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Jahrgang 58
Nr. 4/2004 August
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Otto W. B. Schult
Zur Dämpfung der Globalisierung I. Einleitung Die Globalisierung ist für uns alle eine noch nie dagewesene Herausforderung. Sie zu meistern bedeutet, dafür zu sorgen, daß alle Menschen in Würde überle-ben können und auch teilhaben dürfen an medizinischer Versorgung, Bildung, Entwicklung und Fortschritt. Schließlich ist zu gewährleisten, daß Arbeitsplätze geschaffen und gesichert werden, bei minimaler Belastung der Umwelt. Ökono-mische Krisen sind fatale Rückschläge einer Entwicklung, die allen Menschen dienen soll. Das Ziel kann am besten schrittweise und nur durch eine starke, interdisziplinäre Anstrengung vieler Menschen erreicht werden. Gefordert sind hier Wissenschaft-ler, Politiker, Investoren und viele andere Gruppierungen. Unter den Wissen-schaftlern sind es primär die Ökonomen, aber auch Agronomen, Mediziner, Mathematiker und Naturwissenschaftler, aber auch Personen, die technische Entwicklungen vorantreiben oder sich mit ethischen oder psychologischen Fra-gen befassen und viele andere mehr. Es gibt keinen sachlichen Grund, Gruppen auszuschließen. Voraussetzung für jede interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, daß jede Person bereit ist, über den eigenen Zaun hinauszuschauen und sich bemüht, die Sprache des anderen zu verstehen. Ideen, die vorgetragen werden, mögen zunächst sehr abstrakt erscheinen oder wie Phantasien. Das ist aber kein Grund sie abzulehnen. Sie gehören auf den Prüfstand. Das Verfahren eines kon-struktiven „brain-stormings“ ist nützlich, weil es neue Wege eröffnen kann. Interdisziplinarität ermöglicht Problemlösungen, die sonst undenkbar sind. Ein Beispiel: die Kernspintomographie gestattet Ärzten bestmögliche Aufnahmen auf der Basis von Erkenntnissen, die der Physik entstammen. Wie Bluestein (2001) an mehreren Beispielen zeigt, konnten bisherige ökonomi-sche Vorgehensweisen allein keine der Krisen in Ostasien, Brasilien oder Ruß-land verhindern, auch nicht das „Long-Term“-Problem in den USA. Angesichts des immensen weltwirtschaftlichen Schadens, den diese Krisen verursacht ha-ben, stellt sich die Frage, ob man solche Krisen nicht doch vermeiden oder we-sentlich abschwächen kann. Bluestein zählte die Ursachen für diese Krisen auf: Spekulation, überhitzte Märkte, kurzfristige Kapitalanlagen (hot money) u. a. . Anläßlich der 2. internationalen Konferenz über Globalisierung hat der belgische Ministerpräsident (Verhofstadt, 2002) festgestellt: „The poorest countries need more money“ und „world poverty demands a united approach“. Eine Dämpfung des Kapitaltransfers und der Aktienmärkte, wie in den folgenden Überlegungen vorgeschlagen, benachteiligt Spekulation und kurzfristige Kapitalanlagen und bewirkt deshalb eine weniger überhitzte Entwicklung der Märkte. Gleichzeitig ermöglicht der aus der Dämpfung resultierende Gewinn, den Armen mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Der Transfer von Geld und Geschäfte an der Börse erfolgen im wesentlichen ohne Dämpfung. In der Natur ist Dämpfung aber ein normales Phänomen. Sie ist die Abnahme von Amplituden mit fortschreitender Zeit. Die Amplitude kann die Windgeschwindigkeit, die Höhe einer Wasserwel-le, die Position eines Autositzes über der Straße, die Energiedichte eines akusti-schen Signals, wie des Tons in einer Konzerthalle, oder jede andere Größe sein, die sich im Verlauf der Zeit ändert. Wenn die natürliche Dämpfung sehr gering ist, wie bei einer Tsunami-Welle, sind die Konsequenzen meist katastrophal: die bis zu 15 m hohe Welle forderte auf Papua-Neuguinea am 17.7.1998 mehr als 2000 Menschenleben (Gonzalez, 1999). Die Situation ist ähnlich bei Stürmen, Tornados und Hurrikans, die große Schäden anrichten. Ohne Dämpfung würden sich alle Töne und Geräusche eines Orchesters langzeitig überlagern zu einem schrecklichen Lärm. Nur die natürli-che Dämpfung in den Musikinstrumenten zusammen mit der guten Akustik einer Konzerthalle gestattet uns, die Meisterwerke großer Komponisten zu genießen. Sehr gute Dämpfung wurde auch bei der Radaufhängung in modernen Autos verwirklicht, wo auf die Federn abgestimmte Stoßdämpfer das dämpfende Ele-ment sind. Dadurch wird sichergestellt, daß ein Rad nach vertikaler Auslenkung gleichmäßig in seine Ruhelage zurückkehrt bei minimaler Auswirkung auf den Sitz. Ohne Stoßdämpfer würde das Rad nach jedem Stoß längere Zeit auf und ab oszillieren und die Passagiere würden darunter leiden. Außerdem wäre dann die Straßenlage des Autos sehr schlecht, bei deutlich reduzierter Verkehrssicherheit. An diesem Beispiel läßt sich auch verdeutlichen, daß Dämpfung nicht mit Brem-sung verwechselt werden darf. Leider kann der Mensch die Dämpfung von Tsunami- und Wasserwellen oder die von Stürmen, Tornados oder Hurrikans nicht vergrößern. Aber wo wir ver-standen haben, wie Dämpfung nutzbringend angewandt werden kann, war der Einsatz optimierter Dämpfung stets zum größten Vorteil in Wissenschaft und Technik und folglich für uns alle. Finanzielle Transaktionen sind nicht gedämpft. Hier wird vorgeschlagen, auch dort Dämpfung anzuwenden. Die Absicht dieser Mitteilung ist nicht, ein voll-ständiges Modell vorzustellen, sondern eine Diskussion anzuregen. II. Dämpfung in der Physik: ein Lehr- und Lernbeispiel Menschen, die mit technischen oder physikalischen Grundlagen nicht sehr ver-traut sind, ist der Begriff Dämpfung weniger geläufig. Um zu verstehen, was Dämpfung bedeutet, ist es am besten, ein einfaches, idealisiertes mechanisches System zu betrachten: z. B. eine Spiralfeder, die am oberen Ende starr aufge-hängt ist und durch das Gewicht einer Stahlkugel mit 2,5 cm Durchmesser