Jahrgang 57
Nr. 2/2003 April
DIE NEUE ORDNUNG

Herbert Kremp

Wes Geistes ist die CDU?


Der für das Integriert-Christliche zuständige neue stellvertretende CDU-Vorsitzende Christoph Böhr erklärt, „CDU“ stehe für wertgebundene Politik. Friedrich Merz erklärt während der Leitbild-Debatte im Bundestag, CDU stehe nicht für konservativ. Frau Merkel setzt auf die von ihr apostrophierten CDU-Merkmale: „Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit“ das christliche Menschenbild wie ein Sah-nehäubchen. Kardinal Meisner forderte mit Blick auf unscharfe Stellungnahmen zu Abtreibung und Gen-Technologie die CDU auf, das „C“ aus dem Namen zu streichen.

Klarheit beseitigt?

Die Unklarheit überlagert nicht nur das Präsens der Partei, nicht nur die Jahre seit 1998, sondern schon die Zeit davor, die Zeit Helmut Kohls. Darin liegt zu-nächst kein Vorwurf. Ein amtierender Bundeskanzler stellt die Frage nach dem Geist seiner Partei nicht mit existentieller Begierde; er macht Politik. Ein Partei-vorsitzender, der zugleich Kanzler ist, lebt den Geist aus, den er hat, statt über ihn zu sinnen oder gar öffentlich räsonieren zu lassen. Die Frage nach dem Geist, der Richtung gibt, schafft Diskurs-Atmosphäre, setzt Zweifel frei, stellt zur Dis-position. Zum Regieren paßt das nicht so gut. Die angekündigte politisch-moralische Wende füllte nicht die Regierungserklärungen. Realisten verstehen das.

Die Frage nach Richtung und Sinngehalt einer Partei erhebt sich in der Grün-dungsphase vor der Macht, mit dem Verlust der Macht oder nach dem erfolglo-sen Versuch, die Macht zu erringen. Anfangs ist die Freiheit am größten – 1945 entstand die CDU aus regionalen, zunächst nur lose verbundenen Partei-Gründungen. Ist eine Partei zur Macht-Reife gelangt, entsteht Reformbedarf wie nach den Wahlen von 1969 und 1972. Er markierte für die CDU den Übergang von der Adenauer- zur Kohl-Ära. Ich kann mich erinnern, daß auf den Parteitagen jener Zeit die CDU-Reformer von Weizsäcker und Kraske untergehakt die Säle durchmaßen und jedem Ungläubigen, den sie zu entdecken wähnten, erklärten, was nun anders zu werden habe. Sie ließen nichts aus, aber von der Christlichkeit der Partei war nicht die Rede.

Nach der Wahlniederlage 1998 war die Atmosphäre anders. Helmut Kohl wurde Ehrenvorsitzender, Schäuble trat an seine Stelle, und die rot-grüne Regierung machte so viele Fehler, daß der Opposition die Zeit zu vertiefter Selbstbetrach-tung nicht blieb. Noch im Sommer 1999 glaubte man, Rot-Grün sei nur ein Zwi-schenspiel, jedenfalls ein Laienspiel. Bestätigung boten die sieben Landtagswah-len des Jahres. Hessen und Saarland fielen an die CDU; in Brandenburg, Thürin-gen, Sachsen und Berlin erlitten die SPD schwere Verluste; selbst in Bremen hielt sich die Große Koalition. Die Lage änderte sich grundlegend erst mit dem Geld-Koffer des Herrn Leisler-Kiep im November. Von da an stand der Partei-Diskurs unter dem Thema „Macht, Geld und Glaubwürdigkeit“, was unvermeid-lich war, zugleich aber vom Zentralthema der Geist-Befindlichkeit ablenkte.

