Jahrgang 57
Nr. 5/2003 Oktober
DIE NEUE ORDNUNG

Besprechungen

Bilanz des Scheiterns

Guido Westerwelle hat das rot-grüne Kabinett in Berlin als die „wahrschein-lich schlechteste Regierung der Nach-kriegszeit“ bezeichnet. Ausnahmsweise muß man dem liberalen Parteichef bei-pflichten. Daß dieser Vorwurf nicht nur parteipolitischer Polemik oder Ressen-timents gegenüber den gelegentlich unerträglich arrogant auftretenden Herren Schröder und Fischer geschuldet ist, belegt die 400-seitige Studie des erst 32-jährigen Rostocker Politikwissenschaft-lers Hans Jörg Hennecke:

Hans Jörg Hennecke: Die dritte Re-publik. Aufbruch und Ernüchterung. Propyläen Verlag, Berlin 2003. 401 S.

Der Autor ist bereits mit einer preisge-krönten Dissertation über den liberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek hervorgetreten. Der Einfluß von Hayeks auf das Denken des jungen Wissen-schaftlers wird vor allem in den Passa-gen des vorliegenden Buches deutlich, in denen die rot-grüne Finanz- und Wirt-schaftspolitik seziert wird. Aber auch der Einfluß von Henneckes akademi-schem Lehrer Hans-Peter Schwarz ist unverkennbar: Hierfür spricht der bis-weilen brillante, unsentimentale und zupackende Stil. Es ist nicht unbedingt üblich, daß ein so junger Autor Mut zur eigenen Meinung und zum Verzicht auf ärgerliches Akademikervokabular an den Tag legt.

Eine sehr gut lesbare Prosa wird dabei von wissenschaftlicher Gründlichkeit und Solidität ergänzt. Bei der Lektüre wird klar, daß die von Gerhard Schrö-der geführte Bundesregierung anfangs schwer ins Straucheln geriet und erst im Sommer 2000 mit einem ersten „Kanz-lerhoch“ rechnen konnte. Zuvor hatte das Kabinett Schröder/Lafontaine be-denklich zwischen „Cashmere und Key-nes“ (S. 70 ff.) changiert. Die wegen des Überdrusses an Helmut Kohl im Jahr 1998 ins Amt gespülte Regierung hatte zudem große Schwierigkeiten, auf dem außenpolitischen Parkett Fuß zu fassen. Dank seiner „spontanen Intelligenz“ gelang es Schröder – unter tätiger Bei-hilfe einer von der Kette gelassenen und ressentiment- und haßerfüllten Journail-le –, den Alt-Kanzler ins moralische Abseits zu rücken. Man vergißt es leicht: Vor dem CDU-Spendenskandal fuhr die Union Wahlsieg auf Wahlsieg ein, und manchen beschlichen nostalgische Ge-fühle bezüglich Kohl, den man gern wieder im Kanzleramt gesehen hätte.

Im Gefolge des Spendenskandals, der für eine massive Kriminalisierung des „Einheitskanzlers“ und eine moralische Stigmatisierung der gesamten Union mißbraucht wurde, gelang Schröder der „Durchbruch zur Kanzlerdemokratie“ (S. 178 ff.). In dem Kapitel mit dem sprechenden Titel „Wir Anständigen: Kämpfe um die kulturelle Hegemonie“ (S. 203-222) zeigt Hennecke, daß die nicht durch intellektuelle Brillanz auffäl-lig gewordene Bundesregierung zumin-dest bei Antonio Gramsci in die Schule gegangen ist: Schröder und Co. nutzten die moralische Schwächung der CDU gnadenlos aus und eroberten (Stichworte sind „Leitkulturdebatte“, Österreich-Boykott, Fischers „Straßenkämpferver-gangenheit“) die kulturelle Hegemonie.

Gleichsam nebenbei und relativ ge-räuschlos bewerkstelligte die Bundesre-gierung eine Militarisierung der deut-schen Außenpolitik, die man den mitt-lerweile ergrauten Alt-„68-ern“, ehema-ligen Steinewerfern und Terroristenan-wälten nicht unbedingt zugetraut hätte. Dies funktionierte nur, weil den „Grü-nen“ beizeiten das moralische und pazi-fistische Rückgrat gebrochen worden war und sich die Partei Fischers wie „Knetmasse ... den Richtlinien des Kanzlers zu fügen“ (S. 193) schien. Die Wähler der „neuen Mitte“ haben den schamlosen Opportunismus allerdings klaglos akzeptiert und rasch vergessen, daß sie „sich 1998 von Rot-Grün einen friedenspolitischen Paradigmenwechsel erhofft hatten“. (S. 293)

