Jahrgang 59
Nr. 1/2005 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Paul-Josef Cordes

Wie christlich ist Europa?

Das Thema* möchte dazu bewegen, aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme anzusprechen – etwa die Präambel der Europäischen Konstitution; die Implikationen einer möglichen Aufnahme der Türkei in die EU; die saloppe Diskreditierung der Vorsichtigen mit dem Kommentar, Europa sei kein „christli-cher Club“. Doch ist ein Bischof wohl kein geeigneter Referent, das politische Wohl und Wehe der EU zu analysieren sowie Staatslenkern und ihren Institutio-nen Lösungen anzubieten. Die Überlegungen des Hirten müssen sich spezifisch dem Evangelium und der Kirche widmen – auch wenn solche Erörterungen we-niger Chancen haben, Schlagzeilen zu machen. Politik zielt ja – nach Max Weber – auf Machterwerb und Machterhalt; sie beschränkt sich daher notwendig auf die irdische Wirklichkeit. Wer aber den Glauben zu verkündigen hat, bezieht eine – wie der Hebräerbrief schreibt – Überzeugung ein von „Dingen, die man nicht sieht“ (11,1); wobei die Beachtung der Transzendenz selbstredend auch das Diesseits ernstnimmt und ggf. auch politische Konsequenzen aus den Beobach-tungen fällig sind.

Suche nach Indikatoren der Glaubensvitalität

Die gewählte Glaubenssicht legt sich aus einem zweiten Grund nahe. Allem Anschein nach wurde unser Thema angestoßen von einer Artikelserie, die eine große deutsche Tageszeitung Anfang des Jahres 2004 veröffentlichte. Korres-pondenten beschrieben dabei die Religionspraxis in verschiedenen europäischen Ländern gewiß in dem angedeuteten politischen Kontext. Doch die redaktionelle Vorbemerkung zu den Berichten ließ schon die politische Fragestellung hinter sich; sie hob vielmehr auf die gravierende „Entchristlichung Europas in der Brei-te seiner Bevölkerung“ ab, sprach gar von der „Auszehrung des Christentums“ (FAZ 22.01.04). Bezeichnend war die dortige Formulierung des Themas: „Wie christlich aber ist Europa wirklich?“ So nahmen denn die Reporter der Zeitung vorrangig die religiöse Praxis der Christen in den verschiedenen Ländern in den Blick. Und sie konnten nicht umhin, die Befürchtung der redaktionellen Einlei-tung zu bestätigen.

Wir wollen uns also zunächst – auch gestützt auf die angesprochene Aufsatzfol-ge – mit der Frage befassen: Welche Indikatoren zur Glaubensvitalität des heuti-gen Europa lassen sich greifen? Der Verweis auf seine glorreiche Vergangenheit und die Leistungen der christlichen Tradition reichen ja nicht hin zum Ausweis von Christlichkeit.

Schweden

Da ist etwa Schweden – um mit dem europäischen Norden zu beginnen und mit einem Land, das bei vielen als Modell für gelungenes Zusammenleben zwischen zufriedenen Menschen gilt. Fünfhundert Jahre lang war das Luthertum Staatsre-ligion. Inzwischen ist es so unscheidbar mit Gesellschaft und Politik verfilzt, daß die christlichen Überzeugungen sich in Gesellschaft und Politik hinein zu verlie-ren drohen. Das Christentum ist nach dem Zeitungsbericht auf dem Wege, seine Identität einzubüßen. Thron und Glaube wurden spätestens nach dem ersten Weltkrieg ersetzt von Nationalstaat und Volk. Offenbar entstand eine Art von Zivilreligion: Jeden umsorgen Parteien, die während der sieben letzten Jahrzehn-te Zeit hatten, das Denken des Volkes zu durchdringen. Sogar bei Wahlen für Kirchengemeinderäte kandidieren die Parteien auf eigenen Listen. Die Vertre-tung in den Kirchlichen Synoden gleicht denen im Reichstag. Staat, Regierung und Nation übernehmen originär kirchliche Aufgaben der Gemeinschaftsbildung und das Setzen von ethischen Normen.

Und die Mitgliederstatistik? Erst seit 1951 dürfen Schweden aus der Nationalkir-che austreten. Zwanzig Jahre später hatte sie mit 7,7 Millionen noch 95,2% der Bevölkerung in ihren Reihen. 2002 sank die Zahl auf 80,9%. Im Vorjahr lagen die Austritte mit 60.000 Schweden höher denn je.

Solche Verwässerung kirchlicher Sendung kann grundsätzlich belehren über die Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Gewiß ist die staatliche Unterstützung auch pastoraler Arbeit in allen Bereichen wünschenswert und darf der Menschen wegen wohl zu Recht erwartet werden. Auch hat der Einfluß von Christen auf die Gesetzesbildung des Staates einen hohen Sinn, vor allem wenn die Würde des Menschen betroffen oder gefährdet ist. Gehen jedoch faktisch christliche Weisung und kirchliche Sendung in die Verantwortung von Regierungsinstanzen über oder maßen sich Politiker gar pastorale Führung an, dann verlieren Kirche und Christentum früher oder später ihre Identität.

