Jahrgang 59
Nr. 1/2005 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Hans Braun

Not als kollektive Erfahrung

Zur 60. Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkrieges

I. „Zeitzeugen“ in der deutschen Bevölkerung

Die weitaus meisten der in Deutschland lebenden Menschen wurden nach 1945 geboren. Auf der anderen Seite dürfte es aber auch heute noch gut 8,5 Millionen Menschen geben, die bei Kriegsende vierzehn Jahre oder älter waren. Und mehr als fünf Millionen dürften sogar neunzehn Jahre oder älter gewesen sein.1 Da in diesen Altersgruppen der Anteil der Zuwanderer sehr gering ist, kann davon ausgegangen werden, daß es sich hier um Zeitzeugen des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit handelt.

Die 60. Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkrieges ist ein Anlaß, sich noch einmal die kollektiven Erfahrungen dieser Menschen in Erinnerung zu rufen. Dabei handelt es sich im übrigen um Erfahrungen, die nicht nur für das Lebensgefühl der heute 80jährigen und älteren und der ihnen vorangegangenen Generationen bestim-mend waren, sondern die – sei es über persönliche Erzählungen, sei es im Unterricht, sei es über die Medien vermittelt – bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses der Deutschen sind.

II. Das Erleben des Kriegsendes

Zunächst einmal bedeutete das Kriegsende für die Menschen, nicht mehr der Gefahr ausgesetzt zu sein, Opfer von Kampfhandlungen bzw. von alliierten Luftangriffen zu werden. Was das bedeutete, brachte bei einer im Juni und Juli 1945 im Rahmen des United States Strategic Bombing Survey durchgeführten Befragung eine 25jährige Frau so zum Ausdruck: „Gestern gingen meine Schwester und ich auf die Felder, um Beeren zu pflücken. Einige Flugzeuge flogen über uns hinweg und wir bemerkten, wie schön es ist, daß man nicht mehr fürchten muß, sie würden uns angreifen.“2 Diese Erleichterung konnte, was uns vielfach heute gar nicht mehr bewußt ist, von einigen Teilen der Bevölkerung erheblich früher erfahren werden als von anderen. Schließlich lagen zwischen dem ersten Eindringen alliierter Truppen auf deutsches Gebiet am 11. September 1944 in der Eifel und der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 fast acht Monate. So öffnete etwa in Monschau, das am 15. September 1944 von den Amerikanern eingenommenen worden war, am Ende des Monats bereits wieder die Kreissparkasse.3 Die dort lebenden Menschen und die – allerdings nur noch wenigen – Einwohner der Stadt Aachen, die am 21. September 1944 aufge-geben worden war, hatten schon eine Phase der relativen Sicherheit hinter sich, als die Einwohner Dresdens und die in der Stadt weilenden Flüchtlinge noch Opfer der verheerenden Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 wurden.

Das befreiende Gefühl, nicht mehr der Gefahr von Kampfhandlungen und Luftan-griffen ausgesetzt zu sein, ging auf der anderen Seite zusammen mit dem Einmarsch alliierter Truppen. Die Erfahrungen, die die Deutschen dabei machten, waren unter-schiedlich. So sagten etwa im Juli 1950 bei einer Umfrage des Instituts für Demo-skopie Allensbach rückblickend 47 Prozent derjenigen, welche die Besetzung durch britische Truppen erlebt hatten, sie hätten wenig davon gemerkt. Wo die Besetzung durch amerikanische und französische Truppen erfolgte, war dies nur bei 36 bzw. 28 Prozent der Befragten der Fall. Von denjenigen, welche die Besetzung durch russi-sche Truppen erlebt hatten, sagten sogar nur vier Prozent, sie hätten davon nichts bemerkt.4

Unterschiedlich wurde verständlicherweise auch das Verhalten der an der Besetzung beteiligten Soldaten bewertet. Während etwa in der gleichen Umfrage 37 Prozent der Befragten das Verhalten der britischen Truppen als schlecht bezeichneten, waren die Erfahrungen beim Einmarsch der amerikanischen Truppen in 49 Prozent und beim Einmarsch der französischen Truppen in 65 Prozent der Fälle negativ. Die Besetzung durch sowjetische Truppen wurde schließlich von 95 Prozent der Betroffenen als negativ erlebt.5 Die bei der Besetzung gemachten Erfahrungen bestimmten teilweise auf lange Zeit hinaus die Einstellung zu den Besatzungsmächten. Dies war insbeson-dere dann der Fall, wenn die bei der Besetzung gemachten persönlichen Erfahrungen verstärkt wurden durch die Erfahrungen der aus alliierter Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurückgekehrten Ehemänner, Brüder, Väter und Söhne.

Nicht nur das Verhalten von Angehörigen der Besatzungstruppen wurde indessen von Teilen der deutschen Bevölkerung als belastend oder sogar als gefährlich erlebt, sondern auch das Verhalten von Fremdarbeitern, bei denen es sich in vielen Fällen faktisch ja um Zwangsarbeiter handelte. Diese waren mit dem Einmarsch der Alliier-ten aus den ihnen auferlegten Beschränkungen und teilweise erbärmlichen Lebens-umständen befreit worden. Es kam zu Übergriffen auf die deutsche Bevölkerung. Solche Übergriffe waren teils eine Reaktion auf die erfahrene demütigende Behand-lung, teils entsprangen sie krimineller Energie, teils waren sie ganz einfach Ausdruck der Notwendigkeit, das eigene Überleben zu sichern. Was immer aber die Gründe für das Verhalten waren, viele Deutsche sahen in den Fremdarbeitern eine Bedrohung.

