Jahrgang 58
Nr. 4/2004 August
DIE NEUE ORDNUNG

Ansgar Lange

Aufstand der Alten?

I. Schirrmacher imitiert Ernst Jünger

Klappern gehört zum Handwerk. Frank Schirrmacher, für das Feuilleton zustän-diger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat diesen Leitspruch verinnerlicht. In seinem neuen Buch „Das Methusalem-Komplott“ – so ähnlich könnte auch ein Robert-Ludlum-Thriller lauten – hält er sich an diese Defensive. Die Online-Ausgabe der Berliner Zeitung titelte treffend: „Sorge Dich nicht, werde Jünger“. Diese doppeldeutige Überschrift zielt auf Schirrmachers Stil ab, der dem des Ernst Jünger der „Stahlgewitter“ abgelauscht zu sein scheint. Eine Kostprobe, die zugleich der erste Satz ist: „Sie wissen es zwar noch nicht: aber Sie gehören dazu. Da Sie imstande sind, dieses Buch zu lesen, zählen Sie zu denjenigen, denen der Einberufungsbescheid sicher ist. Die große Mobilma-chung hat begonnen. Im Krieg der Generationen sind Sie dabei. Sammeln Sie sich und seien Sie getrost: Sie gehören auf die Seite der Menschen, denen es in den nächsten Jahrzehnten aufgegeben ist, eine Revolution anzuzetteln.“

Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott, Karl Blessing Verlag, München 2004. 220 S.

Zugegeben: Frank Schirrmachers Stil mag den ein oder anderen Leser irritieren. So bezeichnete die linksalternative tageszeitung den 1959 geborenen FAZ-Herausgeber als den „größte(n) Windbeutel, den der deutsche Journalismus je hervorbrachte“. Und die Berliner Linkspostille brachte auch sogleich ein Bei-spiel: „‘Deutschland wird im Jahr 2050 12 Mio. Menschen verloren haben – das sind mehr als die Gefallenen aller Länder im Ersten Weltkrieg. Im Tierreich wäre man damit zum Aussterben verurteilt: lebende Tote.‘ Wenn man schon keinen Gedanken hat, soll man ihn auch nicht durch Grammatikregeln stören, lautet die Devise im Zombie-Reich des Frank Schirrmacher. Man ‚wäre‘ also lebende Tote! Wer nicht schreiben kann, wird Genexperte – und vermutlich sehr, sehr alt. Versäumt Schirrmacher doch nie zu erwähnen, daß seine Großmutter 104 Jahre alt wurde und er für seine Person mit einer ähnlichen Haltbarkeitsdau-er rechne. Tod und Teufel! Dann liegen noch 60 Jahre Schirrmacher vor uns. Es sei denn, jemand läßt endlich die Luft aus dem Windbeutel.“ Diese Passage ist zwar witzig und polemisch, verkennt aber vor lauter Schärfe und Häme, welchen Wert die jüngste Veröffentlichung Frank Schirrmachers hat. Wer nur den alar-mistischen Stil und Schirrmachers Eigentümlichkeit ins Auge faßt, die Leser direkt mit „Sie“ anzusprechen und so permanent und etwas distanzlos ins Ge-spräch einzubeziehen, läßt außer Acht, daß Schirrmacher ein Thema, vielleicht sogar das Thema der Zukunft behandelt: die Menschen in der westlichen Welt werden immer älter, gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Anders als in den USA und Frankreich, wo die Menschen zwar älter werden, aber immer noch der Mut zum Kind besteht, ist Deutschland vom Geburtenschwund betrof-fen. Im Jahr 2003 wurden nur 715.000 Kinder geboren: „Das sind anderthalb Prozent weniger als im Vorjahr, etwa 100.000 weniger als vor 30 Jahren und so wenig wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik.“ (Frankfurter Allge-meine Sonntagszeitung, 11. April 2004)

Schirrmacher versteht es, Debatten anzuregen, die weit über das elitäre „Blätt-chen“ der FAZ hinausreichen. Auch wenn er bisweilen seine Energie dafür ver-schwendet, boulevardesken Klatsch und Tratsch über die drohende Machtergrei-fung der Frauen im Medienbereich zu initiieren, kann man ihm einen Riecher für Zeitgeistthemen nicht absprechen. Als Einstieg in die Thematik der dramatischen demographischen Wandlungsprozesse eignet sich also eine kurze Vorstellung des Schirrmacherschen Buches sehr wohl.