Rußland

Die jüngste Entwicklung der christlichen Religion in Rußland kann die Furcht wecken, daß auch dort die Kirche Schritt für Schritt vom Staat aufgesogen wird. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung bekennt sich heute zur Orthodoxie, mit steigender Tendenz. Unterstützt von den Fernsehnachrichten sind etwa kirchliche Feiertage Feste des täglichen Lebens. In Stadt und Land werden neue Gotteshäu-ser errichtet und alte renoviert. Die Rechristianisierung der Gesellschaft vollzog sich mit Riesenschritten. Doch es verliert sich der landübergreifende universale Charakter des Christentums; Christsein erscheint als Teil des nationalen Wesens: Ein Russe ist ohne jede Entscheidung in Eigenverantwortung Glied der orthodo-xen Kirche. Volks- und Kirchenzugehörigkeit fallen zusammen. Der Glaube wird nicht selten zur Nebensache, so daß sich bei soziologischen Untersuchun-gen viele Russen zugleich als orthodox und als atheistisch bezeichnen.

Konkurrierende Konfessionen wie Baptisten, Pfingstler und Katholiken kommen in Mißkredit – und werden oft schikaniert. Die traditionelle Staatstreue der russi-schen Orthodoxie hat einen langen Arm. Als wirksamster Hebel bewährt sich die zugeschaltete staatliche Administration. Zwar erklärt die Verfassung Rußland zu einem säkularen Staat, und Präsident Putin – seit einiger Zeit selbst ein frommer Christ – scheint anderen Konfessionen und Religionen Raum sichern zu wollen. Doch für sein Projekt, aus Rußland ein ausschließlich vom Kreml kontrolliertes Land zu machen, kann er letztlich allein auf die Kirche der Moskauer Patriarcha-te zählen. Russische Soldaten werden seit Jahren von orthodoxen Priestern be-treut. Die Armee muß angeblich die Gemeinden der Rechtgläubigen verteidigen; Kriegsdienstverweigerung wird von der Kirche nicht unterstützt. Der Tsche-tschenien-Feldzug fand selbst bei den Greueln von Beslan offenbar keinen kriti-schen Kommentar seitens der Orthodoxie. Erst vor einigen Monaten empfing Präsident Putin – so berichtete die Presse – Teilnehmer der in Moskau tagenden Bischofssynode der Orthodoxen Kirche im Kreml.

Deutschland

Christliche Religion ist hier und dort in Europa dabei, durch den Staat absorbiert zu werden. Thomas Hobbes, der englische Gesellschaftsphilosoph, der ihn im 18. Jahrhundert mit der alles verschlingenden Macht eines Leviatans ausstatten woll-te, findet in zeitgenössischen Nachzüglern noch Schüler. Und auch in unserm Vaterland setzen da und dort Politiker ihre in der Öffentlichkeit erworbene Repu-tation dazu ein, sich in kirchliche Entscheidungen einzumischen und pastorales Wasser auf ihre Mühlen zu leiten. Doch die eigentliche Bedrohung macht der Protestant Henning Ritter in seiner Analyse nicht im Zugriff des Staates auf die Kirche aus. Für ihn liegt sie vielmehr darin, daß in unserm Land das Christentum „durch Erosion des Milieus“ zerfällt. Viele seiner Beobachtungen zur evangeli-schen Kirche lassen sich auch beim katholischen Christentum in Deutschland leicht finden. Christsein verschwindet als erkennbare Lebensform. Prägte bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die religiöse Überzeugung den Alltag vieler Deutscher und hatte diese allerlei säkulare Formen als Lebenshilfe ausgeprägt, so läßt sie sich gegenwärtig in der Familie, in der Einstellung zur Arbeit, zur Muße, zu Festlichkeiten oder zu Schicksalsschlägen nicht mehr ausmachen. Der Glaube verwandelt kaum noch als leuchtendes Licht den Alltag. Klassisch hat das vor Jahren schon ein Denker ausgedrückt: „Die Gegenwart ist so ruhig atheistisch, daß man über Gott gar nicht mehr zu diskutieren braucht.“ Bis in unsern Wort-gebrauch reicht die Vertreibung christlich wertender Momente. Wir reden sozio-logisch-neutral. Abtreibung etwa wird entsühnt zur „Schwangerschaftsunterbre-chung“. Oder weniger bedrängend: Als ich im letzten Urlaub in Südtirol die herrliche Abteikirche des Klosters Neustift bei Brixen besuchte, bat man dort um Stille – nicht etwa wegen der Würde des Eucharistischen Herrn oder wegen der betenden Pilger, sondern weil sie einem „sakralen Raum“ entspräche.

