Jahrgang 59
Nr. 3/2005 Juni
DIE NEUE ORDNUNG

Andreas M. Rauch

Erinnerung und Identität Johannes Pauls II.

Am 2. April 2005 um 21.37 Uhr starb Karol Józef Wojtyla (1920-2005) im A-postolischen Palast in der Vatikanstadt. Als Papst Johannes Paul II. (1978-2005) leitete er fast 27 Jahre die römisch-katholische Kirche. Es handelt sich um die drittlängste Amtszeit eines Papstes überhaupt nach dem Heiligen Petrus (gestor-ben um das Jahr 65) und dem von Johannes Paul II. seliggesprochenen Pius IX. (1846-1878). Zu den zentralen Themen seines Pontifikats gehören „Frieden“ und „Menschenrechte“, „Einheit der Christen“ und „Dialog mit den Weltreligionen“. Sein theologisches Buch „Erinnerung und Identität“ erschien nur wenige Wo-chen vor seinem Tode und kann als das geistige Vermächtnis von Papst Johan-nes Paul II. angesehen werden – gerade angesichts seines weltweiten Bemühens um Aussöhnung und seinem „mea culpa“ am 12. März 2000 für die Verfehlun-gen von Christen wie etwa bei den Glaubenskriegen, den Judenverfolgungen und der Inquisition.

Johannes Paul II.: Erinnerung und Identität – Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden. Weltbild Buchverlag: Augsburg, 2005. 224 Seiten, ISBN 3-89897-170-8.

Mit seiner Enzyklika „Redemptor hominis“ (Der Erlöser des Menschen) hat Johannes Paul II. als erste von vierzehn Enzykliken sein päpstliches Amt ange-treten; in dieser Erstlings-Enzyklika von 1979 legte er sein theologisches Pro-gramm vor: Es besteht zum einen in einer Rückbesinnung auf Christus als Zent-rum der Kirche und Ausgangspunkt der Theologie, zum anderen stellt es den Menschen in seiner personalen Existenz in den Vordergrund, ganz im Sinne seiner Habilitationsschrift über Max Scheler.

Mit seiner Veröffentlichung „Erinnerung und Identität“ schließt sich nun der Kreis dieses lang andauernden, theologisch facettenreichen Pontifikats, indem er auf das Thema zu sprechen kommt, das ihn bereits zu Beginn seines Amtsantritts bewegte: Jesus, der Christus, der Erlöser der Menschen. So heißt es zu Ende des Buches „Erinnerung und Identität“: „In der Liebe, die ihre Quelle im Herzen Christi hat, liegt die Hoffnung für die Zukunft der Welt. Christus ist der Erlöser der Welt: ‚Durch seine Wunden sind wir geheilt’ (Jes. 53,5).“

Nur durch die christliche Friedensbotschaft und Auferstehungshoffnung erfährt menschliches Wirken Sinn und Zielrichtung. Die Publikation „Erinnerung und Identität“ kann als das politisch-philosophische Erbe des im Alter von 84 Jahren verstorbenen Papstes gewertet werden. Johannes Paul II. blieb in seinem welt-kirchlichen Engagement für die katholische Universalkirche in seinem Herzen Pole, in seinem Denken Europäer und in seinem Handeln Weltbürger. In der vorliegenden Veröffentlichung spricht Johannes Paul II. alle wichtigen Fragen der Menschheit aus Sicht der in Deutschland oft geschmähten katholischen Sozi-allehre an – also an Themen wie Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechts-staatlichkeit, die internationale soziale Frage und das Gemeinwohlprinzip, Be-wahrung der Schöpfung und Umweltschutz, Religionsfreiheit und Menschen-rechte sowie das Verhältnis von Kirche und Staaten: Fragen also, die für alle Menschen nach ersten Schritten in das dritte Jahrtausend von entscheidender und bleibender Bedeutung sind.

