Jahrgang 58
Nr. 3/2004 Juni
DIE NEUE ORDNUNG

Albert Käuflein

Nanotechnik und Ethik

1. Einstieg: ein Kunstwerk

Der Ausstellungsbesucher betritt einen dunklen Raum. Mit einem speziellen Ring an der Hand kann er über einem blau erleuchteten Tisch eine unsichtbare Skulptur ertasten. Er spürt Anziehung und Abstoßung, sieht aber nichts. Die Oberfläche der Skulptur verformt sich durch den Zugriff. Das Ganze beruht auf dem Eisen des Rings und starken Magnetfeldern. Christa Sommerer und Laurent Mignonneau wollen mit ihrer interaktiven Installation veranschaulichen, worum es in der Nanotechnik geht: Die Strukturen der Nanotechnik sind ebenfalls nicht sichtbar, aber sie können dargestellt und verändert werden. Die Arbeit der beiden Künstler ist Bestandteil der Ausstellung „science+fiction. Zwischen Nanowelt und globaler Kultur“, die bisher in Hannover, Karlsruhe, Bonn und Dresden zu sehen war. Danach geht sie nach Stockholm (17. Juni bis 12. September 2004) und München (8. Oktober 2004 bis 30. Januar 2005).1

In seinem Statement „Wissenschaft, Kommunikation und öffentliches Interesse“ im Begleitband weist der Initiator der Ausstellung, Wilhelm Krull, auf das a-symmetrische Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit hin und fordert neue und offenere Formen der Interaktion und der Partizipation zwischen Wis-senschaft und Öffentlichkeit.2 Diese Forderung gilt auch für die Nanotechnik. Ihr droht eine ähnlich emotionale und unsachliche Debatte wie der Gentechnik. So hat sich im Sommer des vergangenen Jahres Prinz Charles gegen die Nanotech-nik gewandt. Bisher galt die Gegnerschaft des britischen Thronfolgers vor allem der grünen Gentechnik, also den Anwendungen dieser Technik in der Landwirt-schaft zur Produktion von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen. Und auch die Forderung nach einem Moratorium, das heißt nach einem befristeten Verzicht auf die Nanotechnik, wurde schon erhoben.

2. Zwischen Angst und Euphorie

Weltweit werden derzeit Milliarden in die Nanoforschung gesteckt. Befürworter verweisen auf das wirtschaftliche Potential. An den Hochschulen entstehen in-terdisziplinäre Forschungszentren. Manche erhoffen sich von der Nanotechnik wahre Wunder: Industrieproduktion ohne Abfälle, Medikamente ohne Neben-wirkungen oder Energienutzung ohne Verluste. Die Nanotechnik mag durchaus die Fähigkeit besitzen, große Schritte hin zu einigen dieser Visionen zu schaffen. Aber es handelt sich um langfristige Perspektiven. Es geht nicht um Jahre, son-dern um Jahrzehnte. Euphorischen Erwartungen stehen ethische Bedenken und tiefsitzende Ängste gegenüber. Wie bei anderen neuen Techniken schwanken die Bewertungen zwischen Vergötzung und Verteufelung. Skeptiker machen auf mögliche Risiken und Mißbrauch aufmerksam. Gipfelpunkt war bisher die Visi-on des amerikanischen Computerexperten Bill Joy, der die Ausrottung der Menschheit durch intelligente, sich selbst replizierende Nanoroboter prognosti-zierte. Mit der Nanotechnologie würden wir eine neue Büchse der Pandora öff-nen, aber offenbar sei uns das kaum bewußt.3 Die Prognose von Joy mag Scien-cefiction sein. Die Realität ist nicht weniger beeindruckend.