Auch Nicht-Christen beobachten, wie unserer Sprache von religiösen Momenten purgiert wird. Kein geringerer als Jürgen Habermas machte in seiner Dankesre-de nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 14.10.2001 in der Frankfurter Paulskirche auf diese Tatsache aufmerksam. Er bezeichnete sich zunächst als „religiös unmusikalisch“. Er setzte sich dann ab von Immanuel Kant und seinem Versuch, das radikal Böse aus der biblischen Sprache in die Vernunftreligion zu übersetzen: „Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloß eliminieren, hinterlassen Irritationen. Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren.“ Und schließlich sagte er in einer bezeichnenden, zunächst leicht ironisch klingenden These: „Es gibt den Teufel nicht, aber der gefallene Erzengel treibt nach wie vor sein Unwesen – im ver-kehrten Guten der monströsen Tat, aber auch im ungezügelten Vergeltungsdrang, der ihr auf dem Fuße folgt.“

Wie sich diese Erosion auch bei uns Katholiken in Zahlen niederschlägt – etwa in den Umfragen zum Kirchenbesuch, zum Taufbegehren, zur Eheschließung und zur Ehescheidung – ist kein Geheimnis. Nur einige Daten zum Besuch des katholischen Sonntagsgottesdienstes: 1950: 53,8%; 1975: 32,7%; 1994: 19,2%; 2000: 16,5%. In einem langen Prozeß hat sich die Gesellschaft von der Religion emanzipiert und sich gleichsam auf ihre eigenen Beine gestellt; christlich gepräg-ter Lebensweise begegnet man nur noch in Beschreibungen der Vergangenheit.

In dieser Situation wird der Glaube des einzelnen nur zu gern dem institutionel-len Konsens untergeordnet. Geistliche Neuaufbrüche – auch Geistliche Bewe-gungen genannt – stoßen auf Reserve. Sie sind – auch in kirchlichen Medien – häufig allenfalls geduldet. Laien fürchten angesichts der freiwilligen Helfer viel-leicht um ihre besoldeten Dienststellen. Amtlich Verantwortliche möchten of-fenbar niemanden überfordern und setzen daher auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Glaubensanspruchs. Darum zielen ihre Stellungnahmen weniger auf Glaubensvertiefung als auf gesellschaftliche Themen wie Arbeit, Friede, Bio-ethik und Gerechtigkeit. H. Ritter verweist auf die Interpretation der letzten „Mitgliedschaftsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Diese wün-sche offenbar, daß die kleinen Gruppen überzeugter Christen das Klima der Kirche weniger bestimmten, damit fernstehende Schichten erfolgreich angespro-chen werden könnten. Die Feststellung, daß die Kirchenmitglieder in Glaubens-überzeugung und -praxis mit den Konfessionslosen weitgehend übereinstimm-ten, werde nicht als beunruhigend, sondern als beruhigend gewertet, offenbar weil so die immer wieder warnend beschworene „Nischenexistenz“ der Kirche verhindert werden könnte. Die skeptische Schlußbemerkung des Autors möchte ich hier nicht vorenthalten: Erfahrungen wiesen darauf hin, daß sich Religionen im allgemeinen nicht aus kirchlicher Bürokratie heraus erneuerten.

Frankreich

Ein Schlaglicht für die ziemlich bedrückende Bilanz der Christenheit in Europa muß noch auf Frankreich treffen. Die Glaubensgemeinschaft dort nannte sich früher stolz „die älteste Tochter der Kirche“. Heute ist in ihr der beschriebene Säkularismus mindestens so virulent wie in unserm Vaterland. Zu diesem gesellt sich eine weitere Kraft, die das Christentum schwächt: die ethnisch-kulturelle Unterwanderung. Bei der Bischofssynode zum Thema „Europa“ 1999 mit dem Papst in Rom wurde diese von einem Auditor in dramatischer Weise geschildert.

Alain Besançon, Mitglied der hochgeachteten „Académie des Sciences Morales et Politiques“ des „Institut de France“ in Paris, konfrontierte mit der Überflutung seines Landes durch den Islam: Moschee und Koran verbreiten sich kontinuier-lich durch Immigration und vielleicht eines Tages sogar durch die Konversion der angestammten Europäer. Es gäbe gewiß überhaupt keinen Grund, die Armen zu kritisieren, die eine Verbesserung ihrer Lebensqualität suchen. Doch die Eu-ropäer blieben nicht Herr im eigenen Hause. Neben den Einwanderern trüge die Geburtenrate zu einem wachsenden Ungleichgewicht der Bevölkerung bei: Den Moslems werden viele Kinder geboren, die Europäer praktizieren die Abtrei-bung. Allein in Frankreich leben mehr als vier Millionen Mohammedaner, und die Demographen sagen für das erste Viertel dieses Jahrhunderts einen Anteil von 20% der Gesamtbevölkerung voraus.

