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Jahrgang 59
Nr. 3/2005 Juni
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Johannes Schwarte
Der Papst und „seine“ Jugendlichen Über die tieferen Gründe einer Faszination Zu den erstaunlichsten Phänomenen des staunenswerten Pontifikats Johannes Pauls II. gehört die Faszination, die dieser Papst auf viele junge Menschen aus-übte, und dies insbesondere in der Spätphase seines Pontifikats, in der er krank und gebrechlich war. Die von diesem kranken und altersgebrechlichen Papst faszinierten Jugendlichen beurteilten die Frage seiner „Amtsfähigkeit“ offenkun-dig völlig anders als diejenigen, die meinten, er könne und dürfe sein Papstamt nicht mehr ausüben. Ihre Faszination schien mit der zunehmenden Hinfälligkeit des Papstes zu wachsen: „Bleibe doch noch“, skandierten sie, wenn sich der schwache Papst zurückziehen wollte. Und in seiner Sterbestunde formten sie auf dem Petersplatz aus Teelichtern den Schriftzug „Siamo con te“ „Wir sind mit dir“, ausgerichtet auf die beiden erleuchteten Fenster des Päpstlichen Palastes. Nach seinem Tod charakterisierte ein Presseartikel dieses Verhältnis zwischen Johannes Paul II. und „seinen“ Jungendlichen mit erstauntem Unterton so: „Ein Idol von 84 Jahren: krank, gelähmt zuletzt und zudem Vertreter einer Welt, die Jugendlichen normalerweise eher verdächtig ist, der Welt der Autoritäten, der Mächtigen, derjenigen, die für die Jungen oft kein Ohr und kein Auge haben.“1 Eine Analyse der Gründe für diese Faszination junger Menschen in einer von anthropologischen, insbesondere von sozialisationstheoretischen Erkenntnissen bestimmten Perspektive ist erhellend. Denn sie kann zu Erkenntnissen über die Situation junger Menschen heute verhelfen und darüber hinaus Aufschluß bieten über die Gründe der Orientierungsunsicherheit vieler Menschen in unserer Ge-genwart. Zum Einstieg seien zunächst einige Äußerungen von jungen Menschen zu den Gründen für ihre Papst-Verehrung zitiert. Auf die Frage, was dieser Papst für die Jugendlichen getan habe, antwortete ein Mädchen: „Es ist ganz einfach, er hat uns Jugendliche geliebt. Er war offen für uns, für die Jugend der Welt.“ Und ein anderes Mädchen ergänzte: „Unsere Sprechchöre auf den Weltjugend-treffen haben ihn nicht gestört, im Gegenteil, sie haben ihn begeistert.“ Eine junge Frau, „so alt wie der Papst“, wie sie lachend sagte und damit ihr Geburts-jahr 1978 umschrieb, äußerte sich so: „Er hat sich nicht im Vatikan verschanzt, er war völlig anders als andere Päpste.“ Andrea, ein 23jähriger Pfadfinder aus Norditalien, erklärte: „Er war ein Vater für uns, ein Bruder, Freund für uns alle“, und fuhr fort: „Der Papst war ein Pastor im besten Sinne, ein Hirte. Schauen Sie uns an solche Freundschaften sind sein Werk, sein Vermächtnis, das ihn über-leben wird.“ Sein Freund Fabricio aus Turin äußerte: „Sein Tod ist wie der eines Vaters. Ein Vater ist nicht zu ersetzen. Aber wenn er so leiden mußte wie Wojty-la, ist man irgendwie froh, wenn er erlöst wird.“2 Äußerungen wie diese waren immer wieder zu hören. Faßt man ihre Kernaussa-gen zusammen, so kristallisieren sich in der Hauptsache zwei Argumente heraus. (1) Johannes Paul II. war für „seine“ Jugendlichen wie ein liebender Vater, der sich seinen Kindern zuwendet, der Zeit für sie hat, sie anhört und sie ernst nimmt. (2) Der Papst war für sie so etwas wie ein sicherer Hort in orientierungs-loser Zeit, ein ruhender Pol, ein Fels in der Brandung. Nach den Aussagen vieler Jugendlicher war es nicht in erster Linie seine Frömmigkeit, und noch weniger waren es einzelne Aspekte seiner moralischen Lehrverkündigung, die sie an ihm faszinierend fanden, sondern es war seine Festigkeit, die sie auch dann noch bewunderten, wenn sie ihm „in der Sache“ nicht vorbehaltlos folgten. Zur Bedeutung der Weltjugendtage Von herausragender Bedeutung waren die Weltjugendtage. Sie waren jeweils Feste der Begegnung des Papstes mit „seinen“ Jugendlichen. Zu ihrem Ursprung hat Johannes Paul II. erklärt: „Niemand hat die Weltjugendtage erfunden. Die Jugendlichen selbst haben sie geschaffen.“ Erstmals lädt er 1983 zu einem Ju-gendtreffen nach Rom ein aus Anlaß des außerordentlichen „Heiligen Jahres der Erlösung“ (das an die 1950. Wiederkehr des Todesjahres Jesu Christi erinnern sollte). 1984 folgen mehr als 300.000 junge Menschen aus aller Welt der Einla-dung des Papstes, zu einem „Internationalen Jubiläum der Jugend“ am Palm-sonntag nach Rom zu kommen. Die Resonanz ist überwältigend. „Welch großar-tiges Schauspiel bietet auf dieser Bühne eure heutige Versammlung“, ruft der Papst den Jugendlichen auf dem Petersplatz zu und fragt: „Wer hat behauptet, die heutige Jugend habe den Sinn für die Werte verloren? Stimmt es wirklich, daß man nicht auf sie zählen kann?“ Diese für den Papst erfreuliche Erfahrung läßt in ihm den Plan reifen, aus den Jugendtreffen eine Dauereinrichtung zu machen. Als die Vereinten Nationen für 1985 ein „Jahr der Jugend“ ausrufen, greift der Papst diese Initiative auf und lädt zu einem weiteren Jugendtreffen nach Rom ein. Über 250.000 Jugendliche fol-gen der Einladung des Papstes, am Palmsonntag 1985 nach Rom zu kommen. In einem eigenen Schreiben an die Jugend appelliert er insbesondere an ihre Ver-antwortung für die Zukunft: „Für diese Gegenwart in ihrer vielfältigen Form und Ausrichtung sind vor allem die Erwachsenen verantwortlich. Euch kommt die Verantwortung zu für das, was eines Tages mit euch zusammen Gegenwart wer-den wird und zur Zeit noch Zukunft ist.