Die Frage nach Geist und Richtung einer Partei ist zudem keine autonome Frage. Demokratische Parteien gleichen Wasserpflanzen. Sie leben im Liquidum von Gesellschaften, bewerben sich um Zustimmung und Stimmen. Sie haben einen „Tropismus“, neigen die Blütenkelche zur Sonne der Zustimmung. Sie finden einen bestimmten Geist vor, mit dem sie umgehen müssen. Parteien an der Macht können Staat und Gesellschaft im Doppelrahmen der Verfassung und des Volkswillens beeinflussen. Umgekehrt, werden aber auch sie beeinflußt. Man muß sich dies vor Augen halten, um von Parteien nicht zu viel zu erwarten. Sie sind immer beides: Gruppierungen eigenen Willens und des sie umgebenden volonté de tous.

Lassen Sie mich das kurz am Beispiel des Zentrums beschreiben, einer Weltan-schauungspartei unter den Weltanschauungsparteien des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Zentrum nannte sich die katholische Fraktion im preußi-schen Landtag seit 1858. Unter dem Eindruck der protestantisch bestimmten Reichsgründung und unter dem Druck des Kulturkampfes entstand der organi-sierte politische Katholizismus. Er besaß einen festen Anteil am Gemeinwillen im Reich. Mit Fistelstimme mochte Bismarck im Reichstag den Zentrumsführer, Ludwig Windthorst, als „Perle von Meppen“ verspotten – ein breites gesell-schaftliches Fundament gab der Partei Stärke und Einfluß, seit 1900 sogar den Rang einer Regierungspartei. Windthorst unterstützte Bismarcks Sozialpolitik. Im Weltkrieg verfocht das Zentrum den Siegfrieden, nach 1917, als es im Volk unruhig wurde, den Verständigungsfrieden. Zuerst konstitutionell-monarchistisch, wurde die Partei Mitautor der republikanischen Weimarer Verfassung. Sie trat für Erfüllungspolitik im Sinne des Versailler Vertrages ein, später für die Revision des Vertrags. Am Ende wanderte das Zentrum nach rechts, stimmte 1933 für das Ermächtigungsgesetz, um 1945 als linksorientierte Partei mit Schwerpunkt NRW neu zu erstehen. Sie erkennen mühelos die Abhängigkeit von den vorrangigen gesellschaftlichen Strömungen, vom obwaltenden Macht- und Zeitgeist.

Um die CDU heute zu verstehen, müssen wir sie ebenfalls von ihren Ursprüngen her betrachten. Der konfessionelle Unionsgedanke im Rheinland stand dem pro-testantischen ,,christlichen Sozialismus'“ der CDU in Berlin und der sowjeti-schen Besatzungszone unter Andreas Hermes und Jakob Kaiser sowie nationa-len, konservativen Strömungen, verteilt über das ehemalige Reich, gegenüber. Die Prägung war also partiell christlich, weitgehend katholisch im Bereich der bayerischen CSU. Unter der christlichen Bezeichnung sammelten sich Kräfte unterschiedlicher Herkunft. Auch unterschiedlichen Schicksals, denken wir an die Unterwerfung der Zonen-CDU durch die SED. Die innerhalb der westlichen CDU hegemoniale rheinische Union wandte sich vom anti-kapitalistischen Ah-lener Programm von 1947, das aus den Sozial-Enzykliken der Päpste schöpfte, Ludwig Erhards Konzept der Marktwirtschaft zu, die soziale und liberale Inter-pretation zuließ. Adenauers CDU, die als Organisation zunächst ein Schattenda-sein führte, bezog ihre hohe integrative Kraft aus dem Erfolg der Regierungspolitik. Ob die Gesellschaft wirklich christlich war, erschien nach dem Massen-Nationalsozialismus eher zweifelhaft. Die Kirchen hatten das Desaster des Reichs als intakte Institutionen überlebt, waren also Kräfte vor dem suspen-dierten Staat und vor dem Grundgesetz. Hitler hatte das Reich vernichtet, zum völligen Umsturz der Gesellschaft fehlte ihm die Zeit.

