Jahrgang 56
Nr. 1/2002 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Hans-B. Maier

Wie friedlich ist der Islam?


Ein britischer Staatsbürger muslimischer Herkunft, seit seiner Geburt in England zu Hause, fliegt ins Land seiner Eltern und erklärt einem Fernsehreporter an der afghanischen Grenze am 31.10.2001, er wolle seinen Glaubensbrüdern im Heiligen Krieg beistehen; er sei auch bereit, auf britische Soldaten zu schießen. Von dem zwanzigjährigen Amerikaner John Walker Lindh, der als Talibankämpfer von den US-Streitkräften gefangengenommen wurde, hören wir, daß er Bin Laden, mit dem er mehrmals direkten Kontakt hatte, auch dann die Treue gehalten habe, als ihm die Pläne für den Anschlag vom 11. September bekanntgeworden seien.

Islamistische Gewalt und ein mehr oder weniger aktives Sympathisieren mit terroristischem oder zumindest menschenrechtswidrigem Verhalten von Muslimen ist ein weltweites Problem. Dabei ist zunächst zu fragen: Was ist Islamismus und was ist Islam? Und hilft uns eine solche Unterscheidung? Daß es im Koran – anders als jedenfalls im Neuen Testament – programmatische Gewalt-Aufrufe gibt, kann jeder sehen, der z. B. in der von Annemarie Schimmel kommentierten Reclam-Ausgabe die unter dem Stichwort „Heiliger Krieg“ angegebenen Stellen nachschlägt. Trotzdem meinen viele, man dürfe keinen Zusammenhang zwischen dem Islamismus und dem Islam sehen. In der Zeitschrift „Merkur“ hat Siegfried Kohlhammer in einem Aufsatz über „Die Feinde und die Freunde des Islam“ bereits 1995 festgestellt, daß man in Deutschland und anderen westlichen Ländern auf die zunehmenden Gewalt- und Terrorattacken von Islamisten jedesmal geradezu reflexhaft nach einem bestimmten Muster reagiere. Dazu gehörten die Appelle, man dürfe nun kein „Feindbild Islam“ aufbauen, und man müsse erkennen, daß es den Islam gar nicht gäbe und daß der („der“?) Islam eigentlich sehr tolerant sei. Wie wirklichkeitsfremd solche psychologisch durchaus erklärbaren Reaktionen sind, weist Kohlhammer mit Argumenten und Beispielen nach, die so wichtig und so erschütternd sind, daß sein Essay zur Pflichtlektüre für alle wird, die sich mit diesen existentiellen Problemen ernsthaft auseinandersetzen wollen. Nach dem 11. September haben die Herausgeber des „Merkur“ denselben Text noch einmal abgedruckt, und zwar im Novemberheft des vergangenen Jahres (S. 958-978).

Auch jetzt erleben wir ja wieder die bekannten Verdrängungsmuster. Bin Laden und seine „Gotteskrieger“ hätten nichts mit dem Islam zu tun. Dafür einige Beispiele: Hans Magnus Enzensberger spricht in der FAZ vom 18.09. 01 von einer allgemeinen Paranoia und wirft Drogensüchtige, HIV-Positive und „narzißtisch gekränkte Schüler“, die zum Messer greifen, mit den Terror-Strategen in einen Topf. Andere glauben, der Terror lasse sich allein aus politischer Ungerechtigkeit in Palästina und anderswo erklären. Ein Muslim mit deutschem Namen behauptet im „Rheinischen Merkur“ vom 28.09.01, den Dschihadismus gebe es erst seit knapp hundert Jahren, und bemüht für die ägyptischen Muslimbrüder die Nazis und die Bolschewiki. Häufig ist auch zu hören, die Übersetzung „Heiliger Krieg“ sei ein (böses?) Mißverständnis. „Dschihad“ sei der spirituelle innere Kampf; Krieg sei nur zur Verteidigung des Glaubens erlaubt. Wieder andere sagen, die Aufrufe im Koran zur Bekämpfung oder Vernichtung der Ungläubigen gälten nicht den Juden und Christen; sie ständen sogar unter einem besonderen Schutz. Und schließlich wird daran erinnert, daß der Koran auch viele schöne und friedfertige Stellen enthalte und zu einer wunderbaren Poesie und einer tiefen Mystik (Sufismus) inspiriert habe. Zu diesen Reflexen gehört auch die Gleichsetzung muslimischer Terroristen mit „dem Christentum“ in Geschichte und Gegenwart: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen, „christlicher Terror“ in Nordirland. Das kommt nicht etwa nur von Zeitgenossen, die der christlichen Botschaft fern stehen, sondern gerade auch von Christen, die selbstkritisch und korrekt sein wollen. Oder es wird umgekehrt an Beispiele vorbildlicher muslimischer Toleranz in früheren Jahrhunderten erinnert, etwa an die Duldung von Christen und Juden durch hochkultivierte islamische Herrscher in Spanien. Wer auf Gewaltsuren im Koran aufmerksam macht, bekommt oft zu hören, auch von Nichtmuslimen, die den Koran gar nicht in die Hand nehmen, diese Stellen gebe es nicht, sie seien falsch übersetzt, ganz anders gemeint, dürften nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Oder aber, sie seien zeitbedingt, nur aus der damaligen Situation Mohammeds heraus (als richtig und berechtigt) zu verstehen. Und die Bibel wimmele schließlich auch von solchen Stellen; wobei es kaum jemand für nötig hält, zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu unterscheiden.

