Jahrgang 53
Nr. 5/1999 Oktober
DIE NEUE ORDNUNG


Arthur F. Utz

Variationen des Modernismus



Der Name "Modernismus" stammt an sich aus der Zeit Pius IX. Damals ging es um die Übernahme der historisch-kritischen Methode in die Bibelerklärung. Das Phänomen, das mit diesem Namen bezeichnet wurde, gibt es aber analog auch auf anderen Gebieten der Theologie. Im Grund handelt es sich um die theologische Übernahme von Beurteilungsmaßstäben anderer Wissenschaften oder eventuell sogar Religionen. Die Namen Modernismus und Intregrismus bezeichnen die beiden extremen Stellungnahmen von Katholiken zur Frage, wieweit ein Katholik sich an die Umwelt anpassen und von ihr Elemente in das katholische Denken aufnehmen kann.

Im christlichen Altertum

Die Problematik ist uralt, sie hat bereits die ersten Christen beschäftigt. Die ersten Christen waren fromme Juden, die den Messias erwartet hatten. Für sie war es selbstverständlich, daß diejenigen, die sich ihnen zugesellen wollten, die alte jüdische Tradition übernahmen. Daß nun plötzlich auch Heiden ohne Übernahme der alten Riten in die christliche Kirche aufgenommen werden sollten, war für sie unbegreiflich. Diejenigen, die den Heiden Konzessionen machen wollten, waren geächtet. In der heutigen Begriffswelt waren sie Modernisten im Gegensatz zu den Judenchristen, die man der heutigen Nomenklatur nach als Integristen bezeichnen würde. Das Aposteldekret war eine Kompromißformel, wonach die Heidenchristen sich von den den Juden besonders anstößigen Dingen enthalten sollten, nämlich von der Teilnahme an den Götzenopfermahlzeiten, vom Genuß von Blut und Ersticktem, aber sonst von den jüdischen Riten, besonders der Beschneidung befreit waren.

In ihrer gesamten Missionsarbeit hat die Kirche sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, inwieweit die Neubekehrten ihre alten Bräuche in das Christentum mitbringen könnten. Die Kirche war hierin ziemlich großzügig. Sie hat keine totale Abschaffung verlangt, wenn es nicht um grundsätzliche Glaubensfragen ging, sondern hat, soweit wie möglich, die alten Bräuche übernommen und uminterpretiert. Und das dauerte manchmal ziemlich lang. Im heidnischen Rom war z.B. die Zeit vom 13. bis 23. Februar der Erinnerung an die verstorbenen Angehörigen geweiht. Bei der Feier wurden für die Toten Speisen und ein Stuhl (cathedra) bereitgestellt. Die Christengemeinde gedachte in dieser Zeit des Apostels Petrus, des Vaters der christlichen Gemeinde. Infolge der kirchlichen Ablehnung des Totenmahls im vierten Jahrhundert mußte man natürlich den Stuhl neu interpretieren. Man machte ihn zum Symbol des Bischofsstuhls, den Petrus innehatte. So heißt das Fest heute noch "Fest Kathedra Petri". Bemerkenswert ist, daß es damals nicht zum Streit zwischen Modernisten und Integristen kam.

Der Akkomodationsstreit im 17. und 18. Jahrhundert

Die im siebzehnten Jahrhundert durch die Missionstätigkeit der Jesuiten in China entstandene Frage, inwieweit sich die Kirche den heidnischen Riten öffnen dürfe, hat die Theologen über ein Jahrhundert hinaus im sogenannten Ritenstreit gespalten. Die Jesuiten duldeten, wenigstens vorläufig, die Verehrung des Weisen und Staatsmannes Konfuzius und der Ahnen als bürgerlich-politische Sitte. Man verwendete als Gottesnamen die chinesischen Bezeichnungen Tien (Himmel) und Schangti (höchster Herr, Kaiser), unterließ gewisse Zeremonien bei der Taufe und der letzten Ölung usw. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts meldete sich bei manchen Jesuiten Widerspruch. Dieser wurde verschärft durch die seit 1633 in China tätigen Missionare des Franziskaner- und des Dominikanerordens. Die Entscheidungen des Papstes Klemens XI. (1711, 1715) waren nicht dogmatischer, sondern disziplinärer Natur. Die Jesuiten hielten im allgemeinen in China wie auch in Indien an ihrer Praxis fest, bis Benedikt XIV. in der Bulle Ex quo singulari (1742) die endgültige Unterwerfung durchsetzte. Bis heute ist mit Sicherheit nicht zu entscheiden, wer als Modernist und wer als Integrist zu bezeichnen ist. Im Grund geht es um die Frage, ob der Konfuzianismus als echte Religion oder nur als naturalistische Lebensphilosophie zu gelten hat. Es scheint aber kein Zweifel darüber zu bestehen, daß die Dominanz der ethischen Lebensphilosophie und damit die Absage an den bisherigen synkretistischen Götterkult sich erst im 19. Jahrhundert vollzog.