II. Senioren als Opfer des „Rassismus“

Der Autor will provozieren und wachrütteln. Dazu dient sein Vergleich des al-ternden Menschen mit einem alten und klapprigen Automobil. Die Gesellschaft – auch diese Pauschalisierung könnte man kritisieren – füge dem alternden Lebe-wesen schweres Leid zu: „Sie jagt das alternde Auto auf der Autobahn, wenn es nicht freiwillig zur Seite geht, sie stört sich an seinen Geräuschen, sie hält es für eine Umweltbelastung und entzieht ihm am Ende aus Sicherheitsgründen die Zulassung, auf öffentlichen Straßen und Plätzen in Erscheinung zu treten.“ (13) Schirrmachers Grundthese meint, daß alte Menschen in unserer Gesellschaft vielfach ausgegrenzt und schlecht behandelt werden, obwohl sie vielleicht an physischer und geistiger Kraft immer schwächer, rein numerisch aber zusehends stärker werden. Nach der christlichen Lehre ist unser irdisches Dasein begrenzt. Dies hat nicht nur negative Seiten, sondern vor allem den Vorteil, daß die „letz-ten Dinge“ doch entscheidender sind als unsere kleinen und großen Kümmernis-se und Freuden in diesem „irdischen Jammertal“. Der Mitvierziger Schirrmacher akzeptiert nicht, daß unser irdisches Leben Grenzen unterworfen ist, ja er zwei-felt zumindest an, ob es diese Grenzen gibt. Dabei beruft er sich auf den Grün-dungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung in Ros-tock, Professor Dr. James W. Vaupel. Dieser anerkannte biodemographische Fachmann habe Anfang 2003 in der Zeitschrift Science einen Aufsatz zu dem Thema „Die zerbrochenen Grenzen der Lebenserwartung“ plaziert, indem er den Regierungen den Vorwurf gemacht habe, daß sie immer noch an eine fixierte und begrenzte Lebensspanne des Menschen glaubten. Schirrmacher spitzt diese Meinung zu: „Es gibt kein Indiz, daß es überhaupt eine Grenze der Lebenserwar-tung gibt. Und selbst wenn es sie geben sollte: Wir sind offenbar noch nicht einmal in der Nähe des Maximums.“ (23)

Welche Gefahren bergen die „Ideologien des Jugendwahns“ (31) in sich? Der Autor warnt, daß der tägliche Rassismus gegenüber alten Menschen zu einer „Kultur des Untergangs“ (S. 28) führe. Der Dauervorwurf, Senioren seien krank, schwach, böse, geizig, senil oder dement, schwäche die Widerstandsfähigkeit der älteren Mitbürger und käme so einer sich selbst vollziehenden Prophezeiung gleich. Alte Menschen müssen diesen Klischees nicht entsprechen. Schirrmacher führt mehrere Gegenbeispiele an. Allerdings verraten diese Beispiele aus den Bereichen der Kultur, Philosophie, Musik oder Literatur, daß der Feuilletonist Schirrmacher nicht die Gesamtheit der Gesellschaft, sondern nur eine elitäre Minderheit im Blickwinkel hat. So kann der Jahrhundertschriftsteller Ernst Jün-ger wahrscheinlich nicht als Prototyp der jetzigen Senioren angesehen werden: „Der 1895 in Heidelberg geborene Schriftsteller hatte alles mitgemacht und alles gesehen und alles überlebt. Noch der weit über 90-Jährige legte sich morgens in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser, schrieb Tagebuch und Briefe, las, medi-tierte, unternahm ausgedehnte Spaziergänge und lebte ein Leben, das viele schon deshalb neugierig machte, weil sie glaubten, dieser Mann habe irgendwo in sei-nen Wanderungen durch das Jahrhundert den Jungbrunnen entdeckt.“ (35)