Auf einige dieser Gesichtspunkte sei noch ein wenig eingegangen. Was das Palästina-Problem betrifft, so kann man die derzeitige Politik Israels kaum gutheißen, zumal unter der derzeitigen Regierung. Die verständliche Verzweiflung und Verbitterung der Palästinenser sollte uns aber nicht blind dafür machen, daß es auf ihrer Seite ein Potential an zerstörerischem Fanatismus gibt, das eindeutig mit dem Koran zusammenhängt: In welchem nicht-islamischen Land würden junge Menschen, und seien sie noch so schwer unterdrückt und gedemütigt und ohne Perspektive, auf die Idee kommen, als Bewerber für Selbstmordattentate Schlange zu stehen? Wo würden Mütter voll Stolz und Zustimmung dabeistehen und lächeln, wenn ihre sechsjährigen Kinder vor der Kamera verkündeten, sie wollten es auch bald dem großen Bruder gleichtun, der sich bereits als heiliger Märtyrer direkt ins Paradies hinübergebombt habe? Je mehr Feinde ein Attentäter in den Tod gerissen hat, um so größer ist der Jubel, weshalb auch die Freudentänze vieler Palästinenser über die Ereignisse in New York und Washington nicht allzu sehr verwundern sollten. Was beim Palästinaproblem bezeichnenderweise immer wieder unbeachtet bleibt, ist der Umstand, daß viele, wenn nicht gar die meisten Muslime in Palästina und anderswo dazu entschlossen sind, den Staat Israel bis zur Liquidierung zu bekämpfen, und zwar in jedem Fall, also ganz unabhängig davon, welche Politik Israel betreibt, einfach deswegen, weil Palästina und Jerusalem von ihnen als islamischer Boden beansprucht werden – und vielleicht auch, weil der Koran selbst Vorurteile gegen Juden (und Christen) schürt. Die Weltgemeinschaft müßte sich endlich dazu bekennen, daß man von Israel nicht erwarten kann, es solle diesen absoluten Vernichtungswillen der anderen akzeptieren – es sei denn, man wäre der Meinung, daß der Staat Israel tatsächlich keine Existenzberechtigung besitze. Wird dieses Existenzrecht aber von der Völkergemeinschaft grundsätzlich anerkannt, und sei es nur, weil man die Geschichte seit 1948 nicht rückgängig machen kann, so gilt: Sobald die Palästinenser in menschenwürdiger Autonomie (und möglichst bald auch in einem eigenen Staat) leben, haben die „Freiheitskämpfer“ auf ihrer Seite, die dann immer noch mit Attentaten gegen israelische Menschen und Einrichtungen vorgehen, als das zu gelten, was sie dann wirklich sind: als islamische Terroristen.

Gewalt im Koran

Über die religiös-politischen Machtansprüche, die ein Moslem grundsätzlich vertrete, schreibt der aus Algerien stammende Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun am 18.10.01 in der „Welt“: „Alles, was im Koran gesagt wird, hat das Ziel, die bestehenden Religionssysteme vorerst zu disqualifizieren und dann, auf längere Sicht, zu eliminieren. Dabei handelt es sich einerseits um den Polytheismus, andererseits um die ‚Völker des Buches‘, also Juden und Christen.“ Wer kann nach einem Blick in die Geschichte und in den Koran noch glauben, das Islamismus-Problem sei erst durch den Zionismus oder durch modernes Globalisierungsunrecht aufgekommen? Auch wenn „Dschihad“ an manchen Stellen symbolisch verstanden werden kann, bleiben Suren wie 2,191: „Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung ist schlimmer als Totschlag ...“ (Mit „Verführung“ ist auch das gemeint, was den Mitgliedern von Shelter Now vorgeworfen wurde. Wo haben in Deutschland oder weltweit Muslime gegen diese – korangetreuen – Menschenrechtsverstöße protestiert?) In 8,39 heißt es: „Und kämpft wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt ...“, in 47, 4:„Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; ...“ In der neueren Koranübersetzung von Rudi Paret (1979) lautet diese Stelle: „Und wenn ihr (auf einem Feldzug) mit den Ungläubigen zusammentrefft, dann haut (ihnen mit dem Schwert) auf den Nacken!“ Hier ist also eine Relativierung und Differenzierung insofern möglich, als man diese Tötungsbefehle nicht auf jeden Moslem in jeder Situation zu beziehen hat. Daß es aber Mohammed in der damaligen Situation jedenfalls darum geht, daß die Andersgläubigen im Kampf umgebracht werden sollen, ist keine Frage: Was hätte ein Schwert sonst am Nacken des Gegners verloren? Man liest, daß diejenigen, die im Heiligen Krieg töten und getötet werden, besondere Glückseligkeit im Paradies erwarte (z. B. 9,20; 47,5 und 6) und daß Allah, wenn die Kämpfer ihr Vermögen (!) für den Sieg spendeten (!), dieses „Darlehen“ verdoppeln werde (57, 10 und 11). Vom „Dschihad im echten Sinn“ sagt Annemarie Schimmel (Sch 2, S. 12), er müsse vom Imam ausgerufen werden, „der die Gegner erst einmal auffordern muß, den Islam anzunehmen“ – als würde dieses zuvor erforderliche Ultimatum die Sache besser machen!

