Jahrgang 57
Nr. 1/2003 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Donate Kluxen-Pyta

Bildungsauftrag Werteerziehung
Arbeitgeber mahnen Werteorientierung an


Wirtschaft und Werte werden in der öffentlichen Debatte immer noch wie selbstverständlich als Gegensätze gesehen. Dem ausbeuterischen Kapitalisten müssen ethische Werte erst mühsam beigebracht und wie Zügel angelegt werden, um seine Profitgier im Zaum halten – so sieht das Zerrbild aus. Die Realität in den Betrieben war allerdings immer schon anders. Die deutschen Arbeitgeber fordern nun in ihrer neuesten bildungs- und gesellschaftspolitischen Stellung-nahme sogar explizit eine stärkere Werteorientierung in Familie, Schule, Politik und Gesellschaft ein. Dabei nehmen sie davon auch die eigenen Führungskräfte und Verantwortungsträger mit ihrer Vorbildfunktion keineswegs aus. Die Publi-kation „Bildungsauftrag Werteerziehung“ der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) entwickelt einen regelrechten Maßnahmenkatalog, wie die Vermittlung von Werten verbessert und vor allem verbindlicher werden kann.1

Wie kommen die Arbeitgeber dazu? Allgemeines Räsonnieren über moralische Grundsatzprobleme liegt ihnen fern. Sie gehen vielmehr von ihren sehr konkre-ten und ganz alltäglichen Erfahrungen aus. Ein anschauliches Beispiel aus einem Handwerksbetrieb: Morgens um 7 Uhr steht das Team der Gärtnerei Flora ab-marschbereit vor der Firma. Alle warten, daß endlich der „Azubi“ kommt, damit man zum Kunden fahren und mit der Arbeit beginnen kann. Um 7.20 Uhr trudelt der Lehrling endlich ein. Der Chef ermahnt ihn, demnächst pünktlich zu sein. Aber nach zwei Wochen hat sich die Lage noch nicht gebessert. Das eigentlich Erschreckende ist dabei weniger die Unpünktlichkeit, so ärgerlich sie ist, son-dern das Unvermögen des jungen Mannes zu begreifen, weshalb Pünktlichkeit so wichtig ist. Die Zusammenarbeit mit ihm erweist sich damit schließlich als un-möglich.

I. Arbeitstugenden und allgemeine Werte

Betriebe erwarten von ihren Auszubildenden und Mitarbeitern nicht nur Fach- und Methodenkompetenzen, sondern auch – und besonders – persönliche und soziale Kompetenzen, Haltungen und Fähigkeiten. Für die Effizienz der Arbeit im Unternehmen sind Wissen und Verhalten der Mitarbeiter entscheidende Fak-toren. Pünktlichkeit ist dabei nur der kleinste Teil eines weit größeren Bedarfs der Unternehmen an bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen – und das heißt auch an Werteorientierung. Aber sind an dieser Stelle die Begriff „Werte“ und „Werteorientierung“ für eigentlich normale Standards des alltäglichen Um-gangs nicht viel zu hoch gegriffen? Ist die Sekundärtugend „Pünktlichkeit“ – zu nennen wären auch Höflichkeit, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Ausdauer, Kollegiali-tät – wirklich so wichtig, daß von ethischen Werten gesprochen werden kann? So sekundär sind diese Tugenden bei näherem Hinsehen gar nicht: Pünktlichkeit heißt Rücksichtnahme, steht für Kooperation, Teamgeist und Respekt gegenüber den anderen. Sekundärtugenden sind letztlich Konsequenzen von Primärtugen-den, für den Alltagsgebrauch durchbuchstabiert und „heruntergebrochen“. Denn auch hohe moralische Werte – wie beispielsweise Nächstenliebe, Freiheit, Ge-rechtigkeit, Toleranz – sind zunächst einmal sehr allgemeine und abstrakte Idea-le, die erst noch konkretisiert werden müssen. Mit anderen Worten: Aus allge-meinen Werten müssen erst persönliche Einstellungen und Verhaltensweisen werden. Man kann von Tugenden, vom Ethos sprechen. Die allgemeine Moral braucht die persönliche Moral.

