Jahrgang 56
Nr. 2/2002 April
DIE NEUE ORDNUNG

Stefan Heid

Der Umgang der frühen Kirche mit Tyrannenmord



Zum Stand der Dinge

Die Diskussion um den wenig bekannten Hitlerattentäter Georg Elser, wie sie jüngst nicht nur in der Fachliteratur, sondern auch in der Presse zu verfolgen war, hat das Thema Tyrannenmord einmal neu nach oben gespült und in das Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit gehoben.1 Ist es – gar einem Christen – erlaubt, einen Tyrannen, d.h. einen Usurpator oder Schreckensherrscher2, als ultima ratio der Politik zu töten, zu morden? Tyrannenmord stellt je einen Not- und Sonderfall dar, in dem sich das Drama der Geschichte ungleich verdichtet. Wo sich das künftige Geschick unzähliger Menschen und Völker durch den Tod eines einzigen Menschen zu wenden scheint, stellen sich ganz neue Fragen an Akteure und Zuschauer und deren Moral. Es gibt viele Weisen, mit einem solchen Ereignis umzugehen: Die erinnernde Mahnung der Geschichtsschreibung ist die eine3, die reinigende Erschütterung des Dramas eine andere (man denke an Shakespeares „Julius Cäsar“, aber auch an Heinrich Manns Roman „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“4). Daß auch die Theologie ihre Meinung dazu gebildet hat, kann angesichts ihrer 2000jährigen Geschichte kaum überraschen. In unserem Zusammenhang interessiert die Frage, ob der Tyrannenmord auch schon Thema frühchristlicher Verkündigung und gar frühchristlicher Kunst ist.

Die spontane Reaktion geht doch wohl dahin zu meinen, der Tyrannenmord sei kein solch frühes Thema. Man erinnert sich an Paulus und den starken Einfluß, den sein Brief an die christliche Gemeinde Roms auf das frühchristliche Staatsdenken ausgeübt hat: „Ein jeder ordne sich der obrigkeitlichen Gewalt unter; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott ist. Die bestehenden (Gewalten) sind von Gott angeordnet. Wer sich daher der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes“ (Röm 13,1f). Damit liegt Paulus ganz auf der Linie des Jesuswortes an Pilatus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11). Tatsächlich entspricht es dem Ethos der Märtyrer, trotz notwendigen Widerstands – Paulus selbst stirbt im Rom des Tyrannen Nero den Zeugentod! – aktive Gewaltmaßnahmen gegen die Obrigkeit abzulehnen. So durfte also Widerstand gegen den Tyrannen allein passiv geschehen: Allein Gott gebührt die Rache (Ps 94(93),1).

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wenn die jüngere Forschung weithin annimmt, daß es in der frühen Kirche kein Nachdenken über den Tyrannenmord gegeben habe; in einschlägigen Lexika liest man darüber erst recht nichts. Gewiß, eine formalisierte „Lehre“, wie sie dann in der westlichen Scholastik seit den Ausführungen eines Johannes von Salisbury vorliegt, gibt es erst ab dem Mittelalter. Aber man darf doch einigermaßen erstaunt sein, daß die frühe Kirche, vor allem auch die Kirche des Ostens, keineswegs achtlos an diesem Thema vorübergeht. Ihr Nachdenken entzündet sich auf einem Feld, wo man es am wenigsten erwarten möchte, nämlich in der Heiligenlegende (Hagiographie), und das ist nicht einfach „Kinderkram“, sondern eine damals durchaus ernstgemeinte und einflußreiche Weise kirchlicher Verkündigung.

Tyrannenmord durch Nichtchristen

Natürlich wissen die frühen Christen ebenso wie ihre heidnischen Mitbürger, daß die „Tyrannoktonie“ bereits lange vor ihrer Zeit ausgiebig diskutiert wurde, was erst jüngst wieder angeheizt wurde durch die spektakuläre Ermordung Julius Cäsars (15. März 44 v.Chr.), die Cicero als heroische Tat der beiden tyrannoctoni Brutus und Cassius feiert. Euphorisch lobt Cicero, wie es ihm sein Staats- und Gerechtigkeitsbegriff gebietet, den Tyrannenmord als von allen herrlichen Taten die schönste. Solch markige Worte finden in den erregten Monaten nach Cäsars Ermordung Eingang in Ciceros „Pflichtenbuch“, eine Schrift von tiefgreifender Wirkung auf die christlichen Jahrhunderte. Das hier gebrauchte Wort „Tyrannoktonie“ heißt eigentlich „Tyrannentötung“, trägt also nicht schon die moralische Disqualifizierung des „Mordes“ ein. Die Kirchenväter nehmen die Tyrannentötung hin als keineswegs unmoralisches Faktum der paganen Geschichte, und diese pagane Geschichte reicht für sie im Grunde genommen bis zu Konstantin. Um die Loyalität der Christen hervorzukehren, weist Tertullian von Karthago († um 220) darauf hin, daß es immer Heiden und Römer waren, die die Kaiser gemordet haben, etwa ein Cassius den Cäsar. Deutlicher wird der Theologe Origenes von Alexandrien († 253) in seiner Schrift gegen den Heiden Kelsus, indem er rhetorisch fragt: „Würden nicht diejenigen richtig handeln, die heimliche Vereinbarungen treffen, um einen Tyrannen, der die Herrschaft im Staat usurpiert hat, zu töten?“ Zumindest der nichtchristlichen Gesellschaft konzediert Origenes also den Tyrannenmord als legitimes Mittel zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung. Laktanz († 325) in seinem Buch über die Todesarten der Christenverfolger bejubelt die gottgefügte Ermordung der Tyrannen Nero, Domitian und Maximinus Daja; nachweislich ermordet von fremder Hand wurde freilich nur ein Domitian.