Nach Ray Kurzweil, auf den sich Joy bezieht, durchläuft das menschliche Urteil über neue Erfindungen und Technologien fast immer drei Phasen: „1.) Erstaunen und Bewunderung angesichts der Möglichkeit, uralte Probleme zu überwinden; 2.) erste Unfälle und die Furcht vor neuen, schweren Gefahren, die diese Tech-nologien mit sich bringen; 3.) schließlich die Erkenntnis, daß der einzige gangba-re, verantwortbare Weg darin besteht, vorsichtig zu erkunden, wie man die posi-tiven Möglichkeiten einer Technologie entwickeln und ihre Risiken gleichzeitig beherrschen kann.“4 Wenn man diese Phasen nicht als strenge Abfolge liest, erscheint sein Plädoyer für eine vorsichtige Erkundung ethisch plausibel. Eine Differenz zwischen Kurzweil und Joy liegt in der Frage, wo die Grenzen für die neuen Techniken zu ziehen sind. Vereinfacht gesagt, kann man Joys Position als pessimistisch und Kurzweils Standpunkt als optimistisch kennzeichnen. Joy plädiert für einen Verzicht auf die Entwicklung allzu gefährlicher Technologien, Kurzweil verweist auf den dadurch verhinderten Nutzen.

3. Was ist Nanotechnik?

Nanotechnik - von griechisch nanos (Zwerg) und techne (Technik) - ist Technik in der Größenordnung von Atomen und Molekülen. (Statt von Nanotechnik ist häufig von Nanotechnologie die Rede. Genau genommen, ist Technologie die Wissenschaft von der Technik, Nanotechnologie insofern die Wissenschaft von der Nanotechnik. Möglicherweise rührt der verbreitete Sprachgebrauch von der deutschen Übersetzung des englischen Wortes technology her. Technology kann sowohl Technologie als auch Technik bedeuten.)

Ein Nanometer (nm) ist ein Milliardstel Meter (10-9 m) beziehungsweise ein Millionstel Millimeter. Der Nanowissenschaft geht es um die Klärung von Ge-setzmäßigkeiten in so kleinen Dimensionen, der Nanotechnik um die Herstellung und Bearbeitung von Materialien in dieser Größenordnung. Nanotechnik ist keine neue Sparte, sondern eine neue Dimension von Technik. Die möglichen Anwendungen reichen von der Physik über die Chemie bis zur Biologie und zur Medizin. Objekte und Strukturen im Nanometerbereich sind deswegen für die Wissenschaft und Technik so interessant, weil sich unter 100 nm Größe oft die uns geläufigen Materialkonstanten ändern. Das heißt, die Stoffe zeigen andere Eigenschaften. Sie ändern etwa ihre elektrische Leitfähigkeit oder ihre Festigkeit oder ihre Farbe.

Geschichtlich betrachtet, wurden die produzierbaren Objekte immer kleiner. Die Achsen von Taschenuhren mit einigen Zehntel Millimetern Durchmesser waren vor gut 100 Jahren die kleinsten herstellbaren Objekte. Heute beherrscht man in der Mikroelektronik Strukturen mit Abmessungen von einigen hundert Nanome-tern. Mit der Nanotechnik wird es möglich, unmittelbar in den Bereich von we-nigen Nanometern vorzudringen.

Zwei Ansätze werden in der Nanotechnik unterschieden: „top-down“ und „bot-tom-up“. Der erste stellt eine Verfeinerung der Mikrotechnik dar. In der Compu-tertechnik führt er bereits zu Anwendungen. Ziel ist eine weitere Miniaturisie-rung von Bauelementen der Informationstechnologie. Der zweite Ansatz greift auf ein Prinzip zurück, das in der Natur vorkommt, das der Selbstorganisation. Bestimmte Faktoren setzen Mechanismen atomarer und molekularer Selbstorga-nisation in Gang, um die gewünschten Nanostrukturen zu erhalten. Dieser An-satz kommt zum Zug etwa bei der Herstellung von Oberflächenmaterialien, die z. B. schmutzabweisend sind.

Ein wichtiger Ausgangsstoff für die Nanotechnik ist Kohlenstoff. Nanoröhrchen aus diesem Material weisen außerordentlich interessante Eigenschaften auf: Sie sind fester als Stahl, und sie können, je nach Ausführung, elektrischen Strom besser als Kupfer leiten.

