Jahrgang 57
Nr. 4/2003 August
DIE NEUE ORDNUNG

Erwin K. Scheuch

Selbstaufgabe der deutschen Kirchen?


Wenn Religon nicht Selbstzweck ist
und nicht Sinn und Wert in sich selbst hat,
dann hat sie überhaupt keinen Zweck und Wert1

I.

Das mir gestellte Thema läßt zunächst an die evangelische Kirche denken.* In der Tat hat diese wiederholt eine sehr ungute Nähe zu jeweiligen Regimen und Zeitgeistströmungen gehabt. Im NS-Staat bemühte sich mit der Machtergreifung der „Reichsbischof“ – abgekürzt ReiBi – Ludwig Müller von der Bewegung „Deutsche Christen“, die evangelische Kirche in eine Staatskirche des National-sozialismus umzuformen.2 Dies gelang nicht wegen des Widerstandes insbeson-dere der Bekennenden Kirche. Aber in der Rückschau wird bei einer Analyse der Haltung deutscher Eliten zum NS-Regime doch deutlich, daß in der kurzen Zeit der NS-Herrschaft etwa 80 Prozent der obersten Führungspositionen ausgewech-selt wurden und dabei regimenahes Personal in die Spitze einrückte. Für die DDR konnte unter anderem der Heidelberger Kirchenhistoriker Gerhard Besier nachweisen, wie eng ein großer Teil der Führung der evangelischen Kirche sich mit dem SED-Regime mindestens arrangierte.3 Und in den letzten 20 Jahren erwies sich immer wieder die Nähe der evangelischen Kirche zum linken Zeit-geist der Intellektuellen-Szene.

Das überdeckt, daß auch die katholische Kirche hier durchaus Probleme mit der rechten Distanz zum Zeitgeist hatte und hat. Besonders offensichtlich wurde das für die Führung der Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil, für das Johan-nes XXIII. das Ziel „Aggiornamento“ (etwa: „Verheutigung“) wählte. Der Vati-kan glaubte, bei der aus Südamerika nach Europa schwappenden „Theologie der Befreiung“ nicht einfach mit Ablehnung reagieren zu sollen. Die sogenannte moderne Theologie der römisch-katholischen Kirche fordert eine Entmysterisie-rung des Evangeliums und eine erhebliche Anpassung der Liturgie bis hin zu einer religiösen Symbolik im Dienste politischer Bewußtseinsbildung.4 Wilhelm Weber diagnostiziert eine Schwerpunktverlagerung bei Theologen und der Kir-chenführung von der Heilsverkündigung zur Diakonie (Weltdienst).5 Die Not-wendigkeit von „Werken“ war in der katholischen Theologie nie umstritten, sollte aber früher nicht die Ausrichtung auf Frömmigkeit („ora et labora“) über-lagern.

Niklas Luhmann deutet diese Akzentverschiebung positiv als eine Schwerpunkt-verlagerung hin zu den Leistungen des Systems Religion für die anderen Teilsys-teme in einer Gesellschaft.6 „Diese Schwierigkeiten im Kernbereich geistlicher Kommunikation lassen es verständlich erscheinen, daß man eine Verlagerung kirchlicher Aktivität aus dem Bereich primärer in den Bereich sekundärer Funk-tionen beobachten kann. In der hier vorgeschlagenen Begrifflichkeit heißt dies: Die Funktionsorientierung nimmt ab und die Leistungsorientierung nimmt zu. Die relative Schwäche im zentralen Kern religiöser Aktivität ... wird durch ein Mehr an sozialem Aktivismus kompensiert, der Teilsystemen der innergesell-schaftlichen Umwelt zugute kommt ... Diese Bedingung entzieht dem helfenden Handeln jedoch seinen spezifisch religiösen Charakter.“7

Helmut Schelsky diagnostiert diese Akzentverschiebung als Folge einer inneren Soziologisierung der Theologie, womit sich der kirchliche Dienst immer mehr „vom Seelenheil zum Sozialheil wandele“. „So werden keine moralischen Buß-predigten mehr gehalten, sondern Sozialanklagen, der Mensch des ‚neuen Glau-bens’ soll nicht mehr zur Anerkennung individueller Schuld, sondern sozialer und politischer Schuld gebracht werden.“8 Und weiter heißt es bei Schelsky: „Die Soziologisierung der christlichen Kirchen macht diese überflüssig oder günstigs-tenfalls zu völlig subjektiven Sondermotivierungsanstalten.“9