Die Berufung auf Gott im Grundgesetz, die Berufung auf das Christentum im CDU-Programm, die Berufung selbst des Godesberger Programms der SPD auf das Christentum als eine der Quellen des „demokratischen Sozialismus“ (neben Humanismus und Aufklärung) zeigte die geistige Grundierung der Bundesrepu-blik an, die sich als Widerlager des atheistischen Kommunismus und der bol-schewistischen Politik einerseits und des eher calvinistischen liberalen Man-chestertums andererseits empfand. Der „rheinische Kapitalismus“ suchte soziale Legitimation. Hinzu kamen Vorstellungen eines christlichen Abendlandes bei den französisch-italienisch-deutschen Anfängen der Europa-Politik. CDU/CSU bekannten sich zu den „festen sozialen Lebensformen“ Ehe, Familie, Staat, Kir-che, und Adenauers Erfolg beruhte nicht zuletzt auf seiner patriarchalischen Vaterfigur, nachdem der Nationalsozialismus Züge einer rabiaten Jugendrevolte aufgewiesen hatte.

Im Unterschied zur Schumacher-SPD war die CDU nicht nationalistisch; sie nahm aber nationale und nationalsozialistische Teile der Gesellschaft in sich auf, um sie einzuschmelzen. Das gehörte zur erweiterten Unions-Idee der CDU, die sich erst mit den stupenden Wahlerfolgen von 1963 und 1957 zur breiten Volks-partei auswuchs, und, nochmals später, unter Kohl, zur großen pluralistischen Mitgliederpartei. Adenauer hielt Distanz zur Amtskirche und riet dem aus dem Zentrum herbeigestürmten Katholiken Rainer Barzel, es mit dem „Hohen C“ nicht zu übertreiben. Es ist keine untypische Anekdote, daß er sich von Barzel das Dogma von der leiblichen Auffahrt Mariens in den Himmel erklären ließ. Dabei habe, so Barzel, sein Gesicht die größte Annäherung an das Antlitz des Hunkpapa-Sioux-Häuptlings Sitting Bull erreicht. Als er 1967 starb, war die CDU vom wohltemperierten Biotop zum Haifischbecken geworden. Taktische Satrapien, personale Machtpolitik überlagerten die christliche Integrations- und Unionsidee. Der Pluralismus hatte in den Geistern gesiegt.

Soviel Christentum wie möglich, soviel Offenheit wie nötig – ich glaube, man kann den Geist der Union auf diese Formel bringen. Wobei zu untersuchen wäre, ob und wann diese beiden Maximen zueinander in Widerspruch traten. Die Ent-wicklung des religiösen und kirchlichen Lebens in Deutschland lieferte, wie wir gesehen haben, für Zentrum und CDU/CSU entscheidende Daten. Das Zentrum konnte sich auf einen sozialen, den Einfluß des protestantischen preußischen Staates aktiv begrenzenden politischen Katholizismus stützen, auf eine überregi-onale Volksbewegung mit konfessionsbedingt regionalen Schwerpunkten vor-wiegend im Süden und Westen. In der CDU/CSU spielte die aus Weimar und Drittem Reich erwachsene Unions-Idee – politische Ökumene unter dem Leit-stern des christlichen Menschenbildes – eine maßgebende Rolle. Hier entspringt bis heute die Quelle des christlich-demokratischen Gedankens, doch sprudelt sie weniger stark, bildet weniger Strom und Strömung. Wir beobachten eine „Flußschwinde“, die einerseits im generellen Wandel des Kulturklimas seit dem Ende der fünfziger Jahre, andererseits im Zwang der Volkspartei begründet ist, bei der Mehrheitsfindung dem Zeitgeistigen, eben jenem gewandelten Kulturklima, Referenz zu erweisen.

Ich möchte mich jetzt nicht in Betrachtungen über den kulturellen Wende-Gehalt der 60er bis 80er Jahre vertiefen, sondern zunächst die Frage stellen, woher es kommt, daß die Ära Kohl, die zahlreiche Erfolgsmerkmale aufweist, seit den März-Wahlen 1983 von einer kontinuierlichen Abnahme der Union begleitet ist. Man braucht nicht Bayer zu sein, um hervorzuheben, daß ausweislich der Wahl-analysen die CDU-Ergebnisse abgemagert sind, während die CSU in dem beson-deren Kulturklima Bayerns den entscheidenden Beitrag zur Regierungsfähigkeit 1990 und 1994 und zuletzt zur knapp verfehlten Regierungsfähigkeit 2002 leiste-te.

