Jahrgang 58
Nr. 5/2004 Oktober
DIE NEUE ORDNUNG

Alexander Saberschinsky

Orientierungskraft der christlichen Soziallehre

Zur Sozialethiker-Tagung 2004 in Mönchengladbach

Unsere Situation ist denkwürdig: In vielen aktuellen Fragestellungen ist die nor-mierende Ausrichtung am christlichen Menschenbild verloren gegangen, doch zugleich wird angesichts des ethischen Mangels nicht selten der Diskussionsbei-trag der Kirche zu gesellschaftlichen Problemen eingefordert. Im Hinblick auf diese Situation stellt sich die Frage nach der Orientierungskraft der christlichen Soziallehre. Ist sie in einer Zeit, in der die Gesellschaft komplexer geworden ist, noch in der Lage, die Problemsituationen in Wirtschaft und Gesellschaft, in Kul-tur und Politik zu erfassen und Lösungswege aufzuzeigen?

Diese Herausforderung ist um so drängender, als der Bedarf an grundsätzlicher Orientierung gewachsen ist, wie die Diskussionen um Beginn und Ende des Lebens, etwa im Kontext der Embryonenforschung und der Euthanasie, zeigen. Woran liegt es, daß die Grundwertorientierungen, die aus dem christlichen Men-schen- und Gesellschaftsbild erwachsen, immer weniger in die Praxis umgesetzt werden? Professor Anton Rauscher, Direktor der Katholischen Sozialwissen-schaftlichen Zentralstelle, die zur Sozialethikertagung zu diesem Thema am 29./30. April 2004 nach Mönchengladbach eingeladen hatte, verwies darauf, wie wichtig es angesichts des europäischen Einigungsprozesses und der neuen Mit-gliedsstaaten ist, sich der christlichen Wurzeln zu besinnen, um die Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft zu meistern.

In einem einleitenden Beitrag ging Daniel Deckers, Redakteur bei der Frankfur-ter Allgemeinen Zeitung, der Frage nach: „Warum bewegt das soziale Sprechen der Kirche so wenig?“ Er erinnerte daran, daß die Frage nicht neu, sondern schon früher gestellt worden sei, und zur Erkenntnis geführt habe, daß die Soziallehre keine Vorstellung über ihre Identität habe. So sei die grundsätzlichere Frage mitzubedenken, was das Besondere der Katholischen Soziallehre ausmache. Die Antwort hierauf fällt nach Ansicht Deckers’ nicht leicht. Schon die Bezeichnung des Faches variiere zwischen Christlicher Sozialwissenschaft, Christlicher Ge-sellschaftslehre und Theologischer Ethik. Auch inhaltlich vermißt Deckers eine Einheitlichkeit in der Ansicht darüber, was denn der Gegenstand des Faches sei. Der Reichtum der Tradition scheint verschüttet zu sein, insbesondere die gehalt-volle Gerechtigkeitslehre des 16. Jahrhunderts. Auch alles was nach Naturrecht klingt, werde um so heftiger abgelehnt, je weniger diese vielschichtige Denk-form bekannt sei. Statt dessen sei zu beobachten, daß sich viele jüngere Vertreter des Faches in vermeintlich moderne Konzepte wie „kontextuelle theologische Ethik“, „theologische Systemethik“ oder auch „hermeneutische Ethik“ flüchte-ten. Dieser Geschichtsmangel der Katholischen Soziallehre ist nach Deckers der Grund für deren mangelnde Wirkung. Der Erosionsprozeß werde durch Bestre-bungen bestärkt, nur noch eine „christliche Gesellschaftsethik jenseits katholi-scher Soziallehre“ als ökumenisch korrekt gelten zu lassen. Das katholische Profil und der Anspruch des Lehramtes gerieten so aus dem Bewußtsein. Doch wenn es Sozialethik nur noch im Plural geben soll, dann stellt sich die Frage, warum die Katholische Soziallehre noch gehört werden solle.

