Jahrgang 56
Nr. 6/2002 Dezember
DIE NEUE ORDNUNG

Ambrosius Esser

Ein Historikerstreit um Pius IX.

I.

Am 13. Juni 2000 sprach die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Kirchenhistori-ker im deutschen Sprachraum sich einstimmig gegen die bevorstehende Seligspre-chung Papst Pius’ IX. aus. Zwar fehlten verschiedene Mitglieder bei der Tagung der Arbeitsgemeinschaft in Innsbruck, aber unseres Wissens hat nur einer der An-wesenden sich öffentlich von dieser Kundgebung distanziert.

II.

Bewiesen wird in diesem Pamphlet eigentlich nichts, aber es hagelt Anklagen gegen den Papst und das I. Vatikanische Konzil. Die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils sollten angeblich durch die Seligsprechung Pius’ IX. wieder rückgängig gemacht werden. Aber es ist bekannt, daß Johannes XXIII. den Plan hegte, am Ende des II. Vatikanums den Papst des I. seligzusprechen.1 Hätten die in Innsbruck versammelten Professoren recht, so hätte Johannes XXIII. sein eigenes Konzil sozusagen wieder aufheben wollen. In Wirklichkeit wollte er eine Ergän-zung des I. Vatikanums, aber nicht seine Abschaffung. Wenn er irgendetwas fürch-tete, dann war es die Entstehung fanatischer und sektiererischer Parteien in der Kirche, die sich schon in den fünfziger Jahren ankündigte durch das Eindringen politischer Lehren und politischer Begriffe wie „rechts“ und „links“. Das Protest-geschrei der vereinigten Professoren müsste sich demnach eigentlich auch gegen ihn richten. Johannes XXIII. war Professor der Kirchengeschichte und er hinterließ ausgezeichnete historische Werke.2 Durch den von ihm verehrten Bischof Radini Tedeschi, dessen Sekretär er war und in dem er sein Vorbild erblickte, wurde er besser als viele andere in die jüngste Geschichte Italiens und der Kirche eingeführt.

III.

Die in Innsbruck versammelten Kirchenhistoriker glaubten auch, unheilvolle Vor-aussagen machen zu müssen, denn, wie sie es ausdrücken, „zugleich wäre die Seligsprechung des Papstes, der sich der nationalen Einigung Italiens widersetzte, ein Schlag gegen den italienischen Staat. Sie würde neue Polarisierungen in die italienische Gesellschaft hineintragen und Wunden wieder aufreißen, die nach den Lateranverträgen von 1929 geheilt schienen.“ Abgesehen davon, daß die Behaup-tung, Pius IX. sei gegen die Einigung Italiens gewesen, falsch ist, hat seine Selig-sprechung keinerlei politische Störung hervorgerufen, wenn man nicht die sonoren Gurgelübungen (gargarismi) bestimmter Journalisten als eine solche wahrnehmen will. Die führenden Politiker aller Richtungen sind nach wie vor um ein gutes Verhältnis zum Heiligen Vater und zum Heiligen Stuhl bemüht. Aber es gibt noch eine andere düstere Prophezeiung: „Zweifellos wird seine Seligsprechung deshalb, nicht zuletzt in der Ostkirche und selbst bei den Unierten, als anti-ökumenisches Zeichen wirken.“ Zweifellos hat es mit der orthodoxen Kirche Schwierigkeiten gegeben, aber von Pius IX. ist nie die Rede gewesen.

IV.

Insbesondere erregen sich die vereinigten Historiker recht vollmundig über Pius’ IX. „völligen Verzicht auf nüchterne Zeitanalyse und geduldige Differenzierung: in einer oft groben Schwarz-Weiß-Malerei sah er überall nur Gott oder den Teufel, ‚Christus oder Belial’ am Werke.“ Dies sei „vor allem“ nach der Revolution von 1848 der Fall gewesen – wann war es, wenn auch nicht „vor allem“, schon vorher der Fall? Eine Reihe von Bischöfen und Kardinälen hätte einen „weiteren Blick“ gehabt. Der eine oder andere Name wäre hier willkommen gewesen. Jedenfalls ist hier von Politik die Rede, und weil der Papst angeblich in ihr versagte, wird dies nicht „durch die Verteidigungssituation“ der Kirche entschuldigt, sondern dem Papst als Mangel an Klugheit angekreidet, aus dem sich „ein Zerrbild von Heilig-keit“ ergibt, das „menschlich unglaubwürdig“ ist. Es ist bemerkenswert, daß man im deutschen Sprachbereich die sonst so verpönte „Normenethik“ ausgräbt, aber nie um deutsche Causen zu fördern, sondern um fremde Causen zu ruinieren.

Nach Garrigou-Lagrange muß die Tugend unsere Handlungen auf das letzte Ziel des ganzen Lebens lenken, indem sie die rechte Mitte zwischen Abweichungen durch Übertreibungen und Nachlässigkeit einhalten läßt. Sie bewahrt uns vor Übereile, Unachtsamkeit, Unentschiedenheit und Unstetigkeit.3 Nach der gesamten rechtgläubigen Theologie ist das Hauptziel der heroischen christlichen Klugheit übernatürlich und nicht natürlich. Wenn Pius’ IX. Haltung im hohen Alter etwas starr erscheinen mochte, so ist das eben auf dieses Alter sowie auf die furchtbaren Angriffe auf ihn und auf die katholische Kirche zurückzuführen, die sich über die Jahrzehnte seines Pontifikats hinzogen. Als weltlicher Regent war Pius IX. hervor-ragend, was von niemandem bestritten wird. Damit entspricht er vollkommen dem Bild der Klugheit der Regenten.4

Der Vorwurf einer mangelnden Klugheit richtet sich vor allem gegen seine Au-ßenpolitik, weil er dem Treiben seiner Gegner, die ununterbrochen Versprechen und Verträge brachen, Widerstand entgegensetzte, anstatt sie mit offenen Armen zu empfangen. Es erscheint mehr als fraglich, ob nach der Flucht Pius’ IX. nach Gaeta noch eine andere Politik möglich war als die vom Kardinalstaatssekretär Antonelli begonnene. Hubert Jedin spricht von „diesen zweifellos schwerwiegen-den Passiva und den zahlreichen versäumten Gelegenheiten, die heute leicht aufge-zeigt werden können“.5 Sie können allerdings heute leicht aufgeführt werden, aber ob sie wirklich existiert haben, dürfte damit keineswegs bewiesen sein. In der Politik geht es überhaupt um kontingente Dinge, nicht um absolute Wahrheiten und Sicherheiten, weshalb auch den klügsten Politikern immer wieder Irrtümer unterlaufen können, ohne daß man von irgendeiner Verfehlung gegen die Klugheit reden könnte. Natürlich hat Giacomo Martina S. J. Recht, wenn er sagt, es war „eine historische Unmöglichkeit, zugleich die volle Freiheit der Kirche und die Unterstützung des Staates erlangen zu wollen: „Man mußte wählen.“6 Aber zwi-schen Unterstützung des Staates und Ausplünderung sowie Verfolgung der Kirche besteht ein enormer Unterschied. Der Staat, der die Kirche nicht unterstützen woll-te, eignete sich gleichzeitig das Recht an, in die Ernennung der Bischöfe einzugrei-fen.

Mit dem Grafen Pellegrino Rossi hatte Pius IX. den besten Verfassungsrechtler Europas zum Ministerpräsidenten ernannt. Dieser hätte den Kirchenstaat reformie-ren und modernisieren können, aber gerade dies wollten dessen Feinde verhindern, weshalb der Minister auf viehische Weise ermordet wurde.7 Zur Zeit des Exils in Gaeta war Vincenzo Gioberti noch ein überzeugter Vertreter der Idee einer italieni-schen Konföderation unter dem Vorsitz des Papstes. Im Moment der Ermordung Rossis war er nur Minister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Sardinien. Nur vom 13. Dezember 1848 bis zum 19. Februar 1849 ist er Ministerpräsident gewe-sen.8 König Karl Albert war ein persönlich frommer Mann, aber gleichzeitig von dem Gedanken besessen, die Österreicher aus Italien zu vertreiben. Seine Absich-ten konnten niemandem verborgen bleiben, auch nicht dem Papst und seinem Staatssekretär. Die Niederlage war ebenfalls voraussehbar. Die Niederlage Karl Alberts bei Novara zwang diesen zur Abdankung. Er starb am 28. Juli 1849 zu Oporto in Portugal.9 In Frankreich regierte der General Cavaignac, der aber am 10. Dezember 1848 schon von Louis Napoléon Bonaparte abgelöst wurde. Ganz abge-sehen davon, daß die Päpste Pius VI. und Pius VII. mit Frankreich schon keine ermutigenden Erfahrungen gesammelt hatten, als dort Napoléon I. regierte, war die Lage unsicher, und niemand konnte voraussagen, wie sie sich entwickeln würde.

