Jahrgang 58
Nr. 4/2004 August
DIE NEUE ORDNUNG

Wolfgang Ockenfels

„Gott segne unser Land“

Der hoffnungsfromme Wunsch, mit dem der neugewählte Bundespräsident seine erste Rede beschloß, brachte die ratlosen Volksvertreter in nicht geringe Verle-genheit. Einige sollen peinlich berührt gewesen sein. „In schwierigen Situationen auf Gott zu vertrauen“ mag Horst Köhler wie vielen anderen Christen eine hilf-reiche persönliche Erfahrung sein. Diese einem Volk oder Land anzusinnen, das dem Fatalismus verfällt, scheint etwas verwegen, aber notwendig zu sein.

Das Gottvertrauen wird immer mehr aus dem privaten und öffentlichen Leben vertrieben. So führt die Regel „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ nicht zur verantwortlichen Selbsthilfe, sondern produziert bekennende Egoisten. Wenn dann auch noch das gläubige Vertrauen in die gütige Vorsehung des Wohlfahrts-staats schwindet, an den sich die säkularisierte Hoffnung ersatzreligiös klammer-te, geraten Demokratie und Marktwirtschaft in eine bedenkliche Legitimations-krise. Als ob die freiheitlichen Ordnungsformen vor allem im Wohlstand gründe-ten. Ist Freiheit nur so viel wert, wie sie sich materiell auszahlt?

„Wenn eine Kultur fühlt, daß es mit ihr zu Ende geht, läßt sie den Priester kom-men“, meinte einst Karl Kraus. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Es geht einstweilen nicht um die Rettung einer ganzen Kultur, sondern „nur“ um die Reform der sozialen Sicherungssysteme, um Arbeitslosigkeit, Wettbewerbsfä-higkeit, Verschuldung, Alterung et cetera, also um die stets länger werdende Litanei der „Reformagenda“. Daß dabei „Werte“ zählen und nicht nur „Zahlen“, gehört zu den löblichen Erfahrungen und späten Einsichten einiger Politiker, die zu Vordenkern werden, wenn sie über die geschichtliche Herkunft nachdenken und dabei auf bewährte Traditionen stoßen. Auf die guten alten Tugenden etwa.

Das Wechselhafte in den Sonntagspredigten der Politiker beginnt uns zu lang-weilen. Überfüttert von der fast-food-Kultur politischer Reformrhetorik beginnt man zu fragen: Wann werden wir endlich durch geschichts- und kulturübergrei-fend „gültige“ Werte und Ordnungsprinzipien überrascht? Die Bevölkerung hat inzwischen genug von den politischen Dekorateuren und Verwandlungskünst-lern. Wo bleibt der Fortschritt, nach welchen Wertmaßstäben läßt er sich messen, in welche Richtung soll er uns führen? Wenn die Pragmatiker der Macht, die Jongleure der Interessen und die Rechenkünstler der Sozialtechnologie mit ihrem Reform-Latein am Ende sind, wird langsam der Blick auf einfache sozialethische Ziele und auch Grenzen frei, die nicht ungestraft überschritten werden.

Gerne lassen wir uns jetzt an die Gründerzeit der Bundesrepublik erinnern. Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus waren die Wertvorräte der Kirchen sehr begehrt. Und man zehrte einige Jahre davon, bis sie zur Neige gingen, überwu-chert von Heilserwartungen immer neuer Wirtschaftswunder und immer schnel-leren Wachstums. Dagegen konnten sich die realistischen Stimmen christlicher Sozialethiker nicht mehr behaupten. Wilfried Schreiber schlug eine „dynamische Rente“ vor, die unter dem bevölkerungspolitischen Vorbehalt stand: Ohne Kin-der keine Rente. Weil man nicht auf ihn hörte, bekommt man nun eine andere Dynamik zu spüren. Joseph Höffner meinte, daß staatliche Schulden etwas mit moralischer Schuld zu tun haben könnten. Als altmodisch abgetan wurde auch das universalistisch-globale Ordnungsdenken von Arthur F. Utz, das seiner Zeit weit voraus war: Nüchterne Erkenntnisse eines rationalen Naturrechts, das nicht mit Visionen, Verheißungen oder Gnadengaben ideologisch aufzuladen ist.

Leider haben auch die C-Parteien, einige kirchliche Verbände und Theologen kräftig zu den Auswucherungen eines Sozialstaats beigetragen, der sich mit Wohlfahrtsansprüchen belastete, die ihn jetzt in den Abgrund ziehen. Dem Staat wurde eine soziale Verantwortung aufgebürdet, die er gar nicht tragen kann, wenn die religiösen, moralischen und ökonomischen Grundlagen wegrutschen. Inzwischen sind wir beim völlig verschuldeten Wohlfahrtsstaat gelandet. Der soll sich bitteschön nicht auf die katholische Soziallehre berufen. Denn was haben Zentralismus, mangelnde Eigenverantwortung und fehlende Leistungsge-rechtigkeit mit dieser Lehre zu tun? Soziale Gerechtigkeit muß bei uns neu buch-stabiert werden, und zwar nach der alten Rechtschreibung der Subsidiarität.

Die Gründergeneration hatte ein Gespür dafür, daß eine noch so gut konzipierte Wirtschafts- und Sozialordnung auf Dauer keinen Bestand haben könne, wenn deren Subjekte moralisch verwahrlosen, wenn sie maßlos und korrupt handeln. Hier liegt das Dilemma einer Institutionenethik, die durch (staatliche) Anreize oder Sanktionen das moralisch wünschenswerte Verhalten herbeizaubern will. Aber wer soll das alles bezahlen, kontrollieren und sanktionieren? Und wie fin-den und begründen wir die Normen des moralisch Wünschenswerten?

Werthaltungen und Mentalitäten lassen sich freilich nicht rein kognitiv verändern oder vermitteln. Sie müssen sinnvoll erfahrbar sein und praktisch eingeübt wer-den. Sie leben von Vorbildern und gelungenen Beispielen. Sie bedürfen der fa-miliären Verankerung und der religiösen Bindung. Familien und kirchliche Ge-meinschaften sind die bevorzugten vorpolitischen Orte, in denen sich das personale Wertbewußtsein heranbildet. Hier kommen auch schon jene Sozialprinzi-pien zum Tragen, die für die gesellschaftliche Ordnung unentbehrlich sind. Näm-lich Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl.

Damit sind wir beim Kernbestand der katholischen Soziallehre angelangt. An ihn zu erinnern, ohne sich in konfessionell-philosophische Haarspaltereien zu verwi-ckeln, ist das Gebot der Stunde. Kirchliche Gremien produzieren unentwegt Papiere, die eher den gesellschaftlichen Pluralismus widerspiegeln, statt ihn zu prägen. Viele Politiker hören nur noch auf die Kirche, wenn sie ihre eigene Mei-nung bestätigt finden. Hingegen neigen christliche Sozialethiker dazu, sich in methodologische Fragen und theoretische Systeme zu verstricken. Sie produzie-ren mehr Probleme, als sie lösen können. Diskursethiker reflektieren die Bedin-gungen der Möglichkeit von Diskursen, statt sie mit kompetenten Praktikern zu führen. Sie sind - nach einem Wort Helmut Kohls - vor lauter Kommunikation gar nicht mehr fähig, normal miteinander zu sprechen. Oder gar zu beten.

Wolfgang Ockenfels

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