Jahrgang 59
Nr. 3/2005 Juni
DIE NEUE ORDNUNG

Ansgar Lange

Der konservative Moralist

Erinnerung an Matthias Walden

Um Matthias Walden ist es still geworden. Zum 20. Todestag am 17. November 2004 erinnerte keine größere Zeitung oder Zeitschrift an den Publizisten. Einzige Ausnahme: Die Tageszeitung DIE WELT, als deren Herausgeber Walden tätig ge-wesen war, brachte einen Artikel des großen alten Mannes des Springer-Verlags, Ernst Cramer, der des verstorbenen Weggefährten gedachte. Vor fünf Jahren hatte Bettina von Saß noch einmal den Versuch unternommen, mit einem Buch ein wenig Aufmerksamkeit für das Lebenswerk ihres 1984 an Krebs gestorbenen Vaters zu erreichen. Die Resonanz beim Lesepublikum war eher bescheiden, obwohl kein geringerer als Alt-Kanzler Helmut Schmidt ein Vorwort zu dieser Publikation bei-steuerte. Er, der von Waldens scharfer Feder häufig mit Kritik bedacht worden war, äußerte sich folgendermaßen: „Matthias Walden war ein großer Journalist, ein sehr begabter Autor, der brillant und gleichzeitig doch allgemein verständlich formulierte. Durch oftmals überpointierte Sätze präsentierte er seine Meinung der Leserschaft und provozierte zustimmende, aber auch ablehnende Reaktionen.“ Schmidt stellte Walden in eine Reihe mit Paul Sethe, Sebastian Haffner, Kurt Becker und – etwas unglück-lich – dem unsäglichen Henri Nannen. „Matthias Walden war ein Konservativer im besten Sinne des Wortes. Dies führte dazu, daß undifferenziert denkende sogenannte Linke ihn oftmals als Rechten bezeichnet und angegriffen haben. Walden begriff aber sich selbst als einen Mann der Mitte, der sowohl den Nationalsozialismus und jeglichen Nationalismus als auch den Kommunismus vehement ablehnte.“

Daß der Vergleich mit Nannen, einem der überschätztesten Journalisten der alten Bundesrepublik, so fehl am Platze ist, zeigt ein Blick in Waldens Buch „Kassandra-Rufe. Deutsche Politik in der Krise“ von 1975. Nannen ist für Walden ein Opportu-nist reinster Güte, der erst mit den Nazis mitmarschierte – schließlich schaute er weit „arischer“ und germanischer aus als die Herren Goebbels oder Hitler –, sich dann auf die Seite der Nachkriegsdemokratie schlug, um schließlich die Bundesrepublik ver-ächtlich zu machen. Was Nannen als Gesinnung ausgab, war wohl eher Geschäft. In den siebziger Jahren war es „in“, sozusagen „westwärts zu treten und sich ostwärts zu verbeugen“. Walden porträtierte Nannen, diesen „Kolporteur der Gesinnungs-schwankungen“, ohne Gnade: „Seine Gesinnungsshow bestimmte die Atmosphäre mit, in der in jenen Jahren der Opportunismus in’s Unkraut schoß. Sie brachte, weil sie feucht war und föhnig, den Schwamm in’s demokratische Haus, Stockflecken an die Wände, den Wurm in‘s Gebälk.“ Die Stern-Leser hätten den „parfümierten Föhn“ bedauerlicherweise für „frischen Wind“ gehalten. Der Illustrierten-Boß sei zwar ein „partiell hochintelligenter Mann“ gewesen und ein außergewöhnlich begab-ter Blattmacher: „Aber als schreibender Moralist fehlt ihm etwas ganz Entscheiden-des: die Moral. Sie ist durch Ironie, Zynismus, Geschmacklosigkeit und kritisch verkleidete Anpassung nicht zu ersetzen.“ In diesen Sätzen leuchten alle Stärken Waldens auf: Seine klare und zugleich bildkräftige Sprache und der Mut, die Wahr-heit zu sagen, auch wenn sie unbequem ist. Heutige Journalisten wie beispielsweise ein Patrick Bahners hätten für eine solche Aussagen mehrere Bleiwüsten-Spalten in der FAZ verbraucht, akademisch gestammelt und beim Leser Zustände der Gehirn-lähmung ausgelöst.