Schließlich gehörte zum Erleben des Kriegsendes die Suche nach Angehörigen, Freunden und Bekannten. Überlebende teilten mit, wo sie sich aufhielten. Menschen, die den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren hatten, versuchten, bei deren ehema-ligen Nachbarn und Bekannten Auskunft über den Verbleib zu erhalten. Und dies erfolgte in einer Situation des weitgehenden Fehlens technischer Kommunikations-mittel auf ganz elementare Weise: durch persönliche Kontakte und durch die auf vielen zeitgenössischen Fotografien sichtbaren Zettel an den Ruinen zerstörter Häu-ser.

Erheblich erschwert wurde die Suche dadurch, daß durch die Auflagen der Besat-zungsmächte die Bewegungsfreiheit der Menschen erheblich eingeschränkt war. Zur Unsicherheit, welche die Menschen im Hinblick auf die Angehörigen der Besat-zungsmächte und die befreiten Fremdarbeiter empfanden, kam also vielfach die elementare Unsicherheit, die entsteht, wenn vertraute soziale Bezüge nicht mehr erfahrbar sind.

III. Der Kampf ums tägliche Überleben

In den veröffentlichten Berichten und den in persönlichen Gesprächen weitergegebe-nen Erinnerungen der Zeitzeugen nahm und nimmt bis heute der Kampf um das tägliche Überleben gewöhnlich einen besonders großen Raum ein. Neben diesen anschaulichen Quellen mit in der Regel lokalem Bezug verfügen wir aber auch über die Ergebnisse von Umfragen, die im Auftrag der Besatzungsmächte durchgeführt wurden, sowie über Statistiken alliierter Dienststellen und deutscher Behörden. Per-sönliche und lokal bezogene Erfahrungen lassen sich unter Rückgriff auf diese Daten in einen größeren Zusammenhang stellen. So befaßte sich etwa eine im Auftrag der amerikanischen Militärregierung im Oktober 1946 durchgeführte Umfrage mit den Sorgen der Deutschen. Dabei beklagten 36 Prozent der Befragten den Mangel an Nahrungsmitteln. Den Mangel an Kleidung und Schuhen nannten 23 Prozent der Befragten und die Arbeitslosigkeit 22 Prozent.6 In einer 1947 vorgenommenen Zu-sammenfassung verschiedener Umfragen wurde festgestellt, daß zwischen Novem-ber 1945 und April 1947 die Menschen über keinen Gegenstand so häufig sprachen wie über die Nahrungsversorgung. Die Bewohner von Städten kamen auf diesen Gegenstand sogar dreimal so häufig zu sprechen wie Bewohner ländlicher Gebiete.7 Bis Anfang 1948 nahm die Sorge um die Ernährungslage sogar noch zu.8

Die Ursachen für die schlechte Ernährungslage lagen im Verlust der agrarischen Ostgebiete sowie in den fehlenden Transportmöglichkeiten. Dazu kamen die kriegs-bedingten Bevölkerungsverschiebungen. Als besonders schwierig stellte sich die Situation in den Städten dar. Insbesondere in den Großstädten blühte der Handel mit Nahrungsmitteln auf dem Schwarzmarkt. Da die Menschen in den Großstädten kaum Gelegenheit hatten, durch eigenen Anbau den Nahrungskorb aufzufüllen, und da es immer wieder vorkam, daß selbst das, was ihnen laut Lebensmittelkarten zustand, wochenlang nicht verfügbar war, blieb ihnen häufig nichts anderes übrig, als das Lebensnotwendige entweder durch Hamstern im Umland oder auf dem Schwarz-markt zu erwerben. „Getauscht wurde dabei alles: Brot gegen Zigaretten (die eine besonders begehrte Tauschwährung darstellten), Schuhe gegen Butter, Hemden gegen Most, Fahrräder gegen Schweine, Silberbesteck gegen Kartoffeln, ja sogar Waren gegen Dienstleistungen wie drei Eier gegen eine Schuhreparatur.“9

In den Fällen, in denen noch Güter gegen Geld erworben wurden, reichten die Ein-kommen in aller Regel nicht aus, um das Lebensnotwendige zu hohen Preisen – einen Liter Milch für 30 RM, ein Dutzend Eier für 180 RM – zu erwerben.10 Schließ-lich betrug, wiederum einer amerikanischen Umfrage zufolge, das mittlere Familien-einkommen im Juli 1946 in der amerikanischen Zone 170 RM und in Westberlin 251 RM. Für Ernährung, Kleidung, Miete, Heizmaterial und für die notwendigsten Repa-raturen an den Häusern mußten in der amerikanischen Zone aber durchschnittlich 152 RM, in Westberlin 267 RM aufgewendet werden.11 Es ist durchaus verständlich, daß 39 Prozent der Bewohner der amerikanischen Zone und 48 Prozent der Bewoh-ner des amerikanischen und britischen Sektors von Berlin darüber klagten, daß das Familieneinkommen nicht ausreiche, um die Ausgaben für das tägliche Leben zu decken.12