Die Christen tun sich mit dem Thema Tyrannenmord verhältnismäßig leicht, weil sie um ihn auch als Teil jüdisch-biblischer Geschichte wissen. Der christliche Lehrer Klemens von Alexandrien († um 220) rühmt Judit, die mit Erlaubnis der Ältesten und unter Einsatz ihres Lebens den Tyrannen Holofernes seines Kopfes beraubt. Offenbar sieht Klemens hier in antiker Tradition einen legitimen Tyrannenmord vorliegen, wie er dann auch im selben Zusammenhang an die „klassischen“ Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton erinnert. Auch Ori-genes lobt die tapfere Judit. Ferner lobt Origenes Ehud, der „durch listige, aber doch lobenswerte Täuschung“ den moabitischen Tyrannen Eglon erstach (Ri 3,17/22). Origenes versäumt es nicht, auch die geschickte Ausführung der Tat zu erwähnen, denn Ehud war Linkshänder und hatte nur einen kurzen Dolch im Gewande, mit dem er den überaus feisten Eglon mit einem gezielten Stich nie-derzustrecken verstand.

Die frühe christliche Apologetik macht sich also mit einer gewissen Zurückhaltung die positive Bewertung des Tyrannenmords in der Antike einschließlich des Alten Testaments zunutze, ohne allerdings für sich selbst eine solche ultima ratio ins Kalkül zu ziehen. Mit dieser Linie knüpft sie im übrigen an die jüdische Apologetik eines Philo von Alexandrien und Flavius Josephus (1. Jh.) an. Stets bleiben die Christen der ersten Jahrhunderte nur Zuschauer, bestenfalls Profiteure solcher Attentate. Aufgrund ihrer (ähnlich den Juden) unsicheren gesellschaftlichen Stellung sehen sie keinen Anlaß, über einen Tyrannenmord durch Christenhand nachzudenken, auch wenn sie die Überzeugung haben, daß sich im Ende eines Tyrannen stets ein Gottesurteil ausspricht.

Tyrannenmord durch Christen

Zu einem neuen Nachdenken führt die ‚Konstantinische Wende‘, was angesichts der damit verbundenen Veränderungen im Verhältnis von Kirche und Gesellschaft nicht verwundern kann. Konstantin selber gibt den Anstoß, indem er den eindeutig negativ besetzten Begriff des Tyrannen in die politische Kampfpropaganda einführt: seine Gegner Maxentius und Licinius attackiert er als verabscheuungswürdige Tyrannen. Die Christen schmiegen sich diesem Gedanken insofern an, als der euphorische Anhänger des neuen Hoffnungsträgers Konstantin, der palästinische Bischof Eusebius von Cäsarea († 339), Christus selbst als „Ty-rannenmörder“ apostrophiert. Dabei denkt Eusebius zunächst an die Tyrannei des Teufels, den Christus getötet habe, wendet dies aber sogleich ins Politische: Denn der Teufel führt sein tyrannisches Regiment, indem er gewissermaßen gottlose Tyrannen wider die Christen anheuert. Damit wird also Christus indirekt auch als der Überwinder eines Diokletian, Maximian und Maxentius angespro-chen. Folgerichtig spricht Eusebius auch Kaiser Konstantin den Titel des „Ty-rannenmörders“ zu, insofern dieser die Tyrannei des Maxentius beendet habe. Der Tyrannenmord macht also Konstantin und Christus untrennbar zu Erlösungs- und Befreiungshelden. Solche Szenarien im Graubereich zwischen Politik und Theologie sind gefährlich, denn sie können sich verselbständigen. Schon bald melden sich erste Stimmen zu Wort, die den Tyrannenmord auch für Christen nicht ausschließen. Nur wären es jetzt getaufte Kaiser, die dem Tyrannenschwert zum Opfer fielen.

Tatsächlich thematisiert man den Fall der Apostasie des allerchristlichsten Herr-schers und spielt dabei auch mit dem Gedanken des Tyrannenmords. Zu nennen ist der lateinische Bischof Lucifer von Cagliari auf Sardinien († 370). Als radi-kaler Anhänger des Glaubensbekenntnisses von Nizäa steht er im erbitterten Widerspruch zur arianerfreundlichen Politik des Kaisers Constantius II. In sei-nen Exilsschriften polemisiert er hemmungslos gegen den Tyrannen Constantius. Dafür zieht er die alttestamentlichen Tyrannenmorde heran, um dem Kaiser entgegenzuhalten, daß er, lebte er im Alten Bund, ohne weiteres mit dem Schwert getötet werden könnte (vgl. 2 Kö 22f; Num 25,7f; 1 Makk 2,24/6). Das Gebot des Paulus, der Obrigkeit untertan zu sein, habe nämlich nur gegenüber der heidnischen Obrigkeit gegolten. Was Lucifer da so von sich gibt, ist nichts anderes als die – wenn auch maulheldenhafte – Drohung mit dem Tyrannenmord.