Walden, ein Meister der Feder

Warum lohnt es sich, zwanzig Jahre nach Waldens Tod ein Autorenportrait des lang-jährigen Chefkommentators des Senders Freies Berlin und Mitarbeiters von WELT und WELT AM SONNTAG zu veröffentlichen? Es lohnt sich, weil Walden eine faszinierende Persönlichkeit ist. Die Fotos der frühen Jahre, als er beispielsweise Kolumnen für die Illustrierte QUICK schrieb, zeigen eine blendende äußere Erschei-nung. Ein sehr gut aussehender Herr, der gar nicht wie ein scharfer kalter Krieger aussieht, sondern eher wie ein sensibler Schöngeist. Auf seine von der Natur nicht so verwöhnten Gegner wie Günter Grass, Heinrich Böll, Günter Gaus, „Dany“ Cohn-Bendit oder Karl-Eduard von Schnitzler hat dieser sächsische Edelmann, der als Otto Baron von Saß am 16. Mai 1927 in Dresden zur Welt gekommen ist, sicherlich irri-tierend gewirkt. Ein wenig von dieser Ambivalenz drückt sich in dem Nachruf des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL aus: „Der Dresdner, der alle sächsischen Trü-bungen aus seiner Aussprache poliert hatte, sprach seine auf lapidare Prägnanz ge-trimmten Texte unterkühlt und scheinbar distanziert – ein Herrenreiter am Mikro-phon. Wenn er von seinem ideologischen Roß herunterstieg, gelang ihm Eindrucks-volles: zum Beispiel Fernsehfeatures über das Leben prominenter Politiker.“ Mit Verlaub: Die Bezeichnung „Herrenreiter“ ist Schwachsinn pur. Nun war Walden zwar leidenschaftlicher Reiter und stand – für den bekennenden Nicht-Vereins-Menschen Walden ein kleines Wunder – eine zeitlang einem Berliner Reitclub vor. Aber ein Herrenreiter war dieser sensible Gentleman mit Sicherheit nicht.

Schaut man sich die Nachrufe an, die nach dem 17. November 1984 geschrieben wurden, so fällt auf, daß Walden polarisierte. Er war nicht lau, kein Eunuch der Fe-der, sondern ein meinungsstarker Kommentator, der kein Blatt vor den Mund nahm. Kein Wunder, daß ihm entweder starke Zustimmung oder haßerfüllte Ablehnung entgegenschlug. Die FAZ schrieb: „Eine gerechte Würdigung des Polemikers Wal-den wird eines Tages Mann und Meinung in Ruhe besehen müssen.“ Für die FAZ, die einen bisweilen ermüdenden Sowohl-als-auch-Journalismus pflegt und damit einem so profilierten Schreiber wie Walden keinen Platz geboten hätte, war der Ba-ron ein „liberaler Konservativer“.

Nach zwanzig Jahren kann eine gerechte Würdigung vorgenommen werden. Und dabei wird klar: Walden hat in vielem recht behalten. Sein unbeirrbares Eintreten für die Einheit der Nation wurde 1989 mit dem Fall der Mauer „belohnt“ und bestätigt. Anders als die ostpolitischen Lautsprecher und Geschichtsklitterer Bahr und Gaus durfte er dieses glückliche Ereignis nicht erleben. Sein Plädoyer für eine enge transat-lantische Zusammenarbeit, sein Anti-Totalitarismus, das Bekenntnis zur Partner-schaft mit Israel, die Warnung vor einem überbordenden Sozial- und Wohlfahrts-staat: Wo andere Irrtum auf Irrtum anhäuften, kann über Walden gesagt werden, daß er meistens richtig gelegen hat mit seinen Thesen und Einschätzungen.