I. Geschichtliche Auseinandersetzungen mit dem Bösen

In „Erinnerung und Identität – Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtau-senden“ schildert der Pontifex Maximus seine Gedanken über die Phänomene der Gegenwart im Lichte geschichtlicher Ereignisse – als eine Persönlichkeit, die ganz unstrittig selbst Weltgeschichte prägte. Dabei versucht er, in geschichtli-chen Ereignissen die Wurzeln dessen zu entdecken, was in der Welt des 20. Jahrhunderts geschah und sich heute noch immer ereignet. So möchte er seinen Mitmenschen – und zwar Einzelpersonen und Völkern – die Möglichkeit bieten, über eine Neuinterpretation von einer in der Geschichte wurzelnden Erinnerung zu einem lebendigeren Bewußtsein der eigenen Identität zu gelangen. Bei der Behandlung dieser Inhalte geht es in einer moraltheologischen Wahrnehmung um eine Bewertung von guten und bösen Handlungen.

Papst Johannes Paul II. hat den Druck der vielfältigen Erscheinungsformen des Bösen in seinem Leben persönlich erfahren, etwa bei der Zwangsarbeit im Stein-bruch oder beim Besuch eines geheimen Priesterseminars in Krakau. Die Zeit als Priester im kommunistisch regierten Polen hat ihn zutiefst geprägt. Als ein Mann, der im polnischen, von jüdischer Kultur stark beeinflußten Wadowice geboren wurde, hat Karol Wojtyla die Schrecken nationalsozialistischer Herr-schaft wie auch des russischen Despotismus, also vielfältige Formen des Bösen, persönlich erfahren und erlitten. „Die Menschenrechte sind das Fundament jeder Zivilisation: Diese Überzeugung habe ich aus Polen mitgenommen, von den Auseinandersetzungen mit dem sowjetischen System und dem kommunistischen Totalitarismus“, sagte der Papst am 21. Januar 1998 auf dem Flug zum kubani-schen Havanna. Sein Wirken blieb nicht wirkungslos: Jener Fidel Castro, der jahrzehntelang Atheismus propagiert und den Klerus verfolgt hatte, ordnete angesichts des Todes von Johannes Paul II. eine dreitägige Staatstrauer an.

Karol Wojtyla studierte zunächst Philosophie und Literatur, war Schauspieler in der Experimentaltheatergruppe „Studio 38“ in Krakau und einer der führenden Köpfe des illegalen „Rhapsodie Theaters“. Wojtyla schrieb Gedichte und Thea-terstücke („Der Bruder unseres Gottes“, „Der Laden des Goldschmieds“, „Strah-lung des Vaters“); im März 2003 veröffentlichte er den Gedichtband „Römisches Triptychon“. In seiner Freizeit widmete sich Wojtyla dem Sport, etwa Schwim-men, Skifahren oder Wandern. Nach seinem Theologiestudium, das wegen der deutschen Besatzung in Polen weitgehend im Untergrund stattfinden mußte, wurde er 1946 zum Priester und 1958 zum Bischof geweiht. Ab 1964 war er Erzbischof von Krakau, wurde 1967 zum Kardinal ernannt und 1978 als Nach-folger von Papst Johannes Paul I. gewählt. Johannes Paul II. ist der erste polni-sche und seit dem Niederländer Hadrian VI. (gestorben 1523) der erste nicht-italienische Papst.

Das Buch „Erinnerung und Identität“ fußt auf Gesprächen, die der Pontifex 1993 in Castel Gandolfo mit zwei polnischen Philosophen führte: Józef Tischner und Krzysztof Michalski, den Gründern des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen. Diese Gespräche hat der Heilige Vater überarbeitet und aktuali-siert. „Es ist ein literarischer Dialog, der nach den Wurzeln und dem Sinn der Geschichte sucht“, sagt der Pressesprecher des Papstes Joaquin Navarro-Valls. Als Manifestationen des Bösen, so Navarro-Valls, sehe der Papst die politischen Systeme des Nationalsozialismus und des Kommunismus an; in ihnen finden sich Formen von totalitärer Herrschaft und von Staatsterrorismus. Das Buch wende sich in besonderem Maße – so der Pressesprecher – an die jungen Men-schen, die dem Heiligen Vater gerade im Jahr des XX. Weltjugendtages in Köln am Herzen liegen.

