Jahrgang 57
Nr. 1/2003 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Horst Friedrich Wünsche

Edgar Nawroths Beitrag
zur Fortentwicklung der Wirtschafts- und
Sozialphilosophie des modernen Liberalismus

I.

Ich verdanke Egon Edgar Nawroth viel, und ich würde das mit dem vorliegen-den Beitrag gern zum Ausdruck bringen.* Aber es geht nicht um mich, und ehr-lich gesagt geht es mir auch nicht allein um die Verdienste von Pater Nawroth. Ich möchte mich in erster Linie mit einem prinzipiellen, für Gegenwart und Zu-kunft wichtigen Sachverhalt befassen, zu dessen Klärung Nawroth beigetragen hat.

Nur kurz zur Einführung: Wenige Wochen nach Abschluß meines Studiums bin ich Egon Edgar Nawroth begegnet. Er hat mich von Friedrich August von Hayek weg, zu Ludwig Erhard hin geführt. Das war ein schwieriges Unternehmen, denn – wie es so geht bei einer wissenschaftlichen Ausbildung – mir waren Kenntnis-se, Zuneigungen, Vorlieben und viel Selbstbewußtsein vermittelt worden. Ich konnte rhetorisch geschickt argumentieren und diskutieren. Die Techniken des kritischen Fragens und des Sich-selbst-in-Frage-Stellens hatte ich nicht zu üben brauchen.

Ich hatte Hayek gehört, mit ihm gesprochen, seine Schriften studiert und man-ches auswendig gelernt. Einiges konnte ich getreulich repetieren, anderes gefäl-lig interpretieren. So ausgestattet und zusätzlich noch mit Hayeks freundlich formulierter Vorwarnung und einigen guten Wünschen versehen, kam ich zu Ludwig Erhard – und alsbald war ich sehr, wirklich sehr überrascht und heftig irritiert: Erhard sprach tatsächlich und voller Überzeugung von der Sozialen Marktwirtschaft und mahnte mich, den Begriff stets groß zu schreiben. Es schien mir unfaßbar, daß dieser große Mann nicht verstanden haben sollte, daß die Marktwirtschaft als solche schon „sozial“ ist und kein Attribut benötigt.

Heute empfehle ich allen, Nawroth zu lesen, sobald sie an der Weisheit neolibe-raler Positionen zu zweifeln beginnen und Tiefgründigeres über Mängel im neo-liberalen Denksystem erfahren möchten oder nach Hinweisen über Inhalt und Bedeutung der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne von Ludwig Erhard suchen. Für mich war Nawroth ein guter Führer zum Studium der Primärquellen, und mir scheint es gerade jetzt, in einer Zeit berechtigter wirtschaftlicher und sozialer Unzufriedenheit und beträchtlicher politischer Unsicherheit, wichtig, das Origi-nale zu inspizieren.

Ludwig Erhard – und nicht etwa ein Hochschullehrer aus Freiburg, Genf, Müns-ter oder Istanbul – hat nach Ende des Zweiten Weltkrieges das wirtschaftliche und soziale Wunder in Deutschland ausgelöst. Erhard hat – so berichten viele – seinen Weg unbeirrt von Bedenkenträgern, Ratschläglern und Besserwissern verfolgt. Historisch belegt ist auch, daß kurz vor Erhards Rücktritt die Blütezeit wissenschaftlicher Politikberatung begann und zugleich das „Wirtschaftswun-der“ erlosch.

Die wissenschaftliche Politikberatung blüht in Deutschland noch immer. Das Land verfällt mehr und mehr. In Not oder verklärter Sehnsucht besinnen sich von Jahr zu Jahr mehr Bürger auf Erhard – nicht nur Deutsche, denn die Misere hat sich globalisiert. Statt zu den wenigen, gewiß schwierigen, aber immerhin doch aufschlußreichen Quellen, greifen die meisten daneben, in die prall gefüllten Regale mit den neoliberalen Kommentaren und Interpretationen. Ein wenig Nawroth, und ein solches Malheur wäre nicht möglich.

II.

Bei dieser Sachlage ist klar: Neoliberale hören den Namen Egon Edgar Nawroth nicht gern. Sie fürchten, Nawroth übe schädlichen Einfluß aus: auf die Politik und auf die akademische Jugend. Sie halten den Weg, zu dem er mich verleitet hat, den Weg von Hayek zu Erhard, für abschüssig, für einen Weg, der aus den heiligen Hallen des Neoliberalismus in die Unterwelt der Sozialen Marktwirt-schaft führt, aus der Erleuchtung zur Häresie, für einen schlimmen Irrweg, auf dem sich selbst der schon sehend gewordene Paulus zum Saulus zurück verwan-deln würde.