Henneckes Bilanz der ersten Legislatur-periode rot-grüner Regierungsherrlich-keit fällt vernichtend aus. Der dringend notwendige Kurswechsel in der Finanz- und Wirtschaftspolitik ist – trotz einer kurzen Phase, in der Hans Eichel den „eisernen Sparhans“ (medial) zu vermit-teln wußte – nicht gelungen. Adenauer war der „Gründungskanzler“ (Hans-Peter Schwarz) der „zweiten Republik“. Nach Ansicht von Hennecke hat Schrö-der diese Chance für die „dritte Repu-blik“ vertan: „Mit seiner inhaltlichen Unverbindlichkeit vergab sich Schröder die Chance, dem Land seinen Stempel aufzuprägen und als kraftvoller Moder-nisierer und ausdauernder Reformer zur Gründungsfigur der dritten Republik zu werden.“ (S. 332)

Und für den Bereich der Außenpolitik läßt sich bestenfalls Konzeptionslosig-keit konstatieren. Es ist atemberaubend, mit welcher Chuzpe diese Bundesregie-rung während der Irak-Krise die „atlan-tische Staatsräson der Bundesrepublik“ (S. 341) aufs Spiel setzte. Um eine in weiten Teilen katastrophale Bilanz der Regierung Schröder abzurunden, wäre noch einiges zum zweifelhaften morali-schen Gebaren der Protagonisten in Berlin zu sagen. Doch Hennecke hält es hier wahrscheinlich mit dem konservativen Publizisten Rüdiger Altmann, der in anderem Zusammenhang gesagt hat: „Ver-sagen wir uns die moralischen Elegien. Über Moral sprechen, heißt seit je, ihren Zerfall beklagen.“

Ansgar Lange

Das Gewissen

Die Berufung des Menschen auf sein Gewissen stellt ein Urphänomen dar, dem sich der einzelne nicht entziehen kann. Insofern ist es nicht verwunder-lich, daß der Gewissenslehre innerhalb der Moraltheologie eine Schlüsselpositi-on zukommt, die besonders für ihre speziellen Ausführungen von entschei-dender Bedeutung sind. Mit dem vorlie-genden Band legt der in Freiburg i. Br. lehrende Moraltheologe eine überarbei-tete Fassung seines im Jahr 1990 er-schienenen Buches „Das umstrittene Gewissen“ vor, das er damals „unter dem Eindruck eines innerkirchlichen Streits über die letztinstanzliche Verbindlich-keit der persönlichen Gewissensent-scheidung des Einzelnen“ (6) verfaßt hat. Besonders der seit einigen Jahrzehn-ten in der Moraltheologie vielfach ver-wandte Begriff des „schöpferischen Gewissens“ hat den Verf. angespornt, dieser Bezeichnung nachzugehen und zu versuchen, diese konkreter zu definie-ren.

Eberhard Schockenhoff: Wie gewiß ist das Gewissen? Eine ethische Ori-entierung. Verlag Herder, Freiburg/ Br. 2003, 245 S.

In einem ersten Kapitel geht der Verf. auf die Verwendung des Begriffs Ge-wissen in Geschichte und Gegenwart ein. Hierbei kommen sowohl Schwie-rigkeiten der Gewissensdefinition zur Sprache als auch zahlreiche Möglichkei-ten der Gewissensmanipulation. Wäh-rend das Gewissen über Jahrhunderte in einer sehr engen Verknüpfung zum Glauben gestanden hat, ist es ein Phä-nomen der Neuzeit geworden, das Ge-wissen aus dieser engen Bindung zu lösen. Von nun an ist das Gewissen auf sich selbst gestellt, wobei dies nicht nur die Freiheit zum religiösen Glauben beinhaltet, sondern auch vom Glauben. Die Gewissensfreiheit wurde schließlich zum harten Kern der Menschenrechte gerechnet, die freilich nicht selten zu Konflikten gegenüber dem Staat geführt hat (z. B. das Asylrecht).

Indem der Soziologe Niklas Luhmann von der Wahrheitsbindung des Gewis-sens gänzlich absieht und dieses als eigenständigen Regelkreis ansieht, der neben Recht und Moral fungiert, funkti-onalisiert er dieses. Die Idee eines mora-lischen Sollens entpuppt sich bei Luh-mann als Leerformel. Indem das Gewis-sen somit nicht mehr als Unterschei-dungsinstanz von gut und böse angese-hen wird, verliert es seinen spezifischen Charakter.

