Jahrgang 59
Nr. 3/2005 Juni
DIE NEUE ORDNUNG

Stefan Hartmann

Joseph Ratzingers Ekklesiologie

Es ist immer ein Risiko, über zeitgeschichtliche Personen ein akademisch aus-gewogenes Urteil zu finden. Das gilt natürlich auch für Entwicklungen der Kir-che und ihrer Lehre. Mitten in einem Wirkungs- und Rezeptionsprozeß ist es nicht unproblematisch, bereits zu wertenden historischen Einordnungen zu kommen. So stellt sich auch die Frage, ob die vom bekannten italienischen Kir-chenhistoriker Giuseppe Alberigo geleitete Historikerkommission mit ihrer mehrbändigen (und bereits weitgehend übersetzten) Veröffentlichung „Storia del Concilio Vaticano II“ nicht unter mangelnder Distanz zum von ihr untersuchten Gegenstand zu leiden hat

Daher ist es auch ein Wagnis, über einen am Konzilsgeschehen aktiv beteiligten und nicht nur noch lebenden, sondern theologisch und kirchenamtlich (Präfekt der Glaubenskongregation; Dekan des Kardinalskollegiums, seit dem 19. April 2005 nun als Papst Benedikt XVI.) wirkenden Mann der Kirche wie Joseph Rat-zinger eine ekklesiologische Arbeit zu verfassen. Dem aus dem oberfränkischen Kronach gebürtigen derzeitigen Prior des Zisterzienserklosters Bochum-Stiepel, P. Maximilian Heinrich Heim, ist dieser Versuch gelungen, wie eine Durchsicht der aus drei Teilen bestehenden Grazer Dissertation (unter der Betreuung von Prof. Dr. Bernhard Körner) bestätigen kann.

Maximilian Heinrich Heim, Joseph Ratzinger – Kirchliche Existenz und existentielle Theologie. Ekklesiologische Grundlinien unter dem Anspruch von Lumen gentium. Mit einem Geleitwort von Joseph Kardinal Ratzinger. 2. korrigierte und ergänzte Auflage, Frankfurt am Main u.a. (Peter Lang) 2005, 521 Seiten (Bamberger theologische Studien Bd. 22), € 38.00

Heim stellt nicht das seit 1981 bestehende Wirken des Präfekten der römischen Glaubenskongregation in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, sondern Joseph Ratzinger als „existentiellen“ und eigenständigen, aber in den lebendigen „Selbstvollzug der Kirche“ (wie Karl Rahner einmal sagte) eingegliederten Den-ker und Schriftsteller. Die Motivation für seine Arbeit entnimmt er den von der Erklärung „Dominus Jesus“ ausgelösten ökumenischen Irritationen, die durch eine gewissenhafte relecture von „Lumen gentium“ (Erster Teil) und die sich daran anschließende Interpretation der ekklesiologischen Schriften und Stellung-nahmen Ratzingers (Zweiter Teil) aufgefangen und geklärt werden, um sodann in eine organische „Zusammenschau“ (Dritter Teil) einzumünden.

Der erste Teil „Das Selbstverständnis der Kirche nach Lumen gentium“ (S. 33-142) kann als ein sehr hilfreicher nachträglicher Kommentar der Konzilskonsti-tution gelten. Dabei wird entgegen mancher Einseitigkeiten sowohl vom Myste-rium der Kirche als Leib Christi, als auch von ihrer communio-Struktur und ih-rem heilsgeschichtlichen Erscheinen als „Volk Gottes“ gehandelt. Heim betont im Rückblick auf die Konzilslehre das Sein der Kirche als „komplexe Wirklich-keit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (LG 8). Im zweiten Teil „Joseph Ratzinger - Kirchliche Existenz und existentielle Theo-logie“ (S. 143-457), eine an Romano Guardini gemahnende Überschrift, wird biographisch (S. 143-217) und werkgeschichtlich dem Werden der Ekklesiologie Ratzingers nachgegangen. Heim schildert besonders Ratzingers Herkunft und akademische Laufbahn, seine Mitwirkung am Konzilsgeschehen und seine Er-fahrungen als Universitätsprofessor in Münster, Tübingen und Regensburg bis zum Bruch mit der Zeitschrift „Concilium“ (1972). Dabei könne man nicht von einer „Wende“ im Denken Ratzingers sprechen, wohl aber von „unterschiedli-chen Akzentuierungen“ theologischer Erkenntnisse und „Korrekturen durch Veränderung der Perspektive“ (S. 185).