Zur Zeit Pius‘ IX. und Pius‘ X.

In ganz anderer Weise hat der Modernismusstreit Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kirche aufgewühlt. Es handelt sich vor allem um zwei strittige Fragen, einmal um die politische Öffnung der katholischen Arbeitervereinigungen gegenüber einer Gewerkschaft auf allgemein christlicher Basis, somit auch unabhängig von der kirchlichen Leitung, und zweitens um die Anerkennung der historisch-kritischen Methode in der Bibelerklärung. Auch hier sind die Dominikaner involviert. Der ehemalige Redemptorist Otto Weiß, als Spezialist der deutschsprachigen Modernismus-Forschung hat eine sorgfältig gearbeitete historische Publikation vorgelegt:

Modernismus und Antimodernismus im Dominikanerorden, Zugleich ein Beitrag zum "Sodalitium Pianum", Pustet, Regensburg 1998.

Im Hinblick auf die akribische, bis in einzelne eindringende Darstellung nimmt man die Begrenzung auf den deutschen Sprachraum gern in Kauf. Man braucht nur das historisch ausgefeilte Personenregister, in dem allerdings einige im Werk behandelte Personen fehlen, anzusehen, um zu ahnen, welcher Gedankenreichtum sich in diesem Werk verbirgt. Einen ersten, gründlichen Einblick in die Historie bietet Ulrich Horst in seinem Vorwort. Wer an der Geschichte der Schweizer Politik interessiert ist, findet hier reichen Aufschluß über den Zusammenhang, in dem Caspar Decurtins zu beurteilen ist. Daß die theologische Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz im Mittelpunkt steht, hängt hinsichtlich der Gewerkschaftsfrage vor allem mit der rigoros ultramontanen Stellungnahme von Albert Maria Weiß OP zusammen, der mit Monsignore Umberto Benigni und der von diesem gegründeten Geheimorganisation Sodalitium Pianum liiert war, und hinsichtlich der Bibelerklärung mit dem aufrechten, der historisch-kritischen Bibelerklärung gegenüber offenen Vinzenz Zapletal OP. Das Buch liest sich stellenweise wie eine Historie über politisch-kirchliche Intrigen. Doch hütet sich der Autor vor jeder Polemik. Ihm geht es nur um Wahrheit. Das beweist er gerade in der vornehmen Würdigung von Albert Maria Weiß, der, oberflächlich betrachtet, sich mehr politisch als wissenschaftlich zu betätigen schien.

Wenn man den geharnischten Kampf einerseits in der Gewerkschaftsfrage, andererseits in der Frage nach der Übernahme der historisch-kritischen Methode in die Bibelerklärung verfolgt, dann fragt man sich, warum es zu einem Streit kommen mußte, der die Gläubigen in Modernisten und Integristen spaltete.

Katholisch-kirchliche oder christliche Gewerkschaft?

