Jahrgang 57
Nr. 2/2003 April
DIE NEUE ORDNUNG

Stefan Hartmann

"Ihr sollt ein Segen sein“
Gedanken zum ökumenischen Kirchentag in Berlin


„Ihr sollt ein Segen sein“ heißt das Leitwort für den ersten ökumenischen Kir-chentag vom 28. Mai bis 1. Juni 2003 in Berlin. Viele Hoffnungen und Erwar-tungen verbinden sich mit diesen Tagen in der Bundeshauptstadt, die in ihrem Westteil 1980 und 1990 bemerkenswerte Katholikentage erlebte und 1996 Gast-geber für einen historischen Papstbesuch mit der Seligsprechung von Dompropst Bernhard Lichtenberg und des Dachau-Priesters Karl Leisner war. Am Branden-burger Tor hielt Johannes Paul II. damals zum Abschied eine bedeutende An-sprache über die „wahre Freiheit“ in Christus.

Das an den Abrahamssegen in Gen 12, 3 anknüpfende Motto des Kirchentages bezieht sich nicht nur auf die Christen der beiden Großkirchen als Veranstalter des Treffens, sondern schließt alle jüdischen und moslemischen Nachkommen Abrahams in Berlin und in Deutschland gewiß mit ein. Segenskultur ist abraha-mitisch und nicht bloß „multikulturell“.1 Berlin als Stadt nationalsozialistischer und kommunistischer Gewaltherrschaft ist auch „gesegneter“ Ort des Märtyrer-todes evangelischer und katholischer Gewissenszeugen im Widerstand. Die „List der Sonne“ läßt heute auf dem Fernsehturm über dem Alexanderplatz das Zei-chen des Kreuzes, das in vielen Regierungs- und Amtsgebäuden auch nach der „Wende“ entschwunden ist, hell und deutlich erstrahlen.2

Gerade bei einem ökumenischen Kirchentag wird aber nun die bestehende Spal-tung der deutschen Christen trotz aller Annäherungen, die in der feierlichen und symbolträchtigen Einigung in Fragen der Rechtfertigung am 31. Oktober 1999 in Augsburg einen Höhepunkt erleben konnten, besonders schmerzlich bewußt. Es kommt daher auch in Berlin von offizieller Seite zu keiner gemeinsamen Abendmahls- oder Eucharistiefeier, trotz heftigem publizistischen Drängen in diese Richtung.3 Die bestehende Spaltung scheint allerdings für weite Teile des normalen Kirchenvolks angesichts der erreichten Fortschritte kaum noch akzep-tabel, eine vatikanische Stellungnahme wie „Dominus Jesus“ (vom 6. August 2000 über die „Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kir-che“) wird trotz (oder wegen?) des in ihr enthaltenen „solus Christus“ als Ärger-nis empfunden. Besonnene Ökumeniker wie Heinz Schütte, Johannes Friedrich oder Wolfgang Klausnitzer4 finden, durch die lautstarken und oft simplen Paro-len in vielen Medien übertönt, kaum Gehör.

Um sich vor herben Enttäuschungen, falschen Erwartungen und Illusionen, so-wie unguten Auseinandersetzungen zu bewahren, muß daher die Wurzel der deutschen Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert, nämlich Person und Wirken Martin Luthers, nochmals angesprochen und kritisch bedacht werden.

Der 1998 im Alter von 102 Jahren verstorbene Schriftsteller Ernst Jünger, der aus nicht ganz durchsichtigen Gründen im Herbst 1996 zur katholischen Kirche konvertierte5, meinte einmal, es werde erst dann zur Einheit der Christen kom-men, wenn ein Papst den Mut und die Größe besäße, den Bann gegen Luther aufzuheben und ihn damit wieder in die Kirche zu integrieren. So einleuchtend diese Bemerkung zunächst auch erscheinen mag, sie stellt doch die Frage, ob Martin Luther dies recht wäre, ob er sich so von einem Papst „vereinnahmen“ lassen würde, oder ob er sich dagegen nicht genauso wehren würde wie 1999 die etwa 150 evangelischen Theologieprofessoren, die die Augsburger Einigung in der Rechtfertigungslehre ablehnten. Ist der Reformator in seiner Person über-haupt „einheitsfähig“? Nicht ein von Ökumenikern der Gegenwart „gedachter“, sondern der authentische Luther kann ja nur Bezugspunkt der Wiedervereinigung mit der auf ihn zurückgehenden Gemeinschaft sein. Hegelianische Einbindung Luthers bis hin zur „Aufhebung“ (im doppelten Wortsinn) seines Anliegens in der ökumenischen Einheitskirche oder Unterscheidung und Verschärfung des subjektiven Faktors im Sinne Sören Kierkegaards (der mit Luther vor allem in seinen „Tagebüchern“ streng ins Gericht geht) sind die beiden Möglichkeiten des Umgangs mit seinem Erbe. Für die erste stehen etwa die Systematiker Otto Her-mann Pesch, Wolfhart Pannenberg und Eberhard Jüngel, während der Münche-ner Dogmatiker Leo Kardinal Scheffczyk und die am Originaltext arbeitenden Forscher Paul Hacker6, Theobald Beer7 und Axel Schmidt8 mit Unterstützung des Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger eher die Diffe-renz und den Subjektivismus der Gedanken Luthers hervorheben.