A. Besançon brachte als Historiker über das Miteinander des Islam mit dem christlichen Glauben folgende Erfahrung ein: Friedliche Koexistenz habe nie-mals lange gedauert. Er verwies auf die Vertreibung des Islam aus Spanien und vom Balkan. Andererseits verschwand mit dem Vordringen der Moslems das Christentum relativ rasch aus Afrika und aus dem Nahen Osten. Man könne sich leicht vorstellen, daß die massive Präsenz des Islam in Europa nicht fortschrei-tendes Verständnis füreinander und eine gesunde Vermischung zur Folge hätten. Dazu käme, daß Kirche und Christen mit der sich verstärkenden Unsicherheit über ihre Identität und Sendung der heraufziehenden Auseinandersetzung kaum gewachsen wären. Ein französischer Erzbischof hätte ihm gesagt, er rechne da-mit, daß etwa 2% der Katholiken seiner Diözese regelmäßig am Sonntagsgottes-dienst teilnähme. In dessen Diözese erreiche nun die Anzahl der Mohammedaner jedoch etwa 15%. Daraus wäre zu schließen, daß das Verhältnis praktizierter Religion zwischen Christentum und Islam in diesem Gebiet Frankreichs schon gleich wäre.

Das 20. Jahrhundert hat äußerst gewalttätige Ideologien wie den Nazismus und den Kommunismus hervorgebracht. Heute wissen wir, daß zeitige Aufmerksam-keit manches hätte abwenden können. Gewiß fordert uns die Bibel zur Nächsten-liebe auf. Aber was etwa für Asylgewährung gilt, muß noch nicht für den Abfall eines christlich geprägten Landes an eine neue Religion richtig sein. Hirt und Herde haben die Wahrheit zu verteidigen. Als die Barbaren in der ausgehenden Antike auf dem Vormarsch waren, bekamen Bischöfe gelegentlich den Ehrentitel Defensor civitatis zugesprochen, einfach weil sie Freiheit und Bürgerschaft ver-teidigten. Sie könnten – so Monsieur Besançon – ihn sich heute neu verdienen.

Dieser Beitrag der Bischofssynode macht den schwankenden Boden bewußt, auf den sich die europäische Kultur künftiger Generationen stützt. Oder ist es Pa-nikmache, von einer subtilen Unterwanderung zu sprechen; von einer Unterspü-lung des christlichen Humanismus – so wie vor einiger Zeit unter einem säuberlich asphaltierten Straßenabschnitt in München die Strecke einbrach und der gähnende Hohlraum sichtbar wurde, der sich seit langem dort unentdeckt gebildet hatte?

Hochschätzung des Christentums – nicht nur für andere

Pragmatiker möchten nun geneigt sein, die erwähnten Zeichen der Auszehrung des Christentums administrativ abzuwehren. Sie möchten die Zuwanderungsge-setze ändern, die nicht-christlichen Religionen administrativ bändigen, vom Staat die Förderung abendländischer Kultur einklagen, den Vorrang des geweihten Amtes für die Leitung der Gemeinden in Erinnerung bringen, zu Protesten gegen die Verbannung des Kreuzes aus den Klassenräumen aufrufen und auf Freiräume in Schulen für Lehrer und Lehrerinnen im Ordenskleid bestehen. Niemand wird die Sinnhaftigkeit der genannten Reaktionen auf den Religionsverlust in Europa bezweifeln. Doch reichen sie nicht aus, weil sie lediglich gesellschaftspolitisch ansetzen. Nur zu oft sind sie wie Samenkörner, die die Krähen der Zeit aufpicken werden, weil die Egge diese nicht unter den Boden brachte. Wir müssen – mit andern Worten – tiefer graben.

Oder verspricht etwa folgendes Verständnis von Christentum mehr Christlichkeit für Europa? Schon vor Jahren veröffentlichte der Bielefelder Soziologe Franz-Xaver Kaufmann eine Studie über „Ethos und Religion für Führungskräfte“, in Auftrag gegeben vom Arbeitskreis für Führungskräfte in der Wirtschaft, Mün-chen 1986. Der Autor stützt sich auf Statistiken und Tiefeninterviews. Es genügt, auf den Abschnitt über die Wertung des Glaubens in der gegenwärtigen Gesell-schaft hinzuweisen.

Er prägte den Titel „Hochschätzung des Christentums – für andere“. Darin schil-dert etwa ein vierzigjähriger Wirtschaftsberater seine eigene religiöse Entwick-lung: „Ich bin ziemlich katholisch erzogen worden. Das hat dann eigentlich nach dem 30. Lebensjahr abgenommen. Ich gehe viel weniger oder gar nicht in die Kirche, was für einen Katholiken bedeutet: nicht zu den Sakramenten … Das fällt irgendwie zusammen mit einer sehr viel intensiveren Beschäftigung mit der beruflichen Welt, in der ich stehe; nicht einfach im Bereich der Beratung, son-dern mit der Welt eines Managers in der Firma, wo solche Dinge eigentlich ü-berhaupt keinen Platz finden.“

Solche Selbstbeobachtungen stehen für die Auffassung vieler Zeitgenossen. Und in der Zusammenfassung des Abschnitts heißt es, man sei allgemein überzeugt, die Menschen bräuchten Religion und man möchte für „die anderen“ das Chris-tentum lebendig erhalten. Für sich selbst aber glaubt man, ohne eine religiöse Bindung auskommen zu können oder zu müssen.

