Jahrgang 59
Nr. 1/2005 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Wolfgang Ockenfels

Die heißen Eisen der deutschen Sprache

Zugegeben, schön klingt es nicht, das Wort „Humankapital“, das unsere Sprachpolizisten zum „Unwort des Jahres“ erklärten. Die es verwarfen, wollten damit wohl eine vermeintlich unsaubere Wortverbindung von „Humanität“ und „Kapi-tal“ untersagen – in der Annahme, Kapital sei immer inhuman. In ihrer Vorein-genommenheit haben sie den analogen Charakter eines ökonomischen Begriffs nicht begriffen, der ja gerade auf Erziehung, Bildung und Wissen von Menschen abzielt, die im Wirtschaftsleben wesentlich mehr Bedeutung haben als irgendein Sachkapital. Nicht das Kapital arbeitet, sondern Menschen mit ihm. Und diese müssen erst einmal geboren und erzogen werden, bevor die Wirtschaft funktio-niert und Universitäten finanziert werden können.

Darum ist die „Investition in Humankapital“ eine vorrangige Angelegenheit – so scheußlich und technisch dieser Ausdruck auch einem weltfremden Sprachwis-senschaftler vorkommen mag. Ohnehin sollte man besser von „Humanvermö-gen“ sprechen und dabei zunächst an die Kinder denken. In diesem Zusammen-hang, also im Kontext der massenhaften Vernichtung ungeborener Kinder, wäre es naheliegend, euphemistische Wörter wie „ergebnisoffen“ und „flächendek-kend“ in das „Wörterbuch des Unmenschen“ aufzunehmen.

Dieses nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Wörterbuch enthielt auch das Wörtchen „einmalig“, denn es spielte „in Hitlers Reden eine große und inflatio-näre Rolle“ (W. E. Süskind). Als „einmalig“ oder „singulär“ werden aber heute auch die Verbrechen Hitlers bezeichnet. Sie wurden in Nürnberg als „Verbre-chen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt, wenngleich, wie Johannes Gross spitzfindig bemerkte, alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstoßen. Viel-leicht gehört das Wort „Unmensch“ selber in ein noch zu schreibendes „Wörter-buch der Unmenschlichkeit“.

Aber Wortverbote nützen nichts, auf die Begriffe kommt es an und vor allem auf jene Kräfte, die sie prägen und damit eine semantisch-kulturelle Herrschaft aus-üben, die weit in den politischen und rechtlichen Raum ausstrahlt. Wer früher als Tabubrecher sich einen Jux daraus machte, mit „heißen Eisen“ zu hantieren, sorgt heute dafür, daß man sich daran die Finger verbrennt. Inzwischen ist ein Kampf um die Begriffe „Volksverhetzung“ und „Diskriminierung“ entbrannt. Sehr leicht handelt sich öffentliche Anklagen oder Strafanzeigen ein, wer ein „falsches“, d. h. völlig zutreffendes Wort in den Mund nimmt.

Ein Beispiel für verfehlte Sprachkritik bot jüngst Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Seine Kommentare zu einer Predigt, die Kardinal Joachim Meisner am Dreikönigsfest im Kölner Dom gehalten hatte, verdienen es, in ein „Lexikon der leichtfertigen Mißverständnisse und überzoge-nen Reaktionen“ eingetragen zu werden. In einem Interview erklärte er, Kardinal Meisner habe „den millionenfachen Mord an Juden relativiert“; „der direkte Vergleich“ der Abtreibungen „mit dem systematischen und fabrikmäßigen Mas-senmord der Nazis“ sei „unzulässig und in höchstem Maße empörend“. In einer Nachrichtensendung drohte Spiegel dem Kardinal sogar mit rechtlichen Schrit-ten. Spätestens hier - und bevor der christlich-jüdische Dialog vor Gericht ausge-tragen wird, wäre es Herrn Spiegel anzuraten, den Meisner-Text sorgfältig zu lesen und gewissenhaft zu reflektieren.

Was hatte der Kardinal gesagt? Hier der Wortlaut: „Mein Leben, mein Herz, mein Leib gehört nicht mir. Es ist sein (Gottes) Eigentum. Ich kann über mein eigenes Leben und über das Leben anderer nicht verfügen. Ich kann es immer nur dankend empfangen. Es ist bezeichnend: Wo der Mensch sich nicht relativie-ren und eingrenzen läßt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthana-sie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegenüber Gott.“

Kein Wort also über Auschwitz, kein „direkter Vergleich“ der Abtreibungen mit dem Massenmord an Juden, keinerlei Relativierung der Schoah. Statt dessen eine chronologisch geordnete, keineswegs vollständige Aufzählung von Beispielen, von Personen und Phänomenen, an denen sich die menschenverachtenden Fol-gen der Mißachtung Gottes zeigen. Unter diesem Aspekt können Hitler und Stalin durchaus in einem Atemzug genannt werden. Die Singularität der Verbre-chen Hitlers wird damit nicht negiert. Freilich setzt die Feststellung, die Verbre-chen beider seien nicht vergleichbar oder gar gleichzusetzen, bereits einen Ver-gleich zwischen beiden voraus. Und die Abtreibung, die das Zweite Vatikanische Konzil vor vierzig Jahren als „verabscheuungswürdiges Verbrechen“ bezeichne-te, liegt auf einer anderen Ebene der Unmenschlichkeit, deren tragische Folgen immer deutlicher spürbar werden.

Der „Rückzieher“ des öffentlich angeprangerten und eingeschüchterten Kardi-nals, der auch von seinen bischöflichen Kollegen keine hörbare Unterstützung erfahren hatte, erfolgte in einer Presseerklärung des Erzbistums Köln: „Wenn ich geahnt hätte, daß mein Verweis auf Hitler mißverstanden hätte werden können, hätte ich seine Erwähnung unterlassen. Es tut mir leid, daß es dazu gekommen ist. In der Dokumentation meiner Predigt werde ich darum auch den Hinweis auf Hitler tilgen lassen.“

Hier tritt ein peinliches Dilemma deutlich hervor. Hitler darf sechzig Jahre nach dem „Untergang“ weder genannt noch getilgt werden – wegen eines Miß-verständnisses, das sich in einem Telefongespräch leicht hätte klären lassen. Vielleicht in gemeinsamer Erinnerung an Clemens August Graf von Galen. Die-ser tapfer widerstehende Bischof von Münster schrieb am 4. November 1943 an Pius XII.: „Aber es ist doch nicht zu leugnen, daß im Großen gesehen, ganz er-hebliche Teile des deutschen Volkes dem Christentum, ja, dem wahren Gottes-glauben gleichgültig, sogar ablehnend gegenüberstehen und immer mehr die bisherigen sittlichen Bindungen der christlichen Vergangenheit beiseite setzen.“

Wolfgang Ockenfels

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