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Jahrgang 56
Nr. 2/2002 April
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Bernd Kettern
Organisierte Caritas am Scheideweg? Gegenwärtig versucht eine Fülle von Veröffentlichungen die verschiedenen Span-nungsfelder zu ergründen, in denen die organisierte Caritas heute ihren Weg finden muß. Daß diese eher tastenden Versuche notwendig sind angesichts der aktuellen Herausforderungen dürfte kaum in Frage stehen; daß diese Bemühungen zu einer Annäherung der bislang eher unverbunden nebeneinander existierenden christli-chen Sozialethik und der verbandlich organisierten Caritas führen, darf bereits heute als sehr sinnvoll und bedeutsam gewertet werden. So gehört der Münsteraner Sozialethiker Karl Gabriel zu jenen Vertretern der christlichen Sozialethik, denen es ein Anliegen ist, die Kluft zwischen Sozialethik und verbandlicher Caritas all-mählich zu schließen. Zwei Studien hat er als Herausgeber bzw. Mitherausgeber betreut, die sich dem Thema in jüngster Zeit widmen. Das Reizvolle an diesen Bänden ist es, auf durchaus ähnlich gelagerte Schlußfolgerungen bei zum Teil sehr unterschiedlicher wissenschaftlicher Position der verschiedenen Autoren zu stoßen: Werner Krämer/Karl Gabriel/Norbert Zöller (Hg.), Neoliberalismus als Leit-bild für kirchliche Innovationsprozesse? Arbeitgeberin Kirche unter Markt-druck, Studien zur christlichen Gesellschaftsethik Bd. 3, LIT, Münster 2000, 232 S. Karl Gabriel (Hg.), Herausforderungen kirchlicher Wohlfahrtsverbände. Perspektiven im Spannungsfeld von Wertbindung, Ökonomie und Politik, Sozialwissenschaftliche Abhandlungen der Görres-Gesellschaft Bd. 25, Dun-cker & Humblot, Berlin 2001, 201 S. Innerhalb des Deutschen Caritasverbandes findet die These immer mehr Anhänger, daß die Konturen sozialpolitischen Handelns immer schwerer zu greifen sind. Vielleicht hängt dies nicht zuletzt an dem Umstand, daß eine tatsächliche Neube-sinnung auf die Zielsetzung der Sozialpolitik nach wie vor aussteht. Einzig die Kritik an der desolaten Verfaßtheit des Sozialstaates scheint ein Kontinuum in den verschiedenen Positionen darzustellen. Analysiert man scheinbar pragmatische Spardiskussionen näher, so die zentrale These des ersten Sammelbandes, erweisen sie sich zunehmend stärker orientiert an den Grundsätzen neoliberaler Gesell-schafts- und Wohlfahrtsreformen. Diese lauten: Der Sozialstaat ist unbezahlbar. Er verteilt zu großzügig Sozialleistungen. Er verschlingt zu viel für Sozialversiche-rungen, kassiert zu viel an Steuern. Er schädigt damit die unternehmerische Wert-schöpfung sowie die private zahlungsfähige Nachfrage. Die Therapie: Einzig durch die Verfolgung individueller bzw. einzelwirtschaftlicher Interessen sowie über deren Vermittlung durch anonyme Märkte ergebe sich ein gesellschaftliches Wohlstandsoptimum. Kirchliche sozial-caritative Arbeit habe sich deshalb den Notwen-digkeiten der Ökonomisierung des Sozialen anzupassen. Konsequenterweise seien die Marktgesetzlichkeiten in kirchlichen Einrichtungen zu beachten, eine Flexibili-sierung und Deregulierung der Arbeitsverhältnisse das Gebot der Stunde. Der Rezensent verhehlt nicht, daß die Beachtung elementarer volks- und betriebs-wirtschaftlicher Erkenntnisse zum alltäglichen Rüstzeug der beruflichen Praxis gehört. Sie sind zur sachgerechten Problemanalyse und Lösungsfindung unverzicht-bar. Die Gefahr