Die Frage ist also: Hat die Katholische Soziallehre ihre Wirkung nicht erreicht, und ist sie damit am Ende? Deckers sieht das Problem vor allem darin, daß die Katholische Soziallehre keine Antwort auf aktuelle Fragen gegeben habe. So habe sie 1945 dort weitergemacht, wo sie 1933 aufgehört habe. Allerdings gebe es den Politischen Katholizismus als Nährboden der Katholischen Soziallehre nicht mehr. Auch sei nach 1945 der Liberalismus fehlgedeutet worden, so daß der Anschluß an die Entwicklung verlorenging. So habe Oswald von Nell-Breuning die Soziale Marktwirtschaft Erhards als in vielem zu neoliberal kriti-siert. Erst der Kölner Kardinal Joseph Höffner habe sich 1976 klar zu ihr be-kannt, das päpstliche Lehramt sogar erst 1991 in der Enzyklika „Centesimus annus“ Papst Johannes Pauls II. Deckers rät, zukünftig in der Katholischen So-ziallehre das Gespräch mit der zeitgenössischen Philosophie zu suchen, deren Denken schon Jahrzehnte wieder um den Begriff der Gerechtigkeit kreise, aller-dings ohne daß die Katholische Soziallehre davon mehr als allenfalls Notiz ge-nommen habe.

Die Notwendigkeit der ethischen Orientierung am christlichen Menschenbild thematisierte Professor Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg, indem er der Frage nachging: „Verschwindet der Mensch im naturwissenschaft-lichen Menschenbild?“ Die grundlegende These seiner Ausführungen lautete: Die Verwissenschaftlichung der Welt führt zu einer Fragmentierung des Men-schen und zu einer pragmatischen Handhabung ethischer Fragen. Der Kern des Problems liege darin, daß die Freiheit aufgegeben werde, wenn Ursachen zu Gründen erklärt werden, weil ein Sachverhalt beziehungsweise ein Geschehen nur materiell und nicht ethisch geklärt werde. Dies sei etwa in der heutigen Ge-hirnforschung der Fall, wenn Neuronen anstelle einer freiheitlichen Entschei-dung zum Grund des Handelns würden. Die angeführte These besagt zunächst, daß die pragmatische Handhabung die ethische Fragestellung verdränge, nämlich die Frage nach dem Sinn und dem Grund für einen Problemzusammenhang. Hier werden Kompromisse, die aus einer Güterabwägung heraus in einem Grenzbe-reich zugelassen werden, zum absoluten Ausgangspunkt für grundsätzliche Ent-scheidungen genommen. Somit entfallen ethische Entscheidungsverfahren und Reflexionen, die einen Sachverhalt von Anfang an unter den jeweiligen Vorzei-chen neu durchdenken, zugunsten einer pragmatischen Handhabung, die nur von den Zwecken her argumentiert, aber keine integrale ethische Betrachtung an-stellt.

Dieses Vorgehen kann man ebenso in der Embryonenforschung beobachten wie den Prozeß der Fragmentierung. So ist der Mann nicht mehr Vater, sondern Sa-menspender, das heißt, es geht nur um seine biologische Möglichkeit zur Fort-pflanzung, nicht um seine ethische Entscheidung zum Handeln. Entsprechend wird der Embryo nicht mehr als Geschenk an die Liebenden begriffen, sondern in der Wahrnehmung auf ein Objekt mit genetischen Merkmalen reduziert; dies ist zumindest die Perspektive der Präimplantationsdiagnostik. Somit wird Leben zu etwas, was man unter bestimmten Bedingungen annimmt und gegebenenfalls auch verwirft, wenn es gewisse Kriterien – beispielsweise genetischer Art – nicht erfüllt. Hier wird das Leben nicht mehr als Selbstzweck oder Zweck an sich selbst verstanden, sondern anderen Zwecken unterworfen. Dies ist möglich, weil Leben nur noch natural und nicht mehr als sittliche Existenz und mit Menschen-würde ausgestattet gesehen wird. Eine integrale, ethische Betrachtung findet in der Embryonenforschung nicht mehr statt, sondern es wird nur von den Folgen her gedacht, worin die Fragmentierung des Menschen deutlich wird.