Vor der Ermordung Rossis hatten dieser und Antonio Rosmini Serbati je einen Entwurf für einen Staatenbund zwischen dem Kirchenstaat, dem Großherzogtum Toscana und dem Königreich Sardinien niedergeschrieben. Beide Entwürfe ähnel-ten einander stark.10 Sogar nach der Ermordung Rossis hatte der Papst noch ver-sucht, seine liberale Politik fortzusetzen.

Am 16. November 1848 brach in Rom die Revolution aus. Der Papst sah sich im Quirinalpalast belagert, und einer seiner Sekretäre, Msgr. Palma, wurde durch das Fenster erschossen. Unter diesem Druck entschied sich Pius IX. zur Bildung einer neuen Regierung und ernannte Antonio Rosmini zum Ministerpräsidenten sowie Bildungsminister, der sich auf diese Weise in Gesellschaft zweier demagogischer Schurken, Gallettis und Sterbinis, befand. Weil die Ernennung unter Druck stattge-funden hatte, entschied Rosmini sich, nur anzunehmen, wenn der Papst es ihm ausdrücklich befehlen würde. Weil dieser Befehl nicht eintraf, verzichtete der Roveretaner mit der Begründung, Gewissen und Ehre verböten ihm, eine Ernen-nung anzunehmen, die der Papst unter Zwang ausgesprochen habe. Die Erklärung gefiel Pius IX. und er ließ Rosmini seinen Dank aussprechen.11 Der Papst wünsch-te, der Roveretaner solle ihn auf der geplanten Flucht nach Gaeta begleiten. Auch von dort aus korrespondierte Rosmini mit Gioberti, aber aus den oben erwähnten und damals schon bekannten Gründen fehlten die Grundlagen einer Zusammenar-beit. Karl Albert hatte ganz andere Dinge im Sinn als die Gründung einer Lega italica. In Gaeta entschloß der Papst sich unter dem Einfluß Antonellis, die Hilfe der konservativen Mächte anzunehmen. Damit ging auch Rosminis politische und kirchliche Karriere zuende. Der Papst hätte vielleicht nach Benevent gehen kön-nen,12 das ihm ähnlich wie Bologna treu geblieben war. Aber er verfügte über keine Truppen, und Garibaldi hätte keinen Moment gezögert, ihn von Rom aus zu überfallen. Tatsächlich schickt Karl Albert noch im Dezember 1848 eine Delegati-on nach Gaeta, aber der Papst verhielt sich so zurückhaltend, daß die Botschafter ohne Ergebnis wieder abzogen. Es blieb beim Austausch freundlicher Briefe.13

Aber wie hätte der Papst mit Karl Albert als Verbündetem nach der Schlacht von Novara dagestanden? Ferdinand II. von Neapel war ein Verbündeter Osterreich-Ungarns, aber dem Papst sehr ergeben sowie in der Lage, ihn vor seinen Feinden zu schützen. Wen hätte Pius IX. als Verbündeten wählen sollen, den Bey von Tu-nis? Jedenfalls kann der Wechsel der Allianzen in Gaeta nicht als Unklugheit be-zeichnet werden, es sei denn von denen, die zu den unbelehrbaren Hassern Pius’ IX. gehören. Rosmini bestand fortwährend auf der Einhaltung der Verfassung des römischen Staates, aber es gab gute Gründe anzunehmen, daß die Machthaber, die sich in Rom etabliert hatten, jede Durchführung der Artikel der Verfassung unmöglich gemacht hätten. Am 9. Februar 1849 verkündete Galetti, der Rosminis Ministerkollege hätte sein sollen, die Absetzung Pius’ IX. als Souverän und die Gründung einer römischen Republik.14 Das Regime Pius’ IX. nach der Eroberung Roms durch den General Oudinot war zwar absolutistisch, aber keineswegs aus-schließlich klerikal, wie der Bericht des französischen Botschafters de Rayneval aus dem Jahre 1851 beweist:

Kleriker Laien

Minister 1 18

Staatsrat 3 5

Berufungsgerichtshof 9 8

Tribunal der Rota 12 7

Tribunal der Consulta 3 116

Strafgericht - 58

Bischöfliches Gericht 9 17

Tribunal d. Apostolischen Kammer 9 16

Provinztribunale-Archive - 620

Notarskammer - 16

Justizministerium 1 6

Innenministerium 22 1411

Finanzministerium 3 2017

Handelsministerium 2 161

Dem Staatsrat gehörten unter anderem die Fürsten Orsini und Odescalchi, der Professor Orioli und der Advokat Stoltz an.15 Noch zur Zeit des Friedens von Vil-lafranca hielt Napoléon III. am Plan der italienischen Konföderation unter dem Vorsitz des Papstes fest16, die freilich in Wirklichkeit beherrscht worden wäre durch seine in Rom stationierte Armee. Der Preis für seine Unterstützung des Königreichs Sardinien waren das Stammland der Dynastie, Savoyen, und die Graf-schaft Nizza, Heimat Garibaldis.

V.

Viktor Emanuel II. (1849-1878) war wie sein Vater ein von den „liberalen“ Getrie-bener. Gleichzeitig gab es aber in seiner Regierungszeit als König von Sardinien, dann von Italien eine Konstante, von der er nie abwich, nämlich das unbeirrte Streben nach der Ausdehnung der Herrschaft seines Hauses. In einem Brief an Pius IX. hatte Karl Albert die beginnende Unrast in seinem Staat gegen die katholi-sche Kirche beklagt. Giobertis Buch gegen die Jesuiten „Gesuito moderno“ (1846) sollte daran schuld gewesen sein. Natürlich konnten dieses und andere Werke gegen den Klerus das Mißtrauen des Papstes gegenüber Gioberti nur verstärken. Bei dem Streit wegen antiklerikaler Gesetze im Königreich Sardinien hat der Papst sich sehr konziliant gezeigt, vor allem in dem Brief an Viktor Emanuel II. vom 23. März 1852. Während Graf Camillo Benso di Cavour den Slogan des Grafen Mon-talambert übernahm und die freie Kirche im freien Staat verkündete, erklärten kirchenfeindliche und glaubenslose Politiker, ähnlich wie ihre Nachfolger in den totalitären Diktaturen des XX. Jhs., der Kirche, wie sie zu sein habe. Mönche und Nonnen seien unnütz, mittelalterlich und eine Anomalie in der modernen Gesell-schaft. Dies bezog sich u. a. auf 5.000 Nonnen, bei einer Bevölkerung von 5 Milli-onen.17 Durch das Gesetz von 1854 wurden 334 Kommunitäten mit 5.500 Mitglie-dern aufgehoben. Nach dem ersten Befreiungskrieg benötigte der Staat Geld, um seine zerrütteten Finanzen zu sanieren.

Das Parlament, das diese freiheitlichen Beschlüsse faßte, ohne überhaupt auf die Kompromißvorschläge des Papstes einzugehen, war von 53.704 Wählern, 58,6% der Wahlberechtigten, gewählt worden.18 Die Koalition, die diese Regierung trug, war durch Cavour und Urbano Ratazzi begründet worden, dessen herausragende Charaktereigenschaft ein unbändiger Haß gegen die katholische Kirche war. Als Ministerpräsident stürzte er 1867, weil er entgegen dem Befehl Viktor Emanuels II. Garibaldi aus Florenz entkommen ließ, so daß dieser den Feldzug unternehmen konnte, der mit der Niederlage von Mentana endete.19 Damals ließ der König durch den Minister Rouher erklären, Italien werde niemals (jamais) Rom erobern. Wohin auch immer das Königreich Sardinien und danach das von Italien sich ausdehnte, wurden die Gesetze gegen die Klöster rücksichtslos durchgeführt, und der Erfolg blieb nicht aus:

1861 1871 1881

Ordensmänner 30.632 9.163 7.191

Ordensfrauen 62.624 29.708 28.17220.