Eine solche Drohung gegen einen aus seiner Sicht apostatischen Kaiser mußte um so dringlicher werden, als wenig später Julian das Reichsszepter ergriff und offen als ‚Apostat‘ zum Heidentum zurückkehrte (361 bis 363). Kaiser Julian, obwohl getauft und christlich erzogen, wandte sich vom Christentum ab und versuchte im Rückwärtsgang, dem Heidentum seine alte Bedeutung wiedereinzuhauchen. Von den Christen war er deshalb nicht gut gelitten, war man doch überzeugt, daß er nach dem geplanten Persienfeldzug den Zimmermannsglauben auslöschen wollte. Die Bischöfe waren in höchster Alarmbereitschaft, so daß es ihnen wie ein Gottesurteil erscheinen mußte, daß Julian nur nach knappen drei Amtsjahren auf besagtem Feldzug im Schlachtengewühl starb, getroffen von einer Lanze. Man mühte sich nicht, seine Schadenfreude zu verbergen. Gregor von Nazianz († 390): „Der widerspenstige Tyrann wurde zur gerechten Strafe für seine Gottlosigkeit gestürzt.“ Daß hier die Fügung Gottes mitspielte, steht außer Diskussion. Bevor noch das Wort vom Tyrannenmord umgeht, gilt Julian den Christen als der Tyrann schlechthin, und das wahrscheinlich bereits zu Lebzeiten.

Bald aber spricht man offen von einem christlichen Mörder Julians: Die Heiden setzen ein solches Gerücht in die Welt, die Christen greifen es geschmeichelt auf. Der griechische Historiker des 5. Jahrhunderts Sozomenós schildert zunächst den Tod Julians; dabei hält er sich an das, was der heidnische Rhetor und Julianfreund Libanius von Antiochien notiert hat: In vollem Galopp näherte sich ein rätselhafter Reiter dem Kaiser und verwundete ihn mit seiner Lanze tödlich. Einige, so immer noch Libanius, erkannten in diesem Reiter einen Perser, andere einen Araber, wieder andere einen römischen Soldaten, der sich für die fatale Kriegstaktik des Kaisers rächen wollte. Sozomenós zitiert des weiteren die persönliche Meinung des Libanius zu diesem Vorfall: Einer der eigenen Soldaten habe Julian umgebracht. Libanius insinuiert christliche Täterschaft, da er den Christen aus religionspolitischen Gründen ein Attentat zutraut. Die Indizien bündeln sich dahingehend, daß jene anonyme Gestalt des lanzenführenden Reiters ein christlicher Soldat im Heer Julians gewesen sei.

Sozomenós schließt sich dieser Version an: Ja, Julian wurde womöglich von einem christlichen Soldaten gemordet, „da ja die Hellenen und alle Menschen bis heute die Tyrannenmörder von einst loben, weil sie sich für die Freiheit aller dem Tod ausgesetzt haben und bereitwillig den Bürgern, Verwandten und Freunden zur Seite standen. Zudem wird kaum jemand einen Menschen tadeln, der seine Tapferkeit in den Dienst Gottes und des von ihm erwünschten Gottesdienstes stellt.“ Auch ethisch trägt er keine Bedenken: Julian war ein Tyrann und starb als Tyrann, und sei es durch Christenhand. Schon Gregor von Nazianz hatte gesagt, wer immer Julian umgebracht habe, er habe eine „Heldentat“ vollbracht. Sozomenós nun führt für die Unbedenklichkeit des Tyrannenmords ein Traditionsargument an: Der Tyrannenmord zugunsten der Bürgerfreiheit wird seit Menschengedenken nicht nur von den Heiden (den Griechen), sondern auch von den Christen (nämlich allen Menschen) als eine lobenswerte Tat angesehen. Sozomenós übernimmt damit voll die antike Wertschätzung des Tyrannenmords.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich, daß auch im Westen die Meinung aufkam, es sei einem Christen erlaubt, einen apostatischen Tyrannen zu töten. Das könnte nämlich die ablehnende Haltung des Bischofs Augustinus von Hippo († 430) erklären, der in seinem „Gottesstaat“ sagt, selbst Tyrannen vom Schlage eines Nero, Domitian und Julian übten kraft göttlicher Vorsehung ihre Herrschaft aus. Einen Schriftbeweis bleibt Augustinus nicht schuldig: Es stehe so in den Sprichwörtern (Spr 8,15 Itala und LXX): „Durch mich regieren die Könige, und die Tyrannen beherrschen durch mich die Erde“, und man solle nicht meinen, hier seien mit „Tyrannen“ nach dem älteren Sprachgebrauch nur allgemein Herrscher und nicht vielmehr Gewaltherrscher angesprochen.

In der Zeit nach Konstantin ist also vereinzelten Stimmen zufolge der Tyrannenmord durch Christenhand sowohl im Osten als auch im Westen kein Tabu mehr, allerdings auch nicht mehr: Alle Äußerungen bleiben in einem irgendwie unverbindlichen, hypothetischen Raum. Man scheut vor der letzten Konsequenz zurück, hält aber an der aus der Antike überkommenen Legitimität des Tyrannenmords fest.

Tyrannenmord durch Heilige

Diese bislang wenig spektakulären Erörterungen erfahren eine überraschende Wendung. Der Tod des Tyrannen Julian beschäftigt nämlich die christlichen Gemüter so sehr, daß aus der Kolportage des Libanius ein Geflecht von Legenden erwächst, in dem einzelne Heilige, vor allem aber der hl. Soldat Merkurius, als Mörder Julians ausgelobt werden. Mit anderen Worten: Die frühe Kirche kennt und verehrt heilige Tyrannenmörder. Die Ausbildung der Merkuriuslegende wird man nicht erst dem Mittelalter zuweisen, wie dies die ältere Forschung (J. Bidez) noch tut, sondern bereits dem 5./6. Jahrhundert.5 Sie entsteht im kappadokischen Cäsarea, während andere Städte „ihren“ Heiligen eine Mitwirkung, und sei es auch nur durch das Gebet, beim Tod Julians zuschreiben. Die größte Popularität genießt freilich die Merkuriuslegende, die in Armenien, Syrien, Ägypten und im Westen Eingang findet und dabei so manche Modifikationen erfährt.

