Jahrgang 60
Nr.1/2006 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Stefan Hartmann

Neubelebung des Thomismus

Ein Literaturbericht zu David Berger

Der junge Kölner Theologe David Berger, bezeichnenderweise Jahrgang 1968, hat durch sein wissenschaftliches und publizistisches Wirken seit einigen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit, Akzeptanz und auch Widerspruch gefunden. Leit-stern seiner Veröffentlichungen ist der große und allgemeine Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1224-1274), dessen Werk und Nachwirkung sich Berger auch seit fünf Jahren als Herausgeber des internationalen thomistischen Jahrbu-ches „Doctor Angelicus“ (Bonn) widmet. In der Reihe „Zeugen des Glaubens“ des Sankt Ulrich Verlags Augsburg erschien 2002 seine gut lesbare und von mehreren Rezensenten empfohlene knappe werkbiographische Einführung „Thomas von Aquin begegnen“. Seit 2002 ist Berger auch Mitglied der Päpstli-chen Akademie des hl. Thomas von Aquin (Vatikan) und Vizepräsident der Deutschen Thomas-Gesellschaft.

Die gelehrten Abhandlungen Bergers bleiben nicht im Elfenbeinturm der Wis-senschaften, sondern greifen in aktuelle Diskussionen um die Reform von Kirche und Theologie ein. In diesem Sinne hat der immer noch als Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium tätige Theologe seit 2003 auch die Herausgeberschaft der von Wilhelm Schamoni begründeten katholischen Monatsschrift „Theologi-sches“ übernommen und bürgt für die Seriosität der dort geführten, oft harten Auseinandersetzungen. Im „Rahner-Jahr“ 2004 fand die von ihm herausgegebe-ne Aufsatzsammlung „Karl Rahner: Kritische Annäherungen“ (Siegburg 2004) kontroverse Beachtung und ließ den Rahner-Schüler Herbert Vorgrimler pole-misch von Bergers „apokalyptischer Sekte“ sprechen.

Die inzwischen vorliegenden Veröffentlichungen Bergers (manche verwechseln ihn immer noch mit dem ebenfalls gegen den Mainstream argumentierenden Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger) sind jedoch durch ihre kenntnisrei-che Fundierung ein immer wichtiger werdender Kontrapunkt zum allgemeinen Trend des auch innertheologischen Relativismus und weit mehr als eine – wie die Kritiker unterstellen – Ressentiment-geladene Anti-Rahner-Polemik. Nach der als jahresbeste Arbeit ausgezeichneten Promotion 1998 an der Universität Dortmund (bei Thomas Ruster) wurde Berger im Mai 2005 an der theologischen Fakultät der Katholischen Universität Lublin mit Leo Cardinal Scheffczyk als Promotor inzwischen habilitiert.

Die aktuelle Lage von Kirche und Glaube, die Unkenntnis und Verworrenheit in Fragen der Liturgie, der Pastoral und der Weitergabe des Glaubens in Schule und Universität, machen es plausibel, wie Berger wieder neu am hl. Thomas und dem überwunden geglaubten Thomismus anzuknüpfen. Das Aufdrängen irreführender Philosophien, esoterischer Modetrends und psychologisch-soziologischer Para-digmen des pastoralen Utilitarismus, sowie die pragmatistische Versuchung der modernen, von Karl Rahner, Hans Küng oder Leonardo Boff ausgehenden „nachkonziliaren“ Theologie lassen einen sachlichen, mehr systematischen und der objektiven Lehre der Kirche verbundenen Ansatz wieder unbedingt erforder-lich werden. Die Vernunft des Denkens wurde vielfach durch emotionale Ten-denzen zugedeckt. Ohne irgendeinem Rationalismus das Wort zu reden hat auch Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et ratio“ (1998) dies festge-stellt und bedeutsame Warnungen ausgesprochen. Zu dieser überfälligen Kurs-korrektur gibt es aber in der Tradition der Kirche, wie sogar das II. Vaticanum ausdrücklich festgehalten hat, keinen verläßlicheren Bezugspunkt als die Lehre des Aquinaten. Alt bekannt ist das Wort, daß Thomas „unter allen Heiligen der Gelehrteste und unter allen Gelehrten der Heiligste“ sei.

