Jahrgang 58
Nr. 2/2004 April
DIE NEUE ORDNUNG

Andreas Martin Rauch

Beiträge zu Frieden und Sicherheit
Zivile und militärische Auslandseinsätze der Bundeswehr

Auslandseinsätzen der Bundeswehr kommt derzeit politische Priorität durch die amtierende Bundesregierung zu. Aktuelle Informationen zu diesen Einsätzen, etwa zu ihren Aufgaben und zu ihrer Dauer, werden fortlaufend über die Mas-senmedien transportiert. Werden deutsche Soldaten in Auslandseinsätzen verletzt oder getötet, so ist dies eine Nachricht ersten Ranges. Doch bleiben Fragen un-beantwortet wie:

- Woher rührt die große Öffentlichkeitspräsenz von Auslandseinsätzen der Bun-deswehr?

- Worin liegen Gründe für das umfangreiche Auslandsengagement der Bundes-wehr?

- Wie steht es um die Akzeptanz von Auslandseinsätzen in der Bevölkerung und bei den Soldaten?

- Was läßt sich zum Befinden der Soldaten und der Bedeutung der Militärseel-sorge im Auslandseinsatz sagen?

I. Außen- und Sicherheitspolitik aus historischer Verantwortung

Im Rückblick, so der Bonner Historiker Karl Dietrich Bracher, lasse sich vieles leicht einordnen und beurteilen, weil wir heute über Wertmaßstäbe verfügen, die vieles in der Vergangenheit als Ideologie oder gar totalitäre Bedrohung enttar-nen.1 So vermag die Beurteilung der geschichtlichen Epoche von 1870-1945 den Menschen heute ganz einfach fallen, die Wahrnehmung jener, die diese Zeit selbst erlebt haben, kann eine ganz andere sein.

Tatsächlich erwächst aus der deutschen Politik von 1870-1945 für die Gegenwart eine historische Verantwortung, der sich die Bundeswehr auch im Rahmen ihrer Auslandseinsätze stellen muß. In dieser Epoche wurde internationale Politik ausschließlich unter der realistischen Wahrnehmung von Machtgewinn und Machtverlust gesehen.2 Besonders drastisch zeigte sich diese Politik des Realis-mus im deutsch-französischen Krieg 1870/71, in der es allein um die Verwirkli-chung klassischer Hegemonialansprüche ging – mit schwersten Erblasten durch den I. Weltkrieg, den Versailler „Friedensvertrag“ (1919) sowie für die Weima-rer Republik.

Werden von Staaten fremde Machtpotentiale als Gefährdung der eigenen Sicher-heitslage eingestuft, so werden Wege der Kooperation gesucht, um relative Machtgewinne – gegenüber diesem Staat und gegenüber Drittstaaten – zu reali-sieren. Eben dieses war die Entente-Politik von Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, der mit klugem Weitblick die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik in ein Vertragsnetz mit europäischen Bündnispartnern im Sinne einer „balance of power“ einband. Denn selbst in der Hochphase des europäischen Nationalismus war Bismarck klar, daß Außenpolitik im Konsens oder zumindest im Gleichge-wicht mit anderen Staaten geführt werden muß, da ansonsten die politische Isola-tion und der kriegerische Übergriff durch andere Staaten drohen – gefährlich für eine Mittelmacht wie das frisch geschaffene Deutsche Reich, welches im Herzen Europas kaum über natürliche Grenzen verfügt.

Dieses feine Netzwerk diplomatischer Kunst erfuhr eine jähe Zäsur mit der Ab-berufung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890. Seither wurden nati-onalistisches Streben und Realpolitik über diplomatische Klugheit gestellt, eine Stärkung von innerer Sicherheit durch Demokratie, Menschenrechte und soziale Sicherheit nur rudimentär durchgesetzt und die Chance einer europäischer Frie-denssicherung aufgrund der verwandtschaftlichen Bande des deutschen Kaiser-hauses verpaßt. Dieses Fehlverhalten stellt einen ersten Verantwortungsstrang für die heutige deutsche Außen- und Sicherheitspolitik dar.

Ein zweiter Verantwortungsstrang, aus dem für die Bundeswehr heute Aufgaben erwachsen, stellt die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) dar. Auch hier rangiert der Friedenswille hinter nationalen Überlegungen, verdichtet in einer totalitären und rassistischen Ideologie, die nicht nur jedwedes demokratische Verhalten ad absurdum führte, sondern auch realistische Einschätzungen der militärischen Lage unberücksichtigt ließ.3 So erklärte Adolf Hitler bereits am 3. Februar 1933 der versammelten Generalität der Reichswehr mit unverblümter Deutlichkeit seine kriegerischen und politisch-irrationalen Absichten, wenn er von „Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“, „straffste autoritäre Staatsführung und Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie“ sowie vom „Kampf gegen Versailles“ spricht. Die „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“ benannte der neue Regierungschef Hitler schon frühzeitig als politisches Ziel, so der Politikwissenschaftler Hans-Adolf Jacobsen.4

Bestandteil dieses zweiten Verantwortungsstranges bilden auch die besonderen Beziehungen Deutschlands mit der jüdischen Religionsgemeinschaft und dem Staate Israel. Erst vor wenigen Monaten wurden diese durch einen Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der jüdischen Religionsgemeinschaft gewür-digt, wobei letztere nunmehr den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft genießt. In den ersten Jahren nach der Gründung des Staates Israel half Deutsch-land mit umfänglichen Wirtschaftshilfen. Bis heute engagiert sich Deutschland etwa durch die Aktivitäten der politischen Stiftungen für Israel. Vor allem auch die Bemühungen des Bundesaußenministers Joschka Fischer in der gegenwärti-gen Legislaturperiode verdeutlichen die besondere Verantwortung Deutschlands für Israel. Die Bundesrepublik Deutschland hat zu allen Zeitpunkten deutlich gemacht, daß sie allein schon aufgrund ihrer historischen Verantwortung für die Existenz des Staates Israel einsteht.