Zu den Gruppen, die besonders schwer betroffen waren, gehörten die Vertriebenen und Flüchtlinge. Betroffen waren aber auch Familien, in denen eine Frau die Haupt¬ernährerin war, sowie ganz allgemein Arbeiterfamilien. Insbesondere wenn solche Familien den Grundbedarf auf dem Schwarzmarkt erwerben mußten, waren sie ge-zwungen, ihre persönliche Habe – Kleidung, Schuhe und Einrichtungsgegenstände – zu verkaufen. Die Ende 1945 schon prekäre Versorgungslage sollte sich in den fol-genden beiden Jahren im übrigen noch verstärken. Dies spiegelte sich ja auch in den Umfrageergebnissen wider. Für die Stadt Freiburg hieß dies etwa: „Wurde im De-zember 1945 und Januar 1946 immerhin noch ein Tagessatz von jeweils ca. 1330 Kalorien für Normalverbraucher festgestellt, obwohl dieser bereits um einiges unter der von der französischen Militärregierung festgesetzten Tagesration von 1550 blieb, konnte dieser Wert bis zum Dezember 1947 nicht mehr erreicht werden. In den Sommermonaten 1946 und 1947 betrug die tägliche Ration sogar lediglich zwischen 802 und 990 Kalorien.“13 Die daraus resultierende verbreitete Unterernährung führte zusammen mit fehlender Bekleidung und unzureichendem Wohnraum zu einem drastischen Ansteigen von Mangelkrankheiten. Dies führte dazu, daß schon im Laufe des Jahres 1946 „die Stimmung in der französischen Zone in einem bisher nicht gekannten Ausmaß gegen die Besatzungsmacht“ umschlug, „die es nicht geschafft hatte, einigermaßen erträgliche materielle Lebensbedingungen zu gewährleisten.“14 Die Versorgung mit Nahrungsmitteln wurde zeitweise zu einem solchen Problem, daß, wie Barbara Marshall schreibt, die britische Militärregierung sogar verbot, überhaupt darüber zu berichten.15

Als ein Beitrag zur Entschärfung der Lage waren die Hilfslieferungen aus dem Aus-land gedacht, darunter aus der Schweiz und Norwegen, vor allem aber aus den USA. Getragen wurde die amerikanische Hilfe unter anderem vom Hilfswerk der Quäker, von der National Catholic Welfare Conference und von der Cooperative for Ameri-can Remittances for Europe, wobei die letztere Organisation, bekannt unter dem Akronym CARE, im Bewußtsein der Bevölkerung für amerikanische Hilfslieferun-gen schlechthin stand und bis heute steht. Die Ernährungslage der deutschen Bevöl-kerung insgesamt wurde durch solche Hilfslieferungen indessen nur unerheblich beeinflußt. So hatten einer Umfrage vom Januar 1950 zufolge 80 Prozent der Be-wohner der amerikanischen Zone zwar von CARE-Paketen gehört, doch gaben le-diglich neun Prozent an, solche Pakete selbst erhalten zu haben.16 Größer als ihre praktische Bedeutung war denn wohl auch die psychologische Wirkung der Hilfslie-ferungen. Schließlich konnte hier ein Zeichen dafür gesehen werden, daß die Deut-schen, auch als Angehörige eines Landes, das einen Krieg vom Zaun gebrochen und verloren hatte, nicht alleine standen.

Zusätzlich zur alltäglichen Not mußten die Deutschen noch befürchten, daß sich die Chancen für eine Verbesserung ihrer Situation aufgrund der Demontagen langfristig sogar noch verschlechterten. Die Demontage deutscher Wirtschaftsanlagen war in einem Industrieplan der Alliierten aus dem Jahre 1946 festgelegt worden. Damit verband sich nicht nur die Absicht, die Kriegsgegner Deutschlands zu entschädigen, Ziel war auch, die deutsche Wirtschaftskraft zu beschränken. Dabei war der Bevölke-rung, wie Umfragen zeigten, durchaus bewußt, daß Deutschland für den Krieg zahlen müsse. Gegenüber den Entnahmen aus der laufenden Produktion, wie sie insbeson-dere in der Französischen Zone vorkamen, wurde die Demontage von Industrieanla-gen jedoch deshalb als besonders problematisch empfunden, weil dadurch Arbeits-plätze vernichtet wurden. Die Erbitterung der betroffenen Arbeiter war verständli-cherweise groß. Schließlich mußten sie mit ansehen, wie Anlagen, die von ihnen unter teilweise äußerst schwierigen Bedingungen wieder in Gang gebracht worden waren, unter ihren Augen zerlegt und abgebaut wurden. Dabei kam es auch zu Zu-sammenstößen mit den Besatzungsmächten, die Truppen zur Durchführung der Demontage einsetzen mußten. Das Tempo der Demontage nahm sogar noch zu, als sich im Jahre 1949 die Gründung eines westdeutschen Teilstaates abzeichnete. Wie wir heute wissen, waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Demontage lange nicht so groß, wie die Öffentlichkeit seinerzeit annahm und auch annehmen mußte. So soll die deutsche Produktionskapazität letztendlich nur um acht Prozent reduziert worden sein. Der Historiker Roy Willis sieht denn auch in der Demontage eher eine anhaltende Irritation als eine erhebliche Amputation.17 Diese Irritation beeinträchtigte aber das Lebensgefühl der Deutschen ganz erheblich und belastete auch das Verhält-nis zwischen Deutschen und Alliierten.

IV. Eine Bevölkerung in Bewegung

Während nach dem Ende des Krieges die aus den Städten und den Kampfgebieten evakuierten Menschen auf dem Weg in ihre angestammten Wohngebiete und die vom nationalsozialistischen Regime angeworbenen oder deportierten Fremdarbeiter auf dem Weg in ihre Heimat waren, strömten Millionen von Menschen von Osten nach Westen. So stellten im Oktober 1946 in der ersten Ausgabe dieser Zeitschrift Herausgeber, Schriftleiter und Verleger fest: „Eine zweite Völkerwanderung, unver-gleichlich gewaltiger und furchtbarer als die erste, hat eingesetzt.“18 Bis Ende 1945 gelangten in das Gebiet der westlichen Besatzungsmächte annähernd 2,5 Millionen Vertriebene.19 Es handelte sich bei ihnen um die Opfer der seit Juni 1945 betriebe-nen, aber noch recht unorganisiert durchgeführten Massenausweisung aus den deut-schen Ostgebieten. Ihnen folgen die Betroffenen der zweiten, organisierten Phase der Ausweisung. Der von den Alliierten am 29. Oktober 1946 durchgeführten Volkszäh-lung zufolge gab es in den vier Besatzungszonen fast 9,6 Millionen Heimatvertriebe-ne.20 Die Mehrheit der Vertriebenen, nämlich rund 5,9 Millionen, lebte in den West-zonen und in Westberlin.21 Da die Ausweisungen weiter anhielten und zudem entlas-sene Kriegsgefangene teilweise nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten, stieg die Zahl der Heimatvertriebenen auch in den nächsten Jahren an.