Auf die Frage, ob Juden und Christen als Ungläubige zu gelten hätten, gibt der Koran widersprüchliche Antworten. Anfangs hofft Mohammed noch mehr auf deren Zustimmung, vor allem auf die der Juden. Im Herbst 622 entschließt er sich zur Emigration (Hedschra) von seiner Heimatstadt Mekka nach Yathrib, dem späteren Medina. Bis zum 11. Februar 624 bemüht er sich eifrig um die dort lebenden jüdischen Beduinenstämme, wie den aus dieser Zeit stammenden Suren zu entnehmen ist, übernimmt auch israelitische Rituale. Zum Bruch kommt es, weil die Juden ihm nicht folgen wollen, ihm nachweisen, daß er ihre Bibel, auf die er sich immer wieder bezieht, gar nicht richtig kenne und daß der Koran voller Irrtümer sei. Von da an müssen die Muslime ihre Gebete nach Mekka und nicht mehr nach Jerusalem ausrichten, und Mohammed verkündet nun mit der von ihm beanspruchten göttlichen Koran-Vollmacht (Sure 2,127), die Ka’ba in Mekka sei von Abraham und seinem Sohn Ismael erbaut worden (vgl. dazu z. B. Mircea Eliade, „Geschichte der religiösen Ideen“, Freiburg, Herder/Spektrum 1983, S. 78 ff.). Da, wo Juden und Christen später als „Schutzbefohlene“ einen Sonderstatus genießen, geht es um ihre steuerliche Ausbeutung (Sch 2, S. 116; Gl, S. 312). Es gibt aber auch Stellen, wo sie wie alle Nichtmuslime zu den Ungläubigen gehören, z. B. in 9,29. Von diesem Feindbild leben manche Koran-Passagen geradezu. Man sammelt sich gegen etwas. Interessierte brauchen nur einmal die zweite Sure daraufhin zu untersuchen, wie oft „die anderen“ mit Begriffen bezeichnet werden wie: die Ungläubigen, die Ungerechten, die Frevler, die Verlorenen, die Verführten, die Abtrünnigen; auch von Satanen ist die Rede, und natürlich immer wieder von den Feinden – weil sie sich nicht der mohammedanischen Gruppe anschließen wollen. In 9,30 soll Allah die Christen totschlagen, weil sie reden wie die Ungläubigen: Sie sagen, der Messias sei Allahs Sohn. („Allah schlag sie tot!“/ nach Rudi Paret wörtlich: „Gott bekämpfe sie!“ Hier ist auch noch zu fragen: Spricht hier eigentlich Allah, wie ja für den ganzen Koran behauptet wird, oder nicht doch der Mensch Mohammed?) Verboten ist die Freundschaft mit Juden und Christen (5,51): „Oh ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden; .... Siehe, Allah leitet nicht die ungerechten Leute.“ (Rudi Paret: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. ... Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht.“) Die auffallend rasche Islamisierung ursprünglich christlicher Länder – wie in der heutigen Türkei und in Nordafrika – kam nicht durch freie Entscheidungen für einen Glauben zustande, der die Konvertiten in ethischer oder spiritueller Hinsicht mehr überzeugt hätte. Natürlich wurde der Islam teilweise auch mit dem Schwert ausgebreitet. Und selbst wenn die Buchreligionen ausgenommen wären von der Gewalt und Feindschaft, was wäre das für eine Beruhigung?

Auch die sanften Stellen im Koran und die islamische Mystik sind ein schwacher Trost, unter anderem deshalb, weil diese Strömungen nie größere gesellschaftliche Bedeutung erreicht haben. Von Glasenapp schreibt, daß sie „den streng Gläubigen von jeher als eine schlimme Ketzerei“ gegolten hätten (Gl, S. 329).

Zur Gleichsetzung islamischen Terrors mit Gewalttaten, die in Zusammenhang mit dem Christentum genannt werden, ist zu sagen, daß in christlichem Namen und im Auftrag der Kirche unfaßbare Grausamkeiten verübt worden sind, abgesegnet und sogar initiiert durch hohe kirchliche Würdenträger wie einen Bernhard von Clairvaux, was besonders schockierend und letztlich unbegreiflich für den sein muß, der aus einem Einblick in die Schriften dieses Mannes eine Ahnung von seiner sonstigen Gesinnung gewonnen hat. Während der Kreuzzüge waren die Opfer dieser Greueltaten vor allem Muslime. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Gerade das kann man aber heute von allen Vertretern christlicher Kirchen hören: Daß es sich hier um einen Irrweg handelte, um zutiefst unchristliche Verfehlungen. Ein Beweis dafür ist das Neue Testament selbst, das ja nicht nur frei von jeder Gewaltprogrammatik ist, nicht nur ausdrücklich den Verzicht auf jede Gewalt und sogar Lieblosigkeit fordert, sondern die Nächstenliebe und selbst die Feindesliebe verlangt. Daß es im Alten Testament anders aussieht, ist bekannt. Aber auch hier müßte man sehr differenziert nach der Textsorte fragen, wenn es um Gewalt geht. Die Gewalttaten, von denen hier (oft nur bildlich) gesprochen, berichtet, erzählt, geträumt, gedichtet, phantasiert wird, auch von klagenden und verzweifelt fluchenden Psalm-Betern, sind jedenfalls nie Handlungsanweisungen einer historisch so faßbaren Person wie im Falle Mohammeds, die den Lesern oder Hörern als prophetische Autorität und zugleich als Feldherr und Machtpolitiker konkret sagt, was sie jetzt und in der Zukunft zu tun haben: Wenn die und die Situation eintritt, dann sollt ihr ... Außerdem hat man als Christ auch die Freiheit, sich auf den zu berufen, der in der Bergpredigt gesagt hat: „Den Alten wurde gesagt ... Ich aber sage euch ...“