Knapp behandelt werden auch die Zeit als Erzbischof von München und Freising und Schwerpunkte im römischen Amt: die Entstehung des Weltkatechismus, die Auseinandersetzung mit der lateinamerikanischen „Theologie der Befreiung“ und dem „Traditionalismus“ des Erzbischofs Lefèbvre. Im Abschnitt „Längs-schnitte durch die Ekklesiologie Joseph Ratzingers“ wird diese unter dem An-spruch und der Vorgabe von „Lumen gentium“ gedeutet. Die Leib-Christi-Lehre wird dabei auf ein eucharistisches Kirchenverständnis in einer Communio-Einheit hin ausgelegt. Besonders behandelt Heim die oft mißverstandene und von Ratzinger mehrfach erörterte Differenz zwischen „subsistit“ und „est“ bei der Definition der Kirche (LG 8) und setzt sich mit der jüngsten Interpretation A. von Teuffenbachs (München 2002) kritisch auseinander (S. 219-309).

Ein eigenes Kapitel behandelt dann „Kirche als Volk Gottes“ (S. 310-397), wo auch ausführlich auf die im Heiligen Jahr 2000 ausgetragenen Dispute mit Car-dinal Walter Kasper über die „Vorgängigkeit der Gesamtkirche vor den Ortskir-chen“ eingegangen (S. 333-354) und schließlich Ratzingers Kritik der politi-schen Mißverständnisse der „Volk-Gottes-Theologie“ aufgezeigt wird. „Die gemeinsame Berufung zur Heiligkeit“ (S. 367-397) ist sodann der Hauptgrund für die Integration der Mariologie in die Kirchenlehre, wie sie von „Lumen gen-tium“ vorgenommen wurde.

Ein Schlußkapitel über „hierarchische Verfassung und bischöfliche Kollegialität“ (S. 398-457) schildert auch Ratzingers wachsende Sorge um die Entstehung bürokratischer und apersonaler Zwischeninstanzen zwischen dem einzelnen Bischof und dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri. Grundanliegen ist Rat-zinger immer wieder die Einheit der Kirche in der Wahrheit des Glaubens.

In „Zusammenschau und Resümee“ (Seite 459-480) versucht Heim abschlie-ßend, eine differenzierte Antwort auf die Problematik der Kontinuität bzw. Dis-kontinuität im Denken Ratzingers zu geben. Auch die herangezogenen Konzils-texte zeigen einen Kompromißcharakter und haben unterschiedliche Aussage-richtungen. Ratzinger verändert seine Interpretationsschwerpunkte aufgrund „geistesgeschichtlicher Problemstellungen“ (S. 467) und bestimmter Gefährdun-gen, die sich aus ihnen ergeben könnten (vgl. dazu ausführlicher die Arbeit von P. G. Sottopietra, Wissen aus der Taufe. Die Aporien der neuzeitlichen Vernunft und der christliche Weg im Werk von Joseph Ratzinger, Eichstätter Studien Bd. 51, Regensburg 2003).

Diese von Heim ohne Scheu angesprochenen Akzentverschiebungen machen aus dem Theologen und Kirchenmann Joseph Ratzinger eben eine „kirchliche Exis-tenz“ und aus seinem Denken eine „existentielle Theologie“. Ihr Anliegen mün-det zuletzt in die Liturgie als „Ausdruck des ‚Universalen’“ und „actio des Ganz-Anderen“ (S. 475-480). Karl Barth, der 1933 sein bekennendes Buch „Theologi-sche Existenz heute!“ veröffentlichte und eine „Kirchliche Dogmatik“ verfaßte, hätte an der zünftigen und auch in der Ekklesiologie zutiefst christozentrischen Theologie Benedikts XVI. sicher seine Freude gehabt, so daß sie auch unter öku-menischen Aspekten neu zu rezipieren wäre. Eine Hinführung zu dieser Freude, die das Kreuz des Widerspruchs und des Ärgernisses nicht verdrängt, kann das hier vorgestellte lehrreiche Werk des Bochumer Zisterzienserpriors sein. Es wurde 2004 bereits in Wien mit dem „Kardinal-Innitzer-Förderpreis“ und in Kronach mit dem „Johann-Kaspar-Zeuß-Preis“ ausgezeichnet und hat durch die Papstwahl Joseph Ratzingers, der für die zweite Auflage an Maria Lichtmeß 2005 noch ein eigenes Geleitwort verfaßte, ganz besondere Aktualität gewonnen.

Lic. theol. Stefan Hartmann wirkt als Pfarrer und Publizist in Oberhaid.

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