Demnach war Merkurius römischer Soldat, der in einer armenischen Kohorte unter Kaiser Decius diente und für seinen Glauben den Martertod bereit war zu erdulden. Sein Kult entwickelte sich vornehmlich im kappadokischen Cäsarea. Dort, wo er das Martyrium erlitten haben soll, erhob sich ein seit der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts bezeugtes Martyrium, d.h. ein ihm geweihtes Gotteshaus. Zu dieser Zeit wird dort die Merkuriuslegende bereits ausgebildet gewesen sein, in welcher es neben der Passio eine weitere Episode gibt. Darin wird geschildert, wie Merkurius auf göttlichen Befehl den Tyrannen Julian mit seiner Lanze mordet. Es handelt sich um ein postumes Wunder: Der bereits selige Merkurius steigt vom Himmel herab, um nochmals als berittener Soldat aufzutreten und seine Lanze zum Ziel zu führen. Das ganze wird der Öffentlichkeit bekannt durch einen entsprechenden Traum des hl. Bischofs Basilius von Cäsarea. Jener anonyme christliche Soldat, den bereits Libanius als Mörder Julians ausgemacht haben will, ist somit gefunden: der himmlische Heilige Merkurius.

Man kann sich fragen, ob damit die Ansätze der frühen Kirche, über Tyrannenmord durch Christenhand nachzudenken, nicht noch zweideutiger werden, ja geradezu der Sphäre menschlicher Verantwortlichkeit entrückt scheinen: Es sind nun nicht mehr Menschen aus Fleisch und Blut, sondern Heilige, die den Tyrannen töten. Der moderne Betrachter erkennt darin eine Verflüchtigung. Doch wird für einen in das frühchristliche Weltbild verwobenen Menschen die umgekehrte Sicht zutreffen: Die Legende schafft für ihn eine größere Realitätsdichte. Denn sichtlich erteilt Gott selbst den Tötungsauftrag an jemanden, der diesen Befehl dann sehr handwerklich auffaßt: Eigens steigt Merkurius auf die Erde herab und benutzt noch einmal seine blutige Lanze. Das Gewicht der Legende liegt auf der göttlichen Legitimierung des Tyrannenmörders; sie intendiert nicht, die Härte eines irdischen Attentats wegzunehmen. Und alle Autokraten müssen fortan mit einem auch kirchlich abgesegneten Tyrannenmord rechnen. So konnte die Merkuriuslegende als starkes Argument für einen religiös motivierten Tyrannenmord durch Christenhand gewertet werden. Tatsächlich zieht dann im 12. Jahrhundert Johannes von Salisbury, der erstmals in seinem Policraticus eine umfassende Lehre und sittliche Rechtfertigung des Tyrannenmords entwickelt, neben den alttestamentlichen Gestalten Merkurius als Kronzeugen heran: Wenn schon Gott Tyrannen tötet oder durch einen Heiligen töten läßt, wieso dann nicht auch der Mensch: „Bosheit wird stets vom Herrn bestraft, jedoch nutzt er zuweilen seine eigene, zuweilen des Menschen Waffe, um die Gottlosen zu züchtigen.“

Es zählt zu den Merkwürdigkeiten der Forschungsgeschichte, daß man diese scholastische Spur der Merkuriuslegende nie in die frühe Kirche zurückverfolgt hat. In der Kontroverse, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein an der protestantischen „Fabel“ entzündete, die Jesuiten seien Erfinder der Tyrannenmordlehre, haben die katholischen Apologeten alles darangesetzt, um nachzuweisen, daß die bedingte Erlaubtheit des Tyrannenmords längst vor den Jesuiten gelehrt wurde. Sie rekurrieren dabei stets auf den Scholasten Johannes von Salisbury. Aber nicht einmal die Jesuiten selbst kommen in dem Bemühen, ihren Orden reinzuwaschen, auf die Idee, die von Johannes zitierte Merkuriuslegende für älter als das Mittelalter zu halten;6 es fehlten hierzu wohl noch die wissenschaftlichen Voraussetzungen. Denn gewußt haben sie von der Legende, vielleicht mehr, als es ihnen lieb war: In der Hochblüte barocker Volkspädagogik haben die Jesuiten der Bluttat des Merkurius eine Reihe von Theaterstücken dediziert!7

Was Johannes von Salisbury für den Westen formuliert, das findet seine Entsprechung im Osten bei Nikephoros Gregoras († 1359). In seiner Eloge auf den hl. Merkurius geht er so weit zu sagen, daß es die höchste Auszeichnung für Merkurius bedeutete, den Tyrannen töten zu dürfen. Nur weil er als Christ und Soldat mehr als andere seine psychische – und das heißt doch auch: moralische – Kraft im Kampf gegen sichtbare wie unsichtbare Feinde bewiesen hatte, wurde er dieser Aufgabe gewürdigt. So erwarb er sich durch sein tyrannenmordendes Schwert neue Ehren, die sich dann im Lob der Gottesdienstgemeinde fortsetzen: „Wenn es schon Gnaden und hohen Lohn erwirkt, einen einzigen Menschen aus der Gottlosigkeit zum Glauben zu führen, übersteigt es dann nicht jede Art von Lob, alle ... von der Gottlosigkeit eines Tyrannen zu befreien?“ Hier wird der Tyrannenmord gewissermaßen zum edelsten Mittel der Glaubensverbreitung erhoben.