“ Eine Woche nach dem Jugendtreffen von 1985 kündigt der Papst in seiner Os-terbotschaft überraschend die dauerhafte Einrichtung der Weltjugendtage an. Damit beginnt die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte der Weltjugendtage, die der Welt jeweils eindrucksvoll vor Augen führten, wie dieser Papst junge Menschen faszinierte und begeisterte. Am Palmsonntag 1986 wird offiziell der erste Welt-jugendtag in Rom gefeiert, 1987 trifft sich die Jugend der Welt in Buenos Aires (Argentinien). Fortan finden im zwei- bis dreijährigen Abstand zentrale Weltju-gendtage statt und in den Jahren dazwischen jeweils am Palmsonntag Weltju-gendtage auf Diözesanebene. In Buenos Aires (1987) erklärt Johannes Paul II. vor einer Million Jugendlicher: „Ich möchte vor euch wiederholen, was ich euch vom ersten Tag meines Pontifikats an gesagt habe: daß ihr die Hoffnung des Papstes, die Hoffnung der Kirche seid.“ Und er fordert die Jugendlichen auf, an der Welt mitzubauen: „So baut ihr die Zivilisation des Lebens und der Wahrheit, der Freiheit und der Gerechtigkeit, der Liebe, der Versöhnung und des Friedens.“ Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen widmet der Papst in seinem Apostoli-schen Schreiben „Christi fideles laici“ vom 30. Dezember 1988 über die Laien auch ein Kapitel der Jugend: „Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen. Dieser gegenseitige Dialog muß offenher-zig, klar und mutig sein. Er fördert die Begegnung und den Austausch zwischen den Generationen und wird für Kirche und Gesellschaft Quelle des Reichtums und des Jungseins.“ Im folgenden Jahr 1989 pilgern rund 600.000 Jugendliche ins spanische Santiago de Compostela. Johannes Paul II. fragt sie: „Warum seid ihr hier, junge Menschen der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts? Spürt ihr nicht auch in euch den Geist dieser Welt?“ 1991 kommen 1,5 Millionen Teilnehmer zum Weltjugendtag in das polnische Tschenstochau. Nach dem Fall des „Eiser-nen Vorhangs“ ist das die erste Chance für Jugendliche aus dem Osten Europas, ungehindert an diesem Ereignis teilzunehmen. „Auf euch, Jugendliche aus dem europäischen Osten und Westen, zählt der alte Kontinent beim Aufbau jenes ‚gemeinsamen Hauses’, von dem wir uns eine Zukunft der Solidarität und des Friedens erwarten“, ruft ihnen der Papst mit Blick auf die künftigen Aufgaben im „gemeinsamen Haus Europa“ zu und fügt hinzu: „Zum Wohl der kommenden Generation wird es notwendig sein, daß sich das neue Europa auf dem Funda-ment jener geistigen Werte aufbaut, die den innersten Kern seiner kulturellen Überlieferung ausmachen.“ 1993 trifft eine halbe Million Jugendlicher mit Johannes Paul II. im amerikani-schen Denver zusammen. „Erstickt nicht euer Gewissen!“, ruft er dort den Ju-gendlichen zu. „Das Gewissen ist das eigentliche Herz und Heiligtum einer Per-son, wo wir mit Gott allein sind [...]. Habt keine Angst, auf die Straßen und in die Öffentlichkeit zu gehen [...]. Das ist nicht die Zeit, sich des Evangeliums zu schämen.“ Die größte Menschenansammlung aller Zeiten findet 1995 beim Weltjugendtag in Manila (Philippinen) statt: Vier Millionen junge Menschen jubeln dem Papst zu, der an die Mitmenschlichkeit erinnert: „Seid ihr fähig, euch selber, eure Zeit, eure Kräfte und euer Talent zum Wohl der anderen hinzu-schenken? Seid ihr zur Liebe fähig? Wenn ihr es seid, können sich Kirche und Gesellschaft große Dinge von einem jeden von euch erwarten.“ Zum Weltju-gendtag in Paris 1997 finden sich rund eine Million junge Menschen zusammen. Johannes Paul II. fordert sie zu einem lebendigen Glauben auf: „Euer Weg ist nicht hier zu Ende. Die Zeit bleibt nicht heute stehen. Geht hinaus auf die Stra-ßen der Welt, auf die Straßen der Menschheit, und bleibt vereint in der Kirche Christi!“ Das Jubiläumsjahr 2000 wird auch zum Jubeljahr der Weltjugendtage. Im Hin-tergrund beginnen bereits die ersten Gespräche, im Laufe der kommenden Jahre den Weltjugendtag nach Deutschland zu holen, ins Ursprungsland der Reforma-tion. Der Papst ruft den Jugendlichen zu: „Meine Gedanken wandern zu den Jugendlichen anderer Kirchen [...], die an diesem Abend [...] hier sind: Der Welt-tag sei eine weitere Gelegenheit, um einander kennen zu lernen und gemeinsam den Geist des Herrn um das Geschenk der vollen Einheit unter allen Christen zu bitten!“ Zwei Jahre später (2002) versammeln sich in Toronto (Kanada) rund 800.000 junge Menschen. Der Papst bittet die Jugend, an der Zukunft der ganzen Menschheit mitzubauen, und fügt hinzu: „In der beeindruckenden Kathedrale von Köln werden die Heiligen Drei Könige verehrt, die Weisen aus dem Mor-genland, die sich vom Stern leiten ließen, der sie zu Christus führte. Euer Pil-gerweg nach Köln beginnt heute. Christus erwartet euch dort zur Feier des XX. Weltjugendtags.“3 Das Weltjugendtagsbüro in Köln hat seine Vorbereitungen durch den Tod Jo-hannes Pauls II. nicht unterbrochen. „Es ist unvorstellbar, daß der neue Papst die Chance nicht wahrnimmt, die Jugendlichen aus aller Welt beim Weltjugendtag zu treffen“, erklärte Prälat Heiner Koch, der Generalsekretär des XX. Weltju-gendtags in Köln. Man werde alles dafür tun, „daß der Weltjugendtag für den Nachfolger Johannes Pauls II. ein großartiges Portal in sein Pontifikat wird.