Vor dem Hintergrund der skizzierten beiden Verantwortungsstränge wird das große mediale Interesse an deutschen Auslandseinsätzen verständlich. Nach vielen Jahrzehnten imperialer Attitüden und expansiver Politik gestaltet sich heutiges militärisches Auslandsengagement von Deutschen als besonders sensi-bel. Jedwede politischen Alleingänge Deutschlands werden national wie interna-tional mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt. Um hier keine Irritationen aufkom-men zu lassen, bemüht sich Deutschland stets um eine multilaterale Einbindung seiner militärischen Auslandsengagements.

II. Bekenntnis zu multilateraler Sicherheitspolitik

Allein vor dem Hintergrund der Jahre 1890-1945 erwächst in besonderem Maße heute die historische Verantwortung und Verpflichtung für Deutschland, auf Nationalismus und territorialen Zugewinn zu verzichten und sich möglichst aus-schließlich nur noch in einem multilateralen Kontext zu engagieren – ausge-nommen im Fall von Evakuierungen und Naturkatastrophen. Bereits mit der Gründung der Vereinten Nationen (1945) und der Nordatlantischen Allianz (1949) wurde die multilaterale Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland vorgezeichnet. Dabei stand nicht im Vordergrund, Instrumente für eine Einbin-dung und Kontrolle deutscher Außen- und Sicherheitspolitik zu finden. Vielmehr zeigten etwa der Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima (6.8.1945) und die erste erfolgreiche Erprobung einsatzfähiger Atomwaffen in Sowjetrußland (29.8.1949) die Notwendigkeit sicherheitspolitischer Abstimmungen und Verträ-ge in den internationalen Beziehungen. Diese politische Notwendigkeit wurde erhärtet durch die sich abzeichnende Teilung Deutschlands aufgrund der totalen Blockade Berlins und der sich anschließenden Luftbrücke (1948), der Währungs-reform in den drei Westzonen, der Erarbeitung und Verkündung des Grundgeset-zes der Bundesrepublik Deutschlands (23.5.1949) bei nahezu gleichzeitiger Kon-stituierung des „Deutschen Volksrates“ in der sowjetischen Besatzungszone und des Inkraftsetzens der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (7.10.1949).

Im Unterschied zur Zeit nach dem I. Weltkrieg zwangen die sicherheitspolitische Lage angesichts der atomaren Bedrohung zwischen West und Ost sowie die wachsende politische Aufteilung der Welt in zwei Hemisphären nach 1945 zu internationalen Vertragssystemen und koordinierenden supranationalen Organi-sationen. Dabei wirkten neben der politischen und militärischen Dimension auch die wirtschaftliche Ebene mit: Die zunehmende Entkolonialisierung vieler Regi-onen Asiens, Afrikas und Südamerikas erforderte die Formulierung gewisser wirtschafts- und zollpolitischer Spielregeln, denen durch die Gründung der Weltbank und des Weltwährungsfonds bei der Konferenz von Bretton Woods (1944) und durch das „General Agreement on Tarifs and Trade“ (1947) Rech-nung getragen wurde.

Mit schwankenden Akzentsetzungen bestimmte die nach 1945 sich verfestigende Bipolarität die internationalen Beziehungen, und gerade Deutschland war mit dem geteilten Berlin und dem Eisernen Vorhang durch die Mitte Europas hier-von in dramatischer Weise betroffen. Auslandseinsätze deutscher Soldaten konn-ten sich ganz selbstverständlich nur im Rahmen des Wirkungshorizontes der alliierten Siegermächten und der NATO entfalten, so etwa in Mittelmeer- und Atlantikeinsätzen der deutschen Marine und bei Übungsflügen der deutschen Luftwaffe in USA und Kanada. Zugleich waren die amerikanischen, britischen und französischen Armeen mit massiven Truppenkontingenten in Deutschland vertreten, wäre Deutschland doch in einem nicht-atomaren Krieg Aufmarschge-biet gewesen. Gleichzeitig fiel die Beantwortung der Frage, wie diese Ebene unterhalb der Atomschwelle sicherheitspolitisch zu interpretieren sei, immer wieder unterschiedlich aus. Doch eines blieb durch alle verteidigungspolitischen Richtlinien jener Tage gleich: Zuvörderst galt es, die Sicherheit Deutschlands zu gewährleisten, und als Bestandteil hiervon die Truppen in ständiger wehrhafter Einsatz- und Verteidigungsbereitschaft zu halten, soweit dies das Grundgesetz ausdrücklich zuläßt.

III. Neuorientierungen in der multilateralen Sicherheitspolitik

Erst mit der weltpolitischen Wende 1989/90 traten die bisherigen Hauptaufgaben der Bundeswehr, also Landesverteidigung und Beistandsleistungen im NATO-Rahmen, allmählich in den Hintergrund. Vor allem drangen infolge des Wegfalls des Ost-West-Konflikts zunehmend regionale Konflikte in das öffentliche Be-wußtsein, die nahezu vierzig Jahre aufgrund der Auseinandersetzung zwischen den beiden Hemisphären unterdrückt oder verdrängt worden waren. Der Vielvöl-kerstaat Jugoslawien sollte sich unerwartet wie einige ehemaligen Kolonien, denen das Recht auf Selbstbestimmung zunächst verweigert worden war – etwa Namibia, Südafrika und Ost-Timor – zu neuen Kristallisationspunkten internati-onaler Politik entfalten.

Katalysatorisch verstärkt wurde die neue Rolle Deutschlands in der Welt im Zuge des Krieges um die Befreiung Kuwaits ab Januar 1991, der die bis dato übliche enge Auslegung der deutschen Verfassung veränderte. In der sich nun entfaltenden innenpolitischen Diskussion stand die juristische Interpretation des Artikels 24 Absatz 2 des Grundgesetzes im Brennpunkt der Auseinandersetzung, in der es Deutschland ermöglicht wird, sich „Systemen gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ anzuschließen und zugleich in eine „Beschränkung seiner Hoheits-rechte“ einzuwilligen. Im Prinzip fand dieser Grundsatz ohnehin im Rahmen des Besatzungsrechts und der NATO seit vielen Jahren konkrete Anwendung. Inso-weit war es konsequent, diesen Grundsatz auch auf die Vereinten Nationen an-zuwenden, stellen sie doch ein System kollektiver Sicherheit dar, in dem sich die Rechtmäßigkeit von Auslandseinsätzen der Bundeswehr unter dem politischen Ziel „Verteidigung des Weltfriedens“ ganz klar und einsichtig begründen läßt. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Juli 1994 bestätigte die Teil-nahme an out-of-area-Einsätzen als verfassungsgemäß.5