besteht jedoch, daß Markt und Konkurrenz zum dominierenden Leitbild kirchlicher Reform- und Innovationsprozesse werden sollen, die der kom-plexen Wirklichkeit personennaher Dienste nicht gerecht werden. Darauf deutlich hinzuweisen gehört zu den Verdiensten von Gabriel und seinen Mitstreitern. Rudolf Hickel skizziert im ersten Sammelband die Grundposition des Neolibera-lismus als das gegenwärtig übermächtig wirkende Paradigma in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Deutlich unterscheidet er zwischen dem scheinbaren Vorbild Adam Smith und heutigen Ansätzen. Vollzog bei Smith 1776 das Marktmodell seine harmonisierende Gestaltungskraft in einem Klima der Sympathie und barg ausgesprochen emanzipatorische weil antifeudalistische Absichten in sich, so fehle solches heute völlig. Neoliberale Ansätze isolieren den „homo oeconomicus“ und lösen ihn aus seinen gesellschaftlichen Bezügen. Dabei handelt es „sich um die Fiktion eines letztlich hybriden und arroganten Individuums, das keines Schutzes durch politisch gesellschaftliche Vorgaben bedarf, weil es Probleme wie Arbeitslo-sigkeit, aber auch Einkommensschwäche aus eigener Kraft zu vermeiden bzw. zu überwinden weiß.“ (13 f.) Fehlentwicklungen werden ausschließlich durch das Instrument Markt gelöst. Gesellschaft und Politik werden aus ihrer Zuständigkeit für Korrekturen weitgehend entlassen. Der Neoliberalismus vertritt demzufolge konsequent ein Programm der Deregulierung, unterliegt jedoch nach Hickel dem Fehler einer vollständigen Überschätzung des Individuums bei der Lösung der bei diesem abgelagerten gesellschaftlichen Probleme. Hickel verkennt nicht die Reformbedürftigkeit des Sozialstaates, aber er benennt die gegenwärtigen „Bauarbeiten“ als radikalen Abbau und nicht als einen Umbau. Warum ist dieses neoliberale Paradigma für viele heute so attraktiv? Warum verlie-ren Werte wie gesellschaftliche Solidarität derart an Wertschätzung? Einerseits nutze der Neoliberalismus die berechtigte Sehnsucht des emanzipatorischen Libe-ralismus aus, die die individuelle Entscheidungssouveränität durch den Abbau von Abhängigkeit zur erlangen bzw. auszuweiten sucht. Andererseits täusche er über eher wachsende Abhängigkeiten hinweg. Diese vorhandenen Abhängigkeiten würden zum Spielball der Interessen. In verschiedenen Schritten versucht Hickel, das Versagen neoliberaler Modelle und Vorstellungen nachzuweisen, so etwa im Hinblick auf die Erklärung und Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit durch die Gegenstrategie einer Wiederbelebung von gesamtwirtschaftlichem Denken und Handeln hier erweist sich Hickel als Vertreter des Keynesianismus. Es gelte, die durch Märkte erzeugten zyklischen Krisen im Rahmen einer politischen Regulie-rung antizyklisch zu korrigieren. Dabei würde prinzipiell nicht die Bedeutung und Funktion von Märkten verkannt, sondern erzeugte Fehlentwicklungen durch politi-sche Gegenmaßnahmen therapiert und vermieden. Statt einer eisernen Finanzpoli-tik der Ausgabenkürzungen empfiehlt Hickel eine Agenda einer Beschäftigungspo-litik für Arbeit und Umwelt. Ziel sei es, nachhaltige Entwicklung zu konzipieren, die dem Abbau von Arbeitslosigkeit, der Schaffung von sozialer Gerechtigkeit sowie einer höheren Beachtung der ökologischen Zusammenhänge im Wirtschaf-ten diene. Die Herstellung sozialer und ökologischer Zukunftsfähigkeit sei das Leitbild, das es gegen