Wie hätte der Papst diesem unerhörten Raubzug zustimmen können? Das Schlimmste war, daß neben der Unterdrückung der theologischen Fakultäten die Orden ihre Bibliotheken verloren, allein in Rom die Bibliothek des Collegio Ro-mano der Jesuiten, die Cassanatense der Dominikaner, die Angelica der Augusti-ner, die Vallicellinana der Oratorianer ... Damit sollte die Kirche ihre aus der gan-zen gebildeten Welt zusammengetragenen Bildungsmittel verlieren, auf daß man sie um so leichter in die Idiotenecke verbannen konnte. Dieser Staat nannte sich liberal und demokratisch, war aber nicht demokratischer als der „absolutistische“ Pius’ IX.! Das erste Parlament des Königreichs Italien wurde im Januar 1861 ge-wählt. Die Zahl der Wahlberechtigten belief sich auf 418.696, also 1,9% der Be-völkerung, und es wählten tatsächlich 239.503 Bürger. Über die 443 Abgeordneten bemerkte ein Mitglied des Parlaments, der Baron Ferdinando Petrucelli della Gattina, es habe unter ihnen 2 Fürsten gegeben, 2 Herzöge, 29 Grafen, 23 Marchesi (Markgrafen), 26 Barone, 50 Komture und Großkreuze, 117 Ritter, davon 3 der Ehrenlegion, 135 Advokaten, 25 Ärzte, 10 Priester, 21 Ingenieure, 4 Admiräle, 23 Generäle, 1 Prälat, 13 Richter, 52 Professoren, ehemalige Professoren oder solche, die sich als Professoren ausgaben, 8 Händler oder Industrielle, 13 Oberste, 5 Staatsräte, 4 Literaten, 1 Bey des Osmanischen Reiches (Herr Paternostro), 2 Prodikatoren, 2 Dikatoren, 7 Abgedankte, 6 oder 7 Millionäre, 5 Tote, die, wohlge-merkt‚ nicht mehr zählen, 69 Angestellte, 25 nicht näher bestimmte Adelige, ande-re, ohne irgendwelche nähere Kennzeichen und Verdi, der Maestro Verdi. Der Baron stellt humorvoll fest, „sicher würde man niemals sagen, daß unser Parlament demokratisch ist. Denn da ist alles vorhanden außer dem Volk.“21 Einer solchen Gruppe sollte Pius IX. den Kirchenstaat und das Patrimonium Petri ausliefern, damit ihm hinreichende Klugheit attestiert werden könne. Der hl. Don Bosco, dem offenbar ebenfalls die Fähigkeit zu „differenzierter“ Betrachtung der Dinge fehlte, machte Viktor Emanuel II. verschiedene Voraussagen. Eine kleidete er in ein altes Sprichwort: „Die Familie dessen, der Gott beraubt, erreicht nicht die 4. Generati-on“.22

VI.

Der sardische, später italienische Staat unterdrückte die Klöster, um seine Kriege zu bezahlen. Aber, wie schon angedeutet wurde, gab es auch andere und nicht weniger gewichtige Gründe für diesen Vernichtungsfeldzug. Einer der bekanntes-ten Linksintellektuellen Italiens, Prof. Ernesto Galli della Loggia, hatte schon vor einigen Jahren festgestellt, das Risorgimento sei nichts anderes als ein Bürgerkrieg der Liberalen gegen die Katholiken gewesen.23 Jedoch die Wucht dieses Angriffs kam aus einer anderen Quelle. Am 16. Mai 1925 erklärte Antonio Gramsci im italienischen Parlament: „Die Freimaurerei hat in Italien die Ideologie und die wirkliche Organisation der kapitalistischen bürgerlichen Klasse verkörpert ... Die Freimaurerei ist die einzige wirkliche und effiziente Partei, die die bürgerliche Klasse für lange Zeit gehabt hat.“ Gramscis Behauptung findet ihre Bestätigung in der offiziellen Geschichte der italienischen Freimaurerei.24 Im Juni 1867 wurde Giuseppe Garibaldi zum wiederholten Male als erster Freimaurer Italiens und Ehrengroßmeister auf Lebenszeit des Großorients ausgerufen, während der Minis-ter für Landwirtschaft, Industrie und Handel, Filippo Cordova, der ad interim auch Justiz- und Kultusminister war, zum zweiten Male zum regierenden Großmeister erkoren wurde.25 Das wäre vielleicht nicht sehr aufregend, aber einerseits war es gerade Garibaldi, der gegen die katholische Kirche förmlich raste und bekanntlich auch Volksmissionen gegen diese predigte, andererseits die Freimaurer als gnosti-sche Sekte Satan anbeten, obwohl sie auch wieder ständig das Gegenteil behaup-ten. Natürlich sagt niemand im Ernst, sie beteten ein Bocksungetüm mit Hörnern und Pferdefuß an. Aber der berühmte Dichter und Freimaurer Giosué Carducci veröffentlichte 1865 seinen ebenfalls berühmten und recht langen Hymnus an Satan.26 Auch in modernen Werbeschriften für die Freimaurerei wird die Anbetung Luzifers als Prinzip des Fortschritts ausdrücklich empfohlen.27 In meiner Bespre-chung des II. Bandes der Biographie Pius’ IX. von Giacomo Martina S.J. hatte ich bemerkt, daß in dem umfangreichen Band von der Freimaurerei nirgends die Rede sei.28 Im III. Band29 kommt Martina endlich auf sie zu sprechen und widmet ihr das Kapitel IX. Aber er wirft dem Papst vor, seine Anklagen gegen die Freimaurer zu allgemein gehalten zu haben.30 Jedoch einerseits mußte Pius IX. darauf achten, daß die Freimaurer aus seinen Anklagen erfuhren, wie viel er über sie wußte, ande-rerseits wären sie bei konkreteren Anklagen hinter ein Lügenkonstrukt zurückge-wichen, durch das der Papst „widerlegt“ wurde. Der eigentliche ideologische Hin-tergrund kommt bei Martina nicht zur Sprache. Der Papst wußte nur zu gut Be-scheid über das, was heute die offizielle Geschichte der italienischen Freimaurerei so reichhaltig mitteilt, obwohl im allgemeinen niemand die Maske so fallen ließ wie Carducci und der eine oder andere Literat. Angela Pellicciari, die u. a. den dokumentarischen Beweis erbringt, daß auch Cavour Freimaurer war31, zitiert ein Rundschreiben des italienischen Großorients an die oberitalienischen Logen vom Jahre 1986: „Die Leitung des Ordens empfiehlt die größte Aufmerksamkeit bei dem Beweis, daß die Freimaurerei nicht die Katholiken bekämpft, sondern die Klerikalen, die die Zerstörer (corruttori) des Katholizismus sind und ihn enteh-ren.“32

Wie immer wissen die Verehrer Luzifers besser als engagierte Katholiken selbst, was katholisch und für die katholische Kirche ehrenhaft ist. Der Papst sah sich einem politisch-ideologischen Komplex gegenüber, dessen Ziel die Vernichtung der katholischen Kirche in ihren Lebenszentren war, während man ihr großmütig noch eine Gnadenfrist auf dem Lande gönnte, damit es nicht zu Bauernaufständen kam. Der Papst sah sich verpflichtet, auch in seiner Ohnmacht „dem Bösen zu widerstehen“ (Jak 4,1; Petr 5,9). Die einzige Alternative, die es gab, vor diesem ideologisch-politischen Komplex zu kapitulieren, ohne Widerstand zu leisten, konnte für ihn nicht in Frage kommen, und sie hätte jedenfalls die moralische Autorität des Papsttums vernichtet. Martina und einige andere Autoren scheinen dem hegelschen Grundsatz zu folgen, wonach das Faktische auch das Gute ist. Dieser Grundsatz hat mit Christentum nichts zu tun.33 Die in Innsbruck versammelten Professoren sprechen pompös vom völligen Verzicht „auf nüchterne Zeit-analyse und geduldige Differenzierung: in einer oft groben Schwarz-Weiß-Malerei sah er überall nur Gott oder den Teufel, ‚Christus oder Belial’ am Werke.“ Viel-leicht hätten die Professoren das Werk von Aldo Mola lesen sollen, vielleicht hal-ten sie auch den Teufel für einen Midrasch. Von Pius IX. wird man dies Letztere kaum nachträglich verlangen können. Er jedenfalls hatte den Hymnus an Satan differenziert gelesen.

VII.

