Jahrgang 59
Nr. 3/2005 Juni
DIE NEUE ORDNUNG

Joseph Cardinal Ratzinger

Glaube und Politik, Kirche und Staat*

Für die Verleihung des Augustin-Bea-Preises möchte ich der Internationalen Stiftung HUMANUM ein Wort herzlichen Dankes sagen. Mein besonderer Dank gilt Ihnen, sehr verehrter Herr Kollege Utz, dafür, daß Sie als Altmeister der Katholischen Soziallehre meine verstreuten Versuche zum Themenbereich Glau-be und Politik zu einem Ganzen zusammengefügt und sie aus dem Reichtum Ihres Denkens heraus beleuchtet haben. Es ist für mich eine tiefe Freude und Genugtuung, von einem Gelehrten Ihres Ranges eine solche Bestätigung meines Denkens in dieser für unser aller Schicksal so bedeutsamen Thematik zu emp-fangen. Herzlich danken möchte ich auch Ihnen, sehr verehrter Herr Botschafter Verbeek, für die Verlesung der Laudatio, die meine wesentlichen Anliegen im Disput um Kirche, Theologie und Politik einfühlsam und präzis zum Ausdruck bringt.

Der Augustin-Bea-Preis bedeutet mir die Bestätigung eines wesentlichen Teiles meiner Lebensarbeit als Priester und Wissenschaftler, auch wenn die Thematik, auf die er sich bezieht, in meinem Werk erst langsam in Erscheinung getreten ist. Mein Ausgangspunkt war zunächst die geschichtliche und systematische Erhel-lung von Ekklesiologie und Geschichtstheologie gewesen; seit 1962 gab dann das Zweite Vatikanische Konzil die Themen vor. Dabei lag für mich unter den großen konziliaren Fragestellungen zunächst Gaudium et spes, die Weltbezie-hung der Kirche, eher am Rand meines Interesses.

Man darf wohl etwas vergröbernd behaupten, daß die deutsche Theologie sich auf dem Konzil überwiegend für die Fragen der Liturgie, des Verhältnisses von Bibel und Überlieferung, der Ökumene und der Ekklesiologie interessierte, wäh-rend die Franzosen bei der Frage nach Kirche und Welt dominierten und die Amerikaner ihr besonderes Interesse auf das Problem der Religionsfreiheit rich-teten. Als aber 1968 die studentische Revolte auch eine Instrumentalisierung der Theologie, ja, der religiösen Leidenschaft einer neuen Generation mit sich brach-te, war die Lage verändert. Gerade wer Religion und Theologie in ihrem eigenen Anspruch vertreten wollte, mußte nun auch die wesentliche Profanität und die Vernünftigkeit der Politik gegenüber einer zur Ideologie degenerierenden Religi-on verteidigen.

Dies aber mußte in einer Weise geschehen, die zugleich den sittlichen Auftrag der Politik und die politische Verantwortung des Glaubens definierte und damit notwendigerweise eine Idee von Sachlichkeit ausschloß, die Rationalität mit Wertfreiheit und so mit Blindheit im Bereich des Sittlichen und Religiösen ver-wechselte. Dieser schwierigen Aufgabe konnte und durfte ein akademischer Lehrer in jenen verworrenen Jahren nicht ausweichen, noch dringender stellte sie sich mir, als ich zuerst das Amt des Erzbischofs von München und Freising und dann dasjenige des Präfekten der Glaubenskongregation zu Rom übernehmen mußte.

Je mehr ich in den Streit um diese Fragen hineingezogen wurde, desto mehr wurde mir aber auch deutlich, daß ich kein völliges Neuland betrat. Als ich vor ziemlich genau 40 Jahren zum ersten Mal die Civitas Dei Augustins las, berühr-ten mich vor allem zwei bestimmende Bauelemente dieses gewaltigen Werkes, die sich ziemlich genau mit den Grundgedanken decken, die die Laudatio nun aus meinen verschiedenen Schriften herausgegeben hat. Das erste ist Augustins Versuch, den Platz des christlichen Glaubens in der von Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.) formulierten Typologie der Religionen festzulegen. Augustin hat meiner Überzeugung nach den wesentlichen Ansatz des biblischen Denkens sehr genau begriffen, wenn er es gleichermaßen ablehnte, das Christentum der politischen wie der mythologischen, das heißt der poetisch-ästhetischen Theolo-gie zuzuordnen. Es gehört typologisch für ihn in den Bereich der sogenannten physischen Theologie, das heißt, es ist in seinem Kern weder ein Instrument der Erhaltung oder der Revolutionierung einer bestimmten Gesellschaftsform, noch ist es eine ästhetische Verklärung der Welt und des Lebens, sondern seine Kate-gorie ist die Wahrheit, und das bedeutet auch, daß es sich ganz wesentlich an die Vernunft des Menschen wendet. Gewiß, es öffnet einen Horizont, der über unse-re eigenen Denkmöglichkeiten hinausreicht. Aber dieser Horizont ist Wahrheit und hebt daher die Vernunft nicht auf, sondern fordert sie an und gibt ihr zu-gleich eine neue Weite.