Nun ist der damalige Aufbruch in der Kirchenleitung hin zum Zeitgeist unter dem jetzigen Papst Johannes Paul II. entscheidend abgebremst. Gelegentlich aber finden sich auch in der Kirchenleitung beachtliche Reste des damaligen Wandels in ihrem Selbstverständnis. Ein Beispiel ist die Reaktion der Leitung in der Diözese Münster auf die Bemühung der Bundesregierung, mit dem „Lebens-partnerschaftsgesetz“ ein weitgehendes Äquivalent zur Ehe für homosexuelle und lesbische Partnerschaften durchzusetzen. Ende Dezember des Jahres 2000 veranstalteten Bischof Reinhard Lettmann, die Weihbischöfe Heinrich Janssen und Josef Voß sowie der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Jugendpastoral der Orden, Pater Guido Hügen, ein Forum „Jugend im Dialog mit dem Bischof – Keine Angst vor dem Tabuthema Sexualität“. Die Kirchenoberen forderten, jungen Menschen müsse Raum zur Findung ihrer sexuellen Identität gegeben werden. Das bedeute, alle (!) Formen der Sexualität zuzulassen und sich von der Vorstellung zu trennen, Sex diene nur der Fortpflanzung. „Es muß klar werden, daß die Kirche nicht Spielverderberin sein kann“, so das Fazit von Pater Michael Baumbach.10 Darauf angeschrieben mochte sich Bischof Lettmann von diesen Äußerungen nicht distanzieren.11

Wir sind auf diese Entwicklung bei der katholischen Kirche eingegangen, weil im Kontrast zur Entwicklung der protestantischen Kirchen ein wichtiger Unter-schied deutlich wird. In der katholischen Kirche ist dieses Abbröckeln von wich-tigen Lehrmeinungen und liturgischen Traditionen ein Vorgang, den die Kir-chenleitungen durchweg bremsen oder doch verlangsamen möchten. Er ist auch nicht flächendeckend, sondern es handelt sich hier um punktuelle Versuche, sich dem Zeitgeist anzuschließen. Immerhin wird auch hier eine Ähnlichkeit zu Vor-gängen bei den Protestanten deutlich. Wir selbst beobachteten in einer Befragung vor über 30 Jahren, daß jüngere katholische Geistliche sich eher als Sozialarbei-ter verstehen wollten denn als Verkünder religiöser Aussagen. Damals kam es auch zu einem Massenaustritt von Ordensgeistlichen aus der Klostergemein-schaft Walberberg, wobei der Soziologie die Verantwortung für diese Austritte gegeben wurde.

II.

Sowohl in der protestantischen als auch in der katholischen Kirche bereitet es Schwierigkeiten, sich als Verkünder einer Transzendenz zu verstehen. Ein wich-tiger Unterschied ist aber die Festigkeit kirchlicher Organisation und die unter-schiedliche Orientierung des Führungspersonals. Das zeigt sich nicht zuletzt in theologischen Fragen.

Von protestantischen Theologen wird jetzt die Behauptung vertreten, die Bibel könne nicht mehr als Beschreibung des Lebens Jesu verstanden werden. Daraus folge dann auch, daß der Wortlaut der Heiligen Schrift nicht mehr bindend sein kann. Da sich Luther eben auf das Wort der Bibel berief, bedeutet dies, daß sich bei Protestanten eine revolutionäre Veränderung vollzogen hat. Auf dem Stutt-garter Kirchentag wurde die Abendmahlsfeier mit hinduistischen, islamischen und buddhistischen Symbolen angereichert.12 Der neue „Katechismus 2000“ des Protestantismus geht nicht mehr aus von der alleinigen Richtigkeit des eigenen Glaubens. Auf dem Kirchentag in Frankfurt am Main 2001 sollte ein „Feier-abendmahl“ statt mit Brot und Wein mit Käse und Saft veranstaltet werden. Teil der Veranstaltungen waren ein Besuch im Bordell, und es wurde sozialkritisch behauptet, Prostitution sei durchaus ein „Job wie jeder andere.“13

Nun mag man ein solches Feierabendmahl mit Käse und Saft durchaus qualifi-zieren als eine Schülerprovokation durch Menschen, die ihrem Lebensalter nach eigentlich erwachsen sein sollten. Der Streit um die Bewertung der Homosexuel-len-Ersatzeheschließung geht aber nun doch an den Kern der christlichen Vor-stellungen über Sexualität. Daß das Alte Testament, auf das sich ja protestanti-sche Theologen mehr berufen als Katholiken, Homosexualität ohne Wenn und Aber verdammt, braucht nicht weiter begründet zu werden. Die Provokation eines Teils der evangelischen Kirche geht aber weiter. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Professor Peter Steinacker erklärte zur Akzeptanz der Homo-sexualität entgegen den Aussagen in der Bibel, evangelische Ethik lasse sich nicht durch bloßes Abschreiben von Bibelzitaten formulieren. Die biblischen Formulierungen seien jeweils unter den Bedingungen der Zeit zu interpretieren.14