III. Die Krisen der Zukunft

Wie wird diese alternde Gesellschaft der Zukunft aussehen? Schirrmacher datiert den Beginn des Konfliktes zwischen Jung und Alt auf das Jahr 2010. Zu diesem Zeitpunkt gehen die ersten Nachkriegsjahrgänge in den Vorruhestand. Zugespitzt liest sich dieses Szenario folgendermaßen: „Während die Alten leben und nicht sterben, wurden die Jungen, die wir für die Zukunft benötigen, niemals geboren.“ (40) Die Zukunft sieht, zumindest aus Sicht der biodemographischen Auguren, folgendermaßen aus: Wenn nicht starke Veränderungen eintreten (deutlich höhe-re Geburtenrate als bisher, massive Zuwanderung, Kriege oder verheerende Krankheiten und Seuchen), werden im Jahr 2050 über die Hälfte der Deutschen über 51 Jahre (heute 40) sein. Das vermeintlich bambiniversessene Italien kommt Ende des 21. Jahrhunderts nach diesen Prognosen nur noch auf zehn Millionen Einwohner. Das Motto heißt dann auch: Zurück zur Natur. Aber nicht, weil das Umweltdenken immer stärker Platz greifen würde, sondern weil sich die Natur in den kommenden Jahrzehnten immer stärker Bahn brechen wird. An die Stelle der schon jetzt eher spärlichen Bevölkerung in Brandenburg und Meck-lenburg-Vorpommern tritt dann „eine neue wilde und urwüchsige Natur“ (42).

Selbstverständlich wird diese Entwicklung auch gravierende wirtschaftliche Folgen haben. Es besteht zum Beispiel die Gefahr, daß die Gewerkschaften, die schon jetzt eines der größten Hindernisse für Wachstum, Innovationen, Refor-men und die Schaffung von Arbeitsplätzen in Deutschland sind, zu reinen Inte-ressenvertretern der Senioren degenerieren: „Die meisten Rentner der Republik finden sich in den Organisationen des DGB. Knapp 1,6 Millionen Mitglieder sind Rentner, Pensionäre oder Menschen, die sich im Vorruhestand befinden. Ein Forschungsprojekt der FU Berlin hält es sogar für wahrscheinlich, daß die Ge-werkschaften ihr Mandat erweitern und sich als Rentnergewerkschaften annon-cieren werden. Da unklar ist, wie egoistisch die Alternden der Zukunft sein wer-den, könnten die Folgen solcher Organisationsformen dramatisch sein. Steigt der Altenquotient um die vorhergesagten 100 Prozent, würde dadurch zwangsläufig das Rentenniveau halbiert beziehungsweise der Beitragssatz verdoppelt werden.“ (48)

Schirrmachers Kriegsmetaphorik zeichnet einen möglichen „Krieg der Kulturen“ an die Wand. Die vielen alten Menschen in der westlichen Welt stünden dem-nächst der „gewaltige(n) Jugendwelle der muslimischen Länder“ (50) gegenüber: „Es ist ein Bild von großartiger Symbolik: In dem historischen Moment, da in den muslimischen Ländern der Anteil der Jugend auf 20 Prozent steigt, haben die meisten europäischen Länder diesen Wert für die Alten erreicht oder überschrit-ten.“ (51) Der FAZ-Herausgeber beruft sich auf den US-Politologen Samuel Huntington, der den Finger darauf gelegt habe, daß in den nächsten Jahren der Anteil der jugendlichen Bevölkerung in der islamischen Welt auf mindestens 20 Prozent steigen werde. In diesem Jahrzehnt gilt das für Länder wie Ägypten, Iran, Saudi-Arabien und Kuwait, ab 2010 kann es Pakistan, Irak, Afghanistan und Syrien betreffen. Dieser hohe Anteil an jungen Menschen sei deshalb so brisant, weil dadurch die Gefahr von Revolutionen und anderen Krisen am Hori-zont erscheine. Dies sei eine Lehre der Geschichte. Das mag so sein. Schon jetzt ist der vitale und aggressive Islam fanatisierter jugendlicher Horden eine große Gefahr für das freiheitliche Leben des Westens. Es lohnt sich allerdings auch, den Blick auf die bereits jetzt eintretenden ökonomischen Folgen zu werfen.