Unsere deutsche Denktradition verstellt uns dafür manchmal den Blick: Morali-sche Fragen und Werte werden in der Regel als Konfliktfälle hochrangiger mora-lischer Ziele diskutiert, während die Niederungen des Alltags bloß als Frage der gängigen „Sitten und Gebräuche“ verstanden werden – und damit moralisch letztlich irrelevant werden. Diese Unterscheidung geht auf Immanuel Kant zu-rück, aber gerade mit Kant läßt sich auch sagen: Sekundärtugenden ohne Werte sind blind, Werte ohne Sekundärtugenden sind jedoch leer. Blickt man vom ethischen „point of view“ nicht nur auf die extremen Entscheidungssituationen, die doch eher selten sind, sondern auf die Fülle des Lebens und die Gesamtheit einer Biographie, zeichnet sich ein anderes Bild ab. Dann spielt auch das alltägli-che Miteinander eine Rolle für das Gelingen des Lebens des Einzelnen. Und dann zeigt sich: Wo immer Menschen zusammenleben, zusammen wirken und zusammen arbeiten, sind Normen und Regeln schlicht und einfach unerläßlich, und hinter diesen stehen immer leitende Werte.

Dabei ist Pünktlichkeit sicher nicht einmal das beste Beispiel – wenn auch im-mer wieder gerne angeführt. Denken wir nur an die chemische Industrie: Vom Chef bis zum Lagerarbeiter ist bei allen Entwicklungs- und Produktionsvorgän-gen, ja bis hin zu Transport und Entsorgung äußerste Sorgfalt und Umsicht ge-fordert. Angesichts gefährlicher Substanzen ist die Einhaltung von Regeln, sind Sorgsamkeit und Zuverlässigkeit, je nach dem auch Konzentrationsfähigkeit und Teamarbeit von höchster Relevanz. Ein Mangel an Wertebewußtsein kann hier für die Mitarbeiter wie für externe unbeteiligte Personen gesundheitsschädigen-de, wenn nicht lebenszerstörende Folgen haben. Damit geht es auch um genuin moralische Gesichtspunkte; als bloße – unbeachtliche – Sekundärtugend läßt sich das Arbeitsethos hier keinesfalls abtun.

Geht es unter dem Schleier der Werteerziehung aber vielleicht nur um die opti-male Regelverfolgung? Will die Wirtschaft die reibungslose Anpassung kriti-scher junger Menschen in den Betriebsablauf? Es ist nicht nur „neudeutsch“, sondern trifft den Kern, wenn heute von „persönlichen und sozialen Kompeten-zen“ gesprochen wird. Denn es geht schließlich um eine Stärkung der Urteils-kraft und Orientierungsleistung des Einzelnen. Das funktionierende Rädchen, wie es Charlie Chaplin in „Modern times“ karikiert hat, ist längst nicht mehr „modern“. Heute sind immer mehr Unternehmen durch dezentrale Entschei-dungsprozesse und flexible Abläufe charakterisiert; Gruppenarbeit spielt eine große Rolle. Die Fertigung führt nicht einfach nur stillschweigend aus, was die Planung beschlossen hat, sondern die Verantwortlichkeiten sind schon weit „un-ten“ angesiedelt – ein Trend, der weiter zunimmt. Diese Strukturen erfordern in wachsendem Maße Mitarbeiter, die eigenständig denken und verantwortlich handeln können. Selbständigkeit und Offenheit, Lern- und Leistungsbereitschaft, ja Kreativität und Phantasie sind Einstellungen und Verhaltensweisen, die eben-so als Tugenden im Berufsleben gefordert sind, wie die „Klassiker“ Zuverlässig-keit, Gemeinsinn, Verantwortungsbewußtsein und Rücksichtnahme.

