Jahrgang 59
Nr. 1/2005 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Christina Agerer-Kirchhoff

Christliche Martyrer im 20. Jahrhundert

In den ersten Jahrhunderten nach dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung tränkte das Blut unzähliger Martyrerinnen und Martyrer die Erde der damaligen Städte und Metropolen. Ihre Leidenswege und ihr Sterben hat man weitererzählt, aufgeschrieben, ausgeschmückt und nachempfunden; ihre Leichname wurden nach Möglichkeit geborgen, ehrfurchtsvoll bestattet, bewahrt und verziert, als Reliquien weitergegeben und verehrt. In kostbaren Schreinen zeugen vielfach ihre Gebeine von der unbesiegbaren Größe und Strahlkraft des Christentums.

Das Blut dieser Christen war in der Tat zu einem Samen geworden, aus dem in tausendfacher Frucht das junge und später sich weltweit ausbreitende Christen-tum erblühte; wie Gebete und Lobpreis scheinen die Türmchen und Türme der Kapellen, Kirchen und Kathedralen dem Himmel zuzustreben, nicht selten über den Gebeinen eines Zeugen für Christus erbaut.

Am Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus aber, in Jahrzehnten des ver-gangenen Jahrhunderts, die noch nicht aberlang zurückliegen, da fraß sich der Haß menschen- und gottverachtender Ideologien tief in Städte, Dörfer, ganze Landstriche: Das Martyrium von Unzähligen - ihres christlichen Glaubens wegen - war zurückgekehrt. Ihre Gräber sind oft verloren. Sie hatten in der Blüte ihrer Jahre gestanden, nicht wenige in der Reinheit und Ganzhingabe ihrer Jugend, alle mitten in der tapfersten Arbeit im Weinberg Gottes. War auch ihr Blutopfer ein Same für neu erstarkendes Christentum? Die Antwort fällt nicht leicht. Ha-ben wir nicht viel zu viele dieser Glaubenszeugen fast oder ganz vergessen? Ist jedem dieser Helden, dieser Priester und Laien, dieser Beschützer von Frauen und Mädchen, der Missionare und getöteten Nonnen des vergangenen Jahrhun-derts bereits ein bleibender Name gewidmet? Eine Schule, eine Straße, ein Platz oder Ähnliches?

Zum Geleit des 1999 in erster Auflage erschienenen monumentalen Werkes des Herausgebers, Prälat Helmut Moll, dem Beauftragten der Deutschen Bischofs-konferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts, schreibt Kardinal Leh-mann zu Recht, es seien „viel mehr leidgeprüfte Menschen, die für die Wahrheit des Glaubens den gewaltsamen Tod erlitten haben, als wir zunächst vermutet haben“ (Band I, S. XXV).

Zeugen für Christus – Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Prälat Dr. Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonfe-renz, 2 Bde., 3. durchgesehene Aufl., Schöningh-Verlag, Paderborn 2001.

Die beiden vorliegenden Bände des deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhun-derts (dMart) enthalten nun die im Durchschnitt zwei bis vier Seiten langen, doppelspaltig bedruckten Blätter der prägnanten Lebensbilder von mehr als 700 Blutzeugen deutscher Zunge (die Rußlanddeutschen und Donauschwaben sind Volksdeutsche), die im letzten Jahrhundert aufgrund ihres christlichen Lebens-zeugnisses eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Sie entstammen dem Terri-torium des damaligen Deutschen Reiches oder lebten als Priester und Ordensleu-te im Ausland bzw. in Missionsländern und kamen dort als Martyrer um.

Welch ungeheuere Anzahl bewegender Schicksale zwischen Jugend und Hoff-nung, Hingabe und Verrat, Angst und Tapferkeit, Hunger, Verzweiflung, Gebet und Tod! Wie viele Verwandte, Pfarrangehörige, Ordensgeschwister, zufällige Augenzeugen, Überlebende von Massakern, wie viele Väter, Mütter oder Ge-schwister der Ermordeten bangten und litten und trauerten um diese tapferen, oft überwältigend heldenhaften Menschen! Wenn Papst Johannes Paul II. immer wieder davon spricht, daß das persönliche Leben eines jeden Menschen ein ganz eigenes „Drama“, ein Lebensstück mit und vor Gott darstellt – in den Lebensbil-dern der Blutzeugen des dMart wird dies mehr als augenfällig. Und dabei müs-sen diese über 700 namentlich bekannten und mehrheitlich mit einem Portrait-bild im Buch aufgeführten Deutschen auch als Stellvertreter gesehen werden: Sie stehen für ihr eigenes Zeugnis und Schicksal in seiner ganzen Dramatik, aber auch für die vielen Namenlosen, deren christliches Handeln, ihr Leiden und Sterben niemand mehr kennt und weitererzählt.

Zu den zeitlich ersten deutschen Martyrern im 20. Jahrhundert im dMart gehören die Hiltruper Missionare und Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu mit P. Matthäus Rascher aus Oberfranken an der Spitze. Sie wurden am 13. August 1904 in Baining (im heutigen Papua-Neuguinea) – zwei Patres und sie-ben junge Brüder und Nonnen – hinterhältig auf grausamste Weise in ihrer Mis-sionsstation umgebracht. Den Abschluß gegen Ende des Jahrhunderts bildet bisher Bruder Kilian (Valentin) Knörl von den Mariannhiller Missionaren: Am 19. April 1988 überfielen vier Schwarze das Missionsgelände im damaligen Rhodesien (heute Simbabwe). Knörl wurde in der dramatischen Auseinanderset-zung, die im dMart bewegend geschildert ist, mitten ins Herz getroffen. Der unermüdlich tätige Missionar stammte aus Heroldsberg in Oberfranken. Aus zeitlichen Gründen konnte der 1999 in Ost-Timor ermordete Jesuit P. Karl Alb-recht nicht mehr aufgenommen werden. Mit Sicherheit aber werden alle neu hinzugekommenen Blutzeugen, die den Aufnahmekriterien entsprechen, in spä-teren Auflagen Berücksichtigung finden.