eine Entfesselung der Marktkräfte zu entfalten gelte, wie es der Neoliberalismus favorisiere. Ob man Hickel in die Einzelheiten seines Reform-paketes folgen möchte, wäre eigens zu untersuchen. Der Intention des Bandes hätte es entsprochen, wenn der Autor zumindest angedeutet hätte, wo und wie Kirche in die Gefahr neoliberaler Deutungsmuster verfällt. Hier wird Friedhelm Hengsbach SJ deutlicher. Die Ökonomisierung des kirchli-chen Dienstes, wie sie sich fast als zwangsläufige Folge der Abhängigkeit von neoliberalen Gedankengängen ergebe, führe letztlich dazu, daß sich Kirche in einer Staats- und Marktfalle wiederfinde. Hengsbach spricht von einer „mutwilligen und fahrlässigen Demontage des Sozialstaates“ (35). Die caritativen, pädagogischen und medizinischen Einrichtungen der Kirche geraten „auch als Agenturen des Sozialstaates“ unter erheblichen Druck (36). Angesichts solcher Entwicklungen wird es für alle traditionellen Wohlfahrtsverbände, aber insbesondere für die kirchli-chen, zu einer unaufgebbaren Notwendigkeit, ein klares und unterscheidbares Profil zu gewinnen. Kritisch muß sich Kirche deshalb auch mit den betriebswirtschaft-lichen Steuerungsmodellen auseinandersetzen, die in der neuesten Entwicklung quasi als Allheilmittel vorgestellt werden. Im Zuge des neugefaßten § 93 BSHG wird sich die Finanzierung und Organisation von Diensten und Einrichtungen erheblich verändern. „Der Verwaltungsakt einer Gewährung von Zuwendungen ist abgelöst worden durch vertragliche Vereinbarungen, die den Austausch von Leistungen und Gegenleistungen präzise definieren. An die Stelle einer kostenbezoge-nen Zuwendungsfinanzierung sind differenzierte Vertragswerke getreten, die den Inhalt, den Umfang, die Qualität der Leistung sowie deren Vergütung einschließ-lich der Kontrolle ihrer Wirtschaftlichkeit und Qualität festlegen.“(40) Ein neues Management ist dienstleistungsorientiert, kundenfreundlich und quali-tätsbewußt. Diese Entwicklung wird im Zuge der Schaffung einer wünschenswer-ten Transparenz sozialer Arbeit durchaus von vielen Vertretern des Caritasverban-des begrüßt. Sie warnen jedoch davor, daß die Vorstellung neuer Steuerungstech-niken oft mit einer vagen und diffusen Begriffsverwendung einhergehe. Welche Bedeutung, welche Konturen erhält zum Beispiel in diesem Zusammenhang der Begriff der Qualität oder des Qualitätsmanagements? Wie wird die Qualität sozia-ler Arbeit hinreichend erfaßt? Die Inflation des Qualitätsbegriffes zeigt für viele Kritiker sehr deutlich auf, daß hinter den neuen Steuerungsmodellen konkrete Inhalte noch zu wenig faßbar sind. Oder wie verhält es sich mit der Einbeziehung der Mitarbeiterschaft in diese Veränderungsprozesse? Hengsbach verwendet in dieser Hinsicht viel Mühe darauf, die einheitliche Dienstgemeinschaft innerhalb des kirchlichen Dienstes zu erhalten, sein Beitrag liest sich in weiten Passagen als ein klares Plädoyer für den „Dritten Weg“. Er kritisiert in diesem Zusammenhang insbesondere Vorstellungen der sogenannten „großen Träger“, die einen Ausstieg aus den geltenden Arbeitsvertragsrichtlinien des Deutschen Caritasverbandes beab-sichtigen, ohne jedoch konkret zu benennen, was ihnen als neue Inhalte von ar-beitsvertraglichen Regelungen genau vorschwebt. Hengsbachs Ausführungen können als ein Plädoyer gegen die Schaffung eines Unternehmensverbandes gelesen werden, der an die Stelle des bisherigen