Beispielhaft greift der Verf. die Themen Kriegsdienstverweigerung und Abtrei-bung auf, um die Problematik der Ge-wissensentscheidung zu verdeutlichen. Hierbei läßt er keinen Zweifel daran, daß Abtreibung keine Gewissensfrage sein kann: „Da auf der Seite des wehrlo-sen Kindes keine abwägungsfähigen Interessen auf dem Spiel stehen, sondern ein schlechthin fundamentales Gut, nämlich das Leben selbst bedroht ist, muß die individuelle Gewissensfreiheit der Eltern am Lebensrecht ihres Kindes eine Grenze finden.“(54) Diese Grenze wird in demokratischen Gesellschaften nur zu leicht übersehen, da hier die Tendenz besteht, die Maßstäbe von gut und böse zweideutig erscheinen zu lassen.

Ausführlich kommt der Verf. auf die biblischen Ausführungen zum Gewissen zu sprechen, wobei er besonders das „Vermächtnis des Paulus“ aufgreift, bei dem sich erstmals eine spezifische Ge-wissensfunktion herauskristallisiert. In vorbildlicher Form werden die Gewis-sensdeutungen bei Augustinus, Thomas von Aquin und John Henry Newman vorgestellt und gedeutet. Während für Augustinus die Worte „im Innern“ und „vor Gott“ vollständig ineinanderfallen, geht Thomas von Aquin von der „natür-lichen Anlage“ im Menschen aus, die der Grund für sein ursprüngliches Wis-sen um gut und böse ist. Gleichwohl ist dasjenige, was uns zu unserem Lebens-ziel führt, nicht von Natur aus vorgege-ben, sondern durch die menschliche Vernunft zu erkunden. Bei Thomas erscheint das Gewissen als eine innere Dimension der praktischen Vernunft. Wenngleich das (unüberwindbar) irren-de Gewissen seine Würde behält, so weigert sich Thomas, „den Gewissens-irrtum als einen definitiven Zustand zu betrachten, in dem der in ihm Gefangene nur passiv verharren kann.“(118) Zu Recht resümiert der Verf., daß für Tho-mas die Gewissensentscheidung des einzelnen immer dem Anspruch der ge-meinsamen Wahrheit untersteht.(120) Die Position des Thomas läßt sich nur halten, „wenn es objektive Gesichts-punkte gibt, die gegenüber dem Subjek-tivitätsstandpunkt des Einzelnen auch dann ihre Geltung bewahren, wenn dieser ihre Berechtigung nicht einzusehen vermag ...“ (119)

Von besonderem Interesse dürften die Ausführungen zu John Henry Newman sein, da der bedeutende Konvertit häufig bei der Berufung auf das Gewissen als Kronzeuge herangezogen wird. In allen Phasen seiner intellektuellen Entwick-lung hat sich Newman mit dem Gewis-sen beschäftigt, zumal er in seinen Schriften die bedeutsame Unterschei-dung von moral sense und sense of duty vornimmt: „Es [das Gewissen] ist ein Sinn für das Sittliche und ein Sinn für Pflicht; ein Urteil der Vernunft und ein herrischer Befehl ... So hat das Gewis-sen sowohl ein kritisches als auch ein richterliches Amt.“(125) Indem das Gewissen einerseits als ein inneres Gespür für das sittlich Richtige und Falsche verstanden wird (moral sense), so ist es andererseits das „schöpferische Prinzip der Religion“ (sense of duty).(130) Schöpferisch ist das Gewissen nach Newman deshalb, weil die Gewissenser-fahrung im menschlichen Geist eine Ansprechbarkeit des Menschen bewirkt, „durch die sich ihm die objektive Wahr-heit seiner in der Gewissenströstung erfahrenen existentiellen Gewißheit Gottes bezeugt.“(132) Newman will somit nicht die Geltung sittlicher Forderungen durch einen von außen kommenden göttlichen Verpflichtungswillen begrün-den, sondern er leitet aus der selbstevi-denten Gewissensverpflichtung – in der das Bild Gottes enthalten ist – die Exis-tenz Gottes ab.