Jeder Ort kann voller Stolz auf Menschen blicken, die für den Dienst am Nächs-ten und die Ausbreitung des Evangeliums ihr Leben eingesetzt und sogar geop-fert haben. Sie sind für Werte und Wahrheiten gestorben, die auch dem Nicht-christen heilig sein müssen. Immer wieder steht an, Straßen, Plätze, Wege, Brü-cken, Schulen oder Kindergärten neu- oder umzubenennen: Nutzen wir die Ge-legenheit, diese vorbildlichen Männer und Frauen zu ehren. Mahnmale, Inschrif-ten und Gedenktafeln sind wertvoll und lassen die Liebe der Hinterbliebenen spüren. Hier wenigstens können Blumen und Zeichen niedergelegt, hier können Gedenkstunden abgehalten werden. Denn für viele Martyrer gibt es kein Grab: Sie wurden verbrannt, ihre Asche häufig zusammen mit der Asche zahlreicher anderer Leichen vermischt, oft wahllos in Urnen abgefüllt, gar auf Unratfeldern ausgestreut. Sie wurden verscharrt, die Leichname bewußt versteckt, mehrere auf unbekannte Weise vernichtet; sie wurden auf offener See am Heck eines Schiffes erschossen, damit sie bei beschleunigter Fahrt ins Meer stürzten. In Städten ver-schwanden sie auf satanische Weise ohne jede erforschbare Spur.

Straßen, Pfarrplätze, Wege, Kindergärten und Schulen, Bildungshäuser und Ähnliches nach Blutzeugen benannt regen die Menschen immer wieder an, sich mit dem Schicksal der Namengeber zu beschäftigen. Ermordete Ordensschwes-tern auch aus den Missionen könnten wirkmächtige Namengeberinnen für ein Heim, für Spielplätze oder Kindergärten sein. Jetzt sind noch Zeit und Klima für derartige Namensvorschläge. Die zuständigen Gremien können durch die zeitli-che Nähe und die in den nächsten Jahren zu begehenden Jahrtage angesprochen werden. Auch aktuelle Filme wie Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“, oder „Der Untergang“, die in deutschen Kinos gezeigt werden, dürften den Boden ein wenig bereiten. Dennoch ist es sehr schwer, nach den vielen Jahren der Ver-säumnisse die deutschen Blutzeugen des 20. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit dauerhaft dem Vergessen zu entreißen. Das dMart Helmut Molls versucht in hervorragender Weise, hier Hilfestellung zu geben.

Wird in zehn oder zwanzig Jahren noch genügend christliches „Grundwasser“ vorhanden sein, um derartige Bäume einzupflanzen, deren gute Früchte durch die Beschäftigung mit dem Namengeber oder der Namengeberin wieder und wieder wirken können? Jetzt ist Zeit und Stunde, das dMart auf diese Möglichkeiten und Aufgaben hin in allen Gemeinden und Städten zu sichten. Viele der herausra-genden Christen, deren Lebensbilder hier gesammelt sind, durchliefen zahlreiche Stationen in ihrem Leben, wo sie jahrelang segensreich und beeindruckend ge-wirkt haben: Diese leuchtende Lebensspur scheint bei zahllosen Lebensbildern im dMart deutlich auf. Bereits als junge Erwachsene treten sie häufig durch Un-erschrockenheit, Klugheit, klares Unterscheidungsvermögen, tiefe Verbunden-heit mit Christus, kindliche Liebe zur Gottesmutter und selbstlosen Einsatz für ihre Mitmenschen und die ihnen Anvertrauten hervor.

Ihre wegweisende Glaubens- und Lebenseinstellung wird bei den Opfern des Nationalsozialismus für den Leser besonders eindrucksvoll erhellt durch die zahlreichen Zitate aus Briefen, Reden, Abschiedszeilen, und die Aufzeichnungen von Gesprächen der Martyrer. Allein die Abschiedsbriefe und letzten Zeilen, Gebete und Grüße, sowie ihre letzten überlieferten Worte, die bei vielen Opfern der NS-Zeit recht gut belegt werden konnten, sind ein Schatz für Meditationen und geistliche Impulse. Die über 350 Blutzeugen aus dieser Zeit sind bisher am besten erforscht; ihre Lebensbilder nehmen den ganzen ersten Band und etwa zwei Fünftel des zweiten Bandes ein. In dem hier zu würdigenden Werk werden die Zeugen für Christus in vier große Kategorien eingeteilt.

Die Martyrer aus der Zeit des Nationalsozialismus

Hier sind die Portraits zunächst nach Diözesen in alphabetischer Reihenfolge und dann nach Priestern und Laien aufgeschlüsselt. Danach werden die Visitatu-ren behandelt, ebenso nach Priestern und Laien getrennt. Da die ca. 40 „Beauf-tragten“ (vgl. Band I, S. XLV-XLVII) um Zuarbeit gebeten wurden, geht das zweibändige Werk von den heute existierenden Bistümern und Visitaturen aus; daher versteht sich die Nennung von Diözesen wie Essen (vgl. Band I, S. 165-180) und Hamburg (vgl. Band I, S. 249-264), die sich späterer Gründung ver-danken. Die im Anschluß an die Visitaturen separat bearbeitete große Gruppe der etwa 60 in dieser Zeit umgekommenen Ordensmänner (vgl. Band II,S. 720-904) versammelt die Opfer aus 23 verschiedenen Ordensgemeinschaften, wobei die Franziskaner mit 9 Blutzeugen, gefolgt von den Jesuiten und den Pallottinern mit je sieben und den Steyler Missionaren mit sechs ermordeten Ordensleuten aufge-führt sind. Vier Ordensfrauen und zwei Mitglieder von Instituten des geweihten Lebens starben im nationalsozialistischen Terror, fünf davon in den Konzentrati-onslagern Auschwitz und Ravensbrück.