II. Alles Verfall?

Aber die Unternehmen machen die Erfahrung, daß sie immer weniger an mitge-brachten persönlichen und sozialen Kompetenzen voraussetzen können. Elemen-tare Fähigkeiten wie Eigeninitiative, Kooperations- und Kommunikationsbereit-schaft, Zuverlässigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Problemlösungskompetenz müssen oft erst zum Gegenstand der Aus- und Fortbildung in den Betrieben gemacht werden. Nicht wenige junge Menschen lernen im Betrieb sogar zum ersten Mal klare Regeln und Verhaltensweisen kennen, stellen Ausbilder mit Erschrecken fest.

Ist der allgemeine „Wertewandel“ und „Werteverlust“ an allem Schuld? Hat der Kulturpessimismus Recht? Daß ein Wertewandel stattgefunden hat, wird nie-mand bestreiten, aber ob der Wandel ein Verlust ist, steht damit noch nicht fest. Jugendkriminalität? Sie ist zwar gestiegen, aber vor allem deshalb, weil heute viel mehr Fälle gemeldet werden. Drogenkonsum? Diese massive Gefahr für junge Menschen gab es noch vor wenigen Jahrzehnten gar nicht. Eltern im Streß? Sie haben angesichts immer kürzerer Arbeitszeiten heute sicherlich mehr Zeit für ihre Kinder als Generationen, die noch von morgens bis abends für das tägliche Brot sorgen mußten. Ist die steigende Zahl Alleinerziehender schuld? Immer noch wächst die überwältigende Mehrheit der Kinder bei ihren leiblichen und miteinander verheirateten Eltern auf.

Sensationsmeldungen von mißratenen Jugendlichen verdecken überdies sehr zu Unrecht, in welch hohem Maße die Jugendlichen zur Leistung, zum ehrenamtli-chen Engagement und zur Übernahme von Verantwortung bereit sind. Sie sehen die Dinge pragmatisch, möchten sich für den Beruf gut qualifizieren, wünschen sich festen Halt in Partnerschaft und Familie und wollen sich aktiv in die Ge-meinschaft integrieren.2 In einer pluralen Gesellschaft mit ihren vielfältigen Optionen und Angeboten ist das Leben für sie sicherlich freier, aber auch we-sentlich unübersichtlicher und komplexer als für frühere Generationen. In Zeiten, in denen der eigene Lebenslauf unverrückbaren Mustern des Milieus folgte, war dies sicherlich einfacher – jede Zunahme an Freiheit bedeutet automatisch ein größeres Maß an Verantwortung und auch an Fehlbarkeit.

Die Vermittlung von Werten wird daher um so wichtiger: Denn Werte schaffen Maßstäbe und Kriterien, die Orientierung geben und bei der Entscheidungsfin-dung helfen. Sie stützen die persönliche und kulturelle Identität. Sie sind das Geländer, an dem entlang der Lebens- und Berufsweg erfolgreich gegangen werden kann. Aber Eltern, Erzieher und Lehrer zweifeln, ob sie überhaupt noch klare Gebote und Verbote aussprechen und Werte vermitteln dürfen. „Grenzen ziehen“ ist das große Thema nahezu sämtlicher Erziehungsratgeber, deren Flut alleine schon als Krisensymptom der Werteerziehung ausreicht. Galten noch vor einigen Jahren Werte wahlweise als hoffnungslos altmodische Nostalgie oder als „Repressionsinstrumente“, sind es inzwischen die mächtigen Konkurrenten aus der Jugendkultur, die den Eltern und Lehrern Erziehung und Wertvermittlung schwer machen. Werte ja gerne, heißt es häufig, aber welche bitte? Und warum diese Werte und nicht etwa die mancher Jugendsubkulturen?