“4 Bereits am Tag nach seiner Wahl hat der neue Papst Benedikt XVI. seine Teil-nahme angekündigt. Gründe für die jugendliche Faszination Johannes Paul II. verkörperte für „seine“ Jugendlichen väterliche Autorität und Orientierungssicherheit. Man kann es auch so sehen, daß er in den Augen „sei-ner“ Jugendlichen ihren Mangel an Begegnungen mit Autorität sowie an Orien-tierungssicherheit ausgeglichen hat. Gäbe es diesen Mangel nicht, so hätte es vermutlich auch die Faszination in diesem Ausmaß nicht gegeben. „Seine“ Ju-gendlichen haben diesen Mangel gespürt, deutlicher als jene Erwachsenen (vor allem auch in Deutschland), denen gerade die von den Jugendlichen bewunderte Festigkeit des Papstes in moralischen Fragen ein Stein des Anstoßes war. Es schien, als ob diese Jugendlichen die Festigkeit dieses Papstes, seine Unbeug-samkeit in mancher Hinsicht, um so mehr bewunderten, je größer der Kontrast zu seiner körperlichen Verfassung wurde: Die Unbeugsamkeit des gebeugten Papstes habe die Jugendlichen besonders beeindruckt, so formulierte es ein Kommentator am Tag der Beisetzungsfeierlichkeiten für den Papst. So macht das ungewöhnliche Verhältnis zwischen Johannes Paul II. und „sei-nen“ Jugendlichen auf einen Mangel aufmerksam, der in gesellschaftskritischen Analysen der jüngeren Zeit häufiger konstatiert worden ist, aber selten so über-deutlich wurde wie angesichts dieses Verhältnisses, dieses offenen Eingeständ-nisses junger und durchaus nicht unkritischer Menschen, wie sehr sie nach Autorität und Orientierung verlangen. An diesem Befund dürfen Gesellschafts-kritiker, Erziehungswissenschaftler, Politiker und all diejenigen, die sich Gedan-ken über die Zukunft unserer Gesellschaft machen, nicht unbeachtet vorüberge-hen. Väterlichkeit, Autorität, Orientierungssicherheit und Glaubwürdigkeit, jene Merkmale, die Johannes Paul II. so überzeugend verkörperte, sind nach den Erkenntnissen der Humanwissenschaften für das Gelingen der Persönlichkeits-entwicklung junger Menschen von grundlegender Bedeutung. Dies hat unsere Gesellschaft einige Jahrzehnte lang weitgehend vergessen. Teilweise wurde eine systematische Demontage dieser Voraussetzungen einer gelingenden Persönlich-keitsentwicklung betrieben. Die Propagandisten „antiautoritärer Erziehung“ erklärten sie für nicht mehr zeitgemäß. Eine der Folgen dieser Demontage be-steht in einer ständigen Zunahme von gravierenden Persönlichkeitsentwicklungs-störungen bei Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig nehmen andere Angehörige derselben Geburtsjahrgänge weite Rei-sen auf sich, um dem Papst zu begegnen und in ihm jene Eigenschaften zu erle-ben, die sie in ihrer Gesellschaft vermissen. Diese „Papstbegeisterten“ signalisie-ren anthropologische Urbedürfnisse, die nicht hinreichend befriedigt werden. Sie halten ihren Gesellschaften, in denen sich ihre Sozialisation und Persönlichkeits-entwicklung vollzog, den Spiegel vor, indem sie auf Versäumnisse aufmerksam machen. Darüber hinaus bestätigen sie durch ihr Verhalten wichtige Erkenntnis-se der Humanwissenschaften, die bis heute nicht die erforderliche Beachtung gefunden haben. Es lohnt sich, solche Einsichten im Hinblick auf die Bedingun-gen einer gelingenden Persönlichkeitsentwicklung unter Verweis auf das Phä-nomen der Faszination vieler Jugendlicher durch Johannes Paul II. erneut in Erinnerung zu rufen. Sie seien hier zunächst thesenartig formuliert: - Junge Menschen haben ein Urbedürfnis nach Autorität. - Junge Menschen sind auf Orientierungsvorgaben angewiesen, um ihren eigenen Weg durchs Leben relativ sicher finden zu können. - Junge Menschen suchen sich Vorbilder, von denen sie „ablesen“ können, wie Leben geht und gelingen kann, und die sich ihnen zur Nachahmung empfehlen. - Das Vorbild animiert junge Menschen um so mehr zur Nachahmung, je über-zeugender und glaubwürdiger es ist. Zur Bedeutung von Autorität Der Grundirrtum aller Autoritätsfeinde ist anthropologischer Natur. Er besteht in einer Fehleinschätzung menschlicher Möglichkeiten im Hinblick auf den Status der Autonomie. Dieser Inbegriff einer gelungenen Persönlichkeitsentwicklung im Sinn weitgehender innerer Unabhängigkeit im Denken und Urteilen wird der Autorität oft irrtümlich entgegengesetzt: Danach wäre ein Mensch entweder auf Autoritäten fixiert und damit innerlich unfrei, weil abhängig im Denken und Urteilen oder er wäre autonom und damit imstande, eigenständig zu denken und zu urteilen. Eine solche Entgegensetzung von Autorität und Autonomie verkennt die Voraussetzungen, unter denen der Mensch wirkliche Autonomie erlangen kann. Er kann sie gerade nicht erlangen, indem er sich jeder Autorität kategorisch verweigert und sich auch als junger Mensch „von niemandem etwas sagen läßt“ (wie manche uneinsichtige Eltern ihren Kindern als Maxime mit auf den Lebensweg geben), sondern er wird diesen Status nur dann erlangen, wenn er sich in der entscheidenden Phase seiner Persönlichkeitsentwicklung das ist die Phase der Adoleszenz von wirklichen Autoritäten, die „etwas zu sagen haben“, bereitwillig „etwas sagen läßt“. Es geht hier um ein anthropologisches Paradox, das sich so formulieren läßt: Nur derjenige Mensch wird im weiteren Verlauf seines Lebens weitestgehend auf Autoritäten verzichten und „selbst denken“ können, der in seiner Jugend bereit war, auf wirkliche Autoritäten zu hören und sich von ihnen „etwas sagen zu lassen“. Der Philosoph Karl Jaspers hat dieses „Autoritätsparadox“ besonders eindrucks-voll formuliert, indem er Autorität als unabdingbare Voraussetzung für die Er-langung von Autonomie bezeichnete. Die folgenden Sätze klingen vielen Zeitge-nossen sicherlich schrill in den Ohren: „Der Mensch kann jederzeit nur leben unter Autorität. Die Täuschung, frei von aller Autorität zu sein, läßt in den ab-surdesten und vernichtendsten Gehorsam stürzen. Der Anspruch einer total frei-en Meinung jedes Einzelnen macht dumm und bewirkt irgendeine totale Unter-werfung. Der Mensch hat nur die Wahl, welche Autorität er zu ergreifen vermag, das heißt welcher Gehalt ihm der Grund seines Lebens wird. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus alle Autorität zu überblicken wäre, als ob man außer-halb stehe. Außerhalb stehen bedeutet: im Nichts stehen und blind sein.“5 Natürlich plädiert Jaspers mit diesen Sätzen nicht für eine unkritische Unterwer-fung unter die erstbeste „Autorität“, die sich anbietet. Vielmehr legt er dar, daß die Wahl der Autorität ein Akt der bewußten Entscheidung nach einem Prozeß der Läuterung sein sollte. „Die Wahl der Autorität geschieht nicht durch Absicht, sondern durch Bewußtwerdung und Läuterung der Autorität, in der ich faktisch schon lebe, durch Erwecken der verschleierten Autorität, der Erinnerung des Grundes, aus dem ich bin. Ich kann diesen Grund nicht tief genug suchen, wenn ich mich vergewissere, was mir unbedingt gilt.“6 Die grundlegende Bedeutung von Autorität für die Erziehung und Persönlich-keitsentwicklung wird in den folgenden Sätzen verdeutlicht: „Freiheit, die wur-de, indem sie Autorität ergriff, kann sich dann der Autorität (in bestimmten Er-scheinungen) erwehren. Durch Autorität zu sich gekommen wächst der Einzelne aus der Autorität heraus. Es wird die Grenzvorstellung des Menschen möglich, der, reif geworden, ganz auf sich steht, des stets erinnernden, nichts vergessen-den, aus tiefstem Ursprung lebenden Menschen, der doch in weitester Sicht ent-scheidungsgewiß zu handeln und tätig zu werden vermag, und der auf dem Grund der Autorität, die ihn hervorbrachte, sich selbst treu ist. In seiner Entwick-lung braucht er den Halt; er lebte aus der Ehrfurcht und durch Bindungen; er stützte sich auf Entscheidungen anderer für ihn dort, wo er noch nicht aus eige-nem Ursprung selbst entscheiden konnte. In der Stufenfolge der Befreiung er-wuchs ihm der Ursprung im eigenen Innern zu entschiedener Kraft und Hellig-keit, bis er mit voller Bestimmtheit in sich die Wahrheit hörte, die er nun in Frei-heit selbst ergriffen auch gegen die von außen fordernde Autorität. Freiheit ist ihm die selbst ergriffene Notwendigkeit des Wahren geworden, Willkür über-wunden; die Autorität ist in seinem Inneren die Transzendenz, die durch sein Selbstsein spricht.“7 Dabei war sich Jaspers der Autoritätskrise bereits zu seiner Zeit sehr wohl be-wußt. Seine Ausführungen erklären sich somit nicht aus Realitätsblindheit, son-dern aus seiner Überzeugung, daß die Autoritätskrise nicht einfach durch Ver-zicht auf Autorität zu überwinden ist, sondern daß es darum gehen muß, Autori-täten „neuen Ursprungs“ zu suchen und zu schaffen, die der vorherrschenden „Universalkritik“ standhalten können. Denn die Autoritätskrise ist nach ihm entscheidend dadurch verursacht worden, daß die früheren Autoritätsformen bzw. -quellen dem „Feuer der Kritik“ des 19. Jahrhunderts nicht standhielten. Zuvor war Autorität nach Jaspers eine Form von „Bindung in Vertrauen; sie gab das Gesetz für Ungewißheit und verband den Einzelnen mit dem Seinsbewußt-sein“. Diese Form schmolz im 19. Jahrhundert „im Feuer der Kritik“ endgültig dahin. Damit sind zwei wichtige Einsichten formuliert: (1) Bindung an Autorität ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, daß der Mensch zur Autonomie gelangt. (2) Frühere Möglichkeiten der „Bindung in Vertrauen“ sind heute kaum noch gege-ben. Das „Feuer der Kritik“ hat sie zum Verschwinden gebracht. Neue Möglich-keiten können nur aus „neuem Ursprung“ kommen. Sie werden sich angesichts fortdauernder totaler Kritik zu bewähren haben. Werden sich solche neuen Möglichkeiten aus „neuem Ursprung“ entwickeln? Das ist eine der entscheidenden Fragen an die Zukunft der Erziehung und Per-sönlichkeitsentwicklung in den westlichen Gesellschaften. Natürlich ist hier an echte Autorität gedacht, wie Johannes Paul II. sie für junge Menschen überzeu-gend verkörperte. Die jungen Menschen spürten, daß er sie nicht bevormunden oder gar entmündigen, sondern sie ermutigen und ihnen bei ihrer Selbstfindung helfen wollte, indem er sie forderte und dadurch förderte. Darauf sind junge Menschen lebensnotwendig angewiesen. Sie werden dies auch in Zukunft blei-ben, solange das Ideal der Autonomie und Mündigkeit fortdauert. Die zahlreichen Formen gegenwärtiger Pseudo-Autoritäten, denen sich Men-schen freiwillig unterwerfen und sich dabei selbst aufgeben - hier ist etwa an die künstlich erzeugten Idole der Unterhaltungsindustrie, aber auch an totalitär aus-gerichtete Sekten zu erinnern , sind natürlich kein Ersatz für fehlende wirkliche Autorität mit gleichzeitiger Binde- und Formkraft. Sie sind lediglich Symptome für das von Jaspers erörterte Problem fehlender wirklicher Autorität in der Ge-genwart. Die Ausnahme-Erscheinung Johannes Paul II. hat gezeigt, daß es auch heute eine Autorität aus „neuem Ursprung“ im Sinn von Karl Jaspers, das heißt aus dem Innersten der Person heraus geben kann. Ähnliches gilt etwa von Mutter Teresa und Roger Schutz. Solche Ausnahme-Erscheinungen („Jahrhundertgestal-ten“) können zwar allein das Problem des Autoritätsmangels unserer Zeit nicht lösen. Aber sie können andere ermutigen, für junge Menschen Autoritäten sein zu wollen. Wahrscheinlich besteht das Hauptproblem des Autoritätsmangels darin, daß es vielen