Die Auslandseinsätze der Bundeswehr können seither sowohl im Rahmen der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder der Nordatlantischen Allianz stattfinden. Der Charakter der einzelnen Mission gestaltet sich dabei ganz unter-schiedlich aus. Da gibt es ausschließlich zivile Einsätze von deutschen Soldaten etwa in der UN-Mission in Georgien, oder es gibt gemischt zivile und militäri-sche Komponenten wie bei der „Kosovo Verification Mission“ 1998/99. Auch die ganz unterschiedlichen Größen der einzelnen Auslandseinsätze – etwa die OSZE-Tschetchenien-Mission mit einem Bundeswehrsoldaten oder KFOR mit 5.000 Mann führt zu ganz anderen Wirkungsgraden und spezifischen Charakte-ristika jeder einzelnen Mission.

Waren die verfassungsrechtlichen Aspekte recht schnell geklärt, so läßt sich doch eine gewisse Entwicklung im deutschen Engagement von Auslandseinsät-zen beobachten. Bestand anfänglich die Bereitschaft lediglich zur Mithilfe in Sanitätsdiensten, weitete sich dies zu AWACS-Erkundungsflügen durch die Bundeswehr aus, bis im Kosovo die Deutschen sogar eine eigene „Besatzungs-zone“ mit Sitz in Prizren zugewiesen bekamen und hier wie in Afghanistan sogar einige Monate lang die internationalen Truppen führten. Dieser Sachverhalt spiegelt sich auch im umfangreichen finanziellen Engagement Deutschlands wieder. Lag Anfang der 90er Jahre das Engagement in Auslandsmissionen der Bundeswehr im zweistelligen DM-Millionen-Bereich, so erreichte es Ende der neunziger Jahre dreistellige Summen in Mio. €. Hinzu kommt, daß im Bundes-haushalt 2004 nach den derzeitigen Planungen der BMVg-Haushalt der einzige Einzelplan ist, der zwar Einsparungen vornehmen muß, diese aber für Aus-landseinsätze der Bundeswehr verwenden darf, so daß es faktisch beim Fest-schreiben eines Status quo des Einzelplans 14 bis zum Jahr 2006 bleibt.

Nach 1989/90 und der Beendigung des Ost-West-Konflikts rücken zunehmend regionale Konflikte und präventive, konfliktverhütende Maßnahmen in den Vor-dergrund. In internationalen Gremien wie etwa der NATO wurden deshalb Über-legungen für ein Konzept der Krisen- und Konfliktprävention formuliert6, die die Bekämpfung von Terrorismus und Proliferation miteinschließt, so im „Neuen Strategischen Konzept“ beim NATO-Gipfel in Rom im November 1991 und der Abschlußerklärung des NATO-Rates in Brüssel im Januar 1994, die bereits im Januar 1992 in eine Vorlage von Bundesverteidigungsminister Stoltenberg, eine Rede von Generalinspekteur Naumann und dann in die Verteidigungspolitischen Richtlinien vom 26. November 1992 und 1995 in das „Weißbuch 1994“ eingin-gen.7 Dieser neue Aufgabenkomplex wird unter dem Terminus technicus des „erweiterten Sicherheitsbegriffs“ zusammengefaßt, zu dem seit Mitte der 90er Jahre auch entwicklungspolitische Zusammenhänge einbezogen werden.8

Doch erst mit der Regierung von Bundeskanzler Schröder und den Koalitions-verträgen von 1998 und 2002 wurde die Krisen- und Konfliktprävention zu ei-nem für die Bundesregierung tatsächlich verpflichtenden Konzept, welches es politisch zu realisieren gilt. Die durch die Auslandseinsätze der Bundeswehr neu gesetzten Akzente sollten 2003 Niederschlag finden in den neuesten verteidi-gungspolitischen Richtlinien für den Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung, in denen es heißt: „Deutsche Verteidigungspolitik wird maßgeb-lich durch drei Faktoren geprägt:

- die multinationale Einbindung der Bundeswehr im Rahmen einer auf europäi-sche Integration, transatlantische Partnerschaft und globale Verantwortung aus-gerichteten Außenpolitik,

- das veränderte Einsatzspektrum der Bundeswehr und die gewachsene Anzahl an internationalen Einsätzen

- die verfügbaren Ressourcen.“9

IV. Zur geschichtlichen Genese von humanitären Einsätzen

Der Zeitgeschichtler Hans-Peter Schwarz10 charakterisiert die fünfziger Jahre der noch jungen Bundesrepublik Deutschland als eine Renaissance bürgerlicher Werte und Vorstellungen, verknüpft mit Autoritätsvorstellungen, die in der Kai-serzeit wurzelten. Vor allem das politische Bonn war maßgeblich vom rheini-schen Katholizismus geprägt, so wie Bundeskanzler Konrad Adenauer selbst, der dieser Epoche seinen Stempel aufdrückte. Vor dem Hintergrund dieser positiven Einstellung der politischen Führung Deutschlands zu den beiden christlichen Kirchen erwuchs am 26. Juli 1957 der Staatskirchenvertrag zur Regelung der evangelischen Militärseelsorge, während für die katholische Militärseelsorge die Bestimmungen des Reichskonkordates von 1933 weiterhin gelten.11

Überhaupt stellten die nun in die Unabhängigkeit drängenden Kolonialstaaten die ehemaligen europäischen Kolonialmächte vor große Schwierigkeiten. Den Beginn dieser Entwicklung leitete Mahatma Ghandi in Indien ein12, wo er sich für einen gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Besatzer engagierte und damit im Ergebnis die Loslösung Indiens von England und die staatliche Unab-hängigkeit Indiens begründete. Zugleich wurde damit der Beginn des Ende des britischen Empire eingeleitet, das zudem durch den jahrelangen Krieg mit Deutschland und Japan trotz seiner Position als Siegermacht geschwächt war und den Widerständen in den Kolonien nur wenig entgegenzusetzen hatte.