Es ist nicht angebracht, Neoliberalen zu widersprechen, denn einige von ihnen vertragen keinen Widerspruch. Ich weiß, wovon ich spreche. Man muß sich deshalb damit begnügen, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß das neoliberale Urteil über die Soziale Marktwirtschaft auf Prämissen beruht, die nur innerhalb des Elfenbeinturms der neoklassischen Nationalökonomie gültig sind.

Pater Nawroth hat sich mehr zu sagen gewagt. Er hat als erster die prinzipiellen Mängel in der neoliberalen Position erkannt und seine Erkenntnisse 1961 auf den 472 Seiten seines anspruchsvollen Buches „Die Sozial- und Wirtschaftsphiloso-phie des Neoliberalismus“ ausgiebig dargelegt. Mit diesem Werk hat er den Weg zum richtigen Verständnis der Sozialen Marktwirtschaft freigelegt. Leider wurde der Weg dann nicht beschritten. Das Nawrothsche Buch hat keine Revolution bewirkt – weder im Denken über den Neoliberalismus noch in den Urteilen über die Soziale Marktwirtschaft. So werden bis heute die alten Märchen und Ge-schichten über den Neoliberalismus erzählt, und was über die Soziale Marktwirt-schaft gesagt wird, ist so vielfältig, so kontrovers und so obskur geworden, daß sich damit kaum noch vernünftig argumentieren läßt.

III.

Nawroths Buch mag schwer verständlich sein, aber in seiner Intention ist es außerordentlich klar. Auch der unbedarfteste Leser muß bemerken, daß es um eine Generalabrechnung geht. Nawroth weist nach, „daß es sich beim Neolibera-lismus nicht um eine ideelle Neuschöpfung, sondern in der Tat nur um die ,ungestüme Renaissance‘ (Röpke) altliberalen Gedankenguts handelt, die aber auch in keiner einzigen wichtigen Grundfrage über das geistige Niveau der Auf-klärungsphilosophie hinausgekommen ist – und übrigens auch gar nicht hinaus-kommen wollte, wie die bewußte und ständige geistige Rückorientierung der maßgeblichen Ideologen an der verherrlichten englischen Aufklärung bezeugt.“ (Seite 425)

Nawroth hat wenig getan, um sich gegen den Verriß, den er erwarten mußte, zu wappnen. Ja, er hat den Kritisierten sogar noch einige kräftige Argumente zu ihrer Verteidigung zugespielt.

- Da ist zum ersten die soeben erwähnte Sache mit der „ungestümen Renais-sance“. Eine Renaissance als solche muß nicht schlecht sein. Es gibt Zeiten des Verfalls, und in diesen Zeiten tut Rückbesinnung not. Wenn Acton, Burke, Lo-cke, Smith (und wie sie alle heißen mögen) vor Jahrhunderten wußten, was für die Gegenwart wichtig ist, dann müssen sie – so schmerzlich das für zeitgenössi-sche Denker sein mag – studiert und zitiert werden, je ungestümer, desto besser.

Mit anderen Worten: Kritik darf sich nicht auf die Anklage zuspitzen, der Neoli-beralismus grabe Altes aus, er sei reaktionär. Vielmehr muß untersucht werden, ob das Ziel der Rückbesinnung ein gültiges Wertesystem ist oder ob es nur um Reaktivierung von Dogmen geht.

- Nawroth hat diesen Punkt erkannt, aber in seinem Buch nicht deutlich hervor-gehoben – ich meine: nicht deutlich hervorheben können. Ihm war zwar bewußt, daß es letztlich um das Wertesystem geht, und er hat seiner Kritik am Neolibera-lismus deshalb den „christlichen Personalismus“ als Wertemaßstab gegenüberge-stellt. Aber er konnte sich dabei nicht auf dessen solide Wurzeln, beispielsweise auf Heinrich Pesch, stützen, denn damit hätte er ja selbst eine Art von Renais-sance befürwortet. Vielmehr hat er damals moderne Ansichten ins Spiel gebracht und vor allem auf die in seiner Wirkungsstätte, im Dominikanerkloster Walber-berg, von Eberhard Welty entwickelte Wirtschafts- und Sozialphilosophie ver-wiesen.