und 63,6 Gramm Masse am unteren Ende in vertikaler Richtung um 25 cm gedehnt wird. Das dämpfende Medium, von dem wir annehmen, daß es nur auf die Kugel wirkt, ist für geringe Dämpfung Luft und für stärkere Dämpfung eine viskose Flüssigkeit wie Glyzerin. Dieses System nennt man einen „gedämpften Oszilla-tor“ (Joos, 1954, S. 83-85; Feynman, Leighton and Sands, 1971, Kapitel 23, S. 1-9 und Kapitel 24, S. 1-6; Kittel, Knight and Ruderman, 1965, S. 191-219). Wenn man die Kugel in Luft nach unten zieht und dann losläßt, schwingt sie mit einer Schwingungsdauer von einer Sekunde auf und ab mit einer Amplitude, etwa der Hälfte des Abstands zwischen dem oberen und anschließendem unteren Um-kehrpunkt, die nur langsam mit der Zeit abnimmt. Diese langsame Abnahme beruht auf der Tatsache, daß die natürliche Dämpfung in Luft sehr gering ist. Wenn die Kugel in 100 Grad Celsius warmes Glyzerin getaucht, nach unten gestoßen und dann freigegeben wird, nimmt die Amplitude der Oszillation ra-scher ab. Diese Abnahme wird umso stärker, je mehr man das Glyzerin kühlt. Bei etwa 12 Grad hören die Oszillationen auf. Hier ist die Dämpfung optimal. Bei noch tieferen Temperaturen kriecht die Kugel in ihre Ruhelage, die sie ein-nahm, bevor sie nach unten gestoßen wurde. Die Kugel kriecht um so langsamer, je kälter das Glyzerin wird. Die Dämpfung in Glyzerin hängt von der Temperatur ab, weil die Viskosität, die Zähigkeit des Glyzerins, temperaturabhängig ist (Stö-cker, 1994, S. 136, 162-163), und die Dämpfung proportional ist zur Zähigkeit des dämpfenden Mediums. Der mathematisch hinreichend geübte Leser kann ausrechnen, wie die Amplitude der Oszillation und das Kriechen sich als Funktion der Zeit darstellt, mit der Viskosität als Parameter. Für den Laien genügt es, sich die Fakten zu merken: Wenn die Dämpfung geringer ist als optimal, dann schwingt die Kugel um ihre Ruhelage, die sie erst nach langer Zeit einnimmt. Bei einer Dämpfung, die drei-fach kleiner ist als optimal, dauert es 6,4 Sekunden, bis die Kugel sich auf 1% der ursprünglichen Auslenkung der Ruhelage genähert hat. Wenn die Dämpfung stärker ist als optimal, dann kriecht die Kugel, nachdem sie aus der Ruhelage entfernt worden war, in diese zurück. Aber auch das dauert lange. Für eine Dämpfung, die dreimal größer ist als optimal, ist die Kugel nach 4 Sekunden immer noch 1% der ursprünglichen Auslenkung von der Ruhelage entfernt. Bei optimaler Dämpfung erreicht die Kugel nach einer Auslenkung in minimaler Zeit ihre Ruhelage. In nur einer Sekunde hat sie sich dann bis auf 1% der ur-sprünglichen Auslenkung der Ruhelage genähert. Bei jeder schwächeren oder stärkeren Dämpfung dauert es länger. Folglich minimiert optimale Dämpfung die Zeit für den „Heimweg“. Anstatt den Aufhängungspunkt der Feder zu fixieren und nur die Kugel senk-recht zu verschieben, kann man auch den Aufhängungspunkt verschieben und die Kugel sich selbst überlassen. Die oben beschriebenen Sachverhalte bleiben unverändert bis auf die Tatsache, daß die Kugel letztlich im gleichen Abstand unterhalb des neuen Aufhängungspunkts zur Ruhe kommt. Das heißt: Wenn man etwas bewegen will, ist es am besten, das System optimal zu dämpfen. Das wird bei allen guten technischen Geräten mit Erfolg genutzt. Bei den Autos sind die Stoßdämpfer so ausgelegt, daß die Dämpfung etwas schwächer ist als optimal. Das Fahren ist dann etwas weicher und die Oszillationen sind kaum spürbar. Ein ausgezeichnetes Beispiel, wo Dämpfung intensiv genutzt wird. In diesem Abschnitt wurde nur ein sehr einfaches, idealisiertes mechanisches System betrachtet, wo der Effekt der Dämpfung leicht zu verstehen ist. Wenn man ein Experiment durchführen wollte, würde man feststellen, daß sich das reale System etwas anders verhält, weil die Dämpfung auch auf die Feder wirkt, die ebenfalls Masse hat. Aber die wesentlichen Phänomene bleiben analog. Dämpfung ist essentiell auch für andere Systeme, selbst wenn diese, wie in den meisten Fällen, sehr komplex sind. Dämpfung nahe am optimalen Punkt ist die beste Methode, nicht nur um ein System zu stabilisieren, sondern auch um es mit maximaler Geschwindigkeit zu verändern. Das ist dem Menschen nicht generell bewußt. Aber es ist wichtig, das zu verstehen und einzusehen. Grundsätzlich ist es wichtig und notwendig, Kenntnisse, die in einem Feld (hier der Mechanik und Technologie) gewonnen wurden, auch in anderen Feldern anzuwenden, nach Möglichkeit auch bei den Wirtschaftswissenschaften. Experten kennen den Schweinezyklus oder Kartoffelzyklus, wo Dämpfung fehlt. Im Hinblick auf diese Betrachtungen stellt sich die Frage: Ist der Transfer von Kapital aus einer Währung in eine andere optimal gedämpft? Und ist der Akti-enmarkt optimal gedämpft? Diese Frage bezieht sich auf die Stabilität der inter-nationalen Finanzsysteme (Obstfeld, 1998; Summers, 1999; Mishkin, 1999; Ro-goff, 1999; Caprio und Honohan, 1999; Edwards, 1999; Tobin, 1978, u. a.) und betrifft die optimale wirtschaftliche Entwicklung weltweit. III. Das Problem: der spekulative globale Finanztransfer Der globale Kapitaltransfer ist gigantisch. Die Zahlen sind so groß, daß es sinn-voll ist, die wissenschaftliche Notation anzuwenden: 1 Mega, Abkürzung: 1M für eine Million, 1 Giga, Abkürzung: 1G für 1 Milliarde, und 1 Tera, Abkürzung: 1T für eine Billion. Dadurch wird Konfusion vermieden, weil in den USA „one billion“ einer Milliarde entspricht. Der Kapitaltransfer von einer Währung in eine andere wird sogar in Zeitungen diskutiert. Er beträgt global 1,2 T US $ (Gray, 1999, S. 88; Lorz, 2000; Brön-strup, 2000), 1,5 T US $ (Rech, 2000), oder 2 T US $ (Goerts, 1999) pro Tag. Die genauen Zahlen sind nicht so wichtig. Bedeutend ist nur, die Größenordnung zu begreifen und zu verstehen, wie