Jahrgang 57
Nr. 1/2003 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Besprechungen

Demoskopie und Demokratie

Nach dem monatelangen Wahlkampfge-töse und der „Fast-Food-Demoskopie“ (Renate Köcher) wöchentlich neuer Meinungsumfragen zu Parteipräferenz und persönlichen Popularitätswerten bietet sich jetzt wieder die Chance eines tieferen Blicks auf die Entwicklung unseres Gemeinwesens. Und die ent-scheidet sich nicht in kurzfristigen Stimmungen, sondern in langfristigen Trends des Werte- und Rechtsbewußt-seins, des Institutionenvertrauens und Politikverständnisses, der Akzeptanz demokratischer Prinzipien und ethischer Normen. Eine Fundgrube für solche Hinweise auf die politische und morali-sche Grundsubstanz der Deutschen ist schon seit einem halben Jahrhundert die Reihe der Allensbacher Jahrbücher der Demoskopie, deren elfter Band unter dem Titel: „Balkon des Jahrhunderts“ erschienen ist:

Allensbacher Jahrbuch der Demo-skopie 1998-2002, Band 11. Hrsg. von Elisabeth Noelle-Neumann und Rena-te Köcher. München: K. G. Saur/ Allensbach, Bonn: Verlag für Demo-skopie, 2002, 198,- €

Erschütternd ist der Ansehensverfall der Abgeordneten. Die Frage: „Glauben Sie, man muß große Fähigkeiten haben, um Bundestagsabgeordneter zu werden?“, bejahten 1972 noch fast zwei Drittel der westdeutschen Bevölkerung, 2001 nur noch 28 Prozent (neue Länder: 20%). Auch das Vertrauen „zur deutschen Justiz, also zu den Richtern und deutschen Gerichten“, ist gesunken, insbesondere bei Anhängern linker Parteien sowie in Ostdeutschland („volles Vertrauen“: 13 Prozent!). Das Bundesverfassungsge-richt hat seine Popularitätsdelle nach den Skandalurteilen der 90er Jahre (Kruzifix, Sitzblockade, Soldaten als „Mörder“) überwunden und genießt 2002 „alles in allem eine gute Meinung“ bei 55 Prozent der Bürger (1995: 39%).

Zweidrittel der Deutschen meinen: „Die Demokratie, die wir in der Bundesrepu-blik haben, ist die beste Staatsform“; doch immerhin 30 Prozent (1990: 19%) der Ostdeutschen glauben, es gebe „eine andere Staatsform, die besser ist“. Der Aussage: „Diese sogenannte Demokratie ist nur ein Betrug an den kleinen Leuten. Wir brauchen ein ganz anderes politi-sches System, damit es endlich wieder aufwärts geht“, stimmen 34 Prozent der Ostdeutschen zu (West: 16%); weitere 37 Prozent meinen, sie könnten es „ver-stehen, wenn jemand so etwas fordert“ und nur 14 Prozent: „So etwas darf man auf keinen Fall fordern“ (West: 34%). Offenbar besteht in der Demokratiever-ankerung noch eine große West-Ost-Kluft.

Beim Demokratieverständnis votieren 52 Prozent der West- und 68 Prozent der Ostdeutschen „für eine direkte Demo-kratie, also daß möglichst viele politi-sche Entscheidungen in Volksabstim-mungen getroffen werden“. Die Gegen-meinung: „Ich bin für eine repräsentati-ve Demokratie, also daß das Volk das Parlament wählt und dann das Parlament die politischen Entscheidungen trifft und dafür auch die Verantwortung über-nimmt. Die Abgeordneten sind doch meistens besser informiert“, unterstützt nur jeder Dritte (West: 37%, Ost 17%). Kein Wunder bei dem verheerenden Image der Volksvertreter!