Schockenhoff stellte deutlich heraus, daß ein Vergleich mit der sittlichen Er-laubtheit der Notwehr die Tötung von Embryonen nicht rechtfertigen kann, weil der Embryo keine Bedrohung sei, die man ausschalten müsse, um ungerecht gefährdetes Leben zu retten, sondern der Embryo selbst ein schutzbedürftiges Leben sei. Auch der Versuch, die Tötung von Embryonen für Forschungszwecke unter Berufung auf die geltende Abtreibungspraxis zu rechtfertigen, ist nicht zulässig, da § 218 StGB nicht die Schutzwürdigkeit des Lebens einschränke, wie dies das Embryonengesetz tue, sondern nur der Möglichkeit der Durchsetzbar-keit von Grundrechten Rechnung trage: Der Staat kann nicht den Schutz des Lebens des ungeborenen Kindes ohne oder gar gegen die Mutter durchsetzen.

Einen Einblick in „Stand und Probleme der Stammzellenforschung“ gewährte Professor Hans Edgar Reis, Chefarzt für Innere Medizin in Mönchengladbach. Derzeit werde große Hoffnung in die Stammzellenforschung gesetzt; sie findet das Interesse von Forschern und Industrie gleichermaßen. Stammzellen sind vor allem deswegen von so großer Bedeutung, weil sie in ihrer weiteren Entwicklung zu einer bestimmten Gewebesorte noch nicht festgelegt sind und sich regenerie-ren. Embryonale Stammzellen werden aus überzähligen Embryonen aus der in-vitro-Fertilisation, aus abgegangenen oder abgetriebenen Föten oder aus dem therapeutischen Klonen gewonnen. Jedoch können Stammzellen auch – ethisch unbedenklich – aus dem Blut der Nabelschnur gewonnen werden. Adulte Stammzellen gewinnt man aus dem Knochenmark, aus Blut und bestimmten Geweben. Anwendung finden diese Stammzellen bei neurologischen Erkrankun-gen (Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose) und zur Herstellung von Insulin produzierenden Zellen. Sie helfen außerdem bei einem Leberersatz bei Leberver-sagen oder als Herzmuskelgewebe nach einem Herzinfarkt.

In ethischer Hinsicht stellen sich angesichts der Globalisierung juristische, ethi-sche und politische Herausforderungen. Sie basieren auf weltweiten Divergenzen in den religiösen und ethischen Traditionen, in den wirtschaftlichen Ressourcen und in den politischen Interessen. Die Aufgabenfelder, die sich hier ergeben, beziehen sich auf die Kooperation der Wissenschaftler, die Klassifizierung und Zielsetzung der Forschung sowie die Zusammenarbeit der Universitäten und der Industrie. Gerade Letzteres ist schwierig, da sich die Forschungsrichtungen vor Ort ändern und Forschung auch bisweilen emigriert. Angesichts der Spannung zwischen den Möglichkeiten einerseits und den ethischen Problemen anderer-seits zog Reis das Fazit: „a final answer never exists“. Medizinisch gesehen liege die Zukunft in den adulten Stammzellen, die viel breitere Anwendungsmöglich-keiten bieten, und das obwohl erst vier Jahre Forschung erfolgt seien gegenüber zwanzig Jahren bei embryonalen Stammzellen. Außerdem sind bei ihnen gerin-gere Nebenwirkungen zu verzeichnen. Die embryonalen Stammzellen sind zwar für die Forschung interessanter, die ethisch unproblematisch zu gewinnenden, adulten Stammzellen jedoch für die Anwendung.

In einem abschließenden und zugleich grundsätzlichen Referat legte Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof von Mainz, „Die Herausforderungen der katholischen Soziallehre heute“ dar. Dabei verwies er darauf, daß es hilfreich sein kann, für die Ortsbestimmung der Katho-lischen Soziallehre in der Gegenwart auch auf ihre Anfänge zu schauen, um den eingetretenen Wandel besser zu verstehen. Grundsätzlich jedoch ist zu bedenken, daß die Katholische Soziallehre in der eigentümlichen Spannung steht, daß sie einerseits mit dem Anspruch einer Lehre auftritt und andererseits eine Größe als Bezugspunkt hat, die – gerade in heutiger Zeit – stets einem Wandel unterworfen ist, nämlich das Soziale. Aus der Tatsache, daß es der Kirche unmöglich ist, eine Gesellschaft, die sich unter den Vorzeichen des liberalen und demokratischen Verfassungsstaates und der Industrialisierung in Veränderung befindet, abzubil-den, ist der Eindruck einer Ortslosigkeit der Kirche in Staat und Gesellschaft entstanden, der es ermöglichte, sie politisch und gesellschaftlich an den Rand zu drängen. Jedoch erkämpfte sich im 19. Jahrhundert die Kirche ihre gesellschaft-lichen Freiheiten unter den Bedingungen des demokratischen Verfassungsstaates neu. Die katholischen Vereine und Verbände spielen eine entscheidende Rolle in diesem Emanzipationsprozeß.

