Jahrgang 57
Nr. 1/2003 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Frank Hartmann

Der Mensch als Maß aller Dinge*


Die Ehrung eines Jubilars durch ein Symposion ermöglicht es auch Berufsfremden, sein Lebenswerk zu würdigen. Ist doch das Symposion seit den klassischen Werken des Platon und des Xenophon ein Synonym für den fachübergreifenden Dialog ge-worden. Stilsicherheit haben die Veranstalter bewiesen, indem sie das Spezifische im wissenschaftlichen Denken von Pater Nawroth mit dieser mehr als 2000 Jahre alten Form des wissenschaftlichen Meinungsaustausches würdigten. Die Sinnfrage steht im Zentrum der Arbeiten von Pater Nawroth. Seine vielbeachteten Schriften zu diesem Thema erwecken nach wie vor großes Interesse von Wissenschaftlern und Studierenden.

In der ersten Hälfte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Pater Nawroth seine Gedanken niederlegte, befand sich auch meine Profession, die Rechtswissenschaft, in einer Umbruchphase. Die Methode der Hermeneutik hielt Einzug in die Rechtspraxis. Auch bei uns erfolgte die Neubeantwortung der Sinnfrage unter Rückgriff auf die alte griechische Methode des Dialogs. Es ist hier nicht meine Ab-sicht, die naturrechtlichen Weiterungen dieser Entwicklung bis hin zur Frage nach dem „Richtigen Recht“ darzustellen. Hinweisen will ich auf den fachübergreifenden Aspekt der Sinnfrage in Wirtschaft und Recht.1

Für die Wirtschaftswissenschaften stellte Pater Nawroth, fest: „Den ,Menschen selbst als entscheidenden Maßstab und Faktor des Wirtschaftsgeschehens herauszustellen‘, qualifiziert das Wirtschaften, stellt den Anspruch, ,Wirtschaft als gesellschaftlichen Lebens- und Kulturprozeß zu begreifen‘, ...“2 Auf die Juristen im Deutschland des zurückliegenden 20. Jahrhunderts ist dieser Anspruch übertragbar. Im Guten wie im Schlechten erlebten sie die Angreifbarkeit und Zerbrechlichkeit ihrer Wissenschaft als System und der zugrundeliegenden Methoden. Heute, unter dem Eindruck der Eutrophierung des Spezialistentums, ist schon fast in Vergessenheit geraten, daß die Rechtswissenschaft sowohl eine philosophische als auch eine politische und histori-sche Wissenschaft ist.

Unser gemeinsamer Gegenstand, der Mensch als zoon politikon, fordert diese univer-selle Herangehensweise. Dies war der Grund für mich, die ehrenden Worte für Pater Nawroth unter ein Motto der klassischen griechischen Philosophie, den „Homo-mensura-Satz“ zu stellen: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.“ Protagoras von Abdera (ca. 480-410 v. Chr.), der Urheber dieses Satzes, ein Schüler des Heraklit, soll als Lehrer und Redner eine glänzende Erscheinung gewesen sein. Seine Epoche, das perikleische Zeitalter, war es nicht minder. Protagoras war Zeitgenosse von Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Sokrates und Demokrit. Er hat die Statuen des Pheidias als bahnbre-chende Neuheiten des realistischen Stils mit eigenen Augen gesehen. Große Dichter wie Aischylos, Sophokles und Aristophanes und die Uraufführung ihrer Werke erleb-te er als Zeitgenosse. Die Historiker Thukydides und Herodot standen mit ihm gleichzeitig im Dienste der athenischen Demokratie. Protagoras selbst nahm intensiv Anteil am öffentlichen Leben. Im Auftrag von Perikles begleitete er eine Gesetzge-bungskommission im Jahre 443 v. Chr. zu den attischen Kolonisten in die Stadt Thurii in Italien. Sein persönliches und wissenschaftliches Schicksal war eng ver-bunden mit der Sternstunde der athenischen Demokratie, der Regierungszeit des Perikles. Danach wurde er als Atheist verbannt. Seine Schriften sollen auf dem offe-nen Meer verbrannt worden sein. Er selbst ertrank auf einer Seereise. So berichten es die historischen Quellen. Soweit sei an dieser Stelle an das Leben eines Mannes erinnert, dessen Gedanken das immerwährende wissenschaftliche Symposion der europäischen Wissenschaft mit der Antike beschäftigt. Protagoras findet viele nam-hafte Kritiker. Sokrates und sein Schüler Platon gehören zu den berühmtesten unter ihnen.