Durchaus wird seine Aktualität wahrgenommen, sogar von Jürgen Habermas. Im Buchhandel erhältlich sind die anerkannten Werkbiographien von Otto Herrmann Pesch (Thomas von Aquin. Grenze und Größe mittelalterlicher Theo-logie, Mainz 1988) und Jean-Pierre Torrell (Magister Thomas. Leben und Werk des Thomas von Aquin, Freiburg i. Br. 1995). Sie werden nun ergänzt durch die vervollständigte Neuauflage der genial-klassischen Portraitzeichnung von Gil-bert Keith Chesterton (Thomas von Aquin – Franz von Assisi, Bonn 2003). Ak-tuelle Hinführungen und Interpretationen zum Hauptwerk der „Summa theologi-ae“ veröffentlichten jüngst unser Autor David Berger (Darmstadt 2004) und als Herausgeber Andreas Speer (Berlin/New York 2005). Der von Joseph Maréchal, Karl Rahner („Geist in Welt“) und Johann B. Metz („Christliche Anthropo-zentrik“) ausgehende „Transzendentalthomismus“, der Thomas mit dem deutschen Idealismus versöhnen wollte, ist inzwischen überholt und wird kaum noch fortgesetzt.

Phänomenologische und dialogische Denkformen haben dieser erzwungenen Modernisierung und Umdeutung den Rang abgelaufen, auch wenn neuerdings aus Berlin einige Dominikaner eine Neuanknüpfung beim sich der „nouvelle théologie“ anschließenden bedeutenden Thomas-Interpreten Marie-Dominique Chenu versuchen und ein entsprechendes Institut gegründet haben. Eine Gesamt-ausgabe der Thomas sehr verbundenen Werke Josef Piepers konnte ebenfalls jüngst abgeschlossen werden. Eigenständige und fruchtbare Nebenlinien bilden die bemerkenswerten Thomas-Rezeptionen des pallottinischen Mariologen Hein-rich M. Köster („Die Magd des Herrn“), des Freiburger Pädagogen Gustav Sie-werth („Das Schicksal der Metaphysik von Thomas zu Heidegger“) und des Regensburger Philosophen Ferdinand Ulrich („Homo Abyssus“). Die beiden letzteren standen in enger Verbindung mit Hans Urs von Balthasar, der den Charismatik-Kommentar für die „Deutsche Thomas-Ausgabe“ verfaßte. Doch war insgesamt die Zeit reif für einen Neuansatz, der den „stummen Ochsen“ (Chestertons erster Titel für sein Thomas-Buch) wieder zu Sprache und Einfluß bringen sollte. Dies scheint David Bergers Sendung und Auftrag zu sein.

Schon die lateinische Widmung seiner Doktorarbeit an den bekannten Domini-kanertheologen (und Hauptgegner der „nouvelle théologie“) Réginald Garrigou-Lagrange (1877-1964) zeigt die Richtung an. Als Religionslehrer will sich Ber-ger unter dem Arbeitstitel „Natur und Gnade in systematischer Theologie und Religionspädagogik von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ (Re-gensburg 1998) gegen die Irrungen der modernen Glaubensweitergabe wenden und sieht deren Ursache im andauernden Gnadenstreit zwischen „Molinisten“ und „Thomisten“. Der Semimodernismus des Bonner Fundamentaltheologen Arnold Rademacher, die Innsbrucker Verkündigungstheologie (Kerygmatik) und die an die (von Henri de Lubac durchaus orthodox interpretierte) Gnadenlehre der „nouvelle théologie“ anknüpfende Anthropozentrik Karl Rahners führten laut der Darstellung Bergers schließlich zu den religionspädagogischen Thesen von Hubertus Halbfas, die sich kaum noch von der Korrelationsdidaktik Paul Tillichs unterscheiden und zur Auflösung einer an eine Offenbarung und Überna-türlichkeit Gottes orientierten Glaubenslehre führten.

Berger schildert auch den Eingang dieser Sichtweisen in den Würzburger Syno-denbeschluß zum Religionsunterricht. Gegen diese Auswirkungen des jesuitisch geprägten „Molinismus“, der die Gnade zu einer Forderung der Natur zu machen droht, möchte Berger den dominikanischen „Thomismus“ setzen, dessen Ur-Leitmotiv er mit Garrigou-Lagrange so formuliert: „Alle Geschöpfe, zusam-mengesetzt aus Akt und Potenz, sind vollständig und schlechthin von ihrem Schöpfer abhängig, während umgekehrt Gott, als reiner Akt, in keinerlei Abhän-gigkeitsverhältnis zu seiner Schöpfung steht“. Dies ist das Prinzip des „Thomis-mus strenger Observanz“, den Berger als die Urintention des hl. Thomas selbst ausgeben möchte und dem er seine zweite größere Veröffentlichung widmet: „Thomismus. Große Leitmotive der thomistischen Synthese und ihre Aktualität für die Gegenwart“ (Köln 2001). Hier wird mit lebendigen geschichtlichen Be-zügen eine Gesamtschau des Lehrgebäudes des Thomismus geboten wie es sie seit Gallus Mansers Standardwerk „Das Wesen des Thomismus“ (Fribourg ³1949) nicht mehr gegeben hat.