1. Ein Punkt, über den die in Innsbruck versammelten Professoren klagen, ist die mangelnde Liberalität Pius’ IX. Es hätte ihnen aber bekannt sein können, daß er beispielsweise eine Reihe von liberalen Persönlichkeiten in die Index-Kongregation berief.34 Martina widmet dem Thema gar ein Unterkapitel: Pius IX. mäßigt die Strenge der Index-Kongregation.35

2. „Die Schutzbehauptung, Pius IX. habe im ‚Syllabus’ (1864) lediglich einen kirchenfeindlichen Liberalismus bekämpft, trifft die historische Realität nicht. Die Forschungen Martinas belegen, daß der Papst vor allem den ‚katholischen Libera-lismus’ treffen wollte, der keineswegs bequemer Anpassung der Kirche an den Zeitgeist das Wort redete, sondern die Kirche in einer Welt, die um den Wert der Freiheit kreiste, glaubwürdig machen wollte.“

Was uns betrifft, so finden wir die „Schutzbehauptung“ hier zum ersten Male. Und wie das Kreisen um den Wert der Freiheit aussah, hat die kurze Beschreibung des geltenden Wahlrechts in Italien und der Zusammensetzung des ersten italienischen Parlaments einigermaßen ins Licht gerückt. Schon in seiner ersten Enzyklika „Qui pluribus“ vom 1. November 1846 hatte Pius IX. die von seinem Vorgänger verur-teilten Grundsätze des Liberalismus verurteilt.

Die erste Idee eines Irrtümer-Katalogs stammte von dem stets als liberal beschrie-benen Erzbischof von Perugia, Gioacchino Pecci, später Papst Leo XIII. Er machte diesen Vorschlag 1849 vor dem Provinzialkonzil von Spoleto, das eine entspre-chende Supplik an Pius IX. richtete. 1852 wiederholte die Zeitschrift der Jesuiten La Civiltà Cattolica den Vorschlag. Msgr. Gerbert, Bischof von Perpignan, veröf-fentlichte am 23. Juli 1860 einen Katalog von 85 Irrtümern. Der Papst verringerte die Zahl der häretischen Sätze auf 61 und schickte sie an 323 Kardinäle, Erzbi-schöfe und Bischöfe. Die Nachricht sickerte durch, aber zunächst geschah nichts. Aber im Juni 1863 erschien das Werk „Vie de Jésus“ von E. Renan, das vor allem die Gottheit Jesu leugnete. Sofort wurde es von berühmten Schriftstellern und der Presse zu einer Campagne gegen Rom benutzt. Am 20. und 21. August hielt der Graf de Montalambert bei einem belgischen Katholikentag in Mecheln zwei Re-den gegen die Intoleranz, den Bund von Thron und Altar, die Aufhebung des Edikts von Nantes und die (spanische) Inquisition, die er sofort in einem Band unter dem Titel „Die freie Kirche im freien Staat“ veröffentlichte. Der Graf Val de Beaulieu antwortete mit dem Buch „Der freie Irrtum im freien Staat“. In Deutsch-land stellten I. von Döllinger und sein Kreis sich auf die Seite Montalamberts, dessen Reden allgemein als Protest gegen Rom aufgefaßt wurden, was sie eigent-lich nicht hätten sein sollen.36 Aber im September 1863 tagte in München ein The-ologenkongreß unter dem Vorsitz von Döllingers, der Mißtrauen gegenüber der Scholastik verkündete und statt ihrer eine Theologie forderte, die sich auf die Ge-schichte und die moderne Philosophie gründete. Außerdem verlangten die ver-sammelten Professoren Freiheit der Forschung auf allen Gebieten, wo es nicht um das Dogma geht. Von Döllinger setzte sich in äußerst aggressiver Form für die Freiheit in der Kirche ein.

Alles dies veranlaßte den Papst, am 8. Dezember 1864 die Enzyklika Quanta cura mit dem Syllabus der 80 Irrtümer zu veröffentlichen.37 N. b.: Der größte deutsche katholische Theologe des 19. Jhs., M. J. Scheeben war bekanntlich ein „Scholasti-ker“. Der theologisch nicht sehr gebildete de Montalambert dürfte einen recht konfusen Freiheitsbegriff gehabt haben, der allerdings seit der französischen Revo-lution als modern gilt. Ganz allgemein gesprochen, legt die moderne Ideologie in das, was die Alten autexousion oder liberum arbitrium nannten, den vollen Sinn der Freiheit. In seiner Ausübung ohne Rücksicht auf irgendeine Regel oder irgend-ein Gebot sieht der moderne Mensch die Freiheit schlechthin. Nach den Kirchenvätern wird die Freiheit aber erst durch die richtige und nicht die willkürliche Ent-scheidung des liberum arbitrium errungen und entfaltet sich in den Tugenden als ataraxia-haplôs eleutheria, wie Maxim der Bekenner in seiner Expositio orationis dominicae dargetan hat.38

Kein Papst wird jemals den sogenannten modernen Freiheitsbegriff, chaotisch, subjektiv und autonom, anerkennen. In der Tat hat er zum gegenwärtigen Transgressivismus geführt, der in seiner schon totalitären Hysterie schon den blo-ßen Gehorsam gegenüber irgendeinem sittlichen Gebot als Zeichen von Schwach-sinn oder Unterentwicklung der Persönlichkeit „beurteilt“. Kein Papst wird jemals den chaotischen, subjektiven und autonomen Freiheitsbegriff anerkennen. Die christliche Freiheit bedeutet stets Erlösung vom Bösen. Die frühe Christenheit glaubte bekanntlich an fünf Formen der Befreiung: von der Sünde, vom Tod, von Satan, vom blinden Schicksal und von der Einsamkeit.

Auch Professor Minnerath betont, daß die 80 Sätze des Syllabus Zitate aus frühe-ren Dokumenten Pius’ IX. sind. Die Enzyklika sollte eine systematische Einfüh-rung zu ihnen sein.39 Minnerath unterscheidet drei Ebenen (niveaux) des Syllabus bzw. seiner Lehre, die vor drei Horizonten interpretiert werden müssen:

An erster Stelle steht der letzte Horizont, der des Glaubens der Kirche an den Gott der biblischen Offenbarung. Zweitens hat jede in der Gesellschaft ausgeübte Ge-walt ihre Quelle in Gott. Drittens hat Gott die Rechtsordnung mit der sittlichen Ordnung verbunden. Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat sind die zwi-schen zwei Mächten. Die mittelalterliche Auffassung der Christenheit ging von einer Osmose zwischen Kirche und Staat aus. Dies sah das Magisterium Ecclesiae 1864 noch als evident an. Bis zur Regierung Pius’ XII. hat das Magisterium immer wieder versucht, die Wurzeln der Irrtümer freizulegen. Weil die sogenannte mo-derne Gesellschaft die Beziehung zu Gott und die Begründung auf das Naturgesetz ablehnt, ist sie ein Feind der Kirche. Infolgedessen verurteilten die ersten 18 Sätze des Syllabus die Irrtümer in Bezug auf Gott.40 Wichtig ist, daß das II. Vaticanum im Wesentlichen die Lehre des I., die dem Syllabus entspricht, bestätigt.41 Darüber hinaus vermerkt unser Autor, daß nach der Enzyklika Fides et ratio vom 14. Sep-tember 1998 die dogmatische Theologie eine Philosophie über den Menschen, die Welt und das Sein impliziert (n. 66), die infolgedessen an der Autorität des Ma-gisteriums teilhat.