Während die Bischöfin Maria Jepsen von der Nordelbischen Kirche sich noch mit einer Zufriedenheit begnügt, daß sich homosexuelle Partner beim Standes-amt registrieren lassen können, überläßt es jetzt der Präses der EKD, Manfred Kock aus Köln, den Gemeinden, die Bindung zwischen homosexuellen Paaren so zu segnen wie eine Eheschließung überkommener Art. Zwei Befragungen wur-den durchgeführt: auf der Ebene der Repräsentanten von Gemeinden und der Ebene der Kreissynoden. Auf der Ebene der Gemeinden sprachen sich 45 Pro-zent der Vertreter gegen eine Segnung für homosexuelle Paare aus, 29,9 Prozent dafür. Auf der Ebene der Kreissynoden aber waren 61,8 Prozent für die Segnun-gen homosexueller Paare, dagegen oder unentschieden 38,2 Prozent. Das zeigt, daß die Hinwendung zum Zeitgeist und Abkehr vom überkommenen Selbstver-ständnis in der evangelischen Amtskirche um so entschiedener ist, je höher der Rang der Kirchenvertreter.15

In dem neuen Katechismus für Protestanten werden andere Religionen nicht mehr als Aberglauben eingestuft. Die Homosexualität gilt nicht mehr als Verirrung. Dies begründet Hans-Christian Knuth als Bischof der Nordelbischen Lan-deskirche und Verfasser des Vorwortes, wie folgt: „Der neue Katechismus berücksichtigt, daß immerhin vier Prozent der Bevölkerung homosexuell sind, 20 Prozent bisexuell. Sünde wäre es nur, wenn diese Paare einander nicht achten würden.“16 Die mitgeteilten Zahlen werden durch Sozialforschung überhaupt nicht gedeckt, sollen aber offensichtlich suggerieren, man komme um eine Seg-nung von Homo-Paaren wegen der Größe dieser Bevölkerungsgruppen nicht herum. Es ist die Geisteshaltung, aus der heraus gefordert wird, man solle La-dendiebstahl nicht bestrafen, weil so häufig geklaut wird. Inzwischen wird ge-fordert, daß nicht nur Pastorinnen und Pastoren in lesbischen und homosexuellen Bindungen leben dürfen, sondern daß diese auch in die Pfarrhäuser einziehen sollten. Ein Drittel aller württembergischer Pfarrer seien dieser Ansicht.

Ein vorläufiger Extremfall ist die Einbeziehung von Pornofilmen in den Gottes-dienst. Im Gemeindebrief von St. Johann in Saarbrücken wird als Predigt ange-kündigt: „Von Frauen, die gern oben liegen, von heißen Jungfern, die ziemlich abgekühlten Königen als Betthupferl dienen, von Liebe, Lust und Leidenschaft“. Abends werden Erotikfilme gezeigt, zu denen auch Filme über Geschlechtsver-kehr mit Tieren gehören. Ein von der Freiwilligen Selbstkontrolle als jugendge-fährdend eingestufter Film zeigt der Pfarrgemeinde, wie ein homosexueller alter Pfarrer seine beiden Meßdiener küßt. Oberkirchenrat Wilfried Neusel aus Düs-seldorf meint zu der Einbeziehung von Erotik in den Gottesdienst, wo wechselnd ein Mann und eine Frau predigen, diese Erotikpredigten besäßen eine „missioni-arische Qualität“16.

III.

Es ist verständlich, daß diese Entwicklung zu extremen Spannungen unter den Pfarrern geführt hat. Um die hundert evangelische Pfarrer sollen inzwischen im Rheinland durch „progressive“ Kirchenführer in den Einstweiligen Ruhestand versetzt worden sein. Dies geschieht nach Aussagen des früheren rheinischen Präses Peter Beier, weil die Suspendierten „nicht selten seelisch krank seien.“17 Gegner dieses Kurses der Selbstaufgabe der evangelischen Kirche werden inzwi-schen bundesweit auf verschiedene Weise drangsaliert. Viele Pfarrer sprechen von Mobbing.