Wenn man unter „christlich“ die eigentliche Botschaft versteht, die man – wenn auch nicht nur – im Neuen Testament finden kann, so wird klar, wie absurd die Behauptung ist, auch da gäbe es doch Gewalt oder gar Terrorismus. Daß es sich mit dem Koran anders verhält, ist noch zu zeigen. Schließlich aber ist der Verweis auf eine gewalttätige chistliche Praxis oder gar Lehre insofern nicht hilfreich und auch irreführend, als wir ja zunächst einmal danach fragen dürfen und sogar müssen, wie es heute aussieht. Da wird Nordirland genannt. Die Rede von einem „christlichen Terrorismus“ ist aber deswegen völlig unangemessen, weil es in diesem perversen Bürgerkrieg in keiner Weise um irgendwelche Glaubensinhalte oder gar um Gebote des Neuen Testaments geht. Die Kontrahenten könnten sich heute genauso gut auf zwei verschiedene Fußballmannschaften berufen. Man hat auch noch nie gehört, daß ein IRA-Bombenleger zur Tat seine Heilige Schrift mitgenommen hätte (wie das etwa bei Mohammed Atta der Fall war) oder daß er in der Nacht davor inbrünstig darin gelesen und gebetet hätte. Im übrigen ist die Paranoia in Nordirland derzeit weltweit der einzige Fall, wo Gewalttäter und Terroristen in politisch-territorialen Auseinandersetzungen mit christlichen Etiketten versehen werden. Zu fragen bleibt immerhin, warum die beiden Kirchen, denen in Nordirland so schlimm geschadet wird, sich offiziell nicht mehr von diesem Wahnsinn distanzieren, nicht deutlicher darauf hinweisen, daß die dort aktiv Beteiligten keinerlei Recht haben, sich bei ihren Untaten katholische oder evangelische Christen zu nennen.

Von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen, Gewalt- und Terrortaten jedoch lassen sich nicht nur unmittelbar aus dem Koran ableiten, sondern sie werden auch tatsächlich millionenfach aus diesem Buch abgeleitet, und zwar in der Gegenwart, von Regierungen und Einzelpersonen, sogar in zunehmendem Maß. In dem oben erwähnten Aufsatz betont Siegfried Kohlhammer unter Berufung auf einen muslimischen Wissenschaftler, daß „die fundamentalistische Weltsicht heute die vorherrschende unter den Muslimen“ sei (S. 977). Der Islamismus nimmt zu, und laut Amnesty International werden „in keinem einzigen der 46 islamischen Länder ... die in der Deklaration der Menschenrechte von 1948 angeführten Rechte“ respektiert (S. 965). In manchen islamischen Staaten wie z. B. im Sudan werden unsägliche Greueltaten begangen. Oft sind es Christen, die diskriminiert und grausam verfolgt werden, etwa in Ägypten, Pakistan, Osttimor – und eben im Sudan, dessen Staatspräsident vor einer Fernsehkamera Osama Bin Laden als einen zutiefst religiösen Helden des Islam beschreibt, ebenso wie der Vorsitzende des Rates der islamischen Geistlichkeit in Mombasa, eine Einschätzung, die auch dem Selbstverständnis dieses – subjektiv idealistisch gesonnenen – Mannes entsprechen dürfte. (Diese im September 2001 bei uns in der Sendung „Jagd auf Bin Laden“ ausgestrahlten Fernsehinterviews wurden zwar vor den September-Anschlägen aufgenommen. Aber auch damals waren schon „kleinere“ Terrorakte Bin Ladens, mit zahlreichen Todesopfern, bekannt gewesen.)

Wie stellen sich prominente Islam-Vertreter in Deutschland zu solchem Terror? Ein Imam aus Nürnberg namens Jussuf Usa wird im Bayerischen Fernsehen am 24.9.2001 gefragt: „Sind die Taliban Islam?“ Antwort: „Islam ist das heilige Gesetz, ist Koran. ... Ob sie (die Taliban) tolerant sind, ob sie gut sind, das weiß nur Gott.“ Das heißt, vielleicht sind sie gut! Jedenfalls will oder darf er nichts Negatives über sie sagen, sich nicht von ihnen distanzieren. Daß sich führende Muslime in Deutschland nicht klar genug vom Terrorismus absetzen, ist ein bekanntes Phänomen. In vielen Fällen hat man den Eindruck, daß sie taktieren. Das gilt z. B. für den Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland und Direktor des Islamischen Zentrums in München-Freimann, Ahmet Al-Khalifa. Die Süddeutsche Zeitung spricht einmal (am 27./28.10.2001) in Frageform von der „Taqiya“, dem islamischen Gebot der Verstellung. Al Khalifa ist Gesprächspartner des bayerischen Kultusministeriums für islamischen Religionsunterricht und steht zugleich (laut SZ vom 2./3.10.2001) im Verfassungsschutzbericht. Seinen Asylantrag hat er damit begründet, daß er in Ägypten als Mitglied der Muslimbruderschaft (!) (die das Grundgesetz per definitionem nicht anerkennen kann) verfolgt worden sei. Von einem Mann, der wegen des ersten Anschlags auf das World Trade Center als Terrorist verurteilt wurde und zuvor im Islamischen Zentrum in München-Freimann aus- und eingegangen war, sagt Al Khalifa, daß er in seinem Zentrum „nur ein paar Monate gewohnt“ habe, da lebten „viele Leute“. (Auch von den muslimischen Einrichtungen in Deutschland, in denen sich die Terroristen um Mohammed Atta vor ihrem letzten Einsatz aufgehalten haben, kommen vor allem Reaktionen der Abwehr, kaum Hinweise auf irgendwelche grundsätzlichen Einsichten, Distanzierungen, Kursänderungen.) Al Khalifa äußert sich noch über Muslime, die offensichtlich zum Teil auch bei uns über den 11. September gejubelt haben, folgendermaßen: „Wenn mich mein Nachbar lange genug ärgert, kann ich dann meine Schadenfreude unterdrücken, wenn bei ihm zuhause eine Wasserleitung bricht?“ (SZ vom 2./3.10.2001)