III. Werteerziehung: Bildungsauftrag der Schule

Auch die pluralistischste und freiheitlichste Gesellschaft braucht eine gemeinsa-me Basis, braucht Regeln, die das Miteinander und die Vielfalt überhaupt erst ermöglichen. Daß Pluralität sein soll und nicht etwa Uniformität ist ja schon eine Prämisse, die sich aus dem unverbrüchlichen Wert der Freiheit ableitet und kei-neswegs ins Belieben gestellt wird. In der Bundesrepublik Deutschland bildet das Grundgesetz einen ethischen Grundkonsens, der unsere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung prägt und von allen mit überwältigender Zustimmung bejaht wird. Überaus lohnend – und überraschend – ist im Hinblick auf Werte der Blick in die Landesverfassungen und vor allem in die Schulgesetze der Länder: Die Schulgesetze betonen deutlich die Erziehungsaufgabe der Schule und zählen ganze Wertekataloge auf, die den jungen Menschen von der Schule mit auf den Weg gegeben werden sollen. Achtung vor dem menschlichen Leben, Respekt und Toleranz, Verantwortung für die Gemeinschaft und im Umgang mit der Natur, Bereitschaft zum sozialen Handeln, Mitwirkung an der Demokratie, Sinn für Gerechtigkeit und anderes mehr gehören so gut wie überall als höchste Erzie-hungsziele dazu.

Es gibt nicht nur PISA – zum Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ge-hört auch die Persönlichkeitsbildung und die Vermittlung eines verläßlichen Wertegerüstes, unterstreicht die BDA in ihrem Papier: „Bildung gibt es nicht ohne Erziehung, und Erziehung gibt es nicht ohne Werte“. Wenn die Schule auf das Leben vorbereiten soll, gehört dazu auch die Ausstattung mit Kompetenzen und Haltungen, die jungen Menschen helfen, an der Gesellschaft teilzuhaben, sich in einer komplexen und globalen Welt zu orientieren, Urteilskraft zu entwi-ckeln und eine eigene Lebensperspektive für sich zu finden.

Die öffentliche Bildungsdebatte hat sich statt dessen auf ein oberflächliches und verkürztes (Miß-)Verständnis von Nützlichkeit verengt. Selbstverständlich gehö-ren auch die Persönlichkeitsbildung und die Vermittlung umfassender persönli-cher und sozialer Kompetenzen zur Berufsvorbereitung durch die Schule. Die Forderung der Wirtschaft, den Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch zu intensivieren, bedeutet keine Absage an andere Aufgaben der Schule: Die Schule muß ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag in jeder Hinsicht besser wahrnehmen als bisher. Die sogenannten Nebenfächer können sogar in besonderem Maße die Kompetenzentwicklung und Persönlichkeitsbildung för-dern. Das Problem dieser Fächer ist doch der hohe Unterrichtsausfall und gras-sierender Lehrermangel, nicht aber eine vermeintliche „Ablehnung“ durch die Wirtschaft.

Wer sich die hohen Summen vor Augen führt, mit denen Unternehmen Kunst fördern, kann nicht gleichzeitig behaupten, der Kunstunterricht sei der Wirtschaft ein Dorn im Auge. Die BDA bekennt sich in ihrem Papier ausdrücklich zum Religionsunterricht – nur „ersatzweise“ kann der Ethikunterricht diese Funktion übernehmen –, der insbesondere die Begründbarkeit von Werten thematisieren und die ethische Urteilskraft der Schüler stärken kann. Von kirchlicher Seite ist dieses Bekenntnis bislang übrigens noch nicht groß gewürdigt worden.

Die Arbeitgeber wenden sich in ihrer Publikation zunächst an die Schule – schlicht und einfach, weil es Schulabgänger sind, die von den Betrieben „entge-gengenommen“ werden und bei denen Mängel festgestellt werden müssen, die nach einer soliden Schulbildung eigentlich nicht sein dürften. Kann die einzelne Schule aber überhaupt eine Wertevermittlung leisten? Was kann sie erreichen? Es ist klar, daß ethische Orientierung in der Schule weder durch Moralisieren noch durch unverbindliches Diskutieren gelingen kann.