II. Christliche Friedenshoffnung gegen Terror und Gewalt

Terror und soziale Ungerechtigkeit verleihen der Frage nach dem Bösen zu Be-ginn des dritten Jahrtausends brennende Aktualität. Hierbei ist zu realisieren, daß wenn Johannes Paul II. vom „Bösen“ und vom Terror spricht, diese für ihn kei-ne abstrakten, keine akademischen Themen sind, sondern ganz persönlich erfah-ren wurden. Dies betrifft neben den angesprochenen Formen des Staatsterroris-mus auch den religiös und politisch motivierten Terrorismus einzelner Gruppen oder Personen als einem zentralen politischen Problem der Gegenwart.

Erinnert sei daran, daß der Papst 1981 bei einem Attentat auf dem Petersplatz schwer verletzt wurde. Eine persönliche Sensibilität und Betroffenheit für alle Formen von Gewalt und Terror konnte bei Johannes Paul II. auf jeden Fall vor-ausgesetzt werden. So wie in anderen Kapiteln des Buches auch, steht dabei das christliche Glaubenszeugnis im Vordergrund, also eine kirchliche Sichtweise und Beurteilung. Dies wird vor allem im Schlußkapitel, dem Epilog mit der Über-schrift „Jemand hatte diese Kugel geleitet ...“ deutlich: „All das war ein Zeichen der göttlichen Gnade. ... Agca wußte, wie man schießt; er schoß zweifellos, um zu treffen. Nun, es war, als hätte ‚jemand’ diese Kugel geleitet und umgeleitet ... Ich war praktisch schon auf der anderen Seite. Möglicherweise hatte Ali Agca intuitiv erfaßt, daß es über seiner Macht, jenseits der Macht, zu schießen und zu töten, eine höhere Kraft gab. … Ich lebe in dem ständigen Bewußtsein, daß in allem, was ich in der Erfüllung meiner Berufung und Sendung und meines Am-tes sage und tue, etwas geschieht, was nicht ausschließlich meine Initiative ist.“ So hat der Papst den Schutz vor dem Bösen in einer persönlich dramatischen Weise erlebt, als er das Attentat – am Jahrestag der Offenbarung von Fatima – überlebte. Seither fühlte er sich in besonderer Weise von Gott begleitet.

Johannes Paul II. behandelt in seiner Publikation die dem Bösen gesetzten Grenzen und setzt dabei die Ideologien des Bösen dem Mysterium der Erlösung gegenüber. Gerade diese gedankliche Vorgehensweise reflektiert den persönli-chen Werdegang von Karol Wojtyla. In weiteren vier Kapiteln kommt der Autor auf den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung zu sprechen, der doch an die wissenschaftliche Arbeit des ehemaligen Universitätsprofessors anzu-knüpfen scheint. Sodann folgen fünf Kapitel zu den Begriffen von Vaterland, Nation und Geschichte, die vor allem auf die christliche Gesellschaftslehre Be-zug nehmen. Wenn der Papst hierbei von Geschichte spricht, so ist keine akade-mische Geschichts- oder Politikwissenschaft gemeint, sondern eine Reflexion dieser Begriffe im Lichte der kirchlichen Lehre.