Eine solche Panegyrik ist zweifellos nicht unproblematisch. Sie kann als Ermächtigung zum Tyrannenmord aufgefaßt werden, ohne die notwendigen Differenzierungen einer solchen realen Möglichkeit zu liefern. Vielleicht zeichnet Nikephoros wie auch Johannes von Salisbury sein Bild so scharf, nicht weil er zu Mord und Verschwörung aufrufen möchte, sondern um den Herrschern und Machthabern seiner Zeit auf diese Art streng ins Gewissen zu reden. In jedem Fall ist das Thema der Tyrannei in Byzanz aufgrund des dortigen politischen Systems über die Jahrhunderte hinweg virulent. Nikephoros gibt auch die Hauptursache hierfür zu erkennen, nämlich die exzeptionelle Sakralität des byzantinischen Kaisertums, die die Absetzung eines zum Tyrannen mutierten Autokraten rechtfertigt. Da jeder Kaiser allein von Gottes Gnaden regiert, verwirkt er seine Vollmacht, sobald er dem orthodoxen Glauben zuwiderhandelt. Da also das Kaisertum nicht horizontal-dynastisch, sondern vertikal-theokratisch legitimiert ist, sind Umstürze und rasche Kaiserwechsel in Byzanz an der Tagesordnung.

Ehrung und Verehrung von Tyrannenmördern

Auf das alte Griechenland geht die Tradition zurück, Tyrannenmördern kraft Gesetzes öffentliche Ehren zuteil werden zu lassen. So weit ging die Wertschätzung der Demokratie, daß man anfangs allein das Verdienst der Befreiung von einer Tyrannis der Ehre der Statuenerrichtung für wert befand. Angeblich haben die Athener sogar die flüchtigen Brutus und Cassius begeistert aufgenommen und ihnen Bronzestatuen errichtet. Noch in frühchristlicher Zeit werden Bilder heidnischer Tyrannenmörder öffentlich aufgestellt. Und ein byzantinischer Aristoteles-Kommentar bezeichnet den Tyrannenmord als Heldentat, die durch die Aufstellung von Stelen und Bildern zu würdigen sei.

Zu denken ist vor allem an die auch unter Christen nicht abreißende Erinnerung an die „Tyrannenmörder“ schlechthin: Harmodios und Aristogeiton. Sie sind die Protagonisten des berühmtesten Attentats der griechischen Geschichte. Obwohl ihr Anschlag im wesentlichen scheiterte, wurden die beiden als Befreier Athens und Stifter der Demokratie von Staats wegen geehrt. Eine Bronzegruppe besagter Tyrannenmörder (510 v. Chr.) ist „das erste Beispiel eines politischen Denkmals in Europa“ (H. Lamer/P. Kroh). Die ursprüngliche Gruppe ist zwar nicht erhalten, da sie vom Perserkönig Xerxes verschleppt wurde, wohl aber existieren im Nationalmuseum von Neapel und im Konservatorenpalast von Rom Kopien eines von Kritios und Nesiotes geschaffenen Ersatzdenkmals. Es wurde auf der Athener Agorá aufgestellt und erscheint öfters auf Münzen und Vasen dargestellt: zwei schwertbewehrte Männer im energischen Ausfallschritt, nackt und von athletischem Wuchs, der jüngere Harmodios bartlos, der ältere Aristogeiton bärtig. Der attackierte Tyrann selber, Hippias, ist nicht dargestellt.

Anfänglich üben die Christen an solchen Denkmälern Kritik; sie erkennen darin die Sittenverwirrung der Heiden, die die Christen als Gesetzesübertreter verfolgen, ihren Tyrannenmördern aber Ehrenmäler aufstellen. Einige Jahrhunderte später hat sich die Situation vollständig gewandelt. Nun kommt bei den Christen ganz Entsprechendes auf, und zwar gerade deshalb, weil ihre Tyrannenmörder Heilige waren, denen schon aufgrund ihrer Heiligkeit ehrendes Gedenken gebührte. Bereits die Merkuriuslegende selbst spricht im Kontext des Tyrannenmords von Ikonen, Fresken und Säulenbildern des Heiligen. Sie zeigt Merkurius als Reiter mit Lanze, ohne daß jedoch Julian dargestellt wäre. Die tatsächlich erhaltenen Buchillustrationen und Andachtsbilder gehen jedoch in der Regel weiter, indem sie den dramatischen Augenblick des Tyrannenmords selbst abbilden. Man darf annehmen, daß solche Bilder bereits im 6. Jahrhundert seit dem Aufkommen der entsprechenden Legenden im Osten verbreitet sind.

Die wohl älteste und zugleich herausragende Abbildung findet sich in der griechischen Handschrift 510 der Pariser Nationalbibliothek (um 881). Im oberen Register zeigt sie Julian zu Pferd auf seinem Feldzug nach Persien. Im mittleren Register betet Bischof Basilius von Cäsarea vor einer Kirche um den Tod Julians. Im unteren Register ist dann der Tod Julians dargestellt. Wir lesen dort: Julian, getötet durch den heiligen Merkurius. Der kurzbärtige, in eine Tunika gekleidete Merkurius galoppiert mit wehendem Schultermantel von rechts nach links. Er hat mit seiner Lanze Julian von dem herrenlos weiterreitenden Pferd gestoßen. Julian stürzt rücklings, die Beine und den linken Arm reckt er nach oben, sich auf dem rechten Ellebogen abstützend. Mit seinem linken Fuß scheint er im Steigbügel hängen geblieben zu sein. Die Lanze trifft den Tyrannen an seiner empfindlichsten Stelle, wo ihn sein Brustpanzer nicht schützt: an der Keh-le.

Ab dem 10. Jahrhundert häufen sich im Osten entsprechende Darstellungen. Merkurius begegnet in der religiösen Klein- wie auch Monumentalkunst der Griechen, Kopten und Nubier. Die Georgier machen hingegen ihren Nationalheiligen, den hl. Georg, zum Tyrannentöter. Anderenorts ist es ein Theodor. Solche wild wuchernden Übertragungen und Vermischungen sind der Preis für die große Popularität dieses Legendenstoffs. Jedesmal aber trifft der Heilige, stolz und wohlgerüstet auf einem prachtvollen Pferd paradierend oder galoppierend, eine zuweilen zwergenhaft kleine, hilflos zu Boden gegangene Gestalt und verwundet sie mit seiner Lanze tödlich im Gesicht oder im Bauch.