Damit hat er seine Argumentation in ein verdächtiges Zwielicht gestellt. Walber-berg war schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs Keimzelle einer einflußreichen sozialistischen Bewegung, des „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“. Nach Kriegsende wurden dann in Walberberg die Programme der CDU der briti-schen Zone – das Neheim-Hüstener Programm und Grundlagen des Ahlener Programms – diskutiert und formuliert und somit schließlich auch das Würzbur-ger Programm der CSU von Adam Stegerwald konzipiert. Ludwig Erhard mußte Ende der vierziger Jahre viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu erreichen, daß die von Welty inspirierten Papiere aus dem Verkehr gezogen wurden.

Klar: Kritik müßte auch dann gültig bleiben, wenn die Alternative, für die der Kritiker wirbt, verworfen werden muß. Wenn ein Kritiker nicht bloß kritisiert, sondern mehr leistet, wenn er konstruktiv zu arbeiten versucht, sollte ihn das ehren und nicht seine Argumente verderben. Aber irgendwie ist das graue Theo-rie. Für Nawroth gilt: Was immer er geschrieben haben mochte, seine Positionie-rung im Walberberger System war ausschlaggebend dafür, daß seine Kritik zu-rückgewiesen werden mußte.

- Angenommen, Nawroths Buch wäre an einem Universitätsseminar zwischen Kiel und Konstanz entstanden, dann hätte sich die neoliberale Defensivallianz gegen Nawroth Anfang der sechziger Jahre nicht halten lassen, denn diese stützte sich nur auf einen, und zwar einen recht fragwürdigen Punkt. Nawroth liebt klare Zuordnungen. Sein Denken ist streng dichotomisch. Viel extremer als das von Mises! Weiß oder schwarz. Gut oder böse. Neoliberaler oder Christ. Dazwischen kennt er nichts. Bei der Disputation, zu der Nawroth 1961 nach Augsburg gela-den wurde, wurde ihm nur dieses eine vorgehalten: seine Neigung zum Überspit-zen, und am Beispiel einiger Mitgliedschaften in der Bekennenden Kirche und an der Analogie zwischen der priesterlichen Seel- und der Fürsorge von Profes-soren für ihre Nachkommen wurden ihm seine Irrtümer erläutert.

Streng genommen haben sich die Neoliberalen damit aber doch der Nawrothschen Argumentation gebeugt. Nach Erscheinen des Nawrothschen Buches ha-ben sie, die zuvor ihre Einheit betont haben, plötzlich ihre Unterschiedlichkeit hervorgehoben. Nur auf diese Weise konnten sie behaupten, Nawroth befasse sich gar nicht mit dem Neoliberalismus. Er könne sich gar nicht mit ihm befaßt haben, weil es diesen Typus in einer erkenntnisförderlichen Einheitlichkeit nicht gäbe, nie gegeben habe. Nawroth kritisiere ein selbst erdachtes Phantom.

IV.

Nawroths Buch ist vergriffen. Die neoliberalen Differenzierungsbemühungen haben ihre strategische Bedeutung verloren. So wird jetzt wieder die Einheit des Neoliberalismus hervorgehoben. Wahr ist jedoch: Der nach dem Krieg an deutschsprachigen Hochschulen einflußreiche Neoliberalismus war tatsächlich eine breit aufgefächerte Bewegung:

- Der Neoliberalismus im Sinne von Friedrich August von Hayek nannte sich neoliberal, weil es ihm in der Hauptsache darum ging, den klassischen Libera-lismus zu erneuern.

- Hayekscher Neoliberalismus war aber etwas völlig anderes als der Neolibera-lismus im Sinne der Civitas humana von Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow, dem es um Revision, um Renovierung und Reformierung klassischer Positionen ging.

- Wieder etwas anderes war es, wenn sich die Ordoliberalen, vor allem Walter Eucken und Franz Böhm, zur neuen Form des Liberalismus, zum Neoliberalis-mus, bekannten. Ihr Verlangen war, private Macht im Staate zu minimieren, damit keiner die Freiheit im Leben eines anderen unterdrücken kann.

- Auf anderer Ebene, aber mit ähnlichen Argumenten wirkten Neoliberale in der Gefolgschaft des sozialen Liberalismus von Alfred Müller-Armack. Ihr Augen-merk richtete sich vor allem auf die materiellen Grundlagen, die nötig sind, da-mit jeder Bürger tatsächlich und täglich beliebigen Gebrauch von seiner Freiheit machen kann.

V.