Die Ausweisung von Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße und aus den ost- und südosteuropäischen Siedlungsgebieten hatte weitreichende Auswir-kungen auf die Bevölkerungsstruktur in den vier Besatzungszonen. Der Zählung von 1946 zufolge verteilten sich die Vertriebenen ganz unterschiedlich auf die Besat-zungszonen. Den höchsten Anteil von Vertriebenen wies die sowjetische Zone auf. Dort machten die Vertriebenen fast 21 Prozent der Bevölkerung aus. Es folgten die amerikanische Zone mit gut 16 Prozent und die britische mit knapp 14 Prozent. Demgegenüber belief sich der Anteil in der französischen Zone, für die ein Zuwan-derungsverbot bestand, lediglich auf 1,5 Prozent.22 Stärker noch als zwischen den Zonen waren die Unterschiede innerhalb der einzelnen Zonen. So machte der Anteil der Heimatvertriebenen an der Gesamtbevölkerung in Mecklenburg gut 42 Prozent, der in Sachsen aber nur gut zwölf Prozent aus. Innerhalb der drei Westzonen wies Schleswig-Holstein mit gut 32 Prozent den höchsten Anteil auf, gefolgt von Nieder-sachsen mit gut 23 Prozent, Bayern mit knapp 19 Prozent, der amerikanische Teil von Baden-Württemberg mit gut 14 Prozent und Hessen mit knapp 14 Prozent. Ge-ring waren die Anteile in den Stadtstaaten: Bremen gut fünf Prozent, Hamburg knapp vier Prozent, Berlin ebenfalls knapp vier Prozent.23 Der Grund für den niedrigen Anteil an Vertriebenen lag auf der Hand: Die Stadtstaaten, wie die Großstädte über-haupt, waren weitgehend zerstört, verfügten kaum über ausreichenden Wohnraum für die einheimische Bevölkerung und deshalb schon gar nicht für Zuwanderer. Für die erste Unterbringung der Heimatvertriebenen boten sich deshalb in großem Um-fang nur die ländlichen Räume an. So lebten der Volkszählung von 1950 zufolge, ohne Berücksichtigung von Rheinland-Pfalz, 55 Prozent der Vertriebenen in Ge-meinden unter 5.000 Einwohnern, nahezu ein Viertel lebte in Gemeinden zwischen 1.000 und 3.000 Einwohnern, und nur ein Fünftel lebte in Gemeinden mit mehr als 50.000 Einwohnern.24

Zu den Vertriebenen kamen die Flüchtlinge, also diejenigen, die aus der sowjetischen Besatzungszone in die westlichen Besatzungszonen flohen, wobei es sich dabei zum Teil wiederum um Menschen handelte, die zunächst als Vertriebene in die sowjeti-sche Besatzungszone gekommen waren. Zahlreiche Vertriebene kamen gleichsam mehrmals an, und viele Einheimische erlebten wiederholt die Ankunft von Vertrie-benen. Unter diesen Umständen wurden der Vertriebene und der Flüchtling häufig nur als Repräsentanten eines im Kommen und Gehen begriffenen Kollektivs von Fremden wahrgenommen – allerdings eines Kollektivs, das oftmals als zusätzliche Belastung der ohnehin prekären eigenen Lebensverhältnisse angesehen wurde. Nicht nur die Beschäftigungs- und Versorgungsprobleme in den ländlichen Gebieten hiel-ten die Wanderung der Vertriebenen und Flüchtlinge in Bewegung, sondern auch der Wunsch, Angehörige wiederzufinden. Für viele Vertriebene und Flüchtlinge wurde die Suche nach den Angehörigen zum dominanten Handlungsziel, für dessen Errei-chung sie in Kauf nahmen, daß zwischenzeitlich geschaffene Lösungen für die Un-terkunft und für die Versorgung wieder aufgegeben wurden.

V. Traurige Gewißheiten und quälende Ungewißheiten

Neben den Menschen, die auf der Suche nach ihren bei Evakuierung, Vertreibung und Flucht verlorenen Angehörigen waren, gab es jene, welche die traurige Gewiß-heit hatten, daß ihre Angehörigen durch Luftangriffe getötet worden waren oder bei der großen Bevölkerungsverschiebung ums Leben kamen. Eine traurige Gewißheit hatten auch die Frauen, die eine Nachricht darüber erhalten hatten, daß ihr Mann im Krieg gefallen ist. Dietrich Hilger spricht in diesem Zusammenhang „in groben Zahlen“ von 3,8 Millionen umgekommenen Zivilisten und von vier Millionen gefal-lenen Soldaten.25