Mehr als 160 Diözesanpriester, etwa 60 Ordensangehörige und 110 christliche Laien zeigten im nationalsozialistischen Terror eigenverantwortlichen Wider-stand und heroische Tapferkeit bis zum bitteren Tod. Weitere Nachforschungen werden hier sicher noch Ergänzungen bringen. Die meisten Glaubensopfer hatten vor ihrem Tod einen langen entsetzlichen Weg durch Gefängnisse, Folterungen, Demütigungen und Haft in Konzentrationslagern zu erdulden. Jeder von ihnen wird durch ein sorgsam und oft geradezu liebevoll erstelltes Persönlichkeitsbild für uns lebendig. Kleine Details sind in ihrer Grausamkeit oft für den mit dem Herzen mitfühlenden Leser maßlos erschütternd. So etwa steht am Ende des ausführlichen Portraits von Leutnant Michael Kitzelmann aus Horben im Land-kreis Lindau der lapidare Satz: „Auf Anfrage der Eltern schrieb das Gericht ..., daß der Bestattungsort aus militärischen Gründen nicht mitgeteilt werden kön-ne.“ (vgl. Band I, S. 61) Der Sohn war 26jährig unter den Kugeln des Erschies¬sungskommandos in Rußland am 11. Juni 1942 gestorben. „Jesus, Dir leb ich, Jesus, Dir sterb ich“ (vgl. ebd.) waren seine letzten Worte. Was seine Eltern und die vier Geschwister, was seine tief religiöse Familie durchlitt, ist nicht zu er-messen.

Im einzelnen kommen die Martyrer, Priester und Laien, aus folgenden deutschen Bistümern bzw. Erzbistümern: Köln 22, München und Freising 19, Berlin 17, Freiburg i.Br. 16, Aachen und Mainz mit je 13, (Aachen mit zusätzlich fünf ermordeten Priestern aus den deutsch-belgischen Dekanaten), aus Münster, Pa-derborn und Passau je 12, Regensburg 10, aus Trier 9, aus Augsburg 7, Hamburg 6, Essen 5, aus Bamberg, Fulda und Würzburg je 4, aus Dresden-Meißen, Erfurt und Osnabrück je 3, Hildesheim 2, aus Limburg, Magdeburg, Rottenburg-Stuttgart und Speyer je 1. Aus den Bistümern Eichstätt und Görlitz sind bisher keine Glaubenszeugen bekannt.

Gewaltige Blutopfer forderte der Terror des Nationalsozialismus auch in den Visitaturen im Osten des Reiches: Visitatur Ermland 32, Visitatur Sudetenland 19, Visitatur Breslau 18, Visitatur Danzig 11, Visitatur Freie Prälatur Schneide-mühl 2, Visitatur der Grafschaft Glatz 1. Neben den sprachlich abwechslungs-reich und mit spürbarer Empathie ausgearbeiteten Lebensbildern bietet das dMart vielfältige aufschlußreiche Informationen. So zeigt sich, daß die stärkste Gruppe der Priestermartyrer aus der Visitatur Ermland kommt mit 31, gefolgt vom Sudetenland mit 17, dem Erzbistum Breslau mit 16, dem Bistum Aachen mit 14 und Freiburg im Breisgau mit 13 zu Tode gekommenen Geistlichen. Die stärksten Anteile bei den Laien stellen die Erzbistümer München und Freising mit 17 und Köln mit 16 Blutzeugen. Aus den Erzbistümern Bamberg, Paderborn und München und Freising kommen die jüngsten der Tapferen mit 17 und 19 Jahren. Die Liste der Schikanen, die Mißliebige vom nationalsozialistischen Regime ertragen mußten, ist lang und vielfältig. In der Zusammenschau der Lebensbilder dieser ersten Kategorie wird für uns Heutige ungeheuer plastisch, wie systematisch und mit welch satanischen Mitteln die damaligen Machthaber alle Menschen drangsalierten, die sich eine eigene Meinung erlaubten, die uner-schrocken zu ihrem christlichen Glauben standen und dies auch artikulierten.

Es waren dies unter anderem: Rücksichtslose Wohnungsdurchsuchungen auch aufgrund anonymer Denunziation, Mitnahme persönlichster Unterlagen; Abfan-gen von Briefen, Einzug des Reisepasses; Predigtverbote, generelles Redeverbot, Entzug der Erlaubnis zur Erteilung von Religionsunterricht; ministerielle Anord-nung, daß Geistliche und Ordensleute keinerlei Nachhilfeunterricht geben dür-fen; Verbot, die Schule zu betreten; Verweigerung von Besuch im Gefängnis, willkürliche Verlegungen, Verbot der Berichterstattung in den Zeitungen; Ver-bot, nach der Haftentlassung bestimmte Städte, Pfarreien, Landkreise usw. zu betreten; Verbot, in die eigene Pfarrei zurückzukehren; Versetzung in den Ruhe-stand ohne Ruhegehalt; willkürliche Beschlagnahmungen von Geld, Wertsachen, Lebensmitteln; Mitschrift von Ansprachen, Predigten und Grabreden durch Spit-zel; Erfassung von Teilnehmern der Fronleichnamsprozession und anschließen-den Verwarnungen; Androhung von Strafe, wenn eine Kirchenbehörde oder eine Pfarrei einen bestimmten Priester anstellt oder ihm etwas schenkt (!), so daß dieser obdachlose Priester schließlich von Haus zu Haus zog und bei einer Fami-lie mit sechs Kindern aufgenommen wurde (so Pfr. Alfons Mersmann; vgl. Band II, S. 696).