groß die Zahlen wirklich sind. Mit 6 Milliar-den Menschen auf unserer Erde entspricht der globale Geldtransfer etwa 200-300 US $ pro Person und Tag. Aber rund 22% aller Menschen müssen mit weniger als einem US $ pro Tag auskommen (Kevenhörster, 2000) und 2,8 Milliarden Personen (47%) haben weniger als 2 US $ pro Tag (siehe auch Stiglitz, 2002, S. 39). Die globale Schuldenlast liegt bei 1,65 T US $, entspricht also dem tägli-chen globalen Kapitaltransfer. Etwa 1/50 davon, nämlich 33 G US $, beträgt die jährliche Entwicklungshilfe (Kevenhörster, 2000). Das Bruttosozialprodukt in Deutschland betrug 1999 3.8 T DM (Hartmann, 2000, S. 19; vgl. auch www.statistik-bund.de) und 2002 2,1 T Euro (Deges, 2003). Wenn man von 80 Millionen Personen in Deutschland ausgeht und annimmt, daß alle 6 Milliarden Menschen auf unserer Erde genauso produktiv wären wie die Deutschen, dann würde man ein hypothetisches Welt-Bruttosozialprodukt von rund 290 T DM oder etwa 140 T US $ pro Jahr erhalten, ungefähr einen Faktor 5 mehr als das tatsächliche Brutto-Weltprodukt ~ 30 T US $, welches nur bei 1/15-1/25 des Kapitaltransfers liegt, wenn man die gleichen Zeiträume betrachtet (Thurow, 1996, S. 194). Wenn der jährliche globale Export nur 3 T US $ ausmacht (Thu-row, 1996. S. 326), dann ist der globale Kapitaltransfer um den Faktor 150-50 größer. Nach Gray (1999, S. 88) ist der Kapitaltransfer etwa 50 x so groß wie das Welt-Handelsvolumen. Dann ist seine Annahme, daß etwa 95% des Kapital-transfers spekulativer Natur ist, mehr als gerechtfertigt. Bernard A Lietaer, ein ehemaliger Broker, von Goertz zitiert (1999), ist genauer: er nimmt an, daß 98% spekulativ sind und nur 2% zur Bezahlung von Waren benötigt werden. Der Geldtransfer von einer Währung in eine andere erfolgt im wesentlichen ungedämpft, denn es ist eine Frage der Verhandlung mit den Banken, welche Wechselgebühren sie erheben (Rech, 2000). Bei größeren Beträgen ist der Ver-lust durch Geldwechsel vernachlässigbar. Das ermöglicht day-trading z. B. über das Internet. Day-trading nutzt die Fluktuationen, die ohne Dämpfung meist beachtlich sind. Der day-trader interessiert sich nur für Spekulation, „to make money“. Ist das global erwünscht? IV. Bedenken Im Hinblick auf solche Zahlen äußern Experten in Volks- und Finanzwirtschaft und viele andere Menschen ernsthafte Sorgen. Die Bedenken betreffen vor allem den Umfang und die Geschwindigkeit des Kapitaltransfers. Maurice Obstfelds Betrachtung des globalen Kapitalmarkts trägt den Titel „Be-nefactor or Menace?“ (Obstfeld, 1998). Er fragt „is there any way to prevent destabilizing disturbances that originate in world asset markets, or to mitigate their effects? Does cross-border mobility of firms threaten our living standards?“ In der Zwischenzeit sind mehrere Bücher erschienen mit den Titeln „Die Zukunft des Kapitalismus“ (Thurow, 1996), „Die falsche Verheißung Der globale Kapi-talismus und seine Folgen“ (Gray, 1999), „Turbokapitalismus Gewinner und Verlierer der Globalisierung“ (Luttwak, 1999) und „Die Schatten der Globalisie-rung“ (Stiglitz, 2002). Bedenken sind eingehend auch in der Presse geäußert worden (Brönstrup, 2000; Flassbeck, 1999; Geissler, 2000; Goertz, 1999; Ke-venhörster, 2000; Lorz, 2000; und Stiglitz, 1999). John Gray befürchtet, daß der hohe spekulative Anteil des Kapitaltransfers und somit die virtuelle Finanz-Ökonomie destruktive Konsequenzen haben könnte für die reale Ökonomie (Gray, S. 89 und S.111-117). Er beurteilt den freien Weltmarkt ziemlich pessimistisch und hält radikale Reformen für unumgänglich. Nach seiner Meinung ist ein fundamentaler Wechsel der gegenwärtigen ökono-mischen Philosophie dringlich, so daß in einer pluralistischen Welt ein modus vivendi gefunden werden kann (S. 314). Es ist hinreichend bekannt, daß frühere Krisen enormen ökonomischen Schaden angerichtet haben, der Börsenzusam-menbruch 1929-1932, die Mexiko-Krise 1995 und die finanziellen Unruhen in Asien 1997-1998. Ein Großteil des Schadens entstand in den Entwicklungslän-dern. Die schlimmsten Konsequenzen sind Armut, Revolutionen und die Gefahr für den Frieden. Weltweite Krisen sollten nicht vorkommen, wenn überhitzte und ungedämpfte Ökonomie vermieden wird. Brönstrup berichtete, daß in der Asienkrise Pessimismus bei den Investoren zu einem Verlust von 600 G US $ an den Börsen der fünf am meisten betroffenen Staaten geführt hat. Die Konsequenzen waren Konkurse, Produktionseinbußen und Arbeitslosigkeit. Die Krise war wenigstens teilweise auf irrationale Reaktionen zurückzuführen. Unvernünftige Entwicklungen an der Börse können auch passieren, wenn Informationen aus den Medien einschließlich Internet nicht korrekt analysiert werden. Asymmetrische Information (Mishkin, 1999) führt zu zwei grundlegenden Schwierigkeiten im Finanzsystem (und auch sonst): ungünstiger Auswahl und moralischer Gefahr. Der Nikkei-Index fiel von 38.916 (1989) auf 14.309 (1992) mit der Konsequenz einer dramatischen Rezession (Thurow, 1996, S. 12, 288). Aus seiner Sicht ist eine Stagnation die Gefahr. Die Probleme des Kapitalismus, wie die Instabilität, sind immer noch nicht ge-löst (Thurow, 1996. S. 476-478). Luttwak meint (1999, S. 19), daß Fragen nach den sozialen Konsequenzen des gegenwärtigen Turbokapitalismus nie gestellt wurden, und der Kapitalismus ein gewisses Maß an Kontrolle braucht (S. 11). Eine Reduktion des Tempos der ökonomischen Veränderung (S. 173) könnte die Situation verbessern. Da der globale Finanzmarkt ohne offizielle Überwachung oder Kontrolle ist und sehr empfindlich auf Fehlinformation oder Hysterie rea-giert (S, 293), ist eine rasche Einführung einer gut funktionierenden Protektion sicher besser als eine Katastrophe. Er vermutet, daß die zunehmende Instabilität