Bei der Präferenz politischer Werte ist der Vorsprung der Freiheit gegenüber der Gleichheit in den letzten zehn Jahren von 20 auf 6 Prozentpunkte geschmol-zen. Im Zweifel finden 43 Prozent (1992 noch 53%) „die persönliche Freiheit am wichtigsten, also daß jeder in Freiheit leben und sich ungehindert entfalten kann“ (West: 45%, Ost: 36%). „Mög-lichst große Gleichheit, daß also nie-mand benachteiligt ist und die sozialen Unterschiede nicht so groß sind“, bevor-zugen 37 Prozent (1992: 33%), darunter jeder dritte Westdeutsche, aber fast jeder zweite Ostdeutsche. Die Meinung, daß „freiheitliche Demokratie und Sozialis-mus unüberwindbare Gegensätze sind“, im Jahr der Wiedervereinigung noch von 37 Prozent der Ostdeutschen vertre-ten, fand Ende 2000 nur noch bei einem Viertel Zustimmung. Dagegen meint eine relative Mehrheit (41%), es könne „auch im Sozialismus Demokratie ge-ben“, jeder Dritte ist unentschieden.

Doch die Unionsparteien brauchen sich deshalb nicht zu ängstigen und ideolo-gisch „abzurüsten“. Ihr Markenzeichen „Christlich“ sprach selbst in der dun-kelsten Stunde nach der Wahlniederlage 1998 für 47 Prozent der Deutschen „eher für eine Partei“ (West: 48%, Ost: 40%); „sozialistisch“ hatte hingegen nur für 39 Prozent eine positive Konnotation (West: 35%, Ost: 54%). Im allgemeinen Sprachgebrauch wirkt das Wort „christ-lich“ für 60 Prozent der Deutschen eher „sympathisch“, für 28 Prozent „unsym-pathisch“. Beim Attribut „konservativ“ ist es exakt umgekehrt.

Diese wenigen Kostproben aus dem großen Allensbacher Fundus mögen politisch über den Tag hinaus denkende Bürger, Politiker und Wissenschaftler anregen, sich das neue Jahrbuch einmal in Ruhe anzuschauen und mittels seiner übersichtlichen Gliederung und des differenzierten Registers gezielt zu be-stimmten Themen nachzuschlagen. Neben Tabellen findet sich auch eine Reihe interessanter Analysen, welche die Da-ten „zum Leben erwecken“ und Allens-bachs Stärke gegenüber konkurrierenden Instituten verdeutlichen: statt bloß „Wasserstandsmeldungen“ auch eine Jahrzehnte übergreifende Grundlagen-forschung zur Öffentlichen Meinung anzubieten, die nicht allein dem Diktat kommerzieller Verwertbarkeit unterwor-fen ist.

Andreas Püttmann

Intermediäre Institutionen

In Deutschland waren lange Zeit – maß-geblich bedingt durch den 68er Geist – Institutionen tabuiert. Erst zu Beginn der 90er Jahre des zurückliegenden Jasshrhunderts wurden Sozialwissen-schaftlern schmerzlich die Folgen des verbreiteten institutionellen Abbaus und der Geringschätzung von Institutionen bewußt. Inzwischen ist es fast schon obligatorisch, sich den „Institutionen“ zuzuwenden. Ins Zentrum rücken seit einiger Zeit besonders die „intermediä-ren Institutionen“. In diese Diskussion fügt sich auch der hier zu besprechende Band des bekannten Konstanzer Sozio-logen

Thomas Luckmann (Hrsg.): Moral im Alltag. Sinnvermittlung und moralische Kommunikation in intermediä-ren Institutionen. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 1998, 269 S.