Es wurden Kampagnen wegen angeblicher sittlicher Verfehlungen angezettelt mit schnellster Aburteilung und Vollzug der Todesstrafe wenige Tage später; es gab Anordnungen der Gestapo, daß der Sarg nicht mehr geöffnet werden darf, Geldbußen, Zuchthausstrafen, Gefängnisstrafen, Ehrverlust, willkürliche Schika-nen bei den Verhören wie Ohrfeigen, hemmungslose Schläge, Tritte; nach der Verhaftung oder Verurteilung dann Besuchsverbot, Einzelhaft, Schreibverbot, Brutalitäten je nach Wachpersonal und Leitung der Verhöre, willkürliche erneute Verhaftung sofort nach Absitzen der Gefängnisstrafe und Einlieferung in ein Konzentrationslager („Schutzhaft“, zum „Schutz von Volk und Staat“); absolute Degradierung der Häftlinge zu einer Nummer; Abrasieren aller Haare am Körper bei der Einlieferung, Ruinieren oder Wegnahme von persönlichsten Habseligkei-ten wie Brillen, Tagebüchern, Kreuzen. Es erfolgte sehr häufig keinerlei Infor-mation über die Länge der Haft oder des Aufenthalts im Konzentrationslager. Schließlich konnte sogar das Abhalten einer Grabrede verboten werden mit Ent-sendung von Beamten, die Einhaltung des Verbotes zu überwachen.

Durch diese Zusammenschau der Schikanen, Drohungen und Verfahrensweisen gegenüber Christen entsteht im dMart ein ungemein eindringliches und facetten-reiches Mosaikbild des Terrors gegen jeden Andersdenkenden.

Was mußten diese Menschen, Priester wie Laien, oft über viele Jahre hinweg alles erdulden! Daß sie dies mit einer durchwegs fast übermenschlichen Tapfer-keit ertrugen, jeden Tag neu standhaft blieben, dies ist – und es zeigen die Le-bensbeschreibungen augenfällig – durch ihre tiefe, unerschütterliche Verwurze-lung im Glauben an den lebendigen Gott zu erklären: Sie hatten ihre Häuser nicht auf Sand gebaut. Sie stammten durchwegs aus Familien, in denen der Glaube gelebt wurde. Sie waren in ihrer eigenen Religiosität ganz bewußt wei-tergereift. In allen Portraits der Helden aus nationalsozialistischer Zeit im dMart wird dies für den Leser deutlich.

Die Priester und Ordensleute waren durch ihre ehelose Lebensform frei für die Ganzhingabe, sie mußten nicht auf ihre Familie, deren Sicherheit und Fortkom-men achten. Sie konnten durch die „Sippenhaft“, einem weiteren Terrormittel des NS-Staates, nicht so direkt getroffen werden. Um so heroischer ist das Zeug-nis von Familienvätern und -müttern, die für ihren christlichen Glauben und die daraus abgeleiteten sittlichen Maßstäbe in den Tod gingen. Sie konnten dies nur, weil sie sich von der Liebe ihrer Familie getragen wußten und ihre Gewissens-entscheidung höher als jedes Kalkül stellten. Der unerschütterliche Glaube der Martyrer an die tröstende Vaterhand im Jenseits ermöglichte ihnen die so tapfere und gläubige Annahme der grausamen Hinrichtung, der menschenverachtenden Lagerhaft, der Schikanen. Dieser Glaube stärkte ihre Leidenskraft in Folter, Hunger und Tod.

Was die Entrechteten in den Gefängnissen, Hinrichtungsanstalten und Konzent-rationslagern erwartete und sie vielfach jahrelang bis zum Martertod quälte, wird in den Lebensbildern, wo es möglich war, angedeutet und nachgezeichnet. Die tägliche Wirklichkeit aber, sie war unendlich grausamer als alle Buchstaben der Welt beschreiben könnten. „Mensch von gestern ... sage uns, haben wir nicht mit allzu großer Eile deine Hölle vergessen? Löschen wir nicht in unserem Gedächt-nis und Bewußtsein die Spuren der alten Verbrechen aus?“ – Papst Johannes Paul II. spricht den Ermordeten bei seinem Besuch im ehemaligen Konzentrati-onslager Mauthausen in Oberösterreich in ergreifender Weise an, ja er spricht direkt zu ihm. Papst Johannes Paul II., in der Nähe von Auschwitz aufgewach-sen, ist sensibler als andere für das Grauen der Konzentrationslager. Er weiß um die Versäumnisse auch der Christen bei der Würdigung ihrer Blutzeugen: Allzu schnell wird der Tapfere, der Außenseiter, der Widerspenstige, der Sonderling und sein trauriges Schicksal bewußt verdrängt und vergessen.

In Ansbach war 1945 vier Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner der 19jährige Philosophiestudent Robert Limpert von dem fanatischen Kampfkom-mandanten der Stadt eigenhändig am Rathaus erhängt worden: Mit einer einzi-gen Stimme Mehrheit konnte im Jahre 1989 eine öffentliche Ehrung dieses jun-gen Christen durchgesetzt werden. Er hatte seine Heimatstadt vor Zerstörung retten wollen, nachdem er die Bombardierung seiner Studienstadt Würzburg als Trauma erlebt hatte (vgl. Band I, S. 82-87). Welches Maß an Wegschauen, an Kälte und Härte zeigt sich hier! Das Gefühl drängt sich auf, daß für viele Men-schen in unserem Land diese Opfer möglichst tot sein und für immer tot bleiben sollten – aus den verschiedensten Beweggründen.