von Betrieben und Arbeitsplätzen verursacht wird durch den beschleunigten strukturellen Wandel, der durch den Verlust der Kontrolle durch den Staat er-möglicht wurde (S. 353). Luttwak führt im Detail eine Vielzahl von Argumenten an für seine Bedenken: Hunger, Arbeitslosigkeit, das Drogenproblem, Kriminali-tät, die Destabilisierung der Gesellschaft, den Zerfall der Familien, sozialen Abstieg und den Verlust an Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit (Luttwak, 1999). Josef Stiglitz hat sein Buch geschrieben wegen der verheerenden Konsequenzen, welche die Globalisierung für die Entwicklungsländer und besonders für die Armen dort hatte (2002, S. 7). Das Buch ist eine sehr detaillierte und sorgfältige Analyse der Bedingungen und Ursachen globaler Wirtschaftskrisen. Sitglitz plädiert für sanfte Entwicklungen und ist gegen Schocktherapie (ibid. S. 9). Das wird jedem begreiflich, der über die vielen komplexen Schritte nachdenkt, die erforderlich sind um eine legale Struktur zu schaffen, eine Gesellschaft auszubil-den und auf einen hohen Entwicklungsstand zu bringen. Dabei spielen nicht nur Inflation sondern auch Beschäftigung und Wachstum eine wichtige Rolle (ibid. S. 62). Alle Probleme und Fragen müssen kohärent und in einem sozialen und politischen Kontext fair betrachtet werden (ibid. S. 98-99). Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs verursachte große spekulative Finanzströme, die Störungen und Instabilitäten auslösten mit der Konsequenz eines zunehmenden Abstands zwischen den Reichen und den Armen. Deshalb sollte man die Finanzströme adäquat dämpfen. Bedenken werden auch durch die BIS (Bank for International Settlements) dokumentiert (vgl. www.bis.org): „The stability of the international monetary and financial systems has long been a central concern of the central bankers meeting at the BIS. The need to strengthen financial systems worldwide has led to increased demand for assistance in implementing sound policies in all areas bearing on financial stability“. Politiker (Geissler, 2000) haben auch ihre Beden-ken ausgedrückt und meinen, daß es dringend notwendig ist, die ökonomische und finanzielle Situation zu verbessern, so daß die Gesellschaft menschlicher wird. Er erwähnte, daß 225 Personen ein Vermögen von 1 T US $ besitzen, und daß dies dem jährlichen Einkommen der Hälfte der Menschen auf unserer Erde entspricht. Indem er Schumpeter zitiert, argumentiert Flassbeck (1999), daß die Ökonomie eines ihrer völlig verschiedenen Felder halbwegs erfolgreich bearbei-tet hat, nämlich das der statischen Betrachtungsweise ökonomischer Prozesse. Aber das andere Feld, die Dynamik, sei nach wie vor ein Gebiet für die Zukunft. Schließlich empfiehlt er, daß der Staat einen Ordnungsrahmen vorgeben sollte für die sich dynamisch entwickelnde nationale sowie internationale Ökonomie, einen Rahmen, der Wettbewerb und soziale Integration sowie gesellschaftlichen Zusammenhalt garantiert. Seiner Meinung nach fehlt immer noch genügend Dynamik. In einem Interview äußert auch Joseph Stiglitz (1999) seine Sorge darüber, daß spekulative Finanzströme destabilisierend wirken könnten und, daß deshalb ein gewisses Maß an Intervention nötig sei. Stiglitz fragte: Welche Maßnahme ist am effektivsten? Mit Obstfelds Worten (1998) ist der beste Weg, den Nutzen zu maximieren, zur ökonomischen Integration zu ermutigen und gleichzeitig damit einhergehende Verzerrungen und unerwünschte Nebenerscheinungen zu be-kämpfen. Er schlägt effektivere Überwachung und Regulierung der Aktiva- und Passiva-Strukturen der Finanzinstitutionen vor. Markus Schulte (2000) hat zwei fundamentale Fragen gestellt: 1) Wie können finanzielle Krisen vermieden wer-den und 2) wie läßt sich die Regulierung der Schulden der ärmsten Länder so organisieren, daß die Armen und nicht die Korrupten davon profitieren? Schulte fordert, daß die Regierungen und Wissenschaftler zur Lösung des gegenwärtig wichtigsten ökonomischen Problems beitragen sollten. Folglich scheint irgendeine Art von „Intervention“ notwendig zu sein, aber bis-lang war es nicht klar, welche Maßnahme die beste ist. Schon Adam Smith hat für eine Kontrolle der Finanzmärkte plädiert (vgl. Sen, 2000. S 39). Wie Caprio und Honohan (1999) hervorheben, braucht man eine innovative und keineswegs repressive Verfahrensweise parallel mit einem regulativen Konzept, so daß das Finanzsystem gegen Krisen geschützt ist und trotzdem Wachstum gefördert wird. Eine supranationale, legale und völlig transparente Autorität ist erforder-lich (Rogoff, 1999), und die ist am vernünftigsten in einer globalen Welt. Ein weiterer, wichtiger Punkt ist von Sen (2000) betont worden: die enge Verknüpfung zwischen persönlicher Freiheit, ökonomischer Freiheit und Entwicklung im allgemeinen. Sind wirtschaftliche Krisen gründlich genug wissenschaftlich untersucht worden? Hat man sie wirklich verstanden? Welcher Weg ist der beste zu ihrer Vermeidung? Krisen entstehen in ungedämpften Systemen, bei zu hohen Geschwindigkeiten. Andererseits führt eine zu geringe Geschwindigkeit des ökonomischen Wandels oder Fortschritts zu einer Vergeudung von Ressourcen. Optimale Geschwindigkeit ist notwendig. Sie wird bei optimaler Dämpfung erreicht. V. Der Ausweg: Dämpfung des Kapitaltransfers Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, die internationale Finanzarchitektur zu reformieren (vgl. Rogoff, 1999, und die dortigen Referenzen). Rogoff liefert einen Überblick über die wichtigsten Probleme und beurteilt kritisch Beispiele, wie man mit ihnen umgeht und Dinge verbessern kann. Frenkel und Menkhoff (2000) betonen die Schwachstelle des gegenwärtigen Welt-Finanzsystems, ver-ursacht durch den Mangel an „ordnungspolitischer Rahmensetzung“ (oR) für Finanzmärkte