Die hochproblematische Schlußfolgerung dieses Befundes liegt auf der Hand. Der Autor schreibt: „Ein Christentum, das nur deswegen hochgeschätzt wird, weil es die religiösen Bedürfnisse ‚der anderen’ erfüllt, aber nicht von den ein-zelnen selbst … mit innerer Überzeugung vertreten oder gar gelebt wird, dürfte auf die Dauer zu gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit absinken.“

Wir werden abstreiten, daß ein derartig extremes Mißverständnis von Christsein für uns gilt. Dennoch ist es gut, es zur Kenntnis zu nehmen; wer sich Sorgen macht um das christliche Gesicht Europas, denkt ja gewöhnlich nicht zuerst an sich selbst, sondern schaut auf die andern. So müssen wir denn unbedingt in eine andere Perspektive eintreten, wenn wir unserm Thema gerecht werden wollen. Einmal ist die Ekklesiozentrik gegen die Christozentrik zu tauschen. Kirche steht ja im Dienst; sie ist sich selbst nicht genug, sondern hat ihren Herrn zu verkündi-gen. Außerdem reicht die sachlich-distanzierte Sicht der Soziologie nicht hin. Personale Kategorien sind zu wählen – und zwar solche, die uns selbst einbezie-hen. Gottes Wort und Heilstun, die Christlichkeit hervorbringen, richten sich unleugbar an Personen. Sie werden erst greifbar, wenn der einzelne Mensch sich von ihnen erfassen läßt und sie lebt. Nur als zutiefst existentielle Bestimmung sind sie recht verstanden. Christus redet den Menschen ja immer auf seine Ent-scheidung hin an.

Wer ist ein Christ?

Damit ist unser so akademisch klingendes Thema zu einer katechetischen Her-ausforderung geworden. Beschaulichkeit ist in Anspruch umgeschlagen, der nur skizzenhaft behandelt werden kann. (Hans Urs von Balthasar)

Der Christ erhält seinen Namen von Christus. Dieser Namensgeber hat in allem den Vorrang. Die Erlösung ist sein Werk. Alles, was wir tun, selbst wenn wir Antwort auf sein Heilstun geben, ist zunächst Passivität, kündet in unserem Zeugnis Jesu Aktivität. Zeugnisgabe für ihn ist der rote Faden für all unser christliches Sein und Tun. Ferner ist zu beachten: Christus hat nicht nur vor den Menschen gelebt und gehandelt. Er ist mit ihnen gegangen und lädt sie ein, mit ihm zu gehen. „Folge mir nach!“ (Mk 2,14) So stiftet er ein Meister-Jünger-Verhältnis; der Jünger wird durch sein „Folgen“ in die innere Welt des Meisters eingelassen und geistig eingeführt. Die Stationen des jüngerhaften Mitseins mit dem Herrn sind bekannt, aber bei unseren Überlegungen nicht zu überspringen – schon deshalb, weil sie zunehmend vergessen werden: Wandern und Predigt, Heilungen und Wunder, Streit und Verfolgung, Kreuz, Tod und Sieg über die Sünde in der Auferstehung.

Auch heute drängt solches Mitsein im denkenden Nachvollzug. Im Hören des Wortes und der Feier der Sakramente gelangt es auf eine neue Stufe größerer Innigkeit mit dem Herrn: auf das Insein und die Einheit mit ihm und seinem Erlösungswerk. So wird er zum überdauernden, einer jeden Weltzeit gegenwärti-gen Leben. Auf dieses Einssein mit ihm durch In-sein – wie er eins ist mit dem Vater – setzt Christus seine Hoffnung für die Außenstehenden; daran soll die Welt seine göttliche Sendung erkennen. Die Jünger, von ihm gesandt zum Zeug-nis, schöpfen die Kraft aus dem Glaubensbewußtsein ihres In-seins „im Herrn“ und seines In-Seins in ihnen. Wie es Paulus von sich erklärt. „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir.“ (Gal 2,19)

Es scheint paradox: Sofern Jünger Zeugnis geben von Jesu einzigartigem Gewe-sensein vor ihnen, bleibt er mitseiend mit ihnen. Das ist noch nicht alles: Je mehr er mit ihnen ist und sie von seinem Leben lehren, desto mehr gehen ihnen die Augen für seine Einzigkeit auf. Glaubwürdigkeit und Zeugnis sind darum die Stichworte, die dem Evangelium auch heute sein Echo verschaffen. Auf sie war-ten die Suchenden. Glaubwürdigkeit und Zeugnis lassen erfahren, daß Christen-tum – anders als es der Gehirnforscher Singer beim Geburtstagsvortrag für Ange-la Merkel unwidersprochen der CDU vorhielt – daß Christentum ein Licht auch für das 21. Jahrhundert ist. Und wem immer Christen den Weg mit Ehrfurcht vor der Würde des andern und mit Feinfühligkeit erleuchten konnten, der bleibt ihnen treu verbunden. Die Freude des Boten liegt im Dank, der in den Hörern der Botschaft aufbricht.