Sehen wir uns die Ergebnisfolge einmal an: 1983 erreichten CDU/CSU 48,8 Prozent; 1987 44,3; 1990, bei den Wiedervereinigungswahlen, 43,8; 1994 41,4; 1998 35,2 Prozent. Der Abwärtstrend wurde 2002 mit dem Ergebnis von 38,5 Prozent erstmals seit 19 Jahren gestoppt. Allerdings nicht dank der CDU, die gegenüber 1998 nur um 1,1 Prozentpunkte von 28,4 auf 29,5 zunahm, sondern dank des Sprungs der CSU von 6,7 Prozent Anteil am Gesamtergebnis von 1998 auf 9,0 Prozent.

Die CDU hat zwischen 1983 und 1998 9,8 Prozent Wähleranteil verloren – von 38,2 auf 28,4. Im Wahlgebiet Ost seit 1990 sage und schreibe 14,5 Prozent. Die CSU erreichte 1983 bei Beginn der Ära Kohl 10,3 Prozent am Gesamtwahler-gebnis, 1987 9,8, nach der Wiedervereinigung 1990 7,1, 1994 7,3, 1998 6,7 Prozent und 2002, wie erwähnt, 9,0 Prozent. Sie blieb, berücksichtigt man die Ausweitung des Wahlgebiets um die neuen Bundesländer, stabil, während die CDU trotz Ausweitung ihres Wahlgebiets ständig abnahm und zwar, wie die Wahlstatistik zeigt, nicht nur im Osten. Ohne den kräftigen Beitrag der CSU hätte Helmut Kohl 1994 die Mehrheit angesichts der CDU-Einbußen und der auf 6,9 Prozent zurückgefallenen FDP verloren.

Der oft zitierte „Verschleiß“ in der langjährigen Ära Kohl kann den kontinuierli-chen Sinkflug der CDU nicht erklären. Die Person des Alt-Kanzlers auch nicht – man sollte sich von einfachen Klischees lösen. Auch die angebliche „Reformun-fähigkeit“ der Unions-Regierung bietet keine Begründung. Tatsache ist nämlich, daß Regierung und Koalitionsparteien nach 1994 ernsthafte, wenn auch späte Ansätze machten, Steuer-, Renten- und Standortprobleme des durch Struktur-verwerfungen und den Groß-Transfer Ost teuer gewordenen Deutschlands zu lösen. Von anderen wird die „soziale Kälte“ für das Wahlergebnis 1998 verant-wortlich gemacht, der sogenannte Sozialabbau, den Kohl und sein Inspirator Olaf Henkel im Sinne gehabt hätten. Den widersprüchlichen Deutungen kann man nur entgehen, wenn man die abnehmenden Wahlerträge auf eine andere Begrün-dungsebene projiziert, die in der pragmatischen Partei-Diskussion über Frauen- und Männeranteile, städtische und ländliche Wähler, Ost und West, Verdrossen-heit und Volatilität nicht aufscheint.

Christoph Böhr erklärte in der eingangs zitierten Stellungnahme, wertgebundene Politik sei nicht einfach zu vermitteln, wenn immer mehr Menschen einem „Le-bensgefühl der Ungebundenheit“ folgten. Wir wissen, was er meint – er meint das rissig gewordene kulturelle Kontinuum der Sinnbindung von Familie und Schule bis zu Medien und Gesetzgeber. Die christliche Sinnbindung ist porös geworden. Jeder sechste Deutsche gehört keiner Kirche mehr an. Die Zahl derje-nigen, die trotz Kirchenzugehörigkeit nicht mehr religiös zu nennen sind, kann wegen der Intimität des Geschehens statistisch nicht erfaßt werden, ist aber nach der Erfahrung hoch. Erfaßbar ist jedoch das Ansehen der Kirchen, neben der Familie die älteste Sinnvermittlungs-Institution. Während die Kirchen nach einer Erhebung des Davoser World Economic Forum in der Skala des Vertrauens international den vierten Platz einnehmen, rangieren sie in Deutschland an 17. Stelle. Man kann dieses Ergebnis anzweifeln, doch ist, wie Renate Köcher von Allensbach vor der EKD-Synode in Travemünde ausführte, das gesellschaftliche Interesse an Sinnfragen, Religion, Ethik in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken. Einen drastischen Schub erfuhr dieses Entwicklung durch die neuen Bundesländer. Dort gehören 75 Prozent der Bürger keiner Kirche an. DIE WELT zitierte am 12. November 2002 den Politikwissenschaftler Martin Sterr mit der Feststellung, Deutschland sei mit der Vereinigung nicht protestantischer, sondern konfessionsloser geworden. Da ist es nicht verwunderlich, daß Gerhard Schrö-der in seiner Regierungserklärung die Kirchen und ihre unbestreitbaren sozialen Leistungen keiner Erwähnung würdigte. Er hat das Gefühl, er brauche das nicht mehr zu tun.