Nawroth sagt, daß sich sämtliche Spielarten des Neoliberalismus auf ein gemein-sames, aber brüchiges Fundament stützen. Diesen Kernpunkt seiner Kritik faßt er in einem Begriff zusammen: „nominalistische Ideologie“. Damit meint er, einen Bann zu sprechen, der jeden entsetzt. Offen gesagt: Mich sollte niemand bitten, diesen Punkt zu erläutern. Ich halte den Nominalismus nicht für so eindeutig detestabel, daß seine Lokalisierung schon ausreicht, alles gnadenlos zu verdam-men. Ich glaube, der Sachverhalt läßt sich weniger anspruchsvoll, aber damit auch überzeugender beschreiben.

Ich bin überzeugt, daß Nawroth mit seiner Kritik insofern Recht hat, als es unter den neoliberalen Richtungen, die er beschreibt, keine gibt, die den Liberalismus auf ein tragfähiges neues Fundament stellt. In allen neoliberalen Richtungen wuchert eine Antinomie: der unaufgelöste Widerspruch zwischen individueller Freiheit und notwendiger Bindung und Begrenzung dieser Freiheit. Zwar beken-nen sich alle Neoliberalen vehement zur Freiheit. Auf der anderen Seite aber sehen auch alle die Notwendigkeit, dieser Freiheit Grenzen zu setzen, sie einzu-schränken. Einige Beispiele:

- Hayek plädiert dafür, dem Staat ein „Gewaltmonopol“ zu geben, das im Rah-men einer „Verfassung der Freiheit“ unnachsichtig auszuüben ist, damit die Freiheit aller gewahrt und sich die Freiheit einzelner für niemanden schädlich auswirken kann. – Wer aber könnte über den Inhalt einer solchen Verfassung entscheiden? Der Demokratie mißtraut Hayek. Er meint, die Herrschaft der Mehrheit könne ebenso despotisch sein wie jede andere Regierungsform.

- Röpke und Rüstow werben für einen Staat, der den Wettbewerb sichert und zugleich die gesellschaftlichen Integrationskräfte erneuert, die vom Wettbewerb „verzehrt“ werden. Darüber hinaus betonen sie, daß es unbeschränkte Freiheit nicht geben darf, vielmehr dürfe jedermann nur im Rahmen der Wertbasis einer „Vitalgesellschaft“ wirken. Ein „starker Staat“ habe darüber zu wachen, daß jeder erfüllt, was das Gemeinwohl fordert. – Ist das ein politisches Konzept oder Wortgeklingel? Gibt es Interessen, die den Staat stärken, damit er den Interessen den Garaus machen kann?

- Böhm und Eucken weisen dem Staat die Aufgabe zu, gegen allfällige Wider-stände von Individuen und Gruppen eine Wettbewerbsordnung zu konstituieren. Sie meinen im Bereich der Wirtschaft müsse Machtmißbrauch systematisch ausgeschlossen werden, und das Beste wäre, Macht durch „vollständigen Wett-bewerb“ zu ersetzen. Freilich könne das nicht überall gelingen. In diesen Fällen müsse der Staat regulierend in die Wirtschaft eingreifen. – Am Anfang, bei der Konstituierung von „vollständigem Wettbewerb“ steht die staatliche Gewalt. Wo sie nicht erfolgreich ist, muß sie sich auf Dauer etablieren: regulieren, intervenie-ren, kontrollieren.

- Alfred Müller-Armack schließlich will die Freiheit materiell sichern, und auch ihm scheinen hierfür nur staatliche Zwangsmittel brauchbar: Er hält die zwangs-weise Umverteilung von Einkommen dauerhaft für erforderlich.

Ist es verwunderlich, wenn angesichts solcher Positionen mit liberalem Etikett gestöhnt wurde: „Gelegentlich sehen sich Sozialismus und Liberalismus ähnlich wie eineiige Zwillinge.“ – Wer das in seinen Zitatenschatz aufnehmen möchte: Der Sarkasmus stammt von Ludwig Erhard persönlich. Vielleicht könnte man während des Abschreibens kurz daran denken, daß nun ausgerechnet in der Epo-che der geistigen Vorherrschaft des Neoliberalismus die Staatsquote eine Höhe erklommen hat, bei der nicht mehr eindeutig gesagt werden kann: Herrscht noch Liberalismus oder schon Sozialismus?

VI.