Die „geleckten schwarzen Stiefel des Herrenmenschen“

Erich Böhme, der als Chefredakteur des SPIEGEL bekanntlich nicht „wiedervereint“ werden wollte, langte im Jahr 1981 kräftig unter die Gürtellinie. In schönster Gossen-Sprache phantasierte Böhme von den „geleckten schwarzen Stiefel(n) des Herren-menschen Matthias Walden“, der sich im „Stechschritt“ bewege. Noch tiefer langte das ehemalige linke Pornoblatt KONKRET, das eine widerliche Todesanzeige ab-druckte: Oben liest man „Zwei Mann in einem Sarg“. Darunter ist die Todesanzeige des Gerling-Konzerns zu sehen, wo neben dem ursprünglichen Namen Otto Baron von Saß auch das Pseudonym Matthias Walden zu lesen ist. KONKRET schmierte darunter: „Wer darf am Fenster sitzen?“

Zutreffender und gerechter fallen andere Würdigungen des Verstorbenen aus. Der sozialdemokratische Journalist Jens Feddersen nannte ihn einen „Patrioten der deut-schen Sache“. Richard von Weizsäcker hielt ihn für einen festen Charakter und „nob-len und bescheidenen Menschen“. Für Ernst Cramer war er ein „gottbegnadeter Schreiber“, den sowohl die Putzfrau wie der Professor verstehen konnte. Und Heinz Galinski, der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, stellte fest: „Die jüdische Gemeinde zu Berlin hat mit Matthias Walden einen ihrer besten Freunde verloren. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich so unbeirrbar, leiden-schaftlich und kompromißlos für die Belange des Staates Israel eingesetzt hat.“

Doch zurück zum Anfang. Matthias Walden wurde am 16. Mai 1927 als Otto Baron von Saß in Dresden geboren. Sein Vater schrieb – wie man heute sagen würde – „Frauenromane“. Anders als viele linke Weggefährten und Gegner hatte Walden später keine Vergangenheit zu „bewältigen“. Sein Elternhaus war strikt antinazis-tisch. Der Brand der Dresdner Synagoge, den der kleine Otto Baron von Saß gemein-sam mit seinem Vater entsetzt betrachtete, zeigte den Beobachtern die ganze Gottlo-sigkeit des Dritten Reiches. Die Jugendzeit prägten jedoch in erster Linie schulische Nöte, die die politischen Vorgänge bisweilen überdeckten. In dem 1963 erschienenen Buch „ost blind – west blind“ schildert der 36-jährige erfolgreiche Journalist die unschönen Seiten der eigenen Schulzeit: „In den folgenden Jahren bedrückte mich die Schule mehr als die Politik, zumal ich ein sehr schlechter Schüler war und die Lehrer mir Schlimmes für die Zukunft voraussagten. Nur wenn mein Vater Hitler einen Verbrecher nannte, empfing ich frühe politische Impulse. Ich sehe noch deut-lich seine Hände vor mir. Sie waren oft zur Faust geballt und die Knöchel schimmer-ten weiß. Seinen Zorn zu begreifen, gelang mir erst viele Jahre später.“