auf internationaler Ebene. Eine wirkungsvolle oR muß das Risiko ausschließen, daß Gewinne privatisiert werden und Verluste von der Gemein-schaft getragen werden müssen (S. 262). Frenkel und Menkhoff halten eine Ver-besserung der Regulierung des Finanzmarkts für höchst wünschenswert. Am wichtigsten ist eine Regulierung des kurzfristigen internationalen Kapitalflusses. Aber: Regulierung, wie normalerweise verstanden, kann und wird meistens Nachteile haben, die nicht vorhergesehen werden, wie Rudolph (2000) gezeigt hat. Paul (2000) argumentiert richtig, daß mit Blick auf Effizienz diejenige Re-gulierungsalternative vorgezogen werden sollte, welche die Ausübung der „Un-ternehmerfunktionen“ und so die Nutzung von Kenntnissen minimal stört. Lebowitz (2000) argumentiert, daß die Wissenschaftler besondere Verantwortung haben und eine Führungsrolle übernehmen sollten, um eine bessere Welt zu schaffen. In diesem Geist der Verantwortung der Wissenschaft (Jovanovic, 1999), ist es entscheidend, know-how zu korrelieren und anzuwenden. Das erfor-dert, in Übereinstimmung mit Lester Thurow (1996, S. 479), die Verknüpfung verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Hier ist es notwendig, daß Volks- und Finanzwissenschaftler mit Naturwissenschaftlern zusammenarbeiten, die verste-hen, was physikalische Dämpfung ist und Vorstellungen entwickeln können, wie diese Dämpfung, die in technischen Disziplinen außerordentlich erfolgreich eingesetzt wird, auch auf die globale Finanzwirtschaft angewandt werden kann, zum Vorteil der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Es ist also die Auf-gabe der Wissenschaftler, Wege zur Lösung von Problemen zu erarbeiten und zu präsentieren, auch wenn sie zunächst noch so abwegig, seltsam oder fremdartig erscheinen mögen. Die hier vorgeschlagene Dämpfung ist minimale Regulierung und die beste oR, glättet rasche Fluktuationen, reduziert den kurzfristigen, und damit den meist spekulativen Kapitalfluß und berührt die Unternehmerfunktion kaum. Sie entspricht den Forderungen und Wünschen von Frenkel und Menkhoff (2000) und Paul(2000). Erst der Test an der Wirklichkeit, der globalen Wirt-schaft, wird quantitativ zeigen, wie nützlich die Dämpfung des Kapitaltransfers ist. Dafür sind legale Rahmenbedingungen notwendig (vgl. Caprio und Hono-han, 1999, und Rogoff, 1999). Diese Rahmenbedingungen zu schaffen ist die Aufgabe der politischen Autoritäten. 1. Realisierung der Dämpfung - oder die Lösung des Problems Tobin hat schon 1971, besonders eindringlich aber 1978 (Tobin, 1978) vorge-schlagen, kurzfristige Kapitalflüsse zu besteuern und so alle Transaktionen in Fremdwährungen zu erfassen (vgl. auch Obstfeld, 1998, Fußnote S. 15). Eine derartige Steuer beeinflußt alle derartigen Transaktionen. Sie würde sicherlich den spekulativen Fluß behindern und dem day-trading entgegenwirken, wurde aber bis heute nicht angewandt. Paul Bernd Spahn (Spahn, 2002) hat im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Bonn, ein Gutachten erstellt und darin sehr detailliert die Durchführbarkeit einer Devisentransaktionssteuer untersucht. Die Tobin-Steuer stellt wie die Dämpfung des Kapitaltransfers sicher, daß sich das Kapital zum besten, ökonomischsten Platz bewegen kann, ohne nationale Präferenz. Die Tobin-Steuer ist bei einem Satz von 1% eine Steuer, die einen mehr statischen Einfluß auf die Wirtschaft hat. Echte Dämpfung hat aber dynamischen Charakter. Im zweiten Abschnitt wurde ein idealisiertes System beschrieben, welches dy-namisch gedämpft war und dessen Verhalten leicht berechenbar ist. Folglich können Vorhersagen über seine Reaktion, die Bewegung der Kugel, gemacht werden, wenn man sie aus der Ruhelage entfernt und losläßt oder, wenn der Aufhängungspunkt verschoben wird, an dem die Feder befestigt ist. Ökonomi-sche Systeme sind sehr komplex. Obwohl man für sie Modelle formulieren kann, ist nicht klar, ob Vorhersagen möglich sind, es sei denn, mathematische Untersu-chungen haben gezeigt, daß die Gleichungen des Modell keine chaotischen Lö-sungen haben. Es ist nicht ungewöhnlich, daß komplexe Systeme chaotisches Verhalten zeigen. Deshalb ist es auch nicht einfach, die Ursachen für Wirt-schaftskrisen zu verstehen. Bluestein (2001) spricht mehrere Gründe an. Es gibt nur einen sicheren Weg, die Reaktion eines sehr komplizierten Systems zu bestimmen: Man muß das System leicht „stören“ und dann sein Verhalten als Funktion der Zeit beobachten. Da die ökonomischen Systeme in unserer realen Welt sehr komplex sind, ist es schwierig, Gewinne zu quantifizieren (Obstfeld,1998). Deshalb kommentieren Analysten abends die Aktienkursentwicklungen des Tages. Sie sagen aber nie voraus, wie sich die Kurse am nächsten Tag entwickeln werden. Das ist verständlich, denn es gibt kein Modell, das die Psychologie der Anleger korrekt erfaßt. Was die hier vorgeschlagene Dämpfung des Kapitaltransfers betrifft, ist es aus ähnlichen Gründen weder theoretisch noch empirisch möglich, quantitative Vorhersagen zu machen. „Vorhersagen“ sind immer schwierig, „vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“. Die wichtigsten Gründe dafür sind einerseits, daß Staaten nie alle Information offenlegen und somit wesentliche Eingabedaten für Weltmodelle fehlen. „Khan said: it is not clear our economics theory works“ (Bluestein, 2001, S. 25). Andererseits ist die Psychologie der Anleger nicht durchschaubar und darum nicht quantifizierbar. Sie ist, wie Bluestein schreibt, oft geprägt durch Panik. Aber es läßt sich qualitativ vorhersagen, welche Wirkung die Dämpfung des Kapitaltransfers hat. Um dies zu verstehen, ist es entscheidend zu begreifen, was Analogie ist. Ein Autofahrer, der eine Paß-Straße hinabfährt, wird nie berechnen, wie stark er bremsen muß, und niemand wird auf der Paßhöhe von ihm verlangen, seine Talfahrt theoretisch oder empirisch abzusichern. Er bremst so, daß er die Geschwindigkeit seines Fahrzeugs unter Kontrolle hat, ohne Rechnung, ohne Elektronik, sondern einfach „automatisch“. Analog kann man auch keine Vorhersage machen für die optimale Dämpfung des Kapitaltransfers. Wir haben aber vom physikalischen System gelernt, wie es sich verhält, wenn man die Dämpfung ändert. Und darum kann man auch qualitative Vorhersagen machen, wie allgemeine Systeme reagieren: 1) Zu geringe Dämpfung führt zu Oszillationen („Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“). Das ist ökonomisch unerwünscht, denn derartige Oszillationen führen zu überhitzter und ineffektiver Ökonomie und dann zu Krisen mit ihren bekannten und fast immer negativen Begleiterscheinungen. 