Ideen zur Nanotechnik gibt es seit gut 50 Jahren. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der berühmte Vortrag des Nobelpreisträgers Richard P. Feynman aus dem Jahr 1959 zitiert: „There’s plenty of room at the bottom!“ Der Physiker sagte damals voraus, daß der Inhalt der Encyclopaedia Britannica einmal auf einem Stecknadelkopf Platz finden würde. Die Zuhörer hielten das, so wird be-richtet, für einen Witz. Technisch möglich wurde die Nanotechnik durch die Entwicklung von Rastersondenmikroskopen. Diese Geräte sind Meßinstrumente und Werkzeuge zugleich. Besondere Bedeutung besitzen dabei die Rasterkraft-mikroskope. Mit einer idealerweise atomar feinen Spitze tasten sie die Oberflä-che der Probe ab und stellen sie vergrößert dar. Zugleich sind sie in der Lage, die Oberfläche der Probe auf der Ebene von Atomen und Molekülen gezielt zu mo-difizieren. Auf diese Weise können sogar einzelne Atome hin- und hergeschoben werden.

Die beiden Forscher Gerd Binnig und Heinrich Rohrer entwickelten 1982 das Rastertunnelmikroskop als erste Form der heute für die Nanotechnik so wichti-gen Rastersondenmikroskope. Sie erhielten dafür, zusammen mit Ernst Ruska, der schon vorher das Elektronenmikroskop erfunden hatte, 1986 den Physik-Nobelpreis. Nanotechnik ist also eine sehr junge Technik. Sie befaßt sich mit Strukturen, die 100 bis 1.000-mal kleiner sind als die, die man mit einem sehr guten Lichtmikroskop gerade noch erkennen kann.

4. Was kann Nanotechnik?

Die Fähigkeit, Materialien im Nanometerbereich gezielt bearbeiten zu können, verheißt eine Fülle von attraktiven Anwendungen. Sie steckt indes in den alle-rersten Anfängen. Denkbar sind Datenspeicher mit riesigen Kapazitäten. Schon heute kann man ein Lexikon auf einer CD unterbringen. Vielleicht paßt in Zu-kunft eine ganze Bibliothek darauf. Oder eben ein Lexikon auf den Kopf einer Stecknadel. Von der Nanotechnik erhofft man sich des weiteren Werkstoffe mit maßgeschneiderten Eigenschaften. Kratzfeste oder schmutzabweisende Oberflä-chen werden hier zumeist genannt. Im Bereich des Umweltschutzes sollen Na-nopartikel Schadstoffe abbauen. Ganz kleine Nanosensoren könnten in verschie-denen Umgebungen Messungen vornehmen. Schließlich spielen sich die ent-scheidenden Vorgänge in lebenden Organismen im Nanometerbereich ab. Die Nanotechnik bildet insofern die Grundlage für die Entwicklung völlig neuartiger Medikamente und neuartiger Transportwege. Nanotechnisch verkapselte Wirk-stoffe könnten direkt und schonend zu den gewünschten Orten im Organismus gelangen. Selbst die sogenannte Blut-Hirn-Schranke soll auf diesem Weg über-wunden werden. Sie verhindert bislang die medikamentöse Behandlung von Hirntumoren. Magnetische Nanopartikel schließlich bringt man in Tumorzellen ein und erhitzt sie mit Magnetfeldern, um so das Gewebe von innen zu zerstören. Erste Heilversuche werden unternommen.

5. Wie ist Nanotechnik ethisch zu bewerten?

Technische Handlungen können - wie alle menschlichen Handlungen - einer ethischen Überprüfung unterzogen werden. Die überkommene Unterscheidung aus der griechischen Philosophie zwischen Handeln und Herstellen, wobei nur dem ersten eine ethische Bedeutung beigemessen wurde, kann so nicht mehr aufrechterhalten werden. Im Blick auf technische Gegenstände würde sie eine nicht wirklichkeitsgerechte Abstraktion darstellen.

Eine spezielle „Nanoethik“ braucht es - entgegen anderslautenden Forderungen - nicht. Die Technikethik hält ausreichend Kriterien zur Beurteilung bereit. In Deutschland werden auf dem Feld der Technikethik derzeit vor allem die Thesen von Hans Jonas von einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und diskutiert. Für „Das Prinzip Verantwortung“ erhielt er 1987 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Jonas geht für technische Handlungen von einer Pflicht zur Unterlassung bei negativer Prognose aus. Das scheint angesichts der großen Reichweite technischer Wirkungen nicht unangemessen. Seine Position soll hier deswegen zum Ausgangspunkt einiger ethischer Erwägungen genom-men werden.