Zu einer dramatischen Zuspitzung der Gegensätze kam es nach der Einführung von Margot Käßmann in das Bischofsamt der hannoverschen Landeskirche am 4. September 1999. Käßmann hatte vor ihrer Einführung erklärt, in der evangeli-schen Kirche hätten Gegner der Frauenordination eigentlich keinen Platz mehr. Und weiter sagte die neue Bischöfin: „Eine Frau, die abgetrieben hat, soll erhobenen Hauptes in die Kirche kommen können.“ Darauf rief der Unternehmer Rudi Weinmann zu einer Notsynode ein. Die hannoversche Landeskirche reagierte darauf, indem sie die Nutzung kirchlicher Räume untersagte und solche Pfar-rer, die diese Notsynode besuchten, mit Disziplinarmaßnahmen bedrohte. Die Synode wich aus in die Universität Hannover, und nach der Zeitschrift „Focus“ wollte diese auf Druck der Kirche die bereits zugesagte Nutzung wieder zurück-nehmen. Während der Synodentagung drangen vermummte Gestalten in den Tagungsraum ein, löschten das Licht aus, verschütteten den Abendmahlswein und enthüllten ein Transparent mit der Aufschrift: „Aus 2000 Jahren nichts ge-lernt. Gegen Gott, Staat und Vaterland!“ Vor der Einführung von Bischöfin Käßmann wurde ein Transparent enthüllt: „Mit Käßmann ist der liebe Gott / die Notsynode gehört auf das Schaffott.“18 Offensichtlich sind die Darbietungsfor-men der 68er-Bewegung nicht tot, sondern leben in der evangelischen Kirche mit mindestens Billigung auf der Ebene der Bischöfe weiter.

Das darf nun nicht zu der Meinung verführen, hier gehe es nur um ein Problem der evangelischen Kirche – wohl aber die Wertung begründen, dies sei in der evangelischen Kirche schon existenzbedrohend geworden. Daß auch bei den Katholiken der Wunsch besteht, es auf der Ebene engagierter Minderheiten den Protestanten gleichzutun, zeigen zwei Vorgänge in Köln. Hier gab es unter ande-rem einen Straßenstrich von überwiegend drogensüchtigen Frauen, der den Be-wohnern einer Straße mit mittelständischer Bevölkerung lästig wurde. Der Sozi-aldienst Katholischer Frauen setzte sich gegenüber dem CDU-Oberbürgermeister nachdrücklich dafür ein, diesen Straßenstrich zu hygienisieren, indem man ihn an einem anderen Ort in geordneter Form ansiedelte. Zunächst entschied sich der CDU-Oberbürgermeister für eine Verlegung des Straßenstrichs in eine Hafenge-gend, in der auch Jugendmannschaften von Sportvereinen trainieren. Die Sport-vereine erreichten, daß der Deutsche Sportbund dem Oberbürgermeister androh-te, die Bewerbung Kölns um die Beteiligung an der Fußballweltmeisterschaft zu konterkarieren. Daraufhin wurde der bereits verfügte Umzug umgeleitet an eine andere Stelle. Dort ließen die katholischen Frauen sogenannte Verrichtungsbo-xen einrichten, sorgten für Sauberkeit des Straßenzuges und stehen den Prostitu-ierten regelmäßig als Ansprechpartner zur Verfügung. Die hoch verschuldete Stadt Köln unter ihrem CDU-Oberbürgermeister investierte 830.000 DM Steuer-geld für diese Ordnung des Straßenstrichs. Bisher wird dieser allerdings von den Prostituierten und Freiern eher sabotiert – nicht zuletzt wohl, weil die Polizei verpflichtet werden konnte, hier Kräfte abzustellen, damit die Prostituierten auch einen besonderen Schutz erhielten. Dennoch bietet sich als Motto an: Die Polizei – dein Prostituiertenfreund und Zuhälter!

Der Sozialdienst Katholischer Männer hat sich als Verbeugung vor dem Zeitgeist die Einrichtung einer Fixerstube ausgesucht. Hier will die CDU-regierte Stadt übrigens nicht nachstehen, sondern noch eine eigene Fixerstube einrichten. Es tut nichts zur Sache, daß Fixerstuben in anderen Ländern zu einer Erhöhung der Zahl Drogenabhängiger führte, die sich mit dem Stoff in den Fixerstuben nicht begnügen, sondern hinzukaufen. In Holland haben die Fixerstuben bewirkt, daß die Hemmschwelle der Jugendlichen vor dem Drogenkonsum abgesunken ist; denn offensichtlich ist der ja nicht wirklich illegal.

Der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten besteht in erster Linie darin, daß die katholische Kirche solchen Aufweicherscheinungen bei Minder-heiten der Mitglieder entgegentritt, während umgekehrt die Leitung der evangeli-schen Kirche den Widerstand engagierter Glaubenskonservativer bekämpft, wie etwa die Bekennende Evangelische Gemeinde in Neuwied. Dies macht für den Niedergang der Amtskirchen einen entscheidenden Unterschied.