Zeitgeschichtliche Nachgedanken

Was bringt das alles für eine moderne Stellungnahme zum Tyrannenmord? Nimmt man die für den Westen bis heute wirksame Schere scholastischer Systematisierung aus dem Kopf, so besteht der Erkenntnisgewinn zunächst darin, daß sich die frühe Kirche sehr wohl Gedanken über den Tyrannenmord gemacht hat, aber auf eine Weise, die bislang weitgehend übersehen wurde, nämlich in der hagiographischen Literatur und Kunst, die in den Ostkirchen noch heute mittels der Liturgie von eminenter volkspädagogischer Bedeutung sind. Die moraltheologische Dimension der frühen Hagiographie und Homiletik ist allerdings nicht einmal ansatzweise erforscht, so daß der fatale Eindruck entstehen könnte, als existiere verbindliche Moral eher in lateinischen Handbüchern als in orthodoxer Glaubenspraxis. Aber die privat wie liturgisch verehrten Ikonen heiliger Tyrannenmörder bedeuten keineswegs Rückzug der Gläubigen in anbetende Passivität. Solche Ikonen sind jedenfalls mehr als bloße Bilder: Sie sind, wie es die Merkuriuslegende zuweilen ausdrücklich sagt, Träger von Gotteskraft, wirkmächtiges Medium göttlicher Präsenz und somit selber hochaktiv im tyrannenmordenden Geschehen.

Muß man sich nun betroffen darüber zeigen, daß die antike Belobigung des Tyrannenmords im christlichen Kleid der Heiligenlegende reüssiert? So sagt Max Lossen in seiner Festrede über den „Tyrannenmord in der christlichen Zeit“, gehalten in der königlich-bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München am 28. März 1894: „Die Meinung, daß es einem Christen jemals erlaubt sein könne, eigenmächtig einen Fürsten umzubringen, der sich widerrechtlich der Herrschaft bemächtigt hat, oder auch einen solchen, der eine rechtmäßig erlangte Herrschaft maßlos mißbraucht, – mit anderen Worten: die Meinung, der Tyrannenmord sei vereinbar mit der christlichen Sittenlehre –, wird jedem, der heute unbefangen die Schriften des Neuen Testamentes liest, geradezu als absurd erscheinen“.8 Der Redner zeigt des weiteren auf, wie trotzdem im Hohen Mittelalter Zeiten anbrechen, in denen sich die Mehrheit der Theologen und Politiker für die Erlaubtheit des Tyrannenmords ausspricht, wie er dann aber letztendlich „als eine geistige und sittliche Verirrung erkannt und verurteilt“ wird.9

Spätestens hier wird man Einspruch anmelden. Befreit man sich aus der allzu deutlichen Umklammerung eines Obrigkeitsdenkens, welches für das 19. Jahrhundert so bestimmend war,10 daß es sich wie Mehltau auf die Überlegungen der deutschen Widerstandsbewegung im „Dritten Reich“ gelegt hat,11 wird man angesichts des Attentats auf Hitler in der „Wolfsschanze“ am 20. Juli 1944 zu einer treffenderen Beurteilung des Tyrannenmords gelangen. Sicher, man wird über die Wege einer biblischen Rechtfertigung streiten. Man wird auch Respekt jenen entgegenbringen, die sich vor klaren Äußerungen scheuen; denn wir wissen etwa um aufrechte Katholiken, die für ihre bloß privat geäußerte Meinung zum Tyran-nenmord, von Roland Freisler ans Licht gezerrt, mit dem Leben bezahlt haben.12 Auf keinen Fall aber wird man den Attentätern des 20. Juli unterstellen können, sie hätten womöglich, um mit Lossen zu sprechen, in geistiger und sittlicher Verwirrung gehandelt; genau das Gegenteil ist der Fall. Von hier aus wird man dann auch mit anderen Augen auf die frühe, frühbyzantinische und frühmittelal-terliche Kirche schauen. Jedenfalls ginge es völlig am historischen Sachverhalt vorbei zu meinen, das blutige und oft genug tragische Geschäft des Tyrannen-mords, wie es die Antike kannte, sei kraft christlicher Moralveredelung sogleich aus der Welt geräumt worden, um erst im ‚finsteren‘ katholischen Mittelalter wieder hervorgeholt zu werden. Das Mittelalter hat vielmehr wie in so vielen Bereichen frühchristlich-frühbyzantinische Denkanstöße wiederentdeckt, aufge-griffen und für seine Zeit neuformuliert.

Angestoßen durch den „Fall Petit“ hat das Konzil von Konstanz lehramtlich zum Tyrannenmord Stellung bezogen. Sein Dekret Quilibet tyrannus aus dem Jahre 1415 verurteilt die Lehre einer uneingeschränkten Legitimität des Tyrannenmords, gleich also, unter welchen Umständen er sich gegen einen Usurpator oder Schreckensherrscher richtet: Als glaubens- und sittenwidrig habe mithin die Meinung zu gelten, es sei jedermanns Pflicht, jedweden Tyrannen auf jedwede Weise zu töten.13 Eine Generalerlaubnis für Tyrannenmord wäre in der Tat verheerend und moralisch unakzeptabel. Ein Attentat trägt keineswegs in sich selber jede moralische Legitimation, mit anderen Worten: Der Attentäter setzt sich nicht automatisch schon ins Recht, nur weil er einen Machthaber, den man als Tyrannen betrachtet, auf beliebige Weise zu Tode bringt.14 Vielmehr sind selbst unter den Umständen einer Tyrannis alle legalen Mittel und Wege zu klären und in Anspruch zu nehmen, bevor ein solcher Schritt als Akt öffentlicher Notwehr angezeigt sein kann. Konstanz vertritt mithin die allenfalls bedingte, nur in engsten Grenzen gegebene Erlaubtheit des Tyrannenmords, ohne freilich eine solche Option positiv zu formulieren.