Die Sätze 56 und 80 des Syllabus nehmen Fragen der sozialen Ethik und Politik ins Visier. Der Staat, dessen Bevölkerung mehrheitlich katholisch ist, hat die Pflicht, den katholischen Kult zu schützen. Die anderen Kulte müssen toleriert werden. Die Frage der subjektiven religiösen Freiheit existierte noch nicht, auch nicht in den protestantischen und orthodoxen Ländern. Erst Johannes XXIII. hat in Pacem in terris, vom 11. April 1963, darüber gesprochen.42 Nach Vaticanum II, Dignitatis humanae besteht sie darin, „Gott zu ehren nach der Regel ihres Gewissens und ihre Religion zu bekennen im privaten und öffentlichen Leben“; denn „die Menschen sind gehalten, der Wahrheit zu folgen, sobald sie diese erkennen.“ Das Konzil betont, daß die Freiheit nicht die Wahrheit schafft, sondern zur Suche der Wahrheit anspornt. Das Magisterium Pius’ IX. hebt den ersten Punkt hervor. Das II. Vatica-num hebt lediglich die Forderung der Konfessionalität des Staates hervor.43 An dritter Stelle befaßt Minnerath sich mit den Sätzen 19 bis 55 des Syllabus, die das öffentliche Recht der Kirche betreffen. Sie fußen auf der heute mehr oder weniger obsolet gewordenen Lehre des hl. Robert Bellarmin S.J. von der Kirche als voll-kommener Gesellschaft. Diese Doktrin, die in sich richtig ist, sollte der Verteidi-gung der Kirche gegen den absoluten Staat des Barockzeitalters und später der jakobinischen Tradition dienen, mit anderen Worten, der Freiheit der Kirche. Der Begriff der vollkommenen Gesellschaft taucht in der Konstitution De Ecclesia des II. Vatikanischen Konzils nicht mehr auf, weil seit dem II. Weltkrieg die Staaten (zumindest offiziell) in Verfassungen und staatskirchlichen Dokumenten sich als Rechtsstaaten definieren und Bereiche anerkennen, für die der Staat keine Gesetze erlassen kann, etwa das religiöse Leben der Bürger. Es geht nicht mehr um eine Trennung, sondern um die Unterscheidung von Staat und Kirche.44 Minnerath hebt hervor, die lehrmäßige Annäherung an den Syllabus müsse von einer historischen begleitet sein. Der heutige Leser müsse Feststellungen, die den Glauben in den damaligen Bedingungen betreffen, als solche wahrnehmen. Die gesamte Problema-tik des Verhältnisses von Glaube und Vernunft hat ihren Platz in den Konstitutio-nen des II. Vaticanums gefunden45, während die Grundsätze der politischen Ethik in der Soziallehre der Kirche weiterentwickelt worden sind.46 Zwar war es nicht möglich, die Gedanken Minneraths ausführlicher darzulegen, aber das Dargebote-ne dürfte ausreichen, um zu erläutern, warum der Syllabus keine infantilen Schutz-behauptungen nötig hat.

3. Heinrich Heine, der in Deutschland so hoch verehrte Vorkämpfer der Freiheit, machte sich ebenfalls Gedanken über die Auswirkungen der damaligen Philoso-phie in seiner Heimat. In der Vorrede zu seiner Geschichte der Religion und der Philosophie schreibt der Patron der Liberalität in Deutschland, nachdem er die „gottlosen Selbstgötter“ Marx, Feuerbach, Daumer, Bruno Bauer und Hengsten-berg erwähnt hat, von „der kleinen Privatdozentin, die schon sechstausend Jahre vor Hegels Geburt die ganze Hegelsche Philosophie vortrug. Dieser Blaustrumpf ohne Füße zeigt sehr scharfsinnig, wie das Absolute in der Identität von Sein und Wissen besteht., wie der Mensch zum Gotte werde durch die Erkenntnis oder, was dasselbe ist, wie Gott im Mensch zum Bewußtsein seiner selbst gelangt.“47 Für die Zukunft sah Heine schlimme Früchte der zeitgenössischen Philosophie voraus:

„Denn wenn die Hand des Kantianers stark und sicher zuschlägt, weil sein Herz von keiner traditionellen Ehrfurcht bewegt wird; wenn der Fichteaner mutvoll jeder Gefahr trotzt, weil sie für ihn in der Realität gar nicht existiert, so wird der Naturphilosoph dadurch furchtbar sein, daß er mit den ursprünglichen Gewalten der Natur in Verbindung tritt, daß er die dämonischen Kräfte des altgermanischen Pantheismus beschwören kann, und daß in ihm jene Kampflust erwacht, die wir bei den alten Deutschen finden und die nicht kämpft, um zu zerstören, noch um zu siegen, sondern bloß um zu kämpfen. Das Christentum – und das ist schönstes Verdienst – hat jene brutale, germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Ta-lisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht. Die alten steinernen Götter erheben sich dann wieder aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Rie-senhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome.“48 Heine dachte an die gesamte deutsche Philosophie seiner Zeit, aber offensichtlich in erster Linie an Ludwig Feuerbach, der 1841 Das Wesen des Christentums, 1843 die Grundsätze der Philosophie der Zukunft veröffentlicht hatte, aber auch an Carl Vogt (1815-1895), dessen Physiologische Briefe 1845 erschienen waren.49 Jeden-falls hat bisher niemand Heine der Schwarzseherei, des Inquisitionsgehabes und dergleichen bezichtigt. Eine noch größere Übereinstimmung mit dem Gedankengut des Syllabus finden wir in der Lehre Sören Kierkegaards50, der in seiner Kritik an den soziopolitischen Veränderungen der Mitte des 19. Jhs. Pius IX. in nichts nach-steht.

4. Aber da ist noch ein anderes Problem, das der These der angeblichen Illiberalität Pius’ IX. einigermaßen im Wege steht, nämlich die Rosmini-Frage. In einer Nota vom 1. Juli 2001 erklärte die Kongregation für die Glaubenslehre die Verurteilung der Lehre Rosminis für aufgehoben. Die 40 Sätze seien zwar häretisch, aber stammten so nicht von Rosmini. Am 3. Juli 1854 fand unter dem Vorsitz des Paps-tes eine feierliche Sitzung der Index-Kongregation statt, bei der ein Dekret erlassen wurde, dessen offizieller Titel „Dimittenda esse“ lautet, aber nicht „Dimittantur“, und in dem Rosmini von allen Anklagen freigesprochen wird. Dem neu ernannten Bischof von Verona erklärte der Papst, es gebe „keinerlei Irrtum in den untersuch-ten Werken Rosminis. Lassen Sie es ruhig Ihren Klerus wissen.“ Die Pamphlete (libelli) gegen Rosmini verdienten es, aufgrund der Beurteilung durch die Hl. Kon-gregation verboten zu werden, aber er, der Papst, habe dies nicht gestattet, um den Jesuiten die Demütigung zu ersparen. Dem Bischof von Cremona schrieb Pius IX.: „Rosmini ist nicht nur ein guter Katholik, sondern ein Heiliger. Gott bedient sich der heiligen, um die Wahrheit triumphieren zu lassen.“51

Leider wurde zunächst alles getan, um den Inhalt des Dekrets vor dem Publikum geheim zu halten. Dann begannen von neuem die Angriffe gegen Rosmini. 1876 erschien im Osservatore Romano ein Artikel, der das Dekret „Dimittantur“ als praktisch wertlos hinstellt. Sofort ließ der greise Papst den Magister Sacri Palatii, Vincenzo M. Gatti O.P. an den Direktor des Osservatore, Marchese Baviera, schreiben (1876.VI.16). An die Direktoren des Osservatore Cattolico in Mailand erging am 20. Juli 1876 ein Schreiben des Präfekten der Index-Kongregation, Cardinal Antonio De Luca, und des Sekretärs, Antonio Saccheri O.P., in dem das Blatt aufgefordert wird, das durch das Dekret „Dimittantur“ befohlene Schweigen künftig zu wahren und den aus dem Osservatore Romano abgedruckten Artikel zu widerrufen.52 Erst viele Jahre nach dem Tode Pius’ IX. erschien am 14. Dezember 1887 das Dekret „Post obitum“ mit der Verurteilung der oben erwähnten 40 Sätze. Die Frage ist nun, wer liberaler und weitblickender war, Pius IX. oder seine und Rosminis Ankläger und wie es um die angebliche Schwarz-Weiß-Malerei des Papstes steht.

VIII.