2) Zu starke Dämpfung führt auf der anderen Seite zu Kriecheffekten. Das be-deutet eine Marktentwicklung mit zu geringer Mobilität des Kapitals und zu geringer Aktivität auf dem Börsenmarkt. Der Gesamteffekt entspricht dann dem bei zu starker Kontrolle, Protektionismus oder unnötigen Regulierungen. Das ist ökonomisch nicht optimal. Zu starke Dämpfung ist wie eine Bremsung und tötet letztlich die Dynamik eines gesunden Wirtschaftssystems. 3) Der beste Weg ist stets optimale Dämpfung, die es einem ökonomischen Sys-tem gestattet, am schnellsten zu reagieren und trotzdem gleichmäßig, wie auch Stiglitz das fordert (2002). Dabei ist es nicht wichtig, exakt optimal zu dämpfen. Etwas zu wenig Dämpfung bedingt zwar kleine Oszillationen, die aber rasch abklingen, und etwas zu viel Dämpfung garantiert zwar eine stetige Entwick-lung, aber sie verringert etwas das Entwicklungstempo. Da sich die Marktbedin-gungen immer ändern, erlaubt optimale Dämpfung die schnellste und gleichmä-ßigste Anpassung eines Wirtschaftssystems. Und das beste ökonomische System folgt sich ändernden Anforderungen, der treibenden Kraft, rasch und gleichmä-ßig. Das ist analog zum idealisierten physikalischen System. Die Wirtschaft funktioniert am besten im freien Markt. Optimale Geschwindig-keit der wirtschaftlichen Entwicklung läßt sich durch optimale Dämpfung des Kapitaltransfers und des Börsenmarktes erreichen. Das ist die beste Möglichkeit, denn Dämpfung ist ein dynamisches Mittel, welches die Mobilität des Kapitals nicht bremst, aber rasche Fluktuationen glättet, Überhitzung der Wirtschaft ver-meiden hilft und so die Gefahr von Wirtschaftskrisen und Börsenzusammenbrü-chen drastisch mindert und gleichsam automatisch die Spekulation auf ein ak-zeptables, erwünschtes oder notwendiges Maß zurückführt. Dann geschieht die Entwicklung des Wirtschaftssystems evolutionär, so wie in der Natur. Wie kann man im Hinblick auf die komplexe Struktur eines Wirtschaftssystems optimale Dämpfung erreichen? Der offensichtliche Weg ist, mit einer vernünftigen Stärke der Dämpfung zu beginnen (leichte Störung des Systems Finanzwirtschaft) und die Reaktion der Wirtschaft zu beobachten. Die globale Kapitalmobilität ist gegenwärtig praktisch ungedämpft und dramatisch überhitzt (zu hoher spekulativer Anteil). Darum sollte man umgehend mit der Dämpfung des Kapitaltransfers beginnen. Um Dynamik zu erhalten, muß man aber zu starke Dämpfung vermeiden. Ein gutes Kriterium, welches eine vernünftige Stärke für die Dämpfung liefert, sind die mittleren, täglichen Fluktuationen der Wechselkurse. Es ist deshalb sinnvoll, mit einer Dämpfungs-Gebühr von 0,5% (wenigstens 0,2%) zu beginnen und zwar für jede Transaktion. Das bedeutet, daß jemand, der Geld von einer Währung in eine andere wechselt und weil er spekuliert zurück, insgesamt 1% an einen „Topf“ abgeben muß. Dieser „Verlust“ von 1% ist sehr bescheiden, verglichen mit den Wechselgebühren, an die sich der Tourist gewöhnt hat. Kosten in einer Höhe von 24% (Edwards, 1999, S. 82) in Strategien, welche die Einfuhr oder Ausfuhr kontrollieren sollen, strangulieren die Wirtschaft. Für 1,5 T US $ Kapitaltransfer pro Tag würden sich im „Topf“ bei 0,5% Dämpfung täglich 7,5 Milliarden US $ ansammeln. Die Dämpfungs-Stärke, die optimale Dämpfung des Kapitaltransfers ergibt, findet man am einfachsten, wenn man die Reaktion des Kapitaltransfervolumens beobachtet und die Dämpfungs-Stärke, vielleicht sogar täglich, anpaßt, so, wie wir derzeit täglich über den Wechselkurs zwischen Euro und US $ informiert werden. Eine derartige Anpassung der Dämpfungs-Stärke in kurzen Zeitabständen sorgt dafür, daß die Dämpfung dynamisch bleibt. Ein konkretes Beispiel mag die Wirkung der Dämpfung des Kapitalverkehrs verdeutlichen. Nehmen wir an, daß die selbstverständlich bekanntgegebene (Transparenz!) Dämpfungsgebühr mit 0,3% festgesetzt ist. Ein Anleger, der einen Betrag S langfristig in ein Unternehmen investiert, muß 0,003 x S in den Dämpfungstopf abführen. Das Unternehmen möge sich positiv mit nur 3% pro Jahr entwickeln. Nach vier Jahren ist S um 12,55% gewachsen. Zieht der Anle-ger nun sein Kapital samt Gewinn zurück, zahlt er bei 0,3% Dämpfungsgebühr nochmals 0,003 x S x 1,1255, insgesamt also 0,006377 x S in den Topf. Ein day-trader, der nur spekulieren will mit dem Betrag S, der ebenfalls mit 3% pro Jahr wachsen möge, zahlt bei gleicher Dämpfungsgebühr, wenn er nur zehnmal pro Jahr kauft und verkauft etwa 10 x 2 x 0,3% x S, rund 0,06 x S pro Jahr in den Topf. In 4 Jahren rund 0.25 x S. Bei einem Gewinn von 0.1255 x S ist das ein beachtliches Defizitgeschäft. Er kann vielleicht nur gewinnen, wenn er Fluktua-tionen extrem geschickt und vorausahnend nutzt. Sonst wird er wegen der Dämpfung wahrscheinlich seine Lust an der Spekulation überdenken und sich für langfristiges Anlegen entscheiden aus purer Profitsucht! Das beruhigt die Wirtschaft. Und das ist die Absicht der Dämpfung. Bei „short-term“-money (Bluestein, S. 82-83), oder „hot money“ (ibid., S. 124) wirkt die Dämpfung in gleicher Weise. Die Empfehlung „...involve people...