Wohlgemerkt, hier geht es nicht um Menschen, die aktiv und offen gegen unsere Gesetze verstoßen, wie etwa der „Kalif von Köln“ Metin Kaplan, der wegen eines – prompt befolgten – Mordaufrufs verurteilt wurde und zusammen mit zahlreichen Anhängern vor Gericht „mit einer kaum zu glaubenden Unverblümtheit“ (SZ vom 20.9.2001) verkündete, ihn interessiere das deutsche Recht überhaupt nicht, sondern nur die Scharia. Aber muß einen bei einem Partner wie Al Khalifa nicht auch ein Unbehagen beschleichen? Hat man verstanden, will man verstehen, daß Integration mit Solidarität zu tun hat und etwas anderes sein muß als die Etablierung von Parallelgesellschaften? Nach den Anschlägen in New York und Washington äußerten Politiker in Deutschland die Hoffnung, sie würden aus muslimischen Begegnungszentren zahlreiche sachdienliche Hinweise auf verdächtige Personen bekommen, welche sich offensichtlich in diesen Bereichen aufgehalten hatten, Hinweise von Mitbürgern also, die etwas hätten bemerkt haben müssen und nun bereit sein müßten, mit den Behörden gegen den Terror zusammenzuarbeiten. Und dann war man sehr enttäuscht darüber, daß man keinen einzigen Hinweis bekam. Vielleicht eine notwendige Ent-Täuschung? Zu denken geben muß einem auch Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der zum Ausdruck bringt, man sollte sich als Muslim in diesem Land eben (vorerst?) damit abfinden, daß man die Scharia „flexibel“ handhaben müsse (SZ vom 27.9.2001).

Wie wichtig es ist, daß wir uns über unsere Maßstäbe im klaren sind, hat sich an einem kleineren Beispiel auch gezeigt, als deutsche Gerichte das Problem, ob bei uns in größerem Umfang geschächtet werden dürfe, davon abhängig machten, wie zwingend die islamische Religion es vorschreibe. Man sprach von Religions- und Berufsfreiheit. Was aber, wenn sich, wie hier der Fall, Widersprüche zum hiesigen Tierschutzgesetz ergeben?

Beschwichtigungen

Zum Stichwort „Feindbild Islam“ noch einige Überlegungen. Siegfried Kohlhammer weist darauf hin, daß es eher um das Feindbild in den Köpfen der Zeitgenossen geht, die überall schlimme Feindbild-Bastler am Werk zu sehen glauben. Man warnt vor einem Phantom, vor Vorurteilen, die in dieser suggerierten Form gar nicht existieren. In Wirklichkeit wird eher beschwichtigt, wobei an die Stelle von Argumenten oft Beteuerungen treten. Warum diejenigen verharmlosen, die es vielleicht doch nicht so harmlos meinen, ist klar. Was sind die Motive derer, die auf nicht-muslimischer Seite beschwichtigen? Erstens: Man will – ganz allgemein – keine Scherereien haben, auch nicht gedanklich. Zweitens: Man fürchtet den Vorwurf der Intoleranz (oder gar Fremdenfeindlichkeit), will zeigen daß man keine „dumpfen“ Vorurteile, keine Superioritätsphantasien pflegt. Drittens: Man sieht immer weniger Grund, sich zu einer eigenen kulturellen Identität zu bekennen. Viertens: Religion spielt in Westeuropa kaum noch eine Rolle, ist den meisten völlig gleichgültig. Das gilt insbesondere für das Christentum. Fast alles andere scheint attraktiver, zumindest akzeptabler zu sein. Fünftens: Manche halten kritische Äußerungen über den Islam auch im Hinblick auf ihre eigene Sicherheit für riskant. Ein einziger Fanatiker würde ja genügen. In Deutschland soll es an die dreitausend gewaltbereite muslimische Extremisten geben, eine Zahl, die von Beschwichtigern wiederum eifrig in Frage gestellt wird. Festzustellen ist zum Feindbegriff noch, daß jeder Mensch dann Feinde (und nicht Feindbilder) hat, wenn er von anderen Menschen bedroht wird. Bin Laden ist unser Feind, ob wir wollen oder nicht. Auch Jesus hatte Feinde und sah, daß andere Feinde hatten. Sonst hätte er nicht umgebracht werden und nicht die Feindesliebe aufbringen können. Das Christentum lehrt, daß man den Feind nicht hassen und ihm verzeihen soll. Es lehrt nicht, daß man keine Feinde haben, sie nicht sehen, sich nicht vor ihnen in acht nehmen dürfe.

Wegen dieses hohen Ideals der Nächsten- und Feindesliebe wird es immer ein leichtes sein, den Christen Versagen vorzuwerfen, auch in einer Zeit ohne Kreuzzüge. Und doch bewirkt diese Ausrichtung auf ein völlig unerreichbares Vorbild, daß es zu allen Zeiten auch eine unverfälschte christliche Tradition gegeben hat, die uns heute dazu veranlassen würde, bei einem christlichen Geistlichen, der Haß oder gar Mord predigen würde, unter Protest aus der Kirche zu gehen. Wir würden sagen: Dazu komme ich doch nicht in die Kirche! Was ist das für ein Pfarrer? Man weiß aber, daß es bei islamischen Freitagsgebeten und auch in Koranschulen ganz anders zugehen kann.