Einige Stichworte genügen, um zu charakterisieren, in welchem neuen kulturel-len Umfeld die Union das „C“ zu vertreten hat.

In der Diskussion um die Sterbehilfe spielt das Wort „Menschenwürde“ eine Rolle. Aber in welchem Sinne? Nicht im Sinne der Unantastbarkeit des Lebens, sondern zur Legitimation seiner vorzeitigen Beendigung. Damit ist die Frage der Gerätemedizin, die einfach „unter Strom hält“, nicht beantwortet, aber es steht fest, daß dem Begriff „Menschenwürde“ eine neue, seinem bisherigen Gehalt entgegengesetzte Bedeutung implantiert wurde.

Frau Köcher stellte aufgrund ihrer Erhebungen fest, daß die Mehrheit der reprä-sentativ Befragten den „machbaren“ technisch-wissenschaftlichen Fortschritt gegenüber „grüblerischen Zweifeln“ den Vorrang einräumt. Wenn also dem Men-schen per Abtreibung sozial geholfen, durch Bio-Technologie nicht nur Schlim-mes erspart, sondern gesundheitliches Gut gesichert werden kann, entsteht in unserem kulturellen Umfeld eine Legitimation, die zur Gesetzes-Legalität drängt. Wer dem nicht folgt, besitzt nach dieser Logik kein soziales und kein dem „pur-suit of happiness“ als Wert verpflichtetes Gewissen. Bei diesem Beispiel geht es also um Wesen und Inhalt des Gewissens. Gewissen wird wesentlich gleichge-setzt mit sozialer Übereinkunft, ist weder individuell noch frei, sondern inhalt-lich ein Seismograph für Verstöße gegen kollektive Sozialverpflichtung und kollektives Sozialverhalten.

In der Erziehungsfrage wird Umdeutung zur „Revolution“. Der neue SPD-Generalsekretär Olaf Scholz erklärte Anfang November im Deutschlandfunk: ,,Wir haben weniger Ganztagsbetreuung und auch nicht genügend Betreuungs-möglichkeiten im Krippenbereich. Wir wollen da eine kulturelle Revolution erreichen, daß Deutschland auf das gleiche Niveau kommt wie anderswo“, um hinzuzufügen: „Und vielleicht kann man das so sagen: Wir wollen die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern.“

Ich vermag letztlich nicht zu entscheiden, ob Scholz dem Sprachbild Heiner Geißlers von der „Lufthoheit über den Stammtischen“ verfiel oder dem kommu-nistischen Manifest von 1848, wo es heißt, die „Familie des Bourgeois fällt na-türlich weg ... an die Stelle der häuslichen Erziehung (setzen wir) die gesell-schaftliche“. Sicher weiß ich nur, daß es sich bei der Staatshand auf Krippen, Schulen und Ganztagsbetreuung um „DDR-light“ handelt. Und ich kann mir denken, daß das von Familienministerin Renate Schmid in Anschlag gebrachten Schulfach „Familienkunde“ wie auch das in Brandenburg für die Sekundarstufe geplante Fach „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (LER) gesellschaftspo-litische Inhalte aufweisen wird, die elementare Wahlerziehung betreffen, mehr noch, dem Subsidiaritätsprinzip zuwiderlaufen, mehr noch, den parteistaatlichen Bürger zum Erziehungsziel haben.