“ (ibid., S. 174) wird durch Dämpfung des Kapitaltransfers „automatisch“ erreicht. Die Dämpfung sorgt also dafür, daß der globale Kapitaltransfer geringer wird, um so geringer, je stärker die Dämpfung. Wenn der globale Kapitaltransfer etwa den doppelten Umfang dessen erreicht hat, was zur Finanzierung von Waren erforderlich ist, dann könnte man immer noch etwas stärker dämpfen, sollte aber Spekulation nicht völlig unterdrücken. Man könnte sogar darauf zielen, den Dämpfungs-Gewinn im „Topf“ zu maximieren, der dem Produkt zwischen glo-balem Kapitaltransfer und dem Dämpfungs-Prozentsatz entspricht. An der Börse betragen die Fluktuationen innerhalb eines Tages oft mehrere Prozent und bei einzelnen Aktien sind Änderungen von mehr als 10% an einem Tag nicht selten. Darum stellt sich die Frage, ob nicht auch dort die Einführung einer Dämpfung die Fluktuationen glättet und die Börsen beruhigt. Dämpfung an der Börse ist überfällig. Auch hier sollte man zunächst mit schwacher Dämpfung beginnen und sie dynamisch anpassen, so daß die fundamentale Forderung der Marktwirtschaft erfüllt bleibt, daß das Kapital dorthin fließen kann, wo es öko-nomisch am effektivsten ist. Auch für die Dämpfung des Börsenmarktes sollte man mit einer Dämpfungs-Stärke beginnen, die zwischen 0,2 und 0,5% des Ak-tienkurses liegt und somit deutlich unter den Tageskursschwankungen des Dow-Jones oder Dax oder anderer Indizes bleibt. Wäre der Anstieg der Kurse im Be-reich der neuen Technologien und Kommunikationsmedien mit Dämpfung nicht weniger steil erfolgt und auch der Absturz danach nicht weniger tief gewesen? Hätte darum die Dämpfung der Psychologie der Anleger und somit letztlich der Wirtschaft nicht gut getan? Die Einführung einer Dämpfung des internationalen Kapitaltransfers und des Börsenmarktes bedarf einer legalen Basis, die von den Politikern aller ökono-misch relevanten Länder (G-8?) geschaffen werden muß. Kooperative Politik ist notwendig (Thurow, 1996, S. 202). Die Politiker sollten die Herausforderungen begreifen (Summers, 1999), welche die globale ökonomische und finanzielle Integration mit sich bringen. Und die Politiker sollten prompt und als „globale“ Staatsmänner handeln. Die ökonomisch führenden Nationen sollten die Initiative ergreifen und global faire und ökonomisch gesunde Entscheidungen treffen. Im Kontext der Chancen und Probleme der Globalisierung und der Diskussion, wie man private Kapitalbewegungen handhabt, welche nicht nur dem Betrag nach zunehmen, sondern deren Geschwindigkeit auch wächst, sollte Dämpfung vorzugsweise von einer Autorität durchgeführt werden, die das Ziel eines globa-len Fortschritts verfolgt, so daß letztlich ein optimaler Kompromiß erreicht wird zwischen De-Regulierung und Re-Regulierung. Frenkel und Menkhoff halten es für erforderlich (2000, S. 265), eine mit genügend Macht ausgestattete und effi-ziente internationale Institution zu etablieren, eine weltweit legale Überwa-chungs-Autorität oder Welt-Finanzorganisation. Da der IWF nach Bluestein (S. 202) „...established a world-wide monitoring system…“, sollte es eine natürliche Aufgabe für den IWF sein, die Initiative für die Einführung der Dämpfung zu entwickeln und die Regierungen davon zu überzeugen, die erforderlichen legalen Schritte zu tun, um Dämpfung zu implementieren, damit Finanzkrisen mit allen ihren Nachteilen in Zukunft vermieden werden. 2. Vorteil der Dämpfung des Kapitaltransfers und des Börsenmarktes Das idealisierte physikalische System, die an einer Feder aufgehängte Kugel in einem dämpfenden Medium, hat uns gelehrt, daß optimale Dämpfung nicht nur ein System stabilisieren kann, sondern auch den schnellsten Weg eröffnet, um ein System problemlos und evolutionär zu ändern. Optimale Dämpfung sollte ein natürliches, aber sehr wichtiges Element der Dynamik in die Ökonomie einbringen und somit eine dynamische Stabilisierung der Wirtschaft bewirken. Dämpfung ist ein Phänomen, das nur in einem dynamischen System existiert. In einer statischen Welt kommt sie nie vor. Darum sollte sie zu einem wichtigen Fortschritt in der Wirtschaft führen. Dämpfung beläßt dem internationalen Kapitalmarkt seinen enormen Vorteil, aber sie mindert seine Bedrohung erheblich. Dämpfung stellt auch sicher, daß die treibende Kraft unverändert bleibt aber das Risiko für Krisen und Börsenzusammenbrüche erheblich reduziert wird. In Analogie zum physikalischen System kann man voraussagen: Optimale Dämpfung des Geldtransfers und des Börsenmarktes bewirkt, daß investiertes Geld die optimale, die schnellste und gleichmäßigste evolutionäre wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, völlige persönliche Freiheit für Kapitaltransfer bei flexiblen Wechselkursen, für den Börsenmarkt und für Wettbewerb auf einem freien Markt. Kapital kann sich dann die lohnendste globale Verwendung suchen (Obstfeld, 1998). Der größte Teil der meist unterschiedlichen Regelungen der einzelnen Staaten wird dann überflüssig. Die Vermeidung der Extreme von keiner Dämpfung, die zur Überhitzung der Wirtschaft und ökonomischen Krisen oder Börsenzusammenbrüchen führt, oder zu starker Dämpfung, die letztlich die Wirtschaft abwürgt. Optimale Dämpfung sorgt dafür, daß zuwenig Disziplin, ehe die Krise kommt, und zuviel Disziplinie-rung danach (Obstfeld, 1998) vermieden wird, weil langfristige Anlagen gegen-über kurzfristigen geringere Dämpfungs-Gebühren verursachen und damit den Gewinn der Anleger erhöhen. Man kann einwenden, daß Dämpfung auch den seriösesten Anleger, der an Spekulation überhaupt nicht interessiert ist, etwas kostet. Das ist richtig. Aber man sollte stets bedenken, daß es nichts im Leben gibt, was nur positive Seiten hat: „There is no free lunch.