Die Ergebnisse der Publikation gehen zurück auf ein von der Bertelsmann Stiftung initiiertes Projekt zur „geistigen Orientierung“, das zu Beginn des Ban-des durch die Kurzbeiträge von Werner Weidenfeld, Vorstandsmitglied der Stif-tung, und Thomas Luckmann porträtiert wird. Konzeptionell knüpfen die Beiträ-ge des vorliegenden Sammelbandes an die von Thomas Luckmann und Peter L. Berger verfaßte Schrift „Modernität, Pluralismus und Sinnkrise“ (1995) an. Eine Quintessenz bietet gleichsam Tho-mas Luckmann in seinem nunmehr hinführenden Beitrag „Gesellschaftliche Bedingungen geistiger Orientierung“ (S. 19-46). Moderne Gesellschaften definie-ren sich als „pluralistisch“, d. h. „ver-schiedene Lebensgemeinschaften“ leben „ohne eine gemeinsame Wertordnung zusammen“ (S. 25). Identitätsbildung avanciert unter dem Vorzeichen schwin-dender religiöser Beheimatung und Traditionsbindung zunehmend zur Pri-vatangelegenheit. Angesichts einer drohenden Desorientierung und eines „Aus-einanderfallens der Gesellschaft“ (S. 7) komme es entscheidend auf die „inter-mediären Institutionen“ an, die eine Art Scharnier „zwischen den großen kom-plexen, anonymen Institutionen der modernen Gesellschaften“ und den Indivi-duen (S. 35) bilden. Ihnen obliegt die Sinnvermittlung, die Luckmann vor-nehmlich als ein kommunikatives Ge-schehen auffaßt. Gibt es in unserer Ge-sellschaft noch solche – zugespitzt for-muliert – Rettungsanker?

Dieser Frage gehen die drei folgenden Fallstudien, die sich ausgewählten „In-stitutionen“ – Familie (S. 47-101), Öko-logiegruppen (S. 103-142) und Bera-tungseinrichtungen (S. 143-218) – zu-wenden, nach. Ob und inwieweit bei ihnen jedoch von „intermediären Institu-tionen“ die Rede sein kann, durchzieht als Fragestellung die Einzeluntersuchungen. Die Kommunikationswissenschaft-lerin Angela Keppler-Seel und der Kul-tur- und Religionssoziologe Hubert Knoblauch vertreten die „Auffassung“, daß trotz des tiefgreifenden Wandels die Familie „weiterhin eine wesentliche Rolle für die individuelle wie kollektive Sinnstiftung spielt“ (S. 49). Die von Luckmann eingangs beschriebene plura-listische Verfaßtheit moderner Gesell-schaften drückt – wie im weiteren Gang der Studie deutlich wird – auch vollends der Familie ihren Stempel auf. Sie kann sich nicht mehr auf eine gesicherte Basis moralischer Standards stützen, sondern ist durch ein Höchstmaß „inhaltlicher ethisch-moralischer (und politischer) Differenz“ (S. 94) geprägt. Das unter-gräbt – folgt man den Befunden – kei-neswegs den „familiären Zusammen-halt“. Was bleibt aber noch von der Familie, wenn lediglich „der Sinn, den eine Familie ihren Mitgliedern ... vermittelt, ... in der familiär eröffneten Möglichkeit ..., alle Themen des Lebens auf eine besondere Weise ansprechen und ver-handeln zu können“ (S. 94) liegt? For-mulierungen wie diese rufen Befremden hervor und vermitteln den Eindruck als – eine Formulierung des Würzburger Soziologen Wolfgang Lipp aufgreifend – pervertiere Familie zur Veranstaltung.

Die Folgestudie aus der Feder der Poli-tikwissenschaftlerin Gabriela B. Christman wendet sich den Ökologiegruppen, die in Konkurrenz zu Vereinen, Verbän-den, Parteien getreten sind. Die engere Fallstudie beschränkt sich – das grenzt gewiß den Aussagewert ein – auf ein „lokales Segment“. Dabei gelangt die Verf. zu dem Ergebnis, daß „kommuni-kative Vorgänge“ in Ökologiegruppen höchst moralisierend gefärbt sind und vornehmlich praktisches Handeln inten-dieren. Das Fragezeichen im Titel ihres Beitrages „Ökologiegruppen als inter-mediäre Institutionen?“ löst sie im Lich-te ihres Fazits auf. Da Ökologiegruppen eine „politische Willensbildung in alle Richtungen praktizieren und ihr Handeln klar den „Dreh- und Angelpunkt im umweltschützerischen Sinnsystem“ (S. 134) hat, entsprechen sie vollends dem Typus „intermediärer Institutionen“.