Zweifel am Propheten

Und das hat offensichtlich mit dem Koran und mit Mohammed selbst zu tun. Man müßte zumindest versuchen, Muslimen zu vermitteln, daß es kein unfreundlicher Akt oder gar ein persönlicher Angriff auf islamische Gläubige und die ihnen heiligen Werte sein soll, wenn wir offen sagen, daß und warum wir im „Westen“, beispielsweise als Christen, Mohammed natürlich keineswegs für ein untadeliges Vorbild und gar für sündenfrei halten können, wie das für die Muslime gilt (Sch 3, S. 48; Sch 2, S. 50). Die unvoreingenommen Autoren stimmen darin überein, daß er zumindest eine überaus schillernde und rätselhafte Persönlichkeit war, voll von Widersprüchen, und daß er Taten verübt hat, die moralisch äußerst fragwürdig und schockierend waren.

Von Glasenapp stellt fest, daß Mohammeds auf Gott zurückgeführte Eingebungen mit schweren psychophysischen Erschütterungen verbunden gewesen seien und daß er in späterer Zeit „diese Anfälle dann hatte, wenn er moralisch höchst anfechtbare Anordnungen erließ oder sogar seinen sexuellen Wünschen dadurch eine größere Autorität verleihen wollte, indem er sie als eine göttliche Verkündigung ausgab“ (Gl, S. 304). Zu denken ist dabei z. B. an Sure 33,50, wo dem Propheten diesbezügliche Privilegien zugestanden werden. Es gibt auch Suren, bei denen es um persönliche Heimzahlung geht: Nr. 112 z. B. ist die Abrechnung mit Verwandten, die ihn nicht als Propheten anerkennen. Manche Forscher sagen deutlich, mit Bezug auf Stellen im Koran, er habe seine Offenbarungen nach Bedarf bekommen, um seine Anweisungen im privaten und politischen Bereich zu legitimieren. Es ist zwar richtig, daß er sich immer nur als Sprachrohr Allahs ausgegeben hat, insofern also bescheiden war. Aber gerade dadurch mußten seine Gläubigen natürlich immer Allah und seinem Propheten gehorchen. Seine „umma“, die Gemeinde der Gläubigen, war ja von Anfang an ein auf Expansion bedachtes politisches Gebilde, das (vor allem ab 622) nur mit großer Autorität zu organisieren war. Mircea Eliade sagt, Mohammed habe in seiner Funktion als Koran-Prophet die arabische Nation geschaffen. Immer wieder liest man, er habe dabei mit List und Verstellung gearbeitet, mit (frommem) Betrug, mit Gewalt, so z. B. bei Eliade, Glasenapp, Tor Andrae, Gustav Mensching. In der 17. Sure ist gar von einer nächtlichen Himmelsreise von der Ka’ba nach Jerusalem die Rede, die dazu gedient habe, seine Anhänger zu beeindrucken. Bekannt ist auch, daß Mohammed zur Durchsetzung seiner Ziele Friedensgesetze gebrochen, Gefangene grausam umgebracht, Karawanen zu Beutezwecken überfallen hat (Sch 2, S. 44 f.; Gl S. 305 ).

Unterschiede zwischen Christentum und Islam

Nun können auch angefochtene Menschen zu Trägern von Segen und Offenbarung werden. Aber auch die Botschaft selbst ist für den unvoreingenommenen Beobachter ein Problem: Der Koran, so heißt es, unterscheide sich von allen anderen Offenbarungen dadurch, daß er nicht Gegenstand einer Diskussion sein könne, für jeden Moslem völlig unantastbar sei.

Er stammt nach muslimischer Auffassung nicht von Mohammed (weshalb Muslime nicht „Mohammedaner“ genannt werden wollen), sondern von Gott selbst, und zwar, weil das – so der Zirkelschluß – im Koran steht. Dieser Zirkelschluß ist das eigentliche Problem. Das Buch habe schon immer in der vorliegenden Form existiert, in arabischer Sprache also. (Mit der Vorstellung von einer Präexistenz diese Buches verträgt sich eines besonders schlecht: die Tatsache, daß Mohammed zahlreiche Suren offensichtlich für den politischen Tagesbedarf herausgebracht bzw. wieder eingezogen hat.) Der Koran kann nach islamischem Denken eigentlich auch nicht übersetzt, sondern nur auf arabisch rezitiert werden, ist im Idealfall auswendig zu lernen, auch wenn man die Worte nicht versteht. Schon das Vortragen von Koranversen gilt als verdienstvoll. „Koran“ bedeutet „Rezitation“. Der Umstand, daß nicht-fundamentalistische Juden und Christen ihre Offenbarungsschriften als Niederschlag von unterschiedlichen und historisch bedingten Gotteserfahrungen sehen, bei deren Überlieferung sich auch Unstimmigkeiten ergeben können, wird als Beweis dafür genommen, daß sie falsch seien. Das heißt also: Gerade die Tatsache, daß die Aussagen der Bibel nicht auf einen Menschen zurückgehen, sondern auf viele, während der Koran eben mit der Glaubwürdigkeit dieses einen Menschen steht und fällt, spricht für Muslime gegen die Seriosität der Bibel und für den Anspruch des Koran. Daß Mohammed im Laufe seiner Verkündigungen viele Verse zurückgezogen und durch andere ersetzt hat, nach Bedarf, wie kritische Beobachter sagen müssen, gilt als Ausdruck dafür, daß Allah die Freiheit habe, sich zu widersprechen. Sure 2, 106: „Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit bringen, Wir bringen bessere oder gleiche dafür. Weißt du nicht, daß Allah über alle Dinge Gewalt hat?“