Als 1960 die marokkanische Stadt Agadir, die sich eines regen europäischen Tourismus erfreut, durch ein Erdbeben zerstört wurde, gab dies Anlaß für den ersten humanitären Einsatz der Bundeswehr mit Luftwaffe und Sanitätssoldaten. Dabei spielte der christliche Helfergedanke13 eine ebenso große Rolle wie das Bestreben, ein afrikanisches Entwicklungsland zu unterstützen. Eine zusätzliche politische Dimension erhielt der Marokko-Einsatz durch die neue deutsch-französische Freundschaft, die wirkungsmächtig durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer repräsentiert wurde. Mit der Übernahme der ersten Trans-portmaschine „Transall C-160“ durch die deutsche Luftwaffe (26.4.1968) und durch die Beschaffung des Transporthubschraubers „CH-53“ (27.6.1968) entwi-ckelten sich beide Fluggeräte mit den Jahren zu einem Synonym für die humani-täre Hilfe der Bundeswehr und Deutschlands. Einer der größten humanitären Einsätze beider Fluggeräte bildete die Versorgung hungernder Menschen in der Sahel-Zone 1973/74.

Bei diesen ersten humanitären Einsätzen muß man sich vergegenwärtigen, daß die Bundeswehr keine zehn Jahre alt war und gerade einmal seit fünf Jahren über eigene Soldaten verfügte. So wurde zwar bereits am 26. Oktober 1950 Theodor Blank (CDU) zum „Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermeh-rung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“ – der Keimzelle des späteren Verteidigungsministeriums – ernannt. Doch dauerte es noch bis zum 7. Juni 1955, bis die Dienststelle Blank in das Bundesministerium der Verteidigung umgewandelt wurde, da erst am 9. Mai 1955 die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland als 15 Mitglied in die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft (NATO) erfolgt war. Schon am 8. Februar 1952 stimmte der Bundestag einem deutschen Verteidigungsbeitrag grundsätzlich zu. Am 26. Mai desselben Jahres kam es zur Unterzeichnung des „Vertrages über die Beziehungen der Bundesre-publik Deutschland und der drei Mächte“ (Deutschland- oder Generalvertrag) sowie einen Tag später zur Unterzeichnung der Europäischen Verteidigungsge-meinschaft (EVG), womit neben der NATO eine weitere multilaterale Einbin-dung Deutschlands und damit auch der Bundeswehr einher ging. Doch war die EVG am 30. August 1954 gescheitert, als die französische Nationalversammlung die Verabschiedung der EVG vertagte und damit den EVG-Vertrag insgesamt zum Scheitern brachte.14

Am 15./16. Juli 1955 verabschiedete der Deutsche Bundestag gegen die Stim-men der SPD das Freiwilligengesetz, welches die Einstellung von zunächst 6.000 Freiwilligen in die Bundeswehr vorsieht. Im gleichen Jahr kommt es zur Be-kanntgabe eines ersten Aufstellungsplanes für die Streitkräfte: 12 Heeresdivisio-nen bis zum 1. Januar 1959, Luftwaffe und Marine bis zum 1. Januar 1960. Es läßt sich also feststellen, daß die ersten Einheiten der Bundeswehr gerade einmal geschaffen waren und bereits schon der erste Auslandseinsatz im Rahmen einer humanitären Maßnahme stattfand.

Daß der zweite humanitäre Einsatz der Bundeswehr ebenfalls in Afrika und in der ehemaligen Kolonie des NATO-Partners Portugal stattfindet, darf nicht als zufällig angesehen werden. Ähnlich verhält es sich mit der ehemaligen Kolonie des NATO-Partners Großbritannien. Als in Zypern 1961 der Notstand ausgeru-fen wurde, gab dies der jungen Bundesrepublik Gelegenheit, sich auf der europä-ischen Politikbühne zu profilieren. Hinzu kommt, daß seit Beginn der sechziger Jahre entwicklungspolitische und humanitäre Zusammenhänge in der internationalen Politik eine immer größere Gewichtung erfahren. Mit der Souveräni-tät vieler ehemaliger Kolonien wurde rasch deutlich, daß die Europäer eben nicht nur westliche Infrastruktur in die neuen Staaten Afrikas und Asiens brachten, sondern auch Kulturen zerstörten und große soziale sowie wirtschaftliche Prob-leme dadurch schufen, daß sie diese Länder einseitig ausbeuteten oder sie auf einige Produkte einer Exportwirtschaft fixierten.15

V. Ein Markenzeichen Deutschlands: Humanitäre Einsätze

Die humanitären Auslandseinsätze der Bundeswehr müssen dabei auch im Rah-men einer wachsenden Bedeutung von Entwicklungspolitik und kirchlicher Mahnungen gesehen werden. So wurde 1959 mit Adveniat16 ein erstes kirchli-ches Hilfswerk in Aachen gegründet, dem in rascher Folge weitere kirchliche Initiativen folgten. 1963 wurde das Bundesministerium für wirtschaftliche Zu-sammenarbeit und Entwicklung gegründet, nachdem es zuvor bereits eine ent-wicklungspolitische Abteilung im Bundeswirtschaftsministerium gegeben hatte. Rasch war klar geworden, daß Ludwig Erhards Devise vom „Wohlstand für alle“ sowie sein marktwirtschaftliches Denken, welches im wesentlichen auf Eigenini-tiative basiert, sich so einfach nicht auf die Nationalökonomien der Entwick-lungsländer übertragen läßt. Vielmehr galt es hier, zunächst „Hilfe zur Selbsthil-fe“ und darüber hinaus Hilfe in Notlagen zu leisten. Verstärkt wurde diese politi-sche Haltung durch die Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) von Papst Johannes XXIII., der einen Friedensauftrag an alle Menschen guten Willens formuliert. Der Papst definiert zudem Frieden eben nicht nur als Nicht-Kriegszustand, sondern auch als Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Johannes XXIII. forderte dazu auf, Beiträge für diese größere soziale Gerechtigkeit in allen Teilen der Welt zu leisten.