Mitsein und Nachfolge schulen zum Christsein. Dabei ist „ein Sklave nicht über seinem Herrn“. Haben sie den Herrn Beelzebub genannt, so werden sie auch gegenüber seinen Jüngern nicht mit Ablehnung sparen (vgl. Mt 10,24f.). Jesus erwartet Teilnahme an seinem Los. Anhänglichkeit an ihn ist mehr als Vasallen-treue: Sie ist Glaube. Ihr Herr geht den Weg voran in absoluter Auslieferung an den Willen des Vaters. Unter Tränen und Blutschweiß ist er ihm am Ölberg gehorsam. Er realisiert den souveränen Liebesentschluß, an der eigenen Gottes-gestalt nicht ängstlich festzuhalten (vgl. Phil 2), sondern sich in die Anonymität eines unscheinbaren Einzellebens, ja in den schmachvollen Tod hinzugeben. Auf unserer Seite trägt diese Selbstüberantwortung im Gehorsam den Namen „Glau-be“. Er fängt die Kraft von Jesu Beispiel und Vorbild gnadenhaft auf. Bindung an Christus verlockt uns zu dem Versuch einer Antwort: „Ich glaube; Herr, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) Wer ist also ein Christ? Jemand, der „aus dem Glauben lebt“ – wie Paulus sagt (Rö 1,17). Er hat seine ganze Existenz auf die eine Chance gestellt, die ihm Christus, für uns alle gehorsam bis zum Kreuz, eröffnet hat; er nimmt teil an Jesu gehorsamem Jawort Gott gegenüber, das die Welt erlöst.

Christi Akt des Gehorsams vollzieht eine Sendung; sie nimmt eine Bewegung auf. Daß der Herr überhaupt unter uns ist, rührt her aus der liebenden Zuwen-dung des Vaters, der seinen Sohn für uns „dahingab“ (Joh 3,16). In diesem „Da-hin“ liegt das Geopfertsein vom Vater her und die grundlose Liebe des Hinge-benden zu uns Sündern – eine Liebe, die so grundlos ist, daß Paulus nicht an-steht, sie „töricht, närrisch“ (vgl. 1 Kor 1,23) zu nennen. So bezeugt denn der dem Vater und dem Sohn gemeinsame Geist durch die Geschichte der Welt hin eine grundlos-närrische, ewig unverfügbare, weiterdrängende Liebe.

Zeitzeugen und Heilige

Christsein zielt fraglos und zu Recht auf eine Gesellschaftsordnung, die dem Menschen und seiner Würde dient. Aber es reicht weit über dieses Ziel hinaus. Der Stifter des Christentums hat das Modell christlicher Existenz geprägt; Jesus stellt den Maßstab des Glaubens her und zur Verfügung. Wenn Gott darum auch durch viele Zeichen in Geschichte und Gesellschaft bruchstückhaft in der Welt seiner Geschöpfe aufleuchten und erkannt werden kann, so entspringt doch in der Nachfolge Christi sein maßgebendes Erscheinen einer einzigen Möglichkeit: Daß ein freies Geistgeschöpf sein grenzenloses Ja sagte und sich bereiterklärte, so weit zu gehen, als Gott will; so weit gebraucht und verbraucht zu werden, als Gott für nötig befindet; so viel Raum freizugeben, als Gott beanspruchen will.

Diese Versicherung sollte nicht als fromme Spekulation abgetan werden. Es gibt die Menschen, die es im Laufe ihres Lebens lernten, sich Gottes Willen uneinge-schränkt auszuliefern – nicht als mythisch verklärte Gestalten der grauen Vor-zeit, sondern als Menschen unserer Tage; nicht steril und wohlbehütet in klimati-sierten Kammern, sondern mit erstaunlichen Impulsen für Kirche und Gesell-schaft. Ich denke etwa an Kardinal von Galen, der im Jahr 2005 seliggesprochen wird – einer, der sich im Dritten Reich zitternd und um des Gebotes Gottes wil-len zum Widerstand entschloß, und dessen Botschaften vielen Verzagten an der Front und in der Heimat Mut und Trost brachten. An Robert Schuman, der aus Glauben umsichtig und weitsichtig den Frieden Frankreichs mit Deutschland und die Einigung Europas grundlegte. An Mutter Teresa, die die Verläßlichkeit des Evangeliums neu bekundete aus der innigen Verbindung mit Jesus in der Eucha-ristie. An unsern gegenwärtigen Papst, der täglich im intensiven Gebet – ich weiß das aus persönlicher Erfahrung – um seinen Auftrag ringt und ohne den – wie selbst Gorbatschow versicherte – die Berliner Mauer nicht gefallen wäre.