IV.

Jörg Paul Müller ist zuzustimmen, daß die großen Weltreligionen in den meisten Flächenstaaten im Sinn einer inhaltlichen Übereinstimmung der Bürger mit ihren Lehren zu Minderheiten geworden sind. Das bedeutet, daß der Grad der Zustim-mung zu den Lehren der Kirchen in die Entscheidung der einzelnen Bürger über-führt wurde.19 Daraus leitet der Philosoph Odo Marquardt als Regel ab, das Christentum müsse heute die Form einer „Tradition mit sanfter Verbindlichkeit“ sein, unterhalb der Schwelle absoluter Wahrheitsansprüche. Für die Mehrzahl der Menschen sei in Krisensituationen und solchen Wendepunkten in der Bio-graphie, die für die weitere Lebensführung entscheidend sind (Eheschließung, Elternschaft, Berufsaufgabe, Tod), die Kirche von Bedeutung. Hermann Lübbe hat für diese Funktion der Kirchen auch für die kirchlich weitgehend ungebun-denen Menschen das Wort „Kontingenz-Bewältigungspraxis“ gefunden.20 Teil-nehmer an der damaligen Diskussion verwiesen auf den heutigen Protestantis-mus, dessen offizielle Vertreter durch das Motto zu charakterisieren wären: „Hier stehe ich, ich kann auch anders.“ Damit wandele sich das Christentum „zu einer unspezifischen Humanitätsreligion, die ihre Anhänger dazu anhält, nett zueinander zu sein.“21

Mit einer Fülle von religionssoziologischen Untersuchungen kann begründet werden, daß im Hinblick auf die christlichen Religionen die Bevölkerung west-europäischer Länder in vier Gruppierungen einzuteilen ist:

(1) eine Minderheit, die im Wortsinn einer religiösen Lehre folgt;

(2) Christen im Sinn der kirchlichen Mindestvorgaben;

(3) Mitglieder der großen Kirchen, die aus deren Lehre einiges als „Auswahl-Menü“ übernehmen; sowie

(4) antikirchliche und sogar antichristlich eingestellte Gruppierungen.

Die erste Gruppe hat in den Vereinigten Staaten einen größeren Umfang, und im Gegensatz zu Westeuropa dort auch unter Protestanten. Demgegenüber ist der Alltag in Westeuropa durch Kirchen und kirchliche Lehren weit weniger geprägt. Eine überwiegend atheistische Bevölkerung gibt es demgegenüber nur auf dem Gebiet der früheren DDR.

Wir selbst führten Mitte der neunziger Jahre in Köln eine Untersuchung durch, bei der die Ausgangspopulationen für die Stichproben fünf Gruppen mit unter-schiedlicher konfessioneller Orientierung waren: Katholiken, Protestanten, Ju-den, Muslime und dazu (offiziell!) Konfessionslose.22 Im Sinne der Glaubensin-halte, so wie sie von den großen Konfessionen vorgegeben werden, erhielten wir für die fünf Gruppierungen (= im Sinne formeller Zugehörigkeit) folgende Ver-teilungen:

Tabelle: Die Glaubensinhalte in fünf Mitgliedsgruppen (in Prozent)

xx Katholisch Evangelisch Jüdisch Moslemisch Konfessionslos Total
Ungläubig 9,6 17,3 9,9 9,2 23,6 14,3
eher ungläubig 52,2 43,4 37,8 9,2 40,0 40,4
eher gläubig* 31,8 30,1 35,1 16,9 35,5 31,0
gläubig** 6,4 9,2 17,1 64,6 0,9 14,3

Katho-lisch Evange-lisch Jüdisch Mosle-misch Konfes-sionslos Total

* Glauben als Auswahl-Menü christlicher Kirchen** Gläubig im Sinne kirchlicher Mindestvorgaben

„Moslemisch“ ist in diesem Fall weitgehend gleichbedeutend mit Türken, und aus Untersuchungen in der Türkei wissen wir, daß der Anteil der laizistisch ein-gestellten Bevölkerung dort höher ist als dieser Wert in Köln. So ist der hohe Anteil von Gläubigen im Sinne der offiziellen Kirche bei den Muslims wohl auch zu deuten als Folge einer Minderheitensituation. Mit dieser Perspektive dürfte dann auch der zunächst verblüffend hohe Anteil von wenig gläubigen Katholiken in einer Stadt wie dem „heiligen Köln“ zu erklären sein: Katholiken sind eben in der Mehrheit, auch ohne kirchliche Abstützung. Schließlich ist für eine religionssoziologische Deutung mindestens ebenso interessant, daß ein gutes Drittel der Konfessionslosen als gläubig einzustufen ist.

