Jahrgang 59
Nr. 1/2005 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Maridi el Nahas

Kopftuch als Kulturkampf

Die von islamischen Extremisten ausgehende Gewalt hat zweifellos ihren un-heilvollen Schatten über die seit Monaten in Europa geführte Kopftuch-Debatte geworfen. Nur so läßt sich erklären, warum so viele in der westlichen Welt die Botschaft der Kopfbedeckung verkennen – besonders, wenn es sich um gebildete oder berufstätige muslimische Frauen handelt, die sich dafür freiwillig und indi-viduell entscheiden.

Bei der jüngsten Diskussion, ausgelöst durch die Entscheidung des französischen Präsidenten, das Kopftuchtragen in den Schulen zu verbieten, und die darauffol-genden gesetzlichen Verbote in drei Bundesländern (im Anschluß an das Urteil des Bundesverfassungsgericht vom September 2003), sind die Klänge des „Kampfs der Kulturen“ nicht zu überhören.

Eine Mehrheit von Politikern verschiedener Schattierungen sowie Religions- und Meinungsführer, z. B. Bundestagspräsident Thierse, EKD-Bischof Huber, stell-vertretender CDU-Vorsitzender Böhr, betrachten das Kopftuch als quasi Kampfansage an die freiheitliche, demokratische Gesellschaftsordnung und halten es für eine Bedrohung der Verfassung. Man unterstellt Kopftuchträgerin-nen eine potentielle Identifizierung oder wenigstens Sympathie mit dem funda-mentalistischen Streben, einen Gottesstaat zu errichten.

Diese fundamentalistische Assoziation legt die Annahme nahe, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung der Frau (so denken, laut einer Allensbach-Umfrage vom 3.2.04 immerhin 53% der Bürger). Die These, das Kopftuch zeuge von einem rückständigen, repressiven Frauenbild und unterstreiche die minder-wertige, unterwürfige Stellung der Frau, mag die Haltung ungebildeter, traditi-onsverhafteter Frauen beziehungsweise eine bigotte Gruppe bezeichnen. Sie läßt aber außer acht die Beweggründe und Motive von jungen urbanen Musliminnen in Paris, Kairo, Berlin oder London, die das Kopftuch aus freien Stücken tragen und damit eine ganz andere Botschaft verkünden wollen.

Wir haben es hier nämlich mit Frauen zu tun, die allein durch ihr Auftreten, durch ihre Herausforderung des Status Quo und der herrschenden sozialen und kulturellen Bräuche die Parole von Unterdrückung und Zweitrangigkeit widerle-gen: Wer sich zu Passivität und Gehorsam bekennt, der greift nicht aktiv in das politische und juristische Geschehen ein, der fügt sich eher - oder schweigt.

Also müssen die Beweggründe für den Hijab – im Arabischen gibt es keinen Begriff für das Kopftuch; der Hijab kennzeichnet ein Gewand, das seine Träge-rin verschleiert – anderswo gesucht werden. Wovor will man sich verbergen, welchem Zugriff will man sich erwehren?

Meine These: Das Phänomen Kopftuch, wie es sich bei Frauen manifestiert, die sonst in ihrer Lebensführung und Einstellung durchaus als modern zu betrachten sind, hängt eng zusammen mit der wahrgenommenen fortschreitenden Libertina-ge der spätbürgerlichen Epoche. Man fühlt sich zutiefst verunsichert durch den Verfall von traditionellen Werte, insbesondere durch die allgegenwärtige Über-sexualisierung des öffentlichen Raumes und die damit einhergehende Lockerung der sexuellen Moral. Aus allen Poren der Werbung, der Mode, der Unterhaltung, fließt die Botschaft der Aufheizung, der Verführung, des Scharfmachens. Überall wird die stark entblößte, schwergeschminkte Frau als Sex-Objekt dargeboten. Kürzlich hat mir eine „unbekopftuchte“ Bekannte die rhetorische Frage gestellt, warum man wohl seinen Bauch bloßlegen, seine Haare dagegen nicht bedecken darf.

Der Versuch muslimischer Frauen, sich dieser öffentlichen Erotisierung zu ent-ziehen, teilweise mittels des altbackenen, traditionsverhafteten Symbols Kopf-tuch, ist insofern nicht weit entfernt von der feministischen Kritik, welche die Entwürdigung der Frau als Sex-Objekt anprangert. Da allerdings enden die Ge-meinsamkeiten der beiden Lager. Islamische Konservative weisen mehr Gemein-schaft mit der „Moral Majority“ auf als mit dem Feminismus.