Aufgrund der skizzierten internationalen Konstellation wird das Ansehen Deutschlands durch humanitäre Einsätze gestärkt und deutschen Soldaten zu-gleich ermöglicht, außerhalb des NATO-Gebietes in eine Auslandsverwendung zu kommen. Dabei konzentriert sich Deutschland auf humanitäre Einsätze bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürre, Hochwasser, Vulkanausbrüche oder Waldbrände. Viele Einsätze erfolgen mit professioneller Unterstützung des Technischen Hilfswerkes, das speziellen Sachverstand bei der Bergung von Verletzten und Toten aus Wohn- und Bürogebäuden oder bei tech-nischen Problemen von Staudämmen und Elektrizitätswerken mitbringt. Darüber hinaus engagiert sich die Bundeswehr humanitär in politischen Ausnahmesitua-tionen einzelner Länder, wie etwa Israel 1978, oder zugunsten verfolgter Min-derheiten - wie zum Beispiel der Kurden in der Türkei und im Iran 1990/91. Mitunter wird die Bundeswehr auch bei der Evakuierung deutscher und auslän-discher Staatsbürger herangezogen, wie am 14. März 1997 im albanischen Tira-na. Allen humanitären Auslandseinsätzen ist gemeinsam, daß sie international auf eine hohe positive Resonanz stoßen, auch wenn sie in der Regel ausschließ-lich als nationale Maßnahme durchgeführt werden.

VI. Militärische Einsätze im Kontext von EU, NATO und UN

Humanitäre Einsätze der Bundeswehr erfolgen in der Regel in nationaler Eigen-ständigkeit, wobei meistens andere Staaten ebenfalls an den humanitären Hilfs-maßnahmen in dem jeweiligen Land beteiligt sind. Darüber hinaus gibt es seit der Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO eine Vielzahl von NATO-Einsatzübungen ausschließlich mit militärischem Charakter. So trat etwa am 25. Oktober 1960 die Bundesrepublik Deutschland dem italienisch-kanadischen Abkommen über die Benutzung des sardinischen Luftwaffenübungsplatzes De-cirnornanu bei. Es folgten Abkommen über die Einrichtung deutscher Depots in Frankreich und die Nutzung französischer Truppenübungsplätze oder das deutsch-britische Abkommen vom 25. Mai 1961 zur Benutzung des Truppen-übungsplatzes Castlemartin (Wales) durch die Bundeswehr. Weitere Meilenstei-ne waren die Stationierung eines Luftwaffenausbildungsregiments im niederlän-dischen Budel (22. Juni 1963) und die Bereitstellung von Übungsplätzen, Nach-schubeinrichtungen und einem Flugplatz (Beja) durch Portugal. Hierzu gehört auch, daß die deutsche Marine in Flordia/USA sowie die deutsche Luftwaffe in USA/Kanada Übungsplätze unterhalten und Trainings durchführen unter Bedin-gungen, die so in Deutschland oder in Europa nicht gegeben sind. Am 12. Mai 1966 wird die Raketenschule der Luftwaffe von Aachen nach El Paso/Texas verlegt.

Wenn in den 90er Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Aspekt der Multinationalität der Bundeswehr herausgestellt wird, so ist zu realisieren, daß es bereits am 6. Dezember 1961 zur Bildung eines deutsch-dänischen NATO-Kommandos (BALTAP) kam, der sich die Kontrolle der Ostzugänge zur Aufga-be machte. Nach der NATO-Ratstagung im Dezember 1967 wurde die Schaffung einer ständigen NATO-Seestreitmacht Atlantik (STANAVFORLANT) beschlos-sen, die sich aus nationalen Schiffseinheiten zusammensetzt und in der ständig Multinationalität geprobt werden muß. Hinzu kommt die enge deutsch-französische Zusammenarbeit im Bereich der Luftstreitkräfte, die vor allem auf der Entwicklung, Erprobung und dem Einsatz gemeinsam entwickelter Fluggeräte wie etwa dem Strahlflugzeug „Alpha-Jet“ (23. Juli 1970) basiert. Derartige Akti-vitäten mündeten am 22. Januar 1988 in der Errichtung eines Gemeinsamen Sicherheitsrates durch die Regierungen Deutschlands und Frankreichs sowie in der Aufstellung einer Deutsch-Französischen Brigade. Ein anderes Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen Großbritannien, Italien, Deutschland und den Niederlanden zur Entwicklung des Strahlflugzeuges „MRCA 75“ (Multi Role Combat Aircraft), der 1975 einsatzbereit sein sollte. Ein anderes Beispiel für multinationale Zusammenarbeit war die erste gemeinsam entwickelte Artillerie-waffe FH 155-1, an der Italien, Deutschland und Großbritannien mitarbeiteten und die einen maßgeblichen Beitrag zur Standardisierung innerhalb der NATO darstellt.

Versuchen wir das Thema „Auslandseinsätze“ näher zu erkunden, so ist der Teilbereich der Marine auszusparen. Wie kein anderer Bereich der Bundeswehr ist die Marine auf allen Weltmeeren präsent oder hat dort zumindest Einsätze gefahren. Schon am 18. Dezember 1958 wird das Segelschulschiff „Gorch Fock“ in den Dienst gestellt und am 25. Mai 1963 erfolgt die Indienststellung des Schulschiffes „Deutschland“. Bereits nach Abschluß der ersten Aufbauphase der Marine im Januar 1960 kommt sie im Folgejahr beim humanitären Auslandsein-satz für Zypern zum Zuge.

