Jahrgang 59
Nr. 4/2005 August
DIE NEUE ORDNUNG

Konrad Löw

„Da geschieht das Unfaßbare“

Reichsminister Freiherr von Eltz-Rübenach brüskierte Hitler

Am 31. Januar 1937 notierte Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister unter Hitler, in sein Tagebuch: „Ministersitzung: der Führer dankt allen tiefbewegt. Nimmt die Nichtparteigenossen in die Partei auf und verleiht ihnen das goldene Ehrenzeichen. Da geschieht das Unfaßbare. Eltz lehnt die Annahme ab, tritt nicht in die Partei ein, weil wir angeblich ‚die Kirche unterdrücken‘ ... Wir sind alle wie gelähmt. Das hatte niemand erwartet ... Das sind die Schwarzen. Sie haben über ihrem Vaterland eben einen höheren Befehl: den der alleinseligmachenden Kirche.“

Der Mann, der Hitler gegenüber den offenen Affront wagte, war Reichsminister Paul Freiherr von Eltz-Rübenach. Der Eisenbahnpionier und -experte gehörte schon den Kabinetten Papen und v. Schleicher als Reichspost- und Reichsver-kehrsminister an. Auch Hitler zögerte nicht, den international geschätzten Fach-mann in seine Kabinette zu berufen, obwohl Eltz-Rübenach nicht sein Parteigän-ger war. Der hielt es für seine patriotische Pflicht, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen und seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.

Am 27. November 1936 kam es zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen dem Reichskanzler, also Hitler, und seinem Minister. Der Freiherr hielt den Gesprächsverlauf detailliert fest:

„Ich trug dem Führer vor, daß die Vorlage über das Hitlerjugend-Gesetz mich mit schweren Bedenken und Sorgen erfülle. In der Hitlerjugend würde nicht nur gegen die Ideologien des 18. und 19. Jahrhunderts gekämpft, sondern leider auch an vielen Stellen eine Wirkung in konfessions- und kirchenfeindlicher Richtung ausgeübt ... Der Führer erwiderte, seine Überzeugung ginge dahin, daß es nur ein Einziges, Unveränderliches, Ewiges auf dieser Welt gäbe, das sei der Herrgott. Alles übrige sei dem Wechsel der Zeiten unterworfen, auch die Religionen. Die-se Wahrheit hätten die Religionen und Konfessionen nicht begriffen. Sie seien in ihren äußeren Formen erstarrt ... Sie begriffen nicht, daß auf der Welt eine der größten Auseinandersetzungen, der Kampf zwischen dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus, begonnen habe, sondern sie sähen in dem Nationalso-zialismus ihren Feind ... Die Gedanken, die er mir hier vortrüge, habe er unlängst auch dem Kardinal Faulhaber bei dessen Besuch auf dem Obersalzberg ausei-nandergesetzt. Er habe den dringenden Wunsch, mit der Katholischen Kirche auf einen friedlichen Fuß zu kommen. Die Kirche dürfe sich aber den Staatsnotwen-digkeiten nicht verschließen und müsse in den Fragen, in denen sie nun auf Grund ihrer Lehren nicht mitgehen könne (Judengesetzgebung, Sterilisation) keine feindliche, sondern eine neutrale Haltung dem Nationalsozialismus gegen-über einnehmen.“

Wie den Kardinal, so haben auch Eltz-Rübenach Hitlers Ausführungen nicht überzeugt. Über Hitlers Auslassungen in der Kabinettssitzung vom 1. Dezember 1936 notierte er sich: „Er bewegte sich dabei in genau den gleichen Gedanken-gängen, die er mir bei meinem Vortrag entwickelt hatte ...“

Zum Jahreswechsel wünschte Eltz-Rübenach dem „Führer“ die Gnade, „denjeni-gen, die sich in ihrem religiösen Gewissen bedrängt fühlen, den heiß ersehnten Weg zu Ihrem Herzen innerlich frei zu machen.“

Genau einen Monat später (30. Januar 1937) wollte Hitler seinen aufrechten Minister zusammen mit anderen Kabinettsmitgliedern überfallartig in die NSDAP inkorporieren. Die eingangs zitierte Schilderung Goebbels entspricht im Kern den Tatsachen. Eltz-Rübenach schildert aber noch ausführlicher: „Der Führer ging dann um den Tisch und überreichte den Herren das Abzeichen. Als er zu mir kam, sagte ich: ‚Mein Führer, ich habe Ihnen unlängst ... alle meine Sorgen und Nöte wegen der Angriffe der Partei gegen die christlichen Konfessi-onen vorgetragen. Der Druck hat sich in der Zwischenzeit nur noch vermehrt.‘ Der Führer, mich unterbrechend: ‚Was wollen Sie damit sagen?‘ Ich: ‚Wenn ich nun in die Partei eintreten soll, so bitte ich, mir zu bestätigen, daß Sie den Kampf, den gewisse Parteistellen gegen die Kirchen und ihre Einrichtungen führen, nicht gutheißen.‘ Der Führer: ‚Ich kann die Überreichung dieses Ehren-zeichens nicht an Bedingungen knüpfen.‘ Ich: ‚Dann bitte ich um meine Entlas-sung.‘“