Nawroth hat seine Kritik in allen Fällen ausgiebig begründet und dabei auf man-cherlei weitere, teilweise hoch interessante Probleme hingewiesen. Einige dieser Sonderprobleme haben die wissenschaftliche Debatte erreicht. Ich will diese tröstlichen Botschaften nicht unterschlagen:

- Nawroth hat beispielsweise beanstandet, daß bei Müller-Armack „der Begriff ,sozial‘ ... in verschiedenen Sach- und Sinnzusammenhängen erscheint, die nicht ohne weiteres auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, ja zu wider-sprüchlichen Formulierungen führen“ (Seite 91). Zu diesen Fragen hat kürzlich Rolf Kowitz eine interessante Arbeit vorgelegt. Sie bestätigt die Nawrothsche Feststellung.

- Nawroth hat Euckens Methodologie der isolierenden Abstraktion kritisiert – eine Methode, bei der wissenschaftliche Erkenntnis dadurch gewonnen werden soll, daß von unwichtigen Dingen abgesehen wird – so, als sei der Wissenschaft-ler von vornherein mit der Gabe gesegnet, das Wichtige vom Unwichtigen unter-scheiden zu können. In einem demnächst erscheinenden Buch hat Bodo B. Gem-per diesen Aspekt vertieft. Dort wird auch auf die Bedeutung der ganzheitlichen Erkenntnistheorie und -methode von Jan Smuts hingewiesen.

- Nawroth hat nachgewiesen, daß Hayeks Freiheitsbegriff nichts anderes sei als eine „rechtfertigende Ideologie einer bestimmten Wirtschaftsform“ (Seite 78). Es scheint, daß sich Nawroths Kritik in diesem Bereich allmählich durchzusetzen beginnt. Ein junger Wissenschaftler, Hardy Bouillon, hat in seiner Habilitations-schrift vor einigen Monaten ähnlich wie Nawroth argumentiert und von Hayeks sozialphilosophisch problematischem, nämlich „konsequentialistischem Denken“ gesprochen.

VII.

Aber all das sind nebensächliche Aspekte. Die bedeutendste Feststellung von Nawroth steht frei und unbeachtet im Raum: Es gibt in allen neoliberalen Positi-onen – so verschieden sie sein mögen – ein Gemeinsames, nämlich den unaufge-lösten Widerspruch zwischen Gewährleistung und Begrenzung von Freiheit. Ich halte das für eine weitreichende und erschütternde Feststellung. Sie besagt: Die Freiheitsapostel haben keine klare Vorstellung von Freiheit. Sie predigen, aber sie wissen nicht genau, was sie sagen. Sie betören viele, aber ihre Botschaft ist prekär.

Weil das nun aber eine wahrhaft erschütternde Erkenntnis ist, muß sie gewissen-haft behandelt und so sorgfältig und präzis wie möglich formuliert werden. Zual-lererst muß sie eingeschränkt werden. Nawroths Buch ist 1961 erschienen. Seine Kritik bezieht sich auf die seinerzeit maßgeblichen Liberalen, und natürlich nur auf jene, die er in seinem Buch erwähnt. Das bedeutet vor allem: Nawroth kriti-siert den damals herrschenden Neoliberalismus und damit – wie ich gleich darle-gen werde – ein im Lauf der Zeit reduziertes Denkbemühen, eine dekadente Erscheinung.

Die Neoliberalen hatten sich mit ihrer Position Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre abgefunden und sich verkrustet. In Deutschland herrschte damals ein lang anhaltendes „Wirtschaftswunder“. Es genügte, auf die im Zeichen der Sozialen Marktwirtschaft entstandenen Erfolge hinzuweisen und diese Erfolge als den gelungenen „Experimentalbeweis“ für die Richtigkeit neoliberaler Über-zeugungen auszugeben, um Aufmerksamkeit, Anerkennung und Beifall zu fin-den.

Nawroth beschäftigt sich mit diesem Neoliberalismus und nicht mit dem ur-sprünglichen neoliberalen Anliegen. Das festzustellen ist wichtig, denn ursprünglich richtete sich die neoliberale Bewegung darauf, den Widerspruch zwi-schen Freiheit und Bindung aufzulösen. Die ursprüngliche Absicht war, den Liberalismus, der nicht mehr überzeugungskräftig auftrat, auf ein neues, sozial-philosophisch tragfähiges Fundament zu stellen.

Nawroth listet also nur die Versäumnisse des steckengebliebenen neoliberalen Projektes auf. Mehr nicht. Ja, weniger noch: Einerseits verzichtet er auf jeden Hinweis auf das ursprüngliche Anliegen, andererseits erwähnt er auch nicht, daß mit Erhards Sozialer Marktwirtschaft der Grundwiderspruch im Neoliberalismus aufgelöst wurde und daß hierin die vielleicht wichtigste Ursache für den Erfolg dieser Sozialen Marktwirtschaft liegt.