Ein Verdienst der dritten Fallstudie des Giessener Soziologen Jörg R. Bergmann und seiner Mitarbeiter Michaela Goll und Ska Wiltschek über „Sinnorientie-rung durch Beratung“ besteht zunächst in dem Versuch, eine Schneise durch den Dschungel der Beratungseinrichtun-gen zu schlagen (Medien, Themen, Adressaten, Träger der Beratung). Bera-tung, verstanden als „Hinführung zur Lösung eines Problems“ (S. 156) zeich-ne sich vor allem durch Freiwilligkeit und „moralische Urteilsabstinenz“ (S. 212) aus. Die Verf. analysieren die Beratung konkreter an drei Beispielen – Apothekenberatung, genetische Bera-tung, Sexualberatung –, die ihre These, daß „Beratungseinrichtungen ... ganz wesentlich ‚Schulen des Pluralismus’“ (S. 215) sind, untermauern. Den Stel-lenwert von Beratungseinrichtungen sehen die Verf. vor allem in der Verhinde-rung einer um sich greifenden Sinnkrise.

Der Band schließt ab mit einem – über-schrieben „Die Währungen des ‚Sozial-kapitals’“ – Beitrag des Herausgebers (S. 219-242). Luckmann läßt darin zent-rale Einsichten Revue passieren, stel-lenweise fließen auch divergierende Bewertungen und leichte Korrekturen mancher Einseitigkeiten der Fallstudien ein. So sei etwa die Rede von der „‚morali-schen Enthaltsamkeit’ der modernen Familie“ (vgl. S. 224) nicht haltbar. Zu optimistische Töne in den Einzelunter-suchungen werden partiell vom Heraus-geber ins rechte Lot gerückt.

Insgesamt beruhigend dürfte auf man-chen Leser der Befund wirken, daß es hier und da offensichtlich noch gelingt eine gemeinsame Wertebasis zu schaf-fen.

Mit Blick auf Traditionslinien institutio-nellen Denkens – es sei nur an die pro-funden Einsichten Arnold Gehlens erin-nert – operieren die Beiträge des gesam-ten Bandes mit einem arg subjekti-vistisch aufgeladenen Institutionen-begriff. Fast wie eine Stilblüte liest sich die Wendung im Beitrag von Keppler-Seel und Knoblauch von der Familie als „‚de-institutionalisierter’ Institution“ (S. 83). Es bleibt wohl der Phantasie des Lesers überlassen, auszuloten, ob und inwiefern überhaupt noch von „Instituti-on“ die Rede sein kann. Der auf Sinn-Kommunikation verkürzte Institutionen-gehalt führt zwangsläufig zu solchen Gratwanderungen. Dessen ungeachtet kann positiv der Ansatz des Bandes, die institutionellen Leistungen und Kapazi-täten an konkreten Beispielen zu analy-sieren, gewürdigt werden.

Insgesamt ist dem Band zu wünschen, daß Leser nicht die Mühe scheuen – so verführerisch es auch sein mag, beim vorangestellten Resumee (S. 7-10) ste-hen zu bleiben – die folgenden 255 Seiten zu durchforsten.

Klaus Barheier

Biotechnik

Seit einigen Jahren folgt den neuen biotechnischen Entwicklungen nahezu zeitgleich in der Regel eine bioethische Auseinandersetzung. Von seiten der Moraltheologie ist im deutschsprachigen Raum vor etwa zehn Jahren ein umfäng-liches Werk zur Bioethik erschienen (E. Schockenhoff, Ethik des Lebens, Mainz 1993). Nun hat ein weiterer Vertreter dieser theologischen Disziplin ein sei-tenstarkes Werk herausgebracht.

Dietmar Mieth, Was wollen wir kön-nen? Ethik im Zeitalter der Biotech-nik. Herder Verlag Freiburg/Br. 2002, 550 S.

Bereits im Vorwort weist der Lehrstuhl-inhaber für „Theologische Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Ge-sellschaftswissenschaften“ darauf hin, daß seine Ausführungen einer „autono-men Moral im christlichen Kontext“ verpflichtet sind. Eine zentrale These von Mieth – die das gesamte Buch durchzieht und auf die regelmäßig hin-gewiesen wird – lautet: „Man soll Prob-leme nicht so lösen, daß die Problemlö-sung mehr Probleme schafft, als sie löst“. Die Aufgabe der Sozialethik be-steht nach Mieth darin, daß sie sich damit begnügen muß, ethische Aufklä-rung und Beratung zu leisten (21).