Jonas hat drei Eigenschaften moderner Technik herausgearbeitet: die Ambiva-lenz der Wirkungen, die Zwangsläufigkeit der Anwendung und die globalen Ausmaße in Raum und Zeit. Diese drei Qualitäten, die hier auf die Nanotechnik bezogen werden, führen zu einer ersten, allgemeinen ethischen Einschätzung.

Ambivalenz der Wirkungen: Damit ist gemeint, daß bei der modernen Technik gute und schlechte Folgen untrennbar miteinander verbunden sind. Technisches Handeln ist für Jonas nicht ethisch neutral. Er spricht von einem „Keim des ‚Schlechten’, das heißt Schädlichen“, der der Technik angeboren ist. Die Schwierigkeit ist für ihn die: „Nicht nur wenn die Technik böswillig, das heißt für böse Zwecke, mißbraucht wird, sondern selbst, wenn sie gutwillig für ihre eigentlichen und höchst legitimen Zwecke eingesetzt wird, hat sie eine bedrohli-che Seite an sich, die langfristig das letzte Wort haben könnte. Und Langfristig-keit ist irgendwie ins technische Tun eingebaut.“ Eine angemessene Ethik der Technik muß sich, so der technikkritische Philosoph, auf diese innere Mehrdeu-tigkeit des technischen Tuns einlassen.

Zwangsläufigkeit der Anwendung: Bei der Technik existiert für Jonas keine Trennung zwischen dem Besitz und der Ausübung der technischen Macht. „Ist diese oder jene neue Möglichkeit erst einmal (meist durch die Wissenschaft) eröffnet und durch Tun im Kleinen entwickelt worden“, so schreibt er, „so hat sie es an sich, ihre Anwendung im Großen und immer Größeren zu erzwingen und diese Anwendung zu einem dauernden Lebensbedürfnis zu machen“.

Globale Ausmaße in Raum und Zeit: Moderne Technik ist für den zitierten Den-ker auf Großgebrauch angelegt. Jede Anwendung einer technischen Fähigkeit durch die Gesellschaft - so Jonas - neigt dazu, „ins ‚Große’ zu wachsen“. Die moderne Technik sei „zuinnerst auf Großgebrauch angelegt“. Soviel ist für Jonas gewiß: „Sie [die Menschen] und ihre Werke breiten sich über den Erdball aus; ihre kumulativen Wirkungen erstrecken sich möglicherweise über zahllose künf-tige Geschlechter. Mit dem, was wir hier und jetzt tun, und meist mit Blick auf uns selbst, beeinflussen wir massiv das Leben von Millionen andernorts und künftig, die hierbei keine Stimme hatten. Wir legen Hypotheken auf künftiges Leben für gegenwärtige kurzfristige Vorteile und Bedürfnisse - und was das betrifft, für meist selbsterzeugte Bedürfnisse.“

Diese drei Eigenschaften moderner Technik, die auch der Nanotechnik innewoh-nen, mahnen zu äußerster Achtsamkeit. Ein präventives ethisches Verbot recht-fertigen sie indes nicht. Insofern folgen wir hier Jonas nicht mit letzter Konse-quenz. Der zu erwartende Nutzen der Nanotechnik scheint uns zu hoch. Aus der gesteigerten Verfügungsgewalt des Menschen durch die Technik folgt für Jonas - und darin können wir ihm uneingeschränkt zustimmen - eine gesteigerte Ver-antwortung. „Die Anforderungen an die Verantwortlichkeit wachsen proportio-nal zu den Taten der Macht.“ 5 Wir können diesen Gedanken auch mit Hubert Markl formulieren: „Machtzuwächse müssen … immer zugleich Verantwor-tungszuwächse und, wo nötig, Kontrollzuwächse mit sich bringen, wenn der menschliche Zauberlehrling nicht die Herrschaft über seine dienstbaren Geister verlieren soll.“6