Deshalb ist es sehr sinnvoll zu trennen zwischen Gläubigkeit im Sinn kirchlicher Inhalte und der Bedeutung der Kirchen als Institutionen unseres privaten Lebens. Letzteres wurde gemessen, indem die Bedeutung der Kirchen ermittelt wurde für moralische Probleme, Familienprobleme, für geistige Bedürfnisse und für den Lebenssinn. Nach entsprechender Gewichtung der unterschiedlich verbreiteten Antworten ergab das dann die folgende Randverteilung:

Inhaltliche Bedeutung der Kirchen (in Prozent)

Bedeutunglos: 54

Mittlere Bedeutung: 14

Bedeutsam: 32

Wird das verglichen mit der zuerst angeführten Tabelle, so ergibt sich: Die Be-deutung der Kirchen für unser Privatleben ist größer als die Bindung an die Kir-chen als religiöse Institutionen. Kreuzen wir die Angaben, die wir in die Indices „Religiöse Überzeugungen“ und „kirchliche Bindung“ zusammenfaßten, so erhalten wir das zunächst erstaunende Ergebnis, das mehr als ein Drittel derjeni-gen, die wir als kirchennah identifizierten, sich inhaltlich als eher ungläubig einstuften, wogegen auch das Gegenteil zu beobachten war, daß unter den Kir-chenfremden mehr als ein Drittel gläubig im Sinne des Inhaltes von Glaubens-sätzen war.

Dies hier soll kein allgemeiner Beitrag zur Religionssoziologie sein, und letztere ist auch kein vorrangiges Thema unserer eigenen Beschäftigung in der Soziolo-gie. Hier sei nur auf einen Sachverhalt verwiesen, der in der entsprechenden religionssoziologischen Literatur unseres Wissens nicht zureichend thematisiert ist. Als besonderes Kennzeichen unserer Zeit wird die sinkende Verbindlichkeit kirchlicher Stellungnahmen und das Schwinden der religiös bestimmten Verhal-tensweisen aus dem Alltag gedeutet. Dazu gehört das Beten, der Besuch von Gottesdiensten und anderen religiösen Veranstaltungen sowie Unterhaltung auch über religiöse Thematik. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Auslöschen christlichen Glaubens und erst recht nicht mit Entchristlichung unserer Kultur durch konsequente Säkularisierung.

Die Kreuzung von Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe und dem Grad der Beeinflussung des Alltags durch Religiosität ähnelt in den Randverteilungen für die vier unterschiedenen Gruppierungen den bereits mitgeteilten Werten. Mit 60 Prozent derjenigen, die ihren Alltag als religiös bestimmen, ist der Anteil unter der moslemischen Bevölkerung weit höher als bei allen anderen hier unterschie-denen Populationen und am geringsten bei den Kölner Katholiken. Im Hinblick auf diese Eigenschaften unterscheiden sich die Konfessionslosen am stärksten von den anderen hier ausgewiesenen Gruppierungen. 68,6 Prozent berichten, daß ihr Alltag von der Religion unbeeinflußt sei. Das ist ein noch deutlich höherer Wert als die Distanz zu den Glaubensinhalten der großen Kirchen. Die Reihen-folge nichtkirchlicher Orientierung lautet also:

(erstens) von Religion wenig beeinflußter Alltag;

(zweitens) geringe Bindung an die Kirchen als Anstalten; und erst

(drittens) Distanz zu den Inhalten der großen Konfessionen.

Nietzsche hat einmal formuliert: Wenn die Menschen nicht mehr an Gott glau-ben, dann glauben sie nicht etwa nichts, sondern eher alles. Hiernach ist der Glaube ein Bedürfnis, das sich inzwischen weniger an die Kirchen richtet als früher, sondern auch an Minderheiten, an Sekten und an allerlei abergläubische Vorstellungen. Was Aberglaube ist, das ist nicht in jedem Einzelfall eindeutig, für die in unserer Untersuchung verwandten Kriterien aber kaum strittig: Einfluß der Sternzeichen, Glauben an Glücksbringer, Lesen von Horoskopen. Wir haben eine ganze Anzahl von „Aberglauben“ den Befragten vorgegeben und erhielten in der Zusammenfassung dann folge Werte.