Erwachsenen heute überhaupt nicht mehr erstrebenswert erscheint, für junge Menschen Autorität sein zu wollen und für sich einen Erfah-rungsvorsprung geltend zu machen, der sie verpflichtet, jungen Menschen voran-zugehen, statt sich ihnen anzubiedern und mit ihnen „ewig“ jung bleiben zu wollen. Nirgendwo sonst wird das Problem des Autoritätsmangels so offenkun-dig wie in den unübersehbaren Infantilisierungsphänomenen unserer Gesell-schaft, die aus der Weigerung einer anscheinend ständig zunehmenden Anzahl von altersmäßig erwachsenen Menschen resultieren, wirklich erwachsen zu wer-den und sich wie Erwachsene zu verhalten. Im Kontrast zur „vaterlosen Gesellschaft“ Johannes Paul II. sei für sie wie ein Vater gewesen; deshalb berühre sein Tod sie ebenso schmerzhaft wie der des eigenen Vaters, so haben Jugendliche ihr Ver-hältnis zum verstorbenen Papst umschrieben. Man konnte den Eindruck gewin-nen, daß manche Jugendliche in ihm überhaupt erstmals einen Vater erlebt ha-ben. Manche wirkten wie Kinder der „vaterlosen Gesellschaft“, deren Entste-hung Alexander Mitscherlich vor Jahrzehnten bereits vorhergesagt und analysiert hat.8 Er begriff die „Vaterlosigkeit“ nicht in erster Linie als Folge individuellen Versagens, der Tatsache also, daß die Väter ihre Vaterrolle nicht mehr wahr-nehmen wollen oder können, sondern als eine faktische Folge des Industriezeital-ters mit der für dieses Zeitalter typischen Trennung von Lebens- und Arbeits-welt. Diese Trennung hat ein Verblassen des Vaterbildes zur Folge. Der Vater wird zum „unsichtbaren Vater“, so Mitscherlich. Das „Erlöschen des Vaterbil-des“ sei „im Wesen unserer Zivilisation selbst begründet“. Es betreffe auch die „unterweisende Funktion“ des Vaters. „Gleichzeitig mit diesem von geschichtli-chen Prozessen erzwungenen Verlust der Anschauung schlägt die Wertung um. Der hymnischen Verherrlichung des Vaters und des Vaterlandes! folgt in der Breite ein ‚sozialisierter Vaterhaß’, die ‚Verwerfung des Vaters’, die Entfrem-dung und deren seelische Entsprechungen: ‚Angst’ und ‚Aggressivität’.“9 Mitscherlich unterscheidet eine Vaterlosigkeit ersten und zweiten Grades: erstere ist nach ihm Folge der fortgeschrittenen Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Industriegesellschaft und bedeutet für das Kind das „Unsichtbarwerden des leiblichen Vaters“; letztere „löst die personale Relation der Machtverhältnisse überhaupt auf: Man kann sich, obwohl man sie ungemildert erfährt, ‚kein Bild’ von ihnen machen. Das vaterlose (und zunehmend auch mutterlose) Kind wächst zum herrenlosen Erwachsenen auf, es übt anonyme Funktionen aus und wird von anonymen Funktionen gesteuert. Was es sinnfällig erlebt, sind seinesgleichen in unabsehbarer Zahl.“10 Die Auswirkungen der „Entväterlichung“, der „Vaterlosen Gesellschaft“, sind durch jüngere Veröffentlichungen weiter verdeutlicht worden. „Glaubte man noch bis in die jüngste Zeit, die Mutter sei fast ausschließlich das Schicksal der Kinder, so melden sich in den letzten Jahren vor allem Richter, Heilpädagogen und Psychiater zu Wort und legen überzeugendes Material vor, aus dem das Versagen der Väter als Grund für Delikte, Fehlverhalten und allgemeine Desori-entierung deutlich nachgewiesen wird.“11 Während die Bedeutung der Mutter gründlich erforscht wurde, hat man eine systematische Erhellung der Bedeutung des Vaters für die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen lange ver-nachlässigt. Dabei hatte Mitscherlich schon 1963 die weitverbreitete Auffassung vom Bedeu-tungsvorrang der Mutter zurechtgerückt, indem er auf die besondere Bedeutung des Vaters im Hinblick auf die Wertorientierung und Gewissensbildung des Kindes hinwies: Die realen Erfahrungen mit dem Vater, so stellte er fest, seien entscheidend dafür, „wie im weiteren das soziale Feld erfahren werden kann. Insbesondere die emotionale Einstellung zur Berufswelt und das Engagement für die Gesellschaft im allgemeinen werden so strukturiert.“ Zwar seien die prägen-den Einflüsse der Mutter die älteren, und alle gesellschaftlichen Bemühungen zur Angleichung der Berufsrollen, die darauf hinausliefen, den natürlichen, biolo-gisch bedingten Unterschied beseitigen zu wollen, hätten unweigerlich „eine pathologische Entwicklung des einzelnen“ zur Folge. Denn „andere gesellschaft-liche Einrichtungen können die Intimsphäre zwischen Mutter und Kind niemals gleichwertig ersetzen; Urvertrauen erwirbt das Kind nur im Umgang mit ihr und sonst mit niemandem.“ Auch für die Vater-Kind-Beziehung gebe es keinen vollgültigen Ersatz. „Ver-steht der Vater seine Rolle und weist er dem Kind die seine an, dann kann es ihm die Ansätze zu seiner eigenen planenden Weitsicht absehen und auch, wie man Fehlschläge erträgt. Der Vater muß frustrieren, aber er kann es auf eine nicht ersetzbare Weise, in der Forderungen versöhnlich bleiben. Es sind die wechsel-seitigen glückenden Gefühlsbindungen zwischen Mutter, Kind und Vater, für welche Vater wie Mutter die Erlebnisvoraussetzungen schaffen, die es ihnen erlauben, erziehend zu fordern und mit den Forderungen zu versöhnen.“12 Nach jüngeren Forschungsergebnissen zur Bedeutung des Vaters in der Entwick-lung des Kindes hat der Vater für die Reifung seiner Kinder eine derart prägende Bedeutung, daß ein amerikanischer Richter forderte: „Macht den Vater wieder zum Oberhaupt der Familie.