Mieth gliedert sein Werk in sechs Teile (1. Herausforderungen; 2. Sozialethische Überlegungen im Kontext der Biotech-nik; 3. Ethik in der Biomedizin; 4. Ethik in der Biotechnik; 5. Biopolitik: Exper-ten und Institutionen; 6. Natur, Men-schenbild und Menschenrechte), wobei durchgehend erkennbar wird, daß sich der Theologe – nicht zuletzt durch seine Mitgliedschaften in zahlreichen Gremien – durch ein hohes Maß an Sachkompe-tenz auszeichnet.

Mieth geht auf zahlreiche in den vergan-genen Jahrzehnten diskutierte biotechni-sche Anwendungsfelder ein (Organ-transplantation, Reproduktionsmedizin, Gentechnologie etc.) und gibt ethische Ratschläge. An zahlreichen Stellen weist Mieth auf die Problematik nicht weniger Anwendungsfelder hin: das Problem des „garantierten“ Kinderwunsches (124), das ethische Problem der IVF-Elternschaft (131), das Problem der direkten Patentierbarkeit von Genen, Nutztieren und Nutzpflanzen (277) etc.

Gleichwohl hält der Theologe von den genannten Anwendungsfeldern lediglich die Präimplantationsdiagnostik für ethisch unzulässig (190). Zwar wird die In-vitro-Fertilisation mit Embryo-Transfer beim Menschen und die vorgeburtli-che Diagnostik als ethisch belastend beschrieben (229), doch wird die An-wendung der Reproduktionstechniken per se nicht ernsthaft in Frage gestellt.

Die Bedeutung der Religion reduziert Mieth auf die Rolle eines gleichwertigen Gesprächspartners, der seine Argumente „kommunikabel“ einbringen kann (364). Daß sowohl eine „säkulare“ Anthropo-logie keineswegs als „wertneutral“ an-zusehen ist und ebenfalls ein „zu glau-bendes“ Vorverständnis voraussetzt, wird vom Verf. ebensowenig themati-siert, wie die demokratisch legitime Aussage, daß bestimmte „Anthropolo-gien“ als jeglichem Diskurs unwürdig verworfen werden müssen. Der Theolo-ge scheint Niklas Luhmann voll zuzu-stimmen, wenn er in bezug auf das Stichwort „Wachstum“ ausführt: „Der Luhmannsche Begriff der ‚adäquaten Komplexität’ des Systems trifft die Sache genau. Eine der Umwelt entspre-chende Komplexität findet das System aber nur, wenn es zugleich den Sinn produziert ... Sinnverhalte und ihnen entsprechende ethische Maximen sind also nützliche Systemgrößen. Deshalb ‚braucht’ man nach Luhmann auch Moral und Religion“ (432). Eine Ab-grenzung zu der Auffassung, daß die Religion lediglich einem menschlichen „Bedürfnis“ im utilitaristischen Sinne entspricht, wäre zu erwarten gewesen.

Ingesamt stellt das Buch sich als wenig systematisch heraus, was bei der Fülle und Komplexität der Materie als Mangel erscheinen muß. Dem Leser fällt es schwer, eine logisch konsequente Ab-folge der einzelnen Themengebiete zu erkennen. Zum Teil hat Mieth Beiträge eingefügt, die er bereits früher veröffent-licht hat (z. B. „Moral und Erfahrung“). Erschwerend kommt hinzu, daß das Buch über kein Personen- bzw. Sach-wortregister verfügt, was ebenfalls für ein derart umfängliches Werk nahe gelegen hätte. Ein Schlußteil, der die Arbeit abrunden könnte, fehlt völlig. Vielmehr beschließt Mieth seine Aus-führungen abrupt mit der Überschrift „Biomedizinische Ethik in den USA“!

