Jahrgang 56
Nr. 1/2002 Februar
DIE NEUE ORDNUNG

Andreas M. Rauch

Kunst als Medium politischer Ideen und christlichen Glaubens



I. Kontextualisierung von Kunst

Kunst ist als Medium des christlichen Glaubens stets auch Ausdruck politischer Ideen. Max Weber spricht in seiner „Zwischenbetrachtung“1 von einem problematischen und spannungsreichen Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Kirche. Für Weber hat jede dieser „Sphären“ ihre „Eigengesetzlichkeit“, doch stehen diese „Sphären“ auch in einem sich gegenseitig beeinflussenden Verhältnis zueinander. Nach Weber war es vor allem Romano Guardini, der das Wechselverhältnis von Kunst – (Politische) Wissenschaft – Kirche unterstrich.2 In jüngerer Zeit sind Paul-Werner Scheele3 und Papst Johannes Paul II.4 zu nennen, die den Dialog von Kirche und Kunst herausstellen. Bemerkenswert ist die Feststellung des Papstes: „Die Kirche braucht Kunst.“5

Das Jahr 2001 zeigte in dramatischer Weise durch zwei Ereignisse die Bedeutung von Kunst und Architektur für Kirche und Politik. Im afghanischen Bamiyan-Tal wurden die drei Jahrtausende alten Buddha-Statuen – ein UNESCO-Weltkulturerbe – durch das islamische Taliban-Regime weggesprengt, um ein Zeichen zu setzen für den weltweiten Siegeszug des Islam gegenüber dem Buddhismus und den anderen Religionsgemeinschaften. In New York wurden ebenfalls durch islamische Fundamentalisten die beiden Türme des World Trade Center vernichtet; diese beiden ehemals höchsten Türme der Stadt waren nicht nur ein Wunderwerk der Architektur, sondern ein Symbol des amerikanischen Calvinismus.6

Heute wird die gesellschaftspolitische Dimension von Kunst und Architektur häufig vernachlässigt – obschon sie beispielsweise in der gläsernen Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin als sinnfälliger Ausdruck für eine transparente Demokratie in der Gegenwart wirkt. Der Soziologe Werner Gephart kritisiert, daß die gesellschaftspolitischen sowie religiösen Implikationen vergangener und gegenwärtiger Kunst heute meist ausgeblendet werden.7 Dabei erlebt Deutschland seit vier Jahrzehnten eine konsequente Renovierung und Restaurierung von Sakralbauten und Sakralkunst (z. B. von alten Dalmatiken), wie sie zuvor nicht stattfand. Friedhelm Hofmann stellt fest, daß die Kirche im Laufe der Jahrhunderte zur Heimat der Künste wurde und es bis heute geblieben ist.8

Schon aus vorantiker Zeit kennen wir Ansätze für politische Ideen. Im mesopotanischen Babylon formulierte Hammurabi politische Ideen als Rechtsgrundsätze, die kunstfertig auf Steintafeln gemeißelt uns überliefert sind. Aus der ägyptischen Pharaonenzeit sind uns unterschiedlichste politische Ideen über Legitimität und Legalität der Pharaonenherrscher bekannt. Doch erst in den Rhetorik-Schulen des antiken Griechenland wurden in einem klassischen Sinne politische Ideen als Philosophie behandelt und im Diskurs erörtert. Von den überzeugenden Argumenten als der Durchsetzungskraft einzelner Menschen hängt es dann ab, welche politische Ideen Eingang in Politik und Kunst finden.

Für die Kunst liegen die Dinge häufig anders als in Politik und Gesellschaft. So kann Kunst Medium politischer Ideen und geschichtlicher Epochen sein, doch benötigt Kunst eigene kreative Freiheitsräume. Mitunter steht Kunst im Widerspruch zur „gesellschaftlichen Norm“ oder wird als nicht „zeitgemäß“ angesehen. Derartige Kunstobjekte wurden oft zerstört oder gewannen erst in späterer Zeit an Bedeutung. Große Kunst- und Architekturobjekte bedürfen bis heute der Gunst und Zustimmung der Reichen und Mächtigen. Eben dieser Umstand begründet auch die Kontextualität von Kunst. So konkretisiert sich Kunst häufig mit politischen und konfessionellen Implikationen, die bestimmend für sozio-kulturelle Epochen sind; gerade anhand der Architekturgeschichte läßt sich dies stringent nachweisen. Als weit gravierender ist die Spannung zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik anzuführen: Oft genug wurde und wird Kunst politisch instrumentalisiert, wird die Darstellung und Interpretation von Kunst manipuliert. Immer wieder finden sich in der Kunstgeschichte Beispiele, in der Künstler etwas anderes aussagen wollen als der Rezeptor. Eben deshalb ist Kunst auch ein extrem gefährdetes Gut, da es offen ist für vielfachen Mißbrauch – etwa wenn die römische Antike als ideologische Begründung des italienischen Faschismus unter Mussolini herhalten muß. Vor diesem Hintergrund wird das Bilderverbot des jüdischen Monotheismus verständlich: Es geht nicht nur darum, sich kein Abbild von Gott zu machen, sondern zu verhindern, daß Kunst und Religion manipuliert werden.

Kunst ist im Prinzip so alt, wie das gemeinschaftliche Zusammenleben von Menschen. Schon aus der Steinzeit, als Menschen als Jäger und Sammler lebten, sind uns Schmuckstücke und Höhlenmalereien bekannt. Die Höhlenmalereien in Südfrankreich oder die Höhlenmalereien der Aborigenes am australischen Ayers Rock sind großartig erhaltene künstlerische Spuren der Sinnsuche und Lebensbewältigung aus Frühphasen menschlicher Existenz. Kunst ist in gewisser Hinsicht ein Spiegelbild Gottes und des Menschen. Schon deshalb pflegen alle Religionen enge Beziehungen zur Kunst. Wo die Grenzen von Kunst zu ziehen sind, ist mit den Jahrhunderten schwieriger geworden, da die Alltagskunst als eigener Wert erkannt wurde. Joseph Beuys stellte die These auf, daß eigentlich alles irgendwie Kunst sei. Wie der Kunstbegriff schwer einzugrenzen ist, so ist die Bedeutung und Wirkung politischer Ideen auf die Kunst nicht eindeutig zu definieren und zu orten.