VIII.

Zur ersten Unterlassung: Der Ursprung der neoliberalen Bewegung ist nicht nur älter als die bis heute genannte, angeblich erste Gründungsinitiative in den „Freiburger Kreisen“, sondern vor allem auch umfassender. In der Woche vom 26. bis 30. August 1938 – vier Wochen vor dem Münchner Abkommen – hat ein Philo-sophieprofessor der Universität Besançon, Louis Rougier, ein Treffen führender Liberaler aus aller Welt in Paris organisiert. Rougier wollte erreichen, daß sich auf internationaler Ebene ein neues, überzeugungskräftiges liberales Denken ausbildet. Er war der Meinung, daß der weltweit zunehmende Einfluß sozialisti-scher Strömungen dem „Versagen des Wirtschaftsliberalismus“ anzulasten ist. Fast jeder Sozialist trage das Ziel, allen Bürgern ein Leben in wirklicher Freiheit zu sichern, überzeugungskräftiger vor als der gesamte Chor der Liberalen.

Der Einladung von Rougier folgten 26 international bekannte liberale Wissen-schaftler und Publizisten, darunter Raymond Aron, Friedrich A. von Hayek, Wal-ter Lippmann, Ludwig von Mises, Wilhelm Röpke, Jacques Rueff und Alexander Rüstow. Das Treffen firmierte als Kolloquium, dem das neu erschienene Buch von Walter Lippmann, The Good Society, als Diskussionsbasis zugrunde gelegt wurde. Damit war die Intention von Rougier und der neuen liberalen Aktions-gemeinschaft gut dokumentiert.

Ausgangspunkt des Lippmannschen Buches ist die Überzeugung, daß der Libera-lismus als solcher, die Berufung auf Freiheit, unzureichend ist. Eine Bewegung, die politisch wirksam sein möchte, darf sich nicht nur auf ein Ziel stützen. Sie muß auch die Wege nennen, die zum Ziel führen. Mit der Vorstellung einer Frei-heit, die gewährt wird, um sie einzuschränken, kann in der Öffentlichkeit nur Hohn und Spott geerntet werden.

In Lippmanns Buch wird somit genau der Punkt hervorgehoben, den Nawroth 1961 kritisiert. Nawroth schreibt: Die Fixierung auf die „Freiheit als Höchstwert und letzten Maßstab für die Beziehung der Menschen untereinander auf geistig-religiösem, politischen und wirtschaftlichem Gebiet“, dieses bloße Denken im „Tunkönnen, was der einzelne will“ (Seite 76) sei nicht zureichend. Die Bot-schaft 1938 lautete: Das liberale Bemühen dürfe sich nicht im immer wiederhol-ten Bekenntnis zur Freiheit erschöpfen. Der Liberalismus sei keine Sekte, die mit dem lauten Absingen einer vorgegebenen Litanei zufrieden sein kann. Er müsse eine politisch relevante Bewegung werden: ein beachtenswertes Monument ge-gen Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus und Fabianismus – Hayek hat später tief bedauert, daß er versäumt habe, den Keynesianismus auf diesen Index zu setzen. Für eine wirkungsvolle Agitation sei in erster Linie eine wider-spruchsfreie und realisierbare freiheitliche Konzeption nötig.

Lippmann sieht den entscheidenden geschichtlichen Fehler darin, daß die Libera-len verkannt haben, daß ihr Programm nur ein negatives Programm darstellt. Es mag ja richtig sein, daß in Zeiten, in denen die private Initiative abgewürgt ist, blindwütig gegen den Staat, gegen die Bürokratie, gegen Mächtige und Korrupte, ja gegen jede außerindividuelle Autorität revoltiert wird. Auf Dauer ist aber ein positives, ein konstruktives Programm nötig: ein Programm, das sich mit der Wirklichkeit befaßt, das Machtphänomene wahrnimmt und aufzeigt, wie weit Macht gehen darf, und von wem und wie sie kontrolliert werden soll, ohne damit die Freiheit selbst in Frage zu stellen.

IX.