„Ecumenical incorrect“ wurde durch letztere die Möglichkeit einer aufrichtigen Übernahme seiner Positionen als „gemeinsamer Lehrer“ innerhalb einer katholi-schen und orthodoxen Dogmatik klar widerlegt. Luther kann jedoch (tragischer-weise) aufgrund dieser Ergebnisse als Impulsgeber der für den Glauben und den Gang der Metaphysik teilweise verhängnisvollen Entwicklung der neuzeitlichen Philosophiegeschichte angesehen werden.9 Das „Ich“ tritt im existentiellen Ruf: „wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ und in der Rechtfertigung durch das „sola fide“ ins Zentrum, während der Auferstandene als objektiv-rechtfertigendes Gegenüber (vgl. Röm 4,25) entschwindet – bis hin zu Rudolf Bultmanns Theorie der Entmythologisierung.10 Der radikale Antinomismus Luthers in der Diastase von Gesetz und Evangelium machte 1935 in Nürnberg den Nationalsozialisten den gänzlichen Abschied vom Naturrecht und damit auch von allen Menschen-rechten möglich.11

Wie kann angesichts dieses Befundes weitergegangen werden? Peter Köster von der Universität Bielefeld beobachtete sehr richtig zur Situation der Ökumene: „Auf allen Seiten sind ... funktionierende Immunsysteme in Gang gesetzt, die das Vordringen zu den Grundkonflikten hindern. Denn dieses Vordringen ist ja nie nur eine Frage der Einigungsformeln, sondern eine der einverleibten Lebensfor-men und des Kirchenverständnisses; das zeigt exemplarisch die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1997, deren konfessionalistischer Rück-stoß auf beiden Seiten kaum zu verkennen ist“.12 Seit dem Zweiten Vatikani-schen Konzil ist die Ökumene und die Suche nach der Einheit aller Christen allerdings ein unwiderrufbarer Auftrag. Die Enzyklika „Ut unum sint“ (1995) und viele weitere Aktivitäten des päpstlichen Amtes vor allem im Heiligen Jahr 2000 haben ihn seither bekräftigt. Mehr denn je muß sich der Blick der Gläubi-gen auf das Antlitz des Herrn richten, der seinerseits in Güte und sicher oft mit Trauer und Schmerz seine Christenheit anschaut. Er bittet im hohepriesterlichen Gebet den Vater, daß seine Jünger „vollendet (seien) in der Einheit, damit die Welt erkennt, daß du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich“ (Joh 17, 23).

Papst Johannes Paul II. setzt daher vor allem Hoffnung auf den „großartigen Ökumenismus der Heiligkeit“.13 Dieser wird sicher auch zu mehr Bescheidenheit und Aufrichtigkeit im Umgang miteinander führen, zu Respekt für die Gewis-senslage des Mitchristen anderer Konfession und damit Verzicht auf psychologi-sche, charismatische oder mediale Ausübung von Zwang. Das Schlimmste, was der getrennten Christenheit in dieser unruhigen und von Medienpräsenz gezeich-neten Zeit passieren könnte, wäre, daß ihre beidseitigen Vertreter den von Elias Canetti charakterisierten Eindruck eines „Gottprotzes“14 vermitteln. Es wäre das Ende einer öffentlich-glaubwürdigen Verkündigung des Evangeliums von der in Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung Jesu erschienenen göttlichen Barm-herzigkeit, Liebe und Gerechtigkeit.

Der ökumenische Kirchentag in Berlin wird dann bleibend und nachhaltig Orien-tierung stiften können, wenn von ihm auch ein Ruf zur Buße, zur Umkehr, zur Heiligkeit und zum Gebet ausgeht – nach innen zu den Gemeinden genauso wie nach außen in die Gesellschaft. Die jüngste „lehrmäßige Note“ der römischen Glaubenskongregation zu einigen ethischen Kernfragen des politischen Einsatzes von Katholiken könnte ja am Ort des Bundestages auch für evangelische Chris-ten parteiübergreifend als hilfreich und bindend erkannt werden. Es wäre dies nicht die schlechteste Frucht realistischen ökumenischen Miteinanders – denn nicht erst in ferner Zukunft, sondern schon jetzt gilt: „ihr sollt ein Segen sein“.

Anmerkungen

1) Vgl. die Titel der „Urfelder Reihe“ (Bad Tölz): J. Kard. Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund (1998), A. Buckenmaier, Der gerettete Anfang (2002), L. Weimer, Christsein angesichts der vielen Religionen (2002), sowie J. J. Petuchowski, Melchisedech – Urgestalt der Ökumene, Freiburg i. Br. 1979.

2) Vgl. zur religiösen Geschichte und Gegenwart Berlins den anregenden Band von A. Herzig, B. Sauermost (Hrsg.), ...unterm Himmel über Berlin. Glauben in der Stadt, Berlin 2001.