freigemeinnützigen Caritasverbandes tritt. „Indem die großen überregionalen Träger sich am Markterfolg orientieren, sich im Wettbewerb mit anderen frei gemeinnützigen und den privat gewerblichen Anbie-tern behaupten, ihre Produktivität erhöhen, ihre Leistungen rationieren und die Arbeitsabläufe rationalisieren, vertiefen sie zum einen die Spaltung unter den Mit-arbeiterinnen und Mitarbeitern genau an der Nahtstelle zwischen dem privaten und öffentlichen Sektor, zwischen hoch qualifizierten und niedrig qualifizierten Mitar-beitern, die ausgelagert werden, und zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Zum anderen verdampft vor der ‚Diktatur des Rotstifts‘ sowie der Dominanz der Finanz- und Verwaltungsdirektoren die religiöse Dimension, die angeblich die Einheitlichkeit des kirchlichen Dienstes gewährleistet. Der Abstand zwischen dem kirchlichen Anspruch und der betriebswirtschaftlichen Kalkulation wird zunehmend größer, während man das religiös-soziale Engagement der Mitar-beiterinnen und Mitarbeiter als Ressource höherer Effizienz und Rentabilität uner-bittlich auszuschöpfen sucht.“(47) Hengsbach ist in dieser Einschätzung zuzustimmen, denn es liegt in der Automatik und Konsequenz einer Marktorientierung, daß dann bei der Neuorganisation kirch-licher Dienste nicht-marktfähige Bereiche zunehmend an Bedeutung verlieren müssen und in den Hintergrund treten. Die „großen Träger“ dürften mittlerweile das gefährliche Spaltungspotential ihrer „Caritas I“- und „Caritas II“-Modelle erkannt haben (vgl. die entsprechende innerverbandliche Diskussion in: neue caritas 101/2000 bzw. 102/2001). Hengsbachs Vorschläge zur Überwindung dieser Staats- und Marktfalle gipfeln in einer Neubewertung des religiös-sozialen Enga-gements im Rahmen der christlichen Caritas, in einer Ethik der Beteiligung des Interessensausgleichs sowie in einer Ethik der Wertschöpfung personennaher Dienste. Insbesondere der letzte Begriff scheint dem Rezensenten geeignet, die Diskussion über die Neuorientierung der organisierten christlichen Caritas voran-zubringen. Gilt es doch, auf diese Weise nicht nur sprachlich und begrifflich eine Abgrenzung zu finden, die die Anderswertigkeit des sozialen Beratungs- und Hil-fegeschehens prägnant benennt. Selbstverständlich muß der Deutsche Caritasver-band auch unternehmerische Aspekte beachten, da er sich in der professionellen Führung der Dienste und Einrichtungen marktwirtschaftlichen Grundgegebenhei-ten nicht entziehen kann. Dennoch bedeutet dies nicht, daß er zugunsten einer zunehmenden Marktorientierung seine Identität als eine der christlichen Nächsten-liebe verpflichtete Institution preisgeben darf (vgl. auch den Beitrag von Wolfgang Klein, Marktorientierte Sozialarbeit?). Karl Gabriel verweist in seinem Beitrag „Optionen verbandlicher Caritas im Streit um die Zukunft sozialer Dienste“ darauf, daß die Caritas und ihre Einrichtungen im System sozialer Dienste eine wichtige Zwischenstellung einnehmen. Weder der Sphäre des öffentlich-staatlichen Handelns zugehörig noch den Prinzipien eines gewinnorientierten Marktanbieters unterworfen, habe sie weitere Zwischenstellun-gen zu beachten. Sie überschreitet den Bereich des Helfens von Mensch zu Mensch in Familie und informellen Gruppenbezügen, hat jedoch andererseits ihre Wurzeln und ihre Grundlagen in der Nächstenliebe und in der christlich motivier-ten unmittelbaren Hilfe von