Zwei kleinere, auf liturgische und dogmatische Fragen bezogene Schriften Ber-gers ergänzen dieses Grundlagenwerk: „Thomas von Aquin und die Liturgie“ (Köln 2000) und „Was ist ein Sakrament? Der hl. Thomas von Aquin und die Sakramente im allgemeinen“ (Siegburg 2004). Auch für die katholische und allgemeine Soziallehre wird bei Thomas sicher Wegweisung ergehen, die für die heutige Zeit hilfreich sein kann. Dies näher und für aktuelle ethische Herausfor-derungen darzulegen wäre ein Desiderat.

Zum fünfzigjährigen Jubiläum der Enzyklika „Humani Generis“ Papst Pius XII. gab Berger (mit einem Vorwort von Leo Card. Scheffczyk) eine Sammlung mit Texten von Walter Hoeres, Anselm Günthör und Rudolf Michael Schmitz heraus (Köln 2000). Er selbst verfaßte darin einen theologiehistorischen Beitrag über die verschiedenen Modernismuskrisen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Frankreich. Seine diesbezügliche Kompetenz ist auch ausgewiesen durch einen Aufsatz über „Fundamentaltheologisches Denken zwischen 1870 und 1960“ in dem vom bekannten Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf herausgege-benen Band „Antimodernismus und Modernismus in der katholischen Kirche. Beiträge zum theologiegeschichtlichen Vorfeld des II. Vatikanums“ (Paderborn 1998). „Die Neue Ordnung“ publizierte entsprechend Bergers kenntnisreichen und Alberigo-kritischen Artikel „Wider die Veteranen-Sentimentalität. Zur Frage der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils“ (Jahrgang 58, 2004, 108-120).

Als letzte beim Verlag „nova & vetera“ nach seiner Habilitation erschienene Arbeit ist nun noch die wiederum vor allem historische Arbeit „In der Schule des hl. Thomas von Aquin. Studien zur Geschichte des Thomismus“ (Bonn 2005) zu erwähnen. Hier beweist Berger durch seinen liebevollen und stupenden Fleiß gegenüber den einzelnen Vertretern und Institutionen (Päpstliche Thomasaka-demie; Zeitschrift „Divus Thomas“) des Thomismus, daß es ihm aufrichtig um die erkannte Sache, nicht bloß um Meinung, Polemik oder gar Ideologie geht. Alle echten Freunde des „engelgleichen Lehrers“ bekommen seine Aufmerk-samkeit und Wertschätzung, während die Vertreter der „nouvelle théologie“, vor allem Karl Rahner, wenig Gnade finden. Aber nach der jahrzehntelangen, oft arroganten Abqualifizierung des „Schulthomismus“ ist es mehr als nur ein Gebot der Gerechtigkeit, daß dessen Leistungen von Berger wieder in ein gutes und positives Licht gestellt werden.

Die Dominikaner Norbert del Prado und Réginald Garrigou-Lagrange werden in eigenen Studien behandelt, ebenso der Paderborner Dogmatiker Johannes Brinktrine und der Freiburger Philosoph Bernhard Lakebrink, der wie Berger durch die Erkenntnis der zeitlosen Aktualität der Metaphysik frei und unabhän-gig blieb gegenüber dem „Beifall der Stunde und all derer die philosophisch in den Tag hineinlebten“ (Seite 383). Der Band enthält ein thomistisches Literatur-verzeichnis und eine Bibliographie der über 200 Veröffentlichungen des Autors. Thomismus ist für David Berger kein museales Phänomen, sondern hat gerade heute eine ganz einzigartige Aktualität: „Zeigt er uns doch den hl. Thomas inmit-ten der aufgewühlten Wogen der ‚Diktatur des Relativismus’ (Papst Benedikt XVI.) als jenen Leuchtturm, der uns den Weg zur Wahrheit weist“ (Klappen-text). Vieles deutet darauf hin, daß für eine Neubelebung des Thomismus die Stunde geschlagen hat. Das bisherige Werk Bergers bietet dafür entscheidende Anstöße.

Lic. theol. Stefan Hartmann wirkt als Pfarrer und Publizist in Oberhaid.

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