Die bewußt ihre Reize verhüllende Frau ist allerdings weit davon entfernt, die Sexualität zu verachten. Die verschleierte Frau bejaht sogar die Sexualität, will aber, daß sie in einem traditionellen Rahmen bleibt. Das Kopftuchtragen ist also häufig eine Protestaktion, nicht gegen den Rechtsstaat, sondern gegen die ständig zur Schau gestellte Erotik und die hemmungslose Flirt-Kultur, wie sie z. B. von dem Fernsehsender MTV verkörpert wird.

Das ist im Grunde eine Position, mit der sich die Verfechter und Verfechterinnen von traditionellen christlichen und sogar jüdischen Werten durchaus anfreunden könnten. Schließlich kennt auch die jüdische Religion die Kopfbedeckung für verheiratete Frauen; der Reiz des entblößten Haar soll dem Ehemann vorbehalten sein.

Daß Frauen für Sittlichkeit eine Lanze brechen, kennt man auch aus der nicht allzu fernen europäischen Geschichte. Man denke nur an die Campagne europäi-scher Frauen gegen den „moralischen Verfall“ in Folge der revolutionären Um-wälzungen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Prägung des 19. Jahrhunderts als Zeitalter der Restauration trägt in nicht geringem Maße die Handschrift von Frauen. So haben die von Frauen lancierten philanthropischen Organisationen, wie die 1788 gegründete Société de Charité maternelle und die 1821 gegründete Societété de la morale chretienne und deren Nachfolgerin, die Société de Saint Francois-Regis, ihre Hilfeleistung und Wohltätigkeit stets mit dem Predigen und Propagieren von Sittlichkeit und Moral verbunden.

Prominente zeitgenössische Protestantinnen in England, zum Beispiel Hannah More und Sarah Ellis, betrachteten sich ebenso als Trägerinnen der Re-christianisierung der Gesellschaft. Sie glaubten, nur die Rückkehr zu christlichen Werten und Tugenden könne das Heil der durch wirtschaftlichen und sozialen Aufruhr verwahrlosten Gesellschaft herbeiführen.

Der Sieg der Restauration hat sich bekanntlich nicht nur in politischer und sozia-ler Sicht als kurzlebig erwiesen. Ein Wertekonsens, sei es auf christlicher oder säkularer Basis, konnte sich gegenüber einer fortwährend wühlenden, zersetzen-den Vernunft nicht behaupten. Das belegt deutlich die immer wieder beschwore-ne Sinnkrise. Der aufklärerische Individualismus hat in seinem unaufhaltsamen Vormarsch alle verbindlichen Instanzen unterhöhlt.

Besonders die Schwächung der bürgerlichen Gesellschaft hat die Ausstrahlungs-kraft und Glaubwürdigkeit der westlichen Gesellschaft und Kultur getrübt. So-lange die westlich geprägte Moderne eine klare bürgerliche Handschrift trug, konnte sich die islamische Mitte (von extremistischen Randgruppen abgesehen) mit ihr anfreunden, sogar sich für sie begeistern. Anfang des 20. Jahrhunderts haben viele Frauen, dem Beispiel der ägyptischen Frauenrechtlerin Hoda Shaa-rawi folgend, den Schleier jubelnd abgeworfen. Es sollten bessere Zeiten kom-men. Seither hat sich jedoch das westliche Gesellschaftsbild stark verändert. Spätestens seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts scheinen traditionelle Wertvorstellungen in der Familie und in der Sexualität immer weniger zu gelten. „Lockere“ Lebensstile und sittliche Anschauungen haben sich auf breiter Front durchgesetzt. Das hat potentielle Anhänger(innen) skeptisch, wenn nicht ableh-nend gestimmt. Für viele hat das „westliche Modell“ deshalb viel an seiner An-ziehungskraft eingebüßt.

Nicht der Wunsch nach Rückkehr an Heim und Herd, viel weniger die Absicht, einen Gottesstaat zu errichten, bilden den wahren Hintergrund der konservativen islamischen Tendenz, der das Kopftuch als Symbol dient. Es ist vielmehr ein Versuch, an den eigenen Werten festzuhalten in einer Zeit beispielloser sexueller Liberalisierung und Enttabuisierung. Dieses Beharren auf dem Recht, „keusch“ zu sein – die unverblümte Botschaft des Verhüllens, überhaupt die Bezugnahme auf religiöse Werte und Befolgung religiöser Gebote muß einer weitgehend sä-kularisierten, religionsverdrängenden Gesellschaft als befremdend, wenn nicht anachronistisch erscheinen. Deshalb wird die Kopftuch-Debatte wahrscheinlich nicht die letzte Auseinandersetzung sein im gegenwärtigen „Kampf der Kulturen“.

Dr. Maridi el Nahas Tönsmeise arbeitet als freie Publizistin in Bielefeld.

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