Heute haben mehr und mehr Schulen ein eigenes Schulprofil und -programm entwickelt; in einem solchen Programm müssen auch die Regeln und Normen, ja die Werte der Schule thematisiert und natürlich auch ein Konzept zu ihrer Ver-wirklichung im Schulalltag entwickelt werden, das verbindlichen Charakter hat und dessen Resultate regelmäßig überprüft werden. Dies ist eine besondere Auf-gabe für Schulleitung und -kollegium, bei der Eltern und Schüler einbezogen werden müssen. Hat die Schule eine „Corporate identity“, erleichtert das die erfolgreiche Wertevermittlung nachhaltig. „Jugendliche, die das Schulklima positiv einschätzen, nehmen regelmäßiger als andere am Unterricht teil und nei-gen seltener zu körperlichen Gewalthandlungen“, hat auch die PISA-Studie ein-deutig bestätigt.3

Selbständigkeit und Eigenverantwortung dürfen nicht nur beschworen werden, sie müssen im Schulwesen erfahrbar und erlebbar sein. Gemeinsam in der Klasse Verhaltensregeln zu erörtern und zu beschließen ist eine gute Möglichkeit, auf die Lehrer und Schulen setzen. Auch die Bereitschaft der Schüler zum ehrenamt-lichen und sozialen Engagement kann sinnvoll mit der Schulbildung verknüpft werden. Gemeinsame Projekte und Vorhaben mit außerschulischen Partnern machen verantwortliches Handeln konkret: Beispiele dafür seien das „Sozial-praktikum“ in diakonischen Einrichtungen oder auch das katholische Projekt „Compassion“ in Freiburg und die evangelische Stiftung „mitLeidenschaft“.

Hat das alles denn auch Erfolg? „Die Ergebnisse der ‚Schuleffektivitätsfor-schung’ legen einen vorsichtigen Optimismus nahe. Es gibt zwar keine Univer-salmittel für die Werte-Erziehung in der Schule und auch keine Spezialpro-gramme, die immer wirken. Aber die Lehrer und ihre Vorgesetzten können eini-ge der Voraussetzungen schaffen, die das Eintreten des Erziehungserfolges be-günstigen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist am günstigsten, wenn folgende Determinanten gemeinsam auftreten: ein guter Lehrer, eine Schule mit an-spruchsvollem normativem Ethos und ein kombiniertes Programm, in dem die Unterweisung, die Ermutigung zum normgemäßen Handeln und ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle miteinander verknüpft sind“, stellt die pädagogische Forschung fest.4 Die Rolle des Lehrers als Vorbild kann kaum überschätzt wer-den. Allenthalben ist von der notwendigen Reform der Lehrerausbildung die Rede, in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz werden neue Konzepte aus-gearbeitet – aber spielt die Vorbereitung des Lehrers auf diese Vorbildfunktion überhaupt eine Rolle? Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern taucht in der Lehrerausbildung bislang nicht als Thema auf.

Insbesondere für Schüler, deren Familie aus anderen Kulturkreisen stammen, ist die Vermittlung der tragenden Werte unserer staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung in der Schule elementar. Nicht wenige dieser Kinder stehen vor regelrechten Wertekonflikten. Daß die Integration der ausländischen Jugendlichen im Betrieb oftmals wesentlich besser gelingt als in der Schule, liegt nicht zuletzt an den klaren Ordnungsmaßgaben in den Unternehmen. Es sind nicht irgendwelche, sondern ganz bestimmte Werte, die für die erfolgreiche Zusammenarbeit im Betrieb gebraucht werden.