Tabelle: Abergläubisch nach Religion (in Prozent)

xxx Katholisch Evangelisch Jüdisch Moslemisch Konfessionslos Total
Nicht abergläubisch 30,4 25,6 30,4 27,0 11,6 24,7
eher nicht abergläubisch 29,1 23,9 24,1 36,5 21,7 26,0
eher abergläubisch 13,9 13,1 22,3 14,3 25,4 17,6
abergläubisch 26,6 37,5 23,2 22,2 41,3 31,7


Den höchsten Anteil an Abergläubischen weisen erwartungsgemäß die Konfes-sionslosen mit 67 Prozent auf. Ihnen folgen aber schon mit 50,6 Prozent die Protestanten und mit 45,5 Prozent die Juden. Wird dies verglichen mit den vor-hin mitgeteilten Korrelationen, so zeigt sich eine eigene Dimension einer Bereit-schaft zur Gläubigkeit, die zwar mit den Dimensionen kirchliche Bindung, Be-deutung der Religion für den Alltag und religiösen Inhalten korreliert, aber eben doch als eine eigene Dimension zu bedenken ist.

In diesem Zusammenhang ist auch die Korrelation mit Bildung zu bedenken. Der Anteil der Abergläubischen ist unter Volksschülern mit 57,8 Prozent höher als bei anderen Bildungsstufen, beträgt aber bei den Absolventen der Hochschulen immer noch 38,3 Prozent.

V.

Die Kreuzung der vier hier gemessenen Dimensionen von Religiosität bzw. de-ren Abwesenheit, verstanden in einem weiten Sinn als Orientierung gegenüber transzendenten Vorstellungen und Institutionen, ergibt eine sehr bunte Vielfalt. Diese wird durch die Dominanz der großen und staatlich anerkannten Kirchen im öffentlichen Erscheinungsbild verdeckt. Die staatliche Privilegierung einiger Kirchen suggeriert eine Eindeutigkeit bei Abgrenzungen, die nach einer empi-risch geleiteten Betrachtung nicht gegeben ist.

Bei den Katholiken ist als Indiz für diese Veränderung in der Einstellung zur Kirche der Besuch des Gottesdienstes rückläufig. Für die EKD schätzt Besier den Gottesdienstbesuch auf etwa drei Prozent der nominellen Mitglieder.23 Dar-über hinaus ist die Mitgliederzahl seit 1950 von 43 auf heute nur noch 27 Millio-nen zurückgegangen.24 Letzteres kann erklärt werden mit dem Versuch der Kir-chenführung, die tatsächliche Vielfalt der Orientierungen innerhalb der Kirche zu bekämpfen. Die angemessene Reaktion wäre dagegen, die evangelischen Ge-meinden ihre Pfarrer selbst wählen zu lassen, womit dann der Abstand zwischen einer Kirche, die das Hingehen zum Zeitgeist beschleunigen will, gegenüber den Orientierungen ihrer Mitglieder geringer würde.

Der Soziologe Georg Simmel hatte als Besonderheit des Christentums betont, daß in dieser Religion keine kollektive religiöse Standardlösung für das Verhält-nis zwischen Gott und den Menschen existiere. Nachdem auch die anderen Kol-lektive in den westlichen Gesellschaften an Bindekraft einbüßten, wird die Ver-antwortung für die Lebensführung und den Glauben von der religiösen Gemein-schaft auf das Individuum verlagert. Hier gibt es sozial inzwischen ein sehr reichhaltiges Angebot. Nach Hans-Georg Soeffner wird „deutlich, daß die Ge-genwart nicht an ‚Sinndefiziten’, sondern an deren Inflation leidet. Die ‚Sinnan-bieter’ – alte, neue und synthetische Religionen, Kirchen und Sekten, Visionäre, Heiler und Charismatiker; Therapie-, Meditations- und Ekstasetechniker – folgen dem, was sie für das Gesetz des Marktes halten ... Aus dem Homo viator, der die Stationen seines Lebens innerhalb einer Konfession durchwandert, wird ein Weltanschauungstourist ... Der Weltanschauungstourist von heute begibt sich auf eine Reise mit offenem Ende ... Leben im Pluralismus bedeutet, sich der Konkur-renz der Wahrheiten zu stellen und seine Entscheidung zu treffen.“25

Eine Entscheidung ist unerläßlich; denn ohne Sinndeutung ist ein Leben nicht erträglich. Hier liegt auch die Chance der Kirchen. In den USA reagieren sie auf diese Situation durch Pluralisierung von Positionen, die dann aber mit Entschie-denheit vertreten werden. Die Kirchen bei uns mit ihren zahlreichen Privilegien und gesicherter wirtschaftlicher Grundlage tun es sich als Monopolisten hier schwer. Das aber bedeutet, daß hierdurch alle Arten von Scharlatanen eine Chance erhalten.