Fazit: Daß Lesen des Werkes gestaltet sich aufgrund eines fehlenden roten Fadens und dem Mangel an einer strin-genten Gliederung als sehr mühsam. Z. B. fragt man sich, warum die Über-schrift „2. Ethische Kriterien“ (428) zum Thema „Natur, Menschenbild und Men-schenrechte“ erneut unterteilt wird in den Punkt „2.4. Ethische Kriterien“ (433). Belohnt wird der Leser teilweise mit einer hohen Sachkompetenz und zahlreichen Aussagen, die in ethischer Hinsicht Beachtung verdienen: „Diese in säkularen Gesellschaften vollzogene ‚Demokratisierung’ der Ethik darf aber nicht zur Abschöpfung des sogenannten Minimalkonsenses angesichts des soge-nannten Pluralismus verkommen.“ (387) Worin der Minimalkonsens jedoch be-steht, bleibt am Ende eher nebulös. Gerne hätte man abschließend zusam-menfassend erfahren, welche Grundsät-ze Mieth meint, wenn er am Ende seiner Ausführungen darauf hinweist, daß es in der Ethik Grundsätze gibt, „die nicht zur Disposition stehen“ (508).

Clemens Breuer

Gleichheit und Gerechtigkeit

Zu den zweifelsohne scharfsinnigsten Sozialphilosophen zählt der Kieler Phi-losoph Wolfgang Kersting, der sich vor allem als profunder Kantinterpret und als Kenner der amerikanischen Komm-unitarismus-Liberalismus-Debatte zu Wort gemeldet hat. Auch wenn ein katholischer Sozialethiker andere Vor-aussetzungen einnehmen und andere Schlüsse ziehen wird, wie z. B. in der bioethischen Problematik, lohnt sich die Beschäftigung mit seinem neuesten Buch, das gegen den politischen und auch philosophischen Modetrend ge-schrieben ist:

Wolfgang Kersting: Kritik der Gleichheit. Über die Grenzen der Gerechtigkeit und der Moral. Velbrück Wissenschaft, Weilersbrück 2002, 341 S.

Obwohl das Buch, wie heute üblich, aus verschiedenen Vorträgen, Artikeln und Referaten zusammengestellt ist, weist es doch eine erstaunliche Kohärenz und Konsistenz auf. Haupt- und Untertitel ziehen sich als rote Fäden durch alle Beiträge. Grundlegend ist der erste: Der Sozialstaat zwischen Freiheit und Gleichheit. Der Sozialstaat entbehrt einer stimmigen philosophischen Be-gründung (24ff., 30ff.). Da der Main-stream des sozialethischen und –politischen Denkens und Handelns diesem Staat noch die Bürde der Vertei-lungsgerechtigkeit mit dem Ziel größt-möglicher materieller Gleichheit auflädt, wächst die Begründungspflicht ins Unermeßliche. Kersting billigt dem Staat nur subsidiäre, nicht aber egalitäre Verteilungsfunktionen zu (53). Hierfür stehen aber keine detaillierten universa-len Kriterien zur Verfügung. Der Staat kann nur okkasionell durch Fremdver-sorgung das Subsistenzrecht von Indivi-duen erfüllen, wenn diese sich nicht mehr selbst helfen können (35); ähnlich auch in internationalen Kooperationen bei Notlagen (110f.). Egalitäre Vertei-lung ist die Idee eines analytisch-szientistischen Paradigmas, das einen universalen, abstrakten Persönlichkeits-kern aus der Hülle seiner natürlichen und sozialen Vorgegebenheiten heraus-schälen will und alles und jedes einer ökonomistischen Quantifizierung unter-stellt – eine illusionäre und zugleich desaströse Idee (62, 77, 79f.) Die einzi-ge stichhaltige Begründung und zugleich Aufgabe des Sozialstaates besteht nach Kersting in der Ermöglichung und Si-cherung der selbstverantwortlichen Freiheit der einzelnen (37ff., 47ff., im internationalen Bereich: 115ff.). Hier deckt sich vieles mit der Staatsauffas-sung und dem Menschenbild katholi-scher Soziallehre.