Mit 15 Jahren kam Otto Baron von Saß zur Heimatflak. Eher unsportlich und von schwacher Konstitution, konnte er sich für das Kriegshandwerk an der Heimatfront nicht so recht begeistern. Von dem ganzen Militär- und Uniformbrimborium der Nazis, von dem sich viele Hitlerjungen blenden ließen, weil sie es als Spiel und Spaß mißverstanden, fühlte er sich zu keinem Zeitpunkt angezogen. Der Film „Napola“ hat ja jüngst gezeigt, daß sich viele junge Menschen von dem totalitären Regime durchaus blenden und verführen ließen. Und von der mediokren Figur an der Staats-spitze, dem die eigene Lächerlichkeit mit schmieriger Haartolle und peinlichem Schnauzbart ins Gesicht geschrieben war, ließ sich der junge Edelmann schon gar nicht faszinieren. Ja, er leistete sogar in bescheidenem Rahmen tapferen Widerstand: „An Hitlers Geburtstag, den 20. April 1943, nahmen wir in unserer Baracke feierlich das Führerbild von der Wand, sangen (weil uns keine andere Geste des Protestes einfiel) die englische Nationalhymne und warfen das Bildnis des Adolf Hitler in den kleinen Kanonenofen, auf dem die große Kaffeekanne dampfte. Es war ein schöner Tag und keiner hat etwas verraten.“

Schon früh hatte Walden den Wunsch, als Journalist zu arbeiten. Doch seine „äußerst mangelhaften schulischen Erfolge“, die sich im „Trauma des blauen Briefes“ zeigten, nahmen ihm „Mut und Lust“, das journalistische Handwerk auf dem akademischen Weg zu erlernen. Sicherlich hat er unter dem Unverstand seiner Mitschüler und sei-nes Lehrers gelitten, die ihm diesen Beruf nicht zutrauten: „Ich gab arglos Auskunft über meine Absicht, Journalist zu werden und erntete unerwartet das brüllende Ge-lächter aller. Als es viel zu spät verstummte, belehrte mich der Klassenlehrer, der sich der allgemeinen Heiterkeit nicht entzogen hatte, über den Umstand, daß der Beruf des Redakteurs umfassendes Wissen, Kenntnisse auf nahezu allen Gebieten, sowie außergewöhnlichen Fleiß verlange. Er riet mir ab und sagte Schlimmes voraus, falls ich meiner Illusion weiter nachhängen sollte. Erst nach vielen Jahren der Be-rufspraxis gelang es mir, mich innerlich von dieser Entmutigung freizumachen. Aber an Gymnasien und Universitäten beschleunige ich noch heute unwillkürlich meinen Schritt, obwohl ich mir nicht verhehle, einem Vorurteil erlegen zu sein.“

Es macht die Menschlichkeit Matthias Waldens aus, daß er sich später nicht zum Überflieger stilisierte und zu den eigenen Schwächen stand. In der Illustrierten QUICK plauderte er in seiner regelmäßigen Kolumne, die stets mit einem attraktiven Walden-Konterfei versehen war, über die schulischen Sorgen seiner Töchter und bekannte seine Schwierigkeiten, ihnen bei den Hausaufgaben die mit Punischen Kriegen, Logarithmentafeln, der Zahl der Staubgefäße der Sumpfdotterblumen und dem Auswendiglernen von Schillers „Glocke“ gespickt waren, wirklich zu helfen. Walden schrieb: „Unsere Gegenwart platzt aus allen Nähten vor Problemen, mit denen unsere Kinder einmal fertig werden müssen – aber sie erfahren darüber in den Schulen so gut und so schlecht wie nichts. Statt dessen werden sie beziehungslos in fossile Welten hineingewühlt.“ Ist das heute so anders? Während die Zeit des Dritten Reiches immer noch hoch- und runtergebetet wird, schweigen sich unsere Pädagogen über die geglückte Geschichte der Bundesrepublik aus und wissen zur Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands fast gar nichts zu sagen. Und statt über wirt-schaftliche Zusammenhänge sachlich zu informieren, üben sich die staatlich alimen-tierten Pädagogen lieber in Kapitalismus- und Globalisierungskritik.