Von Interesse dürften ebenfalls die Ausführungen des Verf. zum II. Vatikani-schen Konzil sein. Der Verf. weist zu-nächst auf die tiefgreifenden Identitäts- und Glaubenskrisen unserer Zeit hin, die sich besonderes seit dem letzten Konzil kontinuierlich gesteigert haben. Ein Anzeichen für diese Unsicherheit sieht der Verf. in dem „oft nur mühsam verschleierten Kompromißcharakter“ nicht weni-ger Konzilstexte, die eine eindeutige Interpretation nicht immer gewährleis-ten. In den Ausführungen zum Gewissen stehen bisweilen „aufgelockerten scho-lastischen Überlieferungen“ auf der einen Seite moderne Gewissenstheorien auf der anderen gegenüber (J. Ratzin-ger). Nicht selten – so der Verf. – wurde der vom Konzil geforderte Dialog zwi-schen Kirche und Welt immer häufiger in eine innerkirchliche Auseinanderset-zung umgewandelt, die zu einer Selbst-blockade der Theologie geführt hat. (173)

Zu Recht würdigt der Verf. die Enzykli-ka „Veritatis splendor“, zumal er be-merkt, daß im deutschsprachigen Raum die negativen Reaktionen auf dieses Schreiben die positiven bei weitem überwogen haben.(174) Indem das kirchliche Lehramt die nach dem Konzil durch manche Theologen propagierte Rede vom Gewissen als „schöpferi-scher“ Instanz ablehnt, nimmt es eine wichtige Präzisierung dieser Bezeich-nung vor: „Während diese [die Enzykli-ka] den schöpferischen Charakter des Gewissensurteils im Allgemeinen aber darin sieht, daß die Beurteilung einer konkreten Situation im Licht morali-scher Prinzipien und Normen einer Eigenleistung des Gewissens entspringt, die mehr als einen bloßen Subsumtionsakt darstellt, geht es der Enzyklika um den Aufweis, daß das Gewissen die Prinzipien, Werte und Normen, in deren Licht es einzelne Handlungssituationen beurteilt, nicht selbst hervorbringt, son-dern diese als ihm vorgegebene sittliche Wahrheit voraussetzen muß. Der An-spruch der sittlichen Wahrheit kann nicht nochmals auf eine schöpferische Selbstsetzung des Gewissens zurückge-hen und wird insofern auch nicht durch dessen augenblickliche Fassungskraft begrenzt.“(178)

In einem letzten Kapitel verdeutlicht der Verf. die enge Verbindung des Gewis-sens mit der Wahrheit und Freiheit. Wahrheit ist nicht ein monolithischer Block, den wir einfach besitzen oder auch nicht, sondern personale Wahrheit bleibt in gewisser Weise unabgeschlos-sen: „In allem was wir tun oder unterlas-sen, bringen wir entweder ein Stück der Wahrheit unseres Lebens hervor und bewahren so die Souveränität über die eigene Lebensgeschichte, oder wir ver-dunkeln unsere ursprüngliche Lebens-wahl und bereiten ihren fortschreitenden Zerfall vor.“(199) Da das Gewissen – in inhaltlicher Seite – ein irrendes sein kann, ist es unsere Pflicht, alles Erdenk-liche zu tun, um diesen Irrtum zu besei-tigen. Thomas von Aquin war der Auf-fassung, „daß es so etwas wie ein dauer-haft irrendes Gewissen überhaupt nicht geben könne.“(207)

Die in unserer Gesellschaft – so der Verf. – häufig im Zusammenhang mit dem Lebensschutz und der Reprodukti-onsmedizin aufbrechenden Gewissens-konflikte entstehen „aufgrund der man-gelnden Bereitschaft, moralische Schranken im Verfolgen der eigenen Lebenspläne anzuerkennen.“(209) Im Unterschied hierzu gibt es zahlreiche „echte“ Gewissensfälle, die der einzelne zu beantworten hat (z. B. bis zu wel-chem Punkt kann ich Zurückweisung und Mißachtung im Beruf ertragen bzw. ab wann muß ich mich dagegen zur Wehr setzen?).

Die Verantwortung des Menschen er-schöpft sich keinesfalls vor seinem Gewissen, sondern in gleichem Maße für sein Gewissen und die Wertmaßstäbe. Wird dieser zweite Aspekt nicht hinrei-chend beachtet, gerät die Rede vom „schöpferischen“ und „autonomen“ Gewissen nur zu leicht auf eine schiefe Bahn, da nun das „reife“, „eigenverant-wortliche“ Gewissen vor allem durch die Fähigkeit charakterisiert wird, „für sich selbst Ausnahmen zu erkennen, wo andere sich schlicht an das Gebotene halten“. (215)