In sechs weiteren Kapiteln geht es um Gedanken zu Polen, Europa und der Kir-che, wobei der polnische Patriotismus wie in früheren Schriften des Papstes ein deutlich sichtbares Element bildet. Vielleicht handelt es sich bei Johannes Paul II. um den letzten Papst, bei dem patriotische Gefühle eine große Rolle spielen. In diesem Zusammenhang werden auch die besonderen Beziehungen zwischen Staat und Kirche im „christlichen Europa“ reflektiert, welches sich mit den Her-ausforderungen von Säkularisierung und Wertewandel konfrontiert sieht. Diese Überlegungen stehen im Kontext seiner Enzyklika „Slavorum apostoli“ (1985), in denen die kulturellen Wurzeln der Kirche in Osteuropa und die Slawenapostel Cyrillus und Methodius als Patrone für das Zusammenwachsen von Ost- und Westeuropa gewürdigt werden. In vier weiteren Kapiteln geht es um die Rolle der Demokratie und um die Frage der Identität Europas, vor allem als christli-ches Abendland – gerade vor dem Hintergrund eines starken christlichen Glau-bens in vielen Staaten Afrikas und Lateinamerikas, trotz und vielleicht gerade wegen der dortigen, äußerst bescheidenden, materiellen Rahmenbedingungen.

In der deutschen Öffentlichkeit verbindet sich mit dem Begriff des „Bösen“ sehr eng jener Terminus von der „Achse des Bösen“ bei Bush junior, der ihn aus dem christlichen Fundamentalismus der amerikanischen Südstaaten entnahm. Doch mit einer derartigen apodiktischen Argumentation oder gar einer „Philosophie des Bösen“ oder des „Teuflischen“ haben die Überlegungen des Papstes nichts zu tun. Es ließe sich nun vieles zu den Enzykliken, Schriften und Briefen des Papstes sagen, doch gemeinsam ist ihnen, daß sie stets einen klaren, nachvoll-ziehbaren Gedanken entwickeln und reflektieren – so wie auch in der vorliegen-den Veröffentlichung. Der Papst gesteht der Französischen Revolution von 1789 und der Aufklärung eine positive Wirkung zu, weil sie einen entscheidenden Beitrag leisteten für eine Stärkung der Würde und Rechte des Menschen. Ande-rerseits macht der Papst die Französische Revolution verantwortlich für einen bis heute anhaltenden Prozeß der Säkularisierung Europas und großer Teile dieser Welt.

Geistige Heimat findet der Papst in jener Region, aus der er selber stammt, aus dem katholischen Polen, das deutlich von einer Mystik geprägt ist, die sich der Gottesmutter Maria verpflichtet, ganz so, wie es in der zweiten, von polnischer Mystik inspirierten Enzyklika „Dives in misericordia“ (1980) thematisiert wird: In Christus erweist sich den Menschen die Barmherzigkeit Gottes des Vaters, die alle Sünden und alles Böse überwindet. Die Erlösung und die mit ihr verbunde-nen heilbringenden Gaben und Aufgaben für den Menschen dienen als dem Bö-sen gesetzte göttliche Grenze: „Im Mysterium der Erlösung ist der Sieg Christi über das Böse dem Menschen nicht nur als persönlicher Gewinn gegeben, son-dern auch als Aufgabe. Der Mensch übernimmt diese Aufgabe, indem er sich auf den Weg des inneren Lebens begibt, daher auf den Weg eines bewußten Arbei-tens an sich selbst – eines Arbeitens unter der Anleitung des Lehrmeisters Chris-tus.“ Der einzelne Mensch ist dem Bösen nicht machtlos ausgeliefert; auch sind Menschen oder ganze Völker grundsätzlich nicht abgrundtief böse, weshalb das Reden von einer „Achse des Bösen“ in der christlichen Anthropologie nicht zu finden ist. Vielmehr muß das gelungene menschliche Leben als eine Aneinander-reihung von guten Taten verstanden werden, eben als Ausdruck von Gottes- und Nächstenliebe, wodurch dem Bösen Einhalt geboten wird.