Der Name Protagoras wurde an erster Stelle genannt, wenn der Berufsstand der Sophisten in der Stoa Poikile, der bunten Halle zu Athen, wo die Redeschlachten ausgetragen wurden, der Demagogie bezichtigt - in seine Richtung gedeutet, wenn der Niedergang der öffentlichen Erziehung und der Einrichtungen des Gemeinwe-sens beklagt wurden. Und doch scheint er nur zur Maxime erhoben zu haben, was längst Gemeingut war. Aus der Sicht seiner Kritiker kann es nicht richtig sein, die Möglichkeit von allgemeingültigem Wissen zu bestreiten und dem konsequenten Subjektivismus das Wort zu reden. Es kann nicht gut gehen, wenn man auf ethi-schem Gebiet alles dem Subjekt anheimstellt und die Existenz von allgemeingültigen Pflichten bestreitet, wie Protagoras es tat.

Die politische Toleranzgrenze hatte Protagoras überschritten, als er erklärte: „von den öffentlich anerkannten Göttern nichts zu wissen, ob sie seien oder ob sie nicht seien, denn vieles verhindere, dies zu wissen, die Dunkelheit der Sache und die Kür-ze des menschlichen Lebens.“ In Wirklichkeit war Protagoras der entscheidende Schritt gelungen. Die Grenze vom religiös bestimmten Denken bis zum selbstbe-stimmten Wissen war unwiderruflich überwunden. Dieser Denkanstoß hat über die Jahrtausende hinweg auf den wissenschaftlichen Dialog bis heute seine ungebroche-ne Wirkung beibehalten. Entstanden war ein neuer Forschertyp, der im Deutschen seit der Aufklärung treffend als Selbstdenker bezeichnet wird. Dort wo das Fanal des Protagoras ertönt, kündigt es in der Wissenschaftlergemeinde mit fast untrüglicher Sicherheit tiefgreifende Umwälzungen an, nämlich Paradigmenwechsel mit politi-schen Konsequenzen. So war es auch in der Neuzeit nicht zufällig der Polyhistor Pierre Gassendi, ein hervorragender Kenner des antiken Schrifttums, der den Begriff vom Selbstdenker auf neue Weise ins Spiel brachte. Von Pierre Gassendi ausge-hend, konnte John Locke ein von Platon stammendes Sprachbild vom menschlichen Bewußtsein wiederbeleben. John Locke prägte den klassisch gewordenen Satz: „Das menschliche Bewußtsein ist abzüglich der Erfahrung eine tabula rasa.“3

Der Dialogpartner und Gegenspieler Pierre Gassendis, René Descartes, zog die erkenntnistheoretische Konsequenz aus dem „Homo-mensura-Satz: „Cogito, ergo sum.“4 Auch für die beiden Selbstdenker Pierre Gassendi und René Descartes waren Gerichtsverfahren wegen Atheismus und Skeptizismus die unausbleibliche Folge. Beide lieferten der französischen Revolution von 1789 wichtige geistige Grundlagen. So reicht der lange Schatten des Protagoras mit seinem „Homo-mensura-Satz“ bis hinein in die Gegenwart. Die Fruchtbarkeit dieses philosophischen Denkansatzes liegt in der Beschränkung auf Fragestellungen, die sich mit dem gesunden Men-schenverstand beantworten lassen. Diese Wendung im wissenschaftlichen Denken hatte enorme politische Auswirkungen. Als Lebenshaltung des Pragmatismus hat der „Homo-mensura-Satz“ heute im „american way of life“ Weltgeltung erlangt. Wenn das Postulat von John Locke zutreffend wäre, dann würde von der Erziehung das Wesen des Einzelnen und die politische Qualität eines Gemeinwesens bestimmt werden.

Als Pater Nawroth das Problem der Sinnfrage für die Wirtschaftswissenschaften behandelte, stand am Horizont der westlichen Gesellschaft die Kulturrevolution der Generation von 1968. Sie hat ebenfalls ihren Selbstdenkertypus hervorgebracht, der in unseren Tagen den Marsch durch die Institutionen absolviert hat und sich an-schickt, unserer Zeit den Stempel aufzudrücken.

Die Gefahren, aber auch die Möglichkeiten, die in diesem Menschenbild begründet sind, lassen sich an einer Allegorie verdeutlichen, die vielleicht bekannt ist. Entdeckt habe ich sie in der Klosterbibliothek von Sankt Peter im Schwarzwald. Deren Archi-tektur entstand als Symbol der Gegenreformation in der Barockzeit. In den vier Ek-ken der mit Stuck verzierten Decke sind jeweils gegenüberliegend sinnbildlich Theologie und Philosophie sowie Mathematik und Rechtswissenschaft abgebildet. Dabei hat der Künstler jeweils eine Wissenschaft als geistlich inspiriert, die gegenü-berliegende als „selbstdenkend“ dargestellt. Das Gemälde im Schnittpunkt des De-ckengewölbes weist auf die Dreieinigkeit hin. Für den Betrachter wird auf diese Weise das empfindliche Gleichgewicht zwischen geschichtlichen, politischen und philosophischen Aspekten des menschlichen Erkennens spürbar, das den Biblio-theksbau veranlaßte.