Martyrium: Die Christen der ersten Jahrhunderte hatten noch keine Scheu vor diesem Begriff und dem Umgang mit dem Schicksal tapferer und unerschrocke-ner Zeugen für Christus. Der Katechismus der Katholischen Kirche wirkt mit seinen drei knappen Artikeln (2473, 2474 und 2506, wobei Art. 2506 der zu-sammenfassende Kurztext ist) ausgesprochen schmallippig. Zieht man die Zitate von Kirchenvätern dort ab, so finden sich im 800seitigen Weltkatechismus gera-de eben acht Zeilen zum Blutopfer von Christen, die freilich inhaltlich gewichtig sind: „Mit größter Sorgfalt hat die Kirche Erinnerungen an jene, die in ihrer Glaubensbezeugung bis zum äußersten gegangen sind, in den Akten der Martyrer gesammelt. Sie bilden die mit Blut geschriebenen Archive der Wahrheit.“ (Art. 2474)

Die Martyrer aus der Zeit des Kommunismus (ab 1917)

Bei dieser zweiten großen Gruppe von Opfern wurden für die über 100 Getöte-ten, darunter ein Abt, ein Erzbischof, vier Bischöfe und ein Apostolischer Proto-notar, erschütternde Berichte ihrer Schicksale und ihres segensreichen Wirkens für ihre Gemeinden und Aufgabengebiete angefertigt. Direkt aus Deutschland stammen Erzbischof Dr. Dr. Eduard Profittlich, der in Linz am Rhein sein Abi-tur ablegte, und Abt Adalbert Graf von Neipperg, der in der Nähe von Heilbronn aufwuchs und in den Benediktinerabteien Beuron und Neuburg bei Heidelberg wirkte. Der diesen Kapiteln beigefügte „Geschichtliche Überblick“ (Band II, S. 915-916) und die kurze Einführung in die Problematik des sowjetischen Staats-terrorismus gegen die Kirchen sind für den Leser äußerst instruktiv. Alle bisher gewürdigten Blutzeugen bis auf eine Mutter von vier Kindern (vgl. Band II, S. 989-990) sind Priester.

Das Priesterseminar von Saratov, eine Stadt an der Wolga, etwa 300 km nördlich von Wolgograd, dem früheren Stalingrad, gelegen, war eine Wiege von Dutzen-den priesterlicher Martyrer. Sie wurden wegen der unterschiedlichsten Delikte gegen die kommunistische Staatsgewalt angeklagt, starben in russischen Lagern, oft nach jahrelanger Haft, kamen um in der Verbannung; sie wurden in Aus-übung priesterlicher Liebesdienste brutal erschossen, wie der 26jährige Jakob Duckardt, der nach einem Granateneinschlag Schwerverwundeten die Sterbesak-ramente spendete und sie trösten wollte. Ein Soldat riß den Geistlichen von den Sterbenden weg und tötete ihn (vgl. Band II, S. 926-927). Zahlreiche von ihnen wurden auf die mehr als 2000 km weit von ihren Pfarrgebieten entfernt im Wei-ßen Meer im hohen Norden gelegenen Solowezki-Inseln verschleppt und kamen dort in den Gefängnissen um oder wurden erschossen.

Die tatsächliche Zahl der in den jeweiligen Umfeldern dieser Geistlichen wegen ihres Glaubensbekenntnisses getöteten Menschen dürfte ungeheuer groß sein. Leider sind viele Angaben und Namen aus dieser unmenschlichen Zeit des staat-lichen und willkürlichen Terrors gegen Christen wohl für immer verloren.

Die etwa 400.000 katholischen rußlanddeutschen Mitbürger in unserem Land jedoch pflegen das Andenken dieser Zeugen für Christus. Sie sind auch aufgeru-fen, weitere Zeugnisse zu bewahren, bei Ahnenforschungen eventuell aufgefun-dene Unterlagen und Berichte zugänglich zu machen, und so vielleicht noch ein wenig mehr Licht für uns Heutige in das Lebensdrama des einen oder anderen Blutzeugen zu bringen.

Die Gruppe der Donauschwaben stellen in dieser Kategorie knapp 40 Glaubens-zeugen. Ihren Portraits ist wiederum eine hilfreiche geschichtliche Einführung vorangestellt (vgl. Band II, S. 956-958). Zu ihnen gehört auch Elisabeth Wurtzky aus der Batschka. Sie ging aus dem Vernichtungslager, wo sie interniert war, zur Frühmesse, obwohl hierfür mit Erschießung gedroht worden war. Sterbend hat sie die Hände ausgebreitet und stürzte durchbohrt in ein vorbereitetes Massen-grab (vgl. Band II, S. 989-990).

Die Reinheitsmartyrien

Äußerst beeindruckende Gruppen von Blutzeugen für Christus finden sich auch in der Kategorie der Reinheitsmartyrien. Hier sind über 70 Personen unterschied-lichen Alters und beiderlei Geschlechts zusammengefaßt.

Eine erste Gruppe dieser Kategorie im 20. Jahrhundert besteht aus sieben weibli-chen Jugendlichen zwischen 11 und 24 Jahren, welche bereits ein tiefes und reifes religiöses Leben führten und einen tragischen Mördertod erlitten in der Verteidigung ihrer körperlichen und seelischen Reinheit. Sie wollten selbst über ihren Körper bestimmen und willigten nicht – auch nicht aus einem möglicher-weise rettenden Kalkül – in eine Hingabe und Benutzung ihres Leibes ohne Zu-neigung und Liebe ein (vgl. Band II; S. 992-1013).

Eine zweite, nahezu unbekannte Gruppe bilden die über 40 Ordensschwestern, die fast alle der Kongregation von der Hl. Elisabeth in der oberschlesischen Stadt Neiße angehörten. In einem kurzen Einführungskapitel wird hier diese Schwes-terngemeinschaft vorgestellt und die näheren Umstände der geschichtlichen Wirren erläutert. Die Nonnen waren zusammen mit anderen Frauen schutzlos den anrennenden Soldaten und Partisanen ausgeliefert und starben durchwegs nach vielfachen Vergewaltigungen und Quälereien, manche an Erschöpfung; zahlreiche wurden erschossen, fast alle in den ersten Monaten des Jahres 1945. Die Frauen stammen aus Gebieten des heute vereinten Europa. Es müßte mög-lich sein, die im Jahr 2005 anstehenden 60. Jahrestage ihrer Martyrien würdig zu begehen, ihre Persönlichkeiten in diesem Zusammenhang noch mehr durch zu-sätzliche Recherchen zu erschließen. In ihren Geburtsorten und in Neiße und Umgebung sollten diesen Schwestern bald bleibende Andenken gewidmet wer-den. Sie standen bis zu ihrem Tod den ihnen Anvertrauten und den zu ihnen Geflüchteten, jungen Mädchen, Schwangeren, Frauen und Kindern, Alten und Gebrechlichen bei. Erschütternde Berichte von Augenzeugen und überlebenden Schwestern erhellen für den Leser die dramatischen Situationen (vgl. Band II, S. 1014-1037).