Nach der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Kirchenhistoriker gehört der Satz „la tradizione sono io“ zu den „beschämensten Seiten“ des Pontifikats Pius’ IX. Zweifellos ist dieser Ausdruck stark übertrieben. Aber Pius IX. sah in der Per-son des Papstes den Fels, auf den Christus seine Kirche gebaut hat. Bei der Diskus-sion mit Kardinal Guidi O.P. befand er sich in einem Zustand höchster Erregung, weil er ganz offensichtlich befürchtete, durch eine Diskussionsrunde würde das Konzil infolge der Ankunft der Piemontesen nicht mehr in der Lage sein, über-haupt noch Beschlüsse zu fassen. In seiner Beurteilung der Persönlichkeit Pius’ IX. führt der Advokat der Causa, Dr. Snider, die Zornesausbrüche des Papstes auf den schwachen Zustand seines Nervensystems infolge der Epilepsie in den Jugendjah-ren zurück. Die Krankheit sei zwar überwunden gewesen, aber deren Folgen nicht. Diese können auch bei geringen Anlässen Anfälle höchster Erregung auslösen, ohne daß die betreffende Person sich sofort dessen bewußt wird.53 Bei Pius IX. dauerten diese Anfälle unter Streß immer nur kurze Zeit. Man hat auch darauf hingewiesen, daß der Papst bei seiner inkriminierten „battuta“ an eine Stelle bei Irenaios von Lyon dachte: „Mit dieser Kirche (scl. Roms) muß aufgrund ihrer hervorragenden Abstammung notwendigerweise jede andere Kirche übereinstim-men, d.h. die Gläubigen mit ihr, in der für alle Menschen immer die Überlieferung, die von den Aposteln kommt, aufbewahrt worden ist.“54

Das Gespräch mit Guidi hatte den Papst so erregt, daß sein Arzt ihn anschließend zur Ader lassen mußte.55 Aber wie immer, war der Papst auch hier absolut nicht nachtragend. Er hatte wohl auch bemerkt, daß er vor der Audienz falsch unterrich-tet worden war.56 Von wem wohl? Nach dem Verzicht auf das Erzbistum Bologna ernannte Pius IX. Guidi 1872 zum Bischof von Frascati. Er starb am 27. Februar 1879.57 Die Wiedergabe des Gesprächs zwischen ihm und Guidi von Tizzani mag richtig sein. Vollständig war sie sicher nicht.58 Nach Guidis Mitarbeiter Pellegri-netti hat Pius IX. geantwortet, „daß das Oberhaupt der Kirche vor der Definition gewiß eine Konsultationspflicht habe und daß er sie bei der Definition des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis auch beobachtet habe, aber nicht wolle, daß diese Bedingung im Dekret selbst fixiert werde, außer auf historische Weise.59

Die vereinigten Historiker behaupten überdies, daß Pius IX. „in seinem rigiden Einsatz für die Unfehlbarkeit jedes Verständnis für die Minorität vermissen ließ.“ Dies ist schlicht und einfach unwahr. Martina unterstreicht die Art, wie der Papst Erzbischof Darboy von Paris und Bischof Rivet von Dijon am 12. Juli 1870 emp-fing, und zwar sehr freundlich, wenngleich er an seiner Auffassung festhielt. Es fehlte ihm nicht an Verständnis, aber er hatte eine Entscheidung getroffen, die er für richtig hielt und von der er nicht abwich. Er stützte sich vornehmlich auf die Jesuiten, wie Martina immer wieder betont. Dennoch stellt der letztere fest, er habe nicht den Radikalismus des Jesuiten Giovanni Giuseppe Franco erreicht sowie auch nicht die Mentalität der Ultras.60 Pius IX. stand unter dem Einfluß seines Vorgängers, Gregors XVI., als Kamaldulenser Mauro Capellari, der durch das Werk Il Trifono della Santa Sede e della Chiesa das Thema der absoluten Papst-monarchie und der päpstlichen Unfehlbarkeit auf die Tagesordnung gebracht hat-te61: „Die Relation zwischen Papst und Kirche in Bezug auf die Infallibilität ist nicht wechselseitig, so als leistete der Episkopat aus sich einen notwendigen Bei-trag beim Zustandekommen eines letztverbindlichen Urteils oder als hätte man bei ihm den Glauben zu erfragen. Das Oberhaupt ist nicht gehalten, die Kirche zu konsultieren, ehe es seine Entscheidung fällt“.62 In Deutschland hatte der Jesuit Heinrich Kilber 1852 in dem ekklesiologischen Traktat der Theologia Wircebur-gensis die Unfehlbarkeitslehre vertreten, nach welcher der ex cathedra sprechende Papst in Glaubens- und Sittendingen sowie in Fragen der dogmatischen Tatsachen höchste Autorität ‚hat’, er ist unfehlbar, und seine Entscheidungen sind unwiderruflich.63

Ulrich Horst stellt fest, es „beherrschten ‚in Deutschland’ die Gegner der Infallibi-lität das Feld ... Auch die für einen größeren Leserkreis bestimmten Werke waren überwiegend antiinfallibilistisch“.64 Sie waren hinter dem Hauptstrom der Ent-wicklung in der katholischen Kirche zurückgeblieben. Man hat die Entwicklung zur Infallibilitätsdefinition viel zu sehr auf die Person Pius’ IX. konzentriert: „Jene Entscheidung hat ihre Wurzeln neben anderen gewiß nicht zu unterschätzenden Faktoren in der allmählichen Überwindung des gallikanisch-episkopalistischen Erbes, das nicht nur von ‚außen’ bekämpft wurde – durch Einflußnahme des Paps-tes und der Kurie oder durch zielbewußte Agitation, sondern einen wesentlichen Grund für das Erlöschen der Lebenskraft in sich selbst trug. Alle Versuche, diesen gleichsam von innen kommenden Prozeß zu personalisieren oder zu lokalisieren, greifen daher zu kurz, so partiell richtig es sein mag, das Vordringen der Infallibili-tätslehre einer rigorosen und folgerichtigen päpstlichen Strategie zuzuschreiben“.65

In der turbulenten Endphase des Konzils dürfte es Pius IX. unmöglich gewesen sein, den Vertretern der Minorität mehr „Verständnis“ zu zeigen, zumal da die Abreise wegen des beginnenden französisch-deutschen Krieges in großer Eile stattfand. Darüber hinaus wäre jedes „Verständnis“ von bestimmten Leuten als Nachgeben ausgelegt worden. Bei den Konzilien der alten Kirche hatte es nie bürgerlich-sentimentale Trostbemühungen gegenüber Mitgliedern einer Minderheit gegeben, auch wenn dabei der Abfall ganzer Völker von der Großkirche drohte. Wir werden auf dieses Thema noch zurückkommen.

IX.

In dem von den in Innsbruck versammelten Professoren redigierten „Sündenregis-ter“ durfte natürlich nicht der „Fall Mortara“ fehlen, der die „antijüdische Haltung“ des Papstes belegen soll. So bedauerlich das Gesetz sein mag, nach dem der notge-taufte Junge seinen Eltern weggenommen worden ist, so muß eine objektive und gerechte Beurteilung dem Papst zumindest zugestehen, daß er sich in einem Ge-wissenskonflikt befand und nach seinem Gewissen entschied. Ganz offensichtlich fühlte er sich nicht berechtigt, das Gesetz rückwirkend aufzuheben. Der siebenjäh-rige Junge wurde im Juni 1858 nach Rom gebracht und dem Papst vorgestellt, der ihn mit großer Güte empfing. Er erklärte sich zu seinem Adoptivvater und blieb es bis zu seinem Tode. „Acht Tage danach stellten sich meine Eltern ein ... um mich wieder in die Familie zurückzuholen. Sie kamen täglich, um mich zu besuchen und verlängerten ihren Aufenthalt in Rom auf einen ganzen Monat... Ich habe nie die geringste Neigung gezeigt, in die Familie zurückzukehren“.66

Der Papst kümmerte sich stets um den Jungen und spielte sogar gelegentlich mit ihm. Dieser wurde unter dem Namen Pio Maria Regularkanoniker des Laterans in S. Pietro in Vincoli. Am Ende seiner enorm langen Aussage erklärte Mortara: „Es wird für mich eine zutiefst innerliche Freude für mein ganzes Leben sein und in meiner Todesstunde auch ein großer Trost, im Rahmen meiner Kräfte zum guten Ausgang dieser Causa beigetragen zu haben; und ich bitte Gott, der durch die Für-bitte des Dieners Gottes sich meiner erbarmen wolle, er möge mir meine Sünden vergeben und mich teilnehmen lassen an der seligen Gemeinschaft mit ihm im Paradies.“67

Bei einer Ausfahrt sah Pius IX. einen Juden ohnmächtig auf der Straße liegen. Er brachte ihn in der eigenen Kutsche zum nächsten Krankenhaus und kümmerte sich auch in der Folgezeit um ihn. Als das Gefolge ihn darauf aufmerksam machte, es handele sich um einen Juden, erwiderte er: „Was sagt ihr da? Er ist unser Bruder, und das genügt.“ Überhaupt war Pius IX. großzügig gegenüber den Juden, so daß der Rabbi von London ihm einen warmherzigen Dankesbrief schrieb.68 Was die Frage des römischen Ghettos angeht, so wurden nach dem Fall der römischen Republik wohl die Tore des Ghettos wieder errichtet, aber nicht die Mauern.69 Es wird aber auch erzählt, die Juden hätten die Wiedererrichtung der Tore des Ghettos begrüßt, weil sie nächtliche Überfälle durch Banditen fürchteten. Im übrigen wurde der Kirchenstaat, der nach der katastrophalen Phase der römischen Republik bank-rott war, durch das Haus Rothschild saniert, und dessen Vertreter Samuel Alatri wurde Mitglied des leitenden Rates der Bank des päpstlichen Staates.70 Worin soll der Antisemitismus Pius’ IX. bestanden haben?