“13 Diese Prägung ist vor allem für die Entwicklung von Eigenständigkeit, Verantwortung, Selbststand und Individualität notwendig. Nimmt der Vater diese Brückenfunktion nicht oder nur schwach wahr, so besteht die Gefahr eines „desorientierten Verhältnisses zur außerfamiliären Welt. Wenn Mütter, aus welchen Gründen auch immer, zunehmend häufiger versuchen, im Maße ihrer außerhäuslichen Tätigkeit diese Funktionen zu übernehmen, so muß mit Nachdruck festgestellt werden, daß die Frau und Mutter in der Regel über-fordert ist, wenn sie diese väterliche Funktion zu ihren notwendigen, wichtigen Aufgaben noch dazu übernehmen muß. Vor allem militante Emanzipationsver-fechter übersehen in ihrer Forderung nach beliebigem Rollentausch diese Über-forderung der Frau und verkennen die vorgegebenen Unterschiede von Mann und Frau, Vater und Mutter, die sicherlich nicht starr und exklusiv zu verstehen, aber doch real vorhanden waren, sind und sein werden.“14 Das amerikanische Forscher-Ehepaar William und Nancy McCreedy, das in be-deutenden Untersuchungen der Frage nachgegangen ist, inwieweit der Lebens-weg kriminell gewordener Menschen durch elterliche Einflüsse mitbestimmt wird, stellt fest: „Wenn beim Einfluß der Eltern zwischen dem Beitrag des Va-ters und dem der Mutter unterschieden wird, so haben in jedem Fall die Väter mehr Einfluß auf ihre Kinder als ihre Mütter.“15 Vor allem in der Gewissensbil-dung kommt dem Vater neben der wichtigen Aufgabe der Mutter beim Wert-nehmen die normative Instanz zu. Auch dies ist nicht exklusiv zu verstehen. Der Vater ist aber die Primärgestalt für die Entscheidungsfähigkeit, für die Ent-faltung der Initiativen. „Wird der Vater aus Mangel an eigener Reife und Ent-scheidungsfähigkeit dieser Aufgabe nicht oder nur unzureichend gerecht, so wird das Kind wenn überhaupt nur auf Umwegen über Vater-Stellvertreter fähig werden, Entscheidungen sachgerecht und persongemäß zu fällen. Entschei-dungsunsichere Menschen verweisen in der Regel auf eine schwach erlebte Va-tergestalt.“16 Im elterlichen Rollengefüge der beiden Geschlechter „verkörpert der Vater Wort und Gesetz, Entschiedenheit, Mut, Entschlossenheit und Lebenskraft, ist er der Garant für Ordnung und Sich-Entscheiden. Er verhilft zum Glauben, zum Gehor-sam und zur Ausbildung des Gewissens, wobei Stellvertretungen und subsidiäre Kompensierungen möglich sind. Diese letzten Aussagen verweisen auf die große Bedeutung des Vaters in der Entfaltung des religiösen Leben, des Glaubens. Margret Erni hat sich eigens mit der Entstehung des Gottesbildes in Zusammen-hang mit dem Erlebnisbild des Vaters befaßt und kommt zu bemerkenswerten Ergebnissen, die die Religionspädagogik nicht unberücksichtigt lassen darf.“17 Alexander Mitscherlich spricht mit Blick auf vaterlos aufgewachsene Menschen von der „Mobilität radargesteuerter Konformisten“, die oft angepaßt und heimat-los seien. „Reifung und Wandlung geraten aus dem Blick, ja sie werden ausge-blendet. Eine Angst vor dem Altern ist beinahe immer festzustellen. Sie liegt in der mangelnden Bereitschaft oder Fähigkeit, sich zu wandeln, begründet.“18 Auch Abkehr von Traditionen deutet er als „Entväterlichung“. Der Psychologe Horst Petri hat in Anknüpfung an Mitscherlichs Analyse 1999 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Das Drama der Vaterentbehrung“.19 Darin analysiert er die „Vaterentbehrung“ vieler junger Menschen als Folge der „Auf-kündigung des patriarchal definierten Geschlechtervertrages“. Er schreibt: „So überfällig sie war und der Frauenbewegung als unzweifelhaftes Verdienst anzu-rechnen ist, so sichtbar werden allmählich die verheerenden Folgen für die nachwachsenden Generationen.“20 Jede revolutionäre Erneuerung bringe eine „chaotische Übergangsphase“ als Preis mit sich. In diesem Falle sei es der Preis für die Emanzipation der Frau. Der Geschlechterkampf sei noch immer von „wechselseitiger Entfremdung“ bestimmt. Anzeichen für eine „kreative Neuord-nung des Chaos“ seien erst vereinzelt erkennbar. Aber „das ernsthafteste Prob-lem, das die Geschlechtertrennung produziert hat, die Vaterentbehrung, läßt sich nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe lösen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist ein neuer Geschlechtervertrag.“ Mit ihm aber sei erst zu rechnen, „wenn das Massenphänomen in seiner ganzen Tragweite durchdacht und das dabei auftretende Erschrecken zum Motiv und zur Bereitschaft für einen Wandel der Anschauungen und Verhaltensstrukturen wird.“21 Petri verdeutlicht die gravierenden Folgen der „Vaterentbehrung“ für die Persön-lichkeitsentwicklung junger Menschen, insbesondere junger Männer. Er macht darauf aufmerksam, daß die gängige Meinung, Kinder könnten den Vater leichter entbehren als die Mutter, falsch ist. Insbesondere in der Pubertätskrise „benöti-gen die Jugendlichen die Väter stärker als die Mütter“. Dies erkläre sich aus der komplementären Mutter- und Vaterrolle. „Während die Mutter in ihren biologi-schen und sozialen Funktionen ab der Geburt die wichtigste Person darstellt, teilen die Eltern im idealtypischen Fall während der ersten ödipalen Phase die unterschiedlichen Erziehungsaufgaben. Für den Vater gipfeln sie in seiner Ver-antwortung für die Kinder in der Pubertät und Adoleszenz [...]. Hier tragen die Väter die Hauptlast. In einer funktionierenden Familie gibt es - entgegen aller Propaganda - einen gerechten Ausgleich in der Versorgung und Verantwortung für die Kinder; er ist zwischen Müttern und Vätern nur auf einer Zeitachse ver-schoben.