Ein glühender Patriot, aber kein Nationalist

Warum hat es den glühenden Patrioten Walden schon kurz nach Gründung der Bun-desrepublik nach West-Berlin verschlagen? Als blutjunger Redakteur hatte Walden zunächst für die Dresdner „Union“, dem sächsischen Zentralorgan der von Jakob Kaiser, Ernst Lemmer und Otto Nuschke für ganz Deutschland gegründeten CDU geschrieben. Doch die Freiheit des Wortes war ihm dort nicht garantiert. Als die Schwierigkeiten unüberwindlich wurden, kaufte er sich eine Flugkarte nach West-deutschland und meldete sich beim Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, wo er einige Monate in der Pressestelle arbeitete. Im Herbst 1950 suchte der „Rias“ einen Redakteur. Walden sprach als Rias-Kommentator sechs Jahre lang zur Zone. Wie jeder aus der Ostzone geflohene Rias-Redakteur mußte der Baron von Saß ein Pseu-donym annehmen, um die zurückgebliebenen Eltern zu schützen. Aus Otto Baron von Saß wurde – so teilte es mir die Tochter Bettina von Saß mit – Matthias Walden; eine Figur aus einem Kriminalroman, den er als Junge geschrieben hatte, lieferte die Vorlage für diese Namenswahl.

1956 ging Walden schließlich zum Sender Freies Berlin und arbeitete bis zu seinem endgültigen Einstieg beim Axel-Springer-Verlag im Jahr 1980 für Rundfunk und Fernsehen. Beim SFB war er zuerst stellvertretender Chefredakteur, dann Chefkom-mentator. Für dieses Autorenportrait habe ich vor allem die vielen Texte berücksich-tigt, die Walden im Laufe seines fast vier Jahrzehnte währenden Journalistenlebens verfaßt hat und die im Unternehmensarchiv des Springer-Verlages zugänglich sind. Seine Tätigkeit für Rundfunk und Fernsehen ist ein eigenes Kapitel. Doch wer bei-spielsweise nur Waldens Film über den Bau der Berliner Mauer gesehen hat, ist von seiner hohen Kunst und der Suggestivkraft dieser Arbeit gefangen. Walden trat nicht als polternder kalter Krieger auf, sondern als betont sachlich, aber dennoch emotional und mit eher leiser, sehr angenehmer Stimme sprechender Kommentator auf. Die schrecklichen Bilder vom Mauerbau und von den Greueltaten an der Demarkations-linie treten dadurch um so stärker ins Bewußtsein des Zuschauers und berühren ihn zutiefst, da sie von dieser sanften Stimme erläutert werden. Dies hob sich wohltuend ab von der kalten und demagogischen Propagandasprache des Ostens.

Die Mitte der sechziger Jahre veröffentlichten Beiträge in der Illustrierten QUICK verdeutlichen Waldens Geschick, auf knappem Raum in pointierter Sprache einem aktuellen Thema zu Leibe zu rücken. Bei der Lektüre erkennt der unbefangene Leser, daß die verbiesterten Gegner, die Walden als Rechten abstempeln wollten, völlig fehl liegen. So plädierte er im September 1965 für eine Große Koalition und hielt es für ein Verhängnis, wenn die SPD noch einmal für vier Jahre in die Wüste namens Op-position geschickt werden sollte. Und anders als konservative Publizisten wie Armin Mohler, Winfried Martini, Hans-Georg von Studnitz oder Emil Franzel veranstaltete Walden keine Eiertänze des vormaligen Mitläufers, wenn es um NS-Themen ging. Natürlich hatte er nur Verachtung übrig für die verlogenen Vorhaltungen aus Pan-kow, in Bonn residierten die legitimen Erben Adolf Hitlers. Er war aber ganz ent-schieden der Meinung, daß es in der Bundesrepublik zu wenig „Anti-Nazis“ gebe. Am Beispiel der beiden Politiker Richard Jaeger und Hans-Christoph Seebohm wird das deutlich: „Der eine wurde als Fürsprecher des staatlichen Fallbeils Justizminister in einer Demokratie, deren Parlament die Todesstrafe abschaffte, und bekundete politische Sympathie für die Diktaturen in Spanien und Portugal. Der andere vertei-digte das Münchner Abkommen, in dem Hitler den Westmächten das Sudetenland abpreßte, als geltendes Recht. Beide Männer passen zusammen, aber sie passen nicht in die Regierung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1965.“