Quälende Ungewißheit bestand vor allem im Hinblick auf die Kriegsgefangenen. Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches stieg die Zahl der Kriegsgefangenen, die sich in alliierten Händen befanden, auf zwölf Millionen.26 Dabei wurden als erste die in Deutschland liegenden Kriegsgefangenenlager aufgelöst. Die Rückführung deut-scher Kriegsgefangener aus dem Ausland begann 1946. Auf der Moskauer Außen-ministerkonferenz von 1947 wurde dann beschlossen, alle deutschen Kriegsgefange-nen bis Ende 1948 zurückzuführen. Dieser Beschluß wurde allerdings so nicht ein-gehalten. Im März 1947 erstmals bekanntgegebene Zahlen besagten, daß noch fast zwei Millionen deutsche Kriegsgefangene von den Alliierten zurückgehalten wur-den. Der größte Teil von ihnen, nämlich 890.000 bzw. 631.000, befanden sich in sowjetischem bzw. in französischem Gewahrsam. In britischer Gefangenschaft wa-ren 435.000 und in amerikanischer 31.000 Angehörige der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Dazu kamen noch rund 300.000 Gefangene, die sich nach offiziellen Schätzungen in Lagern kleinerer Alliierter befanden, so daß die Gesamtzahl der deutschen Kriegsgefangenen knapp 2,3 Millionen betragen haben dürfte.27

Die von der Sowjetunion genannten Zahlen von knapp 900.000 waren die Ursache einer großen Unruhe in der deutschen Bevölkerung, war man doch bislang davon ausgegangen, daß noch 2,5 bis drei Millionen deutsche Kriegsgefangene sich lebend in russischem Gewahrsam befanden.28 So blieb das Schicksal von eineinhalb bis zwei Millionen Menschen zunächst ungewiß – eine große Belastung für die Angehö-rigen. Noch im Juli 1952 belief sich im übrigen die Zahl der Vermißten der ehemali-gen Deutschen Wehrmacht auf gut 1,3 Millionen. Für 583.000 von ihnen war dabei die Sowjetunion das Land, aus dem die letzte Nachricht stammte. Zu den besonders bewegenden Bildern in der Bundesrepublik der 50er Jahre gehörte denn auch die Ankunft der letzten aus der Sowjetunion entlassenen Kriegsgefangenen im Durch-gangslager Friedland im Jahre 1955.

Den Ungewißheiten der Angehörigen standen teilweise traurige Gewißheiten der Heimkehrer gegenüber. Sie, vielfach noch durch ihre Fronterfahrungen geprägt, wurden mit der Tatsache konfrontiert, daß es auch so etwas wie eine Heimatfront gegeben hatte, an der sich die Frauen zu bewähren hatten. Und sie mußten feststellen, daß der Existenzkampf der auf sich gestellten Frauen diese verändert hatte. Viele der Heimkehrer fanden deshalb nicht das vor, wofür sie in den letzten Jahren gelebt hatten und das ihnen oftmals überhaupt die Kraft zum Überleben gegeben hatte. Viele Frauen wiederum sahen sich in ihrem Verhalten während des Zusammen-bruchs und der unmittelbaren Nachkriegszeit von Männern kritisiert, welche diese Zeit gar nicht selbst durchstehen mußten. Sie erlebten Unverständnis für ihre Strapa-zen und fühlten sich in eine Unterordnung gedrängt, die sie nicht mehr gewohnt waren. Dies führte teilweise zu sehr großen Anpassungsproblemen, denen viele Paare nicht gewachsen waren. Den Erfahrungen und Gefühlen nicht weniger Heim-kehrer gab Wolfgang Borchert mit seinem 1947 uraufgeführten Schauspiel „Draußen vor der Tür“ auf aufrüttelnde Weise Ausdruck.

VI. Orientierungsnot

Außer durch materielle und soziale Not war die Nachkriegszeit auch durch eine verbreitete Orientierungsnot gekennzeichnet. Weite Teile der Bevölkerung waren angesichts des Untergangs einer von ihnen vielleicht gehaßten, vielleicht passiv hingenommenen, vielleicht auch akzeptierten, in jedem Falle aber das öffentliche und private Leben strukturierenden Ideologie verstört. Dies galt vor allem für die jünge-ren Jahrgänge, die ja mit einer gewissen Systematik in diese Ideologie hineinge-zwungen worden waren. So stellten etwa im Mai 1946 die amerikanischen Sozial-wissenschaftler Murray I. Gurfein und Daniel Lerner in einem Beitrag in der „New York Herald Tribune“ mit dem aufrüttelnden Titel „Germans Are Found Still Nazis in Viewpoint“ fest, daß vor allem die Generation der 20-30jährigen am stärksten von der nationalsozialistischen Indoktrination durchdrungen sei. Sie biete wenig Hoff-nung auf eine Umorientierung. Hoffnung bestehe indessen bei den Kindern und Heranwachsenden, denen während des Krieges eine normale Kindheit vorenthalten worden sei. Es sei vor allem diese Gruppe, welche die Unterstützung der Besat-zungsmacht verdiene.29 Und selbst 1951 stellte etwa ein Beobachter noch fest, gerade in der Jugend sei das totalitäre Element, das der nationalsozialistischen Ideologie zugrunde lag, nicht folgenlos geblieben. Schließlich habe es den Menschen in gewis-ser Weise eine Hilfe geboten, nämlich „die unendliche Erleichterung, wenn nicht völlige Beseitigung aller geistigen Bürden des Daseins. Einen Zwang, den jede Frei-heit unvermeidlich einschließt, hebt – mit scheinbarer Paradoxie – ein totalitäres Staats- und Gesellschaftsgefüge auf: Den Zwang des Sich-Orientieren-Müssens in der Welt und an der Welt.“30