X.

Die Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Kirchenhistoriker weiß über Pius IX. besser Bescheid als viele bedeutende Zeitgenossen wie Franz Joseph Rudigier, Bischof von Linz, der sel. Adolph Kolping oder der Rektor des Campo Santo Teu-tonico, Msgr. Anton de Waal (1837-1917).71 Während die Kirchenhistoriker der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen vorwerfen, die neuere Literatur über Pius IX. nicht zur Kenntnis genommen zu haben, könnte man die Frage stel-len, was sie denn eigentlich von dieser Literatur gelesen haben, etwa die Akten der Causa bis zur Positio novissima des Advokaten Dr. Carlo Snider, der sich mit den bis dahin erschienenen Werken Roger Auberts und Martinas auseinandersetzt oder das dreibändige Werk von Polverari.72 Das Pamphlet der Kirchenhistoriker zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit dem polemischen Interview, das Klaus Schatz S.J.1986, nach der Erklärung der heroischen Tugenden Pius’ IX. in Radio Vaticana gab. Nur der Fall Mortara spielt in ihm keine Rolle, denn darüber sprach damals sozusagen niemand.

Kurz darauf trat die schon erwähnte Kommission des Hl. Stuhls über die Opportu-nität der Seligsprechung Pius’ IX. zusammen, der auch der Unterzeichnete als Mitglied und Sekretär angehörte. Kardinal Stickler führte den Vorsitz. Walter Brandmüller macht darauf aufmerksam, daß Schatz in seiner 1992-94 erschienenen Geschichte des I. Vaticanums Zweifel hinsichtlich des Verhaltens der Konzils-mehrheit gegenüber der Minderheit geäußert habe: Der „consensus“ sei nicht im-mer als Grundsatz einer Konzilsdedinition beachtet worden. Im Fehlen der Einmü-tigkeit sehe Schatz das Problem des I. Vatikanischen Konzils. Aber das Prinzip der Einmütigkeit scheint eine Neuerfindung zu sein. Schon auf dem I. Konzil von Nikaia wurden Arius und zwei Bischöfe aus der Kirche ausgeschlossen.73 Auf dem Konzil von Ephesos wurde Nestorios verurteilt, und Johannes von Antiochien erhielt mit den syrischen Bischöfen die Exkommunikation.74 Das Konzil von Ephesos setzte den Patriarchen von Alexandrien, Dioskoros, ab.75 Das VI. Ökume-nische Konzil anathematisierte den Patriarchen Makarios von Antiochien und sechs Bischöfe.76 Die Frage ist, wie viele Konzilien noch problematisiert werden müssen. Im Vergleich mit diesen Vorfällen nimmt sich der Ausgang des I. Vaticanums sehr harmonisch aus, zumal da nicht wenige der Opponenten nicht gegen die Infallibili-tät, sondern nur gegen die Opportunität ihrer Dogmatisierung waren.

XI.

Die in Innsbruck versammelten Professoren sehen infolge ihrer auf kirchenpoliti-sche Manöver verkürzten Perspektive weder das Wirken des Heiligen Geistes in den Konzilsbeschlüssen noch das eigentliche religiöse Motiv in der Seligsprechung Pius’ IX. Aber soweit es mir bekannt ist, hatte Pius IX. drei Wunder, von denen wie üblich nur eines untersucht wurde. Man mag zu den Wundern stehen, wie man will, in jedem Fall sind sie ein Zeichen besonders tiefer Verehrung. Tatsächlich hat Pius IX. auch außerhalb seiner Heimat Senigallia und Imolas viele Verehrer, auch wenn sich das nicht in Massenkundgebungen äußert. Diese stille Verehrung eines Dieners oder einer Dienerin Gottes ist ein sehr häufig vorkommender Fall, und deswegen finden ja auch die Informationsprozesse statt.

Als ich im Februar 1987 zum ersten Mal an der jährlichen Messe in San Lorenzo fuori le Mura für die Seligsprechung Pius’ IX. teilnahm, fand ich dort viele meiner englischsprachigen ehemaligen Studenten vor, obwohl ich in den Vorlesungen mit keinem Wort eine mögliche Seligsprechung des Papstes erwähnt hatte. Meiner Erinnerung nach hatte ich nur meine Verwunderung darüber zum Ausdruck ge-bracht, daß der Papst das alles ohne Herzinfarkt oder Schlaganfall überstanden hatte. Auch heute trifft man überall Leute, auch Nicht-Italiener, die einem verraten, große Verehrer Pius’ IX. zu sein. Mit welchem Recht erlauben die Kirchenhistori-ker von Innsbruck und andere, die schlecht und einseitig unterrichtet sind, eine solche Verehrung niederzutreten? Seit dem Interview des Paters Schatz waren vierzehn Jahre vergangen. In diesen vierzehn Jahren hat kein einziges Mitglied der Arbeitsgemeinschaft, auch nicht ihr römischer Vertreter, der 300 Meter von der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen seine Residenz hat und über ein Telefon verfügt, den Unterzeichneten um irgendeine Auskunft gebeten, obwohl gerade in den deutschsprachigen Ländern geradezu ununterbrochen von Dialog, Brückenbau, Kampf gegen Ausgrenzung und dergleichen die Rede ist. Schließlich wurde der große Wutschrei inszeniert, als der Tag der Seligsprechung feststand und praktisch eine Änderung des Programms unmöglich war. Ist dies die Art der Freiheit der Wissenschaft, wie sie von den Kirchenhistorikern jenseits der Alpen gefordert wird?

Anmerkungen

1) „Ich denke immer an Pius IX., heiligen und ruhmreichen Angedenkens. Und wenn ich ihn in seinen Opfern nachahme, möchte ich würdig sein, seine Heiligsprechung zu fei-ern.“ (Angelo Giuseppe Roncalli/Giovanni XXIII., II giornale dell’anima. Diari e scritti spirituaali. Edizione critica ed annotazioni a cura di Alberto Melloni (pro manuscripto), Bologna 1987, SS. 697-698).

2) Zu erwähnen sind vor allem die monumentale Edition Gli Atti della Visita Apostolica di S. Carlo Borromeo a Bergamo, Firenze, vol. I pars 1 1936, pars 2 1937, vol. II, pars 1 1938, pars 2 1945, pars 3 1945, an der er jahrzehntelang arbeitete, und Mons. Giacomo Maria Tedeschi, Roma2 1963.

3) Rég. Garrigou-Langrange, Les trois âges de la vie interieure, prélude de celle du ciel, tome II, Paris-Montréal 1961, S. 625 ; ebenso in: Antonio Royo Marin, O. P. and Jordan Auman, O. P., The Theology of Christian Perfection, New York-Mount Kisko 1987, SS. 370-371.

4) S. Th. II-II, q. L, aa. I-II.

5) Hubert Jedin, Handbuch der Kirchengeschichte, Bd. VI, 1. Halbband, Die Kirche zwischen Revolution und Restauration, Freiburg, Basel, Wien 1971, S. 511.

6) Ebd.

7) Wahrscheinlich war der Berufsrevolutionär Pietro Sterbini der eigentliche Urheber des Plans zur Ermordung Rossis. Vgl. E. E. V. Hales, Papst Pius IX. Politik und Religion, Graz 1957, S. 123 u. n. 23.

8) Francesco Leoni, Storia dei partiti politici italiani, Napoli 2001, S. 67 u. n. 133.

9) Vgl. Patrick Keyes O’Clery, La rivoluzione italiana (aus d. Engl.), Milano 2000, SS. 155-159; 179-185. – Dieser Autor war eine Zeit lang päpstlicher Soldat und später viele Jahre Rechtsanwalt und Mitglied des britischen Parlaments.

10) O’Clery, a. a. O. SS. 237-240.

11) Quido Rossi, Vita di Antonio Rosmini, vol. II, Rovereto 1959, SS. 201-203.

12) Pius IX. hatte keine Truppen zur Verfügung (Rossi, a. a. O. S. 215). Eine rasch zusammengetrommelte Miliz dürfte keinerlei Aussicht gehabt haben, einen Angriff Garibaldis zu widerstehen.