Mit der weltpolitischen Wende von 1989/90, den 2+4-Verträgen und der Wie-dervereinigung Deutschlands sowie der Wiederherstellung seiner vollen Souve-ränität erfuhren die Auslandseinsätze der Bundeswehr eine neue Dimension.17 Nunmehr ist es Deutschland möglich, originär militärische Auslandseinsätze zu fahren, auch wenn diese überwiegend der Hilfe von Staaten und Menschen die-nen. Hiermit trägt Deutschland seiner historischen Verantwortung Rechnung, Eigeninteressen zurückzustellen und sich für ein Weltgemeinwohl im Sinne der christlichen Gesellschaftsprinzipien von Solidarität und Subsidiarität einzuset-zen. Diese Auslandseinsätze erfolgen stets im multinationalen und internationa-len Rahmen. Auch wenn bei einigen Einsätzen Soldaten im Zivil zum Einsatz kommen – etwa bei der „Kosovo Verification Mission“ –, so erfolgen alle diese Einsätze durch internationale Organisationen und sind völkerrechtlich abgesi-chert.18

Die Entscheidung, wie und in welcher Form Deutschland sich an militärischen Auslandseinsätzen beteiligt, liegt bei der Bundesregierung. Deutlich ist zu Be-ginn der neunziger Jahre eine große Zurückhaltung Deutschlands erkennbar, sich in militärischen Auslandseinsätzen zu engagieren. Vornehmliche Einsatzgebiete der Bundeswehr liegen im Sanitätswesen, bei der logistischen Unterstützung und bei der Radaraufklärung. Bei beiden Golfkriegen (1991/2003) zeigte Deutsch-land eine deutliche Zurückhaltung.

VII. Ein militärischer Auslandseinsatz – das Beispiel KFOR

Viel wurde über den politisch-historischen Kontext gesagt, in dem sich Aus-landseinsätze der Bundeswehr bewegen. Doch wie steht es um die Akzeptanz der Auslandseinsätze in der Bevölkerung? Gibt es Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern bezüglich der Bewertung dieser Einsätze? Gibt es positive Impulse aus dem Bekanntenkreis von Soldaten bezüglich der Frage von Auslandseinsätzen? Wie erleben die Soldaten ihre Vorgesetzten im Auslandsein-satz?

Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr führt im Auftrag des Bun-desministeriums der Verteidigung neben einer jährlichen Soldatenbefragung auch eine jährliche Bevölkerungsumfragen durch. Ergebnis dieser Bevölke-rungsumfragen in den Jahren 1999 und 2000 ist, daß die Akzeptanz der Bundes-wehrbeteiligung an den KFOR-Einsätzen19 in der deutschen Bevölkerung auf einem sehr hohen Niveau verweilt, und zwar sowohl im Jahr der Stationierung der Soldaten als auch im darauffolgenden Jahr. Allerdings liegt das Echo in den neuen Bundesländern deutlich niedriger als in den alten. Hierbei gilt es zu be-rücksichtigen, daß die Bundeswehr und die NATO im allgemeinen als die Feind-bilder der DDR fungierten. Von daher greift für viele ehemalige DDR-Bürger das multilaterale Argument nicht, daß es sich bei der NATO um eine supranationale Einrichtung handelt. Darum ist es schon bemerkenswert, daß trotz dieser geschichtlichen Erblast beiden Organisationen – NATO und Bundeswehr – in den neuen Ländern heute von einer deutlichen Mehrheit Vertrauen entge-gengebracht wird.

Für die Motivation der Bundeswehrsoldaten ist es von entscheidender Wichtig-keit, daß die Auslandseinsätze in der Bevölkerung einen hohen Rückhalt genie-ßen und sich dieser Sachverhalt auch im persönlichen Umfeld der Soldaten nie-derschlägt. Allerdings läßt sich beobachten, daß die westdeutschen Soldaten eine breitere soziale Unterstützung bezüglich ihres Auslandseinsatzes erfahren als ihre ostdeutschen Kameraden. Während 41 Prozent der Soldaten aus den alten Ländern berichten, daß der KFOR-Einsatz der deutschen Streitkräfte bei ihren Bekannten auf Zustimmung stößt, liegt dies nur bei 32 Prozent der befragten Soldaten in den neuen Ländern.

Ein weiterer Aspekt von Auslandseinsätzen stellt deren Bewertung durch ihre Akteure dar.20 Diese Überlegung läßt sich an der Frage festmachen, wie zufrie-den die Soldaten mit ihren unmittelbaren Vorgesetzten sind und welches Ver-trauen sie in ihre Vorgesetzten haben. Dabei wurde auch berücksichtigt, ob es bei den beiden KFOR-Einsatzkontingenten sowie vor und im Einsatz signifikante Unterschiede in der Wahrnehmung der Vorgesetzten durch die Soldaten gibt. Dabei zeigte es sich, daß das Vertrauen in den unmittelbaren Vorgesetzten in verschiedenen Einsatzkontingenten zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit 60 Prozent stets recht hoch war. Dabei dürfte eine Rolle spielen, daß Gemeinsam-keiten und das Verbundenheitsgefühl mit dem unmittelbaren Vorgesetzen hoch sind, eben auch, weil Aufträge gemeinsam bewältigt werden. Hier spielen Soli-darisierungseffekte eine Rolle, da der Vorgesetzte sowohl als Mensch wie auch als Kamerad erlebt wird. Auch wenn es Kritik von Soldaten in Auslandseinsät-zen gibt – etwa hinsichtlich Dauer, Ausstattung und Bezahlung –, so scheint es auf einer sozialen Ebene ein hohes Maß an Zufriedenheit zu geben.

Diese Erkenntnis wird auch durch Veröffentlichungen von einsatzerfahrenen Offizieren gestützt. Dabei spielt eine wichtige Rolle, daß militärische Einsätze der Bundeswehr – etwa in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo – auch mit humanitären Aufgaben verknüpft sind. So hebt etwa Brigadegeneral Peter Goe-bel die Beteiligung der Bundeswehr am Wiederaufbau in Bosnien-Herzegowina besonders hervor, da für die Soldaten im Einsatz dadurch eine zusätzliche Sinn- und Legitimationsfunktion für ihre Auslandsmission gegeben wird.21