Einzelnen und Gruppen bzw. Pfarrgemeinden. Als breit gefächerter Dienstleister reicht sie durchaus jedoch wiederum in die Sphären von Staat und Markt hinein. Ihr spezifisches Profil gewinnt sie dadurch, daß sie die Prinzipien des solidarischen Helfens in das System sozialer Dienstleistung ein-bringt. Die verbandliche Caritas ist gekennzeichnet durch horizontale und vertikale Vermittlungsleistungen. Als Akteur des dritten Sektors ist sie zu einer wichtigen intermediären Institution geworden mit einer komplexen internen Struktur sowie schwierigen externen Vermittlungsleistungen. Alle diese Vermittlungsleistungen sind in sich durchaus konfliktreich. Dies betrifft auch die gewachsene Spannungs-linie zwischen Kirche und Gesellschaft. Gegenwärtig bemüht sich Caritas, die Grenzen und Folgeprobleme des Marktes zu benennen: Dort, wo es um Dienste und Aufgaben geht, die sich einer glatten, verrechenbaren Lösung entziehen, wo sich die Einrichtungen die kaufkräftigen und risikoarmen Kunden herauspicken, wo der Markt gerade zum Ausschluß jener Gruppe führt, die soziale Dienstleistung besonders dringend benötigt, sie aber nicht adäquat entlohnen kann, wo der Markt die Fiktion hervorbringt und stützt, die Risiken moderner Lebensexistenz ließen sich von Einzelnen und ohne solidarisches Füreinander-Einstehen bewältigen. Hier zeigt sich für Gabriel die sozialethische Leitorientierung kirchlich-sozialer Diens-te: die Option für die universelle Anerkennung der Würde des Menschen, die Op-tion für Freiheit und Befreiung, die Option für eine größere Gerechtigkeit sowie die Option für die Armen und Verletzlichen. Weiterhin entwickelt Gabriel Optio-nen verbandlicher Caritas im Kontext von Anwaltschaft und Dienstleistungen: die Option für die Erhaltung und Förderung der Sozialkultur in der deutschen Gesell-schaft, die Option für den Vorrang von Person und Interaktion, die Option für eine anwaltliche Politik und für die Einheit von Anwaltschaft und Dienstleistung, die Option für eine vorrangige Stärkung der Handlungspotenziale der Betroffenen, ihrer Zusammenschlüsse untereinander und mit den informellen Helfern, die Opti-on für die Vermittlung zwischen lebensweltlicher informeller Hilfe und dem for-mellen Hilfesystem, die Option für die subsidiäre Förderung und Entwicklung gemeindlicher Caritas, die Option für eine Kultur des Unverfügbaren. Insgesamt gelingt dem Autor eine beeindruckende Darstellung der Spannungsfelder sozial-caritativen Handelns und Herausforderungen, wie sie sich dem Caritasverband stellen. Der Band wird abgerundet durch Beiträge von Rainer Müller und Bernhard Braun zu den Widersprüchen zwischen gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen und politischer Spardiskussion. Mit Nachdruck wird eine Neuorientierung der gesund-heitspolitischen Zielsetzungen eingefordert. Neuorientierung lautet auch der Be-zugspunkt des Beitrages des Direktors des Diözesan-Caritasverbandes Limburg, Hejo Manderscheid. Ihm geht es um die fällige Modernisierung kirchlicher Caritas mittels einer Beschreibung der Schwachstellen kirchlicher Sozialarbeit. Diese treten auf, wenn notwendige Veränderungsprozesse nur zögerlich angegangen werden. Im Kern beschreibt er die Problemlage als ein Kreisen um Symptomlö-sungen, weil die Kraft fehle, entsprechende zukunftsweisende konzeptionelle Neu-besinnungen anzustellen. Die Folge solch symptomatischer Lösungsansätze