Allerdings besteht ein erheblicher Un-terschied in einer Grundauffassung, die zwar bedenkenswert ist, aber Kersting von der kirchlichen Lehre trennt. Neben der antiegalitären Linie zieht sich eine antimetaphysische Linie durch alle Beiträge. Bezogen auf das berühmte Diktum von Dostojewski, daß alles erlaubt wäre, wenn es Gott nicht gäbe, nennt er den Versuch einer auf Gott sich stützenden Letztbegründung einen „do-stojewskischen Fehlschluß“ (274f.). „Ich halte eine Letztbegründung weder für möglich noch für nötig“ (275). Das betrifft auch die Kantianer und die Dis-kursethiker und andere, die auf Rationa-lität setzen. Kersting plädiert für eine „pragmatische Rechtfertigung“ im inter-subjektiven Bereich (278f.), einen ge-wissen Dezisionismus im rein persönli-chen (288f.), letztlich für eine politische Entscheidung in strittigen, argumentativ nicht auflösbaren Fragen der gesell-schaftlichen Moral (189).

Letzteres gilt vor allem für die Rationie-rungs- und Triageentscheidungen im Gesundheitswesen, das keine Maximal-versorgung für alle im gleichen Maße mehr leisten kann; ja sogar das Los darf dann entscheiden, was wem zuteil wer-den darf (181ff.). Was die normative Begründung angeht, scheint sich der Autor m. E. doch in Widersprüche zu verwickeln. Wenn seine Sozialstaatsbe-gründung von folgender Prämisse aus-geht, ist sie entweder rein zufällig und dezisionistisch – oder verweist auf onto-logische Vorgegebenheiten: „Jeder Mensch hat das Recht, über seine Kräfte und Fähigkeiten selbstbestimmt verfü-gen zu können, ein Leben nach seinen Vorstellungen führen zu können und von der Gesellschaft und seinen Mit-menschen als selbstverantwortliches Wesen, als Zweck an sich selbst respek-tiert zu werden.“ (44) Oder: „Verant-wortlichkeitszuschreibung ist jedoch für unser Selbstverständnis unentbehrlich“ (72).

Was ist der Grund dafür? Zuschreibung allein kann auch negiert werden. Kers-ting will den Begriff der menschlichen Natur, der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, die er Interessen nennt, rehabilitieren (Johannes Messner hat darüber genügend geschrieben), aber woher nimmt diese ihre normsetzende Kraft, wenn sie sich nicht zufälligen und auch wechselnden Kontrakten verdankt? (127)

Immer wieder polemisiert der Autor gegen die „rationalistische Eselei“ der ethischen Standardtheorien. Der aufklä-rerische Rationalismus, die deduktive Argumentation, das Postulat der Univer-salisierung sind „Modernisierungslas-ten“, die eine heutige Ethik abwerfen muß, um mit unauflösbaren Dilemmata, Ungewißheiten und moralischen Hypo-thesen leben zu können (297ff., 18). Kersting exemplifiziert das vor allem an den neuen bioethischen Herausforde-rungen, die moralische Entscheidungen verlangen, die von keiner unbestreitba-ren Prämisse abgeleitet werden können. Das wird man für viele Einzelprobleme zugeben müssen. Dennoch: Was der Autor als heutige Ethik vorschlägt, ist weder eine stabilisierende Letztbegrün-dung christlicher, aristotelischer oder transzendentaler Art noch eine destabili-sierende schiere Dezision, sondern es ist etwas dazwischen, eine „schwache Rechtfertigung“, eine „innovative Ethik“ (275ff.; 322ff.). Richtig erscheint uns, daß es eine gelebte Ethik vor aller Philo-sophie, eine von allen als verbindlich anerkannte „universalistische Begrün-dungsvernunft“ (289) gibt und damit eine Schnittmenge praktischer Moral auch bei unterschiedlichen Prämissen. Daß dies aber allein nicht genügt, zeigen Kerstings bioethische Positionen (330 ff.). Das Buch markiert die Grenze zwi-schen unterschiedlichen Grundannah-men und möglichen Gemeinsamkeiten heutiger Sozialethik. Es beleuchtet die Schwachstellen rein rationaler Standard-theorien, erscheint andererseits aber wiederum als Kind relativistischen Zeit-geistes, dessen Denkwege genau ken-nenzulernen notwendig ist.

Hans Joachim Türk

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