Zu dieser Gruppe von schutzlosen christlichen Frauen in den Ostgebieten gehö-ren auch die zwölf vorgestellten Frauen zwischen 15 und 66 Jahren, die von Partisanen und russischen Soldaten Ende 1944 – die meisten aber im Frühjahr 1945 – geschändet und ermordet wurden (vgl. Band II, S. 1038-1052).

Sie alle müssen stellvertretend gewürdigt werden für unzählige Mädchen und Frauen, die in diesen Zeiten Entsetzliches zu erdulden hatten. Wir Heutigen stehen fassungslos und erkennen doch, daß wenige Flugstunden von uns entfernt Menschen sich heute gegenseitig das gleiche Unmenschliche antun.

Wir gingen und gehen schnell zur Tagesordnung über. Wer beugt sich vor dem Opfer dieser Frauen und Mädchen, die verängstigt, geschändet, gequält und fürs Leben krank gemacht wurden und werden? „Wer ehrt die Frau, die die Frucht solcher weher schrecklicher Stunden austrug und ein Kind gebar, das sie nicht wollte?“ (dMart, Band II, S.1050). Wer fühlt heute das Erstarren und die Angst der Frauen und Mädchen, die immer wieder vergewaltigt werden und nicht wis-sen, ob sie diese Tortur lebend überstehen?

Für Christen ist der Körper der „Tempel des Heiligen Geistes“ (1Kor 6,19). Nicht alle haben dafür ein deutliches Gespür. Frauen, die sich verzweifelt gegen eine Vergewaltigung wehrten, ihre Reinheit und Selbstbestimmung wie Löwin-nen verteidigten, Tod und Verstümmelung in Kauf nehmen mußten – sie stehen für eine heute oft gerade von Männern vielfach nicht verstandene Haltung, ja man belächelte sogar kalt ihre Torheit. Nicht wenige ließen sich damals lieber erschießen als ihren Körper den hemmungslosen Trieben und Brutalitäten der männlichen Angreifer freizugeben und ihrer bewußten Herabsetzung als Frau zuzustimmen.

Die dritte Gruppe in der Kategorie der Reinheitsmartyrien sind die getöteten Beschützer und Beschützerinnen von bedrohten Frauen gegen Ende des zweiten Weltkrieges (vgl. Band II, S. 1053-1081). Es sind dies 15 Priester in den Ostge-bieten, allein mehr als zehn aus der Visitatur Breslau, eine Mutter, die das Ver-steck ihrer Tochter nicht preisgeben wollte, und zwei Ordensfrauen, eine davon die Gründerin der Nazarethschwestern, Mutter Augustina von Goppeln.

Das Motiv des Guten Hirten war durchweg Leitbild der Priester. Das Bild einer guten Hirtin drängt sich dem aufmerksamen Leser für die getöteten Frauen paral-lel dazu auf. Sie ließen ihre Gemeindemitglieder und die ihnen Anvertrauten nicht im Stich, die aufgrund von Gebrechlichkeit, Armut, Schwangerschaft oder weil sie Säuglinge oder Behinderte zu betreuen hatten, nicht fliehen konnten. Sie gaben buchstäblich ihr Leben hin für die Ihrigen und oft mit ihren „Schafen“. Viele Aussagen belegen, daß sie sehr wohl die Todesgefahr ahnten; sie wußten, daß sie sofort durch ihre Kleidung als Priester und Ordensleute erkennbar waren und den Haß der einrückenden Truppen oder verhetzter Partisanen auf sich zie-hen würden. Frauen und junge Mädchen flüchteten sich in die Pfarrhäuser und Klöster, als die Soldaten einrückten; die Kinder blieben bei den Alten zurück in den Wohnungen und Häusern. Beherzt traten diese Beschützer für die Bedräng-ten ein und verbluteten im Kugelhagel oder wurden gezielt hinterrücks niederge-streckt.

Exemplarisch wird hier priesterliches Wirken in höchster Todesgefahr sichtbar. Sie gaben ihr Leben wahrhaft hin für ihre Nächsten. Das gleiche gilt für die getö-teten Frauen: Sie starben für ihre Angehörigen und ihre Mitschwestern.

Blutzeugen aus den Missionsgebieten

Eine vierte und letzte Kategorie sind die Blutzeugen aus den Missionsgebieten. Sie werden in chronologischer Reihenfolge mit meist ausführlichen Lebensbil-dern und eindrücklichen Schilderungen ihres Sterbens aufgeführt (vgl. Band II, S. 1083-1240). Über 170 aus Deutschland stammende katholische Christen ga-ben im vergangenen Jahrhundert ihr Leben in den Missionsgebieten hin, darunter ein Erzbischof, fünf Bischöfe und ein Abt-Bischof.

Dem Leser wird klar, wie diese Menschen ihre Liebe und ihre ganze Lebens-energie einer Berufung als Ordensfrau oder Ordensmann weihten oder es – wie die Missionsärztin Dr. Johanna Decker (vgl. Band II, S. 1229-1232) – in den Dienst von Missionsorden stellten. Sie erfüllten den Missionsbefehl Christi und gingen stellvertretend für uns hinaus in die Welt. Viele von ihnen sind fast völlig vergessen. Über zahlreiche sind nur Schematismusdaten bekannt. Hier soll zu weiteren Nachforschungen ermutigt werden, um auch sie für uns Heutige als Gefährten in bedrohter Zeit lebendiger werden zu lassen.