Der Kern des deutschen, des europäischen Problems überhaupt ist der Mangel an Humankapital. Wir stehen inmitten eines demographischen Desasters, das Un-tergang, Überwanderung (Alexander Rüstow durfte noch von „Überwälzung“ sprechen), leere Räume im urwüchsigen Naturzustand, Armut und Revolten als Szenarien der Zukunft produziert: Deutschland überaltert, wie Japan, wie wahr-scheinlich auch China in 30 bis 50 Jahren. Der generative Genius der Völker schläfert sich wollüstig ein. Zwischen 2050 und 2100 werden die Menschen in einem nationalen Altersheim leben, in dem die Depression zu Hause ist, während die verbliebenen Jungen, als Zufallsgeburten zahlenmäßig und sozial in die Enge getrieben, Altenpogrome planen. Ich habe keine Lösung, weil ich an geldgeför-dertes Kinderkriegen nicht glaube, weil ich die gesellschaftliche Verweigerung für ein geistiges Phänomen halte, wie es Oswald Spengler beschrieben hat. Die aus dem Geist kommende Freude, mit Kindern zu leben, ihnen Zukunft zu schenken, hat einen Dämpfer erfahren, den zu begreifen ich ohne metaphysische und geschichtsphilosophischhe Kategorien nicht auskomme.

Es ist nicht so, als ob niemand darüber spräche oder schriebe. Im Gegenteil. Aber es war kein Thema des Wahlkampfs – wo man ja nicht nur polemisieren mußte, sondern die Öffentlichkeit auch für grundlegende Themen hätte interes-sieren können. Das demographische Problem spielte bei der Wahlentscheidung keine Rolle; in der „Liste der wichtigsten Themen“ stand es am unteren Rand. Keine Partei brachte es groß heraus, es sei denn in der Form populistischer „Kinderfreundlichkeit und Familienverbundenheit“, um der Union ein Wässer-chen abzugraben. Der Staat sorgt sich um die Lebenden. Deutschland ist schwach – das wissen wir. Um so stärker soll künftig der rot-grüne Parteistaat Deutschland sein. Das ist ein Kulturziel.

Daß die Bundesrepublik von förmlich überwundenen Parteistaaten „Betreuung“ der Kinder lernen soll, was ich „DDR-light“ nenne, ist leider kein Hirngespinst, sondern Plan. Die DDR lebt. In vielen Medien der neuen Bundesländer tobt ein Dschungelkampf. Klandestine Alt-Seilschaften ziehen Strippen, verformen Beg-riffe, setzen Journalisten unter Druck, veranlassen sie zur Selbstzensur, bedrohen sie förmlich. Schlagartig wird klar, welches Kulturklima sich zumindest in Tei-len der Republik zusammenbraut. Andere Medien, Magazine der Sendeanstalten, Zeitungen, last not least die CDU sollten diesen Dschungelkampf zum Gegens-tand investigativer Nachforschung machen. In dem seit September in Branden-burg gültigen Rahmenlehrplan für die Sekundarstufe kommt der 17. Juni 1953 nicht mehr vor. Im alten Lehrplan war, wie die FAZ im November berichtete, über den Tag, der in der Alt-Republik als Feiertag begangen wurde, zu lesen: „Arbeiteraufstand oder Westprovokation“? Übrigens wurde nach demselben Bericht aus dem neuen Rahmenlehrplan für Mathematik erst auf Proteste hin das Beispiel „herausgenommen“, daß Schüler der 7. und 8. Klasse ihre „Ausgaben und Einkünfte“ an Rauschgiftkosten respektive Rauschgifthandel beschreiben sollten. Das ist nicht überall im Osten so. Die Lehrpläne in Thüringen und Sach-sen haben einen ganz anderen Tenor.

Kommen wir zu den Schlußfolgerungen. Die CDU operiert als politische Kraft in einem säkularisierten Umfeld. Das war seit ihrer Gründung nicht anders und weist nur darauf hin, wie viel Geistesenergie ihr abgefordert ist, um nicht einfach zum perfekten Ebenbild dieser Gesellschaft zu werden, sondern Konkurrenzbild zu bieten.