III. Entwicklungs- und sozialpolitische Herausforderungen

Wer Rezensionen zu „Erinnerung und Identität“ liest, stellt rasch fest, daß viel-fach auf die zeitgeschichtliche Rolle des Papstes im Kontext des Ost-West-Konflikts und die Befreiung Osteuropas von der kommunistischen Hegemonial-macht Sowjetrußland abgehoben wird, natürlich auch auf die Unterstützung der polnischen Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ durch den Heiligen Stuhl und ihm verbundener Kreise. Der Name des polnischen Papstes ist eng mit den Um-bruchjahren 1989/90 verknüpft, und auch die Enzyklika „Laborem exercens“ (1981) zielt aus damaligem aktuellen Anlaß stark auf die Situation der revoltie-renden Arbeiter in Polen, die mit ihrer Gewerkschaft „Solidarnosc“ den Ostblock erschütterten. In „Laborem exercens“ erklärt der Papst das Recht auf Gewerk-schaften zum unantastbaren Grundrecht und versucht, einen „dritten Weg“ zwi-schen Kapitalismus und Kommunismus zu entwerfen. Das Pontifikat von Johan-nes Paul II. war nicht nur lang, sondern auch geschichtsträchtig, und wenn er von „Erinnerung und Identität“, vor allem von der christlichen Identität Europas spricht, so gewinnen diese Aussagen aus seinem Munde ihre spezifische, zeitge-schichtliche Bedeutung.

Leicht wird in Besprechungen übersehen, daß Johannes Paul II. keinesfalls nur in europäischen Kategorien dachte, sondern er als Oberhaupt einer Weltkirche und als Stellvertreter Christi auf Erden die Botschaft von der Erlösung des Men-schen an alle Menschen allerorts richtete, und zwar auch an jene Menschen, die vom Nord-Süd-Konflikt betroffen sind, wie er dies in seiner Enzyklika „Cente-simus annus“ (1991) reflektiert. Eben diese Sichtweise führt zu einer sozialen Verantwortung der katholischen Kirche, die sich sorgt um Menschen in Entwick-lungsländern, vor allem in schwachen, gescheiterten Staaten von Afghanistan, Tschetschenien bis nach Haiti. Der Papst erkennt zu Recht, daß in sozialen Fra-gen und Konflikten auch Ursachen des internationalen Terrorismus zu suchen sind. Terroristen erhalten Ausbildungen in schwachen Staaten wie im Libanon oder in Afghanistan – aber auch in Rußland, wo viele Soldaten überhaupt nicht oder mit großer Verspätung ihren Sold erhalten und deshalb Armeebestände verkaufen. Die Gefahr existiert, daß radioaktives Material für „schmutzige Bom-ben“ aus diesen schwachen Staaten in terroristische Hände fällt. Für den Papst sind mit der Stärkung eines Weltgemeinwohls die Förderung von Rechtsstaat-lichkeit und Völkerrecht gemeint, aber eben auch die Anmahnung von politi-schen Lösungen angesichts des Vorhandenseins von extremer Armut und schwe-ren sozialen Konfliktlagen.

Die Gespräche mit den beiden polnischen Philosophen lassen erkennen, daß im Zentrum seiner Überlegungen die Sorge um die „Strömung der Anti-Evangelisierung“ in Europa steht, die einen Kampf „gegen das Leben in seinem Anfangsstadium wie in seiner Endphase“ führe. Diese Richtung verfüge über „große Zentren ökonomischer Macht, mit deren Hilfe sie versucht, den Entwick-lungsländern die eigenen Konditionen aufzuzwingen“. Und der Heilige Vater, der wirklich weit davon entfernt ist, demokratische Regierungsformen zu kriti-sieren, fragt eben auch ganz im Sinne der Politikwissenschaftlerin und Totalita-rismusforscherin Hannah Arendt, ob es nicht „unter dem Anschein der Demokra-tie“ eine „andere Form des Totalitarismus“ geben könne oder vielleicht schon gibt. Mit diesen Überlegungen befindet sich der Papst im Zentrum aktueller politischer Überlegungen, sowohl in Fragen des Schutzes von ungeborenem Leben wie in Fragen europäischer Kinder-, Jugend- und Seniorenpolitik, die sehr ernst zu nehmen sind. Gerade im Zeichen der Enzyklika „Redemptor hominis“ und im Blick auf das Kreuz und die Erlösungsbotschaft Jesu gilt es, allen For-men des Totalitarismus entgegenzutreten.