Als Eltz-Rübenach den Saal verließ, äußerte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, für Eltz-Rübenach vernehmbar: „Ich habe nicht gewußt, daß es noch solche Männer im Deutschen Reich gibt.“ Offenbar hat ihn die Haltung des Kol-legen tief beeindruckt. Wenig später mußte auch er aus weltanschaulichen Grün-den seinen Hut nehmen. Die meisten anderen Teilnehmer der Kabinettssitzung waren jedoch empört. Göring forderte schärfste Maßnahmen gegen den Renega-ten, nämlich Festnahme und Einlieferung in ein Konzentrationslager.

Am 5. Februar 1937 schrieb Eltz-Rübenach in einem Brief: „Ich habe aus Grün-den, die völlig abseits von meiner dienstlichen Tätigkeit liegen, meine Entlas-sung erbeten. Ich gehe diesen Weg mit der unbeirrbaren Sicherheit, die denjeni-gen gegeben ist, die ihren Grundsätzen und Überzeugungen treu bleiben.“

Noch im selben Jahr kehrte der Minister a.D. in seine rheinische Heimat zurück und wählte Linz am Rhein als Wohnsitz. An seiner christlichen Gesinnung hielt er ostentativ fest. Aus dem Formular zur gesetzlich vorgeschriebenen Aufnahme zweier Töchter in die Hitlerjugend strich er die Worte „entsprechend der natio-nalsozialistischen Weltanschauung“, „weil ich die antichristliche Tendenz dieser Weltanschauung ablehne und aus diesem Grund im Jahre 1937 von meinen Mi-nisterämtern zurückgetreten bin.“

Offenbar teilte seine Frau die kompromißlose Haltung. Sie erklärte den zuständi-gen Funktionären der NSDAP, daß sie auf das Ehrenkreuz für kinderreiche Müt-ter solange verzichte, „bis das Kreuz Christi wieder geehrt würde.“

Auf Veranlassung des späteren Reichsleiters der NSDAP Martin Bormann wur-den zwei Beamte zur Abklärung der Angelegenheit nach Linz geschickt. Zwei Sätze aus dem Bericht sprechen Bände: „Diese Ablehnung ist eine eindeutige und endgültige und sie entspricht durchaus der absoluten antinationalsozialisti-schen Einstellung des Freiherrn von Eltz. In seinem Hause verkehren vorwie-gend Geistliche, und der zuständige Kreisleiter erklärte, daß seit dem Zuzug des v. Eltz in seinen Kreis die Aktivität des politischen Katholizismus in Linz eine ganz erhebliche Steigerung erfahren habe.“

Hitler höchstpersönlich wurde eingeschaltet und verfügte, daß Eltz „vorbehalt-lich weiterer Maßnahmen“ das Übergangsgeld als Reichsminister, das Ruhege-halt als Reichsbahndirektionspräsident und die ihm nach seinem Rücktritt ge-währte Freifahrkarte zu entziehen seien. Doch es fanden sich zahlreiche Helfer, unter ihnen der Trierer Bischof Bornewasser, die der Familie finanziell unter die Arme griffen. Der Reichsminister der Finanzen Graf Schwerin v. Krosigk und andere hochgestellte Persönlichkeiten appellierten an die Reichsspitze mit dem Erfolg, daß die Zahlungen nach einigen Monaten wiederaufgenommen wurden. An der Einstellung des Freiherrn änderte das freilich nichts. In einer Ansprache, die er anläßlich eines Priesterjubiläums am 17. August 1941 hielt, äußerte er: „Nun ist die Kirche allerdings keine irdische Streitmacht, ist nicht Hammer, der Schläge austeilt, sondern Amboß, der sie empfängt. Aber die Bekenntnisfreudig-keit und die Bereitschaft zu aktivem Einsatz der Gläubigen muß diesen Amboß so hart machen, daß der Hammer sich auf ihm abnutzt, rissig wird und schließ-lich zerspringt.“ Zwei Jahre später starb von Eltz-Rübenach an einem Nierenver-sagen und fand seine letzte Ruhestätte in Köln-Porz.

Prof. Dr. jur. Konrad Löw ist emeritierter Politikwissenschaftler an der Univer-sität Bayreuth und lebt in Baierbrunn.

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