Überall da, wo der Koran von der Bibel abweicht, gilt seine Darstellung als Korrektur der jüdischen und christlichen „Fälschungen“ (Sch 1, S. 11). Welche „Fälschungen“ korrigiert der Koran? Jesus wird anerkannt, aber nur zur Bestätigung mohammedanischer Aussagen und als letzter Vorläufer des eigentlichen Propheten. Er wurde nie gekreuzigt, das war ein anderer (4,157; in Kommentaren zu dieser Stelle, so kann man von Muslimen erfahren, stehen Begründungen wie diese: Es war schon dunkel, als Jesus gefangen genommen wurde. Deshalb konnten die Schergen nicht sehen, daß sie den Falschen gefaßt hatten. Oder: Wenn der Verhaftete wirklich Jesus der Prophet gewesen wäre, so hätte er vor Pilatus nicht schweigen können, sondern sich verteidigen müssen. – Hier spürt man besonders deutlich, wie der Wunsch der Vater des Gedankens ist.) Es gibt nach islamischer Darstellung keine Erlösungsbedürftigkeit; kein Golgatha, kein Ostern, kein Pfingsten. Gott kann auch kein Vater sein. Die Trinität ist Vielgötterei von Ungläubigen. Besonders verwerflich und verächtlich ist die Idee der Feindesliebe. Allah gebietet nichts anderes als: Auge um Auge ... (5, 44 – 47).

Daß sich das Christentum mit dem Islam vergleicht, ist naheliegend, wird den Christen durch solche Korrekturansprüche ja geradezu aufgedrängt – im Unterschied beispielsweise zu dem äußerst differenzierten und unserer Mentalität schwerer zugänglichen Buddhismus, wo man ja immer unsicher ist, was da überhaupt zu vergleichen ist, und ob man der anderen Botschaft je gerecht werden kann. Für den Vergleich zwischen Christentum und Islam gilt aber nun: Von den wesentlichen christlichen Aussagen bleibt nichts übrig. Ist es wirklich so intolerant – oder vielleicht einfach realistisch, wenn man dann feststellt, daß diese Religion, wenn sie die Herzstücke des Christentums programmatisch und aktiv als Fälschungen abtut, nicht nur unchristlich ist, sondern auch antichristlich? Und ist es wirklich nur rechthaberische Ideologie, wenn ein Christ von dem, was uns von Jesus überliefert ist, den Eindruck hat, daß es da um eine ganz andere Qualität geht? Um eine Lichtgestalt von einer wohl wirklich einmaligen Offenheit nach oben und zu den Menschen hin. Berichtet wird, daß Jesus sich gerade denen, die aus der Liebe ganz herausgefallen waren, zugeneigt hat, ihnen einzeln nachgegangen ist, daß er die Güte in Person war, frei von jedem Egoismus. Historisch gesichert ist, daß er viele Feinde hatte und daß keiner seiner Gegner ihm eine einzige Falschheit oder Untat nachsagen konnte, offensichtlich deshalb, wie er ganz in und aus der Liebe gelebt hat. Warum sollte man als Christ nicht bekennen, daß ein Prophet Jesus, der dem eigentlichen Propheten Mohammed und seiner Lehre als Vorläufer dienen soll, mit dem historischen Jesus nichts zu tun hat – geschweige denn mit dem verkündigten Christus? Und trotzdem hört man heute häufig, nicht nur von völlig uninformierten Privatleuten, sondern oft auch von offiziellen Vertretern christlich-muslimischer Begegnungsstätten, im wesentlichen stimmten Islam und Christentum doch überein.

Ein besonderes Merkmal islamischer Mentalität scheint zu sein, daß es (noch?) zu wenig um Dialog, Offenheit, Freiheit, Wahrheitssuche geht und wohl eher um Festlegung (auch theologisch: Prädestination), um Gesetzlichkeit (fünf Säulen), um die in einem Kollektiv Identität stiftende Durchsetzung von Macht- und Besitzansprüchen – selbst noch im Paradies: Man(n) bekommt „Jungfrauen mit schwellenden Brüsten“, die noch keiner besessen hat (78,33; 55,72). Es gibt Gnade und Vergebung, aber nur nach völliger Unterwerfung (=„Islam“) unter den Willen Allahs – und (!) seines Propheten. Dieser Durchsetzungsanspruch scheint auch anstelle einer Theologie zu herrschen. Historische Tatbestände werden geleugnet (Kreuzigung; Beeinflussung Mohammeds durch – freilich sehr oberflächliche – Kontakte mit jüdischer und christlicher Überlieferung, auch im Umgang mit einem Cousin seiner ersten Frau, der Christ war), ebenso wie philologische: Nach 61,6 hat Jesus einen Gesandten namens Ahmad vorausgesagt, was wie „Muhammad“ „der Vielgepriesene“ bedeutet. In einer Anmerkung dazu erklärt A. Schimmel, die Muslime behaupteten, daß der versprochene Paraklét im Johannesevangelium (14,16.26; parákletos=der Beistand, der Heilige Geist) eine christliche „Fälschung“ sei: Es müsse heißen „periklytós“ (=der Vielgepriesene), eine uralte homerische Vokabel, die das Neue Testament nicht kennt.