Trotz ihrer begrifflichen Einschachtelung hat sich Konstanz angesichts des un-ausdenkbaren Tiefpunkts deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert bewährt. Dem widerspricht nicht die Analyse, die J. Fest zum 20. Juli gibt. Demnach sei der Entschluß zum Attentat angesichts seiner politischen Nutzlosigkeit letztlich eine Entscheidung „um jeden Preis“ gewesen, in der es nicht mehr um irgendwelche Abwägungen oder praktischen Zwecke ging: „Der Sinn des 20. Juli lag einzig in der Tat selber, sie trug ihre Rechtfertigung in sich“,15 oder in den Worten Hen-nings von Tresckow: „Coûte, que coûte.“16 Also doch absoluter Tyrannenmord? Keineswegs! Zum einen waren alle denkbaren unblutigen Möglichkeiten gegen Hitler bereits ausgereizt. Zum anderen wird sich der Blick weniger auf die Be-dingungen und Umstände des Attentats richten müssen. Denn soviel man auch über die Lauterkeit und den im höchsten Maße reflektierten und moralisch ge-rechtfertigten „langen Weg zum 20. Juli“ sagen kann, so liegt wahrscheinlich in den skrupulös bedachten Umständen nicht einmal die letzte Rechtfertigung des Attentats. Vielmehr muß ein Widerspruch zwischen Konstanz und dem 20. Juli im Tiefsten scheitern am ersten Wort des Konstanzer Dekrets, nämlich an jenem Quilibet: Hitler ist gerade nicht jeder Tyrann, sondern der eine, unerhörte „Voll-strecker des Bösen“ (H.-B. v. Haeftens)17, den zu töten die Edlen unternahmen.

Die Attentäter des 20. Juli hätten sich, wäre ihnen die frühkirchliche Literatur und Kunst bekannt gewesen, eher bestärkt denn entmutigt fühlen dürfen. Es gibt sogar einen Fall bemerkenswerter Aktualität des hl. Merkurius. Der wohl bedeu-tendste zeitgenössische Vertreter religiöser Kunst in Griechenland, Phótes Kóntoglou (1896-1965),18 fertigte nämlich im Jahre 1944 ein Fresko des Tyrannenmörders19. Es befindet sich in der Kirche Zoodóchos Pegé bei Athen, also bei jenem Ort, in dem das erste Tyrannenbild der europäischen Geschichte, die Figu-rengruppe des Harmodios und Aristogeiton, aufgestellt worden war. Die Ausma-lung der Kirche des „Himmelsquells“ stand, wie man annehmen darf, unter dem lebhaften Eindruck des von Partisanengefechten begleiteten Rückzugs deutscher Besatzungstruppen aus Griechenland, der sich bis zum 2. November 1944 hin-zog. Damit erhält das Fresko mit Blick auf den Tyrannen Hitler einen zeitge-schichtlichen Bezug und bestätigt die in der Ostkirche lebendige Überzeugung von der Kraft der Bilder. Der heilige Soldat Merkurius wird nämlich in verhalte-ner Weise als Tyrannenmörder vorgestellt mit einem Pfeil in der Hand, der gleichsam vom Himmel herab gegen jemanden auf der Erde gerichtet zu sein scheint. Darin folgt der Künstler dem syrischen Julianroman, welcher weiß, daß Merkurius einen von drei Pfeilen nahm, um den Tyrannen zu töten.20 Der Tyrann selbst ist, wie schon bei der antiken Figurengruppe, nicht in Szene gesetzt. Der orthodoxe Gläubige mußte die politische Brisanz des Freskos sofort erkennen, ein deutscher Besatzer hingegen, der sich in die Kirche verlaufen mochte, konnte davon nichts ahnen.

Anmerkungen

1) P. Steinbach/J. Tuchel (Hrsg.), Lexikon des Widerstandes 1933-1945 (München² 1998) 51f.; L. Fritze, in: F.A.Z., 14.1.2000, S. 58; R. Herzinger, in: Der Tagesspiegel, 16. 1. 2000, S. 27. Journalistisch und nicht immer kritisch genug H.G. Haasis, „Den Hitler jag’ ich in die Luft“. Der Attentäter Georg Elser (Berlin 1999), zu einigen kirchlichen Reakti-onen ebd. 60/3.

2) Man unterscheidet zwischen dem usurpatorischen tyrannus quoad titulum bzw. ex defectu tituli (ohne Amtsbefugnis) und dem gewissenlosen tyrannus quoad executionem bzw. ex parte exercitii (ungesetzliche Regierungsweise).

3) Zu den historischen Fällen von Tyrannenmord unter Absehung von theoretischer Reflexion siehe F.L. Ford, Political murder. From tyrannicide to terrorism (Cambridge, Mass./ London, GB 1985).

4) Vgl. den Klappentext der Fischer-Taschenbuchausgabe (19988): „Was hier makabre Groteske ist, wurde 40 Jahre später beim Untergang der Tyrannen des Nazistaates millionenfach vergrößerte Wirklichkeit. Heinrich Mann hatte eine Vorahnung von der äußersten Enthemmung tollwütig gemachter Kleinbürger“ (A. Kantorowicz).