Hinsichtlich des Umgangs mit den sozialen Herausforderungen erfolgte mit Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler der Übergang von karitativer Hilfe zur Sozialpolitik. Leiten ließ sich die Katholische Soziallehre, die sich in diesem Zusammenhang bewußt als Lehre und nicht bloß als Sozialethik verstand, von übergeordneten Grundsätzen, die vor allem das Menschenbild und die aus ihm hervorgehenden Gestaltungsprinzipien betreffen, verbunden mit der praktischen Sozialarbeit der Kirche. Vor diesem Hintergrund ist es auch für die Gegenwart eine erste Herausforderung, die strukturelle Situation der Soziallehre mit ihrem eigenen Wahrheitsanspruch herauszuarbeiten.

Fragt man nach den Herausforderungen für die Katholische Soziallehre, so ist mit Kardinal Lehmann festzuhalten, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen im Auge zu behalten sind, ohne die der Mensch, um den es der Kir-che im Letzten immer geht, nicht zu denken ist. Den Ausgangspunkt der Katho-lischen Soziallehre bilden daher nicht theoretische Interessen, sondern in aller Regel Problemsituationen. In der Auseinandersetzung mit der Industrialisierung sowie den Ideologien des Sozialismus und des Liberalismus mußte vor allem die Frage geklärt werden: Was ist der Mensch? Diese Frage ist auch deshalb so ent-scheidend, weil hiervon wiederum entscheidend die Verhältnisbestimmung von Einzelnem und Gesellschaft abhängt. Auch gegenwärtig steht die Katholische Soziallehre vor großen, neuen Herausforderungen, von denen Kardinal Lehmann folgende benannte: Massenarbeitslosigkeit, Erhaltung des Sozialstaates, Ehe und Familie, Politik und Staat, Begegnung von Religionen und Kulturen, Sicherung des Menschenbildes. Konkrete Aufgabenfelder, die sich damit derzeit für die Katholische Soziallehre ergeben, sind folgende: 1. Die Herausforderungen der Gesellschaft müssen aufgegriffen werden. Neben Grundsatzerörterungen sind konkrete Themen wie die Alters-, Kranken- und Pflegeversicherung oder die Arbeitslosigkeit von der Katholischen Soziallehre zu thematisieren. 2. Dazu ist es notwendig, die wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz der Katholischen Soziallehre zu stärken. 3. Es muß für das christliche Menschenbild eingetreten werden, damit die Menschenwürde richtig verstanden wird. 4. Der naturrechtli-che Ansatz ist unentbehrlich, weil nur der Rückgriff auf das Wesen des Men-schen Orientierung in einer Zeit zunehmend pluraler Ansätze zu geben vermag.

Bei all diesen Einzelthemen ist es nach Kardinal Lehmann wichtig, hinsichtlich des Selbstverständnisses der Katholischen Soziallehre auf eine wesentliche Wei-chenstellung für ihre Zukunft zu achten: Der Versuch „Katholische Soziallehre“ nunmehr als „christliche Sozialethik“ zu verstehen, führt nur zu einer halben Wahrheit. Auch wenn die Gesellschaft von Individualisierung und Pluralisierung geprägt ist, darf dies nicht zur Aufgabe gemeinsamer, übergreifender und univer-saler Werte, Einsichten und Ziele führen, wie sie die Katholische Soziallehre vertritt.

Dr. Alexander Saberschinsky ist Dozent für Christliche Gesellschaftslehre und Studienleiter am überdiözesanen Priesterseminar „Studienhaus St. Lambert“, Lantershofen, sowie Leiter der Bibliothek des Deutschen Liturgischen Instituts, Trier.

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