Momentan ist die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland ein Thema der politischen Debatte. Es geht um die Auslagerung von Jobs nach Mittel- und Osteuropa (Nearshoring) und nach Asien (Offshoring). Die neuen Superpatrioten in der SPD haben – um vom eigenen wirtschaftspolitischen Versagen abzulenken – sogar eine völlig überflüssige Diskussion über den fehlenden „Anstand“ und „Patriotismus“ deutscher Firmenbosse angezettelt, die nicht „lebenslänglich Deutschland“ haben wollen und dem kollektivistischen Zwangssystem der Bun-desrepublik entfliehen, um ihre neuen Zelte in Bratislava oder Bangalore aufzu-schlagen. Deutschland hat sich lange Zeit eingeredet, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten seien kein großes Problem, da das deutsche Ausbildungssystem so viele Vorteile biete. Spätestens seit „Pisa“ wissen wir, welchen Illusionen wir uns hingegeben haben. Deutsche Unternehmer der Informationstechnik- und Telekommunikationsbranche gehen nicht nach Polen oder Indien, weil dort die Löhne so niedrig sind (obwohl das natürlich auch ein Anreiz ist). Hochrangige Spezialisten warnen vor solchem Selbstbetrug. Carlos Braga, Senior Adviser für globalen Handel bei der Weltbank, lobte gegenüber dem einschlägigen Fach-dienst Competence Report des Krefelder Customer Contact Centers Sitel die „breite Verfügbarkeit von gut ausgebildetem, englischsprachigem Personal“ in Indien. Der Faktor „niedrige Lohnkosten“ werde von ausländischen Spezialisten generell überschätzt. Deutschland muß also aufpassen, daß die brutalen Gesetz-mäßigkeiten der Demographie das „vergreisende“ Deutschland nicht weiter ins Hintertreffen geraten lassen.

IV. Deutsche Defizite

Fassen wir Schirrmachers Zustandsbeschreibung kurz zusammen: Wir erwarten eine unaufhörlich ansteigende Lebenserwartungsrate und eine unverändert schwache Geburtenrate (zuletzt hat es 1971 einen Geburtenüberschuß gegeben). Ganze Landstriche werden entvölkert werden. Die Natur bricht sich in den west-lichen Hochzivilisationen wieder Bahn. Außerdem sinkt der Frauenanteil an der Bevölkerung, was wiederum Auswirkungen auf die Fertilitätsrate hat. Es ist fraglich, ob sich andere Daten und Fakten mit dieser beunruhigenden Zukunfts-aussicht vertragen. Ein typischer Mittelständler, Michael Müller, der als Ge-schäftsführer der a & o Aftersales & Onsite Services GmbH in Neuss sozusagen an der wirtschaftlichen „Front“ steht und sich als Wirtschaftssenator im Bundes-verband mittelständische Wirtschaft (BVMW) für die Belange des deutschen Mittelstandes einsetzt, hat einige Thesen zum „Wirtschaftsstandort Deutschland“ vorgelegt. Darin steht zu lesen: „Deutschland ist bezeichnenderweise nur noch Freizeitweltmeister und nicht mehr Wachstumsweltmeister. Rund 42 Urlaubs- und Feiertagen hierzulande stehen beispielsweise 36 in Frankreich oder 23 in den USA gegenüber. Die Löhne in Deutschland stiegen seit 1950 um 1.600 (!) Pro-zent, die Arbeitszeit sank im Gegenzug um 18 Prozent. Der Staat tat das Übrige, diesen Prozeß der Verteuerung und Verknappung von Arbeit zu fördern, obwohl er ihn hätte bremsen müssen. Nur Holländer und Norweger arbeiten heute weni-ger als die Deutschen.“ Auch andere Zahlen können nicht zuversichtlich stim-men. Gemessen an der Bevölkerung verfügt Deutschland über zu wenig Wissen-schaftler und Ingenieure. Wir rangieren auf Platz 20 der Weltrangliste. Vorn liegen Israel, Indien und die Slowakei (die allgemeine Steuerquote liegt in der Slowakei übrigens bei nur 19 Prozent). Bei der Qualität der naturwissenschaftli-chen und mathematischen Ausbildung liegt Deutschland auf Platz 47 – hinter Costa Rica. Zusammengefaßt: Deutschland lebt zumindest mental noch im in-dustriellen Zeitalter und ist nicht mehr Standort für Hochtechnologien. „In den international boomenden Dienstleistungsbranchen ist Deutschland eine vertrock-nete Quelle“, so das Urteil von Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash. Nadolski hält nichts von Patriotismusde-batten: „Outsourcing im internationalen Rahmen ist keine Frage von Patriotis-mus, sondern von Wettbewerbsfähigkeit, der Anpassung an dynamische Märkte und veränderte Rahmenbedingungen.“

