Jahrgang 54
Nr. 3/2000 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Caritaswissenschaft

Vielen ist Franz Hitze (1851-1921), erster Lehrstuhlvertreter der Christlichen Gesellschaftslehre an der Universität Münster, bekannt. Aber wer kennt schon Heinrich Weber (1888-1946), dessen unmittelbaren Nachfolger? Seinen Lebensweg und sein Wirken schildert

Manfred Hermanns, Heinrich Weber. Sozial- und Caritaswissenschaftler in einer Zeit des Umbruchs. Leben und Werk (= Studien zur Theologie und Praxis der Caritas und Sozialen Pastoral 11), Verlag Echter, Würzburg 1998, 234 S.

Weber entstammt dem Vest Recklinghausen. Er studierte Theologie und Staatswissenschaften in Münster, wo er 1919 zum Dr.rer.pol. promovierte und sich 1921 habilitierte. Bereits 1912 zum Priester geweiht, erwarb er 1922 auch das Doktorat im Fach Theologie in Tübingen. Im gleichen Jahr berief man Weber als Nachfolger für Hitze. Um vielerlei unterschiedliche Belange zu berücksichtigen, ordnete man nach einigem Hin und Her den Lehrstuhl Weber schließlich der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät zu. Die 1933 eingesetzte Gleichschaltungskommission der Universität Münster schikanierte Weber zwar. Aber er blieb im Lehramt und wurde "nur" 1935 nach Breslau an die Theologische Fakultät zwangsversetzt. Durch das Eintreten von Bischof von Galen erhielt Weber 1938 die Ernennung zum Päpstlichen Hausprälaten. Aller Habe beraubt, kehrte Weber 1946 wider nach Münster als Ordinarius für Volkswirtschaftslehre unter Berücksichtigung der Caritaswissenschaft zurück. Aber schon im nächsten Jahr ereilte den 58jährigen der Tod.

Neben der akademischen Laufbahn war Heinrich Weber seit seiner Zeit als Vikar in Münster mit ganzen Kräften - oft gar über die Grenzen seiner psychischen Leistungsfähigkeit - in der praktischen Caritasarbeit tätig. Dazu stand er selbst in den schwierigsten Jahren als Amtsträger dem Deutschen Caritasverband in Freiburg unerschrocken zur Verfügung. Weber war der treue Freund und unschätzbare Berater des Caritaspräsidenten Benedict Kreutz. Ohne den klugen, besonders auch in verwaltungsrechtlichen und organisatorischen Fragen beschlagenen Heinrich Weber hätte die Caritasarbeit die Ränke und Knuffe, bald auch den brutalen Druck und die Schläge des Nationalsozialismus wohl kaum überlebt.

Ein dritter Wirkungskreis Webers (neben dem als akademischen Lehrer und Mann der Caritas) ist seine wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeit. Es ist angesichts seiner vielfältigen Belastungen schier beispiellos, was Weber auf diesem Gebiet geleistet hat. Der Verf. konnte 23 Bücher und über 50 Artikel aus der Feder von Weber zusammenstellen, hinzu kommen noch ebenso viele Herausgeberschaften. Hermanns zeichnet in einem eigenen Teil die Verdienste von Heinrich Weber besonders für die wissenschaftliche Verankerung der Caritaswissenschaft in die Gesellschaftslehre nach. Zurecht nennt Hermanns dies die einmalige Leistung von Weber. "Der Verbindung von Wirtschaftswissenschaften und Sozialethik wenden sich auch in der Gegenwart häufig Forscher zu; aber der gleichzeitige Einbezug der Wohlfahrtskunde, der heutigen Sozialarbeitswissenschaft, und der Caritaswissenschaft als theologischer Disziplin hat leider keine Fortsetzung gefunden" (182).

Manfred Hermanns als dem Präsidenten des Heinrich-Weber-Forschungskreises gebührt besonderer Dank, daß er das Leben, das praktische Handeln und das wissenschaftliche Werk dieses leider weithin vergessenen Mannes vorgestellt hat. Hermanns tat dies vorbildlich. Ein Portrait von Weber, ausführliche Register, erklärende Anmerkungen und immer gut ausgewählte Zitate zeugen von der Sorgfalt des Autors. Dazu ist auch die sprachliche Gestaltung besonders hervorzuheben. Das Ganze liest sich sehr leicht. Der neudeutsche verkleisternde Sprachschwulst (den leider auch einige Veröffentlichungen der Reihe verunziert) fehlt ganz.

Es ist zu wünschen, daß durch dieses Buch das hauptsächliche Anliegen von Heinrich Weber, nämlich die Caritaswissenschaft in die Wirtschaftswissenschaften einzubeziehen, wieder neu bedacht wird.