IV. Brücken bauen: die Friedensgebete in Assisi

Terrorismus und religiöse Radikalisierung ließen in den vergangenen Jahren beim verstorbenen Papst ein Grundanliegen aktueller werden denn je: den inter-religiösen Dialog. So äußerte Johannes Paul II. tiefe Sorge über „die dramati-sche Konfrontation zwischen den Kulturen und den Religionen“ und er geht weiter und energischer als seine Amtvorgänger auf andere Religionsgemein-schaften zu. Lange bevor Samuel Huntington mit seinen Überlegungen von ei-nem Kampf der Kulturen (clash of civilizations) auf sich aufmerksam machte, warnte der Heilige Vater vor „Religionskriegen“.

Diese weitgehend in der Öffentlichkeit verdrängte Tatsache macht die problema-tische Bedeutung des Wissenschaftspopulismus in unserer modernen Medienwelt deutlich. So wird Papst Johannes Paul II. vielfach als „traditionell“ in den Me-dien dargestellt, weil er durch die Marienfrömmigkeit und die katholische Mystik seiner Heimat Polen geprägt ist. Auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs jedoch erscheint der Papst als eine ganz „moderne“, nach vorne gerichtete Persönlichkeit. Wann hat es das in der Vergangenheit zuvor gegeben, daß sich ein großer Religionsführer aktiv um den Dialog mit anderen (Welt-)Religionen bemüht, die doch in gewisser Weise auch Konkurrenz bedeuten?

Als Ausgangspunkt dieses interreligiösen Engagements des Papstes ist das Assi-si-Treffen aus dem Jahr 2002 zu nennen, auf dem im Sinne einer vorläufigen Bilanz gefragt wurde: Wo steht die katholische Kirche heute im Dialog der Reli-gionen? Insgesamt gab es drei Assisi-Treffen. Kam es bei Assisi I. am 27. Okto-ber 1986 eher zu einer Beschäftigung mit dem Thema Frieden auf einer religiös-spirituellen Ebene, so gelang bei Assisi II. am 9./10. Januar 1993 eine Konturie-rung der Zusammenkunft, die stärker in den gesellschaftlichen Raum hinein-wirkt. Vor dem Hintergrund der Konflikte auf dem Balkan wurden auch Religi-onsvertreter aus dieser Region eingeladen. Zu Beginn von Assisi II. stand die Anhörung der Zeugnisse von Personen, die von Krieg und Gewalttaten betroffen sind. Johannes Paul II. erläutert den Zweck von Assisi II.: „Alle Männer und Frauen in Europa, die für religiöse Werte aufgeschlossen sind, sollten gleichsam am eigenen Leib die Wunden des Krieges empfinden. … Angesichts einer sol-chen Tragödie können wir nicht gleichgültig bleiben und die Augen schließen.“ Mit Assisi II. setzte der Papst ein sichtbares Zeichen für Frieden und Versöh-nung.