V. Methusalem als positive Figur

Die wirtschaftlichen Probleme lassen sich mit entschiedenen Reformen lösen. Warum sollte uns kein zweites deutsches „Wirtschaftswunder“ gelingen? Der nötige Instrumentenkasten enthält altbekannte Bestandteile: Flexiblere und län-gere Arbeitszeiten, moderate Lohnabschlüsse, Aufbrechen des Tarifkartells (am deutschen Tarifwesen wird die globalisierte Welt mitnichten genesen), Investiti-onen in Bildung und Forschung und nicht in Steinkohle und Landwirtschaft. Die drohenden demographischen Probleme lassen sich mit höheren Geburtenraten und einer offensiven Zuwanderungspolitik zunächst nicht in den Griff bekom-men. Darauf weist auch der Journalist Jürgen Liminski hin: „Inzwischen greift die Ahnung um sich, daß die Zuwanderung keine Lösung ist. Wollte man damit das Geburtendefizit aufhalten oder einen für die Erwerbsbevölkerung halbwegs vernünftigen Generationenbaum aufrechterhalten, müßten bis 2050 rund 180 Millionen Zuwanderer nach Deutschland kommen – eine absurde Vorstellung.“

Frank Schirrmacher plädiert angesichts dieser Sachzwänge für ein neues Bild des Alters und vom Altern. Als eine positive Figur könnte der biblische Methu-salem gelten. Schirrmacher zitiert aus der Bibel: „‘Methusalem war 187 Jahre alt und zeugte Lamech, und lebte darnach 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter; daß sein ganzes Alter ward 969 Jahre, und starb.‘“ Zur Zeit leben wir noch nicht in einer Gesellschaft, die ein solch positives Bild vom Alter aufzubieten hat. So seien die Alterstheorien bis dato nur aus der Perspektive junger Gesellschaften gedeutet worden, „in denen Altern eine Anomalie war und die Erfahrung einer Minorität“ (98) Die Unterhaltungsindustrie sowie Romane, Gedichte, Opern oder Bilder böten fast nur positive jugendliche Helden auf. Das Arsenal reiche von Goethes „Werther“ bis zur Salingers „Fänger im Roggen“. Auflagenstarke Ma-gazine schocken mit Schlagworten wie „Die Revolution der Hundertjährigen“. So war beispielsweise im Spiegel zu lesen: „Deutschland schrumpft und ergraut. Schon im Jahr 2035 werden die Deutschen das älteste Volk der Welt sein. Eine graue Revolution verwandelt die Republik allmählich in einen Jurassic Park, in dem jeweils ein Berufstätiger für einen Rentner aufkommen muß.“

Streckenweise erliegt auch Schirrmacher der Verlockung, Horrorgemälde an die Wand zu malen. Er sieht diejenigen Senioren, die in absehbarer Zeit „online“ sein werden, sozusagen als internetkundige Partisanen im neuen Medienzeitalter, die scharenweise zu „Hacker-Angriff(en)“ (115) übergehen könnten. Schirrma-cher, der im Fernsehen immer ein wenig wie ein pausbäckiger Pennäler herüber-kommt, ist dann leider das Opfer seiner eigenen infantilen Obsessionen: „Heer-scharen grauhaariger Programmierer werden in den Ruhestand ziehen, deren Hand nie so sehr zittern kann, als daß sie nicht ein paar witzige, störende Codes produzieren könnte, und die es drängt, sich an einer Gesellschaft zu rächen, die den alternden Menschen an den Rand drängt.“ (116) Reimer Gronemeyer, Sozio-loge in Gießen, vergreift sich in seinem Buch „Kampf der Generationen“ noch stärker im Ton, wenn er von den heutigen Alten behauptet, sie verbrauchten mit „schmatzender Selbstgewißheit“ all das, „wovon sie meinen, daß es ihnen zu-steht“. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ faßte Gronemeyers absurde Verzerrung in einen treffenden Satz: „Die dunkle Seite der Langlebigkeit, die Demenz, wird so zur Strafe Gottes: der Homo alzheimeriensis als Symbol einer Gesellschaft, die ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Jugend vergessen hat.“