13) Rossi, a. a. O. S. 218.

14) O’Clery, a.a.O. S. 200.

15) O’Clery, a. a. O. S. 266

16) Ebd. S. 337.

17) Hales, a. a. O. S. 247, n. 9 und S. 251.

18) Angela Pellicciari, Risorgimento da riscrivere. Liberali & Massoni contro la Chiesa. Prefazione di Rocco Buttiglione, Milano 1998, SS. 93-94. Vgl. Francesco Cognasso, I Savoia, 1971, SS. 626-629.

19) Cognasso, a. a. O. SS. 725-729.

20) Giacomo Martina, in: Dizionario degli Istituti di Perfezione, vol. V, Roma 1978, Sp. 229-231.

21) Leoni, a. a. O. SS. 119-121. Auch Paolo Mieli, langjähriger Mitarbeiter von Renzo De Felici, stellt das enorme Problem der winzigen Minderheit, die das Riorgimento trug, fest (Storia e politica. Risorgimento, Fascismo e Comunismo, Milano 2001, SS. 105-108).

22) Pellicciari, a. a. O., S. 119

23) Liberali che non hanno saputo dirsi cristiani, in: II Mulino, n 349, Bologna 1993, SS. 855-866.

24) Pellicciari, a.a.O., SS. 12 und 221; vgl. Aldo A. Mola, Storia della Massoneria italiana dalle origini ai nostri giomi, Milano 1992, SS. 1162.

25) Mola, a. a. O. SS. 114-119.

26) Ebd. SS. 75-77.

27) Daniel Laurent & Yannik Mahé, Le secret du Franc-Macon, Paris 1988, SS. 79-81 (Qui êtes vous, Lucifer ?). Auch Jahwé muß angebetet werden, aber er ist nur der Gott der Materie, mit anderen Worten, des Dreckes.

28) Ambrogio Eßer, O. P., Storia. Pio IX dal 1851 al 1866, in: Studi cattolici XXX (1986), n 361, SS. 207-212.

29) Giacomo Martina, S.I., Pio IX (1867-1878. Mon.Hist.Pont., vol. 58), Roma 1999, SS. 435ff..

30) Ebd. SS. 439-440.

31) Pellicciari, a. a. O. SS. 194-195.

32) Ebd. SS. 99 und 252 n. 195.

33) Über die subtilen Fehlurteile Martinas hinsichtlich der politischen Aktion des Papstes vor allem der „unnützen“ Verteidigung der Ewigen Stadt s. Manlio Brunetti, Pio IX: Giudizio storico-teologico, in: Bicentenario della nascita di Giovanni M. Mastai Ferretti, Senigallia 1992, SS. 13-129; hier: SS. 109-121.

34) Vgl. Walter Brandmüller, Janus auf dem Index, in: A. Portmann-Tingelen, Hg., Kir-che, Staat und katholische Wissenschaft (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte, N. F. 12), Paderborn 1988, SS. 411-433.

35) A. a. O. SS. 282-288.

36) Paul Christophe, in: Paul Christophe et Roland Minnerath, Le „Syllabus“ de Pie IX, Preface par Mgr. Claude Dagens, Paris 2000, SS. 14-18.

37) Christophe, a. a. O. SS. 12-18.

38) Ambrosius Eßer, O. P., Spirituality in the Age of the Fathers, 2000, SS. 57 u. 117, nn. 203-206.

39) Minnerath, a. a. O. S. 73-106: Du „Syllabus“ à „Gaudium et spes“. Vgl. dorts. S. 73.

40) Minnerath, a. a. O. SS. 79-81.

41) Ebd. S. 84 u. nn. 2-4.

42) Ebd. S. 94 u. n. 2.

43) Ebd. S. 94.

44) Ebd. SS. 95-104.

45) Ebd. S. 105.

46) Ebd., S. 106: „Dans le débat grandiose sur ‚Dieu et al lilberte’, ‚une certaine modernité condamnée par l’Église croit toujours trouver la liberté sans Dieu. L’Église pour sa part a toujours affimé que Dieu n’est accessible que dans la liberté créé en vue de la verité.“

47) Heines Werke in fünfzehn Teilen, Neunter Teil, hgn. von Hermann Friedmann, Berlin-Leipzig-Wien-Stuttgart, o. J., S. 165.

48) Ebd. SS. 275-276.

49) Antonio Livi, La filosofia e la sua storia, vol.III.La filosofia contemporanea, tomo 1.l’Ottocento, 1997, SS. 239, 292-293.

50) Ebd. S. 184.

51) Rossi, a. a. O. SS. 414-415 u. n. 130.

52) Rossi, a. a. O. SS. 415-417.

53) Carlo Snider, Canonizationis servi Dei Pii Papae IX Sumi Pontificis novissima Positio super virtutibus, Roma(e) 1984, SS. 52-53 u. nn. 4-5; vgl. Martina, a. a. O. S. 527.

54) Ireneo di Lione, Contro le eresie a altri scritti, Introduzione, traduzione, note e indici a cura di Enzo Bellini, Milano 1981, S. 218: Adv.haer.III,3,2; vgl. Brunetti, a. a. O., S. 53 u. n. 8.

55) Martina, a. a. O. S. 557.

56) „Man muß davon ausgehen, daß der Papst schlecht oder doch einseitig unterrichtet war“ (Ulrich Horst O.P., Filippo M. Guidi und das I. Vatikanische Konzil, in: Archivum Fratrum Praedicatorum XLIX (1979), SS. 429-511; hier: S. 488 u. n. 141).

57) Horst a .a. O. S. 438.

58) Martina, a . a. O. S. 556.

59) Horst, a. a. O. S. 463 u. n. 84.

60) Martina, a. a. O. S. 212.

61) Dorts. SS. 171 u. 173.

62) Ulrich Horst O. P., Unfehlbarkeit und Geschichte. Studien zur Unfehlbarkeitsdiskussion von Melchior Cano bis zum I. Vatikanischen Konzil, Mainz 1982, S. 100.

63) Horst, a. a. O. SS. 150-151.

64) Horst, a. a. O. SS. 162-163.

65) Ebd. S. 163

66) Positio super introductione Causae S. D. Pii IX Sumi Pontificis, vol. II,Roma(e) 1964, S. 513; vgl. Brunero Gherardini, Pio IX - Una parola chiara, in: Divinitas XLIV, „Nova series“ (2001), SS. 91-108; S. 94.

67) Positio super introductione, S. 527 § 1685.

68) Positio super introductione, vol. II, S. 556 § 1768; 640 § 2061.

69) Armando Ravaglioli, II ghetto di Roma, Roma 21999, SS. 22 u. 56.

70) B. Di Porto in: 1870. La breccia nel Ghetto, Roma 1973, S. 53.

71) Vgl. u. a. Ambrogio Eßer, O.P. e Hans-Joachim Kracht, Adolfo Kolping e Pio IX, in: Pio IX 16 (1987), SS. 44-75.

72) Alberto Polverari, Vita di Pio IX, I: Dalla nascita al 26 novembre 1848; II: Dall’esilio a Geaeta al Regno d’Italia; III: Dal 1861 al 1878, Città del Vaticano 1986-1988. Vgl. Ambrogio Eßer, O. P., La „Vita di Pio IX“ di Alberto Polverari, in: Pio IX 18 (1989), S. 284-287. Zu den Studien im Umfeld der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechun-gen siehe Walter Brandmüller, Il Concilio Vaticano I nella storio-grafia, in: Pio IX, nume-ro unico, Roma 2000. Atti del simposio internazionale Roma 14 settembre 2000, SS. 42-54; Francesco Leoni, Pio IX e la storiografia italiana, dorts. S. 55-80; Yves Bruley, Pio IX vu par les Francais: Itinéraire dans les sources et l’historiographie, SS. 81-108.

73) Karl Baus, in: Reichskirche nach Konstantin dem Großen, 1. Halbband: Die Kirche von Nikaia bis Chalkedon (Handbuch der Kirchengeschichte, hgn. von Hubert Jedin, Bd. II), Freiburg, Basel, Wien 1973, S. 27.

74) Ebd. SS. 110-111.

75) Ebd, S. 126.

76) Hans-Georg Beck, in: Die Reichskirche nach Konstantin dem Großen, 2. Halbband, 1975, SS. 42-43.

Professor Dr. Ambrosius Esser O.P. ist Generalrelator der römischen Kongre-gation für die Selig- und Heiligsprechungen.

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