IV. Eltern und Familien primär verantwortlich

Natürlich kann und soll die Schule nicht die Erziehung in der Familie ersetzen, auch wenn ihr Anteil an der Erziehung zweifellos gewachsen ist und sie sich darauf auch auf Dauer einstellen muß. Die Familie ist und bleibt der erste und wichtigste Ort, in dem Kinder Werthaltungen ausbilden und einüben. Kinder brauchen Orientierungspunkte, um schließlich selbstständig urteilen und verant-wortlich handeln zu können.

Die Eltern sind primär für die Erziehung der Kinder verantwortlich und müssen dieser Aufgabe mit hohem Verantwortungsbewußtsein nachkommen. Im unbe-absichtigten Nebeneffekt hat PISA die ungeheure Bedeutung der Eltern für den Lebensweg ihrer Kinder herausgestellt: Als entscheidende Prämisse für den Bildungserfolg und damit auch die Berufschancen erwies sich das Lesen, Vorle-sen, generell die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern im Vorschulal-ter.5 Statt ihren gesammelten Ehrgeiz auf das „Schaffen“ des Abiturs zu konzent-rieren, sollten Eltern ihren Kindern schlicht und einfach vorlesen, über Gelesenes und Erlebtes miteinander sprechen. Die Erziehungsziele haben sich gerade in den letzten Jahren – den Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge – weg von einer allzu großen Liberalität hin zu einer stärkeren Normie-rung entwickelt: In den neuen wie den alten Bundesländern „steht für die große Mehrzahl der Erwachsenen fest, daß die Kinder zur Höflichkeit und zu einem gute Benehmen, zu akkurater und gewissenhafter Arbeit und zur Toleranz ge-genüber Andersdenkenden erzogen werden sollen“6. Allerdings brauchen Eltern und Familien heute mehr Unterstützung: Manche Unsicherheit und Orientie-rungsnot betrifft schließlich auch sie.

Zwischen Eltern und Lehrern ist daher mehr denn je eine aktive Erziehungspart-nerschaft notwendig, um mit vereinten Kräften den pädagogischen Erfolg zu sichern. Stattdessen werden gerne die Verantwortlichkeiten hin und her gescho-ben. „Undiszipliniertes Verhalten von Schülern beeinträchtigt den Bildungsauf-trag der Schule ungemein. Eltern haben also im Interesse ihrer eigenen Kinder ... die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sich ihre Kinder ein Sozialverhalten und Sprachniveau aneignen, das ein konstruktives Arbeiten in der Schule erst ermög-licht“, schreibt der Deutsche Lehrerverband den Eltern ins Stammbuch7 – sicher-lich zu Recht, denn Eltern dürfen ihre Erziehungsverantwortung nicht einfach an die Schule „delegieren“. Eltern sind allerdings im Gegenzug hochgradig ent-täuscht, daß sie in der Schule so wenig zu sagen haben: Zwischen dem sehr for-malisierten Mitwirken gewählter Elternrepräsentanten in den offiziellen Gremien und der Organisation von Grillfest und Weihnachtsbasar fehlt ein Drittes. Wa-rum ist ausgerechnet die Pädagogik das große Tabu, obwohl sie es doch gerade ist, die Eltern und Lehrer verbinden sollte? Wo findet eine gezielte Verständi-gung über gemeinsame Werte und ihre effektive Vermittlung statt?

Zur Zeit wird über Familienpolitik in Deutschland wieder einmal nur unter dem Gesichtspunkt der optimalen Umverteilung von Finanztransfers diskutiert. Dabei ist es doch vor allem die gesellschaftliche Isolierung, die Familien – auch bei sehr gutem Einkommen – zu schaffen macht: ihr „Insel-Dasein“. Die Vereinze-lung der Familien geht so weit, daß junge Eltern – jung heißt Anfang 30 – mit dem ersten Baby überhaupt zum ersten Mal einem Kind „hautnah“ begegnen und sich diese unbekannte Welt völlig neu erarbeiten müssen – die Überforderung ist vorprogrammiert. Die Evangelische Kirche (EKD) hat demgegenüber in ihrer jüngsten Stellungnahme8 hervorgehoben, daß es auch um eine Stärkung der Er-ziehungsfähigkeit von Eltern gehen muß. Daß die alltägliche Unterstützung durch Familienangehörige, Nachbarschaft und Bekanntenkreis einerseits wie auch gezielte Angebote von Familienberatungszentren und Elternseminaren andererseits notwendig sind, unterstreichen Kirchen wie Arbeitgeber unisono.9