Ebenso entschieden fiel seine Verteidigung des Emigranten Willy Brandt aus, über den er – nachdem unter tätiger Mitwirkung von Unionschristen Dreckkübel über ihn ausgegossen worden waren – sagte: „Ein Emigrant ist einer, der sein Vaterland ver-läßt. Er verläßt es nicht, um ihm untreu zu werden, sondern meist, weil es ihm untreu geworden ist.“ Mit wenigen Worten beschreibt Walden einen Sachverhalt, für den andere ein paar Seiten benötigen. Und er wurde noch deutlicher: „Es war damals zwischen 1933 und 1945 ehrenhafter für einen Deutschen, eine norwegische Uni-form zu tragen als eine braune deutsche oder eine schwarze deutsche oder auch, in vielen Fällen, eine feldgraue deutsche. (...) Wähler, die einen Kandidaten nicht wäh-len, nur weil er ein Emigrant war, müssen Nationalisten extremen Schlages sein. Wer den Gedanken eines norwegischen Uniformrockes auf eines deutschen Mannes Schultern nicht erträgt, steht ganz unten rechts und malt in Gedanken statt des Kreu-zes ein Hakenkreuz auf seinen Wahlzettel.“ Sind das, verehrte linke Kritiker, die Worte eines faschistoiden Herrenreiters, der ganz weit rechts steht und – so die ni-veaulose Wortwahl Erich Böhmes – im „Stechschritt“ marschiert? Aber mit liebge-wordenen Vorurteilen lebt es sich einfach unbeschwerter.

„Ich bin nicht stolz, ein Deutscher zu sein“

Ein besonders auffälliges Exempel von mangelnder Sachkenntnis aufgrund ideologi-scher Verblendung ist das Buch „Der Springer-Konzern“ von Hans Dieter Müller aus dem Jahr 1968, das im Piper-Verlag (!) erschienen ist. Der hilflose Müller rührt alles zusammen und erkennt bei der Tageszeitung DIE WELT in den sechziger Jah-ren eine „neokonservative“ Verschwörung. Die brillanten Federn Winfried Martini und Armin Mohler, die zu kurz gekommenen Günter Zehm und Hans-Dietrich San-der, die eher leichtgewichtigeren William S. Schlamm oder Hans-Georg von Studnitz und Matthias Walden, der in diese Reihe überhaupt nicht gehört, alle werden von Müller auf einen Nenner gebracht. Walden ist für Müller ein „rechter Schriftsteller“, bei dem Bilder von „Hygiene und Sauberkeit eine große Rolle“ spielen. Unter der Hand wird hier der Vorwurf erhoben – wobei Müller zu feige ist, es deutlich auszu-sprechen –, daß Walden eigentlich eine Art Nazi ist oder sich zumindest der Nazi-Terminologie befleißigt. Nicht nur die oben angeführten Zitate verdeutlichen, daß dies alles ein ganz grober Unfug ist. Um nur noch ein weiteres Zitat anzuführen, sei eine Passage aus dem Artikel „Der Stoßtrupp von rechts“ zitiert, mit dem sich Wal-den in QUICK über die Erfolge der NPD im Jahre 1966 äußerte: „Ich bin keineswegs stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Es ist mir aber recht, ich habe nichts dagegen. Stolz kann ich nur auf einige Eigenschaften und Fähigkeiten sein, die ich erworben habe. Daß ich Deutscher bin, ist ein Zufall, und ich fände es töricht, auf Zufälle stolz zu sein.“