Aufbruch aus dem Ja zu Gottes Willen

Über die genannten Zeitzeugen hinaus müßten all die erwähnt werden, die in der Vergangenheit nach dieser Regel Christen um sich sammelten und in der Kirche Erneuerungsbewegungen stifteten. Hier können wir gewiß nicht den Hl. Domini-kus übersehen, den Hl. Franz von Assisi: die Mendikanten, die vom Mittelalter bis heute Kirche und Menschheit von Christus her zum Besseren antrieben. Und denen in den sog. „Geistlichen Bewegungen“ des 20. Jahrhunderts jüngere Brü-der und Schwestern zugewachsen sind. Auch sie muß ich erwähnen, zumal ich 15 Jahre lang ihnen im Päpstlichen Rat für die Laien zugeordnet war, sie kennen wie schätzen lernte und ihnen half, Ort und Akzeptanz in der Kirchenstruktur zu finden. Eingangs mußte ich schon darauf hinweisen, daß eine „Mitgliedsstudie der evangelischen Kirche in Deutschland“ sich von Gruppen mit evangeliums-gemäßen Lebensstil eher distanziert. Katholiken reagieren oft genug nicht an-ders. In den kirchlichen Medien werden diese Neuaufbrüche eher übergangen. Bei Laiengremien und Katholischen Verbänden stößt ihre Aktivität keineswegs auf Wohlwollen. Manche geweihte Hirten – ob in Deutschland oder im Vatikan – brauchen mindestens sehr lange Zeit, damit sie sich diesen Störenfrieden öff-nen und die Chance erkennen, die Gottes Geist in ihnen bereithält. Lediglich im römischen Papst fanden und finden sie immer einen treuen Verteidiger. Auch schrieben und schreiben sie Kirchengeschichte.

Da ist beispielsweise die Gruppe „Comunione e liberazione – Gemeinschaft und Befreiung“ (CL), ins Leben gerufen von dem italienischen Priester und Philoso-phen Luigi Giussani aus Mailand. Sie entstand um 1950 und stellt sich der Auf-gabe, die Glieder der Kirche für den Weltauftrag zu rüsten. Heute erreicht sie in ihren verschiedenen Gliederungen mehr als 100.000 Christen in 25 Ländern der Erde. In ihren Reihen hat sich eine Art Säkularinstitut gebildet: Junge Männer oder junge Frauen binden sich an den Herrn, indem sie die evangelischen Räte der Armut, der Jungfräulichkeit und des Gehorsams versprechen und diese Bin-dung in Fortführung ihres weltlichen Berufs leben. Nicht einmal zwanzig Jahre alt ist dieser Zweig von „Comunione e liberazione“ und umfaßt gegenwärtig mehr als 2000 Anhänger – in einer Zeit, die allgemein als arm an geistlichen Berufen gilt. Interessant ist ferner die Initiative von CL, die dem deutschen Ka-tholikentag ähnelt, aber allein von dieser Bewegung ausgerichtet und finanziert wird: das „Treffen der Freundschaft unter den Völkern“. Es findet jährlich im Sommer in Rimini statt und bekundet, daß die Kirche keine Berührungsängste hat gegenüber der Welt der Politik und Kultur, der Wirtschaft und der Werbung. In den klimatisierten Messehallen am Rande der bekannten Badestrände dräng-ten sich im letzten Jahr wieder eine Woche lang insgesamt 700.000 vorwiegend junge Besucher und schufen eine kulturelle Alternative zum „Teutonengrill der Sonnenhungrigen“. Mit solchen und vielen andern Aktivitäten zielt CL an, Christus als Sinn des menschlichen Lebens und als Schlüssel für das Verständnis des Daseins den Zeitgenossen nahezubringen.

Eine andere Gruppe ist die Bewegung der Focolare. Sie stammt ebenfalls aus Italien und wurde in den Wirren des 2. Weltkriegs in Trient von Chiara Lubich gegründet. Ihren stärksten Impuls erhielt sie durch das Herrenwort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Auch diese Bewegung möchte demnach den Menschen unserer Zeit für Christus gewinnen und spricht dessen Sehnsucht nach gegenseitigem Verständ-nis und nach Einheit mit andern an. Auch das Werk von Chiara Lubich traf in unserm Jahrhundert auf ein eindrucksvolles Echo. Es umfaßt inzwischen etwa 2,5 Millionen Mitglieder und Sympathisanten in aller Welt und strahlt auch auf die Adhärenten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften aus. Sogar Nichtchristen wie Juden, Mohammedaner, Buddhisten und Hindus lassen sich vom Focolare inspirieren. Die Gründerin deutet jeden Monat einen Vers aus der Heiligen Schrift; das „Wort des Lebens“, dessen Verbreitung ein Anzeichen für den geistlichen Einfluß dieser Bewegung ist: Es wird in 95 Sprachen übersetzt und erreicht über die unterschiedlichsten Medien gegen 14 Millionen Menschen.