Bezogen auf innerkirchliche Auseinan-dersetzungen (Gewissenskonflikte) gibt der Verf. zu bedenken, daß der religiöse Gehorsam in der Kirche nicht nur eine allgemeine Wahrheitsvermutung zu-gunsten der vom Lehramt vorgetragenen Position beinhaltet, sondern auch die existentielle Bereitschaft, sich in dem Vertrauen darauf einzulassen. (233)

Dem Verf. ist es in vorbildlicher Weise gelungen, die moraltheologische Tradi-tion des Gewissenstraktates in die heuti-ge Zeit zu übersetzen. Indem der Verf. historische Wegmarken anhand namhaf-ter Autoren vorstellt und in den Gesamt-kontext integriert, kann er schließlich einen systematischen Abriß zum Gewis-sen dem Leser anbieten, in dem in sou-veräner Art und Weise strittige Punkte aufgegriffen und erläutert werden.

In treffender Weise hat der Verf. seine Schrift mit dem Untertitel „Eine ethi-sche Orientierung“ versehen. Diesem Anspruch wird der vorliegende Band voll gerecht, weswegen man ihm eine weite Verbreitung wünschen darf.

Clemens Breuer

Liturgiereform

Eine Reaktion auf die Folgen der Litur-giereform nach dem II. Vaticanum ist der Wunsch mancher Katholiken, wieder im alten tridentinischen Ritus Gottes-dienste zu feiern. Der Papst hat dies mit dem Apostolischen Schreiben Ecclesia dei vom Juli 1988 zugestanden, und inzwischen ist die vorkonziliare römische Liturgie wieder in vielen Diözesen an ausgewählten Orten zugelassen. Die Feier dieses Ritus erfordert die Geneh-migung des Ortsbischofs, die meist nur widerstrebend erteilt wird.

Bei den Gläubigen, die diesen Ritus bevorzugen, egal ob sie ihn noch in ihrer Kindheit erlebten oder ihn erst später kennengelernt haben, lassen sich im wesentlichen zwei Motive unterschei-den: Die einen haben grundsätzliche Probleme mit dem neuen Ritus. Sie empfinden ihn als Bruch in der Überlie-ferung; statt in der Praxis gewachsen, an Schreibtischen entworfen und durch eine kirchliche Bürokratie durchgesetzt. Andere fühlen sich von der Art und Weise abgestoßen, wie der neue Ritus vieler-orts gefeiert wird, können seine Belie-bigkeit, wie auch die Verdrängung der liturgischen Sprachen und der Gregoria-nik aus der Liturgie nicht akzeptieren. Martin Mosebach läßt beide Motive erkennen. Der Titel seines Buches

Martin Mosebach, Häresie der Form-losigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind. Karolinger Verlag, Wien 2002, 157 S. 15.- €.

läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und erinnert an die prägnanten Formulierungen von Carl Schmitt. Die Texte des Buches sind dennoch keine juristischen oder scholastischen Überle-gungen. Mosebach erhebt auch nicht „den Anspruch theologischer Deutung, es ist die Betrachtung Christi und seiner Werke aus einer bestimmten Lebenser-fahrung heraus“. Neben der inhaltlichen Argumentation macht vor allem die Form, die Sprache, das Buch zu einem Lesegenuß – denn Martin Mosebach ist Schriftsteller. Der Inhalt der meist schon andernorts publizierten Texte ist die katholische Liturgie, deren Reform nach dem II. Vaticanum in Anspruch und Wirklichkeit für ihn weit hinter dem vorkonziliaren Ritus zurückbleibt. „Wir haben mit sprachlosem Entsetzen gese-hen, daß die oberste katholische Autori-tät die ganze Macht, die ihrem Amt in Jahrtausenden zugewachsen ist, dazu verwandt hat, die Gestalt der Kirche, die Liturgie auszulöschen und etwas anderes an ihre Stelle zu setzen.“

Zweifellos empfiehlt sich der Frankfur-ter Schriftsteller mit solchen Sätzen nicht als Vortragsredner in Katholischen Akademien oder auf Priesterkonferen-zen. Dennoch könnten seine Betrach-tungen näher an Romano Guardinis „Geist der Liturgie“ liegen als manche Priester oder Laien, die sich im ver-meintlichen „Geiste des Konzils“ um die „Verständlichkeit“ ihrer Gottesdienste sorgen und deshalb die Liturgie mit belehrenden und unterhaltenden Elementen verunstalten. Die Lektüre von Guardinis Schriften und ihr Vergleich mit der heutigen liturgischen Praxis legt nahe, daß die Anliegen der Liturgiebe-wegung der ersten Hälfte des 20. Jahr-hunderts nur bedingt Früchte getragen haben. Guardinis Anliegen liturgischer Bildung dürfte inzwischen noch drin-gender sein als zu seiner Zeit; doch „die Aussichten auf ein liturgisches Christen-tum sind schlecht. Das Zukunftsmodell der christlichen Religion scheint, von heute aus betrachtet, die nordamerikani-sche Sekte zu sein, das schrecklichste Gesicht, das die Religion auf der Welt angenommen hat.“