Im Ergebnis argumentieren Lippmann und Nawroth gleich. Beide kritisieren den Freiheitsbegriff, der dem Liberalismus ihrer Zeit zugrunde liegt. Lippmann ver-sucht in den dreißiger Jahren, eine Aufbruchstimmung unter den Liberalen zu schaffen. Nawroth kritisiert ein Vierteljahrhundert später die wieder selbstge-recht und denkfaul gewordenen Neoliberalen. Bei ihm heißt es, daß die Neolibe-ralen „vom Dogma, vom Primat der Freiheit“ ausgehen und „sich voll und ganz zum individuellen Freiheitsbegriff des 18. und 19. Jahrhunderts und zur Kanti-schen Philosophie“ bekennen (Seite 76).

Leider ist zwischen 1938 und 1961 kaum etwas geschehen, um die geistigen Grundlagen des Liberalismus zu erneuern. Die Aufbruchinitiative von 1938 blieb im Krieg stecken. In London und in Genf sollten Zentren neoliberalen Denkens eingerichtet werden. Die Projekte kamen schlecht voran und schluckten viele Finanzmittel und Energien. Mit den geistigen Grundlagen konnte sich niemand intensiv befassen. Man mußte sich mit der Feststellung bescheiden, daß Freiheit nötig ist, aber nicht unbegrenzt sein kann, daß sie eingeschränkt werden muß, daß dabei nicht Willkür und Ermessen maßgebend sein dürfen, daß klare Krite-rien und konsequentes Handeln erforderlich sind. Ein befriedigendes Ergebnis wurde nicht gefunden, und – wie gesagt – dann kam das Wirtschaftswunder. Und mit ihm schien die geistige Läuterung ohnehin obsolet.

X.

Das neoliberale Projekt ist widerspruchsvoll geblieben – mit einer Ausnahme. Das Tragische ist, daß deren Tragweite und Beispielhaftigkeit bis zum heutigen Tag noch nicht erkannt wurde.

Auch Ludwig Erhard hat die Widersprüchlichkeit der freiheitlichen Position außerordentlich gestört. Seinem Temperament gemäß hat er sich damit nicht abgefunden und auch nichts schön zu reden versucht, sondern die Dinge so lange angeprangert, bis sie beseitigt waren. Das ist so gut gelungen, daß Erhard 1974 über eine Freiheit, der ein starker Staat Grenzen setzen soll, selbstbewußt spotten konnte: „Das ist ja ein merkwürdiger Freiheitsbegriff: Frei sein, wie in einer Zelle, die einem zugewiesen wird, damit man sich ,ungestört‘ bewegen kann.“

Nach Erhard existiert keine „originäre Freiheit“, wo der Freiheit eines Menschen von Dritten Grenzen gesetzt werden. Aber auch grenzenlose Freiheit ist für ihn keine Freiheit, sondern gefährliche Anarchie: ein Zustand, in dem Starke mäch-tig und Schwache gezwungen sind, sich in Acht zu nehmen, auszuweichen, sich zu verkriechen.

So braucht Freiheit im Erhardschen Sinne zwar Grenzen, aber diese Grenzen dürfen nicht von Dritten, sie müssen von jedem Einzelnen selbst, und zwar frei-willig gesetzt werden. Erhard meinte, in einer gesunden Gesellschaft sei das gewährleistet. Hier werde jeder Einzelne – was immer er tue – stets und immer an die anderen denken. Jeder habe immer das Allgemeinwohl vor Augen. Erst durch die Fürsorglichkeit des Staates werde diese Orientierung gestört.

Wer das heute hört, neigt dazu, Erhard einen Idealisten und sein System eine Utopie zu nennen. Ich mahne zu Vorsicht: Erstens hat Erhard diese angebliche Utopie fünfzehn Jahre lang sehr erfolgreich praktiziert und auf diese Weise Deutschland in wirtschaftlicher, sozialer und humaner Hinsicht zu einem Mus-terland in der Welt gemacht.

Zweitens bezog Erhard die Begründungen seines Freiheits- und damit zugleich auch seines Sozialverständnisses aus bestens durchdachten Werken der Ethik und der Sozialphilosophie. Für ihn war die „Theorie der ethischen Gefühle“ von Adam Smith grundlegend. Darüber hinaus stützte er sich auf die Kritik, die Max Scheler am Kantschen Freiheitsbegriff, am Kantschen Formalismus, geübt hat. Ein Grundgedanke in diesen Werken ist, daß alle menschlichen Handlungen einem sozialen Regulativ unterworfen sind, weil jeder Mensch für sein Tun die Anerkennung anderer sucht. Jeder möchte dem anderen „sympathisch“ erschei-nen: erstens als Mensch, der etwas zu tun vermag, zweitens als Mensch, der ehrenhaft handelt. Deshalb zügelt jeder seinen Egoismus: Nirgendwo darf es mißbilligt werden. Jeder will etwas tun, jeder drängt zum Handeln, zugleich aber auch zu einem Handeln, das andere als vernünftig und gut ansehen. Besonders junge, noch unverbildete Menschen tragen dieses Ethos in sich.