Schwieriger Dialog

In einer ehrlichen Begegnung mit Muslimen sollten Christen deutlicher sagen, woran sie glauben und was sie für wahr halten – und warum, vielleicht etwas deutlicher als Lessing im „Nathan“ mit seiner Botschaft von der Gleichgültigkeit. Wer bei uns das Christentum ablehnt, sollte nicht möglichst viel Christliches unter „Fundamentalismus“-Verdacht und dann auf eine Stufe mit dem islamistischen Terror stellen. Es gibt meines Wissens nur einen Bereich, wo man christliche Fundamentalisten mit Gewalt in Verbindung bringen darf. Gemeint sind die militant fanatischen Abtreibungsgegner in Amerika, die glauben, die Tötung ungeborener Kinder gäbe ihnen das Recht, dafür den Abtreibungsarzt zu töten. Ansonsten sind christliche Fundamentalisten meist sehr friedfertige Menschen, die nicht in der Lage oder nicht bereit sind, zu verstehen, daß die Aussagen der Bibel oft nicht wörtlich, sondern in einem symbolischen Sinn zu verstehen sind. Aus Angst, sie könnten ihren Glaubenshalt verlieren, verlangen sie, Gott müsse die Welt in sechs Tagen zu 24 Stunden geschaffen haben.

Der SPIEGEL hat sogar (am 8.10.01) eine biblische Sagengestalt wie Samson und christliche Jugendsekten, die Jesus-Plakate herumtrugen, mit Bin Laden verglichen. Auch nicht-christliche Zeitgenossen sollten daran interessiert sein, daß gewisse christliche Grundwerte, die in allen islamischen Staaten und zum Teil auch von Muslimen bei uns mehr oder weniger mißachtet werden, Geltung bekommen, auch in Form von Verträgen, schon im Hinblick auf rechtsstaatliche Normen: Trennung von Religion und Staat (Gebt dem Kaiser, ...; Mein Reich ist nicht ...); Würde aller Menschen – unter Verzicht auf jegliche Scharia; die Gleichberechtigung der Frau (in 4,34 z. B. wird zum Schlagen widerspenstiger Ehefrauen aufgerufen. Nach 4, 11 soll eine Tochter nur halb so viel erben wie ein Sohn.); Meinungs- und Glaubensfreiheit und das Recht, friedlich für eine Glaubensüberzeugung zu werben oder sich vom Islam loszusagen, ohne von der Ermordung (z. B. durch eine „Fatwa“, wie Salman Rushdi) bedroht zu sein.

Ein ernsthafter Dialog wird schwierig sein, sowohl über politisch-rechtliche als auch (und besonders) über religiöse Vorstellungen, was ja für den Muslim nicht zu trennen ist. Er wird aber um so eher möglich sein, je deutlicher beide Seiten, Muslime und Nicht-Muslime, zum Ausdruck bringen, was sie, auch langfristig, wollen und was sie nicht akzeptieren können, um den Spielraum für Kompromisse offen auszuloten. Ein friedliches Nebeneinander oder auch ein Gegenüber in respektvollem Abstand ist besser als ein Miteinander, dem die ehrlichen Voraussetzungen fehlen. Ehrlicher wäre z. B., daß wir aufhörten, bei uns mit zweierlei Maß zu messen: So kann es nicht darum gehen, wer eine Salman-Rushdi-Fatwa verkünden oder ob Bin Laden einen Heiligen Krieg ausrufen darf, sondern nur darum, daß solche Handlungen als Straftaten und schwere Menschenrechtsverletzungen in keinem Fall zu akzeptieren sind. Aus ähnlich prinzipiellen Gründen sollten bei uns alle Wert darauf legen, daß nur die Muslime im Westen Moscheen bauen dürfen, die sich glaubhaft dafür einsetzen, daß auch in allen muslimischen Ländern christliche Kirchen oder buddhistische Tempel errichtet werden können. Es geht darum, daß wir uns definieren, den Muslimen mit klaren Konturen gegenübertreten, um für sie ernstzunehmende Partner zu sein. Wenn sie hören, daß Vertreter des Westens zwar einen Krieg gegen ein islamistisches Terrorregime (Taliban) beginnen, aber dann allen Ernstes darüber diskutieren, ob man den Krieg im Fastenmonat Ramadan nicht lieber unterbrechen sollte, so kann das auf muslimischer Seite nur unerwünschte Reaktionen auslösen, nämlich eher Verachtung für eine Schwäche des anderen. Daß eine solche Inkonsequenz gewürdigt und umgekehrt auf Bräuche der anderen Religion Rücksicht genommen würde, das wäre schon ein allzu naive Erwartung.

Sehr wichtig ist bei alledem die Frage, inwiefern muslimischer Abscheu gegen unsere Gesellschaft berechtigt ist: Pornographisierung, Ego- und Spaßgesellschaft, hemmungsloser Materialismus, alles Phänomene, die oft einfach mit Demokratie gleichgesetzt werden. Hier könnten wir viel von den Muslimen annehmen. Nicht nur, um andere weniger vor den Kopf zu stoßen, sondern auch im Interesse unserer eigenen gottgewollten Menschenwürde.

Literatur

Der Koran. Übers. von Max Henning, Stuttgart 1991 (Reclam); Einleitung und Anmerkungen von Annemarie Schimmel = Sch 1

Annemarie Schimmel, Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen. München 1996 (dtv) = Sch 2

Annemarie Schimmel, Die Religion des Islam. Stuttgart 1990 (Reclam) = Sch 3

Helmuth von Glasenapp, Die fünf Weltreligionen. Düsseldorf/Köln 1963 = Gl

Hans-B. Maier ist Gymnasiallehrer in Vilsbiburg (Niederbayern) und Volkshochschul-Dozent in München.

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