Mosebach lehnt die Liturgiereform prinzipiell ab und bezeichnet sie als Iko-noklasmus. Er beruft sich auf Basilius den Großen, der die Liturgie wie die Heilige Schrift als Offenbarung verstand, die deshalb nicht angetastet wer-den dürften. Zwar habe sich die Liturgie im Laufe der Jahrhunderte verändert und weiter entwickelt, doch „diese Änderun-gen geschahen organisch, unbewußt, unbeabsichtigt, ohne theologisches Kon-zept, sie wuchsen aus der kultischen Praxis hervor, wie sich eine Landschaft durch Wind und Wasser in Jahrtausen-den umformt“. Die Liturgiereform habe dagegen zu einer „grundsätzlichen Be-schädigung der Brücke des Menschen zu Gott“ geführt. Sprachlicher und musika-lischer Kitsch, der Kitsch in Malerei und Architektur hätten das Erscheinungsbild der öffentlichen Akte der Kirche voll-kommen überflutet. „Das Modell der neuen Liturgie ist der Vorstandstisch bei einer Partei- oder Vereinsversammlung mit Mikrophon und Papieren, links steht eine Ikebana-Schale ...“

Der Autor verfolgt mit der Publikation seiner Texte kein missionarisches An-liegen; entstanden ist vielmehr ein Buch der Trauer und des Verlustes. Vermut-lich empfindet eine nennenswerte Min-derheit der Katholiken heute diesen Verlust ähnlich; viele werden ihn nicht artikulieren, einige bleiben ganz weg. Man-che der im kirchennahen Bereich Täti-gen lesen dieses „Kultbuch“ (Christian Geyer am 19. April in der FAZ) „heim-lich“, stimmen dem Autor zu oder schüt-teln über „diesen Unsinn“ den Kopf. Einen offenen Dialog über diese The-men gibt es in der katholischen Kirche zur Zeit nicht: „Es scheint so, als lebten in der Kirche inzwischen zwei verschie-dene Menschentypen, die sich nicht mehr miteinander verständigen können, auch wenn beide guten Willens wären.“

Die Einwände der Reformer gegen seine Position kennt und nennt der Autor. Zum Beispiel den Vorwurf des Ästheti-zismus, der den Liebhabern feierlicher Messen oder den Kritikern mancher Exponate moderner Kunst in Kirchen ent-gegengehalten wird. An vielen Stellen geht er auf diese Einwände ein und versucht sie zu entkräften, freilich ohne Hoffnung, etwas zu bewirken. Resig-niert bezeichnet er sich deshalb als „Steinzeitmenschen“, dem es nicht gelinge, intellektuelle Einsichten mit „tief im Physischen wurzelnden Grundüber-zeugungen in Übereinstimmung zu bringen“.

Was erwartet nun dieser Steinzeit-mensch, wenn er eine Kirche zum Got-tesdienst betritt? „Ich will in der Heili-gen Messe das Glück eines Mannes aus dem neuen Testament finden, der am Wegrand sitzt und Christus vorüberge-hen sieht.“ Ob diese Glückserfahrung ausschließlich im alten oder im neuen Ritus möglich ist oder in beiden, mag jeder anhand seiner Erfahrungen selbst beurteilen; daß sie ein Erkennungsmerkmal einer tatsächlichen „göttlichen Li-turgie“ ist, muß dem Autor zugestanden werden.

Henry Krause

Kardinal Lehmann

„Der Kardinal“, so heißt der anspruchs-volle Titel eines Buches über Kardinal Karl Lehmann. Geschrieben hat es der gelernte Historiker und kritische FAZ-Redakteur Daniel Deckers (DD). Es ist ein aufgeregtes und hektisch geschrie-benes Werk:

Daniel Deckers, Der Kardinal. Karl Lehmann – Eine Biographie, Pattloch Verlag München 2002, 384 S., 19.90 €.