Otto Weiß weist darauf hin, daß innerhalb des deutschen, französischen und italienischen, aber auch des österreichischen und schweizerischen politischen Katholizismus am Anfang des 20. Jahrhunderts verdeckt und offen "Grabenkämpfe" ausgefochten wurden, in deren Mittelpunkt zwei Fragen standen, erstens über die Abhängigkeit katholischer Verbände und Parteien von der kirchlichen Leitung, zweitens allgemein über die Zusammenarbeit von Katholiken und Nichtkatholiken in der Gesellschaft (153). In Deutschland werden diese beiden Auseinandersetzungen unter den Namen "Zentrumsstreit" und "Gewerkschaftsstreit" geführt. Der Zentrumsstreit wurde verhältnismäßig kurzfristig beendet. Er berührte auch die römische Behörde weniger als der Gewerkschaftsstreit. Hier kam man mit dem ins Gehege, was später mit "Katholischer Aktion" bezeichnet wurde. Es ging um die heikle Frage, ob die katholischen Arbeitervereine sich in eine überkirchliche Arbeiterorganisation, d.h. in eine christliche Gewerkschaft einbinden lassen dürfen, somit aus der kirchlichen Leitung ausscheiden. Dazu gab es zwei Richtungen, die Kölner-Mönchengladbacher (Volksverein für das katholische Deutschland), die für interkonfessionelle, von der Hierarchie unabhängige Gewerkschaften plädierte, und die Berliner-Trierer Richtung, die für die streng katholisch-hierarchische Organisation eintrat. Die Diskussion wurde noch dadurch angeheizt, daß der Trierer Bischof Michael Korum erklärte, Pius X. habe ihm persönlich mitgeteilt, er dulde keine interkonfessionellen, von der Hierarchie unabhängigen katholischen Verbände. An sich ist diese Erklärung verständlich, wenn man bedenkt, daß authentisch katholisch heißt, sich den Weisungen des Papstes zu unterwerfen. Daß "katholisch" von "kirchlich" getrennt werden könnte, erschien widersprüchlich. Es fällt auch heute keinem Verein ein, sich als katholischer Verein zu bezeichnen, der von der kirchlichen Leitung unabhängig sein will.1 Wenn der Vatikan zur Beruhigung der Deutschen erklärte, die konfessionellen Berliner Arbeiterverbände und die von Mönchengladbach inspirierten Gewerkschaften seien gleichberechtigt, dann war dies kein eigentliches "Dementi", wie O. Weiß (154) meint, sondern eine Klarstellung der rechtlichen Situation. Katholiken können Vereine gründen ohne Rom, solange sie nicht behaupten, der Verein sei katholisch. In der Schweiz ist vor kurzem eine "Katholische Volkspartei" gegründet worden. Sie ist aber dabei, sich umzubenennen, entsprechend den Statuten, in denen steht, die Partei sei von der katholischen Soziallehre inspiriert, aber von der Hierarchie unabhängig.

Das intellektuelle Mißverständnis

Wenn ein Katholik aufgrund seines katholischen Denkens ein konkretes politisches Programm vertritt, kann er seine Schlußfolgerungen nicht als allgemeingültig katholisch bezeichnen. Der katholische Glaube enthält bestimmte religiöse und moralische Grundwahrheiten, die in einem langen Erkenntnisprozeß in ein politisches Programm ad hoc umgemünzt werden können, das aber in keiner Weise mit dem katholischen Glauben identisch ist. Das Bindeglied im Erkenntnisprozeß bis zur politischen Entscheidung ist die Klugheit, die jeder einzelne in Eigenverantwortung formuliert. Allgemeine praktische Imperative wie z.B. "du sollst nicht töten", können in der konkreten Umwelt eine gegensätzliche Formulierung erhalten. Wer angegriffen wird, kann sich so verteidigen, daß er dabei den Angreifer tötet. Nicht alle allgemeinen moralischen Imperative sind unverändert auf die konkrete Situation anwendbar. Sogar der größte Teil der sogenannten Menschenrechte ist in seiner allgemeinen Formulierung nur analog, d.h. die Formulierung erleidet eine Veränderung entsprechend der Situation. Nur eigentliche Wesensaussagen sind univok auf das Konkrete anzuwenden. Zum Beispiel ist die Ehe wesentlich ein Vertrag eines Mannes und einer Frau auf treues Zusammenleben bis zum Tod. Wo immer ein solcher Vertrag geschlossen wird, ist er unauflöslich. Man kann dann höchstens darüber diskutieren, ob konkret die Partner sich bewußt waren, was sie beim Ehevertrag versprochen haben. Es ist also bezüglich aller moralischen Imperative und praktischen Wahrheitsaussagen unentbehrlich, sich über deren erkenntnistheoretischen Charakter klar zu werden, ehe man an die Anwendung auf einen konkreten Fall geht. Hier liegt das große Mißverständnis der Neothomisten, die überall nur Wesensaussagen sahen und darum zu Schlüssen gelangten, die eine integristische Verhaltensweise verursachten. Diese Zusammenhänge nicht gesehen zu haben, ist der Grund für die inquisitorische Intransigenz vieler Neothomisten (und übrigens auch Thomisten früherer Zeit). Gewiß, jeder Thomist, d.h. jeder Philosoph und Theologe, der Thomas von Aquin folgt, kämpft für den Realitätswert von Wesensaussagen. Nur müßte man zugleich wissen, daß es eben auch analog gültige Prinzipien gibt.