Bei vielen Ordensgemeinschaften sind den Portraits Einführungen zu den Nie-derlassungen in den Missionsländern oder eine Schilderung der besonderen Um-stände der Martyrien vorangestellt. Sie geben einen hervorragenden Einblick in die Arbeit und Bedrohung dieser Häuser: So bei den Benediktinern und St. Be-nediktus-Missionsschwestern von St. Ottilien für die Martyrer in Tansania (vgl. Band II, S, 1094-1103), ebenso für die Missionare aus St. Ottilien in China (vgl. Band II,S. 1125-1132) und für die Steyler Missionare und Missionsschwestern aus den Missionsstationen in Papua Neuguinea (vgl. Band II, S. 1133-1140). Ebenso findet der Leser eine gute Einführung zu den Schicksalen der Brüder der christlichen Schulen in Manila im Jahre 1945 (vgl. Band II, S. 1146-1158), den Missionsbenediktinern in Nordkorea (vgl. Band II, S. 1174-1193) sowie den Kleinen Brüdern Jesu in der Demokratischen Republik Kongo (vgl. Band II, S. 1197-1203). Der Martyrertod der Missionsdominikanerinnen, die 1977 im dama-ligen Rhodesien erschossen wurden, ist ebenfalls in einem Vorspann eindrück-lich geschildert (vgl. Band II, S. 1207-1211).

Das Schicksal der etwa 40 Steyler Missionare, der Steyler Missionsschwestern und sechs weiterer Ordensleute, die alle am 15. März 1944 auf dem japanischen Zerstörer Akikaze interniert und auf offener See zusammen mit einer evangeli-schen Missionarsfamilie zwei Tage später erschossen wurden, schreit zum Him-mel. Am Heck des Schiffes wurden sie nacheinander aufgerufen, ihnen die Au-gen verbunden und einer nach dem anderen getötet, so daß bei der erhöhten Geschwindigkeit des Schiffes die Missionare in ihrer Ordenstracht direkt ins Meer fielen. Die sechs Personen der protestantischen Liebenzeller Mission, dar-unter ein Kind, starben ebenso. Hier wird eine existentielle ökumenische Einheit überdeutlich, die Einheit im Martyrium. Sie starben gleichsam Hand in Hand: Hier gelten nur noch die Kategorien Christ und Opfer, Opfer für den Glauben (vgl. Band II, S. 1133-1140).

Entstehung und Struktur des Werkes

Wie eine gewaltige Fanfare war gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Aufforde-rung von Papst Johannes Paul II. im Jahre 1994 erklungen, es „muß von den Ortskirchen alles unternommen werden, um durch das Anlegen der notwendigen Dokumentation nicht die Erinnerung zu verlieren an diejenigen, die das Martyri-um erlitten haben.“ (So das Motto auf der Innenseite des Titels, Band I, S. II).

Jede Diözese, alle Visitatoren, Orden, Kongregationen und Geistliche Gemein-schaften stellten für diese Erhebungsarbeit sofort Beauftragte frei. Prälat Dr. Helmut Moll, Priester des Erzbistums Köln, wurde vom Vorsitzenden der Litur-gie-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joachim Meisner, zum Beauftragten des Martyrologiums für Deutschland bestellt. In allen vier Kategorien mußten geduldig die Opfer aufgespürt und ihr Schicksal erschlossen werden. Schon wenige Jahre später, im November des Jahres 1999, konnte Hel-mut Moll die erste Auflage des epochalen Werkes vorlegen: Die etwa 150 Auto-ren (vgl. Band I, S. XLIX-LII), die Beauftragten (vgl. Band I, S. XLV-XLVII) und der Herausgeber hatten eine bewundernswerte Arbeit geleistet.

Die Akten aller bisher bekannten deutschen Martyrer des 20. Jahrhunderts liegen nun mit größter Sorgfalt gesammelt im dMart Helmut Molls vor. Die „Theologi-sche Einführung“ (vgl. Band I, S. XXIX-XLIV) zur ersten Auflage im Jahre 1999 wurde am 55. Jahrestag der Ermordung von Kaplan Dr. Hermann Josef Wehrle aus München (vgl. Band I, S. 390-391) und von dem Mitglied des Preus¬sischen Abgeordnetenhauses Dr. Michael Graf von Matuschka aus Niederschle-sien (vgl. Band I, S. 632-636) geschrieben, am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung.

Jedes Lebensbild der ins dMart nach strengen Kriterien aufgenommenen Persön-lichkeiten des 20. Jahrhunderts (vgl. Band I, S. XXXI-XXXIII) wird durch Quel-len- und Literaturangaben ergänzt (vgl. Band I, S. LIII-LXII). Das Verzeichnis der Abbildungen am Ende des zweiten Bandes (vgl. Band II, S. 1307-1308) läßt das Archiv relativ leicht ausmachen, in dem ein benötigtes Bild liegt. Hilfreich hierfür ist der Name der Diözese oder des Ordens, dem der Martyrer angehört. Bilder aus Privatarchiven sind mit Hilfe der Literaturangaben am Schluß des Portraits recht gut aufzufinden. Kontakte zu diesen Archiven sind bei geplanten Ausstellungen, Gedenkwänden in Bildungshäusern oder Pfarrheimen, auch bei Namengebungen von Gebäuden wichtig: Große Portraitbilder vermitteln einen direkten Bezug zur geehrten Person und sind bei Gedenkfeiern und Gottesdiens-ten immer wieder plakativ einsetzbar. Die beiden Bände sind mit durchlaufenden Seitenzahlen versehen. Die Register befinden sich am Ende des zweiten Bandes (vgl. Band II, S. 1242-1306).