Allerdings ist es verhängnisvoll, wenn Schulen und Familien sich um eine mora-lische Erziehung bemühen und alle ihre Erfolge durch das Umfeld der Jugendli-chen konterkariert werden, weil es eine ganz andere Botschaft ausstrahlt. Die Zusammenarbeit von Schulen mit Einrichtungen der Jugendhilfe ist besonders für Schüler in schwierigen sozialen Lagen wichtig. Gemeinsam können Jugend-hilfe, Vereine und Initiativen besondere Angebote konzipieren, die zur Entwick-lung persönlicher und sozialer Kompetenzen der Jugendlichen beitragen. Die kirchliche Jugendarbeit leistet hier besonders wertvolle Dienste. Aber darüber hinaus müssen öffentlichkeitswirksame Personen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung ihre Verantwortung als Leitfiguren am Wertehorizont der Jugendlichen viel bewußter wahrnehmen als bisher. Die ausgefeilteste Drogen-prävention wird ad absurdum geführt, wenn das Sportidol Ecstasy schluckt und diesen „Fehler“ nur auf Druck von außen „bereut“.

V. Kirche und Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft würdigt in ihrer Publikation ausdrücklich die Bedeutung der christlichen Kirchen für die Werteorientierung unserer Gesellschaft. Denn „sie nehmen sich der ethischen Grundlagen des freiheitlichen demokratischen Verfassungsstaates besonders an, die im christlichen Verständnis vom Menschen und der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte wurzeln. Die Kirchen unterstützen ebenso das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft, das sich auf dem Boden der katholischen Soziallehre und der evangelischen Ethik herausgebildet hat“ (S. 29). Das ist weit entfernt von einer billigen Arbeitsteilung – wie sie sich in Krei-sen der Politik und der Wirtschaft sicherlich auch schon einmal findet –, nach der die Kirche die „soft facts“ bereitstellen darf, damit die „hard facts“, um die man sich selber kümmert, leichter bekömmlich sind. „Wir machen Geschäfte – Ihr sorgt für die Werte – bitte pünktlich optimale Ware liefern“? Genauso falsch liegt aber die andere und ebenso billige Arbeitsteilung – wie sie sich in Kreisen der Kirchen und ihrer Verbände sicherlich auch schon einmal findet –, nach der die Kirche die Moral gepachtet hat und die anderen hoffnungslos dazu verdammt sind, sich in ihren Geschäften die Finger schmutzig zu machen. „Wir vertreten Werte – Ihr macht nur Geschäfte – bitte richtet euch nach unseren Normen“?

In den meisten Unternehmen gibt es sehr wohl eine – geschriebene oder unge-schriebene – Wertekultur; und nicht wenige verstehen sich ausdrücklich als Wer-tegemeinschaft. Es darf nicht vergessen werden, daß über 80% der Betriebe in Deutschland kleine und mittlere Unternehmen sind, die mehrheitlich von persön-lich haftenden Eigentümerpersönlichkeiten geführt werden und nicht von einem Management, das im Zweifelsfall die hohe Abfindung schon im Einstellungsver-trag garantiert hat. Aber auch in großen Unternehmen gelten bestimmte Füh-rungsgrundsätze, die sich an Normen orientieren. Insbesondere die Personalfüh-rung setzt – in jedem Betrieb – klare Verhaltensvorstellungen voraus, wenn sie Mitarbeiter und ihr Verhalten bewertet, Mängel konstatiert und Verbesserungen in Zielvereinbarungen anmahnt. Die Stichworte der Personalbeurteilung lesen sich oftmals wie ausführliche „Kopfnoten“ auf dem Schulzeugnis – eine Werte-skala ist vorhanden. Gerade in Umbruchssituationen wird die Wertekultur des Unternehmens noch wichtiger, damit die Mitarbeiter sich orientieren können. Die Führungskräfte der Wirtschaft werden im BDA-Papier an ihre verantwor-tungsvolle Vorbildrolle und Führungsaufgabe deutlich erinnert.