Zur Orientierungsnot trug in weiten Kreisen der Bevölkerung auch die Art und Wei-se bei, wie die Alliierten die Verstrickung der Deutschen in das nationalsozialistische Regime erhellen und ahnden wollten. Bei der Besetzung deutscher Gebiete gehörte es zu den ersten Maßnahmen, nationalsozialistische Funktionsträger aus ihren Äm-tern zu entfernen und unbelastete Persönlichkeiten für die Aufgabe zu gewinnen, elementare Ordnungs- und Versorgungsprozesse wieder in Gang zu bringen. Dies war oftmals mit großen Schwierigkeiten verbunden. So berichtete etwa ein amerika-nischer Journalist Ende März 1945 aus Köln: „Der Nazismus hat, bedingt durch Terror und Günstlingswirtschaft, einen solchen Einfluß auf das städtische Leben genommen, daß es äußerst schwierig ist, einen Mann oder eine Frau zu finden, die keine Verbindung zur Partei hatten.“31 Gewöhnlich konnte auf die Schnelle nicht entschieden werden, wer ein überzeugter Nationalsozialist und wer nur ein Mitläufer war. Damit ist aber schon das Grundproblem der Entnazifizierung angesprochen.

Nach der deutschen Kapitulation lag die Erfassung und Entfernung von Nationalso-zialisten zunächst in den Händen der Alliierten. Allerdings zeigte es sich bald, daß das zur Verfügung stehende Personal nicht ausreichte, die zu bewältigenden Aufga-ben zu lösen, was vor allem damit zusammenhing, daß die Zahl der auf ihre Vergan-genheit hin zu untersuchenden und gegebenenfalls aus ihren Ämtern zu entfernenden Personen immer weiter ausgedehnt wurde. So habe etwa General Clay nach Wa-shington gemeldet, daß selbst dann, wenn ihm das War Department weitere 10.000 Amerikaner zur Verfügung stellte, diese nicht ausreichen würden, um die amerikani-sche Zone zu entnazifizieren und sie entnazifiziert zu halten.32 Die Folge war, daß nach und nach Deutsche zur Durchführung der Entnazifizierung herangezogen wur-den, wobei von allen westlichen Besatzungsmächten die Amerikaner die Entschei-dung am längsten in ihren Händen oder zumindest unter ihrer Kontrolle behielten. Die Entnazifizierung in der amerikanischen Zone gilt deshalb auch als die schärfste.

Die Entnazifizierung in der britischen Zone nahm Walter Dirks zufolge demgegen-über eine Mittelstellung ein. Schon Anfang 1947 wurde die Einstufung der Belas-tungsgruppen III–V den Deutschen überlassen. Und im Oktober 1947 erklärte die britische Militärregierung ihre Mitwirkung an der Entnazifizierung für beendet.33 In der französischen Zone orientierte sich die Entnazifizierung, so Willis, insofern am amerikanischen Modell, als ein rechtlicher Rahmen für die Durchführung geschaffen wurde. Allerdings wich die Praxis in den beiden Zonen stark voneinander ab. In der rückblickenden Beurteilung wurde in der französischen Zone stärker auf die Um-stände des Einzelfalls eingegangen. Auf der anderen Seite betonen Kritiker, daß teilweise völlige Willkür herrschte und die Urteile zwischen relativer Milde und in Einzelfällen extremer Härte schwankten. Trotz aller Unterschiede in der Durchfüh-rung stieß die Entnazifizierung in allen drei westlichen Zonen auf eine breite Ableh-nung in der Bevölkerung.

Dies war indessen nicht von Anfang an so. Im November 1945 brachten bei einer von der amerikanischen Militärregierung in Auftrag gegebenen Befragung noch 50 Prozent der erfaßten Personen eine gewisse Zufriedenheit mit dem Entnazifizie-rungsprogramm zum Ausdruck. Dieser Anteil erhöhte sich bis März 1946 sogar auf 57 Prozent. Bei einer Umfrage im Januar 1949 gaben dann allerdings zwei Drittel der Befragten an, das Entnazifizierungsprogramm sei schlecht ausgeführt worden.34 Die kritische Haltung der Bevölkerung bedeutete freilich nicht notwendigerweise eine Ablehnung des Gedankens der Entnazifizierung als solchen. Im Gegenteil bekunde-ten auch 1949 noch zwei Drittel der Befragten ihre grundsätzliche Zustimmung zum Anliegen der Entnazifizierung.35 Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen Unge-reimtheiten in der Durchführung. Weit verbreitet war der Eindruck, unbedeutende Parteimitglieder seien härter bestraft worden als solche in gehobenen Stellungen.

Die Erfahrungen mit der Entnazifizierung ließen in den Augen vieler Deutscher die Bemühungen der Besatzungsmächte um den Aufbau einer neuen moralisch-politischen Ordnung unglaubwürdig erscheinen. Die Vorbehalte übertrugen sich teilweise auch auf die mit Billigung der Besatzungsmächte neu entstandenen politi-schen Parteien.