II. Kunst als Medium des Glaubens

Die empirische Sozialforschung legt es offen: Das Interesse der Deutschen heute an Kunst und Literatur ist gleichermaßen niedrig, um nicht zu sagen dürftig. Nur 4 Prozent der Deutschen bejahen, daß Kunst und Literatur eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen.9 Es sind eben diese mehr als drei Millionen Deutsche, die häufig Museen und Kunstausstellungen besuchen und Kunst selber kaufen und sammeln. Daß Kunst ein „Lebenselixier“ oder ein Medium des christlichen Glaubens ist, geht breiten Teilen der deutschen Bevölkerung verloren, da für sie Kunst sich auf gerahmte Baumarkt-Poster reduziert.

Kunst übt seit Jahrhunderten großen gesellschaftlichen Einfluß aus – besonders im (christlichen) Abendland. Die politische Ideengeschichte hat Einfluß auf Kunst und Kunstgeschichte, da Herrscher durch die Mittel der Kunst ihrer Macht Ausdruck verliehen. Der sakralen Kunst ist eigen, daß sie metaphysische Elemente enthält und ausbildet, die in eine größere und schönere Wirklichkeit verweisen. Die Kunst wird zu einem Medium des Glaubens, Kirchen- und Kunstgeschichte verbinden sich eng miteinander.

Bis zu Luthers Übersetzung der Heiligen Schrift in die deutsche Sprache fiel der Kunst eine besondere Rolle in der Vermittlung christlichen Glaubens zu. Die Masse der Gläubigen verstand lateinische Messen nicht; für sie machte sich Glauben an Äußerlichkeiten, an Architektur, Orgelmusik und Gesang, Altären und Heiligenbildern, Statuen, Messgerät und liturgischen Gewänder fest. Durch den Einfluß des Protestantismus wuchs in der katholischen Kirche die Rolle der Predigt. Spätestens seit Immanuel Kant und der Epoche der Aufklärung gewinnt Vernunft ein immer größeres Gewicht in Kirchen- und Glaubensangelegenheiten. Auf der politischen Ebene erfuhr die Kunst als Medium des Glaubens eine große Schwächung aufgrund der Säkularisierung von 1803. Damals wurden nicht nur Klöster und Kirchen in weltliche Funktionen überführt, sondern Altäre und Sakralgerät verkauft – eine Lücke, die bis heute nicht kompensiert ist. Der Verkauf von Sakralkunst wurde Grundlage privater Sammlungen, z. B. des Schnütgen- oder Wallraff-Richarz-Museums in Köln.10

III. Griechisch-römische Einflüsse und christliche Kunst

Bei der Kunst keines anderen Volkes als dem der Griechen läßt sich ein so unabhängiges Aufsteigen von ersten, unbeholfenen Anfängen bis zur höchsten Blüte verfolgen. Gerade in diesem Werden und Wachsen liegt der Reiz, den das Studium der griechischen Kunst mit sich bringt.11 Griechische Kunst ist von außerordentlich hoher Authentizität und Wiedererkennungswert, wie dies zuvor nur die altägyptische Kunst erreicht. In der altägyptischen Kunst wurde unter Echnaton und Tuchen’amun die monotheistische Religion des Sonnengottes Aton umgesetzt und im späteren ägyptischen Osiris-Kult kennen wir häufig Mutter-mit-Kind-Darstellungen; beides nahm Einfluß auf die Entwicklung der christlichen Kunst, deren Liebe zur ägyptischen Kunst am sinnfälligsten bis heute in den zahlreichen ägyptischen Obelisken in Rom Ausdruck findet.

Die Bedeutung der alt-griechischen Kultur im Bereich der bildenden Kunst, der Bildhauerei und der Tempelarchitektur wird darin deutlich, daß die Römer hier teilweise reine Kopisten waren.12 Wer heute nach Rom oder Pompeji fährt, trifft oft genug auf den Hinweis, daß es sich um die römische Kopie eines griechischen Originals handelt.13 Alle spätere Kunst, sowohl die mittelalterliche Romanik wie die Renaissance oder der neuzeitliche Klassizismus und Historismus sind nicht in dem Maße selbständig wie die griechische Kunst. Auch die römische Baukunst14, vor allem ihre öffentlichen Bauten und Thermen der Kaiserzeit, sind nur eine monumentale Fortentwicklung griechischer Ansätze. Bei den griechischen Götter- und Menschengestalten15, die uns heute als etwas Selbstverständliches vorkommen, darf nicht vergessen werden, daß die Griechen das erste Volk waren, die nicht wie Semiten oder Ägypter das Göttliche und Menschliche in dämonischer Scheußlichkeit oder Ungeheuerlichkeit suchten, sondern in kristallreinen, natürlichen Verklärungen einzelner menschlicher Erscheinungen.

Dieser enge Zusammenhang zwischen der griechischen und römischen Kunst16 und darauffolgenden Schaffensepochen ist bedeutsam für eine christliche Kirche, die sich als römisch-katholisch bezeichnet. Um dies zu verdeutlichen sei das von Agrippa erbaute römische Pantheon erwähnt, das einst ein Tempel für Mars, Venus, Caesar und andere Götter war und im 7. Jh. christliche Kirche wurde. Ebenso verhält es sich mit altchristlichen Kirchen wie Santa Constanza, Sant’ Angnese fuori le Mura oder St. Sabina in Rom aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Die römische Bauform der Basilika wie etwa die Basilika des Maxentius, also das Rechteck des Grundrisses, die Vorhalle, die drei Schiffe, von denen das Mittelschiff mit einer Apsis endet, findet sich in der romanischen Basilika wieder.

IV. Römische Herrschafts- und Kulturtraditionen

Wichtige Elemente des romanischen Stils finden sich schon um 300 n. Chr. an der Kaiserpfalz des Diokletian im dalmatinischen Spalato. Was hier architektonisch in einer Zeit zum Ausdruck kommt, als das römische Weltreich sich bereits seinem Ende zuneigt, behauptet sich in der Folgezeit: Es begegnet uns in den Mosaiken und Kirchenbauten im Dombezirk von Aquilera aus dem 3. und 5. Jahrhundert17, in der Hagia Sophia in Istanbul, in St. Maria Antiqua , St. Vitale und St. Podenziana in Rom, in St. Apollinare in Classe und St. Giovanni in Fonte sowie dem Grabmal Theoderichs (526) in Ravenna, dem Baptisterium von Albenga aus dem 6. Jahrhundert an der ligurischen Küste, St. Salvadore in Spoleto um 800 sowie in der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen, der Fuldaer Michaelskapelle18 aus karolingischer Zeit um 820 und St. Maria del Naranco in Ovieto aus dem 9. Jahrhundert. Doch erst Großbauten wie das französische Kloster Cluny oder das deutsche Benediktinerkloster Maria Laach begründen den romanischen Stil in Vollendung; sie sind Ausdruck einer tief religiösen Besinnlichkeit, die eng mit den politischen Ideen des Augustinus verbunden sind.

