Jahrgang 56
Nr. 2/2002 April
DIE NEUE ORDNUNG

Christoph Böhr

Ökonomische Ethik - Ethik der Ökonomie



Ethik hat derweil Konjunktur. Spätestens die neu entbrannte Diskussion über Gentechnik und Lebensschutz hat nicht nur die Unverzichtbarkeit ethischer Ori-entierung einer breiten Öffentlichkeit wieder bewußtgemacht, sondern auch

Nun liegt es in der Natur der Sache, daß der ethische Diskurs nie ein für allemal abgeschlossen werden kann, jedenfalls so lange nicht, wie die menschliche Ver-nunft sich der Spannung zwischen Sein und Sollen bewußt bleibt. Da ist es wohl-tuend, weit abgelegen von aller modischen Aufgeregtheit und jenseits politisier-ter Kommissionen auf einen Diskussionsbeitrag zu stoßen, der Grundfragen der Ethik nicht nur sachkundig aufgreift, sondern zudem auch auf eine gewinnbrin-gende Weise beleuchtet und zu einer weiterführenden Einsicht findet. Andreas Suchanek, ein junger Wissenschaftler aus der Schule Karl Homanns und selbst Dozent für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Katholischen Universität Eichstätt, hat jetzt eine „Ökonomische Ethik“ vorgelegt, die alle Beachtung ver-dient. Die Untersuchung

Andreas Suchanek, Ökonomische Ethik. J.C.B. Mohr (Uni-Taschenbuch 2195), Tübingen 2001.

zeigt

Suchanek beschreitet einen anderen Weg. Er unternimmt den Versuch, unsere moralischen Überzeugungen mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen, „und das bedeutet insbesondere: Moral nicht gegen das Eigeninteresse in Stellung zu bringen, sondern das Eigeninteresse in den Dienst der Moral zu nehmen“ (S. VIII).

An dieser Stelle soll der Verführung widerstanden werden, die lange Tradition eines der deutschen Philosophie liebsten Kindes auch nur anzudeuten: Kaum ein Satz ist im moralischen Empfinden der Deutschen so tief verwurzelt wie die Überzeugung von der prinzipiellen Entgegensetzung moralischer, also altruisti-scher Prinzipien einerseits, und egoistischer, also unmoralischer Prinzipien ande-rerseits. Nur am Rande sei bemerkt: Vielleicht fällt es uns bis heute so schwer zu begreifen, was Soziale Marktwirtschaft bedeutet, da diese Wirtschaftsordnung im Kern nichts anderes will, als Eigeninteresse und Gemeinnutz miteinander zu versöhnen.

Zurück zu Suchanek: Keinesfalls bestreitet der Autor, daß Eigeninteresse und Moral oft miteinander im Streit liegen. Eben hier, ausgehend von dieser Tatsa-che, setzt seine Reflexion ein: „Das Programm der ökonomischen Ethik lautet“: „Wann immer Konflikte zwischen Eigeninteresse und Moral auftreten, ist syste-matisch nach Wegen zu suchen, beides (wieder) miteinander verträglich

Wie kann das gelingen? Die Antwort ist einfacher, als zunächst erwartet: Men-schen müssen im eigenen Interesse in die Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil investieren. Suchanek nennt das die Goldene Regel der ökonomischen Ethik. Jeder Mensch ist ständig auf andere angewiesen, um seine eigenen Zwek-ke verwirklichen zu können. Es ist also sein ureigenes Interesse, die Grundlagen der Zusammenarbeit mit anderen zu pflegen. Mit anderen Worten: Wettbewerb und Zusammenarbeit sind keine gegensätzlichen Verhaltensmuster, sondern zwei Seiten einer Medaille. Von dieser

Das klingt simpel, ist es aber doch nicht. Und wie der Alltag zeigt, prägen oft Mißverständnisse mehr als Einsichten die öffentliche Diskussion. Mit einer Rei-he solcher Mißverständnisse sucht der Verfasser aufzuräumen

So richtig und wichtig diese Vorstellung ist, so beachtet Suchanek doch zu we-nig, daß auch diese Regeln, die in einer pluralistischen Gesellschaft Zusammen-halt herstellen und aufrechterhalten, nicht unabhängig von der Übereinstimmung in Wertüberzeugungen gesehen werden können. Dieser Einwand stellt jedoch keinesfalls das Programm einer ökonomischen Ethik in Frage, da diese sich eben gerade nicht im Streit über ausreichend mehrheitsfähige Wertvorstellungen auf-reiben will, sondern an den Anfang ihrer Überlegungen den Satz stellt: Die Men-schen müssen sich selbst und gemeinsam die Spielregeln ihres Zusammenlebens geben. (S. 19)

Individualethische Überlegungen mögen (und werden) dem vorangehen. Sie verdichten sich zu institutionenethischen Überlegungen, also Aussagen über die Spielregeln als Handlungsbedingungen, die gleichermaßen für mich selbst und für alle anderen gelten.

Die Ökonomik ist zu diesem Zeitpunkt schon längst im Spiel

Ökonomik und Ethik gehen damit eine Verbindung ein. Gemeinsam geht es ihnen um die Regeln menschlichen Austausches

Dieser Gedanke ist mehr als nur eine Erinnerung an Adam Smith. Die Besserstel-lung der anderen ist keine zufällig sich ergebende Nebenabsicht. Es geht auch nicht um die mit den eigenen Interessen zugleich mitverfolgte Absicht der Bes-serstellung einiger weniger anderer. Es geht um die Besserstellung aller in der Gesellschaft. Deshalb trägt die ökonomische Ethik ihren Namen zu Recht: Der ethische Impuls kommt darin zum Tragen, daß die Idee der Besserstellung uni-versalisiert wird. Anders, in den Worten des Autors formuliert: Regulative Idee der ökonomischen Ethik ist die Besserstellung aller. (S. 39)

Soweit die

Suchaneks Ethik hat ein Programm formuliert, das nicht nur aller Beachtung wert ist, sondern das auch die weitere Beschäftigung lohnt

Suchaneks ökonomische Ethik ist ein Buch, mit dem der Autor weitgehend Neu-land betritt und einen bisher nur in seinen Umrissen auf der Landkarte verzeich-neten Kontinent erkundet und erschließt. Von welchem Buch kann man das schon sagen? Deshalb sei der Hinweis gestattet: Wer sich mit Gesellschaftspoli-tik, mit politischen Handlungsblockaden und gesellschaftlichen Reformanreizen beschäftigt, ist gut beraten, Suchaneks Buch zur Hand zu nehmen.

Dr. Christoph Böhr ist Landesvorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz und Vor-sitzender der CDU-Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz.

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