Der so genannte „einfache Mann von gegenüber“ lebt in der Regel nach dieser Ethik, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, denn sie erscheint ihm selbst-verständlich. Seine Eigenliebe, sein Ehrgeiz richtet sich in erster Linie darauf, keinem anderen zur Last zu fallen. Er will für sich selbst sorgen. Er steht im Dunkeln auf, packt seine Vesperbrote und beginnt sein Tagwerk. Er weiß, daß er damit kein Vermögen erwerben wird. Aber er führt ein Leben, das jedermanns Anerkennung verdient.

Diese moralische Basis, dieses Sich-in-seinem-Leben-Beschränken, dieses Zu-frieden-Sein, dieses der menschlichen Natur gemäße Streben zum „Maßhalten“ ist seit Jahren hoch gefährdet. Keine Gesellschaft kann ohne diese Werthaltung überleben. Wir aber preisen gegenteilige Verhaltensweisen. Wir verführen Men-schen zu Müßiggang, zu Spekulation, zum Hoffen auf schnelles Geld. Wir zei-gen ihnen, wie angenehm und luxuriös Neureiche leben, und wie beneidenswert jene sind, die ohne Mühe auf Kosten anderer zu leben verstehen.

Das mit der Sozialen Marktwirtschaft verbundene ethische Fundament von Frei-heit und einer mit ihr untrennbar verbundenen Verantwortung mündet in eine Politik, die niemandem Grenzen setzt, sondern die Freiheit gewährt, indem sie zugleich darauf achtet, daß sich keiner aus der Verantwortung für sich und ande-re stiehlt. Das bedeutet: In einer Zeit des Werteverfalls müssen die Prinzipien der Selbstverantwortung und der Subsidiarität betont werden, und zwar nicht nach der heutigen Art, bei der beispielsweise jeder erhebliche Beitragslasten für das Sozialsystem trägt, aber als Eigenbetrag nur gewertet wird, was darüber hinaus noch gezahlt wird.

Soziale Marktwirtschaft im Sinne von Ludwig Erhard ist in vieler Hinsicht an-ders als das, was heute mit Sozialer Marktwirtschaft bezeichnet wird. Die Ursa-che liegt darin, daß im heutigen Verständnis von Sozialer Marktwirtschaft neoli-berales Denken dominiert. Bei ihm geht es um eine von der Obrigkeit gewährte, um eine kontrollierte und regulierte Freiheit, um zugewiesene Bewegungsspiel-räume. Dieses System braucht einen starken Staat, und je mehr Freiheit er ein-räumt, desto mehr muß er kontrollieren und regulieren. So muß der neoliberal konzipierte Staat schneller wachsen als die Freiheit. Eines Tages wird dieser Staat dann zusammenbrechen, weil er sich nicht mehr finanzieren läßt. Er schränkt auf der einen Seite mit seinen Regulierungen die Leistungsbereitschaft und das Leistungsvermögen der Bürger ein, auf der anderen Seite beansprucht er immer mehr Mittel. Der Staat wird mächtiger und zugleich schwächer, und die Bürger verarmen. Ist das eine hoffnungsfrohe Zukunftsperspektive?

Ich denke, ich muß nicht weiter ausführen, daß eine Umkehr nötig ist. Ich glaube auch, daß es zur Erhardschen Sozialen Marktwirtschaft keine Alternative gibt. Schließlich vertraue ich auch darauf: Wenn die Prinzipien klar sind, ist es jeder-mann leicht, sich alles Nötige im Einzelnen und Konkreten auszumalen.

Nur noch das: Es scheue sich keiner, die Sachverhalte konsequent bis zum Ende zu durchdenken. Vieles, von dem wir zähneknirschend glauben, daß es unabän-derlich sei und daß wir uns mit ihm abfinden müssen, lebt nur fort, weil wir uns scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen. Auch beim Versuch, konsequent zu denken und strikt zu handeln, sollte uns Ludwig Erhard Vorbild sein.

Anmerkung

*Dieser Beitrag ist Egon Edgar Nawroth OP zum neunzigsten Geburtstag gewidmet und wurde als Vortrag gehalten beim 18. „Walberberger System Symposium“.

Horst Friedrich Wünsche ist Geschäftsführer der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn.

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