So erwächst aus der altchristlichen Kirche, die kurz nach Konstantin dem Großen (306-337) den Namen Basilika erhielt, der romanische Kirchenstil, der in Mitteleuropa bis 1250 vor allem in Deutschland Anwendung findet. Im Prinzip ist das romanische Kirchengebäude im Grundriß seit altchristlicher Zeit kanonisch festgelegt. Allerdings kam es zu Variationen, etwa durch die bei Stifts- und Klosterkirchen notwendige Erweiterung der Chorpartie zur Aufnahme der Chorherren oder Mönche. Der Begriff „romanisch“ leitet sich aus „Rom“ oder „römisch“ ab, und tatsächlich sind die flachgedeckten und gewölbten Basiliken sowie ihre Pfeiler und Säulen nachgeahmte Formen römischer Vorbilder. Zugleich stellt die römische Bauweise die Umsetzung damals bekannter und bewährter Bautechniken dar. Charakteristisch für den romanischen Bau sind die Rundbögen, große und dicke Mauern mit Putz-, Bruchstein- oder Quaderflächen sowie kleine Fenster bzw. Fensterschlitze. Der Wehr- und Festungscharakter der romanischen Kirche ist nicht von ungefähr, diente doch das Kirchengebäude auch als Schutz der Gläubigen und des Klerus vor dem Straßenpöbel, vor Vagabunden und plündernden Soldaten, die keinen Sold erhalten hatten.

Die Schlichtheit der romanischen Kirchen wirkt mystisch und spirituell belebend, da sie Erinnerung sind an die Einfachheit christlicher Urgemeinden in römischer Zeit. Andererseits vermittelt die Wehrhaftigkeit dieser Kirchengebäude, ihre Licht- und Farblosigkeit, etwas Beklemmendes. Dabei ist zu bedenken, daß romanische Kirchen meist mit farbprächtigen Wandmalereien, vergleichbar denen in römischen Villen, ausgestattet waren. Während die Wandmalereien der 1049 geweihten Kirche St. Maria im Kapitol in Köln, die auf der Stätte des ehemaligen römischen Kapitols errichtet wurde, nicht mehr vorhanden sind, blieben Wandgemälde aus romanischer Zeit in der Georgskirche zu Oberzell auf der Insel Reichenau im Bodensee erhalten.

V. Christliche Einheit von Kirche und Staat zur Zeit der Gotik

Um 1140 ist aufgrund sich stabilisierender politischer Ordnungsverhältnisse ein geistig-kultureller Aufschwung zu beobachten, der sich architektonisch in der Entwicklung des gotischen Stils entfaltet. Das Streben nach Ausbildung der Persönlichkeit führt zu einer abstrakten Verstandestätigkeit (Scholastik) und zur Entwicklung des Ritter- und Bürgertums. Dies geht mit einem vertieften Geistes- und Gefühlsleben einher, das durch die Gründung neuer Ordensverbände (z. B. Dominikaner, Franziskaner), einer Ausbildung des Marienkults, mit Minneliedern und Minnesängern sowie einer verstärkten Schaffung von Profanbauten und -kunst charakterisiert ist. Der gotische Stil ist eine Weiterentwicklung des romanischen Stils unter Ausscheidung antiker Elemente. Die Einführung des Strebesystems, die Anwendung des Spitzbogens und von Gewölberippen, aber vor allem großflächige, elegante Fenster und Rosetten mit farbenprächtigen Glasmalereien bestimmen die gotische Architektur. Insbesondere in Frankreich gelangt die Gotik zur höchsten Reife, beginnend in St. Denis (um 1140), St. Remy in Reims (um 1150), Notre-Dame des Paris (1182), Reims (1241), Chartres (1260) und Beauvais (1272). In England kommt es zur prachtvollen Entfaltung der Gotik, so bei der Kathedrale von Salisbury (1220), Westminister Abby in London (1269) oder der Kathedrale von York (1335). In Deutschland sind vor allem die Münster in Freiburg (1250), Straßburg (1275) und Ulm (1377) sowie der Dom in Köln (1322) zu nennen. In der Kathedrale von Beauvais ist mit einer Gewölbehöhe von 46,5 die Grenze des damals technisch Möglichen erreicht.19

Das gotische Strebesystem, die spitzbögigen Gewölbe und Fenster sollen die Nähe zum Himmel und damit zu Gott signalisieren. Als höchste Bauwerke ihrer Zeit und zudem weithin sichtbar sind sie Symbole des Glaubens und der Wirklichkeit Gottes in dieser Welt. Durch dekorative Portale, filigrane Fresken und farbintensive Glasmalereien werden Szenen aus der Bibel und dem Leben der Heiligen festgehalten, die zugleich Zeugnisse christlichen Glaubens sind. Die gotische Kathedrale unterstreicht den Herrschaftsanspruch der Kirche in Stadt und Land und über alles Irdische, da in christlichem Verständnis alles von Gott kommt und zu ihm wieder zurückkehrt. Wirken manche romanischen Bauwerke auf uns heute aufgrund ihres Festungscharakters bedrückend, ja gefängnisähnlich, so sind Besucher gotischer Kirchen von der monumentalen Größe, der Schönheit der Glasmalereien und der Kunstfertigkeit der Chorgestühles beeindruckt. Leider wird zu wenig wahrgenommen, daß es sich hier nicht nur um Kunst- und Kulturschätze, sondern um Zeugnisse christlichen Glaubens handelt, die in der Jetztzeit Gültigkeit haben.20

Nachfolgende Generationen blickten mitunter schwärmerisch auf das Mittelalter zurück, in der sich die politische Idee des Kaiser- und Königtums so eng mit dem katholischen Glauben verband. Sichtbarer Ausdruck jener „unitas christiana“ sind bis heute die Kaiserdome in Mainz, Speyer und Worms oder der spanische Escorial Philipps II. Vergessen wird häufig, daß der Alltag im Mittelalter in engen, geradezu statischen Bahnen ablief. Nur selten verließen die Menschen ihr Wirkungsumfeld. So etwas wie „öffentliche Meinung“ fand kaum statt. Die Lebenserwartung war gering, so daß wenig Zeit für revolutionäre Umtriebe und neue politische Ideen blieb.