Bisher ist so gut wie nichts über die Auswirkungen der Nanotechnik bekannt. Dieses Nichtwissen darf freilich nicht mit einem Risiko verwechselt werden. Unter Risiko versteht man das Produkt aus Schadenshöhe und Eintrittswahr-scheinlichkeit. Ein Risiko ist folglich hoch, wenn der mögliche Schaden oder die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens groß sind. Insoweit ist es beim derzeitigen Stand der Entwicklung noch nicht möglich, eine abschließende ethische Bewer-tung der einzelnen sich abzeichnenden Anwendungen der Nanotechnik vorzu-nehmen. Einige Hinweise sollen doch gegeben werden: Es mag sein, daß eine Gefahr von nanometergroßen Teilchen in der Atemluft ausgeht, daß diese über die Lunge in den Körper gelangen und dort, anders als Mikroteilchen, von den Freßzellen nicht eliminiert werden, sich anreichern und Schaden anrichten. Ähn-liches gilt für Nanopartikel, die über die Haut aufgenommen werden können. Neuen Sonnencremes werden Nanopartikel aus Titanoxid beigegeben, um den Lichtschutz zu erhöhen. Erste Automobilhersteller werben mit neuartigen kratz-festeren Lacken auf Basis der Nanotechnologie. Gegenüber der bekannten Toxi-zität mancher Mikropartikel (z. B. Asbestfasern) gibt es zu der von Nanoparti-keln in der Fachwelt bisher wenig mehr als Spekulationen. Kohlenstoff - einer der Ausgangsstoffe der Nanotechnik - ist zwar in den traditionellen Formen nicht giftig, wovon man jedoch bei Kohlenstoff in Form von Nanopartikeln nicht aus-gehen kann. Man denke z. B. an die Diskussionen um den Diesel-Ruß. Die Even-tualität der Schädigung von Mensch oder Umwelt durch Nanopartikel erfordert allerdings gründlichste Sicherheitsuntersuchungen.

Die Vorhersage der Folgen ist Sache der Experten, ihre Bewertung eine Angele-genheit der Gesellschaft. Information und Partizipation tun Not. Die Technikfol-genabschätzung muß eine Abschätzung der sicheren positiven und negativen Folgen sowie der eventuellen Folgen, das heißt der Chancen und Risiken sein. Sie muß langfristig, sicher und umfassend sein. Die Technikfolgenbewertung ist eine Aufgabe der Gesellschaft als Ganzer. Ein Dialog zwischen Wissenschaft und Technik einerseits und der gesamten Gesellschaft andererseits ist notwendig. Den Geisteswissenschaften kommt dabei die Funktion einer kritischen Reflexion der Argumente zu.7

Was die Bewertung der Folgen angeht, besteht ein breiter Konsens darüber, daß nicht nur die gegenwärtig lebenden Menschen, sondern auch die zukünftig le-benden in den Blick genommen werden müssen. Mit anderen Worten: Technik darf nicht auf Kosten künftiger Generationen gehen. Immer mehr greift außer-dem der Gedanke Raum, daß auch Auswirkungen auf die nichtmenschlichen Kreaturen zu beachten sind. Die anthropozentrische Perspektive wird dadurch relativiert.8

Zu den wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, welche die Nanotechnik in den nächsten Jahrzehnten mit sich bringen mag, diskutiert der australische Sach-buch- und Sciencefictionautor Damien Broderick verschiedene Szenarien. Na-nomontagemaschinen, so schreibt er, werden Atom für Atom gewünschte Pro-dukte herstellen. Die Folge: „Die Reichen werden immer reicher - aber die Ar-men werden auch reicher, wie es im Großen und Ganzen zumindest in der in-dustrialisierten Welt auch jetzt schon der Fall ist. Natürlich weder so reich noch so schnell wie die Reichen.“ Sobald aber die Nano-Revolutionen ausgereift seien, würden diese Klassifizierungen (arm und reich) nicht mehr zutreffen: „Wirtschaftswissenschaftler halten daran fest, daß es immer noch Reiche und Arme geben wird, allerdings wird sich das Maß so drastisch und seltsam verändert haben, daß es für uns im Hier und Jetzt wenig Sinn ergibt.“9