Das Magazin QUICK mag von manchem „Intellektuellen“ nicht für voll genommen werden. Da hält man doch lieber auf die feine ZEIT oder die umständlich-betuliche FAZ. Allerdings fände sich wohl heutzutage keine Illustrierte, die über einen so begabten Polemiker und Stilisten wie Walden verfügt. Als Printjournalist ist er aber vor allem als Autor des Springer-Verlags hervorgetreten. Schon in den fünfziger Jahren finden sich erste Artikel in WELT und WELT AM SONNTAG. Und hier erkennt man selbstverständlich den konservativen Walden, der in der Kanzlerzeit von Willy Brandt die zunehmende Geringschätzung der Leistung beklagt, unter der wir noch heute leiden. Wie für Churchill, so ist auch für Walden der Sozialismus das „Glaubensbekenntnis des Neides“. Er beklagte, daß das Bild des Unternehmers zur Karikatur geworden sei: „Ja sicher, es gibt da ganz schlimme Typen. Doch sind sie viel weniger interessant als die Tatsache, daß die meisten der verachteten Millionäre sehr hart gearbeitet und durch Ideen, Begabung, Leistungsbereitschaft und ganz sicher auch durch persönliches Gewinnstreben Arbeitsplätze geschaffen, für soziale Sicherheit gesorgt und zur Steigerung der Lebensqualität vieler vieles beigetragen haben. Ein einziger Unternehmer ernährt mit seinen Steuern Hunderte oder Tausende asiatischer Kinder, der leistungsfeindliche Straßendemonstrant nicht eines.“ Ein Beispiel zur Illustration: Nach Angaben des Wirtschaftsjournalisten Max A. Höfer ist die akademische 68er Generation beinahe geschlossen in den öffentlichen Dienst gegangen. Die Jahrgänge um 1950 sind viermal so oft im Staatsdienst vertreten wie die Jahrgänge um 1970.

Waldens Gegner hatten ein Problem mit der Freiheit

Schon 1982 mahnte Walden in der WELT AM SONNTAG, daß wir uns ein Mehr an Sozialleistungen und ein Weniger an Arbeit nicht leisten könnten. Das Haushaltsde-fizit sei riesig, und die Gewerkschaften sollten nicht immer nur blockieren, sondern konkret sagen, woher das Geld für soziale Wohltaten kommen solle. Mit leichtem Befremden liest man im Jahr 2005 diese Zeilen. Hat sich in unserem Land so wenig verändert? Waldens Kommentar scheint frisch aus dem Druck zu kommen und ein Beitrag zur derzeitigen Reformdebatte zu sein. Und man erkennt: Deutschlands Problem ist vor allem ein mentales. Warum hatten all die Gaus, die „Wohnküchenli-teraten“ Grass und Böll, die Gewerkschaften, die Linken, die Prediger des „Wandels durch Anbiederung“, die 68er und wie diese Personen oder Gruppen auch immer heißen mögen, ein so großes Problem mit Walden? Sie hatten ein Problem mit Wal-den, weil sie ein grundsätzliches Problem mit der Freiheit hatten und haben. Matthias Walden war nämlich sowohl in politischen wie auch in gesellschaftlichen und wirt-schaftlichen Fragen ein leidenschaftlicher Vertreter der Freiheit. Gott hat die Men-schen unterschiedlich erschaffen, sie sind nicht gleich: Dies war seine tiefe Überzeu-gung, die den sozialromantischen und entspannungseuphorischen Gleichheitspredi-gern in Deutschland ein ständiger Stein des Anstoßes sein mußte.