3) Neben Stimmen von einigen „Basisgruppen“ vor allem bei J. Zink, Die eine Kirche, wann endlich?, Freiburg 2002, und J. Rehm, Eintritt frei! Plädoyer für das ökumenische Abendmahl, Düsseldorf 2002. Vgl. dagegen den Sammelband: Th. Söding (Hg.), Eucharistie. Positionen katholischer Theologie, Regensburg 2002.

4) „Eine Ökumene, die sich der Frage nach der biblisch-evangelischen Wahrheit nicht mehr stellt und sich nur um eine äußerliche menschliche Einheit bemüht, verrät im Grunde den Auftrag des Herrn, der dazu auffordert, die von Gott schon gegebene christliche Einheit zu entdecken“, aus: W. Klausnitzer, Die Katholizität der Wahrheit, in: ders. (Hg.), Ökumene in Deutschland – Blick voraus. Mit Beiträgen von Johannes Friedrich, Walter Klaiber, Ilona Riedel-Spangenberger und Paul-Werner Scheele, Münster 2002, 87.

5) Vgl. Ch. Heidrich, Die Konvertiten. Über religiöse und politische Bekehrungen, München/Wien 2002, 328ff.

6) P. Hacker, Das Ich im Glauben bei Martin Luther. Der Ursprung der anthropozentrischen Religion, Neuauflage Bonn 2002.

7) Th. Beer, Der fröhliche Wechsel und Streit. Grundzüge der Theologie Martin Luthers, Einsiedeln 1980; Zur Biographie und Psychologie Luthers vgl. R. Dalbiez, L’angoisse de Luther, Paris 1974; E. Erikson, Der junge Mann Luther. Eine psychoanalytische und historische Studie, Frankfurt/M. 1975; A. Mock, Abschied von Luther. Psychologische und theologische Reflexionen zum Lutherjahr, Köln 1985.

8) A. Schmidt, Die Christologie in Martin Luthers späten Disputationen, St. Ottilien 1990.

9) Vgl. A. v. Stockhausen, Der Geist im Widerspruch. Von Luther zu Hegel (Schriftenreihe der Gustav-Siewerth-Akademie; Bd. 3), Weilheim-Bierbronnen ²1990, sowie T. Guz, Die Bestimmung des neuzeitlichen Denkens durch Martin Luther, in: A. Graf v. Brandenstein-Zeppelin, A. v. Stockhausen (Hrsg.), Luther und die Folgen für die Geistes- und Naturwissenschaften (Tagungsband der Gustav-Siewerth-Akademie), Weilheim-Bierbronnen 2001.

10) Vgl. dazu den Lebensbericht von E. M. Mørstad, Mein Weg zur katholischen Kirche, Ruppichteroth 2001.

11) „Evangelium“ waren die Bewegung des Führers und das Dritte Reich, Gesetz und Gewissen dagegen eine „jüdische Erfindung“. Vgl. S. Hartmann, Antisemitismus als Antinomismus, in: Die Neue Ordnung 49, Bonn 1995, 392-395, und als Gesamtüberblick P. v. d. Osten-Sacken, Martin Luther und die Juden. Neu untersucht anhand von Anton Marga-rithas „Der gantz Jüdisch glaub“ (1530/31), Stuttgart 2002.

12) Artikel „Schwankende Gestalt. Der Katholizismus zwischen Konflikt und Modus Vivendi“, in: Neue Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe) Nr. 267 vom 16./17. November 2002, Seite 51.

13) Apostolisches Schreiben „Novo Millenio Ineunte“ vom 6. Januar 2001, Nr. 48. Man denke auch an die zahllosen und meist treffenden Hagiographien des Protestanten Walter Nigg. Bei der inzwischen zur Kirchenlehrerin ernannten Karmelitin Therese von Lisieux (1873-1897) sieht der evangelische Berliner Theologe Ulrich Wickert (Leserbrief an die FAZ vom 30. Juni 1998) eine große Nähe zum Anliegen Luthers. Ähnliches könnte von der polnischen Heiligen Sr. Faustyna Kowalska (1905-1938) und dem von ihr angestoßenen „Kult der göttlichen Barmherzigkeit“ gesagt werden.

13) „Der Gottprotz muß sich nie fragen, was richtig ist, er schlägt es nach im Buch der Bücher. Da findet er alles, was er braucht. Da hat er eine Rückenstütze. Da lehnt er sich beflissen und kräftig an. Was immer er unternehmen will, Gott unterschreibt es. Er findet die Sätze, die er braucht, er fände sie im Schlafe. Um Widersprüche braucht er sich nicht zu kümmern, sie kommen ihm zustatten. Er überschlägt, was ihm nicht von Nutzen ist und bleibt an einem unbestreitbaren Satze hängen. Den nimmt er für ewige Zeiten in sich auf , bis er mit seiner Hilfe erreicht hat, was er wollte. Doch dann wenn das Leben weiter-geht, findet er einen anderen...“ (E. Canetti, Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere, Frank-furt a. M. 2001, 77).

Stefan Hartmann ist seit September 2001 Pfarrseelsorger in Oberhaid bei Bamberg.

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