Weg von den luftigen Feuilletonisten und Soziologieprofessoren ohne rechte Bodenhaftung und ohne rechtes Maß, hin zu Menschen aus der Praxis. Was sagen die Personen, die in Deutschland Arbeitsplätze schaffen, über die Tatsa-che, daß ein großer Teil des Humankapitals zur Zeit nicht recht genutzt wird? Gibt es noch Job-Perspektiven für Leute jenseits der 50?

VI. Alters-Arbeitslosigkeit oder Renaissance der Veteranen?

Jedes zweite Unternehmen in Deutschland beschäftigt keine Arbeitnehmer mehr im Alter von über 50 Jahren. Der bereits erwähnte Udo Nadolski hält diesen Trend auch wirtschaftlich für verhängnisvoll – von der Psyche der aufs Altenteil verbannten mobilen und gesunden 50-jährigen Frührentner einmal ganz abgese-hen: „Statt auf erfahrene ältere Manager, baut man aus Gründen der Innovation und der Kostenersparnis vermehrt auf den Führungsnachwuchs. Dabei wird stets vergessen, daß der Firma damit auch ein Großteil an Erfahrungen und Kenntnis-sen verloren geht. Niemand kennt ein Unternehmen so gut wie jemand, der mit ihm gewachsen ist oder ein Großteil davon aufgebaut hat – und niemand kann dieses Wissen weitergeben.“ Und der Geschäftsführer des international operie-renden Beratungsunternehmens Harvey Nash belegt seine These an einem kon-kreten und aktuellen Beispiel. Der Einbruch der New Economy hänge auch mit der mangelhaften Marktkompetenz von jungen Firmengründern zusammen. Die Ausgrenzung älterer Mitarbeiter sei kurzsichtig und gefährde die Leistungsfä-higkeit der Volkswirtschaft. In der Zukunft werde man sich stärker mit der Ver-knappung des Humankapitals auseinandersetzen müssen.

Dieses ältere Humankapital – der Begriff geht auf den amerikanischen Wirt-schaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Gary Becker zurück – eignet sich sogar besonders gut für den Einsatz im Bereich der Informationstechnologien, was den meisten gängigen Klischees von den computeruntauglichen Angehöri-gen der älteren Generation, die mit Bleistift und Schreibmaschine und nicht mit dem PC aufgewachsen sind, fundamental widerspricht. Peter Juraschek, der bei Harvey Nash als IT-Spezialist arbeitet, erklärt: „Wenn wir als Personal-dienstleister eine IT-Stelle von einem Unternehmen besetzen müssen, haben wir oft keine andere Wahl, als einen älteren Kandidaten einzusetzen. Ein junger Mitarbeiter kommt überhaupt nicht in Frage, wenn es gilt, einen Großrechner zu programmieren, denn sie kennen keine auch weiterhin gefragten Programmiersprachen wie Assembler und Cobol. Die Kenntnisse solcher Programmiersprachen werden an deutschen Universitäten einfach nicht vermittelt. So kommt es vor, daß ein junger Programmierer trotz seiner Internet- und Java-Kenntnisse passen muß. Zwar hatten wir kürzlich mit einem Automobilkonzern den Fall, daß wir einen Großrechner auf eine neue Programmiersprache umstellen konnten, jedoch brauchten wir auch da jemanden, der sich an die alte Sprache erinnerte.“ Jurascheks Mahnung kann man sich – trotz grassierendem Jugendwahn – nur anschließen: „Besonders vor dem Hintergrund des anstehenden demographischen Wandels muß ein gesellschaftliches Umdenken erfolgen.“ Dieser kleine Einblick in die wirtschaftliche Praxis ist vielleicht realitätsnäher, auf jeden Fall aber opti-mistischer als Schirrmachers Utopie eines neuen Menschentypus, der aus „älte-re(n) Hightech-Kriminelle(n)“ (122) bestehe.