ist ihre lediglich kurzfristige Tragfähigkeit sowie ihre Unterworfenheit unter das Diktat von Sachzwängen. In diesem Zusammenhang werden Defizite der Diskussion über die Rolle der Sozialarbeit aus den 70er Jahren aufgegriffen, die eben nicht zu einer konsequenten Weiterentwicklung geführt hat: die Betonung individueller Zuschreibung von Armut anstatt strukturelle Ursachen von Armut in den Blick zu nehmen; die Konfrontation von Expertentum einerseits, Selbsthilfe, Ehrenamt und bürger-schaftlichem Engagement andererseits; das Verharren in Konkurrenzbeziehungen der Verbände, anstatt auf Kooperation zu setzen; vor allem aber das Ausblenden des Wahlrechts und der Perspektive der Hilfeberechtigten; schließlich die Konfron-tation zwischen Fachlichkeit in der sozialen Arbeit und Kirchlichkeit einer caritati-ven Einrichtung auf der anderen Seite. All dies sind Modernisierungshemmnisse kirchlicher Caritas. Manderscheid plädiert für eine Entmystifizierung des Neuori-entierungsprozesses. Mit Nachdruck wehrt er sich gegen Märtyrerhaltungen, wie sie bisweilen bei kirchlich Verantwortlichen über die widrigen Zeitumstände anzu-treffen sind. Der Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung ist aktiv mitzugestalten und zwar, wie Manderscheid mit Bezug auf Ulrich Beck formuliert, in einer ent-zauberten Atmosphäre. Es gilt, die tatsächlich vorhandenen Probleme anzuspre-chen. Wirtschaftlichkeit, neue Steuerung, Budgetierung, Wettbewerb markieren nur die Spitze eines Problemeisberges, in dessen Bauch sich erhebliche, nicht an-gesprochene Problempotenziale finden. So zum Beispiel die existenziellen Identi-tätsängste im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Wandels: „Diese Angst und Bedrohungsgefühle unterdrücken wir und klagen umso mehr über die Ökonomisie-rung.“ (177) Interessant sind die von Manderscheid gebotenen praktischen Hin-weise auf konkrete neue Perspektiven. Anstelle des Rufes nach weiteren Pflege-heimen sei der mühsamere Weg der Gewinnung von Vertrauenspersonen und des Aufbaus von Beziehungsnetzwerken zu beschreiten, die Unterstützung von Woh-nungslosen durch Kirchengemeinden zu aktivieren, die Neustrukturierung sozial-pädagogischer Familienhilfe als Integration in soziale Netzwerke zu organisieren, die Vereinspartnerschaft mit gewaltbereiten Jugendlichen aus sozialen Brennpunk-ten zu initiieren, die Stiftung von Solidarität statt Organisation von Fürsorge zu leisten. All dies mündet für ihn in ein Umbauprogramm für den Sozialstaat, das tatsächlich den Modernisierungserfordernissen angemessen ist. Gegenüber den bisherigen Ausführungen fällt auf, daß der Beitrag von Georg Rüter, aus der Sicht der kirchlichen „Unternehmensleitungen“ solche Anpassungs-prozesse zu analysieren, weniger systematisch angelegt ist, die Lektüre enttäuscht, da man sich Konkreteres gewünscht hätte. Es scheint so, als hinke die Praxis hinter der Theorie her bzw. als passe sich die Praxis eher fraglos den neoliberalen Erfor-dernissen an, anstatt die Kraftanstrengung zur Neuorientierung aufzubringen. In einem Buch, das um den Begriff des Marktes immer wieder kreist, darf die Per-spektive des Kunden nicht fehlen. In dieser Hinsicht kann der Aufsatz des Medizi-ners und Journalisten Till Bastian sehr empfohlen werden, der über das Verhältnis von Neoliberalismus und Gesundheitswesen sowie die sich daraus ergebenden Veränderungen aus Sicht des