VI. Renaissance: Antike Ideen und christliche Kunst

Nach den geistlichen und weltlichen Obrigkeitssystemen des Mittelalters führte der Humanismus zu einer geistig-politischen Neuorientierung. Wichtige Eckdaten waren die Eroberung Konstantinopels (1453) durch die Türken und die Entdeckung Amerikas (1492). Die Buchdruckkunst (1453) bewirkte, daß so etwas wie „öffentliche Meinung“ entstand. Dadurch wurde diese Zeit zugleich zu einem Tummelplatz für politische Ideen. Der britische Lordkanzler Thomas Morus schrieb 1516 sein Buch „Utopia“, womit er zum Begründer des utopischen Denkens wurde. Führten für Morus noch alle Wege zur „Utopia“ über Gott, so trennten spätere Denker die „Utopia“ von christlichen Vorstellungen.21 Vor allem Erasmus von Amsterdam formulierte die politische – und damals nahezu revolutionäre – Idee, daß die öffentliche Ordnung zuvörderst dem einzelnen Menschen zu dienen habe. Der Mensch in allen seinen Facetten rückte in den Mittelpunkt. Nicht nur Generalisten wie Leonardo da Vinci interessierten sich nun für den Menschen per se, für seine Anatomie, seine Gesundheit, die Bekämpfung menschlicher Krankheit durch neue Medizin, seine körperliche und geistige Leistungskraft, sondern auch die Künstler.22

Der neue „Diskurs“ und das Entstehen einer „öffentlichen Meinung“ gewannen Einfluß auf die katholische Kirche, die durch Luther und die Reformation in Kritik und Bedrängnis geriet. Mit den christlichen Ideen Luthers und Calvins, die ein neues autonomes Selbstverständnis des Menschen vor Gott begründeten, wurden politische Ideen verknüpft. So verlangten die Bauern und Händler nach einem Ende der Feudalherrschaft und setzten dies in den Bauernkriegen handgreiflich um. Eroberungskriege in der „Neuen Welt“ und damit verbundener Kolonialbesitz führten nicht nur zu einer höheren Mobilität der Menschen – vor allem durch den Ausbau der Seeschiffahrt –, sondern auch zu materiellem Reichtum. Gold aus Südamerika kam Kirche und Kunst zugute. Damit verbunden war eine Rückbesinnung auf die Errungenschaften der Antike und eine künstlerische Wiederbelebung der sinnfrohen griechischen Mythen, etwa durch Sandro Botticellis „Geburt der Venus“. Architektonisches Leitbild war das römische Pantheon in Rom, dessen monumentale Außenfassade Vorbild für die Kirchenfassaden jener Zeit wurde, St. Peter im Vatikan eingeschlossen. Maler wie Michelangelo erinnern in ihren Kunstwerken wie der Skulptur des David oder den Ausmalungen der Sixtinischen Kapelle an die Körperlichkeit antiker Vorbilder. Diese Werke – unter großer Entbehrung geschaffen – stehen für ein neues Bild und eine neue Wahrnehmung vom Menschen.

Papst Johannes Paul II sagte bei der Wiedereröffnung der restaurierten Sixtinischen Kapelle, daß dies eine „heilige Stätte der Theologie und des menschlichen Körpers“23 sei. Die Übermalungen von de Volterra unter Papst Paul IV sind nun entfernt worden, da der allegorische Charakter von Nacktheit und Erotik in der christlichen Kunst anerkannt wird. Erotik als bildhafter Ausdruck steht für die politische Idee der Freiheit. In gelungener Darstellung wie bei Michelangelo ist seinen gesunden, starken und schönen Menschengestalten etwas göttlich Erlösendes eigen. Gilles Néret stellt nüchtern fest, daß Nacktheit und Erotik in der Renaissance gezielt eingesetzt wurden, um Gläubige zu gewinnen, die vom prüden Protestantismus verschreckt waren.

Die Wiedergeburt des Humanum als politische Idee hatte weitreichende Konsequenzen für die Kunst. Nicht nur Adel und Klerus, Schlösser und Kirchen standen nun im Wirkungshorizont der Künstler, sondern ebenso das Volk, die Menschen in der „Gosse“. Kein Künstler jener Zeit näherte sich dieser neuen Sichtweise so wie der italienische Künstler Caravaggio. Die Bilder von Caravaggio entstanden nicht in Ateliers fern der Wirklichkeit des Alltags. Vielmehr lebte Carravagio – ebenso wie Francis Bacon im 20. Jahrhundert – bewußt mit dem einfachen Volk, dem „Plebs“, mit jungen Strolchen und Tagedieben, um aus dieser Erfahrung heraus künstlerisch zu wirken. Caravaggio ist ein Vertreter mystischer Religiosität und christlicher Allegorisierungen antiker Mythologie. Etwa bei Caravaggios „Der Heilige Franziskus in Ekstase“ vermischen sich die Vorstellungen von weltlichen und religiösen Liebesallegorien. Aufgrund einer allgemeinen Rückbesinnung auf religiöse und christliche Themen in der Renaissance wird das damals aufkommende Bedürfnis nach menschlichen Liebesdarstellungen mit Motiven göttlicher Liebe verknüpft. In diesem Sinne sind beliebte Bildmotive der Heilige Antonius und der Heilige Sebastian oder Ganymed in Gestalt eines Engels.24 Antike Darstellungen von Bacchus, Adonis und Narziß wurden – auch in der späten Barockmalerei – engelartig und göttlich verklärt.25 In der Zeit der Renaissance wird der Verlust der Antike als schmerzhaft empfunden, weshalb der Versuch unternommen wird, soviel Antikes wie möglich aufzuspüren, zu retten und neu zum Leben zu erwecken.

In der christlichen Kunst der Renaissance ist besonders die Figur des Hl. Sebastian beliebt; Kopien von Sebastian-Bildern wurden bis ins 19. Jahrhundert angefertigt – so etwa zu sehen in der Bonner Kreuzbergkapelle. Mit den großen Pestepidemien wurde der Heilige als Schutzpatron gegen die Pest angesehen. Sebastian war für diese Rolle prädestiniert, da er nicht an den Pfeilen – uralten Todessymbolen, sondern erst bei seinem zweiten Martyrium verstarb, als er mit Keulen erschlagen und in die römische Kloake geworfen wurde. Hier sei auf die gleichzeitige Bedeutung des Pfeils als Liebes- und Todessymbol hingewiesen. Das aus Liebe zu Gott ertragene christliche Martyrium beschert dem Heiligen einen besonderen Tod genauso wie die Liebe der antiken Götter zu ihren Sterblichen: Antike mystische Ideen durchziehen die christliche Mythologie und Kunst. So zeigt der Sebastian-Kult Einflüsse des antiken Apollon-Kults26.