Gerhard Merk

Gerechtigkeit

Das in Rechtswissenschaft und Ethik seit Kelsens reiner Rechtslehre und Radbruchs relativistischer Rechtsphilosophie diskutierte Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit hat unter der Frage nach der sozialen Gerechtigkeit eine Aktualisierung erfahren. Der Kieler Philosoph mit ausgewiesenem politikwissenschaftlichem Interesse hat sich in einer Aufsatzsammlung des Themas angenommen:

Wolfgang Kersting: Recht, Gerechtigkeit und demokratische Tugend. Abhandlungen zur praktischen Philosophie der Gegenwart. stw 1332. Suhrkamp Frankfurt am Main 1997, 498 S.

Obwohl man lieber vom Autor ein systematisches Werk zu diesem Thema gehabt hätte, sind die Aufsätze so gebündelt, daß es einem solchen fast gleichkommt. Von den drei Teilen des Bandes ist der erste der Gegenwärtigkeit der Rechtsphilosophie Kants gewidmet, die Kersting für die reifste überhaupt hält, besonders was die Abgrenzung von Recht und Moral, von Pflicht- und Tugendethik anbetrifft. So manches, was in der landläufigen KantInterpretation unterschlagen wird zugunsten des absoluten Formalismus, wird hier in seiner materialen Tugendethik zutage gefördert, sogar das alte moraltheologische Problem der supererogatorischen Handlungen. In der Beziehung Kants zum damaligen Naturrecht vermißt man eine Rückbesinnung auf das thomasische und spätscholastische Naturrechtsdenken ebenso wie bei Kants Eigentumsbegründung (gegen Hobbes und Locke) die ähnliche Kontroverse zwischen der Begründung bei Thomas und den Jesuitentheologen des l9. Jahrhunderts. Catholica non leguntur.

Während die vier Aufsätze zur Verbindlichkeit des Rechts bei Kant sehr akribische Interpretationen enthalten, die teilweise nur dem Kantkenner von Nutzen sein dürften, findet sich der Sozialethiker in den beiden folgenden Teilen in seinem Metier wieder. Im zweiten Teil wird eine Gerechtigkeitstheorie entworfen und auf die Probleme des Sozialstaates und des internationalen Friedens angewandt. Innerhalb der Schnittmenge von wirtschaftlichen und sozialen Fragen unterscheidet Kersting drei Typen von Wirtschaftsethik: Die dogmatisch-moderne Wirtschaftsethik, die sich am allgemeinen Modell nutzenmaximierender Handlungskoordination orientiert, wozu er (wohl nicht ganz legitim) auch Karl Homann zählt; eine prämoderne Ethisierung des Kapitalismus mit Hilfe von Religion, wie es Peter Koslowski, mit dem sich Kersting ausführlich beschäftigt, vorsieht, der er aber - trotz Zustimmung zu einzelnen dieser Auffassungen - keine Chance für die Zukunft einräumt, eine reflektiert-moderne Wirtschaftsethik, die ökonomische und ethische Rationalität versöhnt und auf Vertragsmodellen beruht. Letztere entfaltet der Autor unter Einbeziehung diskursiver Elemente in einen mehrstufigen Gesellschaftsvertrag. Wie bei allem liberalen Denken wird dem formalen Weg zu viel zugetraut und zu wenig der inhaltlichen ethischen Bestimmung. Kersting steht ordo-liberalem Denken nahe, will den Sozialstaat nicht als Reparatur der Marktwirtschaft begreifen, sondern als vorausgesetzten Ordnungsrahmen für die Beteiligung möglichst aller am Marktgeschehen. Hier steht er Homann doch näher, als er es selbst meint, da er nicht auf die ethische Individualität, sondern auf die Institution des Rahmens setzt. An der Sozialmedizin exemplifiziert der Autor seine Theorie. Hinsichtlich des internationalen Friedens hütet er sich vor weltpolitischem Ethizismus, sondern hält die Nationalstaaten nach wie vor für die Subjekte internationalen ethischen Handelns.

Im dritten Teil beschäftigt sich Kersting mit ethischer Rationalität und Dezisionismus, mit der Spannung zwischen partikulärem Kontext und universaler Geltung, mit Tugend und Freiheit und vor allem mit der Kontroverse zwischen den amerikanischen Liberalen wie Rawls und Dworkin und den Kommunitariern, wobei er in allen diesen Fragen die einseitigen Alternativen vermeiden und eine Vermittlung erreichen will. Trotz seiner Vorliebe für Diskurse und Kontrakte anerkennt er entgegen der allgemeinen Überschätzung des rationalen Verfassungspatriotismus und der ethischen Diskussion die Notwendigkeit einer Tugend, die aus der Lebenswelt herkommt und in die Zukunft weist, was mehr ist als die "fade liberale Tugendsuppe". Obwohl oder auch gerade weil er der katholischen Soziallehre und -ethik fernzustehen scheint, bietet das Buch dem christlichen Sozialethiker eine Fülle von Anregungen zur Überprüfung eigener und fremder Auffassungen.

Hans Joachim Türk

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