Wenn die Impulse angesprochen werden, die die Kraft des Evangeliums und der Kirche auch auf den Zeitgenossen belegen, dann ist gleichfalls die Gemeinschaft des Neukatechumenats zu erwähnen. Sie entstand gegen Ende des Vaticanum II durch den spanischen Maler Kiko Arguello, also gegen 1965. Diese Gruppe wur-de angestoßen durch die Tatsache, daß in der Zeit der frühen Kirche der Taufe ein langes, anspruchsvolles Katechumenat vorausging, das diesem Sakrament eine hohe existentielle Bedeutung und große missionarische Wirkung gab. Heute sind wir hingegen fast alle als Babies mit der Taufgnade beschenkt worden, so daß für viele ihr Wert verblaßte. Eine intensive Glaubensschule in kleinen pfarr-gemeindlichen Gruppen soll darum den Rang der Taufe durch die Wiederholung der Etappen ihrer Vorbereitung erschließen. Und es zeigen sich erstaunliche Früchte: Weltweit hat diese Gemeinschaft seit Ende des Konzils ungefähr eine halbe Million Christen für diese Glaubensvertiefung gewonnen. Mehr als 50 Bischöfe in aller Welt haben darum gebeten, daß das Neukatechumenat in ihrer Diözese ein Priesterseminar errichtet, so daß aus allen Seminaren zusammen inzwischen etwa 833 Diözesanpriester hervorgegangen sind und sich gegenwär-tig 1500 Seminaristen auf das Sakrament der Weihe vorbereiten.

Zu den drei knapp umrissenen kirchlichen Neuaufbrüchen gesellen sich ver-schiedene andere, die nur mehr benannt werden können: Sant'Egidio, gegründet in Rom, die Schönstatt-Bewegung von P. Kentenich, die Cursillos und das Opus Dei aus Spanien, die Oasi aus Polen und die Arche des Jean Vanier. Ferner dür-fen die Lebensgemeinschaften und Gebetsgruppen der Katholischen Charismati-schen Gemeinde-Erneuerung nicht vergessen werden, die in den USA ihren Anfang nahmen, vielen Millionen von Katholiken den Zugang zu Christus, sei-nem Geist und seinem Wort erschlossen haben und in manchen Regionen der Welt besonders nötig sind, der Abwanderung von Kirchengliedern in die Sekten zu wehren.

„Im Winter wächst das Brot“. Diesen Titel hat die große katholische Frau Ida Friderike Görres einer ihrer Publikationen gegeben. Der Satz hält fest, daß Glaube zur Erneuerung Zeit und Stille braucht. Nur sorgsame Beobachtung und lernwillige Augen nehmen wahr, daß neues Leben bereits auf dem Weg ist.

Manchmal verdichtet es sich sogar in unseren Tagen zu frühlingshaften Zeichen. Ich denke etwa an die Internationalen Jugendtage, die hier nicht zu erwähnen unverzeihlich wäre – zumal das Kölner Treffen des Papstes mit den Jugendlichen vor der Tür steht und sie ferner nur dank der genannten Bewegungen entstanden sind. Diese Versicherung gebe ich als Zeitzeuge und als Mitinitiator des 1. Ju-gendtages 1984 in Rom.

Es waren Mitglieder der Geistlichen Bewegungen, die mir die Idee vortrugen, und der Hl. Vater machte sie sich gleich zu eigen. Dann nahm er den anschwel-lenden Strom freudig als Fingerzeig Gottes und stiftete sie definitiv 1985. Er ließ dabei keinen Zweifel an seiner Hochschätzung der neuen geistlichen Impulse für die Kirche. In seinem ausführlichen Interview „Die Schwelle der Hoffnung über-schreiten“ von 1994 sagt er: „Obwohl es immer noch zu wenig Priester und Be-rufungen gibt, erwachen und wachsen Bewegungen mit religiösem Charakter. Sie entstehen auf einer etwas anderen Grundlage als die früheren katholischen Verbände, die eher sozialen Charakter hatten und, inspiriert von der diesbezügli-chen kirchlichen Lehre, die Umwandlung der Gesellschaft und die Wiederher-stellung der sozialen Gerechtigkeit anstrebten … Die neuen Bewegungen hinge-gen sind eher auf eine Erneuerung der Person ausgerichtet … Das traditionelle quantitative Modell verwandelt sich in ein neues, eher qualitatives Modell. Sie setzen oft genug in diesem Sinne fort, was in der Vergangenheit hauptsächlich von den Ordensgemeinschaften beabsichtigt wurde.“

Anmerkung

Der Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den der Verf. beim 59. Buß- und Bettagsge-spräch des „Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg“ am 17. November 2004 in Bonn gehalten hat.

Literatur

H. U. von Balthasar: Wer ist ein Christ? 5. Aufl. Freiburg 1993.

P. J. Cordes: Nicht immer das alte Lied. Paderborn 1999.

Kaufmann, Kerber, Zulehner: Ethos und Religion bei Führungskräften. München 1986.

Erzbischof Dr. Paul-Josef Cordes ist Präsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ in Rom.

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