VIII. Militärseelsorge und Auslandseinsätze

Für den deutschen Filmpreis 2003 wurde wider Erwarten der Dokumentarfilm „Soldatenglück und Gottes Segen“ nominiert. „Soldatenglück und Gottes Segen“ wünschte der kommandierende Generalleutnant den deutschen Soldaten, die im Januar 2002 zu ihrem Einsatz im Rahmen der internationalen Schutztruppe ISAF nach Afghanistan verabschiedet wurden. Nachdem die Bundeswehr 1995 erst-mals seit dem II. Weltkrieg Soldaten nicht nur in einen militärischen, sondern zudem bewaffneten Auslandseinsatz in Richtung Balkan entsandte, ist Deutsch-land weltweit in seinem Einsatz für Maßnahmen zur Krisen- und Konfliktprä-vention einer breiteren Öffentlichkeit präsent. In Kabul erwartete die Bundes-wehrsoldaten ein ähnlicher Auftrag, wie ihn schon ihre Kameraden im Kosovo hatten. Ulrike Franke und Michael Loeken22 haben sich bei ihrem Besuch der deutschen und internationalen KFOR-Truppen im Kosovo den Soldatenalltag angesehen und den feinen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit dieser Einsätze aufgespürt. Im Mittelpunkt dieses Dokumentarfilmes steht nicht die Frage, wie sich die Soldaten um den Frieden bemühen, sondern womit sie sich im Auslandseinsatz beschäftigen oder beschäftigt werden. Der Film zeigt, daß die Deutschen – im Vergleich zum routinierten Auftreten von Soldaten ande-rer Nationen – noch nach einer eigenen Linie suchen. Zugleich werden wahre, private Erlebnisse von Soldaten abseits jedweder Kontrolle und Zensur gezeigt, die doch auch Bestandteil der politischen Kultur Deutschlands sind. Zugleich wird mit diesem Dokumentarfilm in überzeugender Weise die innere Spannung skizziert, in der das Leben eines deutschen Soldaten im Auslandseinsatz steht. „Soldatenglück“ ist eine Ebene der Erfahrung, die Soldaten trotz aller Professio-nalität im Ausland brauchen. Denn sich gegen Minen oder gar Anschläge zu schützen, vermag durch gewisse Vorsichtsmaßnahmen gelingen, doch ob diese im Ergebnis wirklich erfolgreich sind, hängt zu einem großen Teil auch vom Soldatenglück ab. Dies zeigte sich unlängst bei einem Abschuß einer Rakete aus den Bergen bei Kabul auf das deutsche Camp, bei dem wie durch ein Wunder kein Soldat zu Tode kam. Eine völlig neue Dimension der Bedrohung wird durch den Selbstmordanschlag auf deutsche Soldaten des ISAF-Kontingents im Juni 2003 erreicht. Seit 1993 gab es rund 50 Todesopfer von deutschen Soldaten im Auslandseinsatz.23

Die filmische Dokumentation spiegelt sich auch in empirischen Umfragen des Sozialwissenschaftlichen Instituts zum Thema „Militärseelsorge“ aus den Jahren 1997 bis 2001 wieder. Sowohl in der bundesdeutschen Bevölkerung als auch bei den deutschen Soldaten im Bosnieneinsatz ließ sich eine signifikant hohe positi-ve Einstellung zur Militärseelsorge feststellen. So bewerteten über 81 Prozent der Befragten aus der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung es als positiv, daß in der Bundeswehr ein Militär- bzw. Soldatenseelsorgedienst vorhanden ist. Im Feldlager Rajlovac in Bosnien begrüßten es sogar 96 Prozent der befragten Sol-daten, daß Pfarrer anwesend sind.24 Dieser hohe Zustimmungsgrad wurde auch für den KFOR-Einsatz festgestellt.25 Die besondere Chance der Militärseelsorge bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr liegt darin, mit Konfessionslosen in Kon-takt treten zu können. Im Rahmen der Befragungen von zwei KFOR-Einsatzkontingenten fand Biehl zudem heraus, daß zwischen einem Viertel und einem Drittel der jeweiligen Kontingentteilnehmern bei Problemen das Gesprächsange-bot der Militärseelsorger nutzen.26

Eine weitere Facette stellt die militärische und politische Begrenztheit jeglichen Auslandseinsatzes dar, bei der ein einzelner Soldat wie die gesamte Mission auch des Segens Gottes bedürfen. Gemeint ist damit, daß Auslandseinsätze eben nur einen begrenzten Beitrag zu Frieden und Sicherheit in dieser Welt zu leisten vermögen. Von Leitthemen wie „Schaffung eines Weltfriedens“ zu sprechen ist gerade angesichts des vielschichtigen Alltags der Konfliktregionen deplaziert. Schon zutreffender klingt das Wort von den ersten Gehversuchen einer „Weltin-nenpolitik“ (Carl-Friedrich von Weiszäcker), welches auf die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft abhebt, ethische Standards und Grundwerte in den internationalen Beziehungen zu achten, so wie sie auch in der Charta der Vereinten Nationen27 formuliert sind. Bundespräsident Johannes Rau: „Wenn wir nach den Interessen und den Werten fragen, die deutsche Außen- und Si-cherheitspolitik leiten, dann stehen die Wahrung des Friedens und unserer frei-heitlichen Ordnung an erster Stelle. Deutsche Politik ist gleichermaßen den Men-schenrechten verpflichtet und ihrer weltweiten Achtung.“28

Anmerkungen

1) Vgl. Karl Dietrich Bracher: Zeit der Ideologien. Stuttgart 1981.

2) Vgl. Reinhard Meyers: Grundbegriffe, Strukturen und theoretische Perspektiven der Internationalen Beziehungen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Grundwissen Politik, Bonn 1993, S. 229-333; Michael Meimeth: Die Theorie des Neorealismus nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Eine Antwort an Ernst-Otto Czempiel, in: Jahrbuch für Politik (1992) 1, S. 135-146.

3) Vgl. Andreas Kunz: Vor sechzig Jahren: Der Untergang der 6. Armee in Stalingrad, in: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung, Nr. 4/02, S. 9-17.

4) Hans-Adolf Jacobsen: Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumentation 1939-1945. Darmstadt 1959, S. 81 ff.

5) Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Einsatz der Bundeswehr im Rahmen von Systemen kollektiver Sicherheit vom 12. Juli 1994, teilweise abgedruckt in Blätter für internationale Politik, Nr. 9, 1994, S. 1135-1144; allerdings muß die Bundesregierung bei out-of-area-Einsätzen die Zustimmung des Bundestages einholen, weshalb sich die SPD aufgrund dieses „Parlamentsvorbehaltes“ als „Siegerin“ sah („Der Bundeskanzler mit dem Karlsruher Urteil ‚sehr zufrieden‘“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 7. 1994, S. 2).