VII. Eine neue Vorstellung vom Alter

Der demographische Wandel wird unsere Welt verändern. In einem Gespräch mit der Netzzeitung zeigte Frank Schirrmacher anhand des „Rentnerparadieses“ Florida, wie sich diese Veränderungen in der Zukunft auswirken könnten. So könnte demnächst der Faktor Sicherheit vor dem Faktor Bildung rangieren, was fatale Folgen für die westlichen Gesellschaften haben würde. Schirrmacher wörtlich: „Ältere Bürger haben schließlich ein riesiges Sicherheitsbedürfnis. In Florida etwa entscheiden sich ältere Wähler für Politiker, die die Straßenbeleuch-tung verbessern wollen, nicht für die, die Schulen bauen.“ Sünden der Vergan-genheit werden unter dem Eindruck des Problemdrucks in Gegenwart und Zu-kunft immer deutlicher. Beispielsweise ist das Thema Bevölkerungspolitik von linken und grünen Ideologen in fahrlässiger Art und Weise unter Faschismusver-dacht gestellt worden. Die Lebenserwartung von Europäern und Amerikanern wächst jährlich um etwa drei Monate. Diesen Zwängen kann man nicht mehr ausweichen. So kommentierte die Neue Zürcher Zeitung bissig: „Sogar das Hamburger Institut für Sozialforschung will (wo doch jetzt Schluß ist mit der Wehrmachtsausstellung und man ein neues heißes Eisen braucht) über Bevölke-rungspolitik diskutieren. Ein linkes Institut und dann so ein rechtes, historisch belastetes Thema – es ist zum Staunen, doch Not kennt kein Gebot.“

Der „Kampf der Generationen“ wird im Kopf entschieden. Schirrmacher ruft dazu auf, die Bilder von älteren Menschen zu verändern, zu verbessern und der Realität anzupassen: Es kann nicht sein, „daß Ältere, wenn sie überhaupt in Fernsehfilmen existieren, lange Zeit nur als Bewohner von Krankenhäusern oder Konsumenten von Medikamenten, Haftcremes für Gebisse und Blasentees auf-tauchten. Eine Gesellschaft, die wie die unsere immer stärker auf Rollenvorbilder durch die Medien angewiesen ist, weil alle anderen Überlieferungen abgerissen sind, flickt den Körper eines älteren Menschen zusammen wie Frankenstein sein Monster, um ihn am Ende schließlich aus ihrer Gemeinschaft auszustoßen.“(82)

Frank Schirrmacher ist letztlich Kulturjournalist und kennt daher auch keine ausgefeilten praktischen Lösungen für das geschilderte Problem der Alterung unserer Gesellschaft. Er ist aber auch ein Debattenstar und hat – trotz all der Neider in anderen Medien, die ihm schlicht die Kompetenz absprechen wollen – ein wichtiges Thema auf die Agenda gesetzt.

Laut James W. Vaupel vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock ist es sogar „Deutschlands größte Herausforderung“. In der FAZ vom 8. April 2004 zeigte er in einem fundierten Beitrag auf, wie stiefmütterlich zur Zeit mit dem Problem umgegangen wird. Statt dessen führt man lieber virtuelle Debatten über den vermeintlich drohenden Klimawandel oder das Dosenpfand. Vaupel fordert eine öffentliche und wissenschaftliche Diskussion. „Deutschland gibt heute jährlich weniger als einen halben Euro pro Person für demographische und gerontologische Forschung aus. Der hundertfache Beitrag wäre angebracht. Jedes deutsche Gymnasium sollte Einführungen in die Demographie anbieten, jede Universität einen Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft besitzen. Mo-mentan existieren solche Professuren nur an den Universitäten in Rostock, Bam-berg (vorübergehend vakant), der Humboldt-Universität in Berlin (vakant, viel-leicht sogar auf Dauer) und in Bielefeld (kürzlich heruntergestuft auf die Besol-dungsstufe C3).“ Können wir uns einen solchen Skandal leisten? Folgt man Frank Schirrmacher, kann man die Frage klar verneinen.

Ansgar Lange arbeitet als Politikwissenschaftler und Publizist in Bonn und ist Mitarbeiter der Zeitschrift „Criticón“.

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