Daß einige Thomisten der Universität Freiburg wie Gallus Manser nicht so intensiv in die damalige Kontroverse hineingezogen wurden, hängt damit zusammen, daß sie sich wesentlich mehr mit metaphysischen als mit praktischen Fragen befaßten. Manser war Inhaber des Lehrstuhls für Logik und Metaphysik. Otto Weiß schätzt Manser zu hoch ein, wenn er meint, er habe bei aller Treue zum Thomismus "neue, in die Zukunft weisende Akzente" gesetzt (277).

Das ist erst dem überragenden Santiago Ramírez OP, dem wohl größten Thomasinterpreten der bisherigen Geschichte, gelungen. Ramírez hat in den dreißiger Jahren in Freiburg Moraltheologie doziert. Sein umfassendes Werk ist erst zu einem, allerdings beträchtlichen, Teil veröffentlicht.

Andererseits muß man die Sorge der sogenannten Integristen verstehen, die eine gewisse sachliche Bindung an philosophische und theologische Wahrheiten nicht aufgeben wollten. Als an die Stelle des Zentrums, das sich im Hinblick auf den Kulturkampf deutlich als katholische Partei verstand, die CDU trat, war dies politisch durchaus verständlich. Doch hat die Ersetzung des Begriffs "katholisch" durch "christlich" zu einer Verwässerung der Grundposition geführt, so daß die heutige "christliche" Partei politische Entscheidungen fällt, die ein Katholik mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann (vgl. Abtreibungsgesetze). Gleiches gilt von der Umwandlung der ehemals Katholisch-Konservativen Volkspartei (KKV) der Schweiz in die Christliche Volkspartei (CVP), die ihrerseits das Abtreibungsgesetz der CDU übernommen hat.

Seit der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils wird unaufhörlich die Parole Johannes‘ XXIII., die Kirche müsse sich der Welt öffnen, laut proklamiert. Aber kaum jemand ist imstande, diese Öffnung genau zu definieren. Was wird geöffnet und für was? So wurde blind all das über Bord geworfen, was dem modernen Menschen schwerfällt, das Bekenntnis der Sündhaftigkeit und die unveränderlichen Normen der Moral, mit der Folge, daß auch der Glaube zu bröckeln begann und die kirchliche Einheit sich auflöst.

Die historisch-kritische Methode in der Bibelexegese

Der Streit über die historisch-kritische Methode in der Bibelerklärung hätte vermieden werden können, wenn die sogenannten Modernisten sich eingängig um die Definition der Inspiration bemüht hätten. Das gleiche Versäumnis ist allerdings auch den "Integristen" anzukreiden. Die göttliche Inspiration besagt nichts anderes, als daß Gott der Urheber der Bibel als heiliger Schrift ist, wodurch Zweitursachen menschlicher und geschichtlicher Art nicht ausgeschlossen sind.2 Lassen wir aber ehrfurchtsvoll Gott das Urheberrecht der Bibel.

Anmerkungen

1) Dieser Sachverhalt ist übrigens gerichtlich bestätigt worden. Die Priestergemeinschaft Pius X., die im Schisma mit der Kirche lebt, durfte ihre Schule, die sie in Crassenstein/ Westfalen errichtet hat, laut gerichtlichem Entscheid nicht "katholische Schule" nennen. Sie kann sich als vom katholischen Glauben inspiriert nennen, aber nicht katholische Schule.

2) Vgl. hierzu meine Ausführungen in meinem Artikel "Modernismus und Antimodernismus in der Kirche", in: Theologisches, Jg. 29, Nr. 1, Januar 1999, Spalte 37-40.

Prof. Dr. Dr. h.c. Arthur F. Utz OP lehrte Ethik und Sozialphilosophie an der Universität Fribourg und ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften.

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