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Jahrgang 57
Nr. 1/2003 Februar
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| DIE NEUE ORDNUNG | ||||
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Edgar Nawroth, neunzigjährig
Er gehört zu jener bei katholischen Sozialethikern nicht seltenen - Spezies, die altert, ohne zu veralten. Und zu jenen „klassischen Greisen“, die sich immer noch die Möglichkeit der Steigerung offenhalten. Den Titel „Professor“ nimmt er wörtlich, wenn er durchdachte Wahrheiten auch dann bekennt, wenn sie als un-angenehm oder unzeitgemäß, als „schwarz“ oder „rot“ erscheinen. Geistesgrößen seiner nüchternen und beharrlichen Art bewegen kaum die blü-hende Phantasie und das Aufregungsbedürfnis eines breiten Publikums. Da hilft auch kein biographischer Klatsch. Die äußeren Lebensdaten sind schnell skiz-ziert: Am 2. November 1912 wurde er im schlesischen Görlitz geboren. Im Un-glücksjahr der „Machtergreifung“ 1933 trat er in den Dominikanerorden ein, der sich dem kollektiven Naziwahn enthielt und einige Widerstandskämpfer hervor-brachte. Er studierte an der ordenseigenen Hochschule in Walberberg und wurde 1939 zum Priester geweiht. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Sani-täter und geriet in Gefangenschaft. Nach 1945 wirkte Pater Edgar als Volksmis-sionar in Düsseldorf und redigierte die fromme Ordenszeitschrift „Gottesfreund“. In dieser Zeit arbeitete er auch eng mit Eberhard Welty OP zusammen, der nach dem Krieg als einer der einflußreichsten Sozialethiker galt und mit seiner „Wal-berberger Bewegung“ erheblich auf die CDU-Programmatik einwirkte. Edgar Nawroth folgte den Spuren seines Lehrers Welty und sollte die dominika-nische Tradition der an Thomas von Aquin orientierten Sozialethik fortführen. Zu diesem Zwecke studierte er von 1953 bis 1959 in Fribourg Sozialphilosophie, zusätzlich Volkswirtschaft und mittelalterliche Philosophie, auch deutsche Lite-ratur. Seine philosophische Doktorarbeit, betreut von Arthur F. Utz OP, war vom Format her eine Habilitation und hatte die „Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus“ zum Gegenstand. Sie sorgte im akademisch-liberalen Karpfenteich für helle Aufregung. Aber bis heute wartet man vergebens auf eine schlüssige „neoliberale“ Antwort auf die klassische Herausforderung: Wie läßt sich ökonomische Freiheit zugleich begründen und begrenzen? Die akademische Lehrtätigkeit Nawroths begann 1960 in Walberberg, wo er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Dominikaner lehrte. Parallel dazu übernahm er 1963 in der Nachfolge von Joseph Höffner an der Theologi-schen Fakultät Trier einen Lehrauftrag, den er bis 1985 wahrnahm. Mehrere Generationen von Theologiestudenten hat er in Walberberg und Trier mit sozial-ethischen Methoden, Fragestellungen und Problemlösungen vertraut gemacht. Sein Vortragsstil war erfrischend nüchtern. Ein aristokratisch wirkender Domi-nikaner „alter Schule“, Thomist aus Überzeugung, Asket mit Leidenschaft, „teu-tonische“ Disziplin und Sachlichkeit mit einem Schuß Ironie und Sarkasmus. Einen Namen machte sich Edgar Nawroth auch als Chefredakteur der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“, die er - Welty nachfolgend - von 1965 bis 1984 redigierte. Seine Bibliographie umfaßt zahlreiche Aufsätze, Beiträge und Bücher. Kaum zu zählen sind die Vorträge, die er in diesen Jahren quer durch die Bundesrepublik gehalten hat. Seine wissenschaftliche Produktivität ist bis heute ungebrochen. Dabei widmet er sich nicht bloß sozialphilosophischen Grundsatzfragen auf abstrakt-metaphysischer Ebene, die nur wenigen Fachleuten zugänglich sind. Er war vielmehr immer auch an praktischen Themen und aktuellen Herausforderun-gen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik interessiert. Und die Feststellung ist nicht übertrieben, daß Edgar Nawroth ganz erheblich zur Sinnerfüllung und sozialpolitischen Ausgestaltung der Marktwirtschaft beigetragen hat, wenngleich praktisch-politische Wirkungen nur schwer abzuschätzen sind. Die geistigen Grundlagen der Wirtschaftsordnung und die sich wandelnden sozialen Fragen, vor allem die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeitnehmer stehen bis heute im Zentrum seines Erkenntnis- und Gestaltungsinteresses. Seit den sechziger Jahren profilierte er sich als sozialpolitischer Spezialist vor allem zu Fragen der Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft, der Vermögensbil-dung und der Sozialversicherungen. Seine Sachkompetenz erwies sich vor allem in Fragen der Raumordungspolitik und der Bodenrechtsreform, wofür er 1987 mit dem Heinrich-Plett-Preis ausgezeichnet wurde. Seine sozialethische Geradli-nigkeit und Unbestechlichkeit stehen außer Zweifel. Einerseits gehört er zu den Beratern der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, war auch den Gewerkschaf-ten ein gerngesehener Ratgeber, wenn er sie zuweilen auch kräftig kritisierte. Andererseits berät er auch Unternehmer und führt mit ihnen fruchtbare Gesprä-che, etwa in dem zur Institution gewordenen „Walberberger System-Symposium“. Er konnte im Lauf der Zeit die verschiedensten Regierungen, Minister, Parteien, Verbände und Bischöfe beraten, gerade weil er unabhängig von ihrer jeweiligen Couleur oder Interessenlage blieb. So erwarb er sich immer mehr den Ruf einer ausgleichenden Ordnungsinstanz, auf die man sich berufen kann. Daß ihn auch jene als kompetenten und glaubwürdigen Gesprächspartner ernst nehmen, die weder christgläubig noch kirchengebunden sind, hängt wohl mit seiner rationalen naturrechtlichen Sachbezogenheit zusammen. Seine Argumen-tation, sein Ordnungsdenken stützt sich nicht auf Deduktionen aus Glaubenssät-zen, sondern auf vernünftig-naturrechtliche Wertbegründung und Wirklichkeits-gestaltung mit Sinn für das Machbare. In diesem Sinne hat Edgar Nawroth zwar keine neue Schule begründet, aber doch stilbildend und segensreich gewirkt. Sozialwissenschaftler und Studenten, Parteien und Verbände, Kirche und Staat haben ihm, dem unauffällig und unentwegt Arbeitenden, für seinen tapferen Dienst sehr zu danken. Besonders der Orden, dem er nun seit 70 Jahren angehört, schuldet ihm mehr als eine dankbare Verneigung. Nämlich die Fortsetzung einer großen und verpflichtenden Tradition. Dank Dir, Edgar! Wolfgang Ockenfels |
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