Blieben noch die Kirchen. Nach dem Zusammenbruch gehörte, wie Friedrich H. Tenbruck schreibt, neben der Familie die örtliche Kirchengemeinde vielfach zu dem, „was an sozialer Ordnung geblieben war“.36 Zwar war, wie die Erfahrung des einzel-nen zeigte und wie auch die allmählich in Gang gekommene öffentliche Diskussion sichtbar machte, die Haltung der Kirchen gegenüber dem Nationalsozialismus nicht so eindeutig, wie sie mitunter dargestellt wurde, doch haben die Kirchen ganz ohne Zweifel eine ganze Reihe sichtbarer Beweise ihrer Ablehnung der nationalsozialisti-schen Ideologie und der nationalsozialistischen Praxis erbracht. Vor allem der katho-lischen Kirche ist eine Spaltung, wie sie im Protestantismus auftrat, erspart geblie-ben. So durfte sich gerade die katholische Kirche als Institution und als moralische Kraft bestätigt fühlen. Von daher gesehen gab Ivo Zeiger in seiner Rede auf dem Mainzer Katholikentag 1948 wohl einer weithin geteilten Auffassung Ausdruck, als er sagte: „Die katholische Kirche Deutschlands ist in ihrem äußeren Gefüge, in ihrem materiellen Bestand von der gleichen Not betroffen worden wie das Volk selbst. Dagegen blieb sie von einem inneren Zusammenbruch verschont. Denn weder der Kirche als solcher noch dem einzelnen gläubigen Katholiken ist eine Weltanschau-ung zerbrochen …“37

Der Eindruck moralischer Kontinuität, die die Kirchen vermittelten, wurde noch dadurch verstärkt, daß sie zu den wenigen Institutionen zählten, die von den Besat-zungsmächten nicht der nationalsozialistischen Geistessphäre oder gar dem national-sozialistischen Organisationsapparat zugerechnet wurden. Dies wiederum versetzte die Kirche schon sehr früh in die Lage, gegen die Kollektivschuldthese aufzutreten. Bereits im August 1945 äußerte sich die Fuldaer Bischofskonferenz in einem Hirten-brief, so Rudolf Morsey, „besorgt über den Automatismus und die Rigorosität der politischen Säuberung“.38 Allerdings haben, wie Morsey ebenfalls feststellt, manche Vertreter der Kirche eine auf einem Schuldbekenntnis jedes einzelnen basierende „Sinneswandlung“, die etwa von dem Düsseldorfer Pfarrer Carl Klinkhammer für unerläßlich gehalten wurde, „nicht gerade dadurch gefördert, daß sie früheren NSDAP-Mitgliedern die von diesen für ihre Entnazifizierung benötigten Entlas-tungszeugnisse, die berühmten ‚Persil-Scheine’ in großer Zahl ausstellten“.39 Dies sei „nicht selten unter allzu großzügigem Absehen von individueller Belastung“ er-folgt.40 Dennoch war die Identifikation des einzelnen mit der Kirche jenseits der eigentlichen religiösen Implikationen auch eine Identifikation mit dem „guten Deutschland“, das heißt dem Deutschland, das nicht eine totale Umerziehung benö-tigte, um wieder in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückkehren zu können.

VII. Die Nachkriegszeit im Gedächtnis der Deutschen

Mit der Währungsreform im Juni 1948 und der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 kam ein wirtschaftlicher Aufschwung in Gang, der zumindest im westli-chen Teil Deutschlands allmählich die materielle Not linderte. Und auch im östlichen Teil trat, freilich auf deutlich niedrigerem Niveau, eine gewisse Verbesserung der Lebensbedingungen ein. Viel langsamer verlief die Bewältigung der seelischen und sozialen Schäden. Über diese äußerten sich die Menschen indessen, was durchaus verständlich ist, gewöhnlich weniger in der Öffentlichkeit als über die durchlebte materielle Not. Diese Not gab denn bald auch eine weithin akzeptierte Rechtferti-gung für das Bestreben ab, so viel wie möglich an den Segnungen des sich zum „Wirtschaftswunder“ ausweitenden Aufschwungs zu partizipieren.

Und noch eine Funktion hatte bis in die 60er Jahre hinein der Rekurs auf die am eigenen Leib erfahrene Nachkriegsnot: Jene, die auf die eine oder andere Weise in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen waren, konnten sich gegenseitig bestäti-gen, was sie alles durchgemacht hatten und konnten Antworten auf die Fragen ihrer Kinder und Enkel nach ihrem Verhalten vor 1945 dadurch ausweichen, daß sie die Schrecken des Kriegsendes und die damit einhergehenden Entbehrungen herausstell-ten. Bei allen problematischen Einflüssen auf die politische Kultur und das geistige Klima wird man der Generation der 68er zugute halten müssen, daß sie sich nicht mehr mit der teilweise zum Ritual gewordenen Thematisierung der Nachkriegszeit zufriedengab. Sie beharrte auf Antworten auf die Fragen nach dem Verhalten ihrer Eltern und Großeltern, aber auch nach dem Verhalten der politischen, wirtschaftli-chen und kulturellen Eliten in der Zeit des Nationalsozialismus.

Daß die Not der Nachkriegszeit im persönlichen Umgang und im öffentlichen Dis-kurs auch strategisch eingesetzt wurde, ändert indessen nichts an der Tatsache, daß es sich hierbei um eine Erfahrung handelt, welche das Lebensgefühl der Mehrheit der Bevölkerung bis in die 60er Jahre hinein prägte und bis auf den heutigen Tag für einige Millionen Menschen immer noch eine gewisse Rolle spielt. Im Verlauf der zurückliegenden sechs Jahrzehnte sind die Situationen verständlicherweise seltener geworden, in denen die Nachkriegszeit als ein Beispiel dafür angeführt wurde, wie man mit Durchhaltewillen, Hinnahme von Entbehrungen und harter Arbeit Notlagen überwinden kann. Die nachfolgenden Generationen konnten dies, was durchaus nachvollziehbar ist, auch nicht mehr hören. Und sicherlich ist es richtig, daß jede Epoche ihre eigenen Herausforderungen hat und darauf mit eigenen Lösungen rea-gieren muß.

Dennoch täte es uns auch heute vielleicht ab und an gut, daran erinnert zu werden, daß es einer Gesellschaft durchaus möglich ist, mit Problemlagen fertig zu werden, deren Bewältigung die Vorstellungskraft zunächst übersteigt. Wie die Nachkriegszeit zeigt, setzt dies allerdings neben der Einsatzbereitschaft des einzelnen auch einen für die Menschen erkennbaren und konsequent durchgehaltenen Gestaltungswillen bei den politisch Verantwortlichen voraus.