Am 24. Januar 2002 fand Assisi III. statt, welches von Friedensappellen und symbolischen Gesten geprägt war. Über 250 Vertreter von Religionen aus aller Welt, Delegationen von Hindus, Buddhisten, Schintoisten, Konfuzianern und Naturreligionen folgten der Einladung des Papstes, um zu unterstreichen: In manchen Situationen hilft nur noch das Gebet! Kurz vor ihrer Rückreise ver-pflichteten sich die Religionsvertreter in einer offiziellen Erklärung zur Bewah-rung und Sicherung des Friedens in einer Abwandlung des von Immanuel Kant formulierten ethischen Grundsatzes: „Was du von einem anderen erwartest, das tu auch für ihn.“ Alle Formen von Gewalt und Terrorismus werden in dieser Stellungnahme ebenso verurteilt wie der Rückgriff auf Gewalt und Krieg im Namen Gottes: „Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus! Im Namen Gottes bringe jede Religion der Welt Gerechtigkeit und Frieden, Vergebung und Leben, Liebe!“

Festgehalten werden kann die große Sympathie von Johannes Paul II. gegenüber den anderen Weltreligionen. Als vier wichtige Höhepunkte seines Pontifikates sind in diesem Zusammenhang zu nennen: seine Rede vor 100.000 muslimischen Jugendlichen im Sportstadion des marrokanischen Casablanca am 20. August 1985, sein Besuch in der jüdischen Synagoge von Rom am 14. April 1986, seine Vergebungsbitte für die Sünden an den Orthodoxen am 4. Mai 2001 in Griechen-land und sein Besuch der muslimischen Omajaden-Moschee zu Damaskus am 6. Mai 2001.

V. Das Vermächtnis: Mahnung zum Frieden an alle Menschen

„Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus“, rief Johannes Paul II. bei seiner Amtseinführung am 22. Oktober 1978. Der Papst verstand sein Amt und den Auftrag zum Frieden politischer als seine Vorgänger: „Öffnet seiner rettenden Macht die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts.“ Die politische Dimension seines Friedensengagements wurde sichtbar in seiner Unterstützung des polnischen Widerstandes gegen das kommunistische Regime und der Gegner des Irak-Feldzuges der USA einige Jahre später. Sein Engagement für den Frie-den war bestimmt durch Versöhnung und die Erinnerung an die Opfer der Ge-schichte, wie etwa den jüdischen Opfern in der nationalsozialistischen Ära, so wie er dies in einer Ansprache in Jerusalem am 23. März 2000 zum Ausdruck brachte: „Ich bin nach Yad Vaschem gekommen, um der Millionen zu gedenken, denen alles geraubt wurde, vor allem ihre menschliche Würde, und die im Holo-caust ermordet wurden.“

Der Tod von Johannes Paul II. bedeutet Abschied nehmen von einem Papst, der sich dem Frieden verpflichtete. Zugleich ist es für viele Menschen ein Abschied von einem Lebensabschnitt, auf den der Papst sie durch seine Medienpräsenz begleitete und auch von vielen Gläubigen begleitet wurde. Die tiefe Anteilnah-me, die viele Menschen an seinem jahrelangen Leiden, seinem Sterben und sei-nem Tod nahmen, liegt auch darin begründet, daß Johannes Paul II. jenen Weg durchschritt, den alle Menschen auf die eine oder andere Weise gehen müssen, stets die Hoffnung auf Erlösung durch den Auferstandenen im Blick.

Bis zuletzt war das päpstliche Wirken von einem hohen Maß an Willensstärke gekennzeichnet. „Ausruhen kann ich mich im Paradies“, sagte der „Diener der Diener Gottes“ einmal. Anläßlich des Todes von Johannes Paul II. unterstrich Karl Cardinal Lehmann, daß der Papst ein mutiger Zeuge des Evangeliums, einer der Großen der Weltgeschichte und ein bleibendes Vorbild nicht nur für die katholischen Christen gewesen sei. Seine Krankheit und seine gesundheitliche Leiden hatte der Papst nicht versteckt, sondern angenommen und in der Öffent-lichkeit gezeigt: Dadurch wurde er sichtbarer Ausdruck christlicher Friedens-hoffnung im Zeichen des Kreuzes – und einer „Liebe, die Herzen bekehrt und Frieden schenkt“ (so Papst Johannes Paul II. in einer letzten Botschaft).

Dr. Andreas M. Rauch, Professor ehrenhalber, lehrt Politische Wissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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