VII. Politische Restauration und katholische Prachtentfaltung

Humanismus und Renaissance brachten neue politische Ideen. Germain Buzin schreibt, daß alle Welt in jener wie in der heutigen Zeit von einer besseren Welt träumt, aber insbesondere damals von einer traumbesessenen Zeit gesprochen werden kann.27 Gerade im katholischen Europa wurde deshalb das augustinische Ideengut hochgehalten, um wie im Mittelalter eine Einheit von Thron, der ‚civitas terrena’, und Altar, der ‚civitas dei’, herzustellen. Das Zusammenspiel von weltlicher und kirchlicher Gewalt wird in der politischen Idee vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation durch Kaiserin Maria Theresia wirkungsmächtig umgesetzt. Jahrhundertelang dümpelte der Kaisertitel, der im Prinzip auf Karl den Großen zurückgeht, politisch weitgehend unbedeutend dahin. Im Zeitalter des Absolutismus erhielt er neue Kraft und Festigung.

Die Zeit des Absolutismus, in der sich Barock und Rokoko als Kunstform ausbildeten, war jedoch eine grundlegend zum Mittelalter verschiedene. Nunmehr bestand eine geistig-politische Wettbewerbssituation zu den neuen evangelischen Kirchen und protestantischen Landesfürsten sowie neuentdeckten Erdteilen. In der Schweiz etwa hatte sich die Rätedemokratie als Regierungsform durchgesetzt, in Großbritannien der Parlamentarismus. Vor allem in den „katholischen Landen“ wie West- und Süddeutschland, Österreich, Spanien und Italien wurden diese Entwicklungen als Bedrohung empfunden. Um so stärker sammelte die katholische Kirche nach dem Tridentinum ihre Kräfte.

Barock und Rokoko sind in gewisser Hinsicht geradezu eine Ausschmückung und Überhöhung der Renaissance. Zugleich sind sie Spiegelbild der Prachtentfaltung geistlicher und weltlicher Macht, um künstlerisch dem augustinischen Gottesstaat Ausdruck zu verleihen, zur höchsten Vollendung gebracht von Malern wie Peter Paul Rubens bis zu Giovanni Battista Tiepolo. Um es noch deutlicher zu sagen: Die Weitschweifigkeit und Opulenz der Barockzeit mit ihrer Verspieltheit und Manieriertheit, ihren Engeln und Putten, ihren wirkungsmächtigen Vergoldungen, edlem Stuckmarmor und echtem Marmor, ihrer Farben- und Sinnenfreude sowie ihr Bedürfnis, immer neue „Abbilder“ von Gottes Herrlichkeit schaffen zu wollen – sie sind doch typisch für niedergehende Zivilisationen. Die hellenistische und römische Epoche, das Spätmittelalter, der Manierismus als Endform der Renaissance, der Barock, sie machen uns zum Zeugen des verzweifelten Versuches, eine dem Untergang im Sinne grundlegender Veränderung geweihte Welt zu erhalten. Andererseits – und diese Botschaft ist bis heute präsent – drückt die barocke Sakralkunst etwa eines Balthasar Neumann eine jubelnde Heiterkeit, eine freudige Gelassenheit und eine sinnenreiche Lebendigkeit christlichen Glaubens aus.28

Und nochmals: Gesellschaften, die im Niedergang ihr Versagen mit Trugbildern verdecken, waren des öfteren zu künstlerischen Höchstleistungen fähig. Es ist zu vergegenwärtigen, daß kirchliche Baumeister damals vom bissigen Spott der Philosophen überzogen wurden und die weltliche Gesellschaft gegenüber Kirchen und Kirchenbauten alle gesellschaftlichen Vorrechte für sich beanspruchte, Kirchen mitnichten noch Mittelpunkt der Gesellschaft waren.

Eben dies hat bei katholischen Künstlern zu um so größeren Ansporn geführt, so bei den Brüdern Asam und ihren Kirchen in Rohr, Weltenburg und München oder bei Balthasar Neumann in Vierzehnheiligen oder der Heiligen Stiege in Bonn. Diese Kirchenbauten dürfen als Aussöhnung zwischen Kirche und Staat, als Versuch der Begegnung mit Gottes Herrlichkeit und zugleich der bürgerlichen Gesellschaft begriffen werden, als steinerne, unumgängliche Bollwerke des Glaubens angesichts der – aus christlicher Perspektive –Auflösungsprozesse in Philosophie, Politik und Gesellschaft. Diese Entwicklung blieb kein europäisches Phänomen: Im indischen Goa oder im brasilianischen Oro Pleto können wir noch heute Barockkirchen als Zeugnisse christlichen Glaubens bewundern.

VIII. Romantik und Historismus in Aufklärung und Demokratie

Gerade nach den dramatischen Umbrüchen der Französischen Revolution (1789) und der Säkularisierung von Kirchen und Klöstern (1803) rangen viele Menschen damit, ihr Leben in einen neuen Ära der Aufklärung ausschließlich nach Kriterien der Vernunft und des Verstandes29 auszurichten. Der mit der Französischen Revolution eingeleitete Niedergang des monarchischen Gedankens bedeutete ein Stück Desillusionierung – gerade nach der Prachtentfaltung des Absolutismus. Die bereits in Barock und Rokoko vorhandenen Ambivalenzen verstärken sich. Gerade diese Ambivalenzen erschließen den Zugang zur Romantik, und zwar nicht als Flucht in die Verspieltheit des Rokoko, aber doch als Inspiration eines bunten Reichs der Phantasie, einer Verherrlichung des Natürlichen und der Natur, um aus der Enge des Alltags und der eigenen Verhältnisse mit seinen neuen politischen Widrigkeiten in eine andere Wirklichkeit zu entschwinden: Phantasie und Phantastik, Hoffnung auf Entrückung ins Unendliche und Angst vor Verstrickung im Endlichen fallen hier zusammen. Gerade angesichts des Chaos der Revolution und der Entfesselung von Gewalt gewinnt die Harmonie der Natur vor der Abgründigkeit der Natur an Gewicht.30 Die Betonung von Gefühlen wird in die Kunst übersetzt, vor allem durch den Einsatz warmer Farbsequenzen. Spitzweg, Turner und andere suchten etwa in der Darstellung von Morgen- und Abendröte ein Stück Ganzheit und Heil zu vermitteln, die in der Natur enthalten ist – ein Gedanke, den der Impressionismus aufgreift.