6) Das strategische Konzept des Bündnisses. Vereinbart von den Staats- und Regierungschefs auf der Tagung des Nordatlantikrats am 7. und 8. November 1991 in Rom, in: NA-TO Presse- und Informationsdienst: NATO-Handbuch, Brüssel 1995, S. 253-268.

7) Verteidigungspolitische Richtlinien für den Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung vom 26. November 1992, in: Blätter für internationale Politik, Nr. 9, 1993, S. 1137-1151; Bundesminister der Verteidigung (Hg): Weißbuch 1994. Köln 1994, S. 45.

8) Die verteidigungspolitischen Richtlinien gehen über eine reine Übernahme von NATO-Vorgaben hinaus. So wird etwa von „nationaler Interessenlage“ und „vitalen Sicherheitsinteressen“ gesprochen, zu denen auch die „Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung“ gehören (Absatz 8 (8) der Richtlinien); vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hg): Journalisten-Handbuch 1995. Bonn 1995; vgl. hierzu auch: Alexander Siedschlag: Die aktive Beteiligung Deutschlands an militärischen Aktionen zur Verwirklichung Kollektiver Sicherheit. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris; Wien, 1995 und Marcus Schultz: Die Auslandsentsendung von Bundeswehr und Bundesgrenzschutz zum Zwecke der Friedenswahrung und Verteidigung. Frankfurt a. M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1998.

9) Bundesministerium der Verteidigung (Hg): Verteidigungspolitische Richtlinien für den Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung. (21. Mai 2003). Berlin 2003; im Vordergrund stehen dabei die „neuen sicherheitspolitischen Risiken und Chancen“ im Kontext des 11. September 2001 sowie eine Konkretisierung von Maßnahmen der Krisen- und Konfliktprävention durch humanitäre und militärische Auslandseinsätze.

10) Vgl. Hans-Peter Schwarz: Die Ära Adenauer. (Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Band 3), Stuttgart 1983.

11) Arthur-Fridolin Utz: Die Friedensenzyklika Papst Johannes XXIII ‚Pacem in terris‘. Freiburg 1963.

12) Vgl. Robert Payne: The Life and Death of Mahatma Ghandi. London 1969; Mahatma Ghandi: Mein Leben. Frankfurt am Main, 1983; Dietmar Rothermund: Mahatma Ghandi. Eine politische Biographie. München 1997.

13) Vgl. zur Idee des Helfens in der katholischen Soziallehre: Josef Kardinal Höffner. Christliche Gesellschaftslehre. Köln 1983.

14) Vgl. Hans Buchheim, Hans-Adolf Jacobsen, Gerhard Wettig u.a. (Hg): Aspekte der deutschen Wiederbewaffnung bis 1955. München 1975; Bruno Thaß, Hans-Erich Volk-mann: Zwischen Kaltem Krieg und Entspannung. Sicherheits- und Deutschlandpolitik der Bundesrepublik im Mächtesystem der Jahre 1953 bis 1956. München 1988.

15) Klaus J. Bade: Imperialismus und Kolonialismus. Kaiserliches Deutschland und koloniales Imperium. Wiesbaden 1982; Horst Gründer: Christliche Mission und deutscher Imperialismus. Eine politische Geschichte ihrer Beziehungen während der deutschen Kolonialzeit (1884-1914) unter besonderer Berücksichtigung Afrikas und Chinas. Paderborn 1982; Hermann Hiery: Handbuch der deutschen Südsee, Paderborn 1999.

16) Andreas M. Rauch: Armutsbekämpfung als globale Zukunftssicherung. Festschrift für MinDirg a. D. Karl Osner (hg. von der Gesellschaft zur Förderung des Nord-Süd-Dialog / Deutsche Kommission Iustitia et Pax). Bonn 2003.

17) Andreas M. Rauch (Hg): Europäische Friedenssicherung im Umbruch. München 1991.

18) Andreas Rauch / Christa Reichard: Der Soldat im OSZE-Einsatz. Ein Beispiel aus dem Kosovo, in: Paul Klein/Dieter Walz (Hg): Die Bundeswehr an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Baden-Baden, 2000, S. 123-130.

19) Heiko Biehl: Wendepunkt Kosovo? Sicherheitspolitische Einstellungen in den alten und neuen Ländern. (SOWI-Arbeitspapier Nr. 128). Strausberg (Mai) 2001.

20) Reinhard Mackewitsch: Der Vorgesetzte im Einsatz. Erfüllt er grundsätzliche Anforderungen? (SOWI-Arbeitspapier Nr. 130) Strausberg (September) 2001.

21) Peter Goebel: Beteiligung der Bundeswehr am Wiederaufbau in Bosnien-Herzegowina, in: Peter Goebel (Hg): Von Kambodscha bis Kosovo. Auslandseinsätze der Bundeswehr. Frankfurt am Main, Bonn 2000, S. 316-328.

22) „Soldatenglück und Gottes Segen“. Regie und Buch: Ulrike Franke, Michael Loeken (Dokumentarfilm), Filmproduktion Loeken Franke GbR, Köln, Deutschland 2003.

23) „Die letzte Ehre“, in: loyal. Das deutsche Wehrmagazin, April 2003, S. 14.

24) Martin Bock: Die Einstellung zur Militärseelsorge in der Bevölkerung und bei Soldaten im Bosnieneinsatz der Bundeswehr. (SOWI-Arbeitspapier Nr. 126). Strausberg (März) 2001, S. 71-86.

25) Heiko Biehl: Militärseelsorge out of area. Hochgeschätzt und ungenutzt?, in: Ines-Jacqueline Werkner / Nina Leonhard (Hg): Aufschwung und Glaube in Militär und Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Berlin 2003, S. 323-348.

26) Biehl, a. a. O., 2003, S. 344.

27) Sven Gareis, Johannes Varwick: Die Vereinten Nationen: Aufgaben, Instrumente und Reformen, Opladen, 2000.

28) Johannes Rau: Gemeinsam handeln – Deutschlands Verantwortung in der Welt. „Berliner Rede“ am 19. Mai 2003 im Berliner Maxim Gorki Theater. (Informations- und Pres-seamt der Bundesregierung), Berlin 2003, S. 17.

Dr. Andreas M. Rauch, Professor ehrenhalber, lehrt Internationale Politik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.

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