Dieses Déjà-vu-Erlebnis stellt sich ebenfalls ein, wenn Walden über US-Präsident Reagan schreibt: „Er kennt – im Gegensatz zu manchen flinken, wendigen und win-digen Tagespolitikern Europas – die historische Aufgabe der westlichen Welt: Im Ringen zwischen Freiheit und Diktatur, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Würde und Entwürdigung zu bestehen. Er will, daß Amerika wieder führt. Eine deutsche Politik, die sich dem zu entziehen versuchte, wäre verhängnisvoll. Darin zu folgen – nicht im Sinne der Folgsamkeit, sondern der Gefolgschaft – wird uns vor Verführbarkeit bewahren.“ Fast ein Vierteljahrhundert, nachdem Walden diese Zei-len veröffentlichte, ist seine Befürchtung Wirklichkeit geworden: Deutschland hat sich von den Vereinigten Staaten abgewandt und fühlt sich in der Kumpanei mit der diktatorischen Nomenklatura Chinas oder dem „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder) Putin wohler als im Umgang mit dem Führer der westlichen Welt, George W. Bush.

„Walden nach Südafrika“

Nicht zu kurz kommen sollte auch der Mensch Matthias Walden. Er, der auch dann noch zu seiner Haltung des Antikommunismus und Antitotalitarismus stand, als dies in Bonn nicht mehr schick war, war keine zynischer Mensch, der sein Augenmerk nur auf Macht- und Realpolitik richtete. Anders als zum Beispiel sein intimer Gegner Heinrich Böll, der in der Frage des deutschen Linksterrorismus nicht nur die Ver-nunft, sondern auch die Humanität fahren ließ, relativierte Walden niemals die Ge-walt. Das Portugal Salazars und das Spanien Francos waren ihm genauso zuwider wie die Kleinbürgerdiktatur Erich Honeckers, die in mausgrauen Farben erstrahlte und Menschen an der Mauer ihr rotes Blut vergießen ließ. Sein unbedingtes Eintreten für die Einheit der Nation brachte ihm den Vorwurf ein, er verfüge über keinen Hu-mor und sei ein bierernster Ideologe und kalter Krieger.

Bettina von Saß erinnert sich an ihren Vater als einen Mann mit viel Humor und Wortwitz. Und wenn man seine Bücher und Artikel aufmerksam liest, kann man diesen Eindruck bestätigen. Auch wenn Axel Springer seinen Freund Matthias Wal-den, dessen früher Krebstod am 17. November 1984 ihn ähnlich tief traf wie der Suizid des eigenen Sohnes, zu seinem Nachfolger auserkoren hatte: Am wichtigsten war Walden nicht die Arbeit, sondern die eigene Familie, bestehend aus seiner Frau und drei Töchtern. In seinen Artikeln finden sich unzählige Anspielungen auch auf private Erlebnisse.

Seine exponierte Tätigkeit insbesondere für den von der Linken boykottierten und bekämpften Springer-Verlag hat diese Privatsphäre bedroht. Die Familie hatte eine geheime Telefonnummer. Als Bettina von Saß mit ihrem Vater in Berlin spazieren ging und eine Gruppe von Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten Walden erkannte, erschall der Ruf „Walden nach Südafrika“. Und das Waldensche Reihenhaus hatte einen versteckten Durchbruch zum Nachbarhaus, um eine Flucht zu ermöglichen. Die Unterlagen im Springer-Unternehmensarchiv zeigen, daß mutige Männer wie Walden, die nur mit der Feder kämpften, massiv bedroht wurden von einer geistig verwirrten Linken. Zwanzig Jahre nach seinem allzu frühen Tod ist es nur recht und billig, das publizistische Wirken von Matthias Walden fair und objektiv zu beurtei-len.

Publikationen von Matthias Walden

ost blind – west blind, Ernst Staneck, Berlin 1963.

Kassandra-Rufe. Deutsche Politik in der Krise, Langen-Müller, München-Wien 1975.

Die Fütterung der Krokodile. Ansichten-Einsichten, Ullstein, F. a. M.-Berlin-Wien 1981.

„Von Wölfen und Schafen“, Ullstein, Frankfurt a. M.-Berlin-Wien 1983.

Ansgar Lange ist Politikwissenschaftler und redigiert die Zeitschrift „Criticón“ in Bonn.

Inhalt vor