Anmerkungen

1) Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 2003 für die Bundesrepu-blik Deutschland. Stuttgart 2004, S. 60.

2) The United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Strategic Bombing on German Morale: Bd. 1. Washington 1947, S. 122 (Rückübersetzung des Verfassers).

3) Franz Josef Görtz: „Halt, hier ist Frieden!“. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszei-tung, 12. September 2004, Nr. 37, S. 64.

4) Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann (Hrsg.): Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947-1955. Allensbach 21956, S. 146.

5) Ebd., S. 146.

6) Anna J. Merritt und Richard L. Merritt (Hrsg.): Public Opinion in Occupied Germany. The OMGUS Surveys, 1945-1949. Urbana, Ill. 1970, S. 115.

7) Ebd., S. 161.

8) Ebd., S. 212.

9) Robert Neisen: Und wir leben immer noch! Eine Chronik der Freiburger Nachkriegs-not. Freiburg 2004. S. 92.

10) Lewis H. Brown: A Report on Germany. New York 1947, S. 42f.

11) Anna J. Merritt und Richard L. Merritt (Hrsg.), a.a.O. S. 119.

12) Ebd., S. 132.

13) Robert Neisen, a. a. O., S. 70.

14) Edgar Wolfrum: „Jammert im Leid der Besiegte, so ist auch der Sieger verloren“. Kollektive Alltagserfahrungen in der französischen Besatzungszone nach 1945. In: Joseph Jurt (Hrsg.): Die „Franzosenzeit“ im Lande Baden von 1945 bis heute. Zeitzeugnisse und Forschungsergebnisse. La présence française dans le pays de Bade de 1945 à nos jours. Témoignages et résultats de recherche. Freiburg 1992, S. 29.

15) Barbara Marshall: German Attitudes to British Military Government 1945-1947. In: Journal of Contemporary History, 15, 1980, S. 661.

16) Anna J. Merritt und Richard L. Merritt: Public Opinion in Semisovereign Germany. The HICOG Surveys, 1949-1955. Urbana 1980, S. 58f.

17) F. Roy Willis: The French in Germany 1945-1949. Stanford 1962, S. 117.

18) Herausgeber, Schriftleiter, Verleger: Unser Ziel und unsere Art. In: Die Neue Ord-nung, 1/1946, S. 2.

19) Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Die deutschen Vertreibungsverluste. Bevölkerungs-bilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50. Stuttgart 1958, S. 33.

20) Hiddo M. Jolles: Zur Soziologie der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. Köln, Ber-lin 1965, S. 92.

21) Ebd., S. 92.

22) Ebd., S. 92.

23) Ebd., S. 92.

24) Peter Paul Nahm: Der kirchliche Mensch in der Vertreibung. Bonn o. J., S. 17.

25) Dietrich Hilger: Die mobilisierte Gesellschaft. In: Richard Löwenthal und Hans Peter Schwarz (Hrsg.): Die zweite Republik. 25 Jahre Bundesrepublik Deutschland – eine Bilanz. Stuttgart 21974, S. 103.

26) Klaus Mehnert und Heinrich Schulte: Deutschland-Jahrbuch 1949. Essen 1949, S. 268.

27) Ebd., S. 268.

28) Ebd., S. 269.

29) Murray I. Gurfein und Daniel Lerner: Germans Are Found Still Nazis in Viewpoint. In: New York Herald Tribune, 26. Mai 1946.

30) Klaus Peter Schulz: Die Wurzeln des sozialen Defaitismus. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, Jg. 2, 1951, S. 5.

31) Zitiert nach Reinhold Billstein und Eberhard Illner: You are now in Cologne. Com-pliments. Köln 1945 in den Augen der Sieger. Hundert Tage unter amerikanischer Kon-trolle. Köln 1995, S. 121.

32) John Gimbel: The American Occupation of Germany. Politics and the Military, 1945-1949. Stanford 1968, S. 102.

33) Walter Dirks: Folgen der Entnazifizierung. Ihre Auswirkungen in kleinen und mittle-ren Gemeinden der drei westlichen Zonen. In: Sociologica I. Festgabe Max Horkheimer zum 60. Geburtstag gewidmet. Frankfurt, Köln 31974, S. 452.

34) Anna J. Merritt und Richard L. Merritt (Hrsg.): Public Opinion in Occupied Germany, a. a. O., S. 304.

35) Ebd., S. 305.

36) Friedrich H. Tenbruck: Alltagsnormen und Lebensgefühle in der Bundesrepublik. In: Richard Löwenthal und Hans Peter Schwarz (Hrsg.), a. a. O., S. 291.

37) Ivo Zeiger: Die religiös-sittliche Lage und die Aufgabe der deutschen Katholiken. In: Generalsekretariat des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands zur Vorbereitung des Katholikentages (Hrsg.): Der Christ in der Not der Zeit. Der 72. Deutsche Katholikentag vom 1. bis 5. September 1948 in Mainz. Paderborn 1949, S. 24.

38) Rudolf Morsey: Der deutsche Katholizismus in den Jahren der Besatzungsherrschaft 1945-1949. In: Rudolf Morsey und Klaus Gotto: Die Kirche in der Nachkriegszeit – ihr Beitrag zum Wiederaufbau. Trier 1986, S. 15.

39) Ebd., S. 17.

40) Ebd., S. 17.

Prof. Dr. Hans Braun lehrt Soziologie an der Universität Trier.

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