Kunden reflektiert. Er beschreibt das Dilemma des Kunden, insbesondere innerhalb des Medizinsystems der letzten Jahrzehnte. Der Kunde wird im Grunde angesichts des immer unübersichtlicheren Dschungels sowie der unübersehbaren Zahl derjenigen, die sich als Führer und Pfadfinder anbieten, immer unsicherer, was er denn tatsächlich als seine eigenen Bedürfnisse erkennen soll/muß. Für Bastian wird die Fiktion des Kunden zum ironischen Bild des armen Narren, der der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht im Grunde nicht mehr Herr werden kann. Er sieht sich einem zunehmenden Handlungs- und Ent-scheidungsdruck ausgesetzt, der die Möglichkeiten des Individuums überfordert. Der zweite Sammelband ist von der Thematik umfassender angelegt. Er enthält Studien zur Genese der „Sozialkirche“ in Katholizismus (Michael N. Ebertz) und Protestantismus (Jochen-Christoph Kaiser), plädiert für partizipative Organisati-onsformen innerhalb der sozialreligiösen Strukturen (Friedrich Fürstenberg), Gabriel selbst bereichert die Diskussion um die anwaltschaftliche Funktion des Cari-tasverbandes durch eine Untersuchung kirchlicher Wohlfahrtsverbände als Bewe-gungsorganisationen. Konrad Hilpert formuliert Aspekte des neuen Rollenver-ständnisses der Caritas in unserem Zusammenhang ist sein Hinweis von beson-derer Bedeutung, daß die Optimierung der Kosten im Sozialleistungssektor mittels Einführung marktwirtschaftlicher Komponenten unumgänglich sei und auch nicht als unangemessen für gemeinwohlorientierte Institutionen tabuisiert werden dürfe. „Aber darüber darf unter keinen Umständen das Wohl der Hilfsbedürftigen ins Hintertreffen geraten; Minimalisierung der Kosten und erst recht Profitorientierung dürfen nicht die obersten Ziele sein, wenn dabei die Humanität der Hilfe in Gestalt der Erhaltung eines Höchstmaßes an Autonomie, von menschlicher Zuwendung, Raum für Anteilnahme und seelischen Beistand ‚geopfert‘ werden müssen. Solche Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, gibt es aber auch in dem, was Mitarbeitern abverlangt oder an Arbeitsbedingungen zugemutet werden kann. Nach beiden Richtungen hin verlangt das Personalitätsprinzip der katholischen Soziallehre der Ökonomisierung Schranken zu setzen bzw. drängt darauf, beim Bemühen um Minimalisierung der Kosten durch institutionelle Vorkehrungen auch die Lebensqualität der Hilfesuchenden und der Helfenden zu berücksichtigen. Auch ein funktionierender Markt, wenn er denn im Bereich sozialer Dienstleistun-gen überhaupt je konsequent stattfinden würde bzw. dürfte, legt sich solche Zügel nicht von selbst an.“ (87) Anhand des Krankenhauses in kirchlicher Trägerschaft hinterfragt Volkhard Krech die religiöse Programmatik solcher Einrichtungen und zeigt auf, daß der Weg zu einer neuen Identitätsgewinnung bzw. -vergewisserung erst anfanghaft beschritten worden ist trotz der vielfältigen Leitbildprozesse. Es steht aus Sicht der betroffe-nen Einrichtungen zudem zu befürchten, daß die umfassende Neuregelung der Krankenhausfinanzierung in den kommenden Jahren dieses Thema erneut wieder in den Hintergrund treten läßt. Krech konnte diesen Prozeß bei der Verfassung seines Beitrages, der wie die anderen auf 1998 gehaltene Vorträge in der Sektion für Soziologie der Görres-Gesellschaft zurückgeht, noch nicht erkennen. Nach Auffassung des Rezensenten muß es im Zuge dieser überaus komplexen