“ In der physikalischen und technischen Welt, in der wir leben, resultiert die Dämpfung in der Umwandlung von Energie in Wärme, die meistens verloren-geht. Aber Dämpfung des internationalen Kapitaltransfers in andere Währungen oder beim Kauf oder Verkauf von Aktien besonders beim „day-trading“ resultiert in einer Geldquelle im „Topf“, dem Dämpfungsprofit, der benützt werden sollte, um den Menschen zu helfen, die auf unserer Erde Leid ertragen müssen. Was hier vorgeschlagen wird, zielt darauf hinaus und ist zusätzlich zur „instrumentel-len Freiheit“ (Sen, 2000) eine Vorbedingung für eine „Ökonomie für den Men-schen“ (Sen, 2000), vorausgesetzt, daß weitere Schritte unternommen werden, wie Sen sie empfiehlt (2000, S. 94 und 240). Stiglitz ist der Ansicht, daß wir einer dauerhaften Basis bedürfen, um die Entwicklungshilfe zu finanzieren und die Schulden der ärmsten Länder zu tilgen (2002, S. 279). Der Dämpfungsprofit könnte das ermöglichen. Anders formuliert: „The lunch is most excellent and yet very inexpensive. “ Faires Teilen und die Unterstützung der ärmsten Menschen in unserer Welt garantieren Frieden. Folglich sollte die Reduktion der Kriegsgefahr es gestatten, in die Richtung „Waffen zu Pflugscharen“ zu gehen. In der nahen Zukunft benötigen wir vor allem mehr Energie für die zunehmende Weltbevölkerung (Heinloth, 1997). Außerdem haben wir dringenden Bedarf (vgl. auch Sen, 2000), die elementaren globalen Ziele zu unterstützen: Freiheit, genügend Nahrungsmittel, ausreichende medizinische Versorgung, genügend Unterstützung für die Schwachen, die Kranken, die Behinderten und die alten Menschen, im Hinblick auf die Tatsache, daß die Menschen älter werden (vgl. auch Thurow, 1996, S. 143-168, und Lee und Skinner, 1999). Ferner erfordert soziale Absicherung, genügend gute Behausung und weltweite Familienplanung (Potts, 2000) sowie Hilfe nach Naturkatastrophen, globale Unterstützung. Da nur moralische Handlungsweise dem Leben Schönheit und Würde verleihen kann (Einstein, 1979, S. 75), sollte es überzeugen, daß auch Personen, die momentan mehr daran interessiert sind, jetzt „Geld zu machen“, schließlich einsehen, daß sie dennoch mehr als genug Geld verdienen: Anfangs könnte es wegen der Dämpfung etwas weniger sein, aber langfristig wird es mehr sein, weil dann ein zunehmender Anteil derjenigen Menschen am Weltmarkt teilnimmt, die später weniger arm, folglich nicht mehr ausgegrenzt, sondern integriert sind. Besonders diese Menschen werden aus wirtschaftspsychologischen Gründen (von Rosenstiel, 2003) zu einem globalen Aufschwung beitragen, der bei optimaler Dämpfung lange andauern wird. Die Menschen sollten ihren Blick nicht nur auf den Profit, ihr Einkommen und ihren Wohlstand beschränken (Sen, 2000). Wenn sie diesem Vorschlag folgen, werden sie auch nach Ansicht des Autors letztlich freier sein und glücklicher. Deshalb werden selbst diese Personen verstehen, daß es auch in ihrem Interesse sein wird, wegen der Dämpfung mitzuhelfen, eine bessere Welt zu gestalten. VI. Schlußfolgerung Re-Regulierung oder verschiedene andere ökonomische Maßnahme könnten ein Hilfsmittel sein, aber der Autor ist der Auffassung, daß sie meistens inkompati-bel sind mit einem freien Markt. Die Wirtschaft funktioniert am besten, wenn sie weitestgehend „natürlich“ verläuft. Das bedeutet, daß sie optimal gedämpft sein sollte. Da Dämpfung ein dynamisches Phänomen ist, ist durch ihre Anwendung sichergestellt, daß der Markt frei bleibt, daß aber mögliche katastrophale Exkur-sionen, die in einem ungedämpften Kapitalmarkt nicht nur vorkommen können sondern auch auftreten (siehe Bluestein, 2001), weggedämpft werden. In der Vergangenheit haben wir solche Exkursionen erlebt mit ihren bekannten, aus-schließlich negativen Einflüssen. Es ist wichtig, effizient zu helfen. Häufig (Ke-venhörster, 2000; Dörner, 1989; Stiglitz, 2002) ist das Gegenteil der Fall. Es ist ebenso bedeutend, ausgezeichnete Ausbildung global zu fördern. Amartya Sen (2000) hat betont, daß Ausbildung und die Selbstbestimmung der Frauen die Geburtenrate reduziert und die Sterberate von Kindern, was entscheidend ist mit Blick auf die Überpopulation unseres Planeten. Die Frage, die Stiglitz stellt, was er tun könne, um den Traum von einer Welt ohne Armut Wirklichkeit werden zu lassen (2002, S. 39), sollte von jedem von uns in fairer Weise beantwortet werden, am besten durch Taten. Schulte (2000) zitiert Michel Camdessus, den früheren IWF-Präsidenten, dessen Ziel es war, die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Wir sollten die persönliche Sklaverei (Bales, 2000) überwinden und auch die „finanzielle Sklaverei“. Die Dämpfung des Kapitaltransfers und der Börse generell und ein faires Teilen des Dämpfungsprofits könnte es uns ermöglichen, dieses Ziel zu erreichen, indem sie hilft, unsere Welt für alle Menschen auf der Erde besser bewohnbar zu machen. Anmerkung Meinem Sohn, Rembert A. O. Schult danke ich für viele Empfehlungen, die volkswirt-schaftliche Fragen betreffen, und für die Durchsicht des Manuskripts. Herrn Prof. Dr. Friedrich Schneider bin ich für seine Hilfe und wertvolle Anregungen verbunden. Ich danke auch Herrn Prof. Norbert Walter, dem Chef-Volkswirt der Deutschen Bank und Herrn Rudolf Rech, Direktor bei der Deutschen Bank, für Ihre Hilfe. Literatur Bales, K. (2002),Ware Mensch die neue Sklaverei, Spektrum der Wissenschaft 10, 24-32. Bluestein, P. (2001), The Chastening, Inside the Crisis that Rocked the Global Financial System and Humbled the IMF, Public Affairs, ISBN 1-891620-81-9. Brönstrup, C. 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