Für die deutschen Landesfürsten bedeutete das 19. Jahrhundert schmerzvolle Einschnitte. Kein Landesfürst mag das einschneidender empfunden haben als der bayerische König Ludwig II. Der historistische und neobarocke Baustil von Ludwig II in Schloß Linderhof, in Schloß Neuschwanstein oder in Schloß Herrenchiemsee – eine Kopie des von Ludwig XIV erbauten Versailles – darf nicht als das weltfremde Handeln eines Monarchen gesehen werden, als Flucht in „Traumschlösser und Traumwelten“, inspiriert von der Opernwelt Richard Wagners. Vielmehr ist die Bauwut Ludwig II als ein Stück Machtlosigkeit wahrzunehmen in einer sich politisch, gesellschaftlich und technisch rasch wandelnden Zeit, verknüpft mit der Botschaft, auch als Erwachsener Träume und Phantasien nicht aufzugeben zu wollen. Vor allem aber ist es ein Protest gegen eine Rationalität, die alles und jedes – auch die Religion – in vernunftmäßige Happen zerschneidet.

Säkularisierung, Wertewandel und technischer Fortschritt führten zu einer „Entzauberung der Welt“ – wie es Max Weber formulierte. Aufklärung und die neuen technischen Möglichkeiten schufen ein neues, mündiges Gottesvolk, welches sich seine eigene Meinung auch in religiösen Fragen bildet. Andererseits entwickelte gerade das 19. Jahrhundert in der christlichen Kunst und Architektur eine Rückbesinnung auf Stilperioden vergangener Zeiten. Als ein gutes Beispiel ist hier das Oeuvre von Max Klinger zu nennen, das um den künstlerischen Bogenschlag zwischen Antike, Christentum und Moderne bemüht ist. Augenfällig wird dies bei seinen drei großen Meisterwerken, „Pieta“ (1890), „Kreuzigung“ (1888-1891) und „Christus im Olymp“ (1897): Klassische Themen der Malerei werden phantastisch verklärt. Das Aufleben von verschiedenen Stilrichtungen ließ große Kritik am 19. Jahrhundert aufkommen. Inzwischen sind Neoromantik und Neogotik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Baustil anerkannt.31

Das Nebeneinander verschiedenster Stilrichtungen von Romantik, Klassizismus, Historismus, Neoromantik, Neogotik und Neobarock bleibt ein Charakteristikum des 19. Jahrhunderts. Sie sind Indikatoren für die politischen Unsicherheiten und Orientierungsschwierigkeiten der Menschen jener Zeit. Andererseits erlebten Großbritannien durch das Empire und Deutschland durch die Reichseinigung sowie beide durch ihre Kolonien große wirtschaftliche Erfolge. Die Bautätigkeit in der viktorianischen und wilhelminischen Ära war sehr intensiv, vor allem zwischen 1860 und 1913, so daß mitunter von einer eigenständigen Bau- und Kunstepoche gesprochen wird. Besonders die historistischen Bauten jener Zeit32 gingen einher mit der politischen Idee des Nationalismus. Der I. Weltkrieg erwuchs aus nationalistischen Höhenflügen – und aus wirtschaftlichem Übermut. Damit waren die Krisen und Brechungen des 20. Jahrhunderts eingeleitet, Ausdruck unterschiedlichster politischer Ideen und Ideologien, reflektiert in mannigfaltigem, künstlerischen Schaffen.

IX. Ideologien: Brüche in Politik und Kunst des 20. Jahrhunderts

Der Niedergang der traditionellen Gesellschaft und die rasche industrielle Entwicklung riefen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Verunsicherung und Existenzängste wach, führten gleichermaßen zu Aufbruch und Agonie. Während das Alte zur Fassade erstarrte und nur noch zum äußeren Schein fortdauerte, präsentierte sich vieles Neue als geist- und seelenlos: Sinnverlust und mangelnde Sinnorientierung gingen einher mit einer zunehmend fremdwerdenden Welt, in der sich der Einzelne nicht heimisch fühlt und sich um seine Identität sorgt. Nunmehr steht nicht nur die sozial-materielle Misere vieler Menschen, sondern die existentiell-seelische Not der Menschen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und politischer Ideen.33 Der christliche Glauben im 20. Jahrhundert ist konfrontiert mit Wirtschaftskrisen, mit zwei Weltkriegen, mit dem Prozeß der Globalisierung. Im Grunde genommen ist die Krise der „Menschheit“ eine Krise des Menschenbildes: Was ist der Mensch? Was ist der Mensch im Angesicht Gottes?

Die Kunst des 20. Jahrhunderts ist Spiegelbild dieser Krisen. Kunst dient nun nicht mehr „dem Schönen, Wahren, Guten“, nicht der Illusion und dem Abstandgewinnen von der Monotonie des Alltages. Sondern Kunst oder die „Moderne“, wie sie nun genannt wird, ist Verkörperung eines neuen Realismus, der ein Gefühl des Nicht-Zuhause-Seins ausdrückt, des Verlustes einer seelischen Heimat und der Zerstörung von Natur und Umwelt. Diese Tendenz ist übergreifend und begründet zugleich die Vielfalt und Schnelligkeit, mit der sie sich abwechseln: Impressionismus und Expressionismus, Dadaismus und Kubismus, abstrakte Kunst und Pop-Art. Kunst schickt sich nun an, das Künstliche zu enttarnen, durch Ausblendung des nur Zufälligen das Notwendige wieder sichtbar zu machen und den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Der Schein und alle scheinbaren Sicherheiten werden desillusioniert.

Auch christliche Kunst bleibt davon nicht verschont, ist sie doch Teil eines gesellschaftlichen und politischen Umbruchprozesses. Das 1917/18 von George Grosz erstellte Bild „Leichenbegräbnis“ ist eine anschauliche Metapher einer Kirche in der Krise.34 Andererseits drückt Ernst Barlachs (1870-1938) holzgeschnitzte Skulptur „Die lesenden Mönche“ (1932) aus, daß Glaube und Frömmigkeit in Zeiten des Umbruches Bestand haben. Helmut Thielicke reflektiert die Voraussetzung, unter denen von einer „christlichen Kunst“ im 20. Jahrhundert gesprochen werden kann: „(Es) geht in der Kunst ... nicht nur ... um ein Bekenntnis von „etwas“, sondern um ein „Selbstbekenntnis“, gewissermaßen sogar um eine Selbstpreisgabe. Denn wer seine Ergriffenheit offenbart, gibt sich selbstverständlich in seinem Geheimnis preis.“35 Um so wichtiger ist – trotz aller Krisen –, daß Kunst mit religiösen Motiven nicht nur kritisch, negativ oder gar verzerrt und provokativ wahrgenommen wird, wie dies im Surrealismus von Francis Bacon sicherlich der Fall ist.36 Um so mehr ist Marc Chagall hervorzuheben. Chagall, aufgewachsen in einem strenggläubigen ostjüdischen Elternhaus, brachte in seinen Themen des Über-den-Dingen-Schwebens die Dialektik von Gebundenheit und Freiheit, Glauben und Erlösung zum Ausdruck.37 Ein anderes Beispiel ist die lange Reihe der Bibel- und Legendendarstellungen Emil Noldes (1867-1956), dessen wichtigsten Laute die Farben sind als Ausdruck von etwas Überwirklichem, so etwa bei „Das Abendmahl“ und „Pfingsten“. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß es auch nach Max Ernst (1891-1976) zeitgenössische Künstler mit christlichem Bezug gibt wie etwa Georg Meistermann, Johannes Streiter, Herbert Falken, Emil Warter oder Egbert Verbeek.38 Während unter dem Einfluß der abstrakten Kunst eine gewisse Bilderlosigkeit vorherrschend wurde, ist in neuerer Zeit eine neue Figürlichkeit in Malerei und Glaskunst zu beobachten.