Verhand-lungen gelingen, neben dem dominierenden Kostenaspekt und der Fixierung stan-dardisierter Verfahren auch spezifische Trägerinteressen im Sinne der Eigenprofi-lierung anzusprechen. Dieter Grunow stellt deshalb die Frage nach der sinnvollen Selbstbeschränkung des kirchlich-sozialen Engagements. Joachim Wiemeyer er-gänzt dies durch eine kritische Analyse des ökonomischen Verhaltens kirchlicher Wohlfahrtsverbände. Auch wenn für viele Einrichtungen die beschriebenen Mana-gementdefizite in den letzten Jahren kräftig abgebaut wurden, sind die Beispiele ökonomischen Fehlverhaltens, wie sie in den Medien immer wieder präsentiert werden, nach wie vor erschreckend. Wiemeyer vertritt dennoch die Auffassung, daß kirchliche Wohlfahrtsverbände aus ökonomischer Sicht nach wie vor ein sinn-volles institutionelles Arrangement darstellen, mit dessen Hilfe die Erstellung bestimmter Leistungen besser erfolgen kann (vgl. 137-141). Die von ihm formu-lierten 16 Thesen zur Präzisierung ökonomischer Perspektiven (gegliedert in die Bestimmung der exakten Marktsituation, der Aufgabenzuweisung der Verbände, der Unternehmensphilosophie sozialer Einrichtungen) seien allen Verantwortlichen in den Verbänden empfohlen. Sie vermeiden sowohl die vollständige Angleichung an die Privatwirtschaft als auch den tabuisierenden Rückzug auf vermeintliche „christliche Wertvorstellungen“. Mit 2 Thess 5,21 heißt es: „Prüfet alles, und das Gute behaltet“. Eine Ergänzung hätte sich der Rezensent gewünscht, da in der gängigen Aufzählung (Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime, Kindergärten, Sozialstationen) auch bei Wiemeyer die vielfältigen Beratungsdienste der verband-lichen Caritas/Diakonie nicht explizit mitaufgeführt werden für diese Dienste stellt sich das Thema „Ökonomisierung“ mit ganz spezifischen Problemen in eige-ner Weise. In den Ausführungen von Manfred Hermanns sei besonders auf die Abschnitte verwiesen, in denen er organisationsanalytisch auf die Leitbilddiskussion des Cari-tasverbandes mit ihren Auswirkungen auf eine Mitarbeiterschaft zwischen Wirt-schaftlichkeit und Wertevergewisserung eingeht. Im übrigen unterstreicht auch dieser Autor ebenso wie Wiemeyer die Notwendigkeit einer Rückbindung der verbandlichen Caritas an die pfarrliche Carritas, ein in der Praxis oftmals sehr schwie-riges Unterfangen, da auch pfarrgemeindliche Strukturen derzeit in einem sehr problematischen Umwandlungsprozess begriffen sind. Zum Gelingen dieses Vor-habens gibt es jedoch keine Alternative, verlöre ansonsten die verbandliche Caritas ihre kirchliche wie gesellschaftliche Legitimität. Abschließend widmet sich Josef Schmid den Herausforderungen, wie sie die europäische Integration an die zukünf-tige Rolle der kirchlichen Wohlfahrtspflege stellt. Ein bloßes Beharren auf herge-brachten Rechtspositionen wird keine Lösung darstellen, eher wird vermutlich ein allmählicher Abbau von Sonderregelungen und neokorporatistischen Regulie-rungsmechanismen eintreten. Dennoch dürften, vorausgesetzt der Prozeß einer transparenteren Profilierung gelingt, beachtliche Gestaltungs- und Einwirkungs-möglichkeiten den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden auch für die Zukunft möglich sein. Dr. Bernd Kettern ist Direktor des Caritasverbandes für die Region Trier e.V. und Mitglied der Redaktion „Die Neue Ordnung“. |
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