Es blieb dem Protestanten Immanuel Kant vorbehalten, dieses Spannungsfeld neu zu bestimmen, indem er seiner „Kritik der (reinen) praktischen Vernunft“ den Gesichts-punkt der Ordnung zugrunde legte. So konnte die Relativität des menschlichen Den-kens neu bestimmt werden. Immanuel Kant ging davon aus, daß das menschliche Wollen und Wünschen des Einzelnen unerschöpflich sei. Es sei Sache der Philoso-phie, durch den kategorischen Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Wil-lens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“5 ihm Ziel und Maß zu setzen.

Die zeitgemäße Antwort in diesem Sinne ist in der Rechtswissenschaft die verglei-chende und abwägende Erkenntnismethode der Hermeneutik. Diese Methode kann ihre Herkunft aus der antiken Rhetorik und dort ihres Herzstückes, dem Dialog, genausowenig verleugnen wie das Symposion, das eine besonders kultivierte Form des wissenschaftlichen Dialogs ist. So haben wir die Möglichkeit, Aspekte aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Teildisziplinen zu betrachten und im Hinblick auf den „Homo-mensura-Satz“ des Protagoras zu bewerten. Ich danke dem Jubilar, der mit seinem Lebenswerk Anlaß und Möglichkeit dazu gegeben hat.

Lassen sie mich diesen Dank mit einer Erinnnerung aus Friedrich Schillers akademi-scher Antrittsrede an der Universität Jena, „Was heißt und zu welchem Zweck stu-diert man Universalgeschichte?“ schließen. Ich meine, sie könnte den nun schon sehr lange zurückliegenden Beginn ihrer eigenen wissenschaftlichen Laufbahn richtig beschreiben:

„Unser MENSCHLICHES Jahrhundert herbeizuführen, haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unserer sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geschichte erst werden sie lernen, einen Werth auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unse-re Dankbarkeit rauben: kostbar theure Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen! ... Ein edles Verlangen muß in uns erglühen, zu dem reichen Ver-mächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt übernah-men und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus UNSEREN Mitteln einen Beitrag zu legen, und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen. Wie verschieden auch die Bestimmung sey, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet – etwas dazu steuern können sie Alle! Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgethan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die That lebt und weitereilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte!“6

Pater Nawroth hat den Satz „Mensch – Maß aller Dinge“ für die Wirtschaftswissen-schaften hin zu seiner religiösen Dimension geöffnet, indem er die Gottesebenbild-lichkeit des Menschen betonte. Auf diesen universalistischen Denkansatz kann wohl keine wissenschaftliche Disziplin verzichten, will sie sich nicht in der Beliebigkeit verlieren. Deshalb darf Pater Nawroth gewiß sein, daß seine Schriften über die Be-rücksichtigung in Sonntagsreden hinaus in der rauhen Welt der Ökonomie bleibendes Interesse finden werden.

Anmerkungen

*Dieser Vortrag wurde anläßlich des 18. Walberberger System-Symposions des Unabhängigen Institutes für Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften e.V., Gesellschaft und Wirtschaft, zu Ehren von Prof. Dr. phil. Edgar Nawroth OP aus Anlaß des 90. Geburtstages gehalten.

1) Am Beispiel der Methodenlehre von Karl Larenz hat der Verfasser diese Entwicklung in der Rechtswissenschaft der Bundesrepublik Deutschland nachzuzeichnen versucht. Vgl. dazu: Hartmann, Frank, Das methodologische Denken bei Karl Larenz, Frankfurt am Main 2001, S. 8.

2) Gemper, Bodo B., Wirtschaftspolitik, Heidelberg 1994, S. 36.

3) Locke, John, Essay concerning human understanding, London 1690; hrsg. mit Kommentar: Fraser, London 1894; deutsch: Kirchmann, Julius von, Leipzig 1872, S. 8.

4) Descartes, René, Sämtliche Werke, lat., Amsterdam 1670-1683 und 1692-1701, deutsch: Kirchmann, Julius von, Berlin 1870, 4 Bände. S. 8.

5) Kant, Immanuel, Gesamtausgabe, in: Kirchmann, Julius von (Hrsg.), Philosophische Biblio-thek, 8 Bände, Berlin 1868-1873.

6) Schiller, Friedrich, Sämtliche Werke, Stuttgart und Tübingen 1838, 10.Band, S. 385 f.

Dr. Frank Hartmann arbeitet als Notar in Görlitz und ist Lehrbeauftragter an der juristischen Fakultät der Technischen Universität Dresden.

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