Dem Verf. fehlt die kritische Distanz zu seinem Objekt. Überraschend sind die zahlreichen Details aus dem Leben des alemannischen Schwaben Lehmann. Der Autor hat sie in zahlreichen Gesprächen mit dem Mainzer Bischof, mit Theolo-gen in Rom und anderswo in der Welt, mit Verwandten, Freunden und den Mitarbeitern des Mainzers gesammelt. In sechs Kapiteln wird die Lebensgeschich-te Lehmanns geschildert: der Schüler, der Student, der „gemeinsame Weg“ mit Karl Rahner, der Professor, der Bischof, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Kardinal. In den beiden ersten Kapi-teln werden schon die hohe Begabung und der Fleiß des jungen Lehmann ge-rühmt. Die Lobpreisung steigert sich von Kapitel zu Kapitel zu hymnischen Dimensionen. Karl Lehmann ist der Größte, der Gelehrteste, der unermüdli-che Arbeiter in der Bischofskonferenz. Zweifellos, der Rahnerschüler ist hoch begabt und überaus fleißig, aber er ist es nicht allein. Andere Bischöfe sind es auch.

Die Einflüsse des Innsbrucker Jesuiten Karl Rahner, seine Kirchenkritik und seine Skepsis gegenüber Rom, seine Beurteilung des Zweiten Vatikanischen Konzils finden sich im Denken Leh-manns wieder. Eine vorsichtige Abnabe-lung von Rahner begann im März 1970. Was war passiert? Karl Rahner war zum ersten Träger des neu geschaffenen Romano-Guardini-Preises bestimmt wor-den. Schon vor der Verleihung des Prei-ses kam es zu einer Verstimmung zwi-schen Rahner und dem Münchener Kardinal Julius Döpfner. Anlaß waren eini-ge forsche Einlassungen des Jesuiten. Nun sollte Rahner anläßlich der Preis-verleihung einen Festvortrag halten. Es kam zum Eklat. Rahner explodierte. Der Grund: Die deutschen Bischöfe hatten ein vertrauliches „Memorandum zur Zölibatsdiskussion“ von zwölf Beratern der „Kommission für Fragen der Glaubens- und Sittenlehre der Deutschen Bischofs-konferenz“, verfaßt von Rahner und Lehmann, kommentarlos zur Kenntnis genommen. Die „institutionalisierte Mentalität“ der Bischöfe bezeichnete er als „feudalistisch, unhöflich und pater-nalistisch“. Die anwesenden Kardinäle, Bischöfe und zahlreiche Gäste waren entsetzt. Dieses Ereignis war für Leh-mann einschneidend. Ihm wurde be-wußt, daß das Verhalten seines theologi-schen Lehrers Rahner für ihn nicht in Frage käme. „Provozierende Formulie-rungen, peinliche Bloßstellung, Skanda-lisierung, all die medienwirksamen Instrumente öffentlicher Inszenierung von Konflikten und Kontroversen“ lehnte Lehmann ab.

Die letzten drei Kapitel des Buches behandeln theologische und kirchenpoli-tische Probleme der letzten vierzig Jah-re. Die Arbeiten der Würzburger Syno-de, die gesetzliche Konfliktberatung, „Donum vitae“, Bioethik. Immer kämpft Lehmann an vorderster Front. Er scheut sich auch nicht, den Bundespräsidenten Johannes Rau zurechtzuweisen in der Frage des gemeinsamen Abendmahls.

Lehmann ist nach dem unausgesproche-nen Urteil des Verf. unter den deutschen Bischöfen der Größte, der Gelehrteste, der Fleißigste. Das Buch ist eine Hagio-graphie. Peinlich sind die zahlreichen vertraulichen, fast intimen Anmerkun-gen. Der Verf. kann sie nur von dem Mainzer Bischof selbst erhalten haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der deutsche Katholizismus hervorragende Vorsitzende der Bischofskonferenz, die Kardinäle Frings, Döpfner und Höffner. Ob Lehmann deren Format erreicht, bleibt abzuwarten.