Technikethische Überlegungen, wie wir sie im Anschluß an Jonas angestellt haben, richten sich vornehmlich an den Einzelnen, Technikfolgenabschätzungen und -bewertungen in erster Linie an politische Institutionen, zum Beispiel an den Gesetzgeber. So existiert ein „Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deut-schen Bundestag“. Beide Dimensionen, die individuelle und die überindividuelle - um es in theologischen Fächern auszudrücken: die moraltheologische und die sozialethische - müssen künftig stärker miteinander verknüpft werden.10

Aus spezifisch theologischer Perspektive kann noch Folgendes abschließend hinzugefügt werden: Nach der ersten der beiden Schöpfungserzählungen im Buch Genesis soll der Mensch über die übrige Schöpfung herrschen. Dieser Auftrag ergeht von Gott an ihn. In der zweiten Erzählung findet sich eine ähnli-che göttliche Aufforderung: Der Mensch soll die Erde bebauen und behüten. Er darf und soll also in die Natur eingreifen. Er darf schöpferisch tätig sein, auch in der Nanotechnik. Der Mensch ist das Ebenbild des Schöpfers. Jede Form von Kultur ist ein Eingriff in die Natur. Zu bedenken ist, daß in der Natur auch Nega-tives am Werk ist, dem der Mensch gegensteuern darf und soll. Der Mensch ist aber nicht der Schöpfer selbst. Das bedeutet, daß dem menschlichen Handeln Grenzen gesetzt sind. Wo diese verlaufen, muß bei den einzelnen Anwendungen der Nanotechnik durch vernünftiges Nachdenken, insbesondere unter Berück-sichtigung der voraussehbaren Folgen, herausgefunden werden.11 Dies wird in den nächsten Jahren eine wachsende Aufgabe der philosophischen und theologi-schen Ethik sein. Erste Anfänge sind gemacht.

Anmerkungen

1) Informationen im Internet unter www.scienceandfiction.de.

2) Vgl. Wilhelm Krull, Wissenschaft, Kommunikation und öffentliches Interesse, in: Stefan Iglhaut u. Thomas Spring (Hrsg.), science+fiction. Zwischen Nanowelt und globa-ler Kultur. Berlin 2003, 9-14. Stefan Iglhaut u. Thomas Spring haben auch den gleichna-migen Katalog herausgegeben, ebenfalls Berlin 2003.

3) Vgl. Bill Joy, Warum die Zukunft uns nicht braucht, in: Frank Schirrmacher (Hrsg.), Die Darwin AG. Wie Nanotechnologie, Biotechnologie und Computer den neuen Men-schen träumen. Köln 2001, 31-71, hier 63; Kurzfassung in der FAZ vom 6. Juni 2000.

4) Ray Kurzweil in der FAZ am 17. Juni 2000. Weiterführend: Ders., Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen? Köln 1999.

5) Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. Frankfurt a. M. 1985, 42-46.

6) Hubert Markl, Schöner neuer Mensch? München 2002, 258.

7) Diese Forderungen stellt Michael Rosenberger für die grüne Gentechnik auf. Sie kön-nen ebenso auf andere Techniken bezogen werden. Vgl. seinen Beitrag „Grünes Licht für grüne Technik? Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung aus der Sicht der Moraltheologie“ in: Ekkehard Fulda, Klaus-Dieter Jany u. Albert Käuflein (Hrsg.), Gemachte Natur. Orientierungen zur grünen Gentechnik. Karlsruhe 2001 (Karlsruher Beiträge zu Theologie und Gesellschaft Bd. 2), 64-86, hier 69-70.

8) Vgl. ebd., 70-71.

9) Damien Broderick, Die molekulare Manufaktur. Wie Nanotechnologie unsere Zukunft beeinflußt. Reinbek 2004, 427-428.

10) Vgl. dazu ausführlich Günter Ropohl, Vom Wert der Technik. Stuttgart 2003.

11) Zur Bedeutung der Folgen für die ethische Bewertung von Handlungen vgl. Albert Käuflein, Deontologische oder teleologische Begründung sittlicher Normen? Ein Grund-lagenstreit in der gegenwärtigen katholischen Moraltheologie. St. Ottilien 1995 (Moral-theologische Studien / Systematische Abteilung Bd. 22).

Dr. Albert Käuflein leitet das „Roncalli-Forum Karlsruhe“ der Erzdiözese Freiburg.

Inhalt vor