“ Die Verehrung Johannes Pauls II. als Vater durch Jugendliche kann durchaus als Rebellion gegen die „Vaterlosigkeit“ unserer Gesellschaft und in vielen Fällen wohl auch als Kompensation einer persönlichen „Vaterentbehrung“ verstanden werden. Zugleich wird damit deutlich, daß sich anthropologische Urbedürfnisse allenfalls kurzfristig überdecken, aber nicht längerfristig unterdrücken lassen. Dies sollten alle bedenken, die glauben, sich bei ihren Gesellschaftsentwürfen leichtfertig über anthropologische Erkenntnisse hinwegsetzen zu können. Zur Bedeutung des Vorbilds Viele Jugendliche haben erklärt, der Papst sei für sie ein Vorbild an Geradlinig-keit, Konsequenz und Glaubwürdigkeit. Es ist in heutiger Zeit alles andere als selbstverständlich, daß Jugendliche sich überhaupt zu einem Vorbild bekennen. Auch dieser Begriff erscheint vielen nicht mehr zeitgemäß. Es gibt die weitver-breitete irrige Meinung, Orientierung an einem Vorbild sei das Gegenteil von „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“. Die Auffassung, sie selbst wüßten am besten, was gut für sie sei und was sie infolgedessen zu tun und zu lassen hätten, ist bei jungen Menschen heute weit verbreitet. Und viele Erwach-sene bestärken sie in dieser Auffassung. Die Erkenntnisse der anthropologischen Wissenschaften lauten anders: „Ohne Vorbilder bleiben Jugendliche in eine ziellose Bewegung gefesselt“, schreibt der Jugendforscher Jörg Bopp. „Es entsteht in ihnen ein Gefühl der seelischen und sozialen Leere. Das lebendige Interesse an sich selbst, an den Mitmenschen und an der Gesellschaft geht verloren, wenn es weder Anregung noch Bestätigung findet. Die Vorbilder sind ein Schutz vor Selbstverachtung, Selbstzerstörung und richtungsloser Feindlichkeit es sei denn, daß sie gerade dies Ziel verkörpern.“22 Dabei ist zwischen Vorbildern und Idealen zu unterscheiden. Zwischen beiden besteht ein grundlegender Unterschied, der oft übersehen wird. Ideale sind Vor-stellungen, die als Wertmaßstäbe dem menschlichen Erleben und Handeln zugrunde gelegt werden: Grundsätze oder Prinzipien, die für das Handeln rich-tungsweisend sind. Vorbilder dagegen sind konkrete Personen, lebende oder verstorbene, die Ideale im unmittelbaren Wortsinn „verkörpern“. Sie sind sinn-lich und emotional unmittelbar erfahrbar. Als leibhaftige Modelle stellen sie eine Verbindung von Lebensführung und Ideal her. „Vorbilder kann man bewundern und nachahmen; denn sie verfügen über Eigenschaften, die man selbst gern hätte. Ideale dagegen kann man weder bewundern noch nachahmen; man kann sich höchstens für sie begeistern und sie verwirklichen. Sie können den Menschen fesseln wie eine vorbildliche Person, ohne über deren Anschaulichkeit zu verfü-gen. 'Freiheit' ist kein Vorbild, und Martin Luther King kein Ideal“.23 Die Aneignung von Idealen allein genügt nicht als Voraussetzung für eine gelin-gende Persönlichkeitsentwicklung. Der Anreiz zur Verwirklichung der Ideale unter Umständen auch gegen Widerstände und unter Inkaufnahme von Unan-nehmlichkeiten muß hinzukommen. Diesen Anreiz wecken Vorbilder. „Sie geben dem Heranwachsenden ein Gefühl der Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Sie bestätigen, daß die bevorzugten Ideale auch in der Lebensführung eingelöst werden können. Schließlich bieten sie Hilfe und Ermutigung in Situati-onen der Unsicherheit und des Mißerfolgs.“24 Problematisch wirkt sich auch in dieser Hinsicht das Medienzeitalter aus, denn es konfrontiert junge Menschen ständig mit einer Fülle von teils fragwürdigen „Idealen“ und „Vorbildern“, die sich teilweise widersprechen oder sich gar ge-genseitig entwerten. „Unsere Gesellschaft erlebt nicht das Ende der Vorbilder, sondern eine inflationäre Vermehrung“, schreibt Bopp. „Die Jugendlichen erfah-ren ständig eine Invasion von Idealen in ihrem privaten Raum.“ Die Wirkung dieses aufdringlichen Massenangebots ist zwiespältig. Einerseits erhalten die Heranwachsenden eine Fülle von Anregungen und die Möglichkeit, kritische Maßstäbe gegenüber einzelnen „Sinnangeboten“ zu entwickeln. Dadurch können sie größere Unabhängigkeit erlangen. Andererseits sind sie ständig in der Gefahr, „daß ihr seelisches Leben von fremden Interessen besetzt wird“. Sie stehen au-ßerdem unter dem Druck, „sich vor dem Überangebot zu retten und gleichzeitig das auszuwählen, was das Wachstum ihres Ich-Ideals und ihres Ichs fördert und festigt. Es ist schwer für sie, ihre Verselbständigungs- und Orientierungswünsche miteinander zu verbinden. Es ist noch weitgehend unbekannt, welche Techniken der Auswahl aus der Vielfalt die Jugendlichen gebrauchen. Und es ist noch un-klar, welche Methoden des inneren Widerspruchs Jugendliche anwenden, um sich in dem weltanschaulichen Überangebot nicht zu verlieren.“25 Auch eine abstrakte Erörterung von Wertfragen etwa im schulischen Unterricht ist kein Ersatz für die Werterfahrungen, die Vorbilder jungen Menschen ver-mitteln. Denn die Werterfahrung im Umgang mit Vorbildern wirkt überzeugen-der und nachhaltiger als eine theoretisch-abstrakte Erörterung von Wertfragen ohne konkreten Lebensbezug. Das Resultat einer gelungenen Wertevermittlung wird oft mit dem Begriff „Internalisierung“ bezeichnet. Dieser Begriff bezeich-net den Vorgang der „Verinnerlichung“ der „von außen“ auf den jungen Men-schen treffenden Werte und Normen letztere in Form von gesellschaftlichen Forderungen und/oder Verboten , so daß daraus schließlich „im Innern“ des jungen Menschen Motive des eigenen Handelns werden. Es ist von entscheidender Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen, ob er sich Vorbilder sucht, die ihn zur „Aufwärtsentwicklung“ ermutigen und herausfordern und ihm dadurch bei seiner Persönlichkeitsent-wicklung behilflich sind oder solche, die ihm solche Herausforderungen „er-sparen“. Denn Vorbild ist nicht gleich Vorbild. Die Wahl seiner Vorbilder hat geradezu schicksalhafte Bedeutung für den jungen Menschen. Er kann sich seine Vorbilder in einer Traumwelt suchen und sich damit für ein Ich-Ideal entschei-den, das ihm nicht nur nicht hilft, sondern ihn gerade an einer erfolgreichen Per-sönlichkeitsentwicklung hindert, weil es keinerlei Anforderungen stellt. Oder er kann sich seine Vorbilder in der konkreten Welt suchen: Menschen aus Fleisch und Blut, die ihm keine Traumwelt vorgaukeln, sondern ihn an die Realität des Lebens heranführen und ihn zu einer erfolgreichen Bewältigung des Lebens im moralischen Sinn befähigen. Ein Vorbild wirkt nicht nur dadurch, daß es Forderungen stellt und zur Selbstent-scheidung auffordert, sondern insbesondere auch dadurch, daß es zur Nachah-mung anregt bzw. einlädt und damit dem natürlichen Nachahmungstrieb des Menschen (Mimesis) Rechnung trägt. Dies ist für den Prozeß der Vermittlung von Werten und Normen von besonderer Bedeutung. Denn Werte und Normen werden nicht abstrakt vermittelt, sondern durch „gelebte“ Vorbilder, in denen sie konkret erfahrbar werden, die sie glaubhaft und überzeugend vorleben und da-durch unausgesprochen oder auch ausgesprochen für diese Werte werben, sie attraktiv machen. Unsere Gesellschaft wäre gut beraten, die folgende Feststellung des Sozialpsy-chologen Peter Hofstätter zu beherzigen: „Letzten Endes ist jedes Erziehungs- und Bildungssystem danach zu beurteilen, ob es noch in der Lage ist, wirksam Vorbilder anzubieten.“ Zum Wesen einer jeden Kultur gehöre „die Möglichkeit eines Konsenses bezüglich der Vorbildlichkeit von Personen, Taten und Wer-ken“, konstatierte er und fragte gleichzeitig besorgt, „ob wir überhaupt noch zu einer solchen Einigung gelangen können.“26 Damit formulierte er eines der Grundprobleme der heutigen Erziehungsmisere in unserer „wertunsicheren Ge-sellschaft“ (Wolfgang Brezinka). Folgerungen Aus der Analyse der Gründe für die Faszination, die Johannes Paul II. auf „sei-ne“ Jugendlichen ausübte, lassen sich in sozialisationstheoretischer Perspektive wichtige Folgerungen im Hinblick auf die gegenwärtigen Situation der Jugendli-chen in unserer Gesellschaft, vor allem im Hinblick auf die Sozialisationsbedin-gungen, die unsere Gesellschaft ihrem Nachwuchs bietet, ableiten: 1. Junge Menschen haben ein anthropologisches Urbedürfnis nach Väterlichkeit, Verläßlichkeit und Orientierungssicherheit. Diese Urbedürfnisse finden sie in unserer Gesellschaft unzureichend berücksichtigt. 2. Junge Menschen haben ein anthropologisches Urbedürfnis nach einer Ausrich-tung ihres Lebens an Werten, die ihr Leben auf ein höheres Niveau heben. Sie beklagen die vielfältigen Formen der Zerstörung von Werten in unserer Gesell-schaft und den daraus resultierenden Mangel an Werterfahrung. 3. Junge Menschen sehnen sich nach der Begegnung mit reifen, wertüberzeugten Menschen, die öffentlich zu ihren Wertüberzeugungen stehen, sie glaubhaft verkörpern und vorleben und dadurch für „ihre“ Werte „werben“, so daß in den jungen Menschen der Wunsch geweckt wird, diese Vorbilder nachzuahmen und sich deren Werte zu eigen zu machen. Die von den „papstbegeisterten“ jungen Menschen beklagten Mängel in den Bedingungen ihrer Persönlichkeitsentwicklung sollten unsere Gesellschaft auf-rütteln und zum Überdenken der Sozialisationsbedingungen anregen, die sie ihrem Nachwuchs bietet. Unsere Gesellschaft sollte erkennen, daß die von diesen jungen Menschen beklagten Mängel zugleich eine Antwort enthalten auf die gegenwärtig viel erörterte Frage nach den tieferliegenden Ursachen der augen-blicklichen „deutschen Misere“. Anmerkungen 1) „Die Welt“ vom 4. April 2005. 2) Zitiert nach der „Welt“ vom 4. April 2005. 3) Zitate nach einer chronologischen Übersicht der Weltjugendtage des Weltjugendtags-büros Köln, zusammengestellt von Matthias Kopp: Offizielle Website des XX.WJT in Köln. 4) Pressemeldung des Weltjugendtagsbüros Köln vom 4. April 2005. 5) Karl Jaspers: Was ist Erziehung? Ein Lesebuch. Textauswahl und Zusammenstellung von Hermann Horn. München (Serie Piper 1513) 2. Aufl. 1992, S. 91. 6) Ebenda, S. 91f. 7) Ebenda, S. 97. 8) Vgl. Alexander Mitscherlich: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München 1963; Neuausgabe 1973 (Serie Piper 45); nachfolgende Zitate nach dieser Ausgabe. 9) Ebenda, S. 177. 10) Ebenda, S. 338. 11) Hermann Wesseln: Der Vater in der Erziehung, in: Erziehung in Verantwortung. Grundlagen, Aufgaben, Erfordernisse, hrsg. von Manfred Balkenohl und Hermann Wes-seln. Hamm 1982, S. 142ff., hier S. 143. 12) Alexander Mitscherlich, a. a. O., S. 342f. 13) Zitiert von Wesseln, a. a. O., S. 145. 14) Wesseln, a. a. O., S. 145. 15) Ebenda, S. 145. 16) Ebenda. 17) Ebenda, S. 146. 18) Zitiert nach: Wesseln, a. a. O., S. 151. 19) Vgl. Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung, Freiburg- Basel- Wien 1999. 20) Ebenda, S.10. 21) Ebenda, S.11. 22) Jörg Bopp: Jugend. Stuttgart 1983, S. 114. 23) Ebenda. 24) Ebenda. 25) Ebenda, S. 122. 26) Peter Hofstätter: Brauchen wir Vorbilder? In: Familiensoziologie. Probleme Daten Aufgaben. Hrsg. von Frank Baumgärtel, Braunschweig 1979, S. 342 und 344. Dr. Johannes Schwarte, Studiendirektor a.D., arbeitet als Sozialisationsforscher und Sozialethiker in Münster. |
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