Anmerkungen

*) Der Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den der Verfasser am 23. November 2001in Neuwied gehalten hat.

1) Jürgen Moltmann: „Die ersten Freigelassenen der Schöpfung“. München 1971, S. 67.

2) Zu Beginn der NS-Herrschaft war allerdings die Führung der katholischen Kirche in Deutschland in ihrer Haltung zum Nationalsozialismus nicht eindeutig. Bischöfe wie Franz Rudolf Bornewasser vonTrier benutzten in der Öffentlichkeit den Nazi-Gruß, und mit Dank wurde die Einführung der Konfessionsschule entgegengenommen. Die beste und auf viele Details gestützte Übersicht zu diesem Themenkomplex bringt Gerhard Besier: Die Kirchen und das Dritte Reich. Propyläen Verlag, Berlin 2001, insbesondere Kapitel 2,7,8,9.

3) Gerhard Besier: „Der SED-Staat und die Kirche“. 3 Bde, München 1993 und Berlin 1995.

4) Wilhelm Weber: „Wenn aber das Salz schal wird... Der Einfluß sozialwissenschaftlicher Weltbilder auf theologisches und kirchliches Sprechen und Handeln“. Würzburg 1984, S. 104-130. Weber war Berater des „Bundes Katholischer Unternehmer“ (BKU).

5) ibid., S. 21.

6) Niklas Luhmann: „Funktionen der Religion“. Frankfurt 1977, S. 56-58.

7) ibid., S. 264.

8) Helmut Schelsky: „Die Arbeit tun die anderen“. Opladen, 2. Aufl. 1975, S. 317.

9) ibid., S. 329.

10) Bericht in den „Westfälischen Nachrichten“ Münster vom 27.12. 2000, abgedruckt in „Theologisches“, März 2001, S. 85.

11) ibid., S. 89 f.

12) Gerhard Besier: „Kirchenspitze will modern sein, ist aber autoritär“. FOCUS 38/1999, S. 38.

13) „Kirchentag in Frankfurt“. In: Aufbruch, Juli 2001, S. 3.

14) „Aufregung um Homo-Segnungen ‚jetzt durchstehen’“. IDEA SPEKTRUM 36/2001, S. 9.

15) „Rückmeldungen aus den rheinischen Gemeinden: Teilerfolg für bekennende Christen, aber kein Grund zur Entwarnung“. In: Aufbruch, Dezember 1998, S. 5.

16) „Lieber Gott, darf ich schwarzfahren? Bischof Knuth erklärt in Bild den neuen Katechismus für Protestanten“. Bild, 1.9.2000, S. 2.

17) „Wenn eine Gemeinde ‚Sex-Schocker’ in der Kirche zeigt“. IDEA SPEKTRUM 20/2001, S. 19.

18) „Der Streit um ‚seelisch kranke’ Pfarrer“. idea Dokumentation 9/97, S. 29.

19) „Behindert, bedroht und verleumdet, aber nicht verhindert: Notsynode in Hannover“. Aufbruch, September 1999, S. 2 f.

20) Eine Aufzählung der Garantie für Religionsfreiheit in einer ganzen Anzahl internationaler Vereinbarungen bringt Jörg Paul Müller: „Religionsfreiheit – ihre Bedeutung, ihre innere und äußere Gefährdung“. In: Jahrbuch des öffentlichen Rechts, 1997, S. 1-9, hier S. 5.

21) Dieses Wortungetüm läßt sich wohl am ehesten übersetzen mit Bewältigung von Grenzsituationen.

22) Markus Schwerin: „Ein Stachel in der Moderne – Was vom Christentum übrig bleibt“. Kölner Stadt-Anzeiger, 29. 3. 2000, S. 12, in einem Bericht über eine Veranstaltung in der Reihe „Meinung gegen Meinung“ in Düsseldorf.

23) Die Gruppen wurden im wesentlichen aufgrund der Eintragungen im Einwohnermelderegister zusammengestellt. Ein Bericht hierüber fertigten Erwin K. Scheuch und Robert Helmrich für das Institut für angewandte Sozialforschung an: „Religion in Köln“. Institut für angewandte Sozialforschung. Köln 1994.

24) Gerhard Besier: „Eine ‚Volkskirche’ ohne Volk?“. IDEA-SPEKTRUM, 25. 8. 2001, S. 3.

25) Hans-Dieter Götz: „Rückkehr zu Luther“. 17/2000, S. 60.

26) Hans-Georg Soeffner: „Chamäleon auf Sinnsuche“. chrismon, S. 36 f.

Prof. Dr. Erwin K. Scheuch lehrte Soziologie an der Universität zu Köln.

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