Über den Betrieb hinaus ist es für viele Unternehmen selbstverständlich, sich in ihrem Umfeld zu engagieren – angefangen vom Sportverein im Dorf bis zum Sponsoring eines ganzen Museums. Sie verstehen sich als aktiver Teil der Bür-gergesellschaft in einem freiheitlichen, pluralistischen und demokratischen Rechtsstaat und wollen sich zu den leitenden Werten nicht einfach neutral ver-halten, sondern sie mittragen. Das Stichwort „Corporate Citizenship“ steht für diese staatsbürgerliche Verantwortung.10 Schließlich fußt das gesamte Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft auf den Werten Freiheit und Verantwortung, auf Personalität, Subsidiarität und Solidarität. Ihr Funktionieren ist auch von den Einstellungen und Werteorientierungen der Menschen abhängig, ohne daß sie diese selbst schaffen könnte: Die Soziale Marktwirtschaft braucht selbstständig denkende, informierte, frei entscheidende und verantwortungsbewußte Unter-nehmer, Produzenten, Mitarbeiter und Verbraucher – mit anderen Worten mün-dige Staats- und Wirtschaftsbürger.

Das gemeinsame Interesse an einer wirksamen Werteorientierung der jungen Generation müssen Kirche und Wirtschaft allerdings erst noch entdecken – wie viel Gemeinsamkeit hier besteht, ist keiner Seite bislang wirklich bewußt. Dieses Zukunftsthema sollte im Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft eine viel größe-re Rolle spielen als bisher.

Anmerkungen

1) BDA: Bildungsauftrag Werteerziehung. Selbstständig denken, verantwortlich handeln. Berlin August 2002. Die Broschüre kann bei der BDA bestellt werden (Abt. V, Breite Straße 29, 10178 Berlin; Telefon 030-2033-1500; Telefax: 030-2033-1505; e-mail: Abt_05@bda-online.de) oder unter www.bda-online.de abgerufen werden.

2) Vgl. Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2002. 14. Shell-Jugendstudie. Deutsche Shell Holding GmbH und Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 2002, passim.

3) Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Leske+Budrich: Opladen 2001, S. 493.

4) Siegfried Uhl: Werte-Erziehung als Auftrag aller Fächer in der Schule: Aufgaben, Methoden, Erfolgsaussichten, in: Jörg-Dieter Gauger (Hrsg.): Sinnvermittlung, Orientierung, Werte-Erziehung. Academia-Verlag: St. Augustin 1998, 148-169, S. 169.

5) Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000, a. a. O., vgl. S. 74.

6) Institut für Demoskopie Allensbach, Allensbacher Berichte 2000, Nr. 15.

7) Memorandum des Deutschen Lehrerverbandes „Der Beitrag der Eltern zur Bildungsoffensive“, April 2001.

8) Vgl. „Was Familien brauchen. Eine familienpolitische Stellungnahme des Rates der EKD“, 7. Oktober 2002.

9) Vgl. auch Bund katholischer Unternehmer (BKU): Familien in der Bürgergesellschaft. Das Fundament der Sozialen Marktwirtschaft. BKU August 2002.

10) Vgl. Initiative „Freiheit und Verantwortung“ der BDA gemeinsam mit den anderen Spitzenverbänden der Wirtschaft und der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ unter www.freiheit-und-verantwortung.,de

Dr. Donate Kluxen-Pyta arbeitet bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in Berlin.

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