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Jahrgang 56
Nr. 2/2002 April
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Laster der Korruption - Tugend des Klüngels
„Überall gibt es jeweils eigentümliche Weisen der Korruption durch Privatinteressen. Das stillschweigende Wissen aller Beteiligten läßt sie bestehen. Bei der Publizität eines Falls wird Lärm gemacht, der bald wieder aufhört in dem dunklen Bewußtsein, nur ein Symptom getroffen zu haben. Keiner übernimmt wahrhaft Verantwortung; man hat die Haltung, nicht allein entscheiden zu können. Instanzen, Kontrollen, Kommissionsbeschlüsse - einer schiebt es auf den anderen.“ Diese Sätze mögen uns seltsam vertraut vorkommen und auf unsere Gegenwart bezogen. Sie stammen aber aus dem Jahr 1931 und finden sich in der berühmten kleinen Schrift von Karl Jaspers über „Die geistige Situation der Zeit“. Ein übler Nachgeschmack von Weimar verdirbt einem auch in der „Berliner Republik“ den politischen Appetit, liefert immer neue Alibis für „Politikverdrossenheit“ und ruft linke wie rechte Fanatiker auf den Plan, die sich als politische Saubermänner und -frauen aufspielen. Anders verhält sich katholisch-mediterrane Gelassenheit: Sie vermag es, sich sogar in einer zum Dauerzustand geronnenen Krise wohnlich einzurichten und ein gewisses Maß an Korruption für erträglicher zu halten als ein Übermaß an Korruptionsbekämpfung, das neue und noch schlimmere Gefahren heraufbeschwört. Diesmal hat es besonders die SPD erwischt. Daß so etwas gerade in den besten politischen Familien vorkommt, für die sich die Sozialdemokraten halten, hat etwas makaber Beruhigendes. Denn ihre heuchlerischen, an die CDU gerichteten Korruptionsvorwürfe fallen nun auf sie selber zurück. Hochmut kommt vor dem Fall. Dieser Rollenwechsel vom hochmütigen Ankläger zum gefallenen Angeklagten mag dann auch eine pädagogische Wirkung entfalten, die keine Moralpredigt erreicht. Wie zu Zeiten Jaspers bildet auch heute das, was als Korruption bezeichnet und beklagt wird, nur einen Bestandteil dessen, was als Gesamtkrisenbild der Gegenwart wahrgenommen wird. Korruption erscheint dabei lediglich als Symptom einer tiefergreifenden und umfassenderen Krise, deren Wurzeln nicht an der Oberfläche offenliegen und ohne weiteres empirisch greifbar sind. Das Ceterum censeo lautet zunächst: Wenn sich die religiöse Verankerung der allgemeinen Moral lockert, wird das Eigeninteresse oder der persönliche Nutzen zur morali-schen Norm erhoben. Dann scheint alles käuflich zu sein, sogar Bundesratsent-scheidungen. Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Bei dem Versuch, das schillernde Phänomen der zeitgenössischen Korruption bewertend zu analysieren und auch sozialstrategisch in den Griff zu bekommen, dürften historische Befunde besonders anregend sein, weil sie den realistischen Blick für Möglichkeiten und Machbarkeiten innerhalb bestimmter Epochen und Systeme schärfen und Vergleiche zwischen ihnen zulassen. Jede Zeit und Kultur scheint die ihr gemäße Form von Korruption hervorgebracht zu haben, was einen Theologen kaum erstaunen kann, der bereits in der menschlichen Natur Korruption am Werke sieht. Die natura corrupta des Menschen wird seit Paulus, den Kirchenvätern, besonders Augustinus, mit dem Sündenfall Adams (die Rolle der Eva tritt hier merkwürdigerweise zurück) in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Die Erbsündenlehre wurde in der frühscholastischen Theologie des Hugo von St. Viktor zu einem Lasterkatalog entfaltet, der sich bis heute zur Erhellung korruptiver Motivlagen bestens eignet und auch als Filmstoff schon Verwertung fand. Und zwar in dem amerikanischen Thriller „Seven“ von 1995, in dem die sieben Hauptlaster oder Todsünden nacheinander dramatisch aufgeführt werden: Hochmut, Neid, Zorn, Maßlosigkeit, Habsucht, Wollust und Trägheit. Die sozialethische Korruptionsproblematik läßt sich freilich nicht allein auf der Laster- und Tugendebene abhandeln. Bereits in den heiligen Schriften des Alten Testamentes sowie in vielen anderen Kulturzeugnissen werden bestechliche Richter und ungetreue Verwalter nicht nur moralisch kritisiert, sondern auch strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen. Antikorruptionsvorschriften sind vielfältig bezeugt, so die Strafbestimmungen in der Gesetzessammlung des Hammurapi. Berichte aus der ägyptischen Pharaonenzeit und des Konfuzius lassen auf eine weitverbreitete Praxis der Korruption schließen. Ähnliches gilt für die griechischen Stadtstaaten und das alte Rom. Auch das europäische Mittelalter ist voll von Korruption, aber auch reich an kritischen Reaktionen und Gegenbewegungen. 1396 wurde die als korrupt empfundene Adelsherrschaft in Köln beendet und durch eine demokratische Herrschaft der Handwerkerzünfte abgelöst. Das entsprechende Verfassungsdokument, der sogenannte Verbundbrief, enthält für die Übernahme eines Stadtratsmandats die strenge Bestimmung, keineswegs „irgendwelche Gabe, Geld, wertvollen Gegenstand, Lohn, Liebesgabe oder Geschenk“ in Empfang zu nehmen. Aus der Betrachtung von vornherein auszuschließen sind Phänomene wie Klüngel und Trinkgeld. Letzteres fällt schon wegen Geringfügigkeit aus dem Rahmen der Korruption heraus - und Trinkgeldzahlungen mit ihr gleichzustellen, liefe auf eine grobe Beleidigung körperlich hart arbeitender Menschen hinaus. Und was den Klüngel betrifft, so muß ein überzeugter Rheinländer in Solidarität mit dem Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff, der es ja wissen muß und deshalb ein kompetentes Büchlein darüber geschrieben hat, mit großer Entrüstung auch den entferntesten Verdacht zurückweisen, Klüngel habe auch nur annäherungsweise etwas mit Korruption zu tun. Denn Klüngel, speziell der Kölner, bewegt sich strikt im Rahmen der Legalität. Und er verfährt dabei lediglich nach dem Legi-timierungsprinzip der Freundschaft und des Vertrauens, das übersetzt lautet: „Wir kennen uns, wir helfen uns“. Das öffnet Türen, erleichtert Eingang und Umgang, beschleunigt den Fortgang einer Sache, vermeidet Umwege, verkürzt Dienstwege, bewirkt Verständigung. Kurzum: Die Tugend des Klüngels hilft, das Laster der Korruption zu vermeiden. Diese Tugend ist ökonomisch sinnvoll, denn mit ihr spart man Zeit und Geld. Darum glaubt der Kölner nicht, daß der Klüngel je ausstürbe. Eher glaubt er an einen Klüngel - auch nach dem Tode. Wolfgang Ockenfels |
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