In diesem Zusammenhang soll nicht die Auseinandersetzung um politische Ideen wie den „Antisemitismus“ außer acht gelassen werden. Die Juden als gottesmörderisches Volk – so wurde es in der Karwoche seit dem Frühmittelalter in die Herzen der Christen gehämmert.39 Um so mehr ist der heutige christlich-jüdische Dialog und der damit verbundene Versuch einer Versöhnung herauszustellen, aber auch die künstlerische Rezeption von NS-Gewalttaten und NS-Konzentrationslagern durch die Villa-Romana-Preisträgerin Käthe Kollwitz. Dabei ist zu sehen, daß es bei Menschenverfolgungen nicht um ein spezifisch deutsches Phänomen im 20. Jahrhundert handelt. Beispielhaft sei hier das russisch-orthodoxe Kloster der Verklärung, der „Weg zum Himmel“ im Weißen Meer südlich von Murmansk anzuführen. Lenin machte aus diesem Kloster den ersten Gulag und Stalin baute es systematisch zum Konzentrationslager aus. In den Zellen der Mönche wurden zwischen 1930-1937 Zehntausende Strafgefangene inhaftiert, die durch Massenerschießungen und Zwangsarbeit den Tod fanden.40 Damit die Kunst des Klosters gerettet werden konnte, wurde ein „Museum des Atheismus“ eingerichtet. Das Kloster der Verklärung wird zu einem Symbol der Krisenhaftigkeit, Sinnsuche und gebrochenen Religiosität des 20. Jahrhunderts.

X. Kunst im Brennpunkt politischer und religiöser Ideen

Der vorliegende Beitrag belegt die Kontextualisierung von Kunst, daher die Beeinflussung der Kunst durch die jeweilige geschichtliche Epoche mit ihren politischen Ideen und religiös-kirchlichen Implikationen. In der Zeit des Mittelalters können wir auf dem Boden der Scholastik vor allem ein hohes Maß an Objektivismus und Kollektivismus konstatieren; die Porträtmalerei jener Jahre unterlag gewissen Schemata, individuelle Gesichtszüge waren selten. In der Epoche der Renaissance hingegen läßt sich ein hohes Maß an Subjektivität und Individualismus in der darstellenden Kunst feststellen, meisterhaft entfaltet von der italienischen Renaissance. Im europäischen Historismus des 19. Jahrhunderts wird nochmals der Versuch einer Objektivierung gemacht, doch hat dieses Unterfangen nichts mehr Originäres und bleibt aufgrund der Kürze seiner Dauer ohne prägenden Charakter.

Zu Ende des 20. Jahrhunderts müssen wir von einer Krise der christlichen Religion und der Kunst sowie ihrer Kulturdenkmäler und Kirchen sprechen. Kirchen waren – vor allem im Mittelalter – alltägliche Begegnungsstätte und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Dies hat sich dramatisch geändert. Kirchen und christliche Kunst sind in der modernen Computer- und High-Tech-Kultur geradezu etwas Exotisches, weil sich vielfach die klassischen Gemeindestrukturen nicht aufrechterhalten lassen. Die zunehmend säkularisierte, individualisierte, ständig mobile und ökonomisch orientierte Lebensweise, die damit verbundenen neue Wertegewichtung und Wissensdefizite um christliche Kulturtraditionen gefährden den überlieferten Denkmälerbestand der Kirchen. Inzwischen gibt es eine große „Erblast“ an Kirchen und Kunst, die mit dem geringen Bedürfnis nach Christlichem in der europäischen Gesellschaft nicht korrespondiert. Trotzdem ist es beschämend, wenn etwa die Londoner St. Stephanus-Kirche zum Apartment-Haus umgebaut wurde, wo betende Engel in die modernen, halogengefluteten Badezimmer integriert werden. Ähnliches gilt für die Berliner Lutherkirche.41 Viele Kirchen dienen heute als Altenheime, Restaurant, Diskothek, Cafe, Kunstakademie, Theater oder Museum.42 Hinzu kommt der Boom von Kirchen der sechziger und siebziger Jahren aus Beton und Ziegelstein in Deutschland. Die Denkmalpflege statt der Förderung christlicher Kunst wird zur großen Herausforderung für Kirche und Gesellschaft.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sind politische und gesellschaftliche Ideen vor allem durch Säkularisierung und Wertewandel bestimmt: Es wird etwa in der Filmsparte kaum noch vom „religiösen Film“ gesprochen, sondern von „Religion im Film“.43 Heute ist die Sakralkunst im Vergleich zu früheren Jahrhunderten nur noch rudimentär vorhanden. Es geht nun darum, das Religiöse in der Gegenwartskunst zu finden. In diesem Zusammenhang sind zwei Projekte der katholischen Kirche in Deutschland zu nennen. So vergibt die Deutsche Bischofskonferenz alle drei Jahre den mit DM 50.000 dotierten Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken in wechselnden Sparten an international bedeutende Künstler. Hierbei geht es um die Würdigung des Vermittelns von Kunst mit spirituell-religiösen Inhalten in einer säkularisierten Gesellschaft. Ein weiteres Projekt der Deutschen Bischofskonferenz sind die alle zwei Jahre stattfindenden Werkstattgespräche, alternierend für die unterschiedlichen Kunstsparten (Literatur, Architektur, bildende Kunst, Musik).

Über die Zeiten hinweg ist die Kunst ein Medium geblieben, das dem Glauben Gestalt geben kann. In Europa dokumentieren Kirchen und Kunst das geschichtliche Fundament und die Wurzeln der europäischen Gesellschaft. Heute geraten Kirchenbauten und christliche Kunst vielfach in Not; um ihren Erhalt wird gerungen.44 Bestand hat, daß Kunst nach wie vor im Brenn- und Schnittpunkt politischer Ideen und christlichen Glaubens steht.