Das zweite Element, das mich an Augustins Gottesstaat besonders interessierte, war seine Absage an theokratische Politik. Denn das Buch ist ja geschrieben als Antwort auf die Erstürmung Roms durch die Westgoten unter Alarich im Jahre 410. Die heidnische Reaktion konnte nun sagen, daß Rom unter der Herrschaft der Götter unbesiegbar gewesen war, während jetzt der christliche Gott als schützende Kraft des Staates offenkundig versagt hatte und so ins Unrecht ge-setzt war. Augustinus hat demgegenüber die wesentliche Grenze der politischen Bildungen und die Grenzen der Kirche herausgestellt: Der Staat ist in der Ge-schichte seinem Wesen nach „irdischer Staat“ und kann gar nicht Gottesstaat werden; die Kirche bleibt ihrem Wesen nach vom Staat verschieden. Gott ist nicht ein politisches Instrument menschlichen Handelns.

Was die Kirche zum Staat beiträgt, ist anderer Art: Indem sie den Menschen für die Wahrheit öffnet, öffnet sie ihn für das Recht und läßt so das Maß der Gerech-tigkeit in Erscheinung treten, ohne das ein Staat, wie erfolgreich und mächtig er auch sei, mehr von einer Räuberbande als von einem wirklichen Staat an sich hat.

Diese Grundeinsicht in das je eigene Wesen von Staat und Kirche hat Thomas von Aquin mit Hilfe der aristotelischen Ethik und Politik weiterentwickeln kön-nen und damit Augustin im Kern seines Wollens weit besser verstanden als der mittelalterliche Augustinismus, der nun doch wieder in den Traum eines irdi-schen Gottesstaates fiel. Die Präferenz, die das kirchliche Lehramt Thomas von Aquin seit dem 19. Jahrhundert als Modell des Denkens aus dem Glauben einge-räumt hat, ist in diesem Sinn sachlich sehr wohl begründet: Thomas hat gerade in der Aufnahme des Aristotelismus die wesentlichen Intuitionen der Väter zu ver-einigen vermocht und damit auch die Treue zu den bestimmenden Perspektiven des biblischen Denkens und Glaubens gewahrt. Mir ist im Ringen um die The-matik von Kirche und Welt, in das ich mich seit den siebziger Jahren hineinge-stellt sehe, immer mehr die Konstanz und die sachliche Begründung, ja, die Ver-nünftigkeit der großen Tradition mitten in ihren Variationen und in ihrer leben-digen Entfaltung zur beglückenden Einsicht geworden.

Für die Bestätigung meines auf diesen Wegen gewachsenen Denkens durch die Verleihung des Augustin-Bea-Preises kann ich am Schluß nur noch einmal der Stiftung HUMANUM von ganzem Herzen danken.

Anmerkung

*Vortrag, gehalten im Vatikan am 30. Mai 1989 bei der Feier der Verleihung des Augus-tin-Bea-Preises der Internationalen Stiftung Humanum an Joseph Cardinal Ratzinger. Zuerst erschienen unter dem Titel „Schlusswort“ in: Arthur F. Utz (Hrsg.): Glaube und demokratischer Pluralismus im wissenschaftlichen Werk von Joseph Kardinal Ratzinger. Scientia Humana Institut, Bonn 1989, 60-64.

Joseph Cardinal Ratzinger dozierte Dogmatik an verschiedenen theologischen Fakultäten in Deutschland, wirkte als Erzbischof von München-Freising, war Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und wurde am 19. April 2005 zum Papst gewählt: Benedikt XVI.

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