5) T. Orlandi (Hrsg.), I miracula s. Mercurii. Testo Latino inedito da un manoscritto della Vallicelliana: Istituto Lombardo Accademia di Scienze e Lettere, Rendiconti Classe di Lettere e Scienze Morali e Storiche 101 (Milano 1967); T. Orlandi (Hrsg.), Studi Copti. Un encomio di Marco Evangelista. Le fonti copte della Storia dei Patriarchi di Alessandria. La leggenda di s. Mercurio = Testi e Documenti per lo Studio dell’Antichità 22 = Studi Copti 4 (Milano 1968); T. Orlandi/di Giuseppe Camaioni (Hrsg.), Passione e mira-coli di s. Mercurio = Testi e Documenti per lo Studio dell’Antichitá, Serie Copta 54 (Mi-lano 1976).

6) G. A. Deutsch, Die Jesuiten und ihre schändliche Moral, ihre „geheimen Instruktionen“, ihre Unterdrückung durch den Papst selbst, ihre scheußlichen Grundsätze: „Tyrannenmord“, „der Zweck heiligt die Mittel“ u.s.f. wahrheitsgetreu beleuchtet (Würzburg/ Wien 1891) 12/5; B. Duhr, Fesuiten-Fabeln. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte (Freiburg4 1904) 694/721. Den breiten außerjesuitischen Strom der Tyrannenmordlehre in der Geschichte siehe auch Dokument XVI. Die Lehre vom Tyrannenmord: Dokumente zur Geschichte, Beurtheilung und Vertheidigung der Gesellschaft Jesu. XIV-XVI. Dokument (Regensburg 1842).

7)E. M. Szarota (Hrsg.), Das Jesuitendrama im deutschen Sprachgebiet 2,1. Tugend- und Sündensystem (München 1980) 828f (Ingolstadt 1608); 841 (Wien 1635); 867 (Dillingen 1699); 873 (München 1708); K. Philip, Julianus Apostata in der deutschen Literatur = Stoff- und Motivgeschichte der Deutschen Literatur 3 (Berlin/Leipzig 1929) 41. Zuweilen wird auch Artemios als Julianmörder verhandelt. Zur Mercuriuslegende im vorjesuitischen Drama siehe H.-G. Nesselrath, Zur Wiederentdeckung von Julian Apostata in der Renaissance. Lorenzo de’ Medici und Ammianus Marcellinus: Antike und Abendland 38 (1992) 133/44, hier 137.

8) M. Lossen, Die Lehre vom Tyrannenmord in der christlichen Zeit = Schriften (Festreden) der bayerischen Akademie der Wissenschaften 1894 (München 1894) 5.

9) Ebd.

10) Vgl. U. Wilckens, Der Brief an die Römer (Röm 12-16) = Ev.-Kath. Kommentar zum Neuen Testament 6,3 (Neukirchen-Vluyn 1982) 60/3.

11) Vgl. J. Fest, Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli (Berlin 1997) 8. 325. 334.

12) Ehrendes Angedenken gebührt Ludwig Frhr. von Leonrod und Kaplan Hermann Joseph Wehrle; H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts 1/2 (Paderborn u. a.² 2000). Siehe auch Kardinal Josef Frings, Für die Menschen bestellt. Erinnerungen (Köln 1973) 38.

13) Denzinger Nr. 1235; W. Brandmüller, Das Konzil von Konstanz 1414-1418, 1 (Paderborn u. a. 1991) 371/87. Vgl. Lossen 19f. Hundert Jahre später bestätigt Papst Paul V. die Sentenz von Konstanz in seiner Konstitution Cura dominici gregis (Bullarum, diplomatum et privilegiorum sanctorum Romanorum pontificum Tauriensis editio² 12 (Augustae Taurinorum 1867) 296f).

14) Die moralischen Einwände, die allerdings L. Fritze (Leserbrief F.A.Z. vom 14.1.200, S. 58) gegen G. Elsers Attentat vom 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller erhebt und die auf heftigen Widerstand in der Presse gestoßen sind, müßte er konsequenterweise auch auf das Attentat vom 20. Juli 1944 in der „Wolfsschanze“ anwenden: Dort fanden acht Menschen (weitgehend Nazis) den Tod; also auch hier wurde der Tod mutmaßlich unschuldiger Menschen in Kauf genommen.

15) Fest, Staatsstreich 343.

16) Fest aaO. 240 zitiert die berühmte Äußerung Hennings von Tresckow im Sommer 1944: „Das Attentat auf Hitler muß erfolgen, coûte que coûte ... Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat.“

17) Fest, Staatsstreich 328.

18) Vgl. B. Moustakes, Art. Kontoglou Photes: Threskeutike kai Ethike Enkyklopaideia 7 (1965) 790/8; M. Prokurat u.a., Historical dictionary of the Orthodox Church = Religions, Philosophies and Movements 9 (Lanham, Md./London 1996) 189.

19) Abbildung nach Ph. Kontoglou, Ekphrasis tes orthodoxou eikonographias 2. Pinakes (Athen 1960) Abb. 194.

20) H. Gollancz, Julian the Apostate (Oxford / London 1928) 154. 197; Th. Nöldeke, Ueber den syrischen Roman von Kaiser Julian: Zeitschrift der Dt. Morgenländ. Gesell. 28 (1874) 263/92, hier 273. 286f. Vgl. P. Peeters, Un miracle des SS. Serge et Théodore et la vie de S. Basile dans Fauste de Byzance: An Boll 39 (1921) 79f.

PD Dr. Stefan Heid ist a.o. Professor am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom und Privatdozent für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der kath.-theol. Fakultät der Rheinischen Fried-rich-Wilhelms-Universität in Bonn.

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