Anmerkungen

1) Max Weber: Zwischenbetrachtung: Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung, in: ders.: Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1988 (9), S. 536-573.

2) Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Tübingen 1990.

3) Vgl. Paul-Werner Scheele: Begnadete Kunst. Sprache und Kunst im Licht des Glaubens. Würzburg. 1986.

4) Schreiben von Papst Johannes Paul II an die Künstler, in: Würzburger Diözesanblatt, Nr. 11, 1.7. 1999, 145, S. 237-250.

5) Vgl. Günter Koch: Was sich Künste und Kirche zu sagen haben. Die Künste als locus theologicus – die Kirche als locus inspirationis artium, in: Karl Hillenbrand, Heribert Niederschlag (Hg): Glaube und Gemeinschaft. Würzburg 2000, S. 550-565.

6) Der amerikanische Calvinismus unterstreicht die politische Idee „Hilf’ dir selbst, dann hilft dir Gott.“

7) Vgl. Werner Gephart: Bilder der Moderne. Studien zu einer Soziologie der Kunst- und Kulturinhalte. Opladen 1998.

8) Friedhelm Hofmann: Kunst und Kirche. Spannungsfeld in der theologischen Aus- und Fortbildung, in: Lebendiges Zeugnis, 50. Jg., H. 4. November 1995, S. 288.

9) Uwe Wittstock: Leselust. Wie unterhaltsam ist die neue deutsche Literatur? München 1995, S. 8.

10) Rainer Buddhe, Roland Krischel: Das Wallraf-Richartz-Museum. Köln 2001.

11) H. Luckenbach: Kunst und Geschichte. München, Berlin 1913, S. 7.

12) So sind z.B. die dorischen, korinthischen, ionischen Halbsäulen des römischen Kolosseums allesamt griechischen Ursprungs.

13) Vgl. Filippo Coarelli: Pompeji. Archäologischer Führer. Augsburg 1997.

14) Zum Beispiel des Augustus, Hadrian oder Constantin.

15) Zum Beispiel des Ganymed.

16) Auch Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), der Begründer der deutschen Kunstgeschichte, wies in seiner „Geschichte des Altertums“ (1764) darauf nachhaltig hin.

17) Hier finden sich christliche Mosaike um 458, so etwa die Darstellung eines Diakons, bekleidet mit der Dalmatik; innerhalb der dreigliedrigen Amtshierarchie nahm der Diakon zunächst die Stellung zwischen Bischof und Presbyter ein.

18) Der karolingische Rundbau in der Fuldaer Michaelskapelle weist darauf hin, daß Messen im Kreise und nicht frontal vor dem Altar gefeiert wurden; dies unterstreicht den Ebenbürtigkeitscharakter zwischen Klerikern und Laien als „Kinder Gottes“.

19) Vgl. Max Schmid-Burgk: Grundriß der Kunstgeschichte. Leipzig, 1923, S. 227 ff.

20) Das Mittelalter ist eine Zeit der Mystik; vgl. Meister Eckharts Schriften v. 1295/1327.

21) Vgl. Richard Saege: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt 1991, S. 15.

22) Das Interesse am Menschen war verknüpft mit naturwissenschaftlicher Neugierde.

23) Vgl. Gilles Néret: Renaissance. Köln 1998.

24) Vgl. Andreas Sternweiler: Die Kunst der Götter. Von Donatello bis Caravaggio. Berlin 1993, S. 240.

25) Z. B. bei Putten.

26) Vgl. Piero Pollainolo: Das Martyrium des Hl. Sebastian, National Gallery London.

27) Germain Buzin: Paläste des Glaubens. Die Geschichte der Klöster vom 15. bis zum Ende 18. Jahrhundert. Augsburg 1997, Bd. II, S. 7.

28) Vgl. Wilfried Hansmann: Balthasar Neumann. Köln 1999. Hansmann sieht die prächtigen Brokat-Paramente jener Zeit als Wesensbestandteil seiner Barockkirchen an.

29) Ganz in dem Sinne von Theodor Fontane: „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz, wer mit 40 noch Revolutionär ist, hat keinen Verstand.“

30) Vgl. Winfried Freund: Deutsche Literatur. Köln 2000, S. 98.

31) Z. B. die Herz-Jesu-Kirche von 1898 in der Fehrbelliner Straße.

32) Z. B. Schloß Drachenburg bei Königswinter oder die Residenz in München.

33) Karl Dietrich Bracher: Zeit der Ideologien. Stuttgart 1982, S. 11.

34) Zu sehen in der Staatsgalerie Stuttgart.

35) Zitiert aus: Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum. Illustrierte Kunstgeschichte. Erlangen: 1989, S. 678.

36) Vgl.: Michael Peppiat: Francis Bacon. Anatomie eines Rätsels. DuMont Buchverlag Köln: 2000; hier sei auf „Drei Studien zu Figuren einer Kreuzigung“ (1944) oder „Zweite Fassung des Triptychons 1944“ (1988) verwiesen.

37) Ein Beispiel ist „Die Dorfmadonna“ (1938-1942) aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid; in der Darstellung eines christlichen Themas (leuchtende Kerze, die Ochsen, die winterliche Dorflandschaft, Engel, Maria mit dem Gotteskind) werden Kälte und Wärme, Not und Erlösung, dialektisch miteinander verbunden.

38) Z. B. das Bild „Liebe über Mauern“, Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg): Egbert Verbeek. Kristallwege. Bonn 1999, S. 19.

39) Vgl. Brigitte Stemberger: Das Bild vom bösen Juden, in: Stemberger, a. a. O., S. 816.

40) Alexander Solschenizyn hat literarisch diese Problematik in seinem „Archipel Gulag“ aufgearbeitet.

41) Weil etwa die Zahl der Soldaten und damit der Katholiken in der Bundeswehr drastisch gesunken ist, nahm das Katholische Militärbischofsamt während der letzten 5 Jahre rund ein Viertel weniger Geld ein.

42) Z. B. die Berliner Nikolaikirche oder die Berliner Friedrichswerdsche Kirche, die dem klassistischen Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) als Museum gewidmet ist.

43) Vgl. Andreas M. Rauch: Bernd Eichinger und seine Filme. Frankfurt am Main, 2000.

44) Vgl. Gerhard Matzig: Kirche in Not; Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Bd. 56, Bonn 1997.

Dr. Andreas M. Rauch ist Projektleiter bei der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen in Bonn/Berlin.

zurück Inhalt vor