sei die heutige kulturelle Wirkungs-kraft der Villa Romana anhand eines Zitates aus dem Jahresband 1997 des Villa-Romana-Veriens skizziert: „Am Jubiläum mit ‚runder Zahl’ des Vorstandes der Villa Dieter Groll darf Familie Burmeister im Ex-Bahnhof und Arp-Museum Godesberg beteiligt sein; außer Wiederbegegnung dort mit Freunden auch Wie-dersehen mit Ansgar Nierhoff und seiner Frau, der Bildhauer und Preisträger des ‚guten’ Villa-Romana-Jahrganges 1970: mit Markus Lüpertz, Schoenholtz, Ben Willikens. ... Zuvor, vor dem Groll-Geburtstagsfest, auf der Vernissage der Gale-rie Werner in Köln, Wiederbegegnungen mit Lüpertz, Immendorf, Graubner.“8 Im Ergebnis stellt sich die Villa Romana als ein deutsches Künstlerhaus im Aus-land dar, in dem Geschichte und Gegenwart, Antike und Moderne, eng beieinan-der angesiedelt und beheimatet sind. Die Villa Romana – ihr Selbstverständnis gründet sich in Antike und Christentum und im Oeuvre Max Klingers.

Anmerkungen

1) Vgl. Hermann Joseph Hiery (Hrsg.): Die deutsche Südsee 1884-1914. Ein Handbuch. Paderborn, München, Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh Verlag 2001.

2) Besonders augenfällig war dies im Vatikan mit den Palmenwedeln und der sedia gesta-toria in vorkonziliarer Zeit.

3) Diese zweite Schrift von 1764 veröffentlichte Winkelmann als Bibliothekar des Kardi-nal Albani, der seit 1763 Präfekt der Antiken-Sammlung des Vatikans war; Winckelmann lebte nach dem Übertritt zur römisch-katholischen Kirche 1754 seit 1755 in Rom.

4) Franz Servaes: Max Klinger. Berlin: Brandusche Verlagsbuchhandlung, ohne Jahr (ca. 1920), S. 5,6.

5) Karl Scheffler: Der Geist der Gotik. Leipzig: Insel-Verlag 1917.

6) Martina Rudolff: Atelierstationen des Malers Hans Purrmann, in: Gerhard-Marcks-Stiftung (Hrsg.): Hans Purrmann. Im Licht der Farbe. Stilleben. Akte. Interieurs. Bremen, 1995.

7) Max Schmid: Klinger. (Künstler-Monographien Nr. 41). Bielefeld, Leipzig: Verlag von Velhagen&Klasing, 1913, S. 1 f

8) Villa-Romana-Verein e.V. (Hrsg.): Kunstpreis Villa Romana Florenz. Premio D’Arte Villa Romana. 1997. Florenz, 1998, S. 90

Dr. Andreas M. Rauch ist Referent bei der Gesellschaft zur Förderung des Nord-Süd-Dialogs in Bonn und Professor ehrenhalber.

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