Das Personenregister besteht im Grunde aus zwei verschiedenen Registern, ei-nerseits der alphabetischen Auflistung der Martyrer, ihre Familiennamen in Großbuchstaben gedruckt (vgl. Band II, S. 1242-1251). Den Katholiken ist eine kleine Gruppe der ins dMart aufgenommenen Nichtkatholiken beigesellt, die in ökumenischen Gruppen gewirkt haben: Dietrich Bonhoeffer, Alexander Schmo-rell, Hans und Sophie Scholl und Karl Friedrich Stellbrink. Es folgt das sehr ausführliche allgemeine Personenregister, in dem alle Namen der Verwandten, sonstiger Personen, theologischer Lehrer, aber auch von Schergen und NS-Größen des 20. Jahrhunderts aufgeführt sind (vgl. Band II, S. 1251-1277). Eine kleine Erleichterung für die Handhabung dieses doppelten Personenregisters wäre es, wenn in der Kopfzeile auf den rechten Seiten des Martyrerregisters vermerkt wäre „Personenregister (MARTYRER)“ und beim allgemeinen Perso-nenregister „Personenregister (sonstige)“. Häufig geht der Benutzer eines Buch-registers nach der Kopfzeile und dem Alphabet – und landet bei der Suche nach einem Blutzeugen im allgemeinen Personenregister, ohne ihn dann dort zu fin-den.

Sodann folgt ein umfassendes „Ortsregister“, das von vielen Benutzern sicher häufig zuerst konsultiert wird, um zu prüfen, ob ihr Heimatort oder ihre Heimat-stadt dort verzeichnet sind (vgl. Band II, S. 1278-1306). Schlagend zeigen die fast 200 Einträge unter dem Stichwort „Dachau“, daß dieses Lager vor allem für Priester und Ordensleute die Stätte von Haft und Martyrium wurde. Dachau hat die weitaus meisten Einträge im gesamten Ortsverzeichnis des dMart. Vorange-stellt ist jedem der Bände das vollständige und sehr ausführliche „Inhaltsver-zeichnis“, was hilfreich für eingehenderes Arbeiten ist (vgl. Band I und II, S. V-XXIV).

Die beiden Bände des dMart sind vom Aussehen und dem passenden blutroten Umschlag auf der Vorderseite völlig gleich, die Bandzahl (I, II) ist auf dem Buchrücken sowie auf dem jeweiligen Titelblatt im Inneren der Bände angege-ben. Ein zusätzlicher Aufdruck der Bandzahl auf der Vorderseite des Umschla-ges könnte das schnellere Handhaben der beiden Bände ein wenig erleichtern. Ein Gewinn für eine spätere Auflage schienen mir einige einfache Karten, gerade auch für die Ostgebiete und die Missionen.

Ausblick

Unweigerlich kommen dem Leser an so manchen Stellen Verse aus der Offenba-rung des Johannes: „Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen ... Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? ... Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder ge-waschen und im Blut des Lammes weiß gemacht ... Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden ... und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“ (Kapitel 7,9-17, Einheitsübersetzung). Unsere Martyrer aus allen christlichen Konfessionen stehen „in weißen Gewändern“ vor Gottes Angesicht, das ist unser unerschütterlicher Glaube.

Christus nimmt das Lebensopfer dieser Menschen an, aus ihren Händen, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche. Er ist nicht kleinlich oder nach-rechnend, wie wir oft auf Erden. Er weist keinen von den Blutzeugen zurück.

Der evangelische Pastor Goebel im dMart, selbst vom Tode gezeichnet, am Ster-bebett des katholischen Priesters – er hält seine zitternde Hand und atmet mit ihm seine letzten Atemzüge (vgl. Band II, S. 848): Brüder im „Realvollzug der Eucharistie“ (Kardinal Joseph Ratzinger). Der Martyrer gibt sein Leben hin, er ist Opfernder und Opfer zugleich und er wird in diesem Vollzug Christus so ähnlich, so stark christusförmig, wie es sonst wohl nicht auf Erden möglich ist. Diese priesterliche Eigenschaft verdichtet sich im Martyrium von Männern wie von Frauen. Indem diese Tapferen in der vollendeten Nachfolge mit Jesus Chris-tus eins werden – werden sie nicht dann auch alle untereinander eins?

So steht das gemeinsame Lebensopfer der Zeugen für Christus – auch als zu-nächst noch getrennte Christen – als Zeichen und Vollzug der Einheit der wahr-haft katholischen Kirche in der Gemeinschaft der Heiligen und Martyrer.

Die Beschäftigung mit Helmut Molls beeindruckendem Werk, welches das viel-schichtige Thema mit tiefer Wärme in der Sprache, mit spürbarer Empathie und wissenschaftlicher Sorgfalt für den Leser aufbereitet – sie wird zahlreiche Früch-te tragen.

Diesen kostbaren Bänden des deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhunderts sind weitere Auflagen mit eventuellen Ergänzungen und Übersetzungen in ande-re Sprachen zu wünschen. In Arbeit ist bereits eine vollständige Übersetzung ins Amerikanische, besorgt von den Paulist Fathers in Massachusetts. In italieni-scher Sprache werden die Teile über den Nationalsozialismus mit einer Fassung von etwa 500 Seiten im größten und angesehensten Verlag in Italien vorbereitet, dem Verlag San Paolo in Mailand.

Man möchte diesem gewaltigen Werk Helmut Molls und seiner Mitautoren wei-teste Verbreitung im deutschen Sprachraum, in allen Pfarreien, Seminaren, kirch-lichen Bildungseinrichtungen, bei allen Laiengremien im kirchlichen Umfeld, aber auch in den Handbüchereien von Schulen, Städten und Kommunen wün-schen. Nur im Erschließen dieser tapferen Menschen und ihrer Schicksale für uns und unsere Jugend kann das Blut dieser Menschen als Sämling weiterkeimen und zu Samen, Blüte und Frucht für uns Christen werden. Dann kann auch für die Martyrer des 20. Jahrhunderts gelten: Sanguis martyrum – semen christiano-rum.

Dr. Christina Agerer-Kirchhoff arbeitet als Historikerin in München.

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