Im genauen Sinne des historischen Begriffs haben wir es heute nicht mit Säkula-risierung, sondern mit einer durchgreifenden Veränderung des Kulturklimas zu tun, mit einer aggressiven kulturellen Schubumkehr. Christliche Position mar-kiert Minderheit. Die Gesellschaft mutiert in einen anderen Geisteszustand. Sie verliert ihre Herkunft, die rituell in der Feiertagsordnung, reflexartig nur noch im Augenblick des Flugzeugunglücks oder des Prominenten-Todes aufscheint, wenn sich für einige Stunden Kirchen füllen.

Aggressive kulturelle Schubumkehr, ideologisch, politisch, machtmäßig manifestiert, führt zu nichts Gutem – so weit kann man wohl gehen. Die Leute wurden nicht gescheiter, das Leben nicht besser, das Recht nicht gerechter, die Sicherheit nicht sicherer.

Jede Kultur hat ein wesentliches Konstruktionselement. Die unsere hat das christliche; es manifestiert sich in tausend Bezügen und Regeln des persönlichen und des öffentlichen Lebens, in Sprache, Sprichwort, Lied, im Denken und Wir-ken – für den aufmerksamen Leser auch im Entwurf für eine europäische Verfas-sung, egal, ob die Präambel ausdrücklich darauf Bezug nehmen wird oder nicht. Ich spreche von einem elementaren, integrativen Zusammenhang, den man nicht ohne Einsturzgefahr auflösen kann. Fragen Sie mal einen Architekten, was pas-siert, wenn der Bauherr ihm aufgibt, den rechten Winkel auszuschließen.

Dennoch – ich bin nicht pessimistisch. Es gibt in der deutschen und europäi-schen, in der westlichen Gesellschaft insgesamt ein aktives, unabschreckbares Christentum. Ehrliches und auch solches à la Voltaire, der am Ende seines Le-bens nach den Sakramenten gerufen haben soll, „weil es sicherer“ sei. Das Seg-ment ist kleiner geworden. Für die CDU/CSU in Deutschland ist es entschei-dend, die christlichen Gehalte in Verfassung, Gesetzgebung und Politik zu erhal-ten. Die Union muß vielen vieles bieten, kann aber nicht allen alles sein wollen. Sie muß die Ratio des christlichen Konstruktionselements politisch behaupten.

Wie? Indem sich die Christen in der Union enger zusammenschließen. Gedank-lich und willentlich. Durch Netzwerke innerhalb der Partei und außerhalb. In den Ausschüssen, im Plenum, in der Öffentlichkeit. In der Argumentation, im Ver-halten, im Zeugnis. Bei Wahlen in der Partei, bei allgemeinen Wahlen. Als er-kennbare Gruppe, die sich integrativ, selbstbewußt mit Augenmaß verhält. Sie ist nicht die Fünfte Kolonne, sondern die Erste. Sie wird sich in der parteiinternen Auseinandersetzung und im Parlament nicht in jeder Sache durchsetzen können – greifen wir die Verfügbarkeit über das Leben in der Bio-Wissenschaft heraus. Sie wird sich aber in Fragen dieses Kalibers durch Klarheit gegenüber dem Par-teifreund, dem Gegner und der Mediengesellschaft identifizieren. Identifikation, nach den Regeln der Kunst betrieben, ist Werbung. Sie muß sich sachlich, hart-näckig und zugleich flott und sympathisch darstellen. Sie muß zeigen, daß der innovative Gründergeist in der CDU nicht verweht ist. Sie muß erlebbar machen, was Geist in der CDU ist, auf welchen Geist sie sich beruft.

Anmerkung

Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Verfasser beim Buß- und Bettagsgespräch des „Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg“ am 20. November 2002 im Maternushaus in Köln gehalten hat.

Dr. Herbert Kremp, Chefkorrespondent der WELT, vormals Chefredakteur RHEINISCHE POST und WELT, Korrespondent in China (1977-1981) und Brüssel, Nato und EU (1987-1992).

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