Heinrich Basilius Streithofen

Otto von Habsburg

Tu felix Austria – dieser Ausruf ist wohl manchem im rot-grünem „Reich“ (wie die deutsche Bundesrepublik bei man-chen Altösterreichern immer noch mit leichtem Sarkasmus genannt wird) am Abend des Christkönigssonntags 2002 mit dem grandiosen Wahlergebnis Wolf-gang Schüssels und seiner ÖVP über die Lippen gegangen. Aber schon wenige Tage zuvor gab es ein nicht minder glanzvolles Ereignis im Wiener Ste-phansdom und der Hofburg zu feiern: den 90. Geburtstag des Kaisersohns und langjährigen Abgeordneten des Straß-burger Europaparlamentes Otto von Habsburg am 20. November. Zu diesem Anlaß erschien die erste autorisierte und authentische Biographie aus der Feder von Habsburgs Mitarbeitern und Presse-sprechern Stephan Baier und Eva Dem-merle, die seine (pan-)europäischen Aktivitäten seit mehr als zwei Jahrzehn-ten begleiten:

Stephan Baier, Eva Demmerle: Otto von Habsburg. Die Biografie. Mit einem Vorwort von Walburga Habs-burg-Douglas, Amalthea Verlag, Wien 2002, 576 S.

William S. Schlamm, der legendäre jüdische Kolumnist, der zusammen mit Habsburg in den siebziger Jahren die gegenrevolutionäre „Zeitbühne“ heraus-gab, schrieb ihm in einem offenen Brief zum 65. Geburtstag: „Wären Sie das geworden, wozu Sie bestimmt waren, dann hätte das Abendland den bedeu-tendsten Kaiser seit Karl dem Großen erlebt. Weil aber 1918 das Abendland aus den Fugen geriet, hat heute Europa in Ihnen den einzigen privaten Staats-mann, dem es vertrauen kann“. Bei aller Nostalgie, die sich über Österreich hin-aus mit dem Namen Habsburgs verbin-det, ist dieses überschwängliche Urteil mehr als berechtigt, wenn man die Le-bensleistung Otto von Habsburgs im Exil vom Widerstand „gegen die braune Flut“ (S.85-185) mit unzähligen Hilfen für jüdische Flüchtlinge, bis zum Einsatz gegen den Weltkommunismus und – im Gefolge des Paneuropäers Graf Richard Coudenhove-Kalergi und in steter Be-wunderung für Charles de Gaulle – für ein freies und rechtstaatliches Europa als bayerischer CSU-Abgeordneter im Europaparlament, das er in fast Wehner-scher Weise ernst genommen und ge-prägt hat (S.374-532), berücksichtigt und zu würdigen versucht. Anfeindun-gen aus bestimmten Zirkeln, zumal aus seiner Heimat Österreich, die ihm lange die Einreise verweigerte, blieben nicht aus. Habsburg konnte auch selbst gründ-liche Kritik austeilen – etwa an Willy Brandts Ostpolitik mit der Ignorierung der berechtigten Forderungen der Hei-matvertriebenen oder an russisch-sowjetischen Politikern wie Michael Gor-batschow, Eduard Schewardnadse und zuletzt Wladimir Putin, deren gewaltsa-me und totalitäre Politik er gegen jede „political correctness“ anprangert. Der ihm öfter vorgehaltene Zeitbühne-Artikel „Zeitgerechte Abwehr“ aus dem Jahr 1978 zur Atombombendrohung durch Terroristen hat inzwischen eine erschreckende Aktualität gewonnen.

Der Name dieses unermüdlichen Parla-mentariers (von 1978 bis Sommer 1999, als ihn eine gesundheitliche Krise er-faßt) mit vier Pässen (deutsch, österrei-chisch, ungarisch, kroatisch – natürlich beherrscht er auch die entsprechenden Sprachen perfekt) ist schon für sich ein Mythos, aber einer mit Substanz, mit Fleisch und Blut, der sich wie ein Ari-adne-Faden durch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zieht. Dies kann in der nun vorliegenden liebevol-len und historisch ergiebigen Biografie, in der auch viele anekdotische, aber bezeichnende Einzelheiten enthalten sind, nachstudiert werden. Der 19. Au-gust 1989 war dabei sicher ein Höhe-punkt in diesem langen Leben: Bei einem Paneuropa-Picknick im ungari-schen Sopron, für das Habsburg die Schirmherrschaft übernommen hatte, öffnete sich erstmals der eiserne Vor-hang mit den bekannten Folgen. Vor allem jüngeren, an Politik und Geschich-te interessierten Leserinnen und Lesern, denen an einer durch christliche Werte inspirierten Politik gelegen ist (Habs-burg selbst ist außer von seinen tief-frommen Eltern geistlich vor allem von den Päpsten, dem Opus Dei und den Legionären Christi, denen sich ein Mit-glied seiner Familie als Priester ange-schlossen hat, geprägt), ist